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Full text of "Gelehrte Anzeigen"

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IIBRARY 


Gelehrte Anzeigen 


von Mitgliedern der k. bayer. Akademie 
| der Wiffenfchaften. 


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Mün den, 
gedrudt in der königl. Eentral:Schulbuhdruderei. 


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Gelehrte Anzeigen 


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Sanuar bis Zuni, 


183854 





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.. München, 


im Berlage der königlihen Akademie der Wiffenfchaften, 
in Gommiffion der Franz’ihen Buchhandlung: 


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Gelehrte 
München. 
Nro. 1. 





herausgegeben von Mitgliedern 
der & bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen 


1854 





Political and military Events in Bri- 
tish India, from the years 1756 to 1849. 
By Major William Hough. 8 Bände. Lon- 
don 1853. 


Bon den 92 Jahren englifchzindifcher Gefchichte, 
die Herr Major Hough erzählt, hat er felbft 40 
gefehen, 40 an Drt und Stelle mitdurdlebt, man 
kann wohl fagen, mitgefochten. Iſt es doch ein 
ſelten ruhendes Kampfwefen, feitdem die Europäer 
das Borgebirg umfcifft und in Hindoſtan feften 
Boden gewonnen haben. 
“ aud in Zukunft nicht. aufhören, fo lange noch ein 
felbftändiger oder auch nur feheinbar felbfländiger 
Staat, fo lange noch Lehensfürſtenthümer, und eine 
einflußreiche Ariftofratie unter der einheimifchen Be: 
völferung Afiens ſich behaupten. Es liegt died in 
der Natur der Dinge, vor welchen jedes Widerſtre⸗ 
ben ſchwindet. Hr. Hough war thätig im erften 
birmanifhen Kriege und in Afghaniftan; er zog in 
den Kampf gegen die Sikh- und gegen die Xheils 
fürften im untern Stromgebiete ded Indus. Meh— 
rere bdiefer denkwürdigen folgenreichen Ereigniffe hat 
er bereits früher in felbfländigen Werfen -befchrie- 
ben; in ben vorliegenden .Staatd: unb Kriegs: 
Begebenheiten von Britifh »- Indien erzählt 
er, kurz zufammengedrängt, bie Ergebniffe feiner Er: 
fabrungen und Stubien auf diefem weitauslaufenden 
Gebiete der neuern Hiſtorie. Es ift eine gut ge: 
orbnnete Sammlung . von Thatfachen zur Erinnerung 
für den. Wiffenden, zur Belehrung für den Unkun: 
digen. Nur hie und da hat der Verfaſſer aus fei- 


Und die Kriege werden 


nem erfahrungsreichen Leben Xhatfachen eingeflochten, 
die man vergeblich in anderen Büchern fuchen würde. 
So erzählt und bloß der Hr. Major (Political and 
military Events II, 114), weßhalb die Birmanen 
fih im Frieden zu Jandabu (3 Ian. 1826) fo 
leichter Bedingungen erfreuen konnten. Sie wurden 
durch einen Zufall gewährt, im Gegenfage zu den 
Abfihten des Oberflatthalterd Lord Amherſt. Als 
der Lord von der Einnahme der ſtarken Feſte Bhart⸗ 
pur (18 Ian. 1826) hörte, ſchrieb er dem Frie- 
dendunterhänbler mit den Birmanen, Hrn. Robertfon, 
man möge auf vier Millionen Pfund Kriegöfteuern, 
dann auf die Abtretung alles Landes bis nörblich 
von Prome beftehen. Zu ſpät. Der Friebe war 
einige Tage vorher unterzeichnet. Wir wollen nun 
einige Stüde der anglosindifchen Jahrbücher heraus: 
heben, welche lehren, wie Großbritannien zu einer 
aftatifchen Herrfchaft gelangte, an Ausdehnung und 
Bevölkerung nicht weit hinter dem römifchen Reihe 
zurüdftehend in feiner höchſten Blüthe. 


. Die Eroberung Indiens durch Schah Nadir 
bildet den Wendepunkt in der neuern Geſchichte des 
Landes. Die Schwäche der Großmongolen kommt 
zu Tage. Alle Ehrgeizigen der Heimath und der 
Fremde erfahren zu ihrer Freude, wie leicht es iſt, 
auf Unkoſten der Delhi Herrſcher dies und jenes 
Furſtenthum, dieſe und jene Grafſchaft an ſich zu 
reißen. Den größten Vortheil dieſer Erfahrung zie⸗ 
ben die Engländer. Die Gründung bed anglo ins 
difchen Reiches hängt, was der Verfafler im Beginne 
feines Werkes hätte bömerken follen, mit dem Er: 
oberungd: . und Raubzuge Schah Nadirs innig zu: 
fammen. Es konnte nämlich nicht fehlen, daß wäh: 

XXXVIII. 1 


11 


rend der zahlreichen Wirren, die allenthalben in Hin: 
doftan und Dekkan centflanden, einftend mächtige aus 
ihrem Beſitzthum vertriebene Häuptlinge’ in den be⸗ 
fefligten europäiſchen Niederlaffungen. cine Zufludt 
fuchten und fanden. Gewöhnlich befehdeten dann die 
Gegner forher Flüchtlinge ihre Schußherrn, und ver: 
widelten fich. auf diefem Wege in Kämpfe mit Eu: 
ropäern, denen fie in feiner Beziehung gewachfen 
waren. Dies geſchab auch wiederholt zu Bengalen, 
wo die Statthalter in unaufhoͤclichem Zwiſt mit den 
Gaugrafen, Bezirksvorſtehern und Grunbbefigern la: 
gen. Seradſchah ed Daulah, der vierte Nachfolger 
des Dſchafar Chan, zog (1756) gegen die Englän: 
der, die einem feiner aus Dakka entflohenen Beam: 
ten Schuß gewährten, nahm Koflimbafar und fland 
nach einigen Tagen vor Kalkutta. Der Gtatthalter; 
unfriegerifchen Geiſtes, ein Quäfer Drake, zieht fich 
mit allen, denen ed möglih war, auf die Schiffe 
zurüd und fegelt hinab nach. Sowindpur. Kalkutta 
bleibt (20 Juni) der Wilfür des übermüthigen 
jungen Siegers preisgegeben, welcher, bloß auf Raub 
und Erpreffungen finnend, alle andern Anordnungen 
feinen Beamten und Knechten anheimftelt- Dan 
hatte 146 Engländer gefangen genommen und mar 
‚in Berlegenheit, fie in Sicherheit zu bringen. 8 
müfle ja im Fort ein Gefängniß fein, fagte ein 
Hauptmann Seradfhah’s, dorthin -follen fie gebracht 
werden. Nun gefchah dies zur heißeften Jahreszeit 
ber heißen Bone, und das Gefängniß, gemeinhik 
„Schwarzes Loch“ genannt, von 20 Quadratfuß 
im Umfange, war bloß für einzelne meuterifhe Sol: 
baten beflimmt. Nur die Drohung, Widerftrebende 
würden alsbald niebergehauen, vermochte die Eng: 
Iänder, in den engen Raum zu treten. Kaum ifl 
ber legte der Gefangenen mit Mühe hineingebracht, 
fo wird die Thüre verfchloffen, und die dicht an: 
einander gedrängten Gefährten find ihrem furchtbaren 
Schickſale überlaffen. Die erfte Folge des Bufam- 
menfperrend war ein flarfer Schweiß, auf melden 
unerträglicher Durft und ſolche Bruſtſchmerzen folg: 
ten, daß man nur mit Mühe athmen konnte. Waf: 
fer, Waffer, ſchrien die Unglüdlichen in Todes⸗ 
ängften. In Schläuchen zu den beiden Kleinen Luft: 
löchern wurbe es hineingereicht, aber nur zu ihrem 
Berderben. Sie drängten und fehlugen fi fürmlid 
um einen Trunk; mehrere fielen nieder, erftidten 


’ 
= . 12 
. 


oder wurden todt getreten. Die muſelmaͤniſchen Po⸗ 
ſten hatten ihre Freude an dem Jammerlärm; das 
Geraufe der Verzweifelnden ſchien ihnen ein unter: 
baltendes Schaufpiel. Noch vor Mitternacht waren 
alle nur erfinnlihen Mittel erſchöpft; die Hige wird 
immer unerträglicher. Die fo häufig aus- und ein: 
geathmete mit der Ausbünftung ber Lebenden , mit 
dem Geſtanke der ſchnell faulenden Todten gefchwän: 
gette Euftmafle wird immer fhlechter; dumpfe Ver: 
zweiflung ergreift ben einen und wilder Wahnfinn 
den andern. Schimpf und Epott jeglicher Art wird 
gegen die draußen flehenden Wachen gefchleudert, in 


der Hoffnung, fie möchten hineinfchießen und dem . 


zögernden Jammerleben ein Ende machen. Ein Theil 
verflucht fih und die Eltern, welche fie geboren und 
bie Gottheit, die fie verfaffen; ein anderer fucht die 
fleinerne Allmacht durch wilde wahnfinnige Gebete 
zu erweichen. Diefed gräßlihe Schaufpiel dauert fo 
lange, bis fie binfallen und das zähe Leben zum 


. Vegtenmale zudte. Der Zufammenfinkende wird nicht 


aufgehoben. Im Gegentheil. Der flehende Nachbar 
ftößt den Schwanfenden vollkommen nieder, bamit 
er felbft über dem zertretenen Leichnam das Fenſter 
erreiche. Jedes Mitleid, jede menfchlihe Regung iſt 
verfhwunden. Große Förperliche Schmerzen brüden 
ben Menfhen zum Xhiere hinab und dulden Kein 
andered Gefühl als den Trieb der Selbfterhaltung. 
Um zwei Uhr waren noch fünfzig am Leben. Beim 
Anbruch ded lang erfehnten Zaged wird der Bor: 


ſtand Holmell, welchen die Vorſicht eined Mitgefan-' 


genen an ein Luftloch brachte und fo beim Leben 
erhält, zum Nawab gerufen und bald hernach ber 
Zwinger geöffnet. Won den 146 find nur 23 Le- 
bendige, mehr Gefpenftern als menfchlichen Wefen 
ähnlih, aus dem „Schwarzen Loche“ gekommen. 
Man brauchte eine halbe Stunde, bid die nach in- 
nen gehende Thür, wovor übereinander gethürmte 
Todte lagen, geöffnet werden konnte. Die Leichen 
verbreiteten folch einen tödtlihen Geſtank, daß fie 
von ben barbarifchen Zruppen, welche das Entſetz⸗ 
lihe in flumpffinniger Gleichgültigkeit anfahen, als: 
bald weggefchafft und in eine tiefe Grube außerhalb 
ded Kaftelld begraben werben mußten. 


Mufelmanifche Schriftfteller behaupten, ber Na- 
wab häfte von dem ganzen Borfalle nichts gewußt; 


\) 


18 


Hja ſelbſt der Hauptmann ſei in gewiſſer Beziehung 
ſchuldlos; er habe den Befehl, die Gefangenen dort 
zu verwahren, mehr aus Unwiſſenheit und Dumm⸗ 
heit, als aus Barbarei gegeben. Mag dem ſo ſein 
oder anders, Seradſchah ed Daulah zeigt ſchon da⸗ 
durch allein ſeinen wilden unmenſchlichen Sinn, daß 
er kein Wort des Mitleids für Holwell hatte, ber 
ſich kaum auf den Beinen halten konnte. Der Na: 
wab forfcht bloß’ nach vergrabenen Schägen der Eng: 
länder und droht, weil er nichts erfuhr oder erfah: 
ven Ponnte, mit wiederholter Peinigung. Der Bor: 
ftand und zwei Unglüdägefährten wurden in Kefleln 
gefchlagen; den andern Englänbern blieb es freige: 
ſtellt, an Ort und Stelle zu bleiben ober abzureifen. 
Hievon haben fie, fobald es bie Umflände erlaubten, 


Gebrauch gemacht, und find hinabgegangen zu den 


Schiffen. Jetzt fegelt die Blotte weiter fromabwärts 
nah dem fihern Hafenort Faltah auf der Oftfeite 
des Hughli, um, wenn Zuzug aus Mabrad einge: 
troffen, angriffsmweife gegen den Nawab und feine 
in Kaltutta zurüdgelaflene Befagung aufzutreten. 


Robert Elive, der Sohn eined Rechtsanwalts 
im Shropfhire, zeigt ſchon in früher Jugend bie 
natürlichen Anlagen künftiger Größe: leidenfchaftlich 
feuriges Weſen, große Wilendfraft und einen an 
Tollkühnheit gränzenden Muth. Eltern und Ber: 
wandte, Lehrer und Freunde müſſen endlid den un: 
beugfamen Jüngling ald unverbefferlihen Taugenichts 
aufgeben; fie freuen fi der Gelegenheit diefe Plage 
108 zu werden. Clive und Drme, der Held und 
fein Gefchichtfchreiber, erhalten an demfelben Zage 
(15 Dez 1742) Schreiberfiellen in Oſtindien; ber 
eine zu Madrad, der andere in Bengalen. Die 
Geſchäfte indifcher Beamten jener Zeit konnten einen 
achtzehnjährigen wilden Jüngling leicht zur Verzweif⸗ 
lung bririgen. Sie mußten einheimifchen Webern 
Vorſchüſſe machen und. Sorge tragen, daß fie Die 
beftellten unterpfänblihen Waaren richtig erhielten. 
Anfänger befamen überbieß fo ſchlechten Gehalt, daß 
fie kaum leben konnten. Xeltere Diener bereicherten 
ſich durch Handeldgefchäfte auf eigene Rechnung. 
Sie lebten dann nah allen Richtungen gleichwie 
_ öflliche Fürſten. Stand doch die Moralität jener 
Krämer:Ariftofratie auf ber nieberften Stufe. 


\ 


14 


Das Leben mit folchen Leuten, ba8 Leben un: 
ter folchen Verhältniſſen erfchien Clive ber Art uns 
erträglich, daß er zweimal es verfuchte fich zu er: 


hießen, und zweimal hat ihm bie Piflole verfagt. 


Dem künftigen Heerführer gilt dieß ald ein Anzei⸗ 
hen, daß ihn die Gottheit für Großes auffpare; er 
entfchließt fi bei dem peinlichen Alltagäleben aus: 
zubarren, hoffend, in einem unruhigen Lande wie 
Indien würde fich einftens Gelegenheit ergeben, dem 
Schreibtifch zu entfliehen, und thätig und folgenreich 
in die ſchwankenden verworrenen Zuflände einzugreis 
fen. Der firebende Kaufmannddiener hatte gefcheidt 
gerechnet. Schon während der Belagerung von Pon: 
dicheri finden wir ihn. ald Fähnrich beim Heere 
(Sept. 1748), wo er gute Dienfte leiflet. Bald 
wirft er aled Andere weg, widmet ſich dem Kriege, 
fleigt fchnell von Stufe zu Stufe, und überragt an 


. Muth, Einfiht und Befonnenheit alle anderen Kampf: 


genofien. Die Einnahme Arkots und die tapfere 
Bertheidigung ded Plabed (Nov. 1751) erregen bie 
Aufmerkfamkeit der gebietenden Herrn im indifchen 
Haufe. „Man erkenne vollkommen bie Verdienſte 
des Hauptmanns Clive und werde fie auch zu bes 
lohnen willen.“ 


Die Engländer waren in den öſtlichen Ländern 
um bie Zeit bloß als ein kaufmännifches unfrieges 
riſches Volk bekannt. Kapitän Clive zeigte, wie 
ein Maharatten: Häuptling ſich ausdrückt, daß fie 
auch zu fechten verſtehen, und bald überragen ſie 
ſogar, auch in dieſer Beziehung, die viel bewunderten 
Franzoſen. Eiferſucht und Neid der zum Kriegs⸗ 
weſen erzogenen Hauptleute ſuchen vergebens an den 
Thaten des Schreibers zu mäkeln, fie auf Zufall‘ 
Rechnung, oder wie die Menge zu reden pflegt, 
des Glückes zu ſetzen. Gewöhnliche zu einem Ge⸗ 
ſchäfte und Gewerbe erzogene Menſchen haſſen und 
verkleinern alle diejenigen, welche ohne bie herkömm⸗ 
liche Vorbildung durch überwiegendes Geſchick und 
ſelbſtändigen Geiſt in ihren Kreis ſich drängen und, 
was unter ſolchen Umſtänden häufig geſchieht, fie 
Abertreffen. Zum Glück des jungen „Ladenſchwengel⸗ 
Hauptmanns“ war Major Lawrence, Befehlshaber der 
engliſch: indiſchen Truppen, über ſolchen Kleinlichkeits⸗ 
finn erhaben. „Es gibt hier Leute,“ ſchreibt Law⸗ 


15 


rence, „welchen es beliebt, bloß von dem Glücke 
des Hauptmannd Clive zu reden. „Nach meiner 
Weberzeugung hat der Mann ed verdient, daß alle 
Unternehmungen fo auöfielen, wie fie wirklich aus⸗ 
gefallen find. Unerfchrodenerr ‚Muth, alte Befon: 
nenheit und Geifleögegenwart, die ihn unter keinen 
Umftänden verlaflen, zeigen, daß Clive zum Solda⸗ 
ten geboren ifl. Ohne irgend eine militärifche Er: 
ziehung, ohne vielen Umgäng mit erfahrnen Kriegern, 
fagt ihm fein gefunder Verſtand, lehrt ihn feine 


fihere Urtheilskraft, das Heer gleichwie ein erfahr: 


ner Offizier und tapferer Soldat anzuführen und 
feine Liebe zu gewinnen, folcher Art, dag man felbft 
mit einer gewiffen Zuverficht auf einen glängenden 
Erfolg rechnen kann.“ 


Dem Commandanten bed Fortd St. David, 
Hauptmann Elive, wirb nun von der Regierung zu 
Madras der Oberbefehl über die Zruppenabtheilung, 
welche Kalkutta wieder erobern und am Nawab oder 
Statthalter von Bengalen Rache nehmen follte, an: 
vertraut. Die Flotille unter Admiral Watfon if 
bereitd im Detober unter Segel gegangen, landet 
aber erſt, von ber Nord⸗Weſt-Munſun aufgehalten, 
im Dezember zu Bengalen. Seradſchah ed Daulah 
wollte gar nicht glauben, daß die Engländer es 
wagten, ſich gegen ihn zu erheben. Wähnte doch 
der unmwiffende Orientale, ganz Europa zähle höch: 
fiend eine Bevölkerung von zwölftaufend Seelen. 
Nur eine geringe Befabung wurde in den orte 
‚ zjurüdgelaflen; andere Maaßregeln zum Schuge, zur 
Bertheidigung des Landes waren nicht getroffen. Und 
fo glich der Angriff der Pleinen aus 900 europäi: 
fhen und 1500 einheimifchen Soldaten beftehenden 
Truppe mehr einem lärmenden Triumphzug, als 
einem ernfllichen Kriege. Kalkutta, Hugli und meh: 
rere andere Orte kommen alöbalb in die Hände des 
Britten, ber jest ſchnell Iandaufwärtd zieht, um 
die Hauptſtadt felbft anzugreifen. Durch die Kühn: 
heit und Schnelle der Bewegung geräth der Nawab 
‚in bie größte Furcht; er ſehnt ſich nach Frieden. 
Ganz anderer Art iſt die Stimmung des engliſchen 
Feldherrn; er gefällt ſich im Kriege. „Mit dem 
Barbaren jetzt ſchon Friede zu ſchließen iſt nicht 
ehrenvoll genug; Seradſchah muß noch derber gezüch⸗ 


‘ 


her Münze bezahlen könne.“ 


16 


tigt werden.“ Widerſpruch iſt vergebens. Clive muß 
fih dem Regierungsgebot von Kalkutta und Madras 
fügen. Dort hatte man von bem neuen Krieg: 
Ausbrijche zwiſchen England und Frankreich Nach⸗ 
richt erhalten und wünſchte natürlich, damit alle 
Macht gegen den europäifchen Feind und feine Bun: 
beögenoflen im Dekkan gerichtet werden koͤnnte, das 
ſchnelle Ende der bengalifhen Kämpfe. 


Der Nawab unterwirft fih allen Bedingungen. 
Der Friede iſt gefchloflen (7 Gebr. 1757) und 
Watſon und Clive verfprechen im Namen ber eng: 
lifchen Nation Aufhör aller Feindfeligkeiten im Lande 
Bengalen. Clive zieht jedoch wider bie Branzofen 
zu Zfchandernagar und nimmt den Ort (22 März 
1757) gegen ben Wortinhalt des Vertrages und 
wiederholte Abmahnung bed Nawab, nad tapferer 
Gegenwehr. Noch mehr. Hauptmann Cliye verlangt, 
die Franzoſen, welche fih nah Koſſimbaſar geflüch⸗ 
tet und des fürftlichen Schußes verfichert hatten, ſol⸗ 
len unverzüglid ausgeliefert werben. Der junge, 
ruhmgierige Zeldherr fann auf Krieg; alle Mittel 
bünkten ihm die rechten. „Afiaten dürfen nicht nach 
europäifchen Geſetzen, nach europäilhen Begriffen 
von Recht und. Ehre behandelt werden; das . find 
treus und gewiflenlofe Menfchen, die man mit glei⸗ 
So fprah, fo han: 
delte Clive, fo denken und verfahren Die meiften 
Europäer. Seradfchab, ein junger Mann von kaum 


zwanzig Sahren, feurigen unbändigen Weſens, ift 


außer fih vor Wuth, bald will er dieß, bald will 
er jened ‚gegen den tollkühnen Menfchen, wie er 
Stive nennt, unternehmen, und befiehlt und wider: 
ruft in demfelben Augenblid bied und jenes aus 
Keigheit und Furcht vor dem gewaltfamen übermäch- 
tigen Gegner. 


(Fortſetzung folgt.) 





Gelehrte 
München, | 


-Nro. 2. 


j v 
Anzeigen. 
herausgegeben von Mitgliedern 
der £, bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


4. Januar. 


1854, 





— in u re 


Political and military Events in Bri- 
tish India. | 





(Kortfeßung.) 

Geſetz und Ordnung waren lange fhon aus 
dem großmongolifchen Reiche verfchwunden, Gewalt 
und Willkür find in den einzelnen Rändern, wie 
in den Kreifen und Statthalterfchaften an deren 
Stelle getreten. Sie finnen bloß auf Mittel die 
Madıt an fih zu reißen, und ein Räuberhauptmann 
Tann ſich des gleichen Rechtes berühmen, wie ber 
andere. Run war Seradſchah überdies durch ſelbſt⸗ 
herriſches, hochmüthiges Weſen mit mehreren ſeiner 
Großen verfeindet, an’ deren Spitze ein läßiger, aus: 
fchweifertder, deffen ungeachtet aber einflußreicher Mann 
fand, Mir Dſchafar geheißen. Die Partei fucht 
num bed Gebieterd Verlegenheit zu feinem völligen Un: 
tergange zu wenden; Mir Dſchafar foll mittels 
englifher Hülfe an deſſen Stelle treten und Herr 
werden von Bengalen, Bihar und Driffa. Clive 
bietet die Hand zum Verräther-Plane. Zwifchen ihm 
und den Verſchwornen werben häufige Botfchaften 
gewecfelt. Die Engländer find von den Bewegun: 
gen, vom ganzen Setriebe ded Namab genau uns 
terrichtet. Clive fchreibt jet dem mit Verrath um: 
fponnenen Statthalter die freundlichften Briefe; man 
wollte den Fürſten fiher machen, um ihn leichter 
zu verderben. Roc mehr. Damit der Hindufpion, 
welcher alle Fäden der Verſchwörung kannte und 
für fein Schweigen große Summen forderte, des 
Lohnes beraubt werden Pönnte, wird Clive, der ge: 
priefene Clive, an dem fein Biograph General Mal: 
colm auch nicht den geringften Fehl entdeden konnte, 


zum gemeinen Betrüger und Zälfher. Ein dop⸗ 
pelter, ein Achter und falfchey Vertrag wird von 
den Verräthern Mir Dſchafar und Clive, audgefers 
tigt. In dem einen find die 300,000 Pfund be⸗ 
wiligt; in dem andern bleibt die Belohnung weg 
und des Spiond Namen. Nun weigert Admiral 
Watſon feine Unterfchrift zur crlogenen Urkunde; 
auch hier weiß Clive Mittel zu finden. Er felbfl 
Schreibt oder fälfcht den Namen Watfon. Der Afiate 
bat in bem Engländer feinen Meifter gefunden. 


Sobald der Statthalter, ber fich vergebens an 
Buſſy wendet und franzöfiiche Hülfe nachſucht, voll⸗ 
fländig umgarnt war, wird fchnell das Neu Über 
ihn zufammengezogen. Clive eilt mit ber ganzen 
Macht gegen Murſchadabad. Seradſchah will den 
Feind nicht in der Haupıflatt erwarten, rafft feine 
Truppen zufammen und bie beiden Heere begegnen 
ſich unfern des Fluſſes ſechs deutſche Meilen füblich 
Murſchadabads, bei Dem Orte Palaſi, gemeinhin Plaſ⸗ 
ſey geheißen. Clive befehligt 3000 Mann, wovon 
bloß 900 Britten und 100 Topaß. Der Nawab 
mochte, Fußvolk und Reiterei zuſammen, über ein 
60,000 Mann zählendes mit zahlreicher Artillerie 
verfchened Heer gebieten. Der Kriegsrath, ber erfte 
und lebte, welchen der brittifche Feldherr befragte, 
erflärt fich gegen die Schlacht. In der Verfamm: 
lung huldigte Gtive felbft diefer Anficht. Kaum hat 
er aber mit fich felbft in ber Einſamkeit Rath ge; 
pflogen, und die Berhältniffe nochmald im Geifte 
erwogen, fo iſt er entfchloffen, ben zwanzigfach über: 
fegenen Feind alsbald anzugreifen. Noch fland bie 
Sonne an bem folgenreihen Zage bed 21 Juni 
1757 hoch am Horizonte und bie beiden enger: 

AXXVI 2 


Ss 


19 . 


bundenen Verräther, welche fi während der Schlacht 


häufige Botſchaften fandten, Mir Dichafar und Ro: 


bert Gtiver, hatten -bereitd ihr Biel erreiht. Die 
Verfchwornen riethen dem Nawab ſich dem Schlacht: 
felde zu entziehen, worauf dad zufammengerottete, 
Verrath fürchtende Heer nach allen Winden zerftiebt. 
Der betrogene Fürft wird auf Befehl von Mir 
Dſchafars Sohne zu Murſchadabad getddtet. Hat 
auch Clive keinen thätigen Antheil an dem Meuchel: 
morb genommen, fo müflen doch feine größten Eob: 
redner zugeben, er habe nicht den geringften Echritt 
gethban, dem wehrlofen Gefangenen dad Leben zu 
erhalten. Das 39. englifche Regiment, welches fich vor 


allen andern in der Schlacht auögezeichnet hatte, führt 


heutigen Tags noch, neben den unter Wellington in 
Dekkan, wie auf der pprenäifchen Halbinfel errun: 
genen Eiegezeichen, den Namın Plaſſey in ber Tab: 
ne, mit dem flolgen Denkſpruch: Primus in Indis. 


Clive handelt jetzt, wie ſo viele feiner Nach⸗ 


folger, in Weiſe der römiſchen Proconfuln. Mir 
Dſchafar wird zum Throne geführt und ald Fürft 
ber drei Länder Bengalen, Bihar und Oriſſa be: 
grüßt; der fremde Sieger ift ber erfle, der ihm hul⸗ 
digt, nah öfllider Sitte mit Gefchenten an Gold 
und Silber und anderem Geſchmeide. Die Echat: 
kammer ded Seradſchah wird voll gefunden über 
alle Erwartung. Die Engländer, vor allen ihr Feld: 
herr, erwerben königliche Reihthümer. Eine Zlotte 
von mehr ald 100 Booten führt bloß in gemünzten 
Gelde 800,000 Pfund, den Antheil der Regierung, 
nah Kalkutta. Die ganze Beute foll an 2,230,000 
Dfund betragen haben. Zu Kalkutta wird eine Münz: 
ftätte errihtet, wo am 29 Auguft 1757 die erfte 
Rupie erfcheint, geprägt im Namen ded Padiſchah 
von Delhi. Nun kommt der Spion herbei, und 
verlangt den bebungenen Sold. „Mann,“ entgeg: 
nete ihm ber Dolmerfh, „bu bift betrogen; Der 
Vertrag, wo bein Name fteht, iſt unterfchoben; 
nicht, gar nichtd wirft du erhalten.“ Der Hindu 
ſtürzt vor Schred zufammen, und bleibt von dem 
furdhtbaren Augenblid der Enttäufhung bis zu fei: 
nem Eur; barauf erfolgten Tode blöbfinnigen Gei- 
ſtes. Clive hingegen, der dreifache Betrüger und 
Werräther, ſchwelgt im Ruhme, in Reichthümern 
und Genüffen aller Art. Nannte ihn doch William 


20 


Pitt der Water bei vollem Haufe den himmlifchen 
Deerführer, welchen ſelbſt Sriebrih von Preußen 
beneiden könnte, und Niemand bat zu der Beit wi: 
berfprochen. Es braucht den Proconful wenig zu 
fümmern, Daß fechzehn Jahre fpäter feine Schand⸗ 
thaten mit den, eigentlihen Namen bezeichnet und 
wie er zu fol ungeheuern Schägen gelangte, von 
mehrern Vertretern des englifhen Volkes in fcharfen 
Morten getadelt wurde. - Der brittifhe Nawab bat 
unter feinen Landsleuten Anhänger,. Vertheidiger und 
Bewunderer genug gefunden. Schreibt doch noch 
der beredte und geiftreiche Macaulay zu unfern 8a: 
gen: der Zeldherr verdiene ob, weil er fo wenig 
genommen habe. Wenige feiner Ankläger würben 
ſich mit fo Heinen Summen begnügt haben, wie 
die Befcheidenheit des Siegerd von Plaſſey. Ein 
wunderlicher Maaßſtab gefchichtlicher, moralifcher Be: 
urtheilung! Nun bedenke man, daß das Einfommen 
des Mannes, welcher achtzehn Sabre vorher ald ar: 
mer Kaufmannslehrling in Indien landete, nad 
Schätzung feined Biographen, der zur Vertheidigung 
feinem Helden. es geringe anfest, bei ber zweiten 
Rückkehr ind Vaterland (Febr. 1760) nicht viel un: 
ter einer halben Million Gulden ſich belaufen hatte, 
— eine Summe boppelten Werthes im Berhältnifie 
zu den Preifen und dem Reichthume unferer Tage. 
Hiebei find koſtbare Edelfteine und Geſchenke, welde 
der Sohn des armen Advokaten aus Shropfbire 
Verwandten und Freunden machte ‚ nicht mitgerech- 
net, die fid) wenigſtens auf eine Million Gulden 
belaufen haben mögen. 


Mas die Engländer im Ganzen ald Kriegsko⸗ 
fin, als Geſchenke und Beuteantheil für’ Heer 
und bie. Beamten von Mir Dfchafar in Anſpruch 
nahmen, belief fih auf 2,750,000 Pfund Sterling. 
Die Schäße des eroberten Lagers und ber Staats: 
kaſſen zu Murfchadabad blieben weit hinter den An: 
forderungen zurüd, und die wahren Landesherrn 
müffen fi) vor der Hand mit ber Hälfte begnügen; 


die andere ſollte innerhalb dreier Jahre, in drei 


verfohiebenen Beiträumen ausgezahlt werben. Clive 
hatte bald nach dem Beginne ber Heerfahrt gegen 
Bengalen und fpäter mehrmald von ber Madras: 
Regierung Befehl erhalten, fo fchnel als möglich 
nach dem Dekkan zurückzukehren. Man wollte fichere 


si 


Kunde haben, bie Franzoſen rüften Schiffe aus und 
fenden zahlreihe Mannfchaft nad Indien, um bie 
großen Plane Dupleir’ von Neuem aufzunehmen. 
Der Feldherr geht jedoch wie bei vielen andern Ge: 
legenheiten den eignen Weg; er bleibt in Bengalen 
und überläßt den Landsleuten bie Sorge für ihre 
eignen Angelegenheiten. 


Die Vorſitzenden im indifchen Haufe waren 
bald über den ſchnell auf einander folgenden, wahr: 
haft erdrüdenden Ländererwerb höchlich ungehalten. 
„Wir find nicht geneigt,“ erklärten fie ihren Beam: 
ten im Betreff der Stellung des Nifam zu andern 
Fürften in Dekkan, „die Würde eined gebietenden 
Sciebsrichters einzunehmen. Dan überlafle bie Herr: 
fcher ihrem Schidfal ; fie werden fich zu einem Gleich: 
gewicht der Macht burchlämpfen oder, was und nicht 
kümmert, zu Grunde gehen. Wir haben, dieß feid 
verfichert, dad ganze Benehmen wegen der Marken 
nur mit dem höchſten Mißfallen vernommen. Be: 
trachten wir die plöglich erlangten Reichthümer un: 
ferer aus Indien zurüdkehrenden Diener, fo find 
wir wahrlich gezwungen, und ber Öffentlichen Mei: 
nung anzufhließen. Auch wir müflen glauben, daß 
alle eure Berbindungtn und Unterhandlungen und 
Verträge mehr auf dem Grund bes eignen Vortheils, 
ald auf dem des Öffentlichen Wohled beruhen. Was 
wir wünfchen, haben wir hinlänglich und oft genug 
audgefprochen. Wir wollen feine Angriffsfriege; wir 
wollen die Gränzen unferer Befisungen nicht erwei: 
tern. ‚Bir wollen bie Erhaltung der Mächte Hin⸗ 
doſtans, wie ſie jetzt ſind: die eine iſt ein Hinder⸗ 
niß, bildet die Schranke für die andere. Dieß ſei 
und bleibe die unabänderliche Richtſchnur euerer 
Handlungen. Gegen Europäer, namentlid gegen 
Franzoſen, ift natürlih in ganz andrer Weife zu 
verfahren. Schlaget alle Wege ein, offene Feind⸗ 
feligkeiten auögenommen, um fie aus bem Lande zu 
treiben.“ 


Die öffentliche Meinung Englands hat fi um 
die Zeit entfchieden gegen die indiſchen Emporlömm: 
linge, gemeinhin Nawab genannt, ausgeſprochen. 
Sie werden in Romanen und Schaufpielen ber 
zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts als eine 


„finanziellen Angelegenheiten zur Sprache. 


üppige, hochmůthige und tyranniſche Menſchenklaſſe 
geſchildert, mit einer Maſſe laͤcherlicher Eigenheiten. 
Es wird gezeigt, wie ſie ihre auf ſchmachvollſte 
Weiſe erworbenen Reichthümer in widerlichem Prunk 
und Großthun vergeuden. Methodiſten und die an⸗ 
dern Stillen im Lande hielten ſich ferne von dieſen 
verruchten Leuten, „deren zahlreiche Verbrechen die 
firafende Gottheit ſicherlich an Kindern und Kinde: 
findern Altenglands rächen werde.“ Diefe Boll: 
ſtimmung fpicgelt ſich wieder, was in Altengland 
gewoöhnlich, an feinen Vertretern im Parlamente. 
Ein Ausfhuß wird eingefest (Nov. 1766), zur Un: 
terfuhung der Handlungen, Zuflände und Erwerb: - 
niffe der indifhen Hanfa. Auch das Benehmen 
ihrer Diener, des Lord Clive namentlih, wird vor 
den NRichterfiuhl des Haufed gezogen. Seht kommt 
auch zuerſt dad Dberauffichtörecht der Nation über 
die Kompagnie, Über ihre Beſitzungen und ihre 
Kein Un: 
terthban der Krone Englands, diefer Srundfag warb 
aufgeftelt und immer feflgehalten (1767), könne 
für fih Die Oberherrlichkeit von Land und Leuten 
erwerben. Sie gebühre immer und allenthalben 
der Nation. Vergebens ſucht Burke aus Feindfchaft 
gegen dad Minifterium Lord North den Sap des 
englifhen Staatsrechts anzufechten und lächerlich zu 
machen. Die Hanfa müffe demgemäß gleihfam als 
Grundzind für die indifchen Lehen jährlih eine Sum: 
me von vierhunderttaufend Pfund der Staatskaſſe 
zahlen, über welche dad Parlament verfügen werde. 
Die Einrede de indifhen Haufe, daß man nur 
unter Oberherrlichleit des Großherrn zu Delhi, ber 
Statthalter und Fürften Indiens die Landesregierung 
ausübe und Steuern erhebe, ward als nidhtige Vor⸗ 
Spiegelung erfannt und zurüdgewiefen. Ueberdieß 
haben die Volksvertreter beflimmt, ber Gebieter in 


. Hindoflan und Dekkan hätte jährlich für 380,837 


Pfund Waaren und Erzeugniffe auszuführen, dann 
dürfe die Dividende bis zur nächſten Seſſion zehn 
vom Hundert nicht überſteigen, ein Zeitraum, wel- 
her fpäter (1768) ber übeln Folgen wegen, die 
eine Erhöhung nach ſich ziehen könnte, bi zum 1 
Februar 1769 audgebehnt wurbe. Wie in ber That 
ed nothwendig war, ber Gewinnſucht der Actienin⸗ 
haber ein Biel zu fegen, welde vor kurzem erſt 





23 " 


(26 Sept. 1766) die Dividende von acht auf 
zehn vom Hundert erhöht hatten, lehrte fchon bie 
nächfte Zukunft. J 


Die eeichthümer, welche einzelne Diener nach 
Haufe brachten, befeſtigten mehr nnd mehr bie ſeit 
Rahrhunderten überlieferte Meinung von ben uner: 
[höpfliden Schatzkammern bed Morgenlanded. Man 
erfuhr aber gar bald, welchen eiteln Zäufchungen 
man fich hingegeben habe. In frühern Jahrhun⸗ 
derten der Weltgefchichte ſchickten alt feefahrenden 
Nationen von Jahr zu Jahr große Maffen edler 
Metalle nah Indien. Dieß hat, fobald die Eng- 
länder die Herrn indifcher Reiche wurden, zum gros 
Ben Xheile aufgehört. Die Kompagnie kauft jetzt 
nicht bioß die Erzeugnifle und Fabrikate des Lan- 
bes, fondern auch die Chinas, Thee, rohe Seide 
und Eeidenzeuge mit indifchen Abgaben. Ihre Be: 
amten fandten Erfparniffe und Raubantheil vorzüg: 
lich deßhalb, daß beide nicht bekannt würden, auf 
holändifchen und franzöfifchen Schiffen nach der Hei: 
math, — Gelder, welche von ben Kauffahrern dieſer 


Nationen ebenfalls zum Erwerbe öftliher Waaren 


verwendet wurden. Bei diefem immerwährenden Ab: 
zug, ohne bedeutenden Zufluß von irgend einer Seite, 
bei der fchlechten Verwaltung, der Verwirrung und 
allgemeinen Unficherheit verarmte: bad Land in hohem 
Grade. Nah und nach fehwindet jedes Vertrauen 
zum Beflande und bald zeigt fi) die nothwendige 
Folge, großer Mangel an edeln Metallen. „Brüher 
fhon haben wir darauf hingewieſen,“ dies fchreibt 
die Regierung zu Kalfutta an ben Geheimausfhuß 
des indifhen Haufes, „welche nachtheiligen Folgen 
die Ausfuhr des baaren Geldes aus diefem Lande 
habe. 
auf’8 nächfte Jahr das nothwendige Silber für den 
chineſiſchen Markt hernehmen. Bringen wir aber 
auh die Summen auf, fo würden eure Einkäufe 
und der ganze Handel Bengalend fehr darunter lei⸗ 
den.“ Sn fold einem Grade fehlugen die Hoffnun⸗ 
gen fehl, welche Lord Clive auf den unerfchöpflichen 
Reichthum Indiens fehte oder gegen befferes Wiffen 
in der Heimath vorfpiegelte. Die angloindifche Re: 
gierung fcheint aber in ber That unkundig genug 
geroefen zu fein, daß fie glauben fonnte, die Aus: 


Wiſſen wir doch felbft noch nicht, wo wir - 


24 


fuhr trage allein die Schuld bed Mangels, was 
keineswegs der Kal war. Die -edeln Metalle flüdy: 
ten fich zu allen Beiten und aller Orten vor Ver⸗ 
wirrung und Unficherheit in ber bürgerlichen Gefell: 
Schaft. 


Auch in den Einrichtungen Clive's und ‚feiner 
Nachfolger zeigt fich bald vieles Mangelbafte: zu 
den alten Zandeögebrechen find neue hinzugelommen. 
Die Erhebung der Landfteuer war für den Gebieter 
wie den Unterthan fehr verwickelt und läſtig. Einen 
Theil fammelten eingeborne Diener der Rentmeifler; 
ein anderer ward jährli an verfchiedene Perfonen 
verpachtet; ein dritter gehörte großen Grundbefißerr, 
welche der Regierung für gewiffe Summen verant: 
wortlich find. Unter folchen unklaren Zuftänden blei- 
ben die Erträgnifle weit hinter der Erwartung zus 
rüd. Um dem Uebel abzuhelfen, werben (Aug. 
1769) für einzelne Bezirke englifche Auffeher ange- 
orbnet, welche die einheimifchen Beamten überwachen 
folten. Sie felbft erhalten genaue Verhaltungsbe⸗ 


fehle und berichten an bie beiden Räthe, wovon 


ber eine zu Murfchadabad faß und der andere zu Patna. 
Zur Ueberwahung aller dieſer verfchiedenen Behör⸗ 
ben fendet das indifche Haus drei Oberauffeher nach 
Hindoftan (Sept. 1769). Das Schiff verunglüdt. 


Bon den Herren Banfittart, Scrafton und $ort 


ift niemald eine Spur aufgefunden worden. Bald 


“erhält man mittel der englifchen Auffeher in den 


Provinzen Kunde von den mannigfadhen Bebrüdun- 
gen der unglüdlihen Bevölkerung. Die Rentmeifter 
erpreßten foviel als möglich von ben großen Lanb- 
befißern und überließen die Maffe der Grundholden 
ihrer Willfür. 


(Hortfegung folgt.) 


Gelehrte 


München. 
Nro. 3. 


Political and military Events in Bri- 
tish India. 





(Bortfegung.) 

Ein balbweg georbnetes Raubſyſtem, das war 
die Regierung des Landes. Der Direltorenhof greift 
jegt zu einem kühnen Mittel, um, wie man glaubte, 
wenigftend einen Theil ber Mißbräuche zu befeitigen. 
„Zu einer Zeit, wo Hungersnoth in unfren Be: 
figsungen wüthet,“ fo lautet der denkwürdige und 
folgenreihe Erlaß (28 Auguft 1771), „iſt's Pflicht 
Alles aufzubieten, um das ſchwere Loos der armen 
Untertbanen zu erleichtern. Wie wir und nun eis 
nerfeitö über jede Workehrung zur Abhülfe der Noth 
freuen, fo find wir anbrerfeitd vom größten Ins 
grimme gegen alle diejenigen erfüllt, im höhern Grabe 
gegen gebome Engländer, welche dad allgemeine Uns 
glüd in ſelbſtſüchtiger Weife ausbeuten. Heißt «8 
doch in Privatfchreiben aus Indien, die Geſchäfts⸗ 
führer und Diener brittifcher Gentlemen vergeflen 
fi fo weit, daß fie nicht nur aus dem Getreide: 
handel ein Sonderreht machen, ſondern fogar bie 
armen Bauern zwingen, ihnen den Samen für bie 
nächſte Ernte zu verfaufen. Wir haben Gründe 
genug, ben einheimifchen Steuereinnehmern zu miß⸗ 
trauen. Der Vorſtand des Recheneiamtes, Muhams 
med Rifa Chan, feheint zu vielem Unterfchleif und zu 


Bedrüdungen die Hand zu bieten. Wir können ihn’ 


nicht mehr an ber Stelle belaflen und wollen aud 
einen andern ernennen. Deßhalb haben wir bes 
fchloffen, die Steuererhebung ober mit andern Wor: 
ten die Regierung bed Landes unmittelbar in unfere 


beransgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Afademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen. 


1854. 


Dände zu nehmen. Unfern Beamten iſt von nun 
an die Beforgung und Betreibung des Einkommen⸗ 
wefend übertragen. Wir hegen dad Bertrauen, baß 
ihr ſolche Anordnungen treffen werbet, welde bei⸗ 
ben Parteien, ber Kompagnie und ihren Unterthas 
nen, zum Vortheile gereihen. Muhammed Rifa fol 
nach Kalkutta befchieden unb dort zur Rechenfchaft ges 
zogen werben.“ 


Der Rath von Bengalen (Mai 1772) ernennt 
eine eigne Behörde zur Abfchaffung der Mißbräuche 
im Steuerwefen und neue Anorbnungen einzuführen. 
Es wird beichloffen, ale Erträgniffe, die Grund: 
fleuer fowie mancherlei Beudallaften auf einen Zeit⸗ 
raum von fünf Jahren an die Meiftbietenden zu 
überlaflen. Die erblichen Grundherrn erhalten in 
der Verfleigerung den Vorzug. Man glaubte, da⸗ 
burh würde das Einfommen mehr gefibert und 
für die Unterthanen, welche im herkömmlichen pa⸗ 
triarchaliſchen Verhältnig zu den Semindaren flüns 
den, beſſer Helorgt fein. Grundherrn, welche kein 
annehmbares Gebot machten, wurbe ikr Befigthum 
genommen, und höher Bahlenden Übertragen. In 
diefem Sale mußten fie fi) mit einer im Verhält⸗ 
niß zu ihrem Gute flehenden Rente begnügen. Das 
Mißliche des Syſtems ftellt fih bald heraus. Viele 
Steuerpächter haben fich gegenfeitig zu hoch hinauf 
getrieben und im folgenden Jahre bereits ihre Zah⸗ 
lungen eingeflellt, — zum großen Nachtheile ber 
indifchen Staatskämmerei. 


Man verfuht es nun auch in den Gericht: 
höfen, welche mit den Mecheneiämtern in engfter 
Verbindung flanden, einigermaßen aufzuräumen. 

XXXVIL 3 








27 


„Eine Gerechtigkeitöpflege in wahrem Siune bed 
Wortes war damals gar näht vorhanden; nur Macht 
umd Reichtum, konnten fi Recht verfhaffen.“ - An 
Beamten fehlte es zwar nicht. Sie entſchieden 
ſelbſtändig nach Sitte deſpotiſcher Staaten, ohne 
Gutachten der Beiſitzer einzuholen; nur bei einzelnen 
beſtimmten Fällen war das Anrufen eines höhern 
Gerichtöhofes geſtattet. Der eine Beamte erkennt 
über peinlihe Fälle, der andere über bürgerliche 
Streitigkeiten: dieſer fprach über Polizeivergeben, 
jener über flrittiged Eigenthum und Erbfchaften, 
Diefe Diener oder Herrn der Gerechtigkeit beforgten 
gewöhnlich nebenbei mehrere religiöfe Gefchäfte. Die 
neue Einrichtung ward dem Beſtehenden angepaßt, 
daß fich die Bevölkerung leichter hineinfinden möchte. 
Jeder Bezirk erhält zwei Serichtöftelen: dem Ge: 
zichtöhofe im Bezirke, Mofaffil Andaulet Dewani, 
wird die Erkenntniß über bürgerliche Streitigkeiten, 
dem peinlichen Gerichtöhofe, Phudſchari Andaulet 
Dewani, die über Verbrechen und Vergeben über: 


tragen. Vorſitzer find die englifchen Rentmeifter der 
Bezirke. Sie follen den Gang ber Verhandlungen 


überwachen. Diefen Bezirkögerichten entfprechen zwei 
höhere Stellen zu Kalkutta, bei welchen man Bes 
eufung einlegen konnte. Vorſitzer find die höchſten 
Beamten der Kompagnie. 


Zur Kenntnißnahme der Richter wie zum Vor« 
theil der ganzen Bevölkerung ward, auf Veranlaſ⸗ 
fung des Oberflatthalterd Warren Daflingd, eine 
Geſetzſammlung in Sanscritfprache abgefaßt. Sie 
ift ind Perfifhe, von Halhead, ind GEngliſche über 
tragen und mit ber Auffhrift: Coder des indi- 
fchen. Geſetzes der Deffentlichfeit übergeben wor⸗ 
den. Ein Gleiches Hefchah mit dem mufelmanifchen 
Geſetzbuche, der Hedaya. Jener fprachlundige Mann 
ift er erſte Engländer — ein fpanifches Lehrgebäude 
des Sanssrit war bereitd im fiebzehnten Jahrhundert 
vorhanden — welcher eine genaue Kenntniß dei 
Bengaliſchen, einige Einfiht in die heilige, dem 
Bengali innig verwandte Sprache befeflen und ihre 
Verwandtſchaft mit den Sprachen des Abendlandes 
erfannt hatte. Halhead erflaunte, wie er und felbfl 
erzählt, nicht wenig über die gewaltige Achnlichkeit 
des Sanscrit mit dem Perfifchen und Arabifchen, 


mit dem Griechiſchen und Lateiniſchen. Und dies 
nicht im technifhen unb bildiichen Ausdaücken, ſon⸗ 
dern in. dem, Grundwerk der Spradse, in. den Zahle 
wörtern und Namen folcher Gegenftände, welche mit 
Beginn der E:vilifation entflanden fein müffen. Eine 
ebenfo überrafchende Aehnlichkeit zeige fi in ben 
Charakteren‘ auf Münzen und Siegen. Man ver: 
gleiche die Münzen von Afam, Nepal, Kaſchwir 
und die Siegel von Bhutan und Tübet. Dasfelbe 
fönne von den verfchiedenen Alphabeten im Morgen: 
lande, vom Indus bis Pegu, behauptet werden. 
So fehr Außerlihe Form auch verfchieden, führe 
doch Ordnung und Zufammenfegung zum Sanscrit⸗ 
Alphabet. Durch Nachweis der Naturgefebe jener 
Verwandtfchaft, fo wie der gefchichtlichen Ereigniffe, 
worauf fie theilweife beruht, haben fich Gelehrte bes 
neungebnten Sahrhunderts großen Ruhm ermorben. 
Halheads bengalifhe Sprachlehre ift auch das erſte 
Werk, worin indifche Buchſtaben mit Typen, nad 
europäifcher Weife, gedrudt erfcheinen. Vergebens 
hatte Hr. Bolts (1773) früher große Summen zur 
Verferrigung folcher Typen verwendet, eine Aufgabe, 
welche Charles Wilkins, der burch Ueberſetzung ber 
Bhagawat Gita oder des göttlichen Gefanged bie 
Aufmerkſamkeit auf indifhe Philofophie und Lite: 
ratur in hohem Grabe erregte, bald hernach löste. 
Haſtings unterflügte aus höhern flaatsmännifchen 
Kückſichten diefe und andere wiſſenſchaftliche Beſtre⸗ 
bungen, fo die Weberfegung des Agin Afbery von 
Hrn. Gladwin. Die Einrichtungen des weiſeſten 
der Stoßmongolen würden dem Direltorenhof nicht 
felten als Richtfehnur dienen können. Sie feien 
beffer denn alles ſpäter auf ihren Trümmern Auf: 
erbaute, überdieß der Bevölkerung bekannter und 
geeigneter für die Landeszuſtände. 


Wo die einheimifihe Ordnung feine hinläng- 
fiche Sicherheit gewährt, greift man nah neuen 
firengen Maaßregeln. So gegen zahlreihe Räuber 
und Mörder, zu deren Einfang wie auf wilde Thiere 
Treibjagden gefchehen. Sie werben in bie Heimat 
zurädgebradht und zum Schrecken der Genoffen hin⸗ 
gerichtet. Die Gemeinde unterliegt im KBerhättni 
zum WWerbrechen ihres Landömanns einer Gtrafe; 
feine Angehörigen find der Sftaverei verfallen. Das 


Polizeiweien der Haupiſtadt beburfte graßer Wachs. 
hülfe. So hatte das Stehlen der Kinder und halb⸗ 
erwachfener. Perfonen, um fie ald Sklaven zu vers. 
Faufen, in einem erfchredlichen Grade zugenommen. 
Viele diefer Unglüdlichen wurben auf europäifchen 
Schiffen nad fremden Gegenden entführt und vers 
handelt. Nun wird (11 Mai 1774) verorbnet: 
Niemand dürfe vom 1 Juli 1774 als Sklave ges 
kauft ober verkauft werben, wenn nicht fchon früher 
auf gefeglihem Wege erworben. 


Brittifhe Beamte haben ſich um dieſe Zeit 
vorzüglich viele Vergehen zu Schulden kommen lafs 
fen; manche waren jedoch befier ald ihr Ruf. In 
Europa legte man und legt man zum Theil noch 
sinen ungeeigneten Maaßſtab an die afiatifchen Zus 
fände. Das fHlavifche, gefeßlofe Indien wird nad 
dem freien gefeßlihen Gemeinwefen Altenglands ge: 
meflen und beurtheilt. Ein Rathsmitglied zu Kal: 
Eutta hat auf diefen Mißftand hingewieſen. „Wohlan 
denn,“ erklärt Hr. Leyceſter in öffentlicher Sitzung 
feined Gollegiums (1765), „wahr iſt's, ich habe 
Geſchenke angenommen; ich habe fie niemald ver: 
heimlicht, das ift Lanbeöfitte; fie heiligt die Hand: 
lung. Das Gebot, Feine Geſchenke anzunehmen, iſt 
dem alten Brauch Indiens vollkommen entgegen.“ 
Auch trug man der umvermeiblihen Nothwendigkeit 
zu wenig Rehmung. Die Beamten der Kompagnie 
. folten alle Mißſtände befeitigen; jedes Mißgeſchick 
jollten fie hervorgerufen haben. Die Hungersnoth 
in Bengalen (1770), ein in ößlichen Ländern nicht 
feltened Ereigniß, ift ihnen aufgebürbet: fie feien 
für den Untergang wenigfiend eined Drittheils ber 
Bevölkerung verantwortlihd. Noth und Xheuerung 
ward auch dort, wie fonft gewöhnlich, dem Getrei: 
dewucher zugefchrieben, beffen die Diener der Kom: 
pagnie fo allgemein beſchuldigt wurden, daß felbft 
Adam Smith in feinen zu ber Beit gefchriebenen 
unfterbliden Unterfuhungen über die Staetewirth⸗ 
ſchaft darauf hinweist. 


Die Mißſtimmung gegen die angloindiſche Hanſa 
wuchs aber vorzüglich durch ihre finanziellen Verle⸗ 
genbeiten. Die Moralität hatte nur einen fehe ge⸗ 
ringen Antheil daran. Man war fich beflen im 


20 


indiſchen Hauſe gar wohl bewußt, weßhalb auch 
während ber legten Jahre alle guten und ſchlechten, 
Mittel aufgeboten und genehmigt wurden, welche 
eine Erhöhung der Einnahmen hoffen ließen, Ver⸗ 
gebend. Nicht bloß, daß fie. den jährlichen Bing 
nicht zahlen Tonnte, fo mußte die Hanfa noch (März 
1773) um ein Anlehen von 13 Millionen Pfund 
bei dem Parlamente nachſuchen. Ueberbieß möge 
ihr gefattet fein, jede belichige Anzahl Thee abga- 
benfrei ins Ausland zu verführen. „Das Parlament 
bürfe ſich verfichert halten, daß nächſtens geeignete 
Vorſchläge gemacht werben zur beflern Verwaltung 
Indiens, namentlich der Gerechtigkeitspflege.“ 

Die Verfaffung der Kompagnie, bied bleibt 
von den Tagen, wo bie indilhen Angelegenheiten 
zum erftenmal (1767) vor’s Parlament gebracht 
wurden, Landesüberzeugung, müſſe durchaus neränbert 
werben; Regierung und Parlament ihren Einfluß auf 
die Verwaltung des afiatifchen Befigungen äußern ; 
fie follen die DOberauffiht über alle flaatlihen An: 
orbnungen des inbifhen Hauſes erhalten. Selbſt 
in der Thronrede bei Eröffnung bed Parlaments 
(Ian. 1772) warb darauf bingewiefen. Die Hanfa 
fest alle Triebfebern in Bewegung, um jene Plane 
zu bintertreiben. Sie wurden ald Bruch ihrer vers 
brieften Sonderrechte, ald Verlegung der Konftitution 
und bed Eigentbumd dargeſtellt. Alle diefe Umtriebe 
und Bemühungen waren vergebend. Lorb North 
bringe (18 Mai 1773) einen Geſetzvorſchlag an's 
Unterhaus, „wodurch die Angelegenheiten der Kom⸗ 
pagnie, fowohl in Indien wie in der Heimat, ger 
ordnet und verbefiert würden.“ Die Actienfpeculans 
ten, erklärt ber Minifter, feien zwar ber Maaßregel 
entgegen, die Regierung werde aber darauf beflchen. 
Nur in folder Weife könne ben zahlreihen Miß⸗ 
fländen Abhülfe und dem herannahenden Verderben 
Einhalt gefcheben. Die bei ber Kompagnie ſtark 
beiheiligte Hauptftabt fand bie Grundſätze der BIN 
gefährlich in hohem Grabe. Sie ſeien ein unmit⸗ 
telbarer Angriff auf bie Bolköfreipeiten ; ; dadurch 
würden alle corporativen Rechte in Frage geſtellt; 
der Krone Macht und bad Patronatöwefen jeglicher 
Verwaltung würden in der Weile gemehrt, daß fie der 
ganzen Verfaſſung zum großen Schaden gereichen 
koͤnnten. 





91 


Ale diefe und andere Bittfchriften, Proteſte 
und vorgebliche Befürchtungen der Selbſtſucht, fowie 
die Sophiſtereien unb Srobheiten des Rhetord Edmund 
Burke waren von Peiner Wirkung. Das Gefet ift 
mit großer Mehrheit angenommen, und bie Stellung 
der Kompagnie zum Staate von Grund aud geän- 
dert worden. Seine weientlihen Bedingungen, ge: 
meinhin ordnende Acte genannt, haben fi trefflich 
bewährt; fie liegen allen fpätern Beflimmungen zu 
Grunde. 


Haupt ber Regierung von Bengalen, Bihar 
und Oriſſa iſt (1773) der Oberflatthalter, mit eis 
ner Befoldung von 25,000 Pfund jährlih; ihm 
ift ein gleichberechtigter Rath beigegeben von vier 
Derfonen mit 8000 Pfund Gehalt; dem Oberſtatt⸗ 
halter gebührt im Rathe bie ganze bürgerliche und 
militärifhe Verwaltung. Die Präfidentfhaft Ben⸗ 
galen führt eine Oberaufficht und Ueberwachung je: 
ner zu Madras, Bombay und Benculen; außer im 
Galle der Rothwehr, können fie weder Krieg begin: 
nen noch mit den indifchen Zürften einen Vertrag 
fließen; die höchften Beamten des indiſchen Rei: 
ched werden dad erflemal von der Krone und dem 
Parlament auf fünf Jahre ernannt. Nach Ablauf 
der Srift ift die Wahl den vierundzwanzig Directo- 
ren ber vereinigten Gefellfchaft anheimgegeben. Sie 
unterliegt jedoch der Beflätigung der Krone. Ein 
Viertel der durch Actieninhaber gewählten Directo= 
zen tritt jährlich aus. Die Actie von 1000 Pfund 
berechtigt zu einer Stimme, 3000 zu zwei, 6000 
zu drei und 10,000 zu vier Stimmen. Alle Brief: 
ſchaften, auf das Kriegsweſen und bie finanziellen 
Zuflände, dann auf Regierung und Werwaltung 
. Indiens bezügliche, werden ber Krone zur Einficht 
und Gutachtung vorgelegt. Kein Beamter, gleich: 
viel ob im Löniglichen oder KompagniesDienfte, darf 
Geſchenke annehmen. Die Statthalter, Rathsherrn 
und Richter find und bleiben von jedem Antheil 
am Hanbelögewinnfte ausgeſchloſſen. Ein oberfter 
Föniglicher Gerichtöhof wird künftig den indifchen 
Behörden zur Seite fliehen, welcher nach englifchem 
Geſetze und volllommen unabhängig von ber Ber: 
waltung über bie Beamten der Kompagnie und 
alle Engländer, fowie ber einheimifche Verbrecher 


zu Recht erkennt, — eine gut gemeinte Vorkehrung, 
welche eine Menge neuer Mipftäande und Bedraͤng⸗ 
niffe über die Bewohner Hindofland verhängt. 


Die englifchen Gefege find, vielleicht nocdy mehr 
ald die anderer Nationen, aus zufälligen Umfländen 
und befondern VBerhältniffen hervorgegangen und deß⸗ 
balb wenig geeignet, auf ein anderes Volk über: 
tragen zu werden. Dad Recht, wie ed die Natur 
ber Dinge und die Vernunft erheifcht, fuht man 
nicht felten vergebens in jenen zahllofen Sayungen 
und Gewohnheiten. Ueberdies war Feine Vorſchrift 
gegeben, nad welcher der Gerichtshof unter ben 
ganz neuen eigenthümlichen Verhältniſſen zu verfah- 
ren hätte: Indien wurde, was kaum glaublich, wie 
eine alte englifche Graffchaft behandelt. Und fo 
geſchieht's, baß, während ber unkundige Einheimi: 
ſche nicht felten unſchuldiger Weiſe ber Strafe ver: 
fält, der englifche Werbrecher Leicht entfchlüpft mit: 
tel8 der vielen Aus: und Schleihwege in den hi⸗ 
ftorifch überlieferten verwidelten Gerichtögängen. Der 
Oberflatthalter und die Räthe, welche allein der 
Macht des Gerichtähofes entzogen find, können in 
allen Ländern der Kompagnie ſolche Anordnungen 
treffen, folhe Strafen erheben, welche fie den Um: 
fländen angemeffen erachten; fie müffen jedoch, be⸗ 
vor fie Gefegeöfraft erlangen, bei jener oberften 
Gerichtöbehörbe eingetragen fein. Auch dann ifl’s 
noch geftattet, Berufung an ben König im Rathe 
einzulegen, dem bad Recht zuficht, die Verordnun⸗ 
gen aufzuheben. Alle Verbrechen und Vergehen fols 
len vor einem Schwurgerichte, zuſammengeſetzt aus 
englifchen Unterthanen, zu Kalkutta verhandelt wer: 
den. 


(Schluß folgt.) 





Mit diefer Nummer wird das Inhalts:Ber: 
zeichniß für Band XXXVI. und XXXVIL 
audgegeben. 





Gelehrte 
München, 


Nro. 4. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen. 


9. Januar. 


1854. 





% 


Political and military Events in Bri- 
tish India. 





Schluß.) 

Warren Haſtings iſt im neuen indiſchen Grund⸗ 
geſetze namentlich als Oberſtatthalter aufgeführt. Ein 
Gleiches geſchah in Betreff der vier Räthe, des 
Oberfeldherrn John Clavering, der Räthe George 
Monſon, Richard Barwell und Philivp Francis. 
Elijah Impay gieng als Vorſtand des Obergerichts 
nach dem Ländererwerb, mit ihm die Beiſitzer Ro⸗ 
bert Chambers, Stephan Le Maiſtre und John 
Hyde. Nachdem dies Alles geſchehen, erhält bie 


Hanfa ein Darlehen von 1,400,000 Pfund, das 


in beflimmten Friſten zurüdbezahlt werden mußte. 
In diefen Einrihtungen der Ordnungsacte liegen 
die Pünftigen Gefchide der indifchen und nachbarli⸗ 
chen Völkerfchaften verborgen. Sie können ſich aller 
Anftrengungen ungeachtet diefem ihren Loofe nicht 


entwinden; fie find ſämmtlich der SOberberrlichkeit - 


Sroßbritanniend verfallen. Gleiche Urſachen bewir: 
ten bie Größe des römifchen und des angloafiatifchen 
Reiches. Die wechfelnden Oberflatthalter wollen, wie 
die wecfelnden Conſuln durch Eriegerifche Thaten und 
Mehrung der Herrſchaft unfterblihen Ruhm gewin: 
nen. Und fie vermögen dies deſto leichter, weil 
. die Sultane und Maharadſchah, unkundig der eu: 
zopäifchen Hülfsquellen; ihres Feindes, nicht felten 
muthwilliger Weile Beleidigungen über Beleidigungen 
häufen, und felbft zum Kampfe herausfordern. Die 
fiehenden Heere Indiend find aber wie alle andern 
Söldner, denen bad Blutvergießen zum Handwerk 


wird, nach Krieg begierig. Sf er ihnen doch ein 
fihered Mittel zur Bereicherung. Führer und Gol- 
daten erhalten nicht bloß höhere Löhnung, fondern 
bedeutenden Antheil am Raube, Kriegöbeute genannt. 
Selbſt die Mitglieder der Hanfa, welche anfänglich 
ber Koften wegen herbe Klagen erheben, find am 
Ende mit den Ergebniflen zufrieden. Hat man 
doch neue Stellen zu vergeben, kann man doch mehr 
Verwandte und Schüßlinge verforgen! Auch wird 
ben Unterworfenen, zum Vortheil der Fabrikanten 


und Kaufherrn, ein Handelsvertrag auferlegt; fie 


müffen den Erzeugniffen des Siegerd unter günflis 
gen Bedingungen den Zutritt geflatten. Hanbelds 
verkehr, Handelögewinn ift aber, wie man weiß, 
der Leitflern bes ganzen englifhen Gemeinweſens. 
Neumann. 





Gefhichte der preußifhsdeutfhen Unis 
onsbeftrebungen feit der Zeit Fries 
drih’6 des Großen. Nach authentifchen 
. Quellen im diplomatifhen Zufammenhange dar: 
geftellt von Dr. W. Adolf Schmidt. Ber: 
lin 1851. 





- Das vorliegende Werd behandelt in umfaflens 
der Weiſe (648 Seiten in groß 8.) zwei merk⸗ 
würdige Epochen ber neueren deutfchen Gefchichte, 
nämlih den fogenannten Deutſchen Zürftenbund 
von Sahr 1785 und den Norddeutſchen Reichs⸗ 

XXXVIII. 4 


35 — — — — — 86 


bund vom Jahr 1806. Mancher iſt vielleicht der Mei⸗ 
nung, daß man Ereigniſſe wie die genannten, bei denen 
ſich fo mannigfache Echwächen und Schäden unſres 
Vaterlandes herausgeſtellt haben, lieber moͤglichſt 
mit Stillſchweigen übergeben ſollte, ſtatt fie aus: 


führlih zu unterfuchen und in ihren Motiven und. 


Bufammenhängen zu zergliedern. Aber wenn diefe 
Meinung felbft für die populärfte Geſchichtſchreibung, 
in der alletdings das Gute und Erbebende mehr her: 
vortreten fol als das Schwache und Nieberfchlagenbe, 
nur eine bedingte Berechtigung hat, fo würbe man 
vollends dad Weſen und den Zwed ber tieferen Ge: 
fhichteforfhung und Gefhichtfchreibung gänzlich ver: 
kennen, wenn man ihr unterfagen wollte, die ſchwachen 
und gefährlichen Seiten an der Gefchichte des eigenen 
Staated zu unterfuhen. Man wird dies um fo unbe: 
denklicher thun fönnen, wenn die früherhin drohenden 
Gefahren glüdlich befeitigt, wenn an die Stelle unfeli: 
ger Zerwürfniffe feftbegründete Freundfchaft und volles 
Vertrauen getreten find. Dies aber ift bekanntlich 
nach, langem verberbliden Hader zwifchen Bayern 
und Deſterreich der Fall. Und daß auch zwiſchen 
Defterreich und Preußen die glücklich wieder gewon: 
nene Eintracht ſich ſtärke und befeflige, das wünſcht 
und bofft jeder patriotifche Deurfche, ber die Er: 
fahrungen ber Jahre 1795 bis 1809 nicht völlig 
vergeffen bat. 


Was die Tendenz des vorliegerrden Werkes 
betrifft, fo ergibt fie fich weniger deutlich aus dem 
Buche ſelbſt als aus einer Fleineren Schrift, Die 
der Verf. ſchon im Dahre 1850 feiner gegenwärti- 
gen Arbeit vorangefhidt hat. Wir würden gegen 
Die Aufgabe der Gelehrten Anzeigen verftoßen, wol: 
ten wir und mit dem Verf. auf eine Polemik über 
feine politifchen Anſichten einlaffen. Wir können 
aber von allem KZenbentiöfen in dem Werke, mit 
dem wir es allein zu thun baben, um fo mehr ab: 
ſehen, als «8 bier fehr in den Hintergrund tritt 
gegen den Reichthum archivalifcher Mittheilungen, 
durch welde der Hr. Berf._ unfre quellenmäßige 
Kennini der neueren Gefchichte bereichert. Derfelbe 
erhielt nämlih von dem k. preußifchen Minifterium 
der autwärtigen Angelegenheiten die Erlaubniß zur 
Benutzung ber Acten des geheimen Staatsarchives 


zu‘ Berlin, und befam dadurch einen fo vollflänbi- 
gen Einblick namentlid in die Gefchichte des Fürs 
ſtenbundes vom Jahr 1785, daß bie biöherigen 
Darftelungen an Reichthum ded Material und Urs 
Eunblichkeit der Angaben hinter der feinigen zurück⸗ 
bleiben. 


Wir wollen und bier auf eine Beſprechung 
bed erflen Theile des vorliegenden Werkes befchrän: 
fen, welcher fih mit dem Zürflenbund von 1785 
befhäftigt und bie bei weitem größere Hälfte des 
Buches (S. 15 — 402) füllt. Die wichtigſten 
Quellen für die Geſchichte des deutſchen Fürſtenbun⸗ 
des waren bisher Dohm's Denkwürdigkeiten Bd. 3, 
und Hertzberg Recueil des déductions etc. Vol. 
ll. (& Berlin 1789). Beide waren natürlih auf 
das befte unterrichtet, da fie felbft die hauptſaͤchlich⸗ 
flen Unterhändler in diefer fehwierigen und verwi: 
delten Sache gewefen find. Aber erſtens theilt der 
Letztere, nämlich Hergberg nur einzelne, freilich fehr 
wichtige Actenflüde mit, und zweitens fonnte man 
beide für nicht ganz zuverläßig halten, eben weil 
fie in eigener Sache fprachen. Diefelbe Einfeitigkeit 
könnte man nun freilih auch bei Hrn. A. Schmidt 
vorausfegen. Denn fo fehr auch bie Leidenfchaften 
fih feit dem Jahre 1785 abkühlen konnten, fo 
wird doch auch der unbefangenfte Schriftfleller nicht 
umbin können, folchen- Ereigniffen gegenüber feinen 
befiimmten Standpunkt einzunehmen. Aber wenn 
auch die Mittheilungen, bie der Hr. Bf. aus dem 
Berliner Archiv macht, noch fo mande Ergänzung 
und Berichtigung aus andern ungebdrudten Quellen 
moͤglich und wünfchenswerth erfcheinen laſſen, fo 
wird man fi doch dem Eindruck nicht entziehen 
können, daß der Hr. Verf, bas ihm vorliegende 
Material treu und zuverläßig benugt hat. Daß 
Mittheilungen, die dem Berliner Archiv entnommen 
find, die Dinge aus dem preußifchen Gefichtöpunft 
auffaflen, wird man natürlich nicht anders erwarten. 


Was und nun bei dem Lefen diefer Fülle von 
Actenſtücken zuvoͤrderſt entgegentritt, iſt die Beob⸗ 
achtung, wie wahr und probehaltig im Großen und 
Ganzen die Darſtellung iſt, die Dohm in dem an⸗ 
geführten Band ſeiner Denkwürdigkeiten von dieſen 
Ereigniſſen gegeben hat. Denn erhält auch dieſe Dar⸗ 


fillung im Einzelnen fo manche Ergänzung und 
Berichtigung, fo wird ihre Treue in den Haupt⸗ 
punkten nur um fo mehr beflätigt. Eine ber wid: 
tigften Ergänzungen enthält hier gleich die erſte Ent: 
ſtehungsgeſchichte bed deutfchen Fürſtenbundes. Wir 
erkennen daraus noch deutlicher als bisher, daß jene 
Bereinigung deutſcher Zürften zwar nur dur Fries 
drich' des Großen Energie zu einem Präftigen und 
wirkſamen Dafein gelangt ift, daß fie aber, weit 
entfernt eine bloße Machination des preußifchen Rös 
Nnigs zu fein, vielmehr durch die ganze damalige 
Lage des beutfchen Reichs hervorgerufen und daß 
eben deßwegen ber Gebanfe einer folhen Vereini⸗ 
gung an fehr verfchiebenen Stellen faft gleichzeitig 
entflanden war. 


Die Lage bes deutſchen Reichs und ſeiner Ver⸗ 
faſſung war um jene Zeit bekanntlich folgende: Ei⸗ 
ner der trefflichſten Herrſcher aus dem Habsburg⸗ 
Lothringiſchen Stamm, Kaiſer Joſeph II., hatte im 
Jahre 1765 den deutſchen Kaiſerthron beſtiegen mit 
den ſchönſten Hoffnungen und Vorſätzen, einmal 
wieder ein rechter Kaiſer und „König in Germa⸗ 
nien“ zu ſein, den eingeroſteten Mißbräuchen und 
Mängeln der Reichsverfaſſung nach Kräften abzu⸗ 
helfen und das Reich wo möglih neu zu ordnen. 
Man weiß, wie dieſe Verſuche gefcheitert find, erſt 
bei der beabfichtigten Verbeſſerung des Reichshof⸗ 
raths, dann bei der neunjährigen, in der Haupt⸗ 
ſache vergeblichen Bifitation. des Reichskammerge⸗ 
richts. Als nun nach dem Tod ſeiner Mutter Ma⸗ 
ria Thereſia Joſeph II. auch in ſeinen Erblanden 
Alleinherrſcher geworden war, da wendete er dieſen 


feine hauptſächlichſte Sorge zu, nnd gab die Hoff⸗ 


nung ald Kaiſer und König in Deutfchland etwas 


zu wirken auf. So wenigftens ift die verbreitetfte 


Meinung. Es dürfte aber richtiger fein, wenn man 
fagt : Joſeph II. verzweifelte, mit ber deutfhen Ber: 
faffung etwas Bedeutendes auszurichten. Er ſchlug 
deßhalb einen andern Weg ein, um dem Kaiferthum 
auch im Reich wieder zu Macht unb Anfehen zu 
verhelfen. Er fuchte dies nämlich dadurch zu be⸗ 
wirken, daß er feine eigene Hausmacht möglichft tief 
in das Reich hinein außbreitete. Aber wenn die 
ſchon an und für fi ein Unternehmen war, das 


man von allen Geiten mit Mißtrauen betrachtete, 
fo mußte die Art, mit der fich Joſeph mehr als 
einmal über Recht und Bitte binmweggefeht hatte, 
bie Beforgniß vor feinen weiteren Planen nur noch 
mehr fleigern. Namentlich hatte er burch fein Wer: 
fahren gegen das Bistum Paflau und das Erzbis⸗ 
thbum Salzburg die - geiftlihen Fürſten fchwer vers 
legt, und fo erflärt fih, auch abgefehen von Jo⸗ 
ſeph's fonfligen kirchlichen Reformen, die Oppoſition, 
bie ſich gerade bei manchen geiſtlichen Fürſten gegen 
ſeine Unternehmungen fand. Scheinbar günſtig, im 
Verfolg aber um ſo verderblicher für Joſeph's Plane 
war die Stellung, in die nach dem Eintreten Karl 
Theodor's in die bayrifche Erbfchaft diefer Nachbar: 
flaat zu Deſterreich kam. Der Verſuch, Niederbayern 
an ſich zu bringen, fcheiterte an Friedrich’ IL- Wi: 
derfiand . (1779), hinterließ aber dem Kaifer das 
wachſame Mißtrauen fo mancher kleineren beutfchen 
Bürften, insbefondere der Herzoge von Pfalz-Zwei⸗ 
brüden, die als bie künftigen Erben Bayerns am 
tiefften bei Joſeph's Abfichten auf dies Land betheis 
ligt waren. Daraus erflärt ſich denn ganz natürs 
ih, baß bie erflen pofitiven Worfchläge zu einer 
Verbindung der beutfchen Zürften zur Aufrechthal: 
tung bed beutfchen Rechtszuſtandes gerade von dem 
Pfalz: Zweibrüdifhen Hofe audgiengen. Diefer Hof 
und unabhangig von ihm ber benachbarte babdifche 
traten gegen Ende des Jahres 1783 zuerſt mit eis 
gentlihen Planen zu einer folhen Vereinigung beuts 
fcher Zürften hervor. Denn das freilih ſchon ältere 
Heflen:Kaflel’fhe Project, auf daB wir unten noch 
einmal zurüdlommen werden, hatte ein Biel vor 
Augen, dad von dem fpäteren Fürftenbund ganz 
verfchieden war. Die geheimen Unterhandiungen, 
die nun Pfalz:3weibrüden mit Preußen antnüpfte, 
wurden zuerſt nicht mit Friedrich II., fondern bins 
ter feinem Rüden mit dem Minifler Hergberg und 
dem XThronfolger, dem nachmaligen König Briedrich 
Wilhelm H. geführt. „Unbelannt mit den ſüddeut⸗ 
fhen Plänen,“ wie ſich unfer Verf. ausdrückt, trug 
fih auch Friedrich II. ſchon feit dem 3. 1783 mit 
dem Project einer foldhen Vereinigung, legte au 
im Mär; 1784 (S. 50) energiſch Hand an’s Werk, 
wurbe aber erſt im April desſelben Jahres durch 
Dergberg wit den fübdeutfchen Projecten bekannt 


— 





gemacht (5. 81). So die Darfielung bed Verf., 
die er mit den ausführlich abgedrudten Actenflüden 
belegt und von der er mit Recht fagen Tann, daß fie 
nach ben. „bürftigen und zum Theil fehr unbeflimm- 
ten Andeutungen bei Hergberg und Dohm“ fiber 
bie vielbefprochene Frage von dem Urfprung des 
deutfchen Zürftenbundes zum erfienmal eine überra: 
fhende Aufflärung“ gibt (S. 9). Wenn er aber 
diefe Aufflärung „eine zugleich erſchöpfende“ 
nennt, fo fcheint doch noch fo manches Feineswegs 
in genügender Weile aufgeflärt, 3. B. das feltfame 
Verhaͤltniß des preußifchen Thronfolgers zum König. 
Aber wie tief auch Preußen fchon feit längerer Zeit 
die Hände im Spiel gehabt haben mag, fo viel leuchtet 
aus ber Darflellung des Verf. ein, daß bad We: 
bürfnig einer folchen Werbindung fein tünflli von 
Preußen eingeimpftedö, ſondern ein burch bed Kai⸗ 
ferd Plane in den verfchiebenften beutfchen Reichs: 
fürften von ſelbſt hervorgerufened war. Dad ergibt 
ſich fhon daraus, daß auch ein Theil der geiftli- 
hen Fürſten, erfchredt durch Joſeph's Verfahren 
gegen Paflau, unter ſich eine Aflociation zu ähnli⸗ 
chen Zwecken ftiftete (vgl. ©. 98 u. ©. 64). 


Sobald nun Friedrich der Große die Sache 
in die Hand nahm, betreibt fie der alte zweiund⸗ 
fiebzigjährige Fürſt mit einer Energie und einem 
Beuer, dem die Thätigkeit feiner Minifter Fincken⸗ 
flein und Hertzberg Taum genug thun kann. „Il 
est de la dernière importance, ſchreibt er unter 
bem 6 März 1784 an feinen Minifter Grafen von 
Sindenflein, de travailler de toutes nos forces 
pour frouver une espece d’association dans l'Em- 
pire, comme la ligue d’autrefois de Smalcalden“ 
(S. 50). Unter dem 24 Dc. ſchickt er dann ben 
Minifteen Findenflein und Hertzberg den meifterhafs 
ten Entwurf zu einem folchen Bündniß, den Hertz⸗ 
berg im Recueil II. 364 veröffentlicht hat und ben 
der Verf. des vorliegenden Werks S. 105 fg. mit 
einigen Meinen Berichtigungen des Hertzbergſchen 


Textes aus bed Königs eigener Handſchrift mittheilt. 


Dennoch wollte die Sache nicht recht in's Rücken 
kommen, als ploͤtzlich ein Ereigniß nach Berlin ge⸗ 
meldet wurde, das den Gang der Verhandlungen 
heflügelte. Gleich im Beginne des Jahres 1785 





war. 


40 


erfuhr man nämlich zu Berlin den Plan des öͤſter⸗ 
reichiſchen Hofes, Bayern von deſſen Churfürſten 
Karl Theodor gegen die Niederlande einzutauſchen. 
Der Verf. theilt das Schreiben des Herzogs Karl 
von Pfalz⸗Zweibrücken vom 3 Ian, und die Be: 
richte feines Minifters, bes Hrn. v. Hofenfels vom 
9 San. 1785 aus bem Berliner Archiv wörtlich 
mit (&. 129 — 136). Aus dieſen Actenſtücken 
wird fi) nun auch der ungläubigfte Zweifler über: 
zeugen, wie groß bamald bie Gefahr für Bayern 
Zum Beleg, wad man in Wien dem Cha: 
rakter des Churfürften Karl Theodor zutraute, wols 
Ion wir eine Stelle auöheben aus dem von Hofen> 
feld nach Berlin gefandten Precis d’une depeche. 
du ministere Imperial addressee a Monsieur de 
Lebrbach ä Munich, concernant le plan preli- 
minaire d’an echange de la Baviere contre les 
Pays-bas Autrichiens. Dort heißt e8 nämlich nad 
den Hauptflipulationen des Tauſchprojects unter Nr. 
4: „qu’il sera reserve ä la Majest& Imperiale de 
faire à volonte des emprunts dans les Pays-bas 
et de 'garder non seulement toutes les troupes 
et JYartillerie qui 8’y trouvent, mais aussi les 
troupes nationales de la Baviere ; l’Electeur ne 
devant au contraire. garder que les troupes pala- 
tines et etrangeres, et S: M. I. renoncant au 
droit, qu’ Elle s’etait reserve d’abord, de Ylever 
des recrues dans les Pays-bas. 


Cette derniere clause fait voir, fährt der 
Precis fort, que le droit de recruter aux Pays- 
bas avait été stipule dans un traite precedent. 


Afın de rendre cet article agreable, on al- 
leguait dans la dite depeche le motif: „que l’E- 
lecteur pourrait employer les revenus, qu'il gag- 
nerait par cet arrangement, à d’autres usages et 
objets agreables, s’il ne vpulait point les destiner 
au militaire“ (S. 131). 


(Sortfegung folgt.) 





Gelehrte 


München. 
Nro. 5. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der 8. bayer, Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen. 


11. Januar. 


1854. 


| « 





Befchichte der preußifhsdeutfhen Uni: 
onsbeſtrebungen feit der Zeit Frie 
drich's des Großen. 





(Eortfegung.) 

Aus dem ganzen Verlauf ergipt fich, daß man 
in Wien die Sache, fo weit fie den Churfürften 
Karl Xheodor betraf, ald abgemacht anfah. Cs 
galt nun nur noch die Buflimmung ber Pfalz:3weis 
brüder- Einie zu erhalten, und biefe Buflimmung 
folte der vuflifhe Gefandte Graf Romanzow vom 
Herzog Karl von Zweibrüden ertrogen. Der Graf 
lad dem Herzog die Depefche über das Tauſchpro⸗ 
ject vor und feßte demfelben einen Termin von acht 
Tagen, um ſich Über feinen Beitritt zu entfcheiben. 
(Der mitgetheilte Driginalbrief Romanzow's an den 
Herzog Karl von Zweibrüden gibt S. 135 die 
urkundliche Beſtätigung biefer ſchon aus Hertzberg, 
Recueil vol. II, p. 294 befannten Xhatfache). Er⸗ 
folge eine abfchlägige Antwort von Seite Seiner 
Herzoglihen Durchlaucht, fügte Graf Romanzow 
hinzu, fo werde man nichts beflo weniger vorans 
fchreiten auch ohne feine Belftimmung und Mitwir: 
tung (8. 132)., Der Charakter des Herzogs war 
der Art, daß ein folder Plan der Einfchüchterung 
nicht übel berechnet fehlen. Allein man hatte fich 
doch getäuſcht. Das Gefühl der Fünftigen Würde 
feines Hauſes regte fih in dem Gemüth bed Her⸗ 
3098, und trefflih berathen von feinem veblichen 
Hofenfeld fchrieb er. dem ruflifchen Gefandten eine 
Antwort, die auf ein Plared und unummwundenes 
Nein hinauslief (hier mitgerheilt ©. 1323 — 134). 


Zugleih galt ed nun aber, diefer verneinenden Ant: 
wort durch einen mächtigen Rückhalt Nahdrud zu 
verfchaffen. Den Weg dazu hatte man fi in der 
Vorausficht folcher Ereigniffe ſchon gebahnt. Es 
kam nur darauf an, die längſt angeknüpften Unter⸗ 
handlungen mit dem Koͤnig von Preußen zum Ab⸗ 
ſchluß zu bringen. 


Friedrich II. verdoppelte nun feinen Eifer. II 
faut. rassembler toute son &nergie et etre tout 
nerf, fhreibt er am 28 April 1785 an Finden: 
flein, pour s’opposer à ces injustes et infames 
entreprises (S. 190). Es verſteht fih von feibft, 
daß wir weder mit den. topflofen Bewunderern de 
großen Königs eine befondere politifche Zugenbhafs 
tigkeit, noch mit den Feinden Bayerns eine aus⸗ 
nehmende felbflvergefiene Großmuth gegen Bayern 
ald das Motiv in bem Handeln Friedrich's des Zwei⸗ 
ten vorausfegen. Was ihn beflimmte, bat er deuts 
lich genug in dem Entwurf vom 74 Dct. 1784 
gefagt, ehe noch die Gefahr wie jetzt ihm auf die 
Nägel brannte. Voilä en gros, fagt er dort (©. 
106), les points importans, qui doivent joindre 
tous les Princes à cette ligue, parceque leurs 
interets sont les memes et que, s’ils laissent 
ecraser quelques uns de leurs egaux , leur tour 
viendra à coup sür, et qu’ils n’auront que le 
privilöge de la grotte de Polypheme, d’etre man- 
ges les derniers, Gemeinſames Intereffe hat den 
preußifhen König und die jüngere Linie bed pfälzi⸗ 
hen Regentenhaufed zur Rettung Bayerns vereinigt. 

Der Berf. theilt nun die wichtigften Actenſtücke, 


Cabinetsordren und Depeſchen mit, die dem defini⸗ 
XXXVII. 5 








43 


tiven Abſchluß der Union vom Januar bis Juli 
1735 vorausgiengen. Dad widhtigfte find nun na⸗ 
türli die Verhandlungen mit den beiden Churhö⸗ 
fen von Sachſen und Hannover. Wer die Stellung 
diefer Höfe, namentlich Sachſens zu Preußen Tennt, 
der wird die Schwierigkeiten zu würdigen willen, 
bie eine Verbindung mit benfelben zu überwinden 
hatte. Mit wahrer Bewunderung liest man deß⸗ 
halb, wie dad Wer? endlich zu Stande kommt durch 
die raſtloſe Thätigkeit bed Königs, der unverwands 
ten Blicks nur auf die Hauptſache hinftrebt, alle 
Nebendinge fallen läßt, durch Widerfland und Hin⸗ 
Derniffe nur noch mehr angefpornt wird. Es hatten 
fih Anflände erhoben über den Drt, an dem vers 
banbelt werben folle. Quant à l’objet du rapport, 
fchreibt der König unter dem 17 April 1785 an 
Findenftein, que Vous m’avez fait avec le Sr. de 
Hertzberg en date d’hier, Je Vous diroi que le 
principal est, que la liaison, dont il est question, 
se fasse; et que le lieu, oü elle sera negociee 
et redigee, n’est qu’un accessoire, qui m’est très 
indifferent (©. 182). Man genehmigte nun übri- 
gend doch von hannover’fhher Seite und ebenfo von 
fächfifher den preußifchen Vorſchlag, die Verhand⸗ 
lungen in Berlin zu führen. Hr. von Beulwig für 
Hannover, Graf von Binzendorff für Churfachfen 
verfügten fi dahin, um mit den preußifchen Bes 
vollmädhtigten Zindenflein und Hergberg über den 
Abfhluß zu verhandeln. Auch hier wies der König 
feine DMinifter an, nur die Dauptfadhe mit allem 
Eifer zu betreiben, in allen Nebendingen, Zormfra: 
gen und dergleichen fih den Wünfchen der fremden 
Minifter zu fügen. So, ald der preußifche Unions: 
entwurf Anftand fand, ließ man ihn ohne Weiteres 
fallen und Iegte bei den Verhandlungen ben han: 


ST 


noverifchen zu Grunde, ben Beulwig mitgebracht ' 


hatte (©. 253). Auf diefe Art Fam nun aber auch 
fhon nad) wenigen Sigungen ber berühmte Grund: 
vertrag des deutſchen Fürftenbundes zu Stande, der 
dad Datum vom 23 Juli 1785 trägt. Der Verf. 
theilt Died wichtige Actınflüd, das zuerſt in Dohm's 
Dentwürbigkeiten Bd. III. Beilage K. veröffentlicht 


worden ift, noch einmal aus dem „Original: Con 


cept fo wie es vollzogen worden“ mit (S. 297 
— 310). Es ergeben fich dabei einige Abweichun⸗ 


44 


gen- von Dohm. Ich will darunter nur bie eine 


hervorheben, daß die Weberfchrift, die der Tractat 


bei Dohm trägt: „Zractat ded Fürftenbundes“ 
nicht aus ber Urkunde, fondern von Dohm herrührt. 
In der Urkunde felbft führt der Wertrag die Ueber: 
ſchrift: „Aſſociations-Vertrag zwifchen den Churfürs 
ften von Sachſen, Brandenkurg und Braunſchweig 
vom 23 Juli 1785,“ und ber Verf. bemerkt dazu: 
„die Bezeihnung Fürftenbund und Tractat de 
Fürftenbundes wurde niemals in ben Acten jener 
Zeit gebraudt, fondern erſt fpäter gebräuchlich und 
ſelbſt officiell (ſ. $. 244 Gutachten unter Friedrich 
Wilhelm II.). Dagegen hatten die Ausdrüde Union 
und Unions-Tractat biefelbe officiele Geltung 
wie Affociation und Affociationd : Kractat 
(S. 298 Anm.). | 


Na dem Abſchluß des Tractats ergab ſich 


noch ein Zwiſchenfall, der für den alten König 


äußerſt charakteriſtiſch iſt und über den der Verf. 


(S. 314 fg.) die zwiſchen dem König und feinen 
Miniftern gepflogene Correſpondenz mittheilt. Bei 
Ueberfendung der für Sachſen und Hannover bes 
flimmten Ratificationd-Urkunden fragten nämlich die 
preußifchen Minifter beim Könige an, ob er nicht 
den beiden unterzeichnenden Gefandten und ihren 
Sekretären das in ſolchen Fällen übliche Geldgeſchenk 
geben wolle. Friedrich erwiederte, da die Miniſter 
für die Geſandten nicht, wie er erwartet habe, Ta⸗ 
batieren oder Lergleichen, fondern baar Geld vers 
langten, fo follten fie ihm die geforderten Summen 
genau fpecificieren. Hertzberg ſchrieb zurüd, 3000 
Thaler in Gold für jeden Gefandten und 500 für 
jeden der beiden Sekretäre fei das herkömmliche Ges 
ſchenk. Friedrich gieng darauf nicht ein, ‚fondern er: 
wiederte: Je viens d’enjoindre à mon Conseiller 
de guerre et tresorier Buchholtz, de commander 


deux bagues ou tabatieres, de 1500 ecus la 


piece, chez les joaillers Baudesson et Reclam, 
et de Vous les remettre des qu’elles serönt pretes, 
avec 1000 e&cus en argent comptant. Ce sont 
les presents que Je destine aux deux ministres 
de Saxe et d’Hanovre, ainsi qu'à leurs secre- 
taires respectifs, qui recevront chacun 500 ecus 
comptant, lors de l’echange des ratifications.- Je 


45 


recommande immediatement aux joaillers, de tra- 
vailler ces deux pieces bien joliment, avec goüt, 
de manitre qu’elles aient une apparence brillaute. 
Sindenftein ſchickte dieſe Entſchließung an feinen 
Collegen Her&berg mit dem Beiſatz: J’en suis fa- 
che & cause de l’effet que cela fera, mais il 
est le maitre, et c’est A nous d’obeir. Der Kb: 
nig aber fam noch einmal an bemfelben Tag auf 
dieſen Gegenſtand zurüd, indem er ben Miniſtern 
fehrieb: Quant aux gratifications à donner aux 
ministres qui ont signe ce traite, comme les 
eaux m’ont cause cette annee-ci de trop grands 
dommages, pour que Je puisse leur faire de gros 
presents, Je ferai acheter soit une bague ou ta- 
batiere avec des brillans, que Je Vous ferai 
passer pour eux avec les 500 ecus qu'il faut 
à chaque secretaire, et que Vous pourrez leur 
remettre (S. 317). 


Nachdem der Zractat mit Sachſen und Hans 


nover zur „Aufrechthaltung „und Befefligung des 


Reichsſyſtems nach dem weltphälifhen und andern 
verbindlichen Reichs⸗Friedensſchlüſſen, der Paiferlihen 
Bahlcapitulation und den übrigen Reichsgeſetzen“ 
abgefchloffen war, wurden die meift ſchon längere 
Zeit im Gange befindlihen Unterhandlungen über 
den Anfchluß der übrigen Reichsfürſten eifrig fort: 
gefegt. Außer dem wegen ber bevorfichenden bay⸗ 
riſchen Erbfolge wichtigften Pfalz⸗Zweibrücken, deſſen 
Accefliond : Acten der Verf. S. 356 — 360 mit: 
theilt, find es befonderd zwei Höfe, die bei bicfen 
Verhandlungen vor anderen unfer Intereffe in Ans 
ſpruch niehmen, nämlih Heffen:Caffel und Churs 
Mainz. An den Landgrafen von Heſſen-Caſſel, 
der ihm theild wegen ber Lage feines Landes theild 
wegen feines Militärd von befonderer Wichtigkeit 
war, hatte Friedrich ſchon im Mär; 1785 den Ge- 
neralmajor Grafen von Görz geſchickt (S. 232). 
Die preußiſchen Worfchläge fanden aber in Caſſel 
nicht die gewünfchte Aufnahme. Hier fland nämlich 
an der Spise des Minifteriumd ein Mann, der 
“feine eigenen felbfländigen Gedanken über die Lage 
der beutfchen Staaten batte, ter General von 
Schlieffen. Weber bie Plane dieſes merkwürdigen 
Mannes geben die Arcivalien, deren Benutzung 


- 


46 


dem Hrn. Verf. zu Gebote fand, nur fehr bürftige 
Auskunft. Natürlih. Denn da Hr. von Schlieffen 
die Stiftung eined Bundes betrieb, Des mit Aus⸗ 
ſchluß Preußens fowohl als Oeſterreichs eine dritte 
Achtung gebietende Macht in Deutfchland aus den 
mittleren und Bleineren Staaten bilden follte, fo ift 
8 begreiflih, daß man über ein ſolches Worhaben 
nicht viel nach Berlin gefchrieben haben wird. Um 
die Benugung ber Gaffeler Archive aber, bie jeden: 
fans merkwürdige Aufſchlüſſe über dieſe heſſiſchen 
Pläne gewähren müſſen, bat der Hr. Verf. für 
bie Periode des Fürflenbundes nicht nadgefucht, 
wahrſcheinlich abgefchredt durch das, was ibm auf 
feine Anfrage in Bezug auf das Jahr 1806 über 
bie dortigen Archive mitgetheilt wurde (Worwort S. 
IV). Wir kennen übrigens die Plane, die Landgraf 
Friedrich II. von Heffen: Caffel auf Antrieb’ feines 
Miniflers von Edylieffen verfolgte, viel genauer, als 
fie der Hr. Verf. bier geben konnte, aus Dohm’s 
Dentwürdigkeiten Bb. 3 ©. 54 fg., worauf aud 
ber Hr. Verf. in einer Anmerfung (S. 235) auf: 
merffam madt. Dohm hatte hier Die befle Quelle an 
feinem $reunde dem Hrn. von Schlieffen ſelbſt, durch 
den er im Jahr 1776 als Profeflor nach Eaffel berufen 
worden war. Den Plan einer deutfhen Staaten: 
Verbindung obne DOefterreih und Preußen, ben 
Schlieffen fhon im Jahr 1763 nicht ohne anfäng⸗ 
liche Ausficht auf Erfolg eifrig betrieben hatte, nahm 
nun Heflen:Gaflel im Jahr 1785 wicher auf. Als 
man aber in Hannover, wohin man ſich wandte, 
keinen Anklang fand, gab man den Gedanken auf 
und trat mit ber Hoffnung, bei bdiefer Gelegenheit 
wo möglich den Churhut zu gewinnen, am 30 Nov. 
1785 dem Bunde mit Preußen bei (S. 3555; vgl. 
&. 235, 361 u. Dohm II. 95). - 


Noch merkwürdiger ald die Verhandlungen mit 
Heſſen⸗Caſſel waren die mit Mainz. An bem Chur⸗ 
fürften von Mainz war Friebrih dem Großen unter 
allen bdeutfchen Meichdfürften bei weitem am meiflen 
gelegen. Mais la grande affaire, f&hreibt er unter 
dem 17 DOc. 1785 an feinen Miniſter, et, ce 
que Je crois le plus important est, de nous 
jeindre T’Electeur de Mayence, par la raison que 
voici. S'il se joint A nous, nous sommes 4 


42. 


Flecteurs, ce qui nous assure de la pluralite 


dans le collöge electoral,” et empechera l’exdcu- 
tion du projet de l’election d’un Roi des Ro- 


mains (&. 366). Aber fo wichtig der Beitritt bes 
Reichs⸗Ertz⸗ Kantzlars dem König von Preußen fein 
mußte, fo fehwierig ſchien dies Ziel zu erreichen, 
und ed mußten bie eigenthümlichfien Umſtände zu: 
fammentreffen, um ba8 Gelingen möglich zu machen: 
der Charakter des Ehurfürften von Mainz, das Miß: 


trauen, das Joſeph's II. Eingriffe gerade auch bei. 


den geifllihen Fürſten wach gerufen hatten, vor 
Allem aber die Wahl des Unterhändlers, dem ber 
König dies ſchwierige Gefchäft übertrug. Auf Ems 
Hfehlung Hertzberg's wurde . nämlich Friedrich Karl 
Freiherr vom Stein zu biefer Sendung auserkoren. 
Mit welhem Eifer, welchem Verfland und welcher 
Tefligkeit der damals erft fieben und zwanzigiaͤhrige 
Staatsmann ſeinen Auftrag ausführte, hat Pertz im 
Leben Stein's (Bd. I. S. 38 — 69) mit Meiſter⸗ 
band gefchildert. Was unfer Verf. aus ben Acten 
mittheilt, dient nur zur Beſtätigung beflen, was 
wir aud Perg bereitd wiſſen. Nur ein paar Klei: 
nigfeiten wollen wir beiläufig bemerten. Wenn es 
1. &. 38 bei Pers heißt, der König babe ber Er⸗ 
nennung Stein’d eigenhändig hinzugefügt, die Main: 

zer Befürchtungen fcheinen übertrieben, „inbeflen 
ſchwimme, aber traue nicht,“ . fo hat fi hier ein 
Schreibfehler eingefhlihben. Es muß heißen: bie 
Bayerifhen Befürchtungen fcheinen übertrieben. 
Im Original lautet ber Zufag in dem vorliegenden 
Bel (©. 199): Il parait par les lettres de Hoch- 
steiter, que les premiers bruits, venus de la 
Baviere, ont été occasionnes par le prompt 
depart de l’Electeur, et que la crainte des entre- 
Pprises, dont on juge l’Empereur capable, ya 
eu plus de part que la réalité; cependant nage, 
mais ne ty fie pas. Die Gerüchte aus Bayern, 
von denen bier die Rede ift, find natürlich nicht 
die Nachrichten Über das Tauſchproject, fonbern eine 
Meldung des Hrn. von Hofenfels, daß der Kaifer 
fih Bayerns durch einen Handflreih bemächtigen 
wolle (&. 185). Æs wäre übrigens zu wünfchen 
gewefen, daß der Hr. Verf. auf Per’ ſchon zwei 
- Sabre vor der feinigen erſchienene Darftellung mehr 
NRüdfiht genommen hätte. Naczutragen gab «6 





48 . 
[3 


„bier, wie gefagt, zu Werk’ aubgegeichnetem Berl 


nicht viel, aber boh Einiges. So bat Pers, ber 
fonft in ‘der Angabe feiner Quellen. mufterhaft ift, 
unterlaffen zu fagen, woher er die Fülle von cha⸗ 
rakteriſtiſchen Thatfahen in feiner Schilderung des 
Mainzer Dofes entnomnien babe. Eine Stelle, die 
unfer Verf. S. 312 mittheilt, wird darüber Aus: 
funft geben. Dort fchreibt nämlich Miniſter Hertz⸗ 
berg unter dem 23 Juli 1785 an Stein nad 
Sranffurt: Je ne manquerai de. faire usage de 
toutes les bonnes observations que Vous avez 
faites dans Votre depöche tres interessante et 
tourä&ee Au mieux, que nous ne tarderons pas 
de presenter au Roi. Noch einen anderen Punct 
will ich erwähnen, der vor mehreren Jahren, che 
bad Lehen Stein's von Perg erfchienen war, ‚große 
Verwirrung in bie Gefchichte feiner Mainzer Sens 
dung hätte bringen können. Schloffer hatte in fei= 
nem berühmten Werke über ‘die Gefchichte des 18 
Sahrhunderts (dritter Band, erſte Abtheilung &. 366 
ber Ausg. von - 1842) die Sendung Stein’s wit 
einigen allerdings ungehörigen Seitenhieben erwähnt. 
Dies veranlaßte einen Verehrer des großen deutichen 
Staatsmannd, in der Augdburger Allgem. Zeitung 
(1843, Beil, vom 12 Ian.) die Behauptung aufs 
zuftellen, der Hr. von Stein, ber damald die preu: 
Bifche Sendung nah Mainz vollzogen habe, fei gar 
nicht der fpäter fo berühmt gewordene Reichsfreiherr 
gewefen, fondern deſſen Bruder, „wie Hr. Schlofler 
aus vielen gangbaren Büchern leicht hätte fehen 
Tönnen.“ Das ließ fih nun ſchon damals aud auß 
gedruckten Quellen ſchlagend widerlegen. Denn in 
den Denkwürdigkeiten Dohm's, deſſen Autorität in 
dieſem Punct Niemand anfechten wird, ſteht Bd. 
III. ©. 86 mit Haren Worten: „An den in man⸗ 
her Rüdficht widtigften von Allen, den Churfürft 
von Mainz, wurde der Freiherr von Stein, damals 
nd rarath in in ber Grafſchaft Mark, ge⸗ 
andt.“ 


(Schluß folgt.) 





Gelehrte 
München. 
Nro. 6. 





herausgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 





Anzeigen. 


13. Januar. 


1854, 





Geſchichte der preußiſch-deutſchen Uni: 
onsbeſtrebungen feit der Zeit Frie 
drich's des Großen. 


(Schluß.) 


In der Note fügt dann Dohm noch eine 


kurze Biographie Stein's bis zu deſſen Thätigkeit 
auf dem Wiener Congreß bei. Das Alles war alfo 
ſchon damals durchaus keine ſtreitige Sache. Pertz 
im Lehen Stein'ß erwähnt (Bd. I. ©. 6), daß 
der älteſte Bruder bed großen Staatsmanns, näm: 
lich Johann Friedrih vom Stein, preußifcher Land⸗ 
jägermeifter und Gefandter König Friedrich Wil: 
beim II. zu Mainz gewefen ſei. Dadurch erflärt 
fih der Mißgriff des Werichtigers in ber Allgem. 
Zeitung. In den Actenflüden, bie bee Verf. mit: 
theilt, kommt nun allem Anfchein nach im Zuſam⸗ 
menhang mit Mainzer Angelegenheiten noch ein drit⸗ 
ter ‚Herr „de Stein“ ald preußifcher Beauftragter 
in Betracht. Unter dem 23 Febr. 1784 erkundigt 
ſich Hofenfeld bei Her&berg über eine Sendung, mit 
welcher der König von Preußen ſchon vor einiger 
Zeit einen Offizier nah Würzburg beauftragt haben 
folle. Hertzberg erwiebert am 13 März 1784: 
Ce quil‘y a de vrai, c'est: quil y a à peu 
pres deux ans que, sur les propositions du Co- 
lonel de Stein, le roi lui a donne la permis- 
sion de faire un voyage dans ces contrees et 
d’approfondir à cette occasion les sentimens des 
chanoines de Bamberg et de Wurtzbourg. Il nous 
a rapporte alors des pidees très authentiques, qui 


\ o . 
cöntiennent les sentimens et les vues de chaque 


chanoine, et selon lesquels le comte de Leyen 
et Mr. de Dalberg auraient les plus grandes 
pretentions et esperances tant pour le siege de 
Wurtzbourg que pour celui de Mayence, etc. 


(S. 66). 


Am 18 Oct. 1785 unterzeichnete ber Churs 
fürft von Mainz feinen Beitritt (Dobm Ill, 200 
gibt die Acceſſionsacte), im Laufe der Jahre 1785 
— 1789 trat ein großer Theil der übrigen deut⸗ 
ſchen Reichöfürften dem Bunde bei. Der Verf. gibt 
©. 355 fg. deren Verzeichniß mit genauer Angabe, 
ob und wann fie dene Haupttractat, den geheimen 
Artikeln u. ſ. w. beigetreten find. 


Nach dem Tode Friedrich's H. (17 Aug. 1786) 
„wibmete fein Nachfolger Friedrih Wilhelm H. in 
den Anfängen feiner Regierung ber Union noch bies 
felbe Xheilnahme, die er als Kronprinz ihr zuges 
wandt hatte“ (S. 396). Natürlich aber mußte der 
-E&ifer erfalten, ald mit Joſeph's TI. Abfcheiben die 
nächſte Veranlaſſung zur Union wegfiel und übers 
dieß bie anfchwellenbe franzöfifde evolution der 
preußifchen wie ber öſterreichiſchen Politik ganz an: 
dere Aufgaben ſtellte. Auf das unerquidliche Ges 
ſchäft, Die durch den Fürftenbund veranlaßten Streits - 
fhriften und wechfelfeitigen Anfchuldigungen zu vers 
zeichnen, wollen wir bier nicht eingehen. Unter 
den Schriften, die in dieſer Sache veröffentlicht 
wurden, finden ſich bekanntlich Meiſterſtücke politis 
ſcher Erörterung. Wir brauchen aber den Abſchnitt, 
in welchem der Berf. (©. 374) davon handelt, um 
fo weniger einer genaueren Anzeige zu unterziehen, 


XXXVIII. 6 


51 


als in Her&berg’6 Recueil Vol. IE und in Dohm’s 
Denkwürdigkeiten Bd. 3, wenn man noch die aud 
. von Dohm (Dentwürd. 3, 143) gerühmte Wiener 
Prüfung und Johannes Müller's Echriften zur Ge⸗ 
fhichte des teutſchen Fürftenbundes (We. Thl. 9, 
Tübingen 1811. 8.) hinzunimmt, das wefentliche 
Material fhon feit Jahren zu Gebote ſteht. 


Wie verfchieden die Urtheile über die Erfolge 
des Fürſtenbundes auch bei den Freunden und Ber: 
theidigern beöfelben waren, das wollen wir zum 
Schluß aus den Schriften zweier bedeutender Zeit: 
genofien darthun. Johannes Müller, der be: 
rühmte Hiftorifer, ließ im Jahr 1787 feine begei: 
flerte „Darftellung des Zürftenbundes“ druden, 
die ſchon im darauffolgenden Jahr in zweiter ver: 
beflertee Ausgabe wieder aufgelegt wurde. Müller 
knüpfte die größten Erwartungen für die ganze Zu: 
Funft des deutfchen Volkes an die Gründung bed 
Zürftenbundes. „Der Water der Menfchen und Gott 
aller Ordnung, fagt er am Schluß feiner Schrift 
(We. Thl. 9. Züb. 1811. S. 310), der von 
Anbeginn der Hiftorie die Erifen der Nationen durch 
taufend unerwartete Wendungen meift allemal für bie 
entſchieden, welche ihrer ſelbſt am wenigſten vergeſſen 
haben, gebe fpäten Geſchichtſchreibern das Glück, „in 
gegenwärtigem-Zürftenbund eine folgenreiche Epoche 
neubelebter Vaterlandsliebe zu finden!“ Und als 
nun dieſe Hoffnungen nicht in Erfüllung giengen, 
machte Müller (1788) ſeiner erbitterten Stimmung 
in der Schrift: „Teutſchlands Erwartungen vom 
Sürftenbunde* Luft. (Vgl. befonders Wie. Bd. 9. 
Tüb. 1811. S. 313 — 320.) „Eins von bei: 
den, heißt e8 dort (S. 320). Der Fürftenbund 
will bloß ben Statum quo; und fo ift er eine ganz 
gemeine Politif gewelen, deren Urheber wohl thun, 
möglichft vielen Weihrauch von Miniſterialruhm bei 
Leibesleben einzufhhnauben; benn bei Nation und 
Nachwelt haben fie ihren Lohn tahin, und ihr Werk 
wirb untergehen, wie dad augenblickliche Bedürfniß, 
woburd ed entflanden ifl. Oder ber Zürftenbund 
ift eine Bereinigung der mandherlei Kräfte u. f. w.“ 
Damit vergleihe man nun, wie Dohm in feinen 
Denkwürdigkeiten Bd. 3, ©. 115 über den Erfolg 
des Kürftenbundes urtheilt. „Der Bund, fo wie 


er war, fagt er, bat alfo feinen nächſten Zweck 
(nämlid den Tauſch von Bayern zu verhindern) 
volfommen erreicht, zum Beweiſe, daß Friebrich die 
Umflände und die Menfchen, mit denen er zu thun 
hatte, fehr gut kannte, und fie weit richtiger beur: 
theilte, als feine Tadler. Er wandte gerade nicht mehr 
Kraft an, als in diefem Falle nöthig war; foldhes 
Maaß genau zu treffen, if kein geringes Verdienſt 
in der Politik, es iſt die Folge eines ſich über Lei⸗ 
denſchaften erhebenden Geiſtes, einer großen Men⸗ 
ſchenkenntniß und eines feinen durch Erfahrung ge⸗ 
übten Geſühls.“ 
R. v. Raumer. 


ZIYPIAIRNOZ TPIKOYOH ITOPIA THF 
“EAAHNIKHZ ’EHANAZTAZERZ. TOMOZ 
A. Spyridion Trifupis’ Gefchichte des helleni- 
fhen Aufftandes. Erfter Theil. London 1853. 





Erfter Artilel. 


Die Griechen, beren Aufftand und Befreiung 
vom türkifchen Zod den inneren Verfall der Zürkei 
am beutlichften enthüllt und am meiften befchleunigt 
bat, haben fhon während des Kampfes und noch 
mehr nach feiner Beendigung Bedacht genommen, 
uns die Thaten und Kataftrophen bdesfelben zu ſchil⸗ 
dern. Es ift diefen Schilderungen vor Allem das 
Lob nicht zu verfagen, daß fie von Ruhmredigkeit 
frei find und fih an das Zhatfächliche halten. Auch 
bedarf bie Darftellung ber bier vorliegenden That⸗ 
fachen Feines äußeren Schmudes und Feiner fremden 
Zuthat, da Fein Krieg der neueren Zeit fo reich an 
den mannigfaltigften Ereigniffen, Charakteren und 
individuellen Thaͤtigkeiten iſt, als dieſer Kampf von 
Volk gegen Volk, der von dem angreifenden ohne 
geordnete Heere, ohne Finanzen, ohne milisärifche 
Bildung und politifche Erfahrung gegen die Haupt: 


macht bed Orients unternommen -und mit Hülfe von 


Europa fiegreih durchgeführt wurde. Die naturges 
treue Darftellung deflen, was während jener fieben 
Sahre voQ Elend und Ruhm, voll Greuel und 
heroifcher Aufopferung auf dem Meere und zu Lande 
gefchehen ift, birgt den Reiz bed Ungewöhnlichen, 
Ueberrafchenden und Anziehenden in fich felber. Durch 
diefe Art der Begebenheiten und ber Erzählung näs 
hert ſich die neugriechiſche Hiſtoriographie fehr zu 
ihrem Vortheil bald dem Epos, bald der Logogra⸗ 
phie des Herodot und, abgefehen von den Reden 


des Thukydides, auch ſeiner draſtiſchen und leben⸗ 


digen Darſtellung, und mit Recht ſagte Niebuhr von 
des vortrefflichen Perrhäbos Geſchichte der Sulioten, 
fie ſei die einzige der neueren Zeit, welche mit Thu⸗ 
kydides könne verglichen werden. Derfelbe neubel- 
leniſche Hiftoriograph hat in gleichem Geiſte die Ge⸗ 
fchichte des Befreiungskrieged geſchrieben; Hr. Spy⸗ 
ridion Trikupis fließt ſich biefem an, und eben 


fommt und die Ankündigung einer dritten zu Ger 


fichte, welche der erſte Lichter und Romantiker des 
neueren Griechenlands, Alerander Sutzos vorberei: 
tet, dem wir bereitd eine fummarifche Darftelung 
jened Krieged in franzöfifcher Sprache verdanken. 


Was daneben befonderd zu wünfchen bleibt, ift, 
Daß dad gegenwärtig lebende Gefchleht der Griechen 
Die ihm hier geftelte Aufgabe ganz begreifen unb 
erfüllen möge. Es handelt fi) von Seite derjenigen, 
die in oder bei den Begebenheiten waren, darum, 
daß fie ihre Erfahrungen und Erlebniffe, ihre Tha⸗ 
ten und Beweggründe entweder ſelbſt aufzeichnen, 
oder Sorge tragen, daß fie aufgezeichnet werden. 
Wer mit jenen zahlreihen Männern, befonders mit 
den Heroen bed Kampfes verkehrt hat, weiß, daß 
in Sedem ein wahrır Schaf don hiſtor iſchem Stoffe 
verborgen liegt, und mit Jedem ein werthvolles 
Bruchſtück und mehr als Ein Kapitel der Geſchichte 
ihres Befreiungdfrieged begraben wird. Ueber Hydra 
haben wir eine Monographie des vortrefflichen Soh⸗ 
ned von Miaulid, Antonio Miaulid, ber in Bayeın 
feinen Tod fand und in Uffenheim begraben liegt. 
Von Spezia, von Pfara, Chios, Samos, Kreta, 
der Maina, Miflolungbi fehlen fie noch. Umfaflen: 
bere Dentwürdigfeiten waren von Dimitrios Ppſi⸗ 


54 


lanti vorbereitet, einem berjenigen griechifchen Häupt- 
linge, bie eines Plaged neben den Alten im Pius 
tarch würdig wären. _ Seine Papiere find aber gro= 
Bentheild in die Hände eined Mannes übergegangen, 
ber fich den leidenfchaftlichften Parteibeftrebungen der 
Capobiftrianer zugewenbdet hat, die den edlen Fürften 
außer Thätigkeit gebracht haben, und alled Anbere 
eher wünſchen, als daß die Gefchichte ihrer Herrfchaft 
in Griechenland durch die Denkwürdigkeiten eines 
folhen Mannes in ihr wahres Licht geftellt werde. 


"Ebenfo hören wir, daß Maurofordatoß, einer ber 


bedeutendſten publiciflifchen Capacitäten und Staatds 
männer ded Landes, und ber mit dem innerften 
Gange der Dinge wohl vertraut ifl, damit umgeht, 
feine Erfahrungen befannt zu machen. Dadfelbe 
wird von General Church erwartet, der am Schlufle 
des Kampfes die definitive Befreiung des wefllichen 
Griechenlands, wie Ypfilanti des Öftlicyen, gegen bie 
MWünfche der capodiftrianifchen Machthaber, die ein 
auf den Peloponnes und einige Infeln beſchränktes 
Griechenland für ihre Imede vorzogen, mit eben fo 
viel Energie als Glück durchgeſetzt bat, und von 
der königlichen Regierung zur Belohnung feiner Thä⸗ 
tigkeit für Griechenland jegt mit der Stelle eine 
Serufiaften bekleidet ift. 


Hr. Zrifupis, von beffen Geſchichte des helle: 
nifben Aufftands der erfte Band vorliegt, war zu 
dem Unternehmen wie wenige vorbereitet. Er war 
fhon als Knabe von bem edlen Lord Gilforb unter 
die Zahl junger Griechen aufgenommen, denen der⸗ 
felbe eine gute Erziehung und Bildung zu geben 
bedacht war, und wurde ih den ber Ankunft des 
Königs unmittelbar vorangehenden Beiten in ben 
Gang der Begebenheiten bineingezogen, in benen er 
gegenüber den verfchiebenften Anforderungen und Pars 
teibeftrebungen den Charakter eined ehrenbaften, wahrs 
heitöliebenden und mäßiggefinnten Patrioten bewährt 
bat. 


Eben dasſelbe tritt und auch in feinem Bude 
entgegen. Er bat fid mit raftlofem Eiſer bemüht, 
die echten Urkunden ber Begebenheiten zu fammeln 
und aus den oben bezeichneten Quellen nach leben⸗ 
diger Weberlieferung ſehr reichlich geicöpft. Zaft 
jede Seite liefirt den Beweis, daß er dad viele 


55 ⸗ 


und bedeutſame Einzelne, durch deſſen genaue Auf: 
zeihnung feine Befchichte Leben, Geflalt und Farbe 
gewinnt, von den Handelnden und ihren Gefährten 
feibft erfundet und es mit Gewiflenhaftigkeit und 
Vorſicht benusgt hat. Man fühlt überall hindurch, 
daß er bie Wahrheit fagen will und zn fagen weiß. 
Er ſelbſt bemerkt darüber, baß er feine Nachforſchun⸗ 
gen über das Gefchehene nad) der Art und Weife 
geführt hat, welche Thukydides ald die feinige bes 
zeichnet und zur Allgemeingiltigkeit erhoben hat. 


Seine Darſtellung ift einläflig ohne Weitſchweifig⸗ 
keit, Har und bei aller Lebhaftigkeit von fefter Haltung 
und Mäßigkeit, fein Urtheil faft überall von einer Un: 


-befangenheit, die Fein Gebrechen, Teine Schuld feiner 


Landsleute, Feine gute Eigenfchaft auch bed Gegners 
übergeht, und fein Urtheil meift das eines Staatsman⸗ 
nes, den die Begebenheiten, Gefahren und Kataflrophen 
fetbft gereift haben; ber Stil von fchlidhter, edler 
Einfachheit. Dabei ift die Sprache, ohne ben Cha⸗ 
rafter der neuen zu verleugnen, im Gebrauch ber 
Worte und im Bau der Perioden der alten fo nabe 
gebracht, daß man oft glaubt, einen althellenifchen 
Hiftoriker zu leſen, der nur leichte Alterierung ber 
klaſſiſchen Sprache erfahren hat; gleichwohl ift ihm 
gelungen, fi von den engen Schranken und dem 
Bwange eined ber. Gegenwart nicht mehr zuſtändigen 
Atticiömud fern zu halten. Es if der Stil de 
edlen und großen Korais, ben er ſich anzueignen 
bemüht war, jenes unfterblichen Lehrers des neuen 
Griechenlands, deſſen Iegte Schrift die capodiflriani- 
fhe „Rationalverfammlung“ zu Nauplia in öffent: 
licher Sigung dem Feuer übergab. Endlih läßt 
fi nit verkennen, daß feine geichichtliche Darftel- 
lumg eine wohlberedinete Beziehung auf die Segen: 
wart hat, die ihm befonderd unter dem wohlgefinn- 
ten heil des gebildeten englifchen Publitums einen 
großen Erfolg fichert. Denn Niemand, der ihn liebt, 
kann ſich dem Eindrud entzieben, daß die Griechen 
bei ihrem Unternehmen im vollen Recht waren und 
bei deſſen Ausführung ungeachtet aller Mängel und 
Störungen fi mit großer Hingebung, tiefer Ein: 
fit umd unbeugbarer Männlichkeit benommen, das 


durch aber fih daB Recht erworben haben, neben 


ben begabteften Voͤlkern einen chrenvollen Platz eins 





zunehmen. Der Get des wahren Englänbers if 
der edlen Sache bed neuen Hellad immer günflig und 
zugewendet geweſen; davon zeugen die Namen eines 
Lord Byron, Hamilton, Gordon, Malcolm, Corhräne 
und anderer hochherzigen Britten, welche fie zu ber 
ihrigen gemacht und großentheild ihr Grab in Gries 
henland gefunden haben. Erſt na dem Tode des 
größten englifchen Staatsmanns neuer Zeit, Georg 
Ganning’s, der die glüdliche Durchführung der grie⸗ 
chiſchen Emancipation angebahnt hat, fank die eng: 
lifche Politik gegen Griechenland eine Beit lang in 


den engherzigen Geift der Krämerei und ber politifchen 


Borniertheit zurüd, welche mit dem Verkauf von 
Parga an Ali Paſcha ſchon früher zum Vorſchein 
gefommen war, und in dem „vorgeblichen“ Schutze 
bed portugiefifhen Juden Pacifico feinen Gipfel er: 
reicht bat, jeßt aber in der edlen und männlichen 
Sefinnung des größern Theils der England lenken: 
ben Staatsmänner fein Ende erreicht zu haben feheint. 


Hr. Trikupis ſchickt eine ausführliche Charak⸗ 
teriſtik des griechifchen Aufflandes voraus und zeigt, 
wodurch er von allen Auffländen chriftliher Völker 
gegen ihre Regierungen verfchieden war. Die Grie- 
hen hatten es nicht mit einer.gefeglichen Regierung, 
fondern mit einer barbarifch, gebliebenen Macht zu 
tbun, die flatt den eroberten Ländern einen erträg- 
lichen Buftand des Rechtes und des Schutzes zu 
gewähren, fie mit einer unmwandelbaren deſpotiſchen 
Gewalt nieberbeugt, und auf Knechtſchaft und. 
Ausbeutung der Unteriochten gegründet, durch ihre 
Demürhigung und Schwächung fih zu fchügen bes 
müht war. i 


Schuß folgt.) 





Gelehrte 
München. 
Nro. T. 


% 


— er 


ZIAYPIAIQNOZ TPIKOYIH “ISTOPIA THX 
EAAHNIKHS 'EHANAZTASEOZ, 





Schluß.) 

So lange die Nation in ihrer Iſolierung von 
Europa, ſeiner Bildung und ſeiner commerciellen 
und politiſchen Thätigkeit fern gehalten wurde, 
ward die Unterwerfung mit Ergebung in ein Schick⸗ 
ſal getragen, das ein unwanbelbares zu fein ſchien; 
als aber die Türken blieben, was fie waren, un: 
wiffend, rathlos und arm, bie Griechen hingegen 
anfangs durch Klephten und Armatolen zu kriegeri⸗ 
fcher Xhätigkeit, bald durch die Berührung mit eu⸗ 
ropäifcher Bildung, durch Unterricht und Schulen zum 
Bewußifein ihrer Lage und Kraft erwacht waren, 
ald ferner der fih von den Inſeln in mehrere Puncte 
des Feſtlandes von Europa und Afien ausbreitende 
Dandel ihnen. Reichthum zuführte, Flotten fchuf, 


- Seemänner bildete und im Kampfe mit den Bars ' 


baresten Seehelden vorbereitete, war ein Beiſam⸗ 
menbleiben des veralteten Türkenthums und bes 
aufftrebenden Neugriechenthums undenkbar. Der neue 
Geiſt brach durch die harten aber roſtigen Feſſeln, 
und die Wiedererſcheinung der Hellenen auf der 
Bühne der Weltgeſchichte unter ber Aegide des Kreu⸗ 
zes und ihrer Vorzeit war die Frucht desſelben, von 
der Europa überraſcht und zuletzt in jene Betheili⸗ 
gung an dem Kampfe geführt wurde, der mit der 
Schlacht bei Navarin ſein Ziel erreicht hat. 


Herr Trikupis ſchildert dieſes Erwachen und 
Aufftreden in den Hauptzügen — das Einzelne wird 


berausgegeben von Mitgliedern 
der & bayer, Akademie der Wiſſenſchaften. 





Anzeigen 
J— 


beſondern Abſchnitten über den Eintritt des Pe⸗ 
loponneſes, des Feſtlandes und der Inſeln in den 
Kampf vorbehalten — und geht dann zur Vorbereitung 
desſelben, d. i. zur Schilderung der Hetärie und 
ihrer Thätigkeit über. 


Die Hetärie, in Athen gegründet, war urfprüng: 
lich eine mufenfreundliche (geAomovaos), fland aber 
dadurch mit den allgemeinen Beſtrebungen der Wa: 
tion in Verbindung, -baß fie ſich die Gründung von 
Schulen in der künftigen Hauptſtadt von Griechen⸗ 
land und den Schuß ihrer weltberühmten Atterthüs 
mer zum Biel ſetzte. Sie erweiterte fi auf dem 
Wiener Congreß unter Vermittlung des Grafen Jo⸗ 
hann Capodifiria durch Beitritt des Kaiſers Aleranz 
der, ber bdeutfchen Könige und vieler Fürften unb 
Staatsmänner, und wurde durch bie reichen ihr nun 
zufließendben Mittel in den Stand gefest, ihre Bes - 
firebung über Athen auf andere Hauptpuncte von Gries 
chenland audzudehnen und jungen Griechen das Stus 
dium auf den Schulen und Univerfitäten von Eus - 
ropa, befonders von Deutfchland, möglich zu machen. 


Auf Antrag des Grafen Capodiſtria, den ic 
darüber in Paris ſprach, und unter Verweypdung Gr, 
K. H. des Kronprinzen Ludwig von Bayern wurde ber 
Sig berfelben nad Münden verlegt, aber ihre Leis 
tung kam nicht, wie man wünſchte, unter die Aka⸗ 
demie der Wiſſenſchaften, fondern durch Vermittlung 
ber Grafin Edeling, einer Schweſter des ruflifchen 
Staatsrathes Stourza und Freundin von Capobiſtria, 
in die Hände des Philoſophen Franz v. Baaber, 
ber bei’ großen Vorzügen bed Geiſtes und Herzens 

XXXVIII. 7 


für Verwaltungsgefchäfte ganz ungeeignet war, und 
eines damals in Münden ftudierenden Griechen, Nic. 
Stufos, den fpäter Alerander Ypfilanti in der Pro: 
. elamation, mit welcher er von dem Schauplag feiner 
Thaten ſchied, als einen gYavkloßıos bezeichnet hat. 
Nach diefen Vorgängen ift von der Hetärie der Mus 
fenfreunde, ihren, Wirkungen und Erfolgen nichts 
mehr zur öffentlihen Kunde gefommen. 


Auch wurde die Aufmerffamkeit von ihr, wenn 
auch erft fpäter, auf eine andere Hetärie der Be: 
freundeten (drueia zuv gılıxöv) gerichtet, welche 


fih aus Mitgliedern der andern, wiewohl unabhäns . 


gig von ihr, zu Gonftantinopel gebildet hatte. Diefe 
war mit Unterordnung des Bmweded der Bildung 
der Nation unmittelbar auf den Bruch des türli- 
[hen Joches gerichtet und eben dadurch veranlaßt, 


fih und ihre Mitglieder in dad Geheimniß zu hüllen 


und fih mit Ausſchluß aller Fremden allein auf 
Griechen zu befchränten. Sie war anfangs ganz 
ohne Mittel und fociale Bedeutung, nur ber Archi⸗ 
mandrit Anthbimoschazid, aus Theffalien, ein ald 
Gelehrter und Echrififteller berühmter Mann, def: 
fen „gelehrter Hermes“ (Eos 6 Aoyıos), welcher in 
Wien gedrudt wurde, zur Verbreitung wiflenfchaft- 
licher Beſtrebung und patriotifcher Gefinnung mäd)- 
tig gewirkt hat, erfcheint in der Liſte der Gründer 
jener politiſchen Hetärie ald eine nationale Notabis 
lität. Was ihr aber abgieng, wußte fie durch Rüh: 
rigkeit, dur) dad Geheimnißvolle ihres Auftretens, 


durch Bervielfältigung ihrer Emiffäre, weldhe bald 


alle Provinzen der Türkei überzogen und durch das 
Vorgeben einer hohen und mächtigen Leitung ober 
Regierung (dıymdn) doxn) zu erfehen. So aufgeregt 
waren durch die inneren, von ber Hetärie unabhän- 
gigen Bewegung, und durch bie fiegreiche Beendi⸗ 
‚gung der europäifchen Befreinngökriege die Gemüther 
aller Schichten der griechifchen Bevölkerung, baß bie 
Sendboten mit ihren Enthülungen, Behauptungen 
und Forderungen überall Eingang fanden, und faft 
war nirgendd mehr einer der Capitäne, Primaten 
und Häuptlinge bes Klerus zu finden, der nicht in 
das Geheimniß gezogen und für die Zwede der Be 
freiung von Griechenland thätig war; gleichwohl 
Fonnte Niemand dahinter fommen, wer denn eigents 


lich bie oberfie Gewalt habe und das Ganze Leite, 
Daß Kaifer Alerander, daß feine Dinifter, der Grie⸗ 
che Gapobiftria zur Hetärie der Mufenfreunde ge 
hörten, wußte man, und bie politifche Hetärie ber 
Befreundeten wurde von biefer nicht freng ge⸗ 
fhieden. Was Wunder alfo, daß man den Mittel: 
punct der Bewegung in Peteröburg, im Palaſt des 
Gzaren felbft fuchte, zumal man die Erhebung deö 
morgenländifhen Kreuzes und des orthodoren Glau⸗ 
bend als das Hauptmotiv derfelben zu fhildern be: 
müht war? " 


Während dieſes gefchah, wurde ber Dynaſt von 
Epirus, Ali Pafha, der feine Gewalt über daß 
Seflland von Griechenland und über Theſſalien aus: 
gebreitet hatte, zum Bruche mit ber Pforte getrie: 
ben und dadurch beftimmt, ſich ben Planen ber Hes 
tärie hinzugeben und fie, fo weit es feinen Berech⸗ 
nungen taugli war, zu unterflügen. 


Für die Griechen entiprang Daraus ber große 
Vortheil, daß beim Ausbruch der Hetäriftifchen Auf: 
ftände die Hauptmacht der Türken von ben griechi⸗ 
fhen Provinzen abgelentt und nach Epirus gerichtet 
wurbe, wo man vor Allem ben Herb ber Revolution 
glaubte zerftören zu müflen. Auf die Führer der 
Hetärie aber wirkte der Ausbruch dieſes türkifchen 
Bürgerkrieges fo gewaltig, daß, obwohl nichts vor: 
bereitet und Europa unter Herrfchaft der „heiligen 
Alliance“ jedem Aufftand entgegen war, fie den Be: 
fhluß faßten zur That Überzugehen. Es galt zu: 


nächſt ein Haupt bed geheimen Bundes aufzuftellen. 


Man warf zunähft die Augen. auf Johann Capo: 
diftria , aber ihr Sendbote Emanuel Renthos aus 
Ithaka wurde von diefem herb angelaflen: Er fe 
ein Schwinbler und werde beitragen, dad Volk in 
fein Verderben zu reißen. Da wandte ſich Renthos 
auf eigne Hand an ben Zürften Alexander Ypfilanti, 
fand dieſen bereit, als Haupt an die Spige des 


Bundes zu treten und ließ ihn die Urkunde unterzeich⸗ 


nen, bie ihm die Hetärie eventuell für das Bundes: 
haupt audgeftellt hatte. Keinen andern Grund und Bein 
anderes Recht hatte der junge, der ehrgeizige und 
leichtbeweglihe Fürſt, fih ald das Oberhaupt ber 
helenifchen Nation zu betrachten, als folcher alle 


Macht in Ach zu vereinigen ‚ und balb darauf mit 
wenigen Zreunden in der Moldau aufzutreten, als 
gälte es nicht erſt einen Thron zu erobern, fondern 
einen ſchon aufgerichteten zu befteigen. 

(Ein zweiter Artikel folgt fpäter.) 





Aetenftüde und Briefe zur Geſchichte Kaifer 
Karl V. Aus dem k. k. Haus:, Hof⸗ und 
Staats Archive zu Wien mitgetheilt von Dr. 
Kor! Lanz, correfpondirendem Mitgliede der 
faiferl. Akademie der Wiſſenſchaften zu Wien: 
Wien. Aus der faiferlich: toͤniglichen Hof: nnd 
Staatsdruderei. 1853. 

Auch unter dem Titel: 

Monumenta Habsburgica. Sammlung ven 
Hetenftüden und Briefen zur Geſchichte 
des Haufes Habsburg in dem Zeitraume 
‚von 1473 bis 1576. Herausgegeben von der 
hiftor. Commiſſion der Faiferl. Akademie der 
Wiffenfhaften zu Wien. Zweite Abthei- 
lung: Keifer Karl V. und König Phi: 
lipp U. Erfter Band, Wien. Aus der f. f. 
Hof: und Staatsdruderei. 1853. 


- 


Wie fchwer und mühfam wirb die Geſcichte 





zur Gefchichte! Wie lange dauert ed, bis das Bild - 


feibft der hervorragendften Männer, der gewaltigften 
Zührer und Beherrſcher ihrer Zeit, auffteigt im Lichte 
der hellen Wahrheit; frei vom Aufputze einſeitiger 
Parteiliebe, wie von den Makeln des Haſſes, ſo wie 
die Perſonen leibten und lebten und nicht mehr ſcheu 
bemäntelt aus ängſtlicher Rückſicht, die da wähnt, 
der Vorfahren Tugenden oder Fehler vermöchten den 
eigenen Werth zu fleigern ober zu verringern und 
gäben für dad allgemein fittliche Urtheil der Ges 
genwart ſühlbaren Ausfchlag. 

Es find nun volle drei Jahrhunderte, feit bie 
legten wichtigeren Greigniffe unter Kaifer Karl V. 


Regierung eingetreten find, und jegt erſt gelingt es 





Geiſt beherrſchten Civilifation. 


uns, bie Inneren Beweggründe ſeines Handelns dar⸗ 
zulegen, fein Einnen, Denken und Wollen klar zu 
ſchauen und fo jenen Wann in feinem Weſen zu 
erfennen, jenen Zürflen gerecht und nah Verdienſt 
zu würbigen, in beflen Hände, von einer Geite 
wenigſtens, das Schidfal des europätichen Abenblans 
bed gegeben war, und der durch feine befondre Auf: 
faffung der Beit und durch feine individuelle geiflige 
Richtung, vote durch die Kraft feines Willend und 
den Einfluß feiner Stellung bem politifhen Drama 
der neueren Geſchichte, vorzüglih für Deutfchland, 
eine entfcheidende Wendung gegeben bat. Karl V. ift 
gleihfam der „articulus rerum Germanicarum® : frin 
Weſen, feine Ideen gehen mit der Entwidiung des 
beutfchen Weſens, ber deutfch:nationalen Ideen nicht 
in parallelem Lauf, fie durchkreuzen fih, fo oft fie 
fich treffen, und der Zuſammenſtoß fo gewaltiger Kräfte 
verurfadht in narürlicher Weife tiefe Erfgütterungen,. 
gewalifame Ablöfungen. 


Karl V. Zeit it' der letzte große Moment des ſich 
zerſetzenden und ſinkenden römifchen Reiches „deutſcher 
Nation.“ Kein folgendes Zeitalter hat mehr zugleich 
durch die Fülle und die Kernhaftigkeit der Ideen, 
wie durch die Kraft und den Muth ihrer Träger, 
durch die Energie der Fürſten und die Ausdauer 
der Wölker, der Gefchichte des Waterlanded Leben, 
Fortſchritt und Selbſtändigkeit gegeben. 


Was damals gedacht, gefunden und geſchaffen 
worden ift ober gefchaffen werden follte, das ift noch 
heute das bewegliche Zluidum im großen Körper 
der europäifchen, vorzüglich durh germaniſchen 
t Selbſt die Schaus 
pläge des neuen gefellfchaftlichen Völkerlebens haben 
fi nur infoferne verändert, als der Plan fi er: 
weitert, die Arena fich vergrößert hat, und neue 
mächtige Mitbewerber um ben Siegerpreiß, um bie 
geifige und politifche Hegemonie des Abendlandes, 
in die Schranken getreten. find. 


Oder iſt ed zu leugnen, daß alle jene großen 
ragen, welche fih Karl dem Hünften bei feinem 
Regierungsantritt ald König von Spanien und Kal: 
fer bed deutſchen Reiches entgegenftellten,, fi ans 
noch im Stabium ihrer Löfung befinden? 


Hat etwa die kirchliche Heform duich bie Sti⸗ 
pulationen des Paflaner Vertrages und die Artikel 
des Augsburger Religionsfriebend in bie engeren, 
Geiſt und Entfaltung abermals preffenden Schranken 
gebannt werden können? ift nicht dad Widerſtreben 
. gegen den Zwang bed Buchſtaben bald ebenſo groß, 
als damals gegen die Herrfchaft des Pabſtes? Liegt 
nicht das herrliche Stalien immer noch da als Lock⸗ 
ſpeiſe der ſich eiferſüchtig bewachenden Nachbarn? 
Iſt die burgundiſch-ſpaniſche Erbſchaft zu allgemei⸗ 
ner Zufriedenheit in letzter Inſtanz bereinigt? Sind 
bie Völker an der Donau und Theis verſöhnt und 
‚gewonnen? Hängt nicht gerade jetzt über dem fd ön: 
umbordeten Bosporus eine dunkle wetterſchwangere 
Wolke, die uns viel näher, viel gefährlicher droht, 
als einft die Sturmflut ber Heere Suleiman des 
Prächtigen oder bed Friegslufligen Kara Muftapha ? 


- Wer alfo durch Erfhlug neuer Quellen 
neues Licht auf jene großartige Periode der Welt: 
geichichte verbreitet, der erwirbt ſich damit auch ein 
offenbared Verdienſt um unfere Zeit, wenn fie 
anders fähig ift, aus der Wergangenheit den noth⸗ 
wenbigen Entwidiungsgang ber Gegenwart zu er: 
fafien und in bewußter Kraft zu eignem Heil zu 
verwenben. 


Seitdem Leopold Hanke die Gefchichte des 
16. Zahrhunderts vielfach aufzuhellen begonnen hat, 
iſt es nametlih Hr. Dr. Karl Lanz, welder 
durch WVeröffentlihung von Staatsurfunden und 
Correfpondenzgen Karl V. ſich verdiente Lob 
erworben und dieſes durch die Herausgabe ber oben: 
genannten „Actenflüde und Briefe zur Gefchichte 
Kaifer Karl V.“ neuerdings in anfehnlichem Grade 
geſteigert hat. Es iſt ein gutes Zeichen und beurkun⸗ 
det, wie der Sinn für hiſtoriſche Wahrheit ſich ge⸗ 
läutert hat, daß man nicht mehr mit Auszügen oder 
Studien der Quellen ſich begnügt, ſondern die Ur⸗ 
ſchriften und Documente in beglaubigtem 
Abdruck ganz und wortgetreu vor Augen haben 
will. Freilich mußte der Mißbrauch, welchen auch 
das juͤngſte Geſchlecht noch, wo es verſtohlens zu 
gehen ſchien, mit den Zeugnifſen der Vergangenheit 
gemacht bat, vyon ſelbſt zu dieſer Sorberung bins 
drängen, 


So hat denn Hr. Dr. Sanz, und zugleich 
die k. % Alademie in Wien, welche ihm bie 
Archive öffnete und die Herausgabe übernahm, ge 
rechten Anſpruch auf. offene ‚Anerkennung. Möge 
diefelbe auch fürder in iheen edlen Beflrebungen 
und großartigen Leiflungen vom gleichen Geifte des 
Sreifinnd und der Wiſſenſchaftlichkeit begleitet und 
befhirmet bleiben. 


Diefe Veröffentlihung gehört zur zweiten Abs 
theilung bee „Monumenta Habsburgiea.“ 


Dieſe find beflimmt, wie das Vorwort der hiſtori⸗ 


fhen Commiſſion befagt, „die ſämmtlichen Verhält⸗ 
niffe des Haufes Habsburg in dem Zeitraume von 
1473 bis 1576 (das ift vom erften Entwurfe zur 
burgundifchen Heiratb, Marimiliand ded Erften bis 
zum Tode Marimilians des Zweiten) vollſtaͤndig zu 
beleuchten.“ 


„Die erſte Abtheilung iſt der Zeit Kaiſer Ma⸗ 
ximilians des Erſten gewidmet, vom Beginn ſeiner 
perſoͤnlichen Erſcheinung auf dem Schauplatze der 
deutſchen Geſchichte neben ſeinem Vater, Kaiſer 
Friedrich dem Dritten.“ 


„Die zweite Abtheilung if beſtimmt für Kai⸗ 
fer Karl den Zünften und feinen Sohn K. Phi: 
lipp II.“ 


„Die dritte Abtheilung enblih fol die Ge 
fammtverhältniffe Kaifer Ferdinands I. und feines 
Sohnes Kaifer Marimiliand des Bweiten er⸗ 
fchöpfend "durch hiflorifche Belege in's Licht ſtellen.“ 


(Sortfepung folgt.) 


Gelehrte 


München. 


Nro. 8. . 


berausgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiſſenſchaften. 


Anzeigen. 
18. Januar. 


1854. 





Astenfläde und Briefe zur Geſchichte Kaiſer 
Kari V. 





(Bortfegung.) 

Dieſer Band gibt und die Actenflüde aus den 
Jahren 1513 bis 1521, oder vornämlidd vom 9. 
21516 bis 1521, und zwar betreffen diefelben in 
hervorragender Ausdehnung jene Verhältniffe, welche 
den Erzherzog und König Karl am meiften bes 
fchäftigten und die zum Theil auch nach feiner Kais 
ferwahl noch ſehr fhwer in die Wagſchale fallen. 
Es find died die Verwicklungen mit Frankreich 
in der italienifh = burgundifhhen Frage vom 
Zrieden von Noyon (Auguſt 1516) bis zum 
Congreß und Bertrag von Calais (November 
1521), Verwicklungen, die bekanntlich durch das 
Benehmen der englifhen Regierung unter Hein» 
rich VEIT. und feinem erften Ratbgeber, Cardinal 
Wolfen, die rechte diplomatifche Färbung erhalten. 


Wenn man biefe Actenftüde liest, fo erflaunt 
man billig, wie fhon damals die Schreibfeligkeit in 
den Gabinetten ebenfo groß war ald die Kunft zu 
zög:ın, Schwenkungen zu machen, immer wieber 
Einreden zu flellen und fo mit ber legten Abſicht hin⸗ 
ter dem Berge zu halten. Die Inftructionen, welche 
Karl an feine Gefandten in London und Galais 
ertbeilt, und die Berichte eines Battinara und 
des Wifchofs von Babajoz, Bernardo de Mefa, 
können an Feinheit, Ausführtichleit und Berechnung 
mit den berühmten Staatöpapieren der Benezianifchen 
Ariftokratie wetteifern. Eſ iſt überhaupt, ganz rich⸗ 

I 


⸗ 


tig, was irgendwo über die Regierungen von Bes 
nedig und Madrid bemaft if: „ces deux gou- 
vernements etaient profondement instruits de toutes 
les 'intrigues politiques qui froublaient l’Eurnpe 
depuis le tems de Charles-Quint jusqu’a la fin 
du 18° siecle.“ 


Während der langwierigen Unterbandlungen in 
Calaid gibt «8 Wochen, wo fat Tag für Tag ent: 
weder Berichte der Gefandten aus Galaid an den 
Kaifer einlaufen oder von biefem weitere Verhal⸗ 
tungöbefehle an jene abgehen. Dazwiſchen bieibt 
berfelbe in lebendiger Correſpondenz mit dem herrſch⸗ 
füchtigen , verfchmisten und vollmäctigen Wolfen 
und mit König Heinrih VIII. feibf. Nimmt man 
dazu die ungeheure Aufgabe zugleih Epanien und 
Portugal, Deutfhland und Italien, die Türken und 
die trandatlantifchen Groberungen fletd im Auge zu 
haben, und jedem Bericht die durch die Verhältniſſe 
gebotene volle Aufmerkſamkeit zu fchenten, fo zeugt 
dies allein von einer Arbeitöfraft und geifligen Be⸗ 
fähigung, welche Karl V. ber Reihe hochbegabter 
Regenten unzweifelhaft zugefellt. 


Sehr intereffant ift für und der Eon jener Cor 
refpondenzen; Karl weiß vortreffiih auch bringliche 
Umflände, z. B. einem Wolſey gegenüber, nur fo 
Darzulegen, daß er damit dem Talente und dem 
Eifer des Adreſſaten felbft ein Eompliment macht. 
Aus dem „monsieur le cardinal“ ober „monsieur 
d’Yorck“ ber erflen Zeit (vgl. Nr. 17, 189) — wo 
es fih um ein Anlehen in England handelt — 
wird: fpäter der „monsieur le cardinal , moR bow 

XAXXVMI. $ | 


67 


amy,“ (vgl. Nr. 81, 89) dem der Kaifer nicht 
bloßen Dank in Worten verfpridt: „monsieur le 
legat, je cognois bien, que par vostre bonne 
loyaulté et grand prudence il n’est besoing vous 
reconımander mes affaires: car vous les avez au- 
stant a cueur comme ceulx propres du roy mon 
bon oncle. Dont je vous suis grandement tenu: 
ei ne me Hrouverez prince ingral, muis ay bon 
espoir vous donner u cognoistre par effect, que 
je suis vostre bon amy, comme scet monseigneur 
qui vous doint, monsieur le legat mon bon amy, 
ce que plus desirez.“ Vgl. Nr. 148 d. d. 2 
December 1521. 


Ueberhaupt geftattet uns biefe Sammlung man: 
hen tieferen Blick in die Seele des vielgenannten 
Gardinald von York. Auch er weiß feine Dienft: 
fertigleit gar gut an's Licht zu fielen: „Sire, apres 
mes treshumbles recommandacions a vostre sa- 
cree et royalle maieste devez, moy comme ung 
de voz plus loyaulx serviteurs el conseilliers, le- 
quel n’a moins d’esgard a l'honneur et sceurte 
de vostre royalle persnnne, et a l’avancement 
de voz affaires, que a celles propres du roy, 
mon maistre“ — fehreibt er d. d. 20 Dct. 1521 
(Nr. 129). Vgl. Nr. 145: mon vray loyal et 


affectionne cueur, vouloir et- intencion envers 


vostre maieste jumais ne faillira, ei n’ auray. 


moindre esgard a vustre honneur, exaltacion el 
sceurle, que a celluy du roy, mon maistre. Et 
en telle effectuelle maniere me mectray en mon 
devoir a l’advancement de voz affaires, de sorte 
que vostre dite maieste Apperceura par ce evi- 
damment, que la confiance, amour et affiance la- 
quelle vous avez et portez envers moy, n'est 
pas en vain mise ne empinye sur ma poure 
personne. Auf der andern Seite weiß aber aud) 
der fpanifhe Geſandte die gute Laune des Cardi⸗ 


nald audzubeuten, und die rechte Stunde zu erha⸗ 


ſchen: FIIla nocte, fehreibt der B.fhof von Babajoz 
d. d. 12 Dec. 1521, cardinalis non potuit mecum 
aliquid tractare, quia rex recessit hora nimium 
tarda; sed sequenti die hora prandii ego fui se- 
cum et in primis cum vidissem eum bene disposi- 
tum in rebus muieslalis veslrae, incepi agere etc. 


Zeigen und die zahlreichen und gründlichen Berichte 
Gattinara's aus Calais die Politit des berühmten 
Diplomaten, feine Kunft zu ſchweigen und zu reden, 
fo tritt und in den Echreiben ded Biſchofs von 
Badajoz aus London, im Monat December, als nad 
Leo’ X. Tod der päbftlihe Stuhl zu befegen war, 
die Natur des Mannes in vollem Lichte entgegen. 


Karl Hatte feinen Sefandten in London auf 
die Nachricht von dem Hintritte des Pabſtes fofort 
über die nothwendigen Rüdjichten auf Wolfey auf: 
merkſam gemacht in einem Schreiben d. d.. Gent 
16 Dec. 1521: „d’aultre part vous direz de par 
nous a monsieur le legat, comme nous avons 
tousiours en nostre bonne souvenance son avan- 
cement et exaltacion, et le tenons racord des 
propos que luy avons tenuz a Bruges touchant 
la papalite, ensnyant lesquelz et pour Veffect 
de ce sommes deliberez l’ayder de nostre pouvoir, 
tant en cestuy affaire que aultres que luy pour- 
roient toucher. Parquoy le requerrez, quil vu- 
elle dire son advis, s’il y a quelque affection; 
el nous nous y employerons Ires voluntiers sans y 
riens epargner; combien que faisons doubte, que 
la chose sera tardifue, et qu'il en soit desia 
bien avant alle. Et neantmoins nous vouldrions 
bien estre plus pres d’ltalye, que ne sommes; 
et nous luy deinonstrerions effectuellement, que 
vovldrivns faire. pour luy que pour nul autre, et 
n’actendrions a luy en demander son advis, pour 
la bonne et grande amour et cordialle aflection 
que nous Juy pourtons. Warum der Kaifer fo 
fehr um Wolſey's Gunft (bienvuellance ) beforgt 
ift, gibt er ſelbſt an; er fürchtet die Zufagen Franz. 
für die Erreichung der Tiara: nons ne faisons 
daubte que le roy de France luy fera tout plain 
de belles vuffres de son couste, 


Karl hatte hier ganz richtig gefehen; am 24 
Dec. Schreibt ibm fein Bevollmädtigter: dixit prae- 
terea (dom. cardinalis) mihi, quod rer Fruncie 
computabat, se ÄAabere nuuc in colldgio cardına- 
lium viginti duos cardinales ad votum et dispost- 
cionem suum; EX quo ego salis percepi, regem 
Gallorum fecisse dicto cardinali oblationem illorum 
votorum el elium favoris suis pro dicta eleclione. 





27 De. 


Der gute Erfolg. interefi erte aber den englifchen 
König faſt 'ebenfo ſehr, wie den Gardinal ſelbſt. 
Schon die Nadyrichten aus Rom felbft madıten jenen 


äußerfi unruhig: -rex Anglie est ultra modum tur-" 


batus et quodam modo perterritus — ſchreibt der 
Biſchof von Badajoz (19 Dec.). Er will den Gar: 
dinal um. jeden Preis auf dem Gtuhle Petri: 
guoad personam eligendam in summum pontificem 
dietus rex Anglie est plene inclinatus' et delibe- 
ratus in personam reverendissimi cardinalis Ebo- 
racensis, el cup ultra quam diei possit, ut ma- 
jestas vestra in eandem sentenciam concurrat. 


Karl verfihert auch darauf alles zu thun, was 
er nur kann; es bezeugen Died zwei Briefe vom 
an Heinrih VII. und an den” Cardinal 
Molfey (Nr. 163, 164). Jenem verfichert er in 
Betreff des Cardinals, feines „especiad umy“: la’ 
prudence, doctrine, integrite, experience et aultres 
vertuz et bonnes meurs que sont en luy, le ren- 
dent meritement digne de tenir tel siege. ... 
pouvez estre assehure, et le dit seigneur cardi- 
nal aussy, que en cest affere, /unt que en moy 
sera, n’epargneray chose quelcunque pour la con- 
duisre a bon effect. Et vouldroye bien que luy 
mesme puist veoir a l’euil et cogneistre la bonne 
assistence que luy vouldroye fere, non seulement 
de lectres et parolles, tant de moy que de mes 
amys, mais aussy, quant il seroil besoing, avec 
la main (forte), % employant toute Turmée que 
jay en Italie, que n’est pas petite. Dem Cardi⸗ 
nal felbfl: pouvez estre sehur qu'il ne sera riens 
espargne pour parvenir a Ü'effect desire. 


Karls Verſprechungen kamen an den rechten 
Mann: wir fehen ihn leibhaft vor und, wenn ber 
Baif. Sefandte (vom 24 Dec.) berichtet: que omnia 
attente auscultavit et ex animo acceptavit; el tot 
et tam humiles gratias egit maieslali vestre, ac si 
jam medio eiusdem fuisset elertus summus ponlifex 
© 0 0. dixit quod ad conducendum hanc electio- 
nem in personam suam, quam pro nulla alia re 
mundi cupiebut, quam propter exaltacionem regis 
sui et maiestatis vestrae, plurimum conveniret, 
quad exercilus maieslalis vestre, qui est in Yia- 


. ha, properaret versus Romum et facta monitione 





70. 


cardinalibus collegii et bonis oblationibus, si nol- 
leut acquiescere elechioni persone sue, cogerenlur 
per vim ad electionem, ita ut non permittantur 
eligere aliquem, qui adhereat Gallis et sit causa 
destructionis regni Neapolitani et Sicilie, et per. 
consequens tocius reipublice christiane. Que 
omnia manifeste evitabuntur, si ipse eligatur, qui _ 
nihil plus curare debeat, quam imponere coronam 
imperialem in capite maiestatis vestre et exal- 
tare regem suum, et intendere prime expedicioni 
contra Gallos et deinde contra hostes fidei; in 
qwibus expedicionibus ipse personaliler sequeretur 
ambas maiestates. Kann die Schmiegfamteit 
neben dem Stolz, die Derablaflung neben der Herrſch⸗ 
gier, der gleißende Schein neben unverholener Ab: 
fiht frappanter gemalt werden als in. biefem nas 
türlichen Bericht des Legaten? 


Die wichtigſte Staatsurkunde ift der Bundes—⸗ 
vertrag zwifhen Kaifer Karl und Könfg 
Heinrich VIII., abgefdloflen zu Brügge 25 Aus 
guft 1521 in 32 Artikeln, Nr. 74, p. 244— 271, 
denn an ihn lehnen ſich die weiteren Verhandlungen 
an bis zu einem neuen Vertrag im 3. 1522, der 
aber nicht mehr in die Gränzen Diefed Bandes 
fäßt. 


Außer diefen Angelegenheiten — in denen bie 
politifhe Verbindung zwifchen Heinrih und Karl 
fletö ald die Bedingung gemeinfamen Wohlergehens 
und als das Heil der Chriſtenheit in zarteſten 
Ausdrücken bezeichnet wird — iſt das Benehmen des 
portugieſiſchen Hofes in mehrfachen Berichten 
des dortigen kaiſerl. Geſandten Chriſtof de Bar: 
roſo an den Kaiſer, an Gattinara, an den Herrn 
von Chievres, Wilhelm de Croy, lebendig geſchildert. 


Von Wichtigkeit iſt auch die Inſtruction des 
Kaiſers für die Statthalterin der Niederlande Mar: 
garethe von Deftreich vom 1 Juli 1519. Diefe - 
Voͤllmacht (Nr. 32, mit dem Revers Nr. 33 vom 
28 Juli) ift ein ſchoͤnes Zeugniß von der Milde, 
Bürforge und Gerechtigkeit des jugendlichen dürften: 

„quant au faict de la justice — heißt es in ei- 
nem Artikel — combien que l’empereur entend 


. y avoir pourveu par la reformation des ordon- 
‚nances et consaulx, neantmoins, sy mad’ dame 


entend , qu’aucune faulte advient on erreur »’y 
comihecte, elle s’en fera diligemment informer, 


pour selon ce qu’elle en trouvera a la verite y 


pourveoir de remede convenable; car sur toutes 
choses icelluy sr empereur veult et entend le fict 
de la justice estre entretenu en bon ordre. Sie 
beweist aber zugleih, welches Vertrauen berfelbe 


und bekanntlich mit Recht feiner Muhme gefchentt 


bat. - 


Die deutfchen Angelegenheiten berühren nur 
wenige Actenſtücke. Es find dies drei Briefe des 
Königs Franz I. an den Kurfürften von Maynz, 
Albrecht von Brandenburg, und die Replik 
Karl V. auf diefelben (Nr. 54 — 57); fie fallen 
fur; vor den Wormfer Reichstag. Franz fucht 
darin feinen Nebenbuhler als den Störefried, ſich 


aber als den Vertheidiger einer gerschten Eache in den 


italienifhen Händeln hinzuftelen, und damit jenem 
Die Unterflügung der deutſchen Fürften zu entziehen — 
„optamus, quod ut principes honoris, iusticie et 
equitatis adversarium et provocatorem nostrum in 
re sua privata et particulari, imperium minine 
tangente, contra ius fasque, iusticiam et equifa- 
tem, nullum illi favorem assistentiam subventio- 
nemque tribuatis.“ Dabei nennt er den Kaifer in 
bitterer OSereiztheit nur „electum Romanorum re- 
gem.“ Died nimmt der Kaifer äußerft böfe auf: 
„id inprimis animadvertendum putamus, quod, 
dum . . . nos dumtaxat elecfum Romanorum re- 
gem intitulat, videatur omnino effecius corona- 
tionis et unctionis in Aquisgrano de more cele- 
brate sperni ac nihili fieri, licet post illam non 
electi regis sed electi ümperaloris titulus tribuatur, 
prout universa canit -ecclesia, divinisque ac hu- 
manis legibus sancitum est: quae res non solum 
titulnm dignitatis nobis concesse deprimit, verum 
auctoritati ac proheminencie vestris (wohl cestre ?) 
ac totius sacri romani imperii detrahit.“ Noch 
herber wird die Sprache des Kaiferd, wo er dem 
König den Vorwurf der Xreufofigkeit und Unver: 
föhnlichkeit zurückſchleudert und feine perfönlihen 
Opfer für die Sache bed Friedens mit ſcharfen Geis 


‚tenhieben gegen Franz I. zweifelhafte Unterpfän- 


der hervorhebt: „haec profecto jacula contra ipsum- 


n 


met Francorum regem sunt convertenda, ac .ea. 
que de nobis predicat, sibi ipsi merite aseribenda. 
censentur, quandoquidem nulla a nobis contraventio 
nullaque fidei violatio intervenit, nihilque horum 
edoceri possit, cum etiam nee vero preximum 
nec verisimile censeatur, nos, — qui pacis in- 
tuitu, ut illam arctiori vineulo stringeremus, 
ipsius Gallorum regis filiam vir nalam, ad aliam 
non nalam nec molum, adhuc in malris utero re- 
clusam, condicionaliter spupondimus, et qui hac- 
tenus ab huiusmodi sponsionibus non discessimus, 
nec ad aliud matrimonium transivimus, licel wvo- 
res alias puberes, dignitatibus ac statibus nostris 
congruas el propilias nobis. oblalus ducere posse- 
mus, ex quibus forsan egregiam sobolem jam 
verisimiliter baberemus — velle nunc vel un- 
quam antea voluisse.* 


Aus den Briefen ded Kaiſers, die eine unge: 
meine Dffenheit der Sprache zur Schau tragen, 
vermögen wir nebenbei häufig fein eigenes Urtheil 
über bie Werkzeuge, beren er ſich bediente, geradezu 
abzunehmen. Er ertheilt z. B. an Mercurin von 
Gattinara unverſtelltes Lob für feine Klugheit und 
Einfiht, mit der er in Calais die kaiſ. Rechte ver: 
trefe: „nous avons „. . . bien entendu, comme 
par vosfre science, experience et profonds rai- 
sons avez tres bien debatu noz drois a nostre 
avantage et grand honneur.“ Er zollt ihm dafür 
Dank und verfichert ihn fleter Erinnerung: „dont 
vous scavons bon grey et vous Mmercions .. . . . 


. vous advertissant que de cestuy service par dessus 


les aultres que nous avez fait et faictes chacung 
jour, neus le tiendrons en nostre bonne souve- 


nance* (Nr. 88 p. 313). 
| (Schluß. folgt.) 


+‘ 





Gelehrte 


München. 
Nro. 9. 





beransgegeben von Mitgliedern 
der Pf, bayer, Afademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen 
20. Tanuar. 





Uctenftüde und Briefe zur Geſchichte Kaiſer 
Karl V. 


(Schluß.) 


Er verhehlt ihm aber auch nicht, was er von 


ſeinem Verfahren auf anderem Wege erfährt, und 
ſetzt ſeinen Willen dem Bedenken oder Zaudern 
des Geſandten in beſtimmter Weiſe entgegen: „au 
surplus nous desirons. voulons et entendons que 
besoignez traictez et comuniquez avec monsieur 
le legat .dowcement amyublement et courloisement, 
conıme de vostre bonne discretion et experience 
nous confions, Et faul que en faites de neces- 
site verlu; car nous avons sceu des ambassadeurs 
d’Angleterre, qu’il n’estoit. fort contant de vous 
‚Nous vous ordonnons une pour toutes, 
. car nosire playsir est 


signer la dite lettre. . . 


tel“ (Nr. 128 p. 399). 

Bei aller punctiliöſen Ausführlichfeit in der 
Grörterung der Umflände hebt der Kaifer immer 
den Angelpunct fchlagend hervor. So bezeichnet er 
während der Waffenſtillftands⸗ Unterhandlungen im Dec. 
1521 das Geheimniß feiner Politik in dieſer Ange⸗ 
legenheit kurz. und treffend fo: vray est que le se- 
cret de la conservacion. de toutz noz ufferes et mes- 
mes pour le soustenement. de nostre armee et 
de ceste emprinse gist en deux paineiz, lung en 
la prouision des demiers, Vaulire en Üentreienement 
des Suitras. Während: er des wirklichen Beiſtandes 


von England noch nicht ficher iſt, ja ihm von Frank⸗ 


reich aus gewichtige Bedenken gegen jenes zukommen, 


a} 


—— 


- 


beißt es gegen den Schluß. feiner Inftruction für feine 
Geſandten (27 Juni 1521) muthig und vertrauends 
voll: mais puisque n’en povons pour le present 
aultre chose avoir, et que noz affaires ne pe- 


vont souffrir plus long delay, soınmes delibe- 


rez. a l’ayde de dieu et de .noz amys et sub- 
gectz assuyer nosire forlune, et fuire le myeulx 
que pourrons, actendans ce que dieu en don- 
nera. 


Daß Karl auch die Gemahlin Heinrih VIIL, 
Katharina von Aragonien, in die Mitleiden- 
(haft zog, ift ſchon angedeutet. Es bezeugt dies 
ein Brief deöfelben (Nr. 49) an jene, feine „cara 
y amada tia“ und wiederholte Empfehlung an feine 
Sefandten, die Königin, fo weit ed nöthig wäre, 
zu gewinnen (vgl. 3. B. p. 219). Dafür erbittet 
fih dieſelbe einmal in einer Nachfchrift des Biſchofs 
von Badajoz (p. 492). „pro. solacio et consola- 
cione sua“ zwei Falfen, duos falcones, unum pro 
capiendis avibus fluvialibus, aliuim pro aliis avi- - 
bus altissime volantibus, quas vulgo vocant he- 
nons; dazu noch einen wackern und tüchtigen Balls 
ner gegen gute Bezahlung. 


Die Verſtändlichkeit des Textes in den meiften 
Fällen bezeugt die Meiſterſchaft des Herausgebers 
in der Entzifferung jener oft ſo ſchweren Schriften: 
eine Eigenſchaft, die tauſendfach mehr Mühe und 
Augenlicht koſtet als es der hundertſte zu würdigen 
verſteht. 


Auch der Druck it ſehr rein und ſorgfaͤltig 
ausgeführt. 
XXxXxvIII. 9 





75 


Schr weife hat der Herausgeber auch alle jene 
Ücenflüde auszugsweife in ihren Hauptariikeln 
aufgenommen, welche zwar bereitd anderwärt mit: 
getheilt fi find, aber hereingehören, um ben ganzen 
Sang jener vielfäbigen Gefchichte zu verfolgen. Dies 
ift um fo löblicher, als jene Documente größten: 
theild in koſtſpieligen und ſeltenen Sammelwerken 
enthalten find, wie in Rymer's Foedera, Du 
Mont’ Corps Diplomatique, Ze Glay's Nego- 


ciations diplomatiques etc., und befhalb dem Pris 


varfleiß fliller Freunde ber Geſchichte faum oder nie 
zugänglich erſcheinen. Diefe Urkunden vol und im 
Urtest hier wieder zu geben, war natürlich gegen 
bie Anlage des Werkes, ald einer Sammlung aus 
den ardivalifhen Schägen Wiend. 


Eine „umfländliche Einleitung“ zu diefen 
Documenten wird ber verehrte Heraudgeber nachfol⸗ 
gen laſſen. Dadurch wird dieſe wichtige Quellen: 
Sammlung auch für weitere Kreife.an Intereffe ges 
winnen.. Bon einem Manne, ‚welcher fo virle Jahre 
den verborgenen Urfachen großer Dinge, den ver: 
bülten Abfichten großer Männer emfig und vorſich⸗ 
tig nachgegangen ift, dürfen wir mit Recht eine 
Einleitung zur Gefhichte jened Zeitalterd erwarten, 
welche vor dem Stuhle der richtenden Wahrheit bes 
ſtehen wird. 

G. M. Thomas. 





K. Hof: und Staats-Bibliothek. 


Auszug aus dem Verzeichniſſe des Zugangs bei der 
k. Hof- und Staatsbibliothek im J. 1853. 
Viertes Quartal. October — December. 





(Fortſehung.) 
III. Historia. 


Compendio de geographia universal. T. 1. 2. Rio de 
Janeiro 1835. 


— 


78 
. 


Schrenk, Dr. L., Ideen zu einer Hydrographie der 
Landfeen mit bef. Rückficht auf die Seen der Alpen. 
Dorpat 1852. 

Vögelin, 3. 8, und ©. Meyer von Snonau, 
Hiftorifch-geograph. Atlas der Schweiz. Lief. 1—4. 
Zürich 1846. 

gr. Aulenbach, Im Golf von Neapel. Neuftadt 1853. 

Briefe aus den vereinigten Staaten von Nordamerika, 
2 Bde. Leipzig 1853. 

Delessert, Ed., Voyage aux villes maudites, Sodo- 
me-Gomorrhe-Seboim-Adama-Zoar. Par. 1853. 


Dieterici, Dr. Fr., Neifebilder aus dem Morgenlande. 
Th. 1. Egnpten. Th. 2. Sinai, Petra, Paläjtina. 
Berlin 1853. + 

Gentz, W., Briefe aus Aegypten und Nubien. 
1853. 

Al. Norova, Putovani po Svaté Zemi rokù 1835. 
Del I. VPraze 1851. 

Postans, Cutch, or random sketches of Western’ In- 
dia. Lond. 1839. 

J. Richardson, Narrative of a ‚Mission to Central 
Africa, performed in the years 1850 — 51 un- 
der the orders and at the Expense of Her Ma- 
jesty’s Government. Vol. 1. 2. Lond. 1853. 

B. Seemann, Narrative of the voyage of H. M. 
Herald during the years 1845 — 1851, ander 
the command of Captain Henry Kellett. Vol. 1. 
2. Lond. 1853. 

Gumpach, Joh. v., Hũülfsbuch der rechnenden Chrono⸗ 
logie oder Lotgetauo abgekürzte Sonnen» und 
Mondtafelg. Heidelb. 1853. 


Berlin 


Stenzler, €, Die Familie Bonaparte, Königsberg 
1853. 
Das Bud der Kitterorden und Ehrenzeichen. „2. durch 


ein Supplement bis 1853 verpollitändigte Ausgabe. 
Lief. 1 — 15. Brüllel 1853. 

E. L. Wedekind, Gefchichte des ritterlichen St. Joe 
banniter-Ördens, befonders deſſen Hcermeifterthbume 
Sonnenburg oder der Ballei Brandenburg. Berlim 
1853. 

Forchhammer, F. M., achit. Mit einer Karte der 
Ebene von Troja. Kiel 1853. 

Garruecio, G., Intorno i riti funebri degli Egizi. 

' Napoli 1852. » 

Gerhard, E., Ueber Wefen, VBerwandtfchaft und Ur⸗ 
fprung der Dämonen und Genien. Berlin 1862. 
Kind, Wilhelm Fr., Die Religion der Hellenen aus 
den Mythen, dem Eultus und den Lehren dee Ppis 

loſophen entwickelt. Zürich 1863. 


% 


7 


Gerhard, E., Grundriß der Archäologie. Berl. 1853. 

Houben, Th., Denfınäler von Castra Vetera und Co- 
lonia Traiana in Ph. Houbend AUntiquarium zu 
Kanten abgebildet‘ auf 46 colorirten Steindruckta: 
fein ꝛe. Mit Erläuterungen von Dr. Fr. Fiedler, 
nebft Fiedler's antife erotifhe Bildiwerfe in Hous 
bens römifchen Antiquarium zu Xanten. Kanten 
1839. | 

A. H. Layard, Discoveries in the ruins of Niniveh 
and Babylon; with travels in Armenia, Kurdistan 
and the desert: being the result of a second ex- 
pedition,. London 1853. 

Dr. 9. A. Linde, Die Porta nigra und das Capitolium 
der Treviris. Trier 1853. 

Luzzatto, Philox., Le Sanseritisme de la langue 
assyrienne. Padoue 18.49. 

Quaranta, Bernardo, De’ funerali di Archemoro rap- 
presentati sopra un vaso greco Dipinto. Napoli 
1851. 

Roß, Ludiv., Die Pnyr und das Pelasgifon. in Athen. 
Braunſchw. 1853. 

Dr. Steiner, Sammlung und Erklärung altchriftlicher 
Anfcheiften im Nheingebiete aus den Zeiten der rö: 
mifchen Herrfchaft. Seligenftadt 1852. 

Stier, ©., Geſchichte und Befchreibung der Stadt 
Pompeji. Wittenberg 1853. 

Tpierfch, Fr, Ueber die neueften Unterfuchungen des 
Grechtheums auf der Akropolis von Athen. Deün- 
chen 1853. 

Befchreibung der bisher bekannten böhmifchen Privats 
wünzen und Medaillen. Herausg. v. dem Dereine 
für Numismatit zu Prag. I. Abth. Perfonenmün: 
zen. Heft-1. 2. Prag 1852. 

€. 3. Tornberg, Symbolae ad rem numariam Mu- 
hammedanorum ex museo regio Holmiensi. Upse- 
hiae 1853. 

u. Bräm, Blicke in die Weltgefchichte und ihren Plan. 
Straßburg 1835. 

e. Zr. Roming, Zeittafeln der allg. Sefchichte. 2. Aufl. 
umgearbeitet bis auf die neueſte Zeit, fortgef. von 
Dr. 3. Rieckher. Stuttg. 1852. 

Dr. 9. Rückert, Geſchichte des Mittelalters. Stuttg. 
1853. u 

2. €. Scloffer, Gefchichte des 18. Jahrh. und des 
49. bi8 zum Sturz des franzöf. Kaiferreichs. 4. 
durchaus verb. Aufl. Bd. 1 — 4. Heidelb. 1853. 


E. A. 3. Ahrens, Die drei Volkstribunen Tib. Grar⸗ 
Aus, Druſus und Sulpicius nach ihren polit. Bes 
ſtrebungen dargeftellt. Reipzig 1836. 


\ 





78 


Jak. Burckhardt, Die Beit Eonftantin’® des Großen. 
Caffel 1853. 


Dr. Joh. Hirt, Ueber den Kelticismus und die Keltens 


fprache vom Standpunkt der Gefchichte. Karlsruhe 
1843. . 


.B. G. Niebuhr, Römifche Geſchichte. Berichtigte Aus- 


gabe in 1 Bd. Berlin 1853. | j 
Dr. C. Peter, Sefchichte Roms. Bd. 1. Halle 1853. 


Dr. 4. Schwegler, Römifche Gefchichte Bd. 1. Abth. 
1. Tübingen 1852. 


Dr. 8. 3. Stark, Zorfchungen zur Gefchichte und Al: 


terthumskunde des hellenifchen Driente, Gaza und 
die philiitälfche Küfte. Jena 1852. 
©. 8. 3. Tafel, Komnenen und Normanen. Beiträge 


zur Erforfchung ihrer Gefchichte in verdeutfchten u. 
erläuterten Urkunden des 12. u. 13. Jabrhunderts. 
2. Abtheilung. (Die erfte Abtheilung erfcheint fpä- 
ter). Ulm 1852. 

Avila 9 Zunniga, Geſchichte des Schmalkadifchen 
Krieges. Berlin 1853. 

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depuis l’erruption des peuples du Nord dans l’em- 
pire Romain jusqu’s la paix de 1783. T. 1. 2. 
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franzöf. Revolution bis zum Wiener Congreß (1789 
— 1815). lief 1. Stuttg. 1853. 

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1842. 

Istoria della citta di Verona sino all’ anno 1517. Vol. 
1 — T. Verona 1796. 


Antonio Marrone, Cenni sulle antichita di Segesta _ 


in Sicilia. Palermo 1827. 

Costantino da Mini, Gli ultimi anni della repubblica 

di Siena racconto storico dal 1552—1558. Disp. 
-4—7. Firenze 1852. 

Ed. Quinet, Les revolutions d’Italie, — augmentee 
d’une introduction par Marc Dufraisse. Bruxelles 
1853. 

Sabina sagra e profana antica e moderne’ Roma 
1790. 

Fed. Sclopis, Delle relazioni politiche tra la dina- 
stia di Savoia ed il governo britannico. 1240 — 
1815. Torino 1853. 

C. Solar de la Marguerite, Journal historique” da 
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+ 


‚ 


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par J. de Cosnac. Vol. 1. 2. Paris 1852. 

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Max de Choiseul-Daillecourt, Parallele histo- 
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heim, Darmftadt 1852. . 
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Uler. Peez, Die Deutfchen in Vergangenheit und 


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Szalay Euszlo, Magyarorszug Törtenete. Kötet 1. 
2. Lips. 1852. | ' 

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Berivaltungs:Ausfhuß des Museum Francisco-Ca- 
. rolinum. Bd. I. Wien 1852. 

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fung ihree Echtheit und Forſchung über ihre Ent: 
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H. 6. NR. Belani, Kronprinz Friedrich, feine Zeit und 
der Hof feined Vaters Friedrich Wilhelms I. 3 Thle. 
Leipzig 1853: 

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der Dder. Th. 1. Frankfurt a. DO. 1853. 

G. 4A. Stenzel, Gefchichte Schlefiend. TH. 1. Breslau 

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C. 5. Dollmann, Die Gefebgebung des Königreichs 
Bayern feit Maximilian Ik: mit Erläuterungen. Er: 
langen 1852. | nn 

3%. Gerſtner, Gefchichte der Stadt Ingolſtadt. Muͤn⸗ 
cher 1853. 

8. Hauff, Handbuch der baperifchen Geſetzgebung. TB. 
1. Nördlingen 1853- . 

Ludwig I. König von Bayern und fein Wirken fir Staat, 
Wiſſenſchaft und Kunft. Leipz. 1853. 


(Fortfegung folgt.) 


Elſäßiſches Volksbüchlein. Straßburg 





Bulletin der Pönigl. Akademie d. W. 
1853 Ne. 1. 


Gelehrte 











Anzeigen. 


München. herausgegeben von Mitgliedern 23. Januar, 
Nro. 10. der & bayer, Akademie der Wiffenfchaften. 1854, 





_ Königl. Akademie der Wiſſenſchaften. 


Sitzung der hiſtoriſchen Claſſe am 17 December 
1853. 

1) Hr. Profeffor Dr. Fallmerayer hielt freien 
mündlichen Vortrag über „Hermann Hettner“ 
griehifhe Reiſeſtizzen, Braunfdhweig, 1853, 
und legte hierauf das Ausführliche feines Vor: 
trages in der Handfhrift der Claſſe mit dem 
Wunſche vor, Ddiefelbe bei den verfchiedenen 
Mitgliedern der Claſſe in Umlauf zu feßen. 


2) Hierauf trug Hr. Sandrichter Gerftner vor: 


Nachrichten von einem Manufcripte des Eras: 
mus Vend, geh. Archivars H. Albert V., 
„Epitome rerum bavariearum“ aus dem XVI. 
Sahrhunderte, mit 8 Beilagen. 


„Unter den Manufcripten der hiftorifchen Claſſe 


ber ?. b. Akademie der Wiflenfchaften befindet ſich 
ein Heft in lateinifcher. Sprache, betitelt: ” 


„Rerum bavaricarım Commentarii ex ba- 
varicis Annalibus ipsaque Monachii archivi 
fide atque authoritate ab KEraamo Vendio, 
Consiliario ducali et ipsius archivi secretio- 
ris praefeeto ita censcripti, ut non mode 
rerum, quorsum ex Aventinianis libris recte 
huc pertinent justi epitomatis instar esse 
queant, sed etiam de integra bavarica his- 
toria usque ad praesentem rerum stataın lec- 
tori satis facerent non immerito.* 


Die Authentik diefes Buches ift um fo weni: 
ger zweifelhaft, als unter dem Zitel von einer gleich⸗ 
zeitigen Handfchrift und Tinte gefchrieben ſteht: 
„Dies ift des Vendii eigne Handſchrift.“ 


Das Bud) enthält Übrigens weder ein Datum 
noch einen Abſchluß, fcheint alfo zum Anfang eines 
größeren Werkes beflimmt geweſen zu fein. 


Erasmus Vend war geboren zu Amberg im 
J. 1532. Sein Name erfheint zum erftenmale in 
den Alten der philofophifhen Fakultät der Univerfi- 
tät Sngolftabt unter ben Baccalaureis und Magis- 
tris der Jahre 1552 u. 53. *) Mederer fohildert 
ihn nach Defele ald einen Mann von audgezeichnes 
ten Kenntniffen, feltenem Fleiß und geprüfter Zreue, 
einen Liebling, feines Fürften und Günftling der Mu: 
fen. Diefe Eigenfchaften erhuben ihn zum Hofrathe 
des Herzogd und zum Gtellvertreter des Kanzlerd 
auf Reifen. , 


In arhivalifhen Rechnungen findet fih, daß 
Vend (in einigen Schriften Fendt genannt) im 
J. 1569 die Stelle eined Hofkaſtners (rei frumen- 
tariae praefoctus) beflsidete; im 3. 1571 aber ers 
fheint derſelbe fchon alß herzoglicher Hofrath. In: 
zwiſchen finden wir ihn im J. 1570 als Borfland - 
der Liberey (Bibliothek) weiche über dem Antiken⸗ 
gewölbe fih befand. 


Als in den Sahren 1573 und 76 zu Ingol⸗ 
ftabt an ber Univerfität Zwiftigkeiten entflanden, fens 





®) Mederer Annal. acad. Ingolstadt. p. I. p. 213. 
Oefele rer. boic. seript. t. 11. p. 101, 265, 470. 


XXXVII. 10 


dete bee Herzog eine Kommiffion zur Ausgleichung 
dahin, und mit ihr feinen Hofrat Vend. Nach 
Herzog Albrechts Ableben leiſtete Vend auch .deffen 
Nachfolger Herzog Wilhelm bei den mit dem päbfl: 
lichen Stuhle verhandelten Concordaten wefentliche 
Dienfte. 
Es findet fih noch in den Manufcripten ber 
Hofbibliothet *) ein Sthreiben an Herzog Wil: 


heim V. von deſſen Rath Erasm. Fendt d. d. 


Wildbad in Kreuth 5 Spt. 1581, in welchem ber: 
felbe feinem Zürften ben treuherzigen Rath ertheilt, 
in den kirchlichen Wirren jener Zeit, anftatt der Pri- 
vataudienzen, welche nit zum Ziele führen, Kom⸗ 
miffäre nach Ingolftadt abzufenden, die dafelbft im 
Benehmen mit theologifchen und juridifchen Gelehr: 
ten geeignete Vorſchläge entwerfen folten, auf beren 
Grundlage der Regent beffer an ein Ende gelangen 
und ruhiger ald biöher ſchlafen werde. 

Diefed Schreiben beweist des Fürften Vertrauen 
gegen feinen Diener und beffen Treue und offene 
Biederkeit gegen feinen Herrn. ’ 

In diefen wenigen Notizen und Aktenftüden 
befteht alles, was über das Gefchäftsleben unfered 
Vend bekannt ift. 

Seine fpärlihe Muße fheint er einem Lobge: 
dichte auf feinen Herzog und einer Ausgabe der Au: 
guſtin Kölnerfhen Gefchichte des Pfalzbayrifchen 
Krieged unter bem Titel: Ephemerides belli pala- 
tino boici gewidmet zu haben, welde Defele in 
fein Geſchichtswerk aufgenommen hat. **) 


Sein Ableben kann auf das Jahr 1585 ge: 


fegt werden. _ 

Im Klofter Etital befanden ſich gemäß noch 
vorhandener Zeichnungen unter den Wappenſchildern, 
und Epithaphien dad Wappenſchild eined Bärenko⸗ 
pfed mit der Umſchrift: 1278. H. Fendt v. Amer: 
gen; dann ein Bärenkopf nebft boppeltem Pferdes 
fopf mit der Umfchrift: Erasmus Fendt zu Holz: 
firchen, und Sreishaufen, fürſtl. Rath und Kaflner 
zu Münden a. 1568, wahrſcheinlich ein Monu: 


*) Hofs umd Staatsbibl. Cod. bav. 372. Tom. II. 
f. 305. Sehr. v. Uretin, Gefchichte Churf. May l. 
Bd. 1. ©. 303. ' 
») Oefele rer. boic. script. t. II. p. 469. 


84 


ment, welches letzterer einem feiner Ahnen beflimmt 
hatte. 

Unfer Commentar, von welchem Defele kaum 
eine Kenntniß hatte, begreift den geograpbifchen Um⸗ 
fang und die politifchen Buftände des damaligen Her- 


zogthums Bayern, welches fih auf etwa 500 U) 


Meilen erfiredte. 

Ein kurzer Auszug biefer Handſchrift mit eini⸗ 
gen Vergleihungen dürfte einen nit unwillkomme⸗ 
nen Beitrag zur Vaterlanbögefchichte in feiner ſchmuck⸗ 
Iofen einfachen Weife liefern. 

Die Handſchrift beginnt mit einer Beſchreibung 
der alten Site des bayerifhen Volkes und feiner 
Wanderungen, und bemerkt folgendes im erfien 
Kapitel: 

„Bald mußten die Bayern ihre Gränzen ge: 
gen die Nachbarn fhügen, deren Einfällen fie im: 
mer ausgefeht waren. 

Es entftanden dadurch die Markgrafen, welde 
mit Hülfe ihrer Vaſallen die Gränzen zu bewachen 
hatten, und zwar im Often gegen die Ungarn durch 
den bayr. Pfalzgrafen zu Krayburg, welhem bie 
mächtigen Grafen von Madhland, Bogen, Halb, 
Griesbach, Burghaufen und Wafferburg zur Seite 
ftanden. rt . 

Gegen Mittag wechfelten beitändige Fehden mit 
den Völkern Staliend ab. Hier flanden zum Schuge 
des Landes der Markgraf von Andechs, Meran, 
und der Herzog von Tirol unterflüzt von ben Gra⸗ 
fen von Damas, Burg, Ambergau, Murnau, Peu⸗ 
tingau, und Wolfartshauſen. 

Km Weften wachten gegen bie Schwaben bie 
Pfalzgrafen von Scheuern und Wittelsbach, und de: 
ren Rufes waren gewärtig die nahen Grafen von 
Dachau, Möring und Lechsgmündt. 

Norbwärts gegen die Staven wachten der Mark: 
graf von Wohburg, der Landgraf von Regensburg 
oder an feiner ftatt ber Burggraf zu Nürnberg und 
ber Landgraf in Leuchtenberg, biefen waren zur Hülfe 
bereit die Grafen von Sulzbah, von Kaftel, von 
Abensberg, Riedenburg und Biburg. 

Allen bdiefen Markgrafen und Grafen blieb bis 
zum heutigen Zage unfer burchlauchtigfied Regenten- 
haus von Bayern, (mit Ausnahme von Defterreich, 
Nürnberg, Leuchtenberg und Tirol, welche Damals 


a 


. 


ihren eigenen Fürſten zugetheilt waren) vorgeſetzt 
und gebietend.“ 

Im zweiten Kapitel befpricht der Verfaſſer 
den Zuſtand feiner Beit, wie Bayern in Ober- und 


Niederbayern eingetheilt war, wie erſteres bie Sitze⸗ 


der alten Boͤlker behauptete, Niederbayern aber das 
. alte Noricum*ripense umfaßte, welches durch die 
Donau, den Inn, und ben Le begränzt war, 
aber auch über den Lech hinaus gegen: dad Marl: 
grafthum Burgau mit der Graffhaft Echwabel, 
weit über die Donau in Rhätien mit der Stadt 
Wemding, von dba Über die Grafihaft Hirfchberg 
gegen die Herzyniſchen Wälder und Über den Inn 
bi8 Salzburg feine Gerichtöbarkeit ausdehnte. 

„Die Hauptftadt in Oberbayern, fehreibt Vend, 
ift feit 300 Jahren Münden, eine der fchönften 
Städte Deuiſchlands, ein Fürftenfig mit großartigen 
Gebäuden, Oartenanlagen, WBaflerleitungen und koſt⸗ 
baren Seltenbeiten aller Art gefhmüdt.“ 

Nun zählt ber Verfafler die vorzüglichen Stäbte 
Dberbayerns auf. 

Als die Hauptfladt in Niederbayern wird Sande: 
hut genannt. Er bezeichnet vier Gerichtshöfe in 
Bayern, zu Münden, Burghaufen, Landshut und 
Straubing. 

„Sie gleichen fich in ihrem Wirkungskreiſe, ſedoch 
fcheint München einen auögebreiteteren zu befigen, weil 
dahin alle Berufungen und Beſchwerden gelangen, 
welche an den Regenten gerichtet find. Die Rechts: 
hülfe in Bayern fleht unverändert in der Weife feft, 
daß, wenn Eingeborne oder Auswärtige einen Mas 
giftratöbefcheid aufgehoben willen wollen, fie dieſes 
durch eine bloße Anklage oder den Beweis eines 
Beſitzes bei dem Oberrichter bewirken fönnen. Da: 
bin barf fib nur, wer ſich befshwert glaubt, wen= 
den, fo wird in feiner Angelegenheit abermal er: 
kannt. 

Was nun entſchieden iſt nach Geſetz und Recht, 
hierüber findet keine Berufung ſtatt, es ſei denn 
zum Ka ſerlichen Kammergericht in Speyer, info: 
ferne die Streitfumme 500 rhein. Gulden überfleigt. 

Ale geringeren Rechtsfälle eignen ſich in höch⸗ 
fier Inſtanz zur Entfcheidung des Regenten, welcher 
jedem feiner Untertbanen gerne Gehör gibt und 
nach Gerechtigkeit erfennen läßt. 





58 


Daher kommt ed, daß das Obergericht zu Mün- 
hen, welches mit feinen geheimen Räthen dem Fürs 
fien zur Seite fteht, den Vorzug vor den übrigen 
genießt. 

Indeſſen find auch einige Städte zur Ausübung 
peinlicher Gerichtöbarkeit aus befonderer Herzoglicher 


Vollmacht berechtiget.“ 


Das dritte Kapitel handelt von ben Flüſ⸗ 
fen des Landes und den an biefen liegenden Pros 
vinzialftädten, mit kurzen treffenden Bemerkungen 
ihrer Wichtigkeit und ihres Einfluffes auf Bayern's 
MWohlftand. So werden genannt an ber Donau: 
Ingolftabt, Neuftadt, Kelheim mit Weltenburg, u 


ſ. J. 

Hierauf folgen Roſenheim, Waſſerburg mit ſei⸗ 
ner Münzſtätte, Braunau, Schärding, Oetting (pons _ 
Oeni), an der Salzach Burghaufen, an der Traun 
Zraunflein, an der Roth Neumarkt, am Böhmer: 
walde Cham, Furth, Waldmünchen und Grafenau. 

„Die größeren Städte bewohnen Bürger mit 
Patriziern gemifcht, welche von eigenen Renten les 
ben, die übrigen Einwohner gehören dem Handels: 
flande ober .den Gewerben an. 

Unter den Patriziern zeichnen fich jene von 
Münden und Landshut aus, von welden mandhe 
glei den Adelichen zu Hofſtellen verwendet worden. 

Durch feinere Lebensweiſe, durch Jagd und 
Vogelfang nähern ſie ſich dem Adel und verbinden 
ſich auch zuweilen mit demſelben durch Heurathen. 

Zu München zeichnen ſich durch Geſchlechts⸗ 
alter, durch Reichthum und öffentliches Anſehen vor 
ben übrigen bie Riedler, die Schrent, die Barth, 
die Ligfalz, die Weyller, Rudolphs, die Püttrich 
aus; zu Landshut behaupten die erſte Stelle bie 
Ah, die Peißer, die Glaböberg. 

Das ganze bayerifcye Wolf ift in brei Stände 
getheilt: 

Die Bürger gehören zur erſten Stufe, bie 
zweite befegt der Adel, bie Mitter, Barone und 
Grafen; die britte iſt jene ber Prälaten. 

Die Zürften verfammeln bei wichtigen Vor⸗ 
kommniſſen dieſe drei Stände durch Abgeordnete und 
berathfchlagen ſich mit ihnen. Die Prälaten, erfcheir 
nen dann faſt alle, vom Abel ber größte Theil, 
die Bürger fenden einen ober zwei aus ihrer Mitte, 





Das Landvolk Hat Feine Stimme, teine Würde, 
die Landlente Ichen für ihren Feldbau, doch nicht 
fo knechtiſch, daß fie nicht nach Luft ihres Lebens 
froh werden koͤnnten bei Schmauß, Trunk und Tanz. 

Viele benützen frei ihre eigenen Gründe, an; 
dere find mit Binfen und Früchten dem Landesherrn, 
den Prälaten, dem Adel, oder auch Bürgern dienſt⸗ 
bar, die geringften fuhen durch Handarbeit ihre 
Nahrung. 

Sie bewohnen Dörfer und Einöden, in wel: 
hen fie Kirchen befigen, den Gottesdienſt befuchen 
und in Pfarreyen vertheilt find. Solcher Pfarrge: 
meinden zählt man 2874, andere Orte ohne Kir: 
den 4093, einzelne Höfe von, Dörfern entfernt 
4130.“ 

Das vierte Kapitel verbreitet ſich über 
den Adel. 


„Die Belhäftigungen des Adels theilen ſich 


- in drei Gattungen. Solche, welche durch Geift und 
Sitte vor andern fi auszeichnen, finden Hofftellen, 
oder werben ald Vorſtände in der Landesverwaltung 
angeftellt, oder zu Geſandtſchaften an auswärtige Hö- 
fe verwendet. Ein anderer Theil folgt dem Kriegheere. 

Andere endlich, welche die Bewahrung ermors: 
bener Güter, ihr Alter oder der Wunſch nad Rube 
an ihre Heimath feſſeln, wibmen fih auf ihren 
Echlöffern der Landwirtbfchaft, der Jagd, und der 
Berwaltung ihrer Beſitzungen, fenden jedoch ihre 
tauglichen Söhne zur paflenden Zeit an wiſſenſchaft⸗ 
liche Anftalten, an den Hof, und zu andern ihrem 
Etande angemeffenen Uebungen, damit fie nicht in 
ihren Pfählen verbauern. 

Damit nicht die Töchter der Adelichen fich zu 
Haufe verfigen, werben fie in Erziehungsanflalten 
aufgenommen oder in Häufern verwandter gebilbeter 
Familien untergebradht. 

Bum doͤchſten und älteflen Adel in Bayern ge: 
bört dad Geſchlecht der Grafen v. Drtenburg, einft 
von hoher Macht in Bayern und Kärntben, dann 
die Grafen zu Schwarzenburg vom Freiherrenſtande 
durch Dtto Heinrih zum Grafenflande erhoben. 

Aus diefer Familie wurben durch eine lange 
Neihe von Zabren die bayerſch. Dberfihofmeifter ent⸗ 
nommen, die hochſte Stantdwürde im Lande. 


„Die ältern Baronengefchlechter im Lande wa⸗ 
ren die ‚Herrn von ber Leiter (della Scala, Scali- 
geri) einſt Herrn zu Verona und Vicenza; die Herrn 
v. Degenberg, Stauff, Fraunhofen, Marlrain, die _ 
Fugger zu Augöburg, die Gumpenberg, Törring, 
Thum, Tamberg. 

Die Ritterfamilien, deren Ahnen in Ritterbü- 
hern bei Zurnieren oder in Urkunden rühmlich er: 
wähnt find, betragen eine große Zahl.“ 

Der Verfafler erwähnt im Anhange bie Fraun⸗ 
berg, Preyfing, Pinzenau, Haslang, Layming, Clo⸗ 
fen, Sepbolftorf, dann noch weitere in der Beila⸗ 
ge I. a. verzeichnete 115 Geſchlechter. Viele, deren 
Nachkommen noch heute blühen, kommen unter die⸗ 
fen vor, vnd ihre Namen follen zur wertbhvollen 


Erinnerung dienen. 


Noch beftehen viele, deren alte Stämme aus 
fränkifhen, rheiniſchen oder öfterreichifhen Familien 
fih in Bayern fortgepflanzt, und hier durch Zapfer: 
keit und Glück erhoben haben. Solche find die in 
ber Beilage I. b. verzeichneten 23 Familien. _ 

Vom niedern Adel, welchen in jüngfter Zeit 
bie Tugenden ihrer Vorfahren oder ihre- eignen ein 
Feld eröffnet haben, nennt ber Verfaſſer die Heg- 
nenberg, Löſch, Dichtl, dann noch die in der Beis 
lage I. c. aufgeführten 126 Familien. 

Hiemit fließt ſich die Ueberjicht de3 zweiten 
Etanded, des Adels, welchem Vend in Anfehung 
feiner Tugenden, Befisungen, Xhaten und Erfah⸗ 
rungen eine glänzende Zukunft für ihre Nachkommen 
wünſcht unb vorberfagt. 

Des Vendiſchen Epitome fünftes Kapitel 
befchreibt den Prälatenftand und beginnt mit der 
Einführung des katholiſchen Glaubens durch bie 
heil. Severin, Ruppert, Korbinian, Emmeran und 
Boni acius, 

Der Berfafler gebt ſodann über auf die erften 
Biſchofsſitze zu Salzburg, Regensburg, SBriren, 
Paflau. . 


Schluß folgt.) 





Mit einer Beilage, 





Bulletin der koͤnigl. Akademie d. W. 











Gelehrte 
München. 
Nro. 11. 


herausgegeben von Mitgliedern 
"der & bayern, Akademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen, 


1854. 





Königl. Akademie der Wiffenfchaften., 





Nachrichten über des geh. Archivars Erasmus 
Vend Epitome rerum bavaricarum aus dem 
XVI. Jahrhunderte. 


, 


Schluß.) 

„Im Sten Jahrhunderte theilte Bonifacius Bay⸗ 
ern in Diözeſen ein, reinigte das Land von ſchlim⸗ 
men Seelenhirten, und errichtete vier Kirchenſpren⸗ 
gel: zu Salzburg, Freyſing, Paſſau und Regens⸗ 
bürg. 

Auch zum Aureatenfifhen nun Eichftäbtifchen 
Bißthume wurde der Grund gelegt. *) 


Andere Bißthümer wurden nun gegründet, fo 


Bamberg, Augsburg, Briren. 

„Nachdem nun auf folche Weife die Lehren ber 
Religion und bie Grundpfeiler ber Kirchen feſtge⸗ 
ſtellt waren, bemühten fi in wunderbarer Art nicht 
- allein Könige und Fürften, fondern auch fromme 
Privatperſonen beiderlei Gefchlechtes, ihre Dankbar⸗ 
Zeit für genoflene zeitliche Wohlthaten gegen den 
Schöpfer zu beweifen, und entfchloffen zum heil 
ſich felbft, in Zurüdgezogenheit dem Herrn zu dienen. 

So entflanden wie auf einen Win? die Klöfter 
Tegernſee, Ofterhofen, Oberalteich, Benebiktbeuern, 





®=) Aureatensi quoque cathedra jam Aichstettensi 
tune data sunt initia. 


⁊ 


Schlehdorf, Weſſobrunn, Polling, auch die Prieſter⸗ 
häuſer Pfaffenmünſter, Iſen und Ilmmünſter, alle 
vom h. Bonifacius eingeweiht. 


In dieſen Klöſtern entſtanden Schulen zur Fort⸗ 


pflanzung chriſtlicher Tugenden und Ausbildung des 


Geiſtes. 

Die Aebte und Vorſtände der geiſtlichen Orden, 
bes höchſten Standes, leuchteten als würdevolle Bei: 
ſpiele der Welt und ihren Untergebenen, und zwar 
vor allen die Benedictiner. Der Veifaſſer zählt nun 
die Mönchs- und Frauenklöfter jeden Ordens im bas 
maligen Herzogthum Bayern auf, wie felbe die Bei: 
lage II. enthält, 


Eine Vergleihung mit dem bermaligen Stanbe 
diefer Inftitute nach drei Jahrhunderten möchte nicht 
ohne Integeffe fein, da ſich hieraus ergibt, daß von 
den 94 derfelben nur 14 noch als Klöfter beftehen, 
11 als Staatseigentbum, 7 zu Erziehungds und 
Denfiondanflalten verwendet, 1 als Landwirthfchafts- 
ſchule benügt, 2 zu Kreisirrenanftalten umgefchaffen, 
und 39 zum Nutzen der Landwirthſchaft in Privats 
bände übergegangen find, während 16 theild abge⸗ 
broken theild eingezogen find, und 4 dermal im 
öfterreichifchen Gebiete Liegen. 


Vend fährt in feiner Handfchrift fort: 


„Diefe heiligen Kloftergebäube der Frauenorben 
nehmen in ber Regel nur Abeliche oder Patriziers 
töchter auf, niedern Standes aber nur folche Pers 


ſonen, -welhe durch gute Sitten audgezeichnet unb 


durch Fürſten und andere höheren Standes empfoh⸗ 
len find. Zu Münden und kandshut traten meh⸗ 
XXXVIII. 11 











9 


cere aus fürflichem Geblüte in ben Fraͤuenorden 
ein. 

- Wad die Mannektöfter betrifft, fo ſcheint die 
Einfachheit des Lebens und die wahre Bierbe chrifls 
licher Tugend und Demuth nicht mehr in dem Grade 
wie ehemals vorherrfchend zu fein. 

Bon den andern Kiöftern und Collegien, wel 


che fi) an den Bifchofsfisen zu Salzburg, Breifing, - 


Augsburg, Regensburg, Paſſau und Eichftädt befin- 
den, kann den vorgenannten gegenüber Fein Unter: 
ſchied bemerkt werden, obfchon felbe durch die Fröm⸗ 
migfeit und $reigebigfeit des bayrifchen Hauſes und 
aus dem Wohlftande der Einwohner ungeheure Eins 
fünfte beziehen. 


Diefe Auffchlüffe, fehließt der Verfafler, mögen 
genügen, ein Bild von Bayerns brei Ständen, von 
ber Eintheilung ber Provinzen, von ben alten und 
neuen Landeögränzen und den alten Sigen unferes 
Volkes zu geben: 

Das ganze Land ift hinreichend fruchtbar, der 
Himmel milder ald ehemal, wo ein rauhered Klima 
durch ganz Deutfchland herrfchte. 


Indeſſen fteht Bayern in unferer Zeit feinem 


Nachbarlande nad, man mag diefes auf die Lebens: 
weife der menfchlichen Gefellfchaft oder auf Gegen⸗ 


flände des Erwerbes und der Annehmiichteit be⸗ 


ziehen. 

Salz, Getreid, Viehausfuhr ſind nicht unſi chere 
und nicht unbedeutende Quellen des vaterlaͤndiſchen 
Wohlſtandes. 


Der Berge, welche ſich durch eigne Namen 
bezeichnen, find 252. — Die ‚Wälder, deren Zahl 
260 beträgt, ernähren Scharen vierfüfliger Thiere 
und Maffen von Wögeln aller Gattungen, felbft der 
feltenften und feinften; eine unzählige Menge aud- 
erlefener Bifche bringen die Flüſſe und Seen zu 
Rage. 

Die Pflanzen und bie Bänme felbft von Sa⸗ 
men aus den entfernteften Ländern gezogen gebeigen 
im UWeberfluße. 


| An Metallen, welche die glüdliche Erbe mans 
der Provinz birgt, fehlt beinahe Feine Gattung. 





Bon vorteefflihem Marmor findet man man⸗ 
herlei Arten. Setbft Perlen finden fih in Bächen. 


Wein wächst in Regensburg und Landöhut, 
zwar nicht vom beften Rufe, doc Fönnte er bei 
befferer Eultur und Behandlung bald ben fränkifchen 
und Nekarweinen nachkommen. 


Aber mehr ſchätzenswerth als alle dieſe Güter 
und edler iſt die Treue und Liebe, welche das Bor 
ben Fürften beweist. 


Darüber rühmten ſich auch ſtets die Fürften 
unferer Vorzeit gegen auswärtige und nichts hat 
biefe ſchätzenswerthe Eigenſchaft bis jetzt gemindert. 


Ebenſo lieben die Fürſten ihr Volk, ſetzen ihr 
unabläßiges Bemühen fort, Gerechtigkeit zu pflegen, 
öffentliche Sicherheit zu erhalten, ſo daß man nichts 
von Räubern und öffentlichen Gefahren hört, die 
Straßen mit Sicherheit bereist und überall in Bay⸗ 
ern Ruhe findet. 


Hiernach gehen wir zur Genealogie und Ge: 
Thichte der Regenten über.“ 


Ueber diefe Kapitel dehnt ſich des fleißigen 
Vend Epitome nicht mehr aus — das Manuſcript 
hört auf. 


So einfach dieſe vorliegenden Commentarii ge⸗ 
gefaßt ſind, ſo geben ſie doch ein treues Zeugniß 
eines biedern Geſchäftsmannes über die politiſchen 


und ſtatiſtiſchen Zuſtände Bayerns unter der milden 


Regierung Herzog Albrecht V. und einen Beweis, 
wie glücklich ein Land ſich befinden kann, wenn 
äußere Stürme ſchweigen, die Wiſſenſchaften blühen 
* die Staatsgeſchäfte ihren geregelten Gang ver⸗ 
olgen. 





M 


3. Herr Reichs⸗Archiss⸗Sektetaͤr Muffat eine 
Abhandlung: 

. Ueber das Rathhaus der P. Haupt: und Pe: 
fivenzftadt München. 


Die Gefchichte des Rathhauſes zu Münden 
gewährt ein treffendes Bild von der zunehmenden 
Entwidlung und Vergrößerung biefer Stadt. 


Ganz natürlih war ber Raum, welden bie 
Bwölf „die bes Rated pflegent“ zu ihren Verſamm⸗ 
lungen nöthig hatten, zuerfl nur ein ganz mäßiger. 
Da ſich aber in der Bolge diefen zwölf Raths: Pflegen 
noch ein äußerer Rath und ein großer Rath zuge: 
ſellt hatte, da ferner mit’ der zuwachſenden Bevöl: 
kerung fih auch die Nothwendigfeit eined immer 
größeren Raumes für die aus mancherlei Weranlafs 
ſungen jäprlic) zu wiederholten Malen zu baltenden 
Verſammlungen der Bürger heraudfitellte, mußte na⸗ 
mentlih für die Errichtung eines großen Gaales, 
oder wenigftens für die Erweiterung bed fchon bes 
ſtehenden Sorge getragen werben: 


Dieſen Entwidlungsgang machte auch das Rath: 
haus in dem Laufe der Beiten durch. 

Anfänglich auf einen Fleinen Umfang befchräntt, 
dehnte es ſich allmaͤhlich und zwar dergeflalt auß, 
Daß der Gebäude:Complex durd die Eigenthümlich⸗ 
keit feiner Lage, fih in zwei Pfarreien cerfiredte, 
indem der füdlihe Theil besfelben in der St. Pe: 
teröpfarre, der nördliche aber in der Srauenpfarre 
gelegen ift, während ber dazwiſchen ſich drhebende 
Raththurm beide mit einander verbindet. 

Jeder diefer beiden Beflandrheite hat feine eigene 
Geſchichte, welche hier erörtert werben fol, ſoweit es 
Die urkundlihen Behelfe geftatten. 

Das ältefle Saalbuch der Stadt vom J. 1444 
befchreibt das Rathhaus alfo: _ 

„Es ift ze wiffen dad die Stat vor langen 
Zeiten des Rathaws ain tail Faufft, pawt und zus 
wegen pradt bat Immer dar her pis yetzo. In 


der Jartzall viergehnhundert vnd in dem drey und. 


viergigiften hat bie Stat kaufft, bie gemäd, vier 
kräm oder laeden bed Haws under ber groffen Rat: 


94 


-firben dar Im der Wagmaifter ainhalb vnd ber 


Burgerknecht anderhalb yetzo find mit fampt ben 
vier Prämen oder laeden dapei.“ 


„Und alfo hat die Stat In dem Rathams 


oder daran an payden fenten das iſt an ber feyten 
gen Sand Peter und auch an ber fepten gen ber 
Schergenftube zu paiden Zeilen oder feyten 
fünfzehn laeden und kräm. u. f. w.“ 
Kerner heißt e8 in demſelben von dem auf ber 
St. Peterdfeite gelegenen Theile des Rathhaufes: 
„Es ift ze willen, bad under der Indern 
Ratſtuben neben den flaifchpenden ſtet der Stat 
waghaus dar Inn find ſechs gewelb, die warten 
den Fauffläuten, wann bie herkoment mit gewand 
von Eyſtet oder ander halben, den felben die Ir 
gewand verkauffen wollen leicht ber mwagmaifter ber 
Stat die gewelb nach rer begerung, Und waz er 
gewand verkaufft, da ift er fchuldig zu haws gelt 
da bon ze geben vom Tuch ain pfenning zu fampt 
dem pfunt Zoll; und waz dem MWagmaifter zu haws 
gelt geben wirt, das legt er inn ain befunders 
püchfel und tregt day zu kotemper an die famer daz 
hayft dann hawsgelt.“ — " 
Vergleicht man diefe beiden Stellen miteinan: 
ber, fo geht daraus hervor, daß bis zum 3. -1443 
nur jener Theil des Rathhauſes, in weldhem fi 
bie innere Rathſtube (der heutige Sißungdfanl 
des Magiftrated) oberhaib dem Waghauſe (der 
heutigen fogen. Schmalzwage) befindet, volles Ei- 
genthum der Stadt gewefen fei, während bie große 
Rathſtube (der heutige fogenannte Feine Rathhaus: 
faal) in Folge einer Uebereintunft,. deren ſchriftliche 
Abfaflung fih nicht erhalten hat, auf einem Haufe 
erbaut war, welches zu dem Fundus der Allerheiliz 
gen= oder Gollier: Kapelle gehörte. 


Es ift dies eines jener. drei Häufer, welche im 


J. 1315 Ainwig dem Gollier, dem Sfifter der ge⸗ 


nannten, mitten auf bem ehemaligen Markte oder 
Schrannenplage erbauten Allerheiligen : Kapelle ges 
hörten, „die an fant Peters freithof gelegen find, 
una an daz talburgtor“" *). 


*) 9. Krenner: Ueber die Sigille ꝛc. in den biſtor. 
Abhandl. d. k. Akad. d. W. v. J. 1813. Bd. IL 
p. 36, 


95 


Auf biefen brei Häufern hatte im 9. 1315 
der damalige Kaplan Herr Niclas eine Ewiggült 
von jährih 5 Pfund Münchner Pfenninge zur Ver: 
befferung der Kaplan: Pfründe conflituiert, was Ver: 
anlaffung geweſen fein mag, daß felbe fpäter völlig 

zur Kapelle kamen, mit deren Patronatöherren ber 
Magiſtrat einen Vertrag. wegen Erbauung der gros 
Gen Rathftube abgefchloffen haben muß, bis er durch 
den Kauf des Haufes in das volle Eigentbum bes 
Rathhauſes auf der St. Peteröfeite trat. 

Died gefhab im 3. 1443, in weldhem „am 
Eritag in den Pfingftveyertagen“ der Rat von dem 
damaligen Kaplan Maifter Hand Eugenped, mit 
Einwilligung ber Brüder Peter und Hans Schlu⸗ 
der, ald der benannten Kapellen und Stifft Lehen: 
herren „dad haws und hHofflatt, grunt und poden 
mit allen feinen Zugebörung under der groſſen Rat: 
ſtuben .... flofft an Sant Peters Sreithof, mit 
Namen die zwen Gemäch . . . mit fambt den vier 
trämen auch daran gelegen, der aine in das Tal 
wärß gelegen ift . . . und die andern brey baran 
beraufwercz; gen dem Margt, gen bem gäſſell, ba 
man gen Sant Peterd freithof get“ um zweihundert 
Pfund Pfenning Münchner. Währung erfaufte. 

Im J. 1525 am Montag nad) St. Johannidtag 
ded Käufers erwarb ber Magiftrat auf diefer Seite noch 
ein Haus von ben Hochherren und Pflegern des 
Spitald zum heiligen Geift, „gelegen zwifchen Gafpar 
Syefingerd Haus und an der ainen feyten der von 
Münden Ratbauß“ um fünfhundert Gulden, wor: 
aus jener Peine Anbau auf dem St. Peteröplag 
gebildet worden fein mag, welcher heutzutage bie 
Nr. 3 trägt. 


Hiemit ſchließt die Gefchichte der Bildung. und 
Erweiterung des Rathhauſes auf der St. Peters: 
Pfarr Seite. Wie bald die Ausdehnung bed Rath: 
baufes auf die nördliche oder Zrauenpfarr:Seite er: 
folgte, läßt fich bei dem Mangel älterer urkundlicher 
Daten nicht beflimmen. 

Nah) dem Saalbuche vom J. 1444 gelangte 
man bier, von dem (zuletzt noch ſogenannten Eier:) 
Markte aus in den obern Raum, während in den 
: antern Gelaffen die Echergenftube und eilf Läden 
fi befanden, unter beren erſterm, vorne gegen 





96 
den Markt zu, auch noch ber Weber⸗Keller anges 


bracht war, über welchen der Mangmaiſter die Auf: 


fiht führte. 


Der obere Raum enthielt einen großen Saal, 
der außerdem, daß er zu den jährlichen feſtgefetzten 
Verſammlungen der ganzen Gemeinde beſtimmt war, 
auch als Tanzſaal benützt wurde, wie dies aus deſſen 
Bezeichnung als ſolcher in den ſtädtiſchen Büchern 
dieſer Zeit hervorgeht. 


Das Bedürfniß, eine neue Fronfeſte herzuſtel⸗ 
len, und für das Brodhaus, welches in dem zum 
Abbruche beſtimmten alten Ding⸗ oder Rechthauſe 
ſich befand, gleichfalls ein anderes günſtig gelegenes 
Lokal auszumitteln, gab Veranlaſſung, das Rathhaus 
auf dieſer Seite neu aufzuführen. Zu dieſem Zwecke 
wurde 1463 das zunächſt daran gelegene Haus in 
der Burggaſſe von Hans Pfetten um 600 fl. in 
Gold käuflich erworben, und das Areal desſelben 
der Art verwendet, daß in den untern Räumen die 
Fronfeſte, das Btodhaus, und außenher eine An⸗ 
zahl Läden angebracht wurden, während der ganze 
obere Stock, zu dem man gleichfalls wieder auf ei⸗ 
ner Stiege vom Markte aus gelangen konnte, zu 
einem großen Saale verwendet wurde. 


Den Entwurf zu dieſem Baue darf man un: 
bedenklich dem damaligen „Maurer: und Baumeifter 
der Stadt Münden, dem berühmten Erbauer des 
Domes zu Unfer rauen, Meifter Jörg Hafelbach 
von Poling,“ zuſchreiben. 


Die Bauführung leitete er aber nicht ſelber, 
ſondern Meiſter Peter Mannhart, der, nachdem er 
anfaͤnglich nur um den Taglohn, und gleichſam zur 
Probe gearbeitet hatte, im J. 1471 förmlich in 
den Dienſt der Stadt aufgenommen wurde. 


(Schluß folgt.) 





Beilage zu ben gelcehrten Anzeigen, Rro. 10. 11. 


I. 
Aus Erasmus Vend's Epitome. 
"a. Abeliche bayr. Familien J. Claſſe im XVI. Jahrhunderte. | 


Ulphabetifch geordnet. 





Die Adelöhaufen, die Herzheim, die Nothaft, die Schönftett, 


Adolzhofen, Hirfhau, . Nußdorf, Schönſtein, 
Aham, Hoholting, Dffenheim, Schmiechen, 
Allersbek, Hochenkirch, Parsberg, Schwarzenſtein, 
Areſingen, Hofer, | Yaulftorf, Schweighartt, 
Auer, Hofmann, Paumgartner, Seyboltsdorf, 
Buchberg, Hüunderskirch, Pelkhofen, Seyfriedsdorf, 
Burgau, Hund, Perkhofen, Sigertshofen, 
Chamm, Judi, Perfeld, Sonnendorf, 
Dachsberg, Khärgl, Dervang, Stiegiheim, 
Deporta, Königdfeld, Pirkheim, Tandorf, 
Ebleb, Krafft, vormal Grum⸗ Peffenhauſen, Thanhauſen, 
Ebran, bad, Praithenbach, Taufkirchen, 
Ekhler, Krauß, Preitenſtein, Trauner, 
Eiſenreich, Kreuth, Prant, Trauskirchen, 
Elriching, Khuttenau, Prantlh, Trenbach, 
Ehelbek, Leublfing, Pürching, Thurner, 
Flinzing, Leuprechting, Puſch, Thußlinger, 
Stänkling, Loſinz, | Pullinger, Wahlen, 
Sreyberg, Lung, einft Diethof, Radlkofen, Wartt, 
Gehbökh, Maroldingen, Raidenbuch, Weichs, 
Gerſtorf, Marzell, Raindorf, Wembding, 
Ginsheim, Maſſenbekh, Ramung, Weſtlach, 
Gruber, Mayrhofer, Reiner, | Widerſpach, (einſt Ire⸗ 
Gundriching, Münch, Ried, (Marſchaͤlle) ſing) 
Hackhl, Mündau, Rieder, Wildenftein, 
Haunsberg, Mukhenthal, . Rohrbach, Wolfſtein, 
Hausham, Muerſer, Sandizell, Zeilhofen, 
Hauzenberg, Muracher, Schaffhauſen, Zenger, (Marſchalle von 
Herbſtheim, Neuching, Schoͤnpronn, Niederbayern). 





Die Eglofiftein, 
b 


Die Angerpöth, - 


= 


Ezendorf, 
Haböberg, 
Holdingen, 
Zörger, 
Kecheriz, 


Armanſperg, 
Bſchaͤl, 
Bſchorr, 


Bsoͤhem, 


Chaſtner, 


Dietrichingen, 


Dichtl, 
Ebenhauſen, 
Ebenshofen, 
Edlmann, 
Ekh, 


Ekhſtetten, 


Ehrenreuth, 
Elſenheim, 
Eßwurm, 
Etling, 
Eyſin, 
Feurer, 
Freyer, 
Freyſing, 
Freytag, 
Fronhorn, 
Fürgold, 
Garhamm, 
Gartner, 


Geßenbekh, | 


. Gießer, 


Ginzhofer, 
Gleißenthal, 
Göpengrün, 
Goder, 
Granting, 
Grembs, 


Griesſtetten, 


Grünbekh, 








die Kitſcher, 


Männing, 
Neidek, 
Pambach, 


Pappenheim, (Mar: 


ſchälle), 


die Hakhlod, 


Haunried, 
Daufner, 


„Haidenbuch, 


Herbſt, 
Hohenkamm, 
Högnenberg, 
Hönham, 
Hofdorf, 
Holzner, 
Honold, 
Hundsberg, 
Jachenſtorf, 
Jordan, 
Keiz, 
Kemmather, 
Khäding, 
Khardi, 
Klekh, 
Kheillingen, 
Kluegkham, 
Kolmpekh, 
Koppinger, 


Krafftshofen, 


Kurnreith, 
Kuzmögl, 


Lamp'rizham, 


Landriching, 
Eentner, 
Lerchenfeld, 


Ligſalz, 


Leſch, 
Mägerl, 


Magensreuth, 


Marhartt, 
Maudrem!, 





Rebling, 
Schab, 


Scäftenberg, 
Schellenberg, - 


Muffe, 
Muntenham, 
Murrham, 
Nopping, 
Oberham, 
Ortner, 
Oßwurm, 
Pärbing, 
Panol, 
Poißl, 
Pikhand, 
Perlzheim, 
Pfahler, 
Pfeil, 
Pflügl, 
Plüml, 
Praͤkhendorf, 
Prandſtetten, 
Proming, 
Pucher, 
Puikhner, 
Raider, 
Raiger, 
Raukham, 
Reikher, 


Reichard, 


Reindl, 


Reitthurn, 


Reyſach, 
Rieder, 
Riemhofen, 
Rinkham, 
Ritſchoön, 


Rueſtorf, 


Ruland, 





e. Adeliche bayr. Familien III. Claſſe im XVI. Jahrhunderte. 
die Mosham, 


b. Abeliche bayr. Familien II. Claſſe im XVI. Jahrhunderte. 


die Perlichingen, 
Pinau, 


die Schurff, 


Sprinzenſtein, 
Vieregg, 
Waldprom, 
Welden. 


die Roſenbuſch, 


Schaafsoöder, 
Schachner, 
Schellerer, 
Schoͤnpurg, 
Schollnhamm, 


Schweikersreuth, 


Sikenhauſen, 
Soier, 
Spiegel, 
Stainhauſen, 
Starzhauſen, 
Suntheim, 
Taberzhofen, 
Thätenbekh, 
Thumbperg, 
Tollheim, 
Treiner, 
Türrigl, 
Turch, 
Uhrmüller, N 
Bend, 
Vogel, 
Borfter, 
Waldſing, 
Wänning, 
Wegler, 
Wegmach, 
Weißenfeld, 
Wenger, 
Weſtendorf, 
Wieland, 
Zachries, 
Zeller. 


IL 


| Geiſtliche Stifter und Kloſter im Herzogthume Bayern vom XVI. Jahrhunderte, 
I I ——— — — ——— —— 


i 
Kloſter ee XVI. Beſtand im XIX. Jahrhunderte, 


Drden. 














a. Benedictiner. Tegernfee j König. Schloß. 
In Oberbayern. Benedictbeuern Mititärfohlenhof. 
Ettal Privatbefig der Familie v. Bauer. 
Scheuern Benedictiner Anaben:Erziehungsanftalt. 
Ebers berg Privatbeſitz des Frhrn. v. Eichthal. 
Seeon Badeanſtalt, Befig der Frau Herzogin v. Braganza., 
Rott am Inn Privatbeſitz des Bauers Kaiſer. 
Andechs den Benedictinern zu München gehörig. 
Uttel am Inn Privatbefip des Bierbräuers Riegel, 
Weſſobrunn Privateigenthum des Bierbräuers Schöttl. 
Thierhaupten Oekonomie des Joſeph Bauer. 
Weihenſtephan Königl. Landwirthſchaftsſchule. 
Biburg Privateigenthum. 
Müunchs mũnſter abgebrochen. 
Altomuũnſter theils den Benedictinern übergeben, theils Privateigenthum. 
In Niederbayern. Niederaltaich. groͤßtentheils abgebrochen, der Reſt Privatbeſitz. 
Weltenburg ſeit 1842 wieder Benedictinerkloſter. 
St. Veit an der Rott Privatbefip des Frhrn. v. Spef:Sternberg. 
Asbach Privateigenthum. 
Mallerſtorf Privatbeſitz des Bierbräuers Ade. 
Metten Benedictinerkloſter wie— Weltenburg. 
Oberaltaich | Privateigenthum. 
Prüfening ebenfo. 
Formbach Privatbefip des Kchrn. v. Andrian. 
b. Auguffiner regulierte |Rorbenbuch, Raitenbuch) theils Militärfohlenhof, theils Privateigenthum. 
Chorherren. Dießen ebenſo. 
Inderſtorf Kreisirrenanſtalt. 
Baumburg im Befip des Bierbräuers Nikel. 
Polling Beſitz des Adv, Meyer von Augsburg. 
Randspofen, Reichersberg, Suben| im öfterreich. Innviertel. 
Chiemſee, Herrnwoͤrth Beſitz des Zehen. v. Hunoldſtein. 
Beyharting Beſitz des Staatsraths v. Maurer. 
Beuerberg Saleſianerinnenkloſter mit weibl. Erziehungsanſtalt. 
St. Zeno Engliſches Fräuleininſtitut. 
Bernried Privateigenthum. 
Dietramszell Saleſ.-Penſionat und Erziehungsanſtalt. 
Schlehdorf Privateigenthum. 
Weyherrn Privateigenthum des Wirths Kirmeir. 
Schamhaupten Eigenthum der Univerſität München. 
St. Nikola bei Paſſau einggaogen. . 
Rohr ‚| Peivateigenthum. 
Gars Privatbefit des Defonomen Gaßner. 
Au gleichfalls. 
” St. Mang in Regensburg Landgerichtögebäude in Stadtamhof. 
Rinchnach abgebrochen, Niederaltaich zugetheilt. 
St. Oswald ebenſo. 


Poͤring dem Kloſter Andechs ſeit 1598 zugetheilt. 


Orden. 


e. Auguftinee Eremiten. 


de. Prämonftratenfer. 


- % 


e. Cifterzienfer. 


£ Dominitaner. 
g. Karthäufer. 
h. Rarmeliten. 


» Sranziscaner. 


x. Collegiatſtifte. 


1. Kommendehäufer 


Deutfchen Ordens. 


Maltefer Ordens. 
m. Srauenklöjter. 


N 


Klöfter und Stifte im XVI. 
Jahrhunderte. 


Das Klofter zu München 


Ramfau 
SGeemannshaufen 
Steingaden 
Scheftlarn 


Neuftift in Freiſing 


Dfterhofen 
Windberg 

St. Salvator. 
Fürftenfeld 
Raitenhaslach 
Allersbach 
Fürſtenzell 
Gotteszell 
Landshut 


Prüel bei Regenoͤburg 


Abensberg 
Straubing 
München 
Ingolitadt 
Landshut 


Kelheim 
München 
Detting 


Mattighofen 
Deteröberg 

Haybach bei Murnau 
Mosburg 


Paffemnünfter 


Blumenthal 
Gankhofen 
Altmuhlmünſter 
München am Anger 
bei den. Pütrichern 
bei den Riedlern 
Niederfchönenfeld 
©eifenfeld 
Hohenmwart , 


Altomünftee 
Ehiemfee, Frauenwörth 


Kuühbach 
Altenhohenau 


Ingolſtadt St. Johann in«Gna⸗ 


denthal 


Seligenthal in Landshut 


Heilig Kreuz allda 
Unterviehbach 


— — — 


Beſtand im XIX. Jahrhunderte. 


Staatseigenthum. 

Privatbeſitz der Profeſſorswittwe Geibel. 
Privateigenthum. 

Militärfohlenhof. 

Engl. Fräulein⸗ Penſionat und Schule. 

Militärkaſerne. 

abgebrannt, dem St. Annaſtift in München zugetheilt. 
abgebrochen. 

gleichfalls. 

Snvalidenhaus und Foblenhofs:Udminiftration. 


Beſitz der Bierbrauerswittwe Baumgartner. . 


Privatbefig des Frhen. v. Aretin. 
Privatbeſitz der Wininger'ſchen Relicten. 
abgebrannt im Schwedenkriege. 
dermal Regierungsgebäude. 
Kreisirrenanſtalt. 

abgebrochen. 

1841 reſtauriert. 

abgebrochen und im Lehel neu errichtet. 
beſteht noch als Kloſter. 

abgebrochen. 

Privateigenthum. 

als ſolche aufgehoben, jetzt Domſtift. 
beſteht noch als Redemtoriſten⸗Colleg. 
dermal im öſterreich. Innviertel. 
Commende, jetzt Privatbeſitz. 
Privateigenthum. 

nach Landshut verfebt. 

zugetheilt dein Eollegftift Straubing. 
Beſitz der Grafen v. Fugger. 

Beſitz der Grafen v. Fugger. 
Privateigenthum. 

Erziehungsanſtalt. 


abgedrochen, Privateigenthum. 


ebenſo. 

Staatseigenthum. 

Privateigenthum. 

gleichfalls. 

ſeit 1841 Brigittinerinnenkloſter. 

Schule und Penſionat der Benedictinerinnen. 
Beſitz Sr. K. H. des Herzogs Max. 
Privatbeſitz des Zehen. v. Krailsheim. 
Franziskanerinnenkloſter und Schule. 


Kloſter und Erziehungsanſtalt. 


Gymnaſium. 
als Kloſter wieder hergeſtellt. 


“ — 














G le h te 
„ München, 
Nro. 12. 





— — — 


Königl. Akademie der Wiſſenſchaften. 





eber das Rathhaus der f. Haupt: und Refidenz: 
ftadt Münden, 





Schluß.) | 

Im Frühlinge bed Jahres 1470 wurbe mit 
Erbauung des neuen. Rathhaufes angefangen, und 
die Mauerarbeiten, indem jedes Jahr bid Mitte Des 


zember bamit fortgefahren wurde, im 23. 1474 


vollendet. 

Dann gieng ed an die innere Vollendung und 
Ausdflattung. Lebtere war ganz einfach und dem 
Hauptzwede des Saaled, als eined Tanzſaales, ent: 
fprechend. Die Wände wurden bemalt, und an 
dem obern Rande derfelben über hundert Wappen: 
ſchilde fürftlicher und adelicher Gefchlechter, von Ul⸗ 
rich Füterer gemalt, angebradıt. 

Jene Figuren mit ben fonderbaren Stellungen 
und Geberben, fehzehn an ber Zahl, die auf her 
vorfpringenden Poſtamenten zwifchen den Wappen 
eingetheilt zum Xheile ſich bis auf unfere Tage er: 
halten haben, fielen Tänzer dar und find ein Werk 
des Bilderfchnigers Meifter Erasmus. 

An ber Mitte des Saales 'hiengen drei große 
Armleuchter, deren mittleren Jörg Rothſchmid ver: 
fertigt hatte. 

Die Marmorfteine zu den Sitzen an den Fen⸗ 
flern hatte Conrad Lentner aus bem Nyeſenbach 
Gerichts Traunſtein) geliefert. 


herausgegeben von Mitgliedern 


der £. bayer. Akademie der Wiſſenſchaften. 





Anzeigen. 


1854. 


Die Verglaſung der Fenſter beſorgten Meiſter 
Mang, Glaſer von Landsberg, und Meiſter Conrad. 

Auch von Außen erhielt das Rathhaus einen 
angemeſſenen Schmuck, indem es von Ulrich Füterer 
in den Jahren 1476 und 1477 bemalt wurde. 

Bei dieſer neuen Bauführung ſcheint auch der 
ältere Theil des Rathhauſes, nämlich der auf ber 
füdlichen Seite gelegene, eine bauliche Weränderung 
erhalten zu haben. Wenigftend wurde die äußere 
Seite gleih dem neuen Baue von Ulrich Füterer 
bemalt, und namentlih „die hor gen den Rinder: 
markt“ niit einem vergülten Zeiger ausgeflattet. 

Bon biefer allgemeinen Reftaurierung blieb auch 
der Raththurm, das alte Thalburgthor, nicht aus⸗ 
gefchloffen. 

Derfelbe hatte im Laufe de8 15 Zahrhunderts 
mehrmal durch Feuer gelitten. Im Sommer des J. 


4418 war er mit fammt ber Rathftube abgebrannt, 
‚nachdem erft zu Anfang beöfelben Jahres eine Glocke 


in demfelben aufgehängt worden war, bie ber Rath 
von Nürnberg hatte fommen laffen. 


Am September 1460 ſchlag der Blitz in den⸗ 
ſelben, und er wurde abermal ein Raub der Flam⸗ 
men: Das Zinndach, bie Glocke waren durch bie 
Glut des Feuerd gefchmolzen, aber in bdemfelben 
Jahre noch war feine Wiederherſtellung erfolgt. 


Bei dem Beginne des Baues bed neuen Rath: 
hauſes wurde auch der Raththurm wieder abgebedt, 
die Tafeln umgegoffen, und der Dachſtuhl, wie «6 
fheint, neu hergeftelt, indem nad der Rechnung 
bie Zimmerleute 14 Wochen (von Witte April bie 
Ende Zuli 1470) an bemfelben beſchäſtigt waren. 

XXXVMI. 12 ⸗ 


1689 " 


Archiv für Kunde Öfterreichifcher Gefchichtöquelien. X. 
Bd. II. XI. Bd. I. u. Il. Wien 1853. 8. 
Kotizenblatt Nr. 1-20. Beilage zum Archiv für Kunde 
, Öfterreichifcher Gefchichtsquellen. Wien 1853. 8. 
. Almanach 4 Jabrgaug 1854. Wien 1854. 8. 
Don der Royal medieal and chirurgieal Society in 
London: 
Meldico-chirurgical transactions. Vol. XXXVJ. London 
1853. 8. \ 
Bon dem Hrn. Dr. U. 8. Bufch in Königsberg: 
Afteonomifche- Beobachtungen auf der Fönigl. Univerfitätss 
Sternwarte in Königsberg. 25 Abtheilung vom 1 
Januar 1839 bid 31 Dezember 1840. Königsberg 
1852. Fol. 


Syſtematiſches Verzeichniß der in der k. Bibliothek der 
k. Univerfitäits: Sternwarte zu Königsberg enthalter 
nen Bücher. Königsberg 1852. 8. 


Don den Hrn. M. SGloefener in Liege: 
Recherches sur la telegraphie electrique. Liege 1853. 8. 


Don dem hiftorifchen Verein in Bamberg: 


Sechzehnter Bericht über das Wirken des hiftorifchen . 


Dereins. Bamberg 1853. 8. 


Don der Royal geographical society in eondon: 
Address at the anniversary meeting 23 May 1853 by 
Sir B. L. Murchison. London 18523. 8. 
Bon dem Tandiwiethichaftlichen Verein in München: 


Gentralblatt. 43 Jahrg. Dezember XII. 1853. Januar 
I. 1854. Deünchen. 8. 


Von dem Herrn C. von Hagen in Bayreuth: 
Urdiv für Gefhichte und Alterthumskunde von Dber: 
franfen. 5 Bd. 36 Heft. Bayreuth 1853. 8. 


Don der Gefellfchaft für norbifche Alterthämer in 
Kopenhagen: 
Antiquarisk Tidsskrift: Heft 3. 1843 — 1845. Heft 1. 
1846 — 48. Deft 2. 3. 1849 — 51. Kijöben- 
haven. 8. 


Guide to Northern archaeology. By the Earl of Elles- 
mere. London 1848. 8. 


Don der Academie Roy. des sciences, des lettres 
et des beaux-arts de Belgique in Brüffel : 


Bulletins. Tom. XIX. IH. Partie 1852. Tom. XX. I. 


IL. Partie 1853. Brux. 8. 
-Memoires. Tom. XXVII. Brux. 1853. 4. 


Memoires eouronnes. Collection in 8. Tom. V. LU. 
Partie. Tom. VI. 1. Partie. Brux. 1953. 8. 


Annusire de l'acaddmie 1853. Angde 19 _ Bruxelles 
1853. 8. 

Annuaire de l’observatoire royal de Bruxelles par H. 
Quetelet. 1853. 20 annee. Brux. 1852..12. 
Annuaire de l’universite catholique de Louvain. 1853. 

47 annee Louvain 1853. 12. 

Instructions pour l’observation des phenomenes perio- 
diques. Brux. 4. 

Methode pour determiner simultanement la latitude, la 
longitude,, I’heure et l’azimut par des passages 
observes dans deux verticaux par C. Houzeau. 
Brux. 4. 


Maritime conference held at Brusselles for devising 
an uniforn system of meteorological observationa 
at sea. August und September 1853. 4. 
Don dem Hrn. U. Quetelet in Bräjlel: 
Memoire sur les variations periediques et non perio- 
diques de la temperature. Brux. 4. 


Notice sur M. Edouard Smits. Brux. 4. 

Rapport adresse A. M. ministre de l’interieur sur l'é- 
‚tat et les travaux de l’observatoire royal, pen- 
dant l’annee 1852.. Brux. 8. 

Don dem Hrn. M. Liagre in Brüſſel: 


Note sur l’erreur probable d’un passage observe à 1a 
lunette meridienne et l’observatoire royal de Bru- 
xelles. Brux. 8. 

Don dem Hrn. Dr. v. Hahn in Spyra: 

Albaneſiſche Studien. Wien 1853. 4. 

Don der Societe imperiale des naturalistes in 
Moskau: 

Bulletin. Annee 1853. No. 2. Moskau 1853. 8. 

Don der Asiatic Society of Bengal in Calcutta: 

Journal No. CCXXXV. No. IV. — 1853. Caloutta 

"4853. 8. 
Don dem Hrn. U. Grunnert in Greifswalde: 


Urhiv der Mathematik und Phyſik. 21 Thl. 3 Heft. 
Greifswalde 1853. 8. 


(Schluß folgt.) 








101 


Bulletin de la classe historioo-philologique. Tom. X. 
St. Petersburg 1853. 4. 

Bon dem Hrn. C. Halm in DMiünchen: 
Eicero’6 ausgewählte Reden. 4 Bd. Leipzig 1853. 8. 
Bon der pfälzifchen Geſellſchaft für Pharınazie und 

. Technik in Speyer: 

Jahrbuch für practifche Pharmazie und verwandte Fächer. 
Band XXVII. Heft III. September. Ludwigshafen 
1853. 8. j 

Bon dem biftorifchen Verein von und für Ober: 
- bayern in München: 

Dberbayerifches Archiv für vaterländifche Gefchichte. 14 
Bd. 1 Heft. München 1852. 8 _ 

Sünfzehnter Jahresbericht. Jahr 1852. München 1853. 8. 
Bon dem biftorifhen Verein für Schwaben und 
Neuburg in Augsburg: 

Neunzehnter Jahresbericht für das Jahr 1863. Augsb. 

1853. 4 
on der Royal astronomical Society in London: 
Memoirs. Vol. XXI. Part I. ll. London 1852. 4. 
Proceedings. Vol. XII. London 1852. 


Don dem Hrn. Adolpp Uhlemann in Berlin: 
Inscriptiones rosettanae hieroglyphicae decretum sacer- 
dotale. Lips. 1853. 4. 

Don der k. k. patriotifch :öFonomifchen Gefellfchaft 
im Königreihe Böhmen in Prag: 
Wochenblatt der Land :, Forſt- und Hauswirthfchaft. Ne. 

16 — 30. 1853. Prag. 4. 

Gentralblatt für die gefaminte Landescultur. Nr. 16 — 
39. 1853. Prag. 4.. 
Don der naturforfchenden Gefellfchaft in Bafel: 

Bericht über die Verhandlungen derfelben vom Auguft 
1850 bis Juni 1852. Bafel 1852. 8. 

on der Royal Society in London: 


Abstrats philosophical transactions. Vol. I - IV. 1800 
— 1843. London. 8. 


Don der Gefellichaft für norbifche Alterthümer in 
Kopenhagen: 
Acta societatis scientiarum Fennicae. Tom. III. Fasc. II. 
Mit Supplem. Helsingforsiae 1852. 4. 
Notiser ur sällskapets pro fauna et flora fennica för- 
handlingar. Andra Häftet. Helsingforsiae 1852. 4. 
Sveriges rikes landslag, stadfaestad af konung Chri- 
stopher är 1442, af Wilh. Gabr. Lagus. Helsing- 
forsiae 1852 4. 


x 


18 


Sveriges rikes stadslag af Wilh. G. Lagus. Helsingfor- 
siae 1852. 4. ' 

Bon dem Hm. Dr. P. Bleeker in Kopenhagen: 
Diagnostische Beschrijoingen van nieuwe of weixig be- 
kende vischsoorten van sumatra. Batavia. 8.' 
Don dem Verein für Naturkunde in Wiesbaden: 

Jahrbücher 9 Heft. 1 u. 2 Abth. Wiesbaden. 8. 


Don der Royal Society in London: 


Philosophical transactions for the year 1853. Part 1. 
11. Vol. 143. London 1853. 4. 


Fellows of the Society. Novbr. 30. 1851. London. 4. 
On the impregnation of the ovum in the amphibia. 
By George Newport. London 1853. 4. 
Proceedings. Vol. VI. No. 94 — 97. London. 8. 
Address of the right honourable the Carl Rosse ete. 
the president. London 1853. 8. 
Bon dem Hrn. Dompeopft v. Deutinger bier: 
Beiträge zur Geſchichte, Topographie und Statiſtik des 
Erzbisthums München: Freifing. 5 Bd. I. Heft. 6 
Bd. I. Heft. München 1853. 8. 


1854. 


Don dem Hrn. Profellor Bonitz in Wien: 
Lieber die Kategorien des Ariitoteles. Win. 8. 


Bon dem Hrn. 9. Walfenroder in Jena: 


Ueber die Ausmittelung der fichern vier= und fünfziffeeis 
gen fpezififchen Gewichte der Flüſſigkeiten. Jena 8. 


Don der Academie des sciences In Paris: 

Comptes rendus hebdomadairen des seances. No. 14 — 
21. Oct. et Nov. 1853. Tom. XXXVIl. (Tables 
premier semestre 1853. Tom. XXXVI.) Paris 
1853. 4. 


Bon der k. E, Akademie der Wilfenfchaften in 
Wien: . 


Sitzungsberichte. Philoſophiſch⸗philologiſche Claſſe. Bd. 
X. Jahrg. 1853. II. Heft. Bd. XI. Jahrg. 1853 
I. II. Heft, Wien 1853. 8. 


Sitzungsberichte. Mathematifch:naturwiffenfchaftliche Claſſe 
Band XI. Jahrgang 1853. I. u. II. Heft, Wien 
1853. 8. ' 


Januar 











108 
Archiv für Kunde öſterreichiſcher Seſchichtsquellen. X. 
2». II. XI. Bd. I. u. 11. Wien 1853. 8. 
Notizenblatt Nr. 1-20. Beilage zum Acchiv für Kunde 
, Öfterreichifcher Gefchichtsquellen. Wien 1853. 8. 
Almanach) 4 Jahrgang 1854. Wien 1854. 8. 
Bon der Royal medical and chirurgical Society im 
London: 
Medico-chirurgical transactions. Vol. XXXVI. London 
1853. 8. x 
Don dem Hrn. Dr. U. 8. Bufch in Königsberg: 
Afteonomifche- Beobachtungen auf der Fönigl. Univerfitätss 
Sternwarte in Königsberg. 25 Abtheilung vom 1 
Januar 1839 bi8 31 Dezember 1840. Königsberg 
1852. Fol. 
Syſtematiſches Verzeichniß der in der E. Bibliothek der 
k. Univerfitätd- Sternwarte zu Königsberg enthalte: 
nen Bücher. Königsberg 1852. 8. 
Don dem Hrn. M. Gloeſener in Liege: 
Recherches sur la telegraphie electrique. Liege 1853. 8. 


Don dem hiftorifchen Verein in Bamberg: 


Sechzehnter Bericht über das Wirken des biftorifchen . 


Vereins. Bamberg 1853. 8. 


Von der Royal geographical society in London: 
Address at the anniversary meeting 23 May 1853 by 
Sir B. L. Murchison. London 18523. 8. 
Don dem landwirthſchaftlichen Verein in München: 


Eentralblatt. 43 Jahrg. Dezember XII. 1853. Januar 
I. 1854. München. 8. 


Von dem Heren C. von Hagen in Bayreuth: 
Archiv für Gefchichte und Alterthumskunde von Ober: 
franfen. 5 Bd. 36 Heft. Bayreuth 1853. 8. 


Don der Gefellfchaft für nordifche Alterthämer in 
Kopenhagen: 
Antiquarisk Tidsskrift: Heft 3. 1843 — 1845. Heft 1. 
1846 — 48. Heft 2. 3. 1849 — 51. Kjöben- 
haven. 8. 


Guide to Northern archaeology. By the Earl of Elles- 
mere. London 1848. 8. 


Don der Academie Roy. des sciences, des lettres 
et des beaux-arts de Belgique in Brüffel: 


Bulletins. Tom. XIX. IH. Partie 1852. Tom. XX. I. 


1. Partie 1853. Brux. 8. 
-Memoires. Tom. XXVII. Brux. 1853. 4. 


Memoires eouronnes. Collection in 8. Tom. V. I. II. 
Partie. Tom. VI. I. Partie. Brux. 1853. 8. 


106 

Annusire de l’seaddmie 1853. Annee 19 Bruxelles 
1853. 8. 

Annuaire de l’observatoire royal de Bruxelles par H. 
Quetelet. 1853. 20 annee. Brux. 1852.-12. 
Annuaire de l’universite catholique de Louvain. 1853. 

17 annee Louvain 1853. 12. 

Instructions pour l’observation des phenomenes perio- 
diques. Brux. 4. 

Methode pour determiner simultanement la latitude, la 
longitude, l’heure et l’azimut par des passages 
obserres dans deux verticaux par C. Houzeau. 
Brux. 4. 

Maritime conference held at Brusselles for devising 
an uniforn system of meteorological observations 
at sea. August und September 1853. 4. 

Don dem Hrn. U. Quetelet in Brüſſel: 

Memoire sur les variations periodiques et non perio- 
diques de la temperature. Brux. 4. 

Notice sur M. Edouard Smits. Brux. 4. 

Rapport adresse A. M. ministre de l’interieur sur Ve- 
‚tat et les travaux de l’observatoire royal, pen- 
dant l’annee 1852.- Brux. 8. 

Don dem Hrn. M. Llagre in Brüjfel: 

Note sur l’erreur probable d’un passage observe & la 
lunette meridienne et l’observatoire royal de Bru- 
xelles. Brux. 8. 

Don dem Hrn. Dr. v. Hahn in Spra: 

Albaneſiſche Studien. Wien 1853. A. 

Bon der Societe imperiale des naturalistes in 
Moskau: 

Bulletin. Annee 1853. No. 2. Moskau 1852. 8. 

Don der Asiatic Society of Bengal in Calcutta: 


Journal No. CCXXXV. No. IV. — 1853. Calcutta 
"4853. 8. " 


Don dem Hrn. A. Grunnert in ©reifswalde: 


Archiv der Mathematik und Phyſik. 21 Thl. 3 Heft. 
Greifswalde 1853. 8. 


(Schluß folgt.) 








Gelehrte 


München. 
Nro. 13. 


berausgegeben von Mitgliedern 
"der & bayer, Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen. 


30. Januar. 


1854, 





.— ou. 


Tafchenwörterbudy der Rhatoromanifden 
Sprache in Graubinden von Otto Cariſch, 
Profeſſor an der evangel. Kantonſchule. Chur 
1848. 


Grammatiſche Formenlehre der deutſ hen und 
‚rhbätoromanifchen Sprade für die roma⸗ 
nifchen Schulen Graubündens,, von Dtto Ca: 
rifh. Chur 185%. 





ı Aufeiner Reife, bie ich im Herbft des Jahres 1852 
nad Chur, dann über dad Domlefhg und Ober: 
halbſtein nach dem Engadin unternahm, gerieth ich 
endiih in die fchon längft gewünfchte nähere Be⸗ 
rührung mit dem romaunfhen Bücherweſen, wel: 
ches fonft bekanntlich wenig weltläufig if. Ich 
brachte von dieſem Ausfluge unter Anderm die bei- 
Den obengenannten Werke von Dtto Earifch mit nad) 
Haufe, und find biefelben die nächſte Veranlaſſung 
zu folgender Anzeige geworben. 

Ueber den gleichen Gegenſtand habe ich früher 
in ber Augeburger Allgemeinen Beitung (16 Zän: 
ner dv. Ihrs.) einige Worte hinterlegt und dabei 
namentlih den Streit in's Auge gefaßt, der jcht 
in Graubünden über den Vorzug und die fprady: 
lihe Suprematie ded Dberwälder und Engadiner 
Dialekis geführt wird. Näher auf das Idiom eins 
zugeben, war in jenem Blatte nicht ber Raum und 
e8 mag baher bier geftattet fein, derartiges nach⸗ 
zutragen. 


Wie männiglich bekannt, waren die Gelehrten 
bes Landes feis manchem Jahrhunderte des Glau⸗ 


— — msn ee — 


bens, da ſie und ihre Landsleute der Sage nach 
von alten Etruskern abſtammen, ſo ſei auch ihre 
Sprache noch dieſelbe, wie ſie ihre Voreltern im 
grauen Alterthum geſprochen, alſo etruskjſch. os 
hannes v. Müller und Herr v. Hormayer haben zu 
ihrer Zeit dieſer Meinung noch mit großem Pathos 
ihr bedeutendes Wort geliehen. Hingegen iſt aber 
ſchon ſeit mehreren Decennien die andere, allein 
richtige Anſicht aufgetreten, daß die romaunſche 
Sprache in Graubünden nicht anders als die übri⸗ 
gen romaniſchen Sprachen aus dem Latein hervor⸗ 
gegangen ſei und in ihrer Entwickelung der Haupt⸗ 
ſache nach denſelben Gang beſolgt habe, wie jene. 
Hätte man, ſtatt ſich von diner bekannten, aber auf 
ganz andere Zeiten abgefehenen Stelle des Livius 
irre leiten zu laflen, ‚hätte man dem Augenfcheine 
allein vertraut, fo wäre das Wahre nicht fo lange 
verfannt worden. 

Gehen wir inbeffen zu den Büchern über, 
bie wir befprechen wollen, vorerfl zu der grammas 
tiſchen Formenlehre von Dito Cariſch. Nachdem in 
der erfien Hälfte diefer Schrift zunächſt die deutfche 
Grammatik behandelt worden, behandelt der Ver⸗ 
faffer in der zmeiten ebenfo die romaun’fhe. Wei 
der großen Berfchiedenheit ber Dialekte, von denen 
der Oberwälder unb der Engadiner am weiteften 
auseinanderftehen, muß bie Darftellung auch immer 
wenigftens in doppelter Richtung ſich verbreiten. Es 


würde übrigens zu weit führen, die charafteriftifchen 


Unterfchiebe hier auch nur im Außzuge zu geben. 
Durchſchnittlich haben die Erfcheinungen gerade nicht 
Auffallended — bemerkenswerth möchte indeffen fein, 
daß u, im Engadinifchen gewoͤhnlich ü, bei den Obers 
ländern fogar in 3 Übergegangen ift, fo daß das 
XXXVII 13 | 


107 


voraudgehende co den gequetichten Laut erhält, wie 
chira für cura, china für cuna. Auch chir, Rinde: 
haut,“ findet fih von corium. Diefe Queiſchung 
betrifft übrigens auch g vor harten Vocalen und 
ſelbſt zumeilen d, wie ingianar für ingannare, 
giaden für das deutſche Gaben, giomgia von igno- 
-minia, angiavinare für ital. indovinare. Ein g. 
drängt ſich auch gerne vor dem Anfag ia ein, wie 
lisiergia von luxuria, gliergia von gloria, limar- 
gia von anımalia. 

Die Orthographie fucht neuerdings wohl allen 
Dialecten gerecht zu werben, ift aber eben deßwe⸗ 
gen höchſt ſchwankend. 

In den Derivativbildungen der Nomina zeigt 
fih großer Reichthum. Es gibt, außer andern, 
Deminutiv:, Spregiativ: und Augmentativ: Endun: 
gen, wie chaval, chavalign, chavalett, chavalatsch, 
chavalun. j 
\ Einen Vorzug der rhätoromanifhen Eprache 
findet Here Carifh mit Recht darin, daß-fie aus 
intranfitiven Werben durch den Anfag antar, entar 
tranfitive bilden kann; fo beiver trinfen, buantar 
tränfen ; crescher, wachfen, carschantar, vermeh⸗ 
sen; durmir, fchlafen, durmentar, einfdläfern. 

Am Schluffe des Buches folgen Proben rhä- 
toromanifher Profa und Poeſie, die indeflen nicht 
über die WBibelüberfegungen bed fechzehnten Jahr: 
hunderts hinauf gehen. Aus früheren Zeiten find 
bis jegt noch Reine Sprachdenfmäler gefunden wor: 
den. Die romaun’fhen Urkunden und Eabungen 
aus den Gemeindeardhiven von Mals, Glurns u. f. 
w., die Herr von Hormayer fo oft erwähnte, find, 
wie fo manche Andere, womit dieſer Geſchichts⸗ 
forfcher feine Werke bereichert, eine leere Zabel. 


Bir kommen nun an das Wörterbuch. Es 
ift im Jahre 1848 zu Chur gebrudt, trat fchon 
gleich anfängli mit zwei kleinern Nachträgen auf, 
ift aber im vorigen Jahre abermald durch einen 
ziemlich umfaffenden erweitert worden. Was bie 
Medaktion betrifft fo find die Schwierigkeiten eines 
erften Anfangs — denn das Conradiſche Lericon ifl 
kaum zu zählen — allerdings noch nicht ganz über: 
wunden worden, was aber unfere Dankbarkeit ge: 
gen ten Werfaffer nicht vermindert. Nur einen Ue⸗ 
belſtand hätten wir lieber vermichen geſehen, baß 


nämlich ‚gleichbebeutende Wörter ohne Rüdficht - auf 
ben Anfangsbuchſtaben zufammengeftellt find und 
alfo 3. 3. tarna chambla chera (Motte) unter 
mulaun, lindorna unter schnek gefucht werben 
müffen. Ein beigegebened Verzeichniß, weldes in 
diefem WBerreffe zur Orientierung bient, kann jener 
Unbequemlichkeit nicht ganz abhelfen. 


Wenn wir nun biefes Wörterbudy durchgehen, 
fo finden wir mande räthfelhafte Wörter. Vielen 
davon läßt fi allerdings durch KWergleihung das 
Geheimnißvolle jegt fon abflreifen, andere wirb 
man wohl fpäter entlarven, aber ein Reſt wird 
immer bleiben, der fih aus den romanifchen und 
deutſchen Hülfsmitteln nicht erklären läßt. 


Mit der Erklärung dunkler Wörter nun hat 
fih Herr Cariſch ausdrücklich gerade nicht beſchäf⸗ 
tigt, aber doch vieles für Aufbellung des Wortfha: 
tzes dadurch gethan, daß er die mehr verwifchten 
Sormen mit ben Maren und beutlicheren zufammen: 
flelte und fo in vielen Fällen von felbft den Leit: 
faden zum Berfländniß in die Hände bed Leſers 
legte. So finden wir zum Beifpiel an einer Stelle 
autravidar und intraguidar, fohin das erftere ſo⸗ 
gleich durch dad letztere erläutert. An einem ande: 
ren Orte ftehen antalir, inclegier und incler mit 
antaletg und intelett zufammen, fo daß letzteres 
Wort feinen erflärenden Schein auf die ganze Sippe 
wirft. Dann folgen die nunmehr ſchon handfamer 
gewordenen surincler, melincler (mißverftehen ). 
In ſolchen Zällen ift die oben gerügte Bufammen- 
pferchung alphabetifch difparater Wörter allerdings 
mehr zum Vortheil als zum Schaden. 


Denn nun auch bie rhätifchen Aelpler, mit 
dem Lateinifchen fehr alpenhaft; will fagen mit fehr 
fahrläffiger Derbheit umgegangen find, fo läßt fi 
den Wörtern, die aus jener Sprache flammen, doch 
in der Regel nicht unfchwer beikommen. Naments 
lich flört Die vorangegangene Verwandlung der Lau⸗ 
te, wenn biefe Überhaupt nur noch auf ihrem rech⸗ 
ten Plage flehen, am allerwenigfin. Es iſt ſehr 
einfach und gefahrlos, iess, ief, fein, fom, freid 
und viele andere, an ber Hand ihrer Bedeutung 
auf ihr vorausgehendes os, ovum, foenum, fames, 
frigidus zurüdzuführen, und Pater Rufinatfha zu 
Meran hat fi wohl umfonft geängfligt, wenn er 


100 — 
J 


in einer fpäter zu erwähnenden Schrift von „Un: 
vorfichtigen“ träumt, bie da leicht auf altrhätifche 
Ableitung verfallen könnten. 

Indeſſen treten allerdings viel fchwierigere Er: 
fheinungen auf, und insbefondere find es Wegfall 
am Anfange, Ausfall in ber Mitte und Verſetzung 
der Laute, was den romaun’fchen Wörtern oft ein 
wildfremdes Anfehen verleiht. 

Wegfall im Anfange zeigt ſich zum Beiſpiele 
in ver, vein, veits, veva, vett von habere, ha- 
bemus, habetis, habebam, habuit, gnir von ve- 
nire, schar vou lasciare, scher von jacere. So 
wird aus acutus gitt, aus obscurus schir; aus 
amorosa marusa, ſo auch murim, marusaglia, ma- 
rusada, Berliebtheit. 

Ausfall in der Mitte führt: mitunter zu fehr 
harten Formen, wie 3.8. vdi von vitellus, vschin 
bon vicinus, vtura von vectura, dbit für de- 
bitum, pcho für peccatum. Andere Beifpiele find 
avdar, aud) evder von habitare, artare von haeredi- 
tare, schler von gelare. 
zuweilen Laute verloren, die zum Stamm gehören, 
fo cau (chau) von caput, veu von viduus. 

Mit befonderer Gewalt und bei weitem mehr 
als in andern romanifchen Epracen hat die Metas 
thefe eingeriffen. Am meiften wird r von ihr bes 
troffen, fo daß ſelbſt das vorgefehte re fih in ar 
verwandelt. So arconoscher, arfer für reconos- 
cere, refare (erquiden). Statt ar wird flellenweife 
auch al geſprochen, und fo ergibt fih 3. B. al- 
gordanza für recordanza. 

Weitere Beiſpiele von inlautender Verſetzung 
find: carstiaun von christianus (in der Bedeutung 
Menſch, während Chriſt mit christiaun bezeichnet 
wird), cardenza für credenza, cravun' für carbun, 
lat. carbo; fardaglia die Kälte, von freid, fraid. 

Indeſſen fchlägt der Laut auch Öfter im bie 
vorausgehende Syibe hinein, wie in fravi von ſa- 
ber, arver von aprire, druver (neben duvrar) von 
adoperare, gebrauchen. Bon duvrar dann wieder 
das Subftantivum diever, ber Gebrauh, wohl 
ſchwer zu erfennen, wenn man. nit bie Verwandt⸗ 
fhaft hinzu nähme. 

Auch 1 gibt fich germe diefem Hange bin. Man 
findet alvar neben levar, ital. levare, alvrusia von 


Auch am Ende geben 


110 


leprosia — ſelbſt schlonda von: zeindula. Tablä - 
entfpriht dem lateiniſchen tabulatum, bei Golumella 
für Heuftall, und führt noch dieſelbe Bedeutung. 
Durch Metathefe geht daraus in einem anderen 
Dialecte talvd hervor, und wieder in einem andes 
ren clavau. ” 

In letzterem Worte ift nämlich 1 noch weiter 
vorgerüdt, d. h. clavau ficht für tlavau, mie in- 
clegier für intelligere. 

Ein gutes Beifpiel eines verfegten s bietet 
masdinna für medicina. Daraus wird fih auch 
daspera, spera, neben, erblären laflen. Fuchs ver: 
zweifelte an diefem Worte, das man indeſſen wohl 
ficher für identifh mit ital.. dapresso halten barf. 

- Weitere Beifpiele folcher Metathefe find coven, 
anderswo coniv von cannabis, gunivd, engadiniſch 
für veu und, vaidg, (lat. viduus) ber andern Dias 
lecte. Eamda, die Woche, von hebdomas, für 
eadma (daneben auch die Formen emna, evna, eiv- 
na, jamna). Selbſt cavla, caula, der Adler, fcheint 
aus aquila verdreht. *) 





9 Wir ftellen in die Note noch einige von dieſen 
Verwilderungen, ıwie fie uns beim "Durchgehen des 
Lexicons in die Hände fallen. 

Diember von numerus, au numbrar, umbrar, 
dann mit vorgejegtem d dumber, diember; fo 
auch dascus, ital. nascosto, nascoso; damchiar für 
imaginare, fir welches fih auch lignar findet; 
dustar, wehren, von obstare, von jenem dann 
ustonza, die Feſtung; rumenzä, ſchläfrig, für dur- 
menzä; dcherpchar , dad Dich von der Alpe 
bringen, von disalpicare; surbantimm, Verblen⸗ 
dung, von orb, orbantar, vieonaftifch disorbantar; 
sfardantar, abtü:len, von freid, metathetifch fard. 
Zu artar, erben, gebört ein Adiectiv ranteivel, 
haereditabilis. Pingoula und mangoula, Baummolle, 
find aus dem deutſchen Wort entjtellt, wie auch 
lindorna, Schneke, das Ddeutfche Lindwurm zu 

- fein fibeint; tarvuorsch, Gabel, von trifurca; mas- 
tirar, m’f ben, von mixtura; svurin Unordnung, 
mu derlich entſtellt aus disuorden,; suig neben 
sanıbüce von sambucus; quittare aus cogitare; 
quinau, Schwager, aus cognatus; queida, Begiers 
de, von cupidus; anschiess, Gebiet, wohl von 
inchiuso. Für Aufthauen findet fi digelar, die- 
schalar und darschalar, letzteres wieder Kriege 
Pau und dieſes weiter verborben, sdriegler u. 
ſ. w. 





111 


Wie ſchon früher gefagt, kömmt aber dem, 
der dieſes Wörterbuch mit Aufmerkſamkeit burd;: 
geht, auch cine andere anziehende Erfcheinung entge: 
gen. Es finden fi nämlich darin manche Wörter, 
die weder lateinifch noch deuiſch, noch den übrigen 
romanifhen Sprachen geläufig find, für die man 
Daher nach einer andern Abflammung fih umfehen 
muß. Der Mehrzahl nach bezieben ſich dieſe Wör⸗ 
ter auf das urältefle Gewerbe der Aelpler, auf bie 
Viehzucht, aufihren inneren Haushalt und das dazu 
gehörige Geräthe; ferner find etliche Kräuter: und 
Thiernamen darunter. 


An der That durfte man dieſe Zhatfahe von 


vornherein voraußfegen, da befanntlih noch keine 
Sprache untergegangen ıft, ohne in dem Idiom, 
dem fie weichen mußte, ihre kenntlichen Spuren zu: 
rüdzulaffen. 


Wie die Araber im ESpanifhen, die Franken 
im Sranzöfifhen, die Fombarden im Stalienifchen 
fi) ein unverwüſtliches Andenken gefichert, fo die 
Rhätier aub in der Sprahe der Romaun’fchen. 
Begreiflich ift es insbefontere, daß die römifchen 
Goloniften für eine Menge von Gegenftänden des 
Alpenlebens, der. Viehzucht und der Milchwirthfchaft 
feine Namen mitbradyten, und daher ohne Wider: 
fireben jene annahmen, welche fie vorfanden. Es 
fommt jegt num darauf an, dieſe altrhätifchen Wör⸗ 
ter beraudzufinden, was allerdings mit Gefahren 
verbunden ift, aber doch verſucht werden muß. 


Ich habe das Mörterbuch, feitenweife nachle: 
fend, ungefähr zweihundert Wocabeln aufgezeichnet, 
die mir in biefe Gattung zu gehören fcheinen. Herr 
Dr. $reund, der befanntidh den Sommer in Grau: 
bünden zugebracht und mit tem ich über die Sache 
gefprochen, meint aber, es würden ſich wenigften® 
" ein halbes Tauſend zufammenzäblen laffen, nicht zwar 
in dem Wörterbuche von Otto Garifch, denn dieß fei 
in Diefer Beziehung etwas unvollfländig, fondern 
vielmehr an Ort und Stelle felbft, in Stube und 
Küche, auf dem Feld und auf der Alm. Er felbft 
wenigftend glaubt auf feiner teten Reife nicht viel 
weniger gefammelt zu haben. Ich verdanke ihm bie 
Minheilung, daß diefe uralte Nomenklatur haupt: 
fählih an unfcheinbaren Gegenfländen des Haus⸗ 


11% 


raths hängen geblieben fei, während ſich das Werth⸗ 
vollere und Bedeutſamere derfelben Gattung die Ber 
zeichnung der fiegenden Römer beigelegt. 


So fände man, daß 3. B. der große. Keſſel, 
der große Kübel fih romanifch benenne, kleinere 
für techniſche Zwecke auf der Ecnnhütte beflimmte 
Gefäße derfelben Gattımg aber rhätifch. 


Obgleich nun dad Dafein folher Wörter an 
und für fih fckon fein Intereſſe hat, ſo kömmt 
man doch bald zu der Frage, ob fie nicht auch 
weiter zu verwenden feien. 


Haben Rhätien und Etrurien in den Urzeiten bie 
gleiche Sprache gebraucht, -fo fünnte man verfudht 
fein, von bdiefen rhätifchen Wörtern ein bedeutendes 
Licht für die Eiklärung des Etruskiſchen zu erwar: 
ten. Dieß aber würde eine Täuſchung fein, denn 
man überzeugt fit bald, daß auf diefem Wege die 
peruſiniſche Infchrift, diefed große Problem der etrus⸗ 
Pifchen Philologie, nicht deutlicher wird‘, als fie bis⸗ 
ber geweſen. 


In einer andern Richtung läßt fi) dagegen 
etwas mehr erwarten. 

Wenn nämlich jene undeutfchken Ortönamen in 
Zirol, Vorarlberg und Graubünten, welde ſich 
nicht aus dem Romanifchen erklären laffen, rhärifch 
find? — und fie fönnen nur rhätifh fen — fo 
müflen fie aus derfelben Sprache flammen, wie die 
befagten Vocabeln, und ed wäre alfo möglih, daß 
fie wenigſtens einzelnmeife aus denfelben erklärt wer⸗ 
den könnten. ebenfalls läßt fi nicht leugnen, 
daß diefe rhätifhen Wörter denfelben Habitus zei: 
gen, wie die rhätifhen Ortsnamen. 

Um jenes Gefchäft mit Sicherheit betreiben zu 
fönnen, müßte aber noch ein anderes vorausgeben. 
Das Lericon des Romaunfchen if nämlich, wie aus 
dem früher Gefagten hervorgeht, in hohem Grade 
verwildert und verunftaltet. 


(Schluß folgt.) 





Gelehrte 


München. 
Nro. 14. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der E. Bayer. Afademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen 
1. Februar. 





Taſchenwoͤrterbuch der rhaͤtromaniſchen 
Sprache in Graubuͤnden ꝛc. 

Grammatiſche Formenlehre der deutſchen und 

rhaͤtoromaniſchen Sprade ꝛc. 





Gchluß.) 

Eine Menge von Wörtern, die und auf ben 
erften Blick als frembartig erfcheinen, find es nur 
dem Scheine nah und laffen fih aus dem Schage 
bekannter Sprachen erflären. Bor Allem wäre alfo 
wünſchenswerth, daß auch der romaunſche Wörter: 
ſchatz mit jenem Scharffinn und jener umfaflenden 
Kenntniß gefichtet würde, wie wir fie in dem jüngft 
erfchienenen Wörterbuch der romaniſchen Sprachen 
von Diez bewundern. he dies gefcheben, bat ber 
zbärtfche "Etymologe immer noch zu fürdten, daß 
nach gethauer Arbeit, wenn ibm Alles gelungen 
fcheint, ein beſſer auögerüfteter Kenner die verwen⸗ 
deten Wörter. aus den Reipen der rhätifchen heraus: 
nimmt und feine Erfolge als nichtig nachweist. 


Allerdings werben biefe Erfolge, aud wenn 
die Baſis einft feſter wird, nicht fehr blendend fein. 
ie rhaͤtiſchen Wörter für Berg und Thal, Haus, 
Waffer, Bach, Brunnen, für Bär, Hirſch, Stier 
u. ſ. w., kurz für jene Objekte, die am meiften zu 
Drtönamen verwendet werden, „find verloren und 
Dad, was und geblieben, ift von der Art, daß «8 
eben dahin wenig paßt. Wir haben z. B. mis- 
ealca, puscha, batschlauna, gutta, loba, lauter 
Wörter, welche Tannzapfen bedeuten, vielleicht alle 
ryhaätiſch (wenn auch nicht in ihrer jegigen Borm), 


aber wir baben feinen eingigen Ortsnamen, bex ſich 
daraus ficher erllären ließe. Es ergibt ſich alfo, 
dab die Rhätier ihre Höfe, Wieſen u. ſ. w. nicht 
nad) Zannzapfen benannten; ober baß fich derartige 
Namen nicht erhalten haben. 


Abgelehen bavon, wäre ed nothwendig, die 
jegigen Formen auf die früheren zurädzuführen, und 
dies iſt fehr unfiher Wie nämlich. von fo vielen 
romauuſchen Wörtern, je nach den verfchiedenen Ges 
genden, drei und vier verfchiedene Bormen gefunden 
werden, fo auch von benen, bie wir für rhätiſch 
halten möchten. 


Bei den romaunfchen Wörtern ift dies oft fehr 
förderlich, um die rechte Wurzel zu finden und fefts 
zuftellen *), bei ben rhätifchen wird dies dadurch in 
der Regel ganz unmöglich. 


So findet fih z. B. bargun Heuſtadel. Wenn 
wir dies fo nehmen und in rhätiſches parcuna 


Vvberfetzen dürften, fo hätten wir vielleicht die. Be⸗ 


deutung von Parcunisa Partſchins — ‚allein jenes 
bargun heißt anderöwo margun und, wieder anders⸗ 
wo marangun  — Formen, bie wohl zufammenges 
hören, aber alle Zurädführung . ſchwankend machen. 
(Das Wort, das hier den Ausſchlag gibt, Tcheins 
bareca zu Tein, was in einer Urkunde des achten 
Jahrhunderts für Schenne vorkömmt.) Solche Bei⸗ 





So z. B. erklären bogniasöl und bagnölin ¶ Waſch⸗ 
zuber) auch das ferner liegende bigniel. Chiavuligna 
und chiaclanna, Ziegenlorbeer, erklären fih aus 
ehirlaung, in welchem chiora, chiaura Biege, noch 
durchblickt. Erſteres mag früher ehiavsuligun, letz⸗ 
teres ehiarelanna gelautet haben. 

XXXVIII. 14 


115 
fpiele find ferner fleua, fluauna, fliauna, flüja, ber 
Hinterpflug, uxlanna und rassalauna, die Raupe, 
ealorgnia und carcalognia, die Schnecke. Erſteres 
ließe fi) ohne Bedenken auf calurnia zurüdführen 
und daraus wäre Glurnd im Vintſchgau, Calur- 
nisa, zu erklären, was fo alfo unverfehend ein Schne: 
ckenhauſen würde, allein biefem Beginnen fleht wie⸗ 
der drohend carcalognia entgegen. 

Manchen andern Wörtern diefer Art, die fonft 
fehr guten rhätifhen Klang haben, glaubt man ans 
zuſehen, daß ihre Bedeutung früher größern Umfang 
hatte, unb erft fpäter, eben durch die Gingriffe der 
romiſchen Sprache, weſentlich verfümmert und auf 
irgend einen ganz fpeziellen techniſchen Begriff zu: 
südgedrängt worben if. 

So heißt tarsenna jetzt Gang in ber Mitte 
bes Viehſtalles, talinna, wohl auch rhätiſch, wenn 
e8 nicht aus latinna verdreht ift und daher aus 
dem deutfchen Latte flammt, talinna bedeutet runde 
Hölzer Über der Zenne, um bie Garben zu trock⸗ 
nen *). - Entfprechende Ortönamen finden- fi, wie 
Zorfenna, Zalluna, Tallein, aber welches iſt ihre 
wahre WBebeutung ? 

Indeſſen find doch auch mehrere Wörter zu 
finden, die einerfeitö feſtzuſtehen und fich anderfeits 
zu unſerm Bwed nit ungern herbei zu laſſen 
fcheinen. - 

So 3. 3. piaun, pioun, Schmalz, wohl ver: 
wandt mit puonna, puinna Scafzieger (letzteres 
Wort gilt auch im.tirolifchen Fleimſerthale). Für pi- 
aun läßt ſich als rhätifche Form puana anfegen und 
davon Puanusa, Pians, Dorf im BOberinnthale, 
ableiten, was alfo zu deutſch ungefähr Schmalzhofen 
wäre. 

Droussa, drossa, heißt Bergerle, Erlengebüſch. 
Die rhärifhe Form möchte tarusa, trusa fein. Viel⸗ 
leicht darf man dabei an Vallis Drusiana denken, 
den früheren Namen des Wallgaus bei Bludenz, 
welchen man, aber falfch, von bem Eroberer Drufus 
ableitet. In den Urkunden liest fich der Rame 
Trusiana, was fid als Erienthal deuten ließe. Da: 


*) Bei den Deutfchen in Graubünden beißt Talinne 
eine Heufchenne, was wohl die urfprüngliche Bes 
deutung. 


x 





“ 116 


von etwa auch Zrifanna, Bach im Paznaun. Culai- 
schen heißt Vogelbeerbaum. Nach Analogie “von 
saruden = serotinus und fraissen — fraxinus 
wäre dafür als Iateinifhe Form aufzuflellen etwa 
colasinus. Dieſes würde rkätifch lauten Calasuna, 
Es gibt ein Salfaun im Vintſchgau und ein Gal- 
fein bei Schwak. 


Es ift nicht zu leugnen, daß bei dem jegigen 
Stande der Sache dieſe Etymologien noch ein ple- 
num opus aleae ober zu deutſch nicht viel mehr 
als eine Epielerei find; inbdeflen Tann man wohl 
voraußfehen, baß fpäter auf verläßigerem Boden fol: 
he Verſuche auch beſſer gelingen werben. 


Nebenbei gefagt, findet fi unter mehreren 
Wörtern, die Blitz bedeuten, auch calaverna, ein 
ächt italifcher Klang! Sollte dies wirklich das Wort 
fein, mit dem bie Etrusfer den Blitz bezeichneten, 
diefe Naturerfcheinung, mit deren Dogmatik fie fo 
viel befchäftigt waren? Auch eine der umbrifchen 


Städte, die auf den eugubinifhen Zafeln erwähnt 


werden, heißt Claverna, wovon wieder die bort 
vorfommenden Glavernier den Namen haben. Webris 
gens darf man auf eine Urform Calavurna, Cala- 
purna fchließen, wovon vieleicht ber römifche Name 
Calpurnius. - 


Zum vorläufigen Schluſſe noch ein Meines Wer: 
zeichniß von Wörtern, welche mir, vorbehaltlich ar 
Anfprüce, die etwa andre Sprachen erheben Fönn: 
ten, aus der rhätiſchen zu flammen fcheinen. 

Acla, Alprnhütte, ardavenna, Heracleum sphon- 
dylium, camana, Alpenhütte, madschun, Hühner 
fall, garflauna, Talgſatz, izzun, Heidelbeere, alaus- 


sa, Prunus padus (vielleicht verwandt mit dem beut: 


fen Eife?), badalasg, Polygonum distorta, terna, 
chamaula, Motte, ravulauna, Rebhuhn, rischlauns, 
Fleiner Krebs, mulauna, Schneehuhn, pensla, Dad- 
inne, samada, gefrorner Echnee, sava, Thürpfoften, 
schlerna, Vertiefung, suonna, Kübel, tatonna, Be 
nid, tegia, taja, Alpenhütte (vielleicht von tegere?), 
tschengel, Feld, tschiss, Weiher, vilomgna, Teu⸗ 
felöfraut, seniun, zezzen, chandaun, Alpenfennt, 
aneva, Bergficfer u. f. mw. 


Zum eigentlichen Schluſſe aber noch ein paar 
Worte Über Haren Profeflor P. Pirmin Rufinatfcha, 


117 


Lateinlehrer am ber achten Elaſſe des Gymnafiums 
zu Meran, welcher das letzte Jahresprogramm ber 
Anſtalt mit einer Abhandlung über das Weſen der 
romaunſchen Sprache ausgeſtattet und dabei meiner 
barmlofen Verſuche auf demſelben Felde nicht gerade 
aufmunternd gedacht hat. Indem wir ihn der Freude 
über feine vorgebliche Entdeckung, daß die romaun⸗ 
fhe Sprache von der „römischen ober Tateinifchen“ 
abflamme, überlaffen und an feiner Polemik vors 
übergeben, welche in einer unbegreiflichen und ſich 
ſelbſt richtenden Anmaßung ſelbſt einen Mann wie 
Friedrich Diez, die erſte Capacität auf dem Ge⸗ 
biete der romaniſchen Sprachſtudien, „vernichten“ 
zu können glaubt, wollen wir nur einige im @in- 
zeinen abweichende Meinungen bier niederlegen. 


So fiheint und unter anderm dretg nidt von 
dexter berzulommen, fondern von directus; schei- 
ver, Faſtnacht, nicht von desipere, fondern cher 
von eiver, ebrius, mit dem Negativpräfir sch, gleich⸗ 
fam disebrium, Entnüdterung. Auch spindrader, der 
Exiöfer, würden wir bitten, nicht von dispensator, 
fondern von pindrar, (pignerare) verpfänden, ablei⸗ 
ten zu bürfen — spindrader, ber Pfandausloͤſer, 
der Erlöfer. Truaisch, Speicher, würden wir eben⸗ 
fans nicht von trosse, trousse, fondern von torbax 
ableiten, welches, wie aus dem Teſtamente Bifchof 
Tellos (Codex diplomaticus ad historiam rhaeti- 
cam vd. Th. v. Mohr p. 19) zu erfehen, ſchon im 
achten Jahrhundert jene Bedeutung hatte, Bei ava, 
Waſſer, würden wir nidt an altdeutſch ahva, fons 
dern an lateinifh aqua denken. Für marveglius 
würde und das Iateinifche mirabilis volfommen ges 
nligen, fo daß wir des beutfchen mari ganz entbeb> 
ren könnten. Auch bei giomgia, Läflerung, braucht 
man nicht auf gamba, Bein, hinzuweifen, da bad 
lat. ignominia volllommen ausreicht. 


Mebrigend wird ein Blid in das Wörterbuch 
der romanifchen Sprachen von Diez ben mehr eifern- 
den als unterrichteten Mann vielleicht noch überzeu⸗ 
ger, wie viel auch er auf biefem Felde noch zu 
lernen babe. 


Dr. &udwig Steub. 


x 


118 


Les inseriptions des Ach&mänides, concues 
dans l’idiome des anciens Perses éditées et 
commentees par J. Oppert. Paris 1851. 19 
B. 8. (Befonderer Abdrud aus dem Journal 
asiatique.) 





Erfter Artikel. 


Nachdem durch die bedeutenden Anſtrengungen 
der Drientaliflen während eined längeren Beitraumeß 
unfere Kenntniß der beiden Haupiſprachen des Dri⸗ 
ents: des Sanskrit und des Arabifchen auf einen 
achtunggebietenden Standpunct erhoben worden If, 
beginnt man nun emfllih den Kreis zu erweitern 
und auch diejenigen Sprachgebiete zum Gegenſtande 
felbftändiger Unterfuchung zu machen, welche aus 
einem ober bem anderen Grunde von ben oben ges 


‚nannten Hauptfprachen mehr ober minder abhängig 


ſind. Es kann keine Verwunderung erregen, daß 
die Reſte der iraniſchen Literaturen zu den erſten 
gehören, welche an das Licht gezogen werben, denn 
die Beziehungen ber Perfer zu ben Völkern des 
claflifchen Alterthums machen und dieſes Volk frühe 
befannt und erweden ein Interefle für dasſelbe auch 
bei Solchen, welche nicht an dem Gange ber oh 
talifhen Literatur Antheil nehmen, in ben Reſten 
der altiranifchen Helbengefchichte aber, die uns in 
neuerer Zeit durch unſere Dichter zugänglich gemacht 
wurden, 'entbedte man bald einen Ton, der an bie 
beimifche Poeſie anklang. Ein ficheres Verſtaͤndniß 
biefer alten Dentmale ruht aber begreiflicher Weiſe 
nur auf einer feften philologifchen Grundlage und 
diefe iſt es, welche zuerſt bergefielt werben muß. 
Diefe Aufgabe ift aber keineswegs eine leichte zu 
nennen. Perſien iſt nicht wie Indien ein für ſich 
geographiſch unb eulturhiftorifeh abgeſchloſſenes Ganze, 
fondern ein Vermittlungsland, das fomokl von feis 
nen Öfllihen als wefllihen Nachbarn Einflüffe em⸗ 
pfieng. Schon Herobot hat den Perfern das Zeugs 
niß gegeben ‚ daß fie für fremde Sitten und Eins 
wirtungen fehr empfänglich feien, und bied hat fich 
auch die ganze lange Periode ihrer Entwicklung bins 
durch bewahrbeitet, auch die Epradye ift nicht von 
diefen fremden Einflüffen frei geblieben. Am bes 


115 


fpiele find ferner fleua, finauna, fliauna, flüja, der 
Hinterpflug, uzlanna und rassalauna, bie Raupe, 
ealorgnia und carcalognia, die Schnetke. Erſteres 
ließe fi) ohne Bedenken auf calurnia zurüdführen 
und daraus wäre Glurns im Vintſchgau, Calur- 
nisa, zu erklären, was fo alfo unverfehend ein Schne⸗ 


denhaufen würde, allein biefem Beginnen ſteht wie⸗ 


der drobenb carcalognia entgegen. 

Manchen andern Wörtern bdiefer Art, bie fonft 
fehr guten rhätifhen Klang haben, glaubt man ans 
zufeben, baß ihre Bedeutung früher größern Umfang 
bafte, und erft fpäter, eben durch die Gingriffe der 
. sömifchen Sprache, wefentli verfümmert und auf 
irgend einen ganz fpeziellen technifchen Begriff zu: 
rüdgebrängt worben if. ' 

&o heißt tarsenna jebt Gang in ber Mitte 
bes Viehſtalles, talinna, wohl auch rbätifch, wenn 
e8 nicht aus latinna verdreht if und baber aus 
dem beutfchen Latte ſtammt, talınna bedeutet runde 
Hölzer über der Zenne, um die Garben zu trock⸗ 
nen *). - Entfprechende Ortsnamen finden: fich, wie 
Zorfenna, Zalluna, Xallein, aber welches iſt ihre 
wahre Bedeutung ? 

Indeſſen find doch aud mehrere Wörter zu 
finden, bie einerfeits feftzuftehen und ſich anderfeits 
zu unſerm Zweck nit ungern herbei zu daffen 
fcheinen. 

So 5. 3. piaun, pioun, Schmalz, wohl ver: 
wandt mit puonna, puinna Schafzieger (letzteres 
Wort gilt auch im.tirolifchen Fleimſerthale). Für pi- 
aun läßt fih als rhätiſche Form puana anfegen und 
davon Puanusa, Piand, Dorf im Oberinnthale, 
ableiten, was alfo zu deutſch ungefähr Schmalzhofen 
wäre. 

Droussa, drossa, heißt Bergerle, Erlengebüſch. 
Die rhätiſche Korm möchte tarusa, trusa fein. Viels 
leicht darf man babei an Vallis Drusiana denken, 
ben früheren Namen des Wallgaus bei Bludenz, 
weldyen man, aber falfh, von dem Eroberer Drufus 
ableitet. In den Urkunden Tiedt fi der Name 
Trusiana, was ſich als Erienthal deuten ließe. Das 





*) Bei den Deutſchen in Graubünden Heißt Talinne 
eine Heufchenne, mas wohl die urſprüngliche Be: 
deutung. 


x 





“ 116 


von etwa auch Krifanna, Bach im Paznaun. Calai- 
schen beißt Wogelberbaum. Nach Analogie “von 
saruden — serotinus und fraissen — fraxinus 
wäre dafür als lateiniſche Form aufzuftellen etwa 
colasinus. Diefed würde rkätifch lauten Calasuna, 
Es gibt ein Salfaun im Bintfhgau und ein Gal⸗ 
fein bei Schwak. 

Es iſt nicht zu leugnen, daß bei bem jegigen 
Stande der Sache diefe Etymologien noch ein ple- 
num opus aleae ober zu deutſch nicht viel mehr 


als eine Epielerei find; indeffen fann man wohl 


voraußfehen, daß fpäter auf verläßigerem Boden fol- 
he Verſuche auch befier gelingen werden. 


Nebenbei gefagt, findet fi unter mehreren 
Wörtern, die Blig bedeuten, auch calaverna, ein 
ächt italifcher Klang! Sollte dich wirklich dad Wort 
fein, mit bem bie Etrusker den Blitz bezeichheten, 
diefe NRaturerfcheinung, mit deren Dogmatik fie fo 
viel befchäftigt waren? Auch eine ber umbrifchen 


Städte, bie auf den eugubinifchen Tafeln erwähnt 


werden, beißt Claverna, wovon wieder bie dort 
vorfommenden Glavernier den Namen haben. Uebri⸗ 
gend darf man auf eine Urform Calavurna, Cala- 
purna fließen, wovon vieleicht der römifhe Name 
Calpurnius, - 


Zum vorläufigen Schluſſe noch ein Meines Wer: 
zeihniß von Wörtern, welche mir, vorbehaltlich aller 
Anfprüche, die etwa andıe Sprachen erheben könn⸗ 
ten, aus ber rhätifchen zu flammen fcheinen. 

Acla, Alprnhütte, ardavenna, Heracleum sphon- 
dylium, camana, Alpenhütte, madschun, Hühner 
ſtall, garflauna, Talgſatz, izzun, Heidelbeere, alaus- 


sa, Prunus padus (vielleicht verwandt mit dem beut: 


(hen Eife?), badalasg, Polygonum distorta, tarna, 
chamaula, Motte, ravulauna, Rebhuhn, rischlaune, 
kleiner Krebs, mulauna, Echneehuhn, pensla, Dad: 
inne, samada, gefrorner Echnee, sava, Thürpfoſten, 
schlerna, Xertiefung, suonna, Kübel, tatonna, Ge 
nid, tegia, taja, Alpenhütte (vielleicht von tegere?), 
tschengel, Feld, tschiss, Weiher, vilomgna, Teu⸗ 
felöfraut, seniun, zezzen, chandaun, Alpenfenne, 
aneva, Bergficfer u. ſ. w- 


Zum eigentlichen Schluſſe aber noch ein paar 
Worte Über Heren Profeflor P. Pirmin Rufinatfcha, 





17 


- Sateinlehrer am ber achten Claſſe des Bymnafiums 
zu Meran, welcher das letzte Jahresprogramm der 
Anftalt mit einer Abhandlung Über dad Weſen ber 
romaunſchen Sprache ausgeflattet und babei meiner 
barmlofen Verſuche auf demfelben Felde nicht gerade 
aufmunternd gedacht hat. Indem wir ihn ber Freude 
über feine vorgeblihe Entbedung, baß die romaun⸗ 
fhe Sprache von der „römischen oder Tateinifchen“ 
abflamme, überlaſſen und an feiner Polemik vors 
übergehen, welche in einer unbegreifliben und ſich 
ſelbſt richtenden Anmaßung felbft einen Mann wie 
Sriebrih Diez, die erfle Eapacität auf dem Ge: 
biete der romaniſchen Sprachſtudien, „vernichten“ 
zu Lönnen glaubt, wollen wir nur einige im @in- 
zeinen abweichende Meinungen hier nieberlegen. 


So fheint und unter anderm dretg nicht von 
dexter berzufommen, fondern von directus; schei- 
ver, Faſtnacht, nit von desipere, fondern eher 
von eiver, ebrius, mit dem Negativpräfir sch, gleich⸗ 
fam disebrium, Entnüdterung. Auch spindrader, der 
Erloͤſer, würden wir bitten, nicht von dispensator, 
fondern von pindrar, (pignerare) verpfänden, able: 
ten zu bürfen — spindrader, der Pfandauslöfer, 
der Erlöfer. Truaisch, Speicher, würden wir ebens 
falls nicht von trosse, trousse, fondern von torbax 
ableiten, welches, wie aus dem Teſtamente Bifchof 
Tellos (Codex diplomaticus ad historiam rhaeti- 
cam dv. Th. v. Mohr p. 19) zu erfehen, ſchon im 
achten Jahrhundert jene Bedeutung hatte. Bei ava, 
Waſſer, würden wir nit an altdeutſch ahva, fon: 
dern an lateinifh aqua benfen. Für marveglius 
würde und das lateinifche mirabilis vollkommen ges 
nüigen, fo daß wir bed beutichen mari ganz entbeh⸗ 


zen könnten. Auch bei giomgia, Läflerung, braucht. 


man nit auf gamba, Bein, hinzuweifen, ba das 
lat, ignominia volllommen ausreicht. 


Mebrigend wirb ein Blick in das Wörterbuch 
der romanifchen Sprachen von Diez den mehr eifern⸗ 
den als unterrichteten Dann vielleicht noch überzeu⸗ 
ger, wie viel auch er auf diefem Zelde noch zu 
lernen habe. | 

\ | Dr. Ludwig Steub. 


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Les inseriptions des Achéménides, concues 
dans l’idiome des anciens Perses &ditees et 
commentiees par J. Oppert. Paris 1851. 19 
B. 8. (Befonderer Abdrud aus dem Journal 
asiatique.) 





Erfier Artikel, 

Nachdem durch die bedeutenden Anftrengungen 
der DOrientaliflen während eined längeren Beitraumeß 
unfere Kenntniß der beiden Haupiſprachen des Dri⸗ 
ents: des Sanskrit und des Arabifchen auf einen 
achtunggebietenden Standpunct erhoben worden iſt, 
beginnt man nun emfllih ben Kreis zu erweitern 
und aud diejenigen Sprachgebiete zum Gegenftande 
felbfländiger Unterfuhung zu machen, welde aus 
einem oder dem anderen Grunde von den oben ges 


‚nannten Hauptſprachen mehr ober minder abhängig 


find. Es kann Feine Verwunderung erregen, daß 
die Reſte der iranifchen Literaturen zu den erflen 
gehören, welche an dad Licht gezogen werben, benn 
die Beziehungen der Perfer zu ben Völkern bes 
claflifchen Alterthums machen und dieſes Volk frühe 
bekannt und erwecken ein Intereſſe für dasſelbe auch 
bei Solchen, welche nicht an dem Gange der off: 
talifchen Literatur Antheil nehmen, in den Reften 
der altiranifchen Helbengefchichte aber, die uns in 
neuerer Zeit durch unfere Dichter zugänglich gemacht 
wurden, 'entbedte man -bald einen Ton, der an bie 
heimifche Poefle anklang. Ein ficheres Verſtaͤndniß 
diefer alten Dentmale ruht aber begreiflicher Weiſe 
nur auf einer feften philologifchen Grundlage und 
diefe iſt es, welche zuerſt bergefielt werden muß. 
Diefe Aufgabe ift aber keineswegs eine leichte zu 
nennen. Perſien ift nicht wie Indien ein für ſich 
geographiſch und culturhiftorifch abgefchloflenes Ganze, 
fondern ein Vermittlungsland, das ſowohl von feis 
nen öÖftlihen als weftlihen Nachbarn Einflüffe em⸗ 
pfieng. Schon Herobot bat den Perfern dad Zeug: 
niß gegeben, daß fie für fremde Sitten und Eins 
wirfungen ſehr empfänglich feien, und dies hat fich 
auch die ganze lange Periode ihrer Entwidlung bins 
durch bewahrheitet, auch die Eprache iſt nicht von 
diefen fremden Ginflüffen frei geblichen. Am bes 





419 


2annteflen iſt dies vom Neuperſiſchen, jeher Sennsr 
desſelben weiß, daß nicht nur. ganze Gattungen 
»on Literaturwerfen mit den Producten arabifchen 
Geiſtes auf das innigfte verwandt find, fondern daß 
auch arabifche Wörter, arabiſche Anſchauungen tief 
in die neuperfifche Sprache eingedrungen find. Nicht 
beffer war die nächft vorhergehende Periode: bie Zeit 
der Eäfäniden, nur daß aramäifche Einflüffe die 
Stelle der arabifchen vertreten, dies beweifen die 
fpärlichen Ueberrefte der Literatur, die entweder in 
jene Zeiten Tineinreihen ‚oder nach den Muftern ber: 
felben gefchrieben wurden. ‚Was Syrien und Are: 
bien der fpäteren, das find Aſſyrien und Babylonien 
der früheren Beit bed perfifchen Reiches gewelen, 
wie wir nad wenigen und unträglichen Anzeichen 
mit Sicherheit behaupten koͤnnen. Diefer unleugbare 
Einfluß , der von Weften her auf Perfien geübt 
wurde, bat auf die philologifche Behandlung ber 
neueren iranifshen Sprachen weſentlich eingewirkt. 
Dan kam zum Reuperfifchen von Arabien aus, man 
ſah — und zwar mit Recht — die Kenntniß ara: 
bifcher Sprache und Bildung als unerläßlid an zum 
‚Werftändnifle der neuperfifchen- Literatur, mit nicht 


‚weniger Recht hat man bie Kenntniß ber aramdis 


n Sprache bei Borfhungen über das Huzvarefc) 
& nothwenbig gehalten. Die beiden genannten 
tranifchen Sprachen Bamen dadurch in ein gewifles Ab: 
bängigkeitöverhäleniß und wurben mehr anhangsweiſe 
Senn um ihrer felbfi- willen ſtudiert. In eine wicht 
‚minder drüdende Abhängigkeit kamen die älteren Dia: 
Jette: das fagenannte Zend und der Dialert der Keil: 
Infchriften zu ihrem oͤſtlichen Nachbar, dem Sangskrit. 
Hier waren, fo viel wir beurtheilen können, bie bi: 
recten Einwirkungen auf Perfien minder bedeutend, 


dagegen befand eine geoße wirkliche Verwandtſchaft 


Dar altperſiſchen Dialecte mit ber aus bemfelben 
Stamme entfproflenen indiſchen Schweſter. Der frag: 
mentariſche Charakter ber alıperfiichen Denkmale, hie 
noch dazu nicht einmal volfländig vorlegen, verhin- 
deste den altperſiſchen Philologen, die Sprade fich 
durch ſich ſelbſt erklären zu laſſen. Man mußte fi 
begnügen dad aufzufuchen, was. beiden Sprachſtäm⸗ 
men gemeinfam angehörte, und aur bad konnte man 
für ficher erkannt im Altperfifchen anſehen, was 
man auch in der indischen Schwefterfprache als vor: 
handen nachgewieſen hatte. 


dad 


Bei aller Anerkennung ber Bedeutung bed weils. 
afiatiihen Einfluffes und ber genauen Werwandt: 
fhaft des Sanskrit ift aber doch :uicht zu ver: 
geſſen, daß die iranifche Philologie die hauptfäch: 
liche Aufgabe bat: den iraniſchen Geift felbft zu 
erforfchen. Diefer iranifche Geiſt — der ſich ebenfo 
wohl in der Literatur als im ber Sprachbildung 
zeigt — iſt ſtets mächtig genug geweſen ben As: 
drange ded Fremden zu widerfichen, er bat dieſes 
zwar aufgenommen, hat fi) aber dadurch nicht in 
feiner Entwidlung flören laſſen. Diefe eigenthümlich 
iranifche Seite muß auch den verwandten Sprachen 
und Eprahftämmen gegenüber mehr bervortreten als 
bisher, es muß anerkannt werden, baß der iranifche 
Sprahflamm mit den übrigen indogermanifchen zwar 
nahe verwandt fei, aber keineswegs in ihnen aufs 
gehe. Mit einem Worte: die iranifche Philologie 
muß lernen auf eigenen Züffen zu fliehen, iraniſche 
Spracheigenthũmlichkeiten müſſen nicht weniger als 
iraniſche Sitte durch alle Perioden bis in die Volks⸗ 
dialecte hinein verfolgt und begriffen werden. Iſt 
einmal ein Theil der iraniſchen Literatur auf dieſe 
Weiſe erfaßt, ſo wird von da her fortwährend neues 
Licht auf die noch dunklen Partieen ſtroͤmen, unſere 
Kenntniß der iraniſchen Idiome wird immer wach: 


ſen, die iraniſche Philologie aber wird die Hülfe, 


welche ihr die Schwefterfprachen leiften, mit Zinfen 
wieder zurüdzahlen können und nicht mehr genöthigt 
fein, ihr Leben kümmerlich durch die Unterflügungen 
zu friften, welche ihr bie veicheren Anverwandten 


fpenden. 


(Sortfegung folgt.) 


Gelehrte 
Münden. 
Nro. 15. 


Unzeigen 
berausgegeben von Mitgliedern 
der bayer. Akademie der Wiſſenſchaften. 


3. Februar. 


1854, 





Les inscriptions des Achemenides, concues 
dans Tidiome des anciens Perses &ditdes et 
commentdes par J. Oppert. 


Gortſetzung.) 

Man ſieht leicht, die Anſprüche, welche wir 
an die iraniſche Philologie und deren Vertreter ma⸗ 
chen, find geſteigert und die Aufgabe eines iraniſchen 
Philologen iſt keineswegs eine leichte; denn man 
muß von ihm ein gründliches Wiſſen in vielerlei 
oft ſehs weit auseinander liegenden Gebieten ber 
orientalifchen Philologie verlangen, in Gebieten, wo 
noch Alles dunkel iſt und felbft die erften Vorar⸗ 
beiten noch zu maden find. Wenn nun diefe An: 
forberungen meines Wiſſens biöher noch von Nies 
manden ftrenge auögefprochen worden find, ſo weist 
Doch Manches darauf hin, daß Mehrere die Auf: 
gabe richtig erkannt haben, und zu dieſen red: 
nen wir unbedingt Hrn. D., den Verfaſſer des 
vorliegenden Buches. Bereits vor mehreren Sahren 
hatten wir dad Vergnügen, in biefen Blättern (ef. 
gel. Anz. 1849 Nr. 15, .16) eine Peine Schrift 


des Verf. zu befprechen, welche über einen einzelnen. 


Dunct des altperfifchen Dialected, über fein Lautſy⸗ 
ſtem, ein weſentlich neues Licht verbreitete, hier er: 
halten wir eine größere Arbeit, welche die bort 
gefundenen Geſetze in das gefammte Material der 
altperfifhen Sprache einführt, dazu viele für daß 
Ganze und Einzelne wichtige Erklärungen liefert. 
Um nun Hm. O's Verdienſte gebührend zu wür⸗ 
digen, wird es nöthig fein zuerſt einen kurzen Rüd: 


bli® auf den Gang zu thun, welchen der bier {x 
Frage flehende Zweig der iranifhen Philologie ges 
nommen hat, wir werden bann die Einzelverbeffe: 
rungen angeben, welche wir an dem Xerte, welchen 
Hr. D. aufftellt, fo wie an feiner Ueberſetzung und 
den Erläuterungen glauben machen zu bürfen; einem 
fpäteren Artikel aber mag ed vorbehalten bleiben, 
die Ergebniffe auch für die andern Zweige ber alt: 
iranifchen Literatur und Eprache nutzbar zu machen. 


Der Zweig der altiranifchen Philologie, der fi 
mit der Erläuterung der Keilinfchriften befchäftigt, 
ift erft in fo neuer Beit an das Licht getreten,. daß 
er die Mefultate faft alle benüsen konnte, welde 
die Philologie feit ihrem Entftehen bis in bie neuefte 
Zeit oft nicht ohne Mühe errungen bat.- Wir kön: 
nen das Jahr 1836 ald dad Anfangsjahr dieſes 
Zweiged der iranifhen Philologie bezeichnen, denn 
in diefem Jahre erfchtenen Burnouf’s und Laffen’s 
Arbeiten über die Keilinfchriften. Wenn nun in 
diefen Werken die Erklärung der Infchriften noch 
weit von der Stufe entfernt ifl, auf weldhe fie fpä= 
ter fich emporfchwang, fo trägt daran natürlich nicht 
bie unbezweifelte Gelehrfamleit der Werfaffer, fondern 
nur die Unzulänglichkeit der Hülfsmittel die Schuld. 
Nur die kleineren Inſchriften von Perfepolis lagen 
durch Niebuhr’3 und Ker Porter's Zeichnungen in 
zuverläffigen Abfchriften vor, weber die SInfchriften 
von Nakſchi-Ruſtam noch die Infchriften von Be⸗ 
hiftun waren befannt. Nach verfhiedbenen Ein: 


zelverbeſſerungen, unter denen namentlich bie beB 


früh verftorbenen Beer zu nennen find, erfolgte ein 
bedeutender Fortfchritt mit Laſſen's Veroͤffentlichung 
XXXVIII. 15 


183 


der Inſchriften von Nakſchi⸗Ruſtam, an bie ſich 
eine erneute Behandlung der Übrigen Infchriften fo 
"wie Weſtergaard's Entzifferung der zweiten Schrift« 
gattung anſchloß. War die Weröffentlihung der In: 
ſchrift von Nakſchi-Ruſtam eine Erweiterung bed 
Materiald, fo boten nun die fogenannten mebdifchen 
Anfchriften der zweiten Schriftgattung ein neues 
Hülfsmittel zum genaueren Werfländnifle der alt: 
perfifhen Texte, und wurden als ſolches auch fofort 


von Weſtergaard, Holgmann und Laſſen ſelbſt in- 


Anwendung gebracht, zur Berichtigung der früheren 
Erklärungen, die man bloß mit Hülfe der Etymo⸗ 
logie gewonnen hatte. Die nädfte und wichtigfle 
Bereicherung unferer Kenntnifie war aber die Be: 
kanntmachung ber Infchrift von Behiſtun durd Raw: 
linfon. Erſt mit Hülfe diefer großen und in ben 
Hauptpuncten Maren und durchfichtigen Infchrift war 
es möglih, ein fichered Bild des Lautſhſtems zu 
gewinnen, ' erft mit ihr war die Möglichkeit gegeben, 
den Text aus fih ſelbſt zu erflären. Ich werde 
kaum einen Widerfpruch erfahren, wenn ich ed als 
die jetzige Aufgabe eines Herausgebers ber Keilin- 
fchriften fiele, daß er den Text möglihft aus fid 
feloft, mit Beiziehung der mediſchen und babyloni- 
fhen Ueberfegungen eikläre, fowie mit Rückſicht auf 
die Übrigen iranifhen und andern indegermanifchen 
Sprachen. Auf diefem Wege ift fhon Rawlinfon rühm: 
lid vorangegangen, ſelbſt feine Unterfuhungen über 
das Alphabet enthalten noch jegt, nach den durchgrei: 
fenden Veränderungen, die dad altperfifche Lautſyſtem 
erfahren bat, fehr viel des Lefenöwertben, ebenfo das 
leider noch immer nicht vollendete altperfifhe Sof: 
far. Auf diefem von Ramlinfon betretenen Weg ift 
nun H. D. fortgegangen. Er liefert uns zunädft 
eine neue Transſcription des Textes. Diefe Arbeit 
‚war eine höchft nöıhige, denn feit durch Rawlinſon's 
und Oppert’3 Bemühungen das Lautſyſtem eine durch: 
gängige Berichtigung erfahren hat, fönnen die älte- 
ren Umfchreibungen bed Zerted durch Rawlinfon und 
Benfey nur noch von denen gebraucht werden, be: 
nen das altperfifche Alphabet ſtets vor Augen fteht, 
um die jeden Augenbiid nöthigen Verbeſſerungen 
anbringen zu fönnen. Die neuere Umfchreitung Raw: 
linſon's war doch nicht confıquent genug, nament: 
ih bat Rawlinfon nicht das ſchon von Holgmann 





184 
entbedte Geſetz über auslautenbed iy, uw berüdfic: 
tigt. Eine neue Umfchreibung war baher allerdings 
nöthig, daneben aber dürfte ed nicht überfläffig fein, 
ben Text auch wieder einmal mit den Driginalzei⸗ 
hen abzubruden, denn bie Arbeit Rawlinfon’s, wel: 
he den urfprünglihen Text enthält, ift bei uns 
wenig verbreitet und die Kenntniß der Originalcha⸗ 
raktere wird ſtets von Wichtigkeit bleiben, ba es 
faum gelingen wirb in ben Text fo einzudringen, 
daB die Umfchreibungen vollfommen ficher würden. 
Daneben hat Hr. DO. auch vielfache Verbeſſerun⸗ 
gen und Ergänzungen befchäbdigter Stellen verfuct, 
er bat ferner eine neue berichtigte Ueberfegung ge: 
geben und in einem Commentare fchwierige Stellen 
und Ausdrüde. erläutert. Wir laflen nun die Ber: 
befierungen folgen, die fih an Hrn. O's. Texte 
machen laſſen. Wir verdanken biefelben der erneuer: 
ten Prüfung des Felſens zu Behiſtun durch Raw: 
linfon, der die Refultate der Revifion feines frühe: 
ren Wertes im zwölften Bande de Sournald ber 
Londoner afiatifchen Gefelichaft befannt gemacht hat. 
Diefe Verbefferungen waren Hrn. D. zur Zeit, ald 
er feine Arbeit verfaßte, noch nicht befannt, und 
auch jegt dürften fie nur Wenigen bei uns in Deutſch⸗ 
land zugänglich fein. Ich glaube daher Manchem 
meiner Lefer einen Dienft zu erweifen, wenn ich 
fie in möglichfler Kürze mittheile. 


Erſte Columne. Diele ift am wenigfien der 
Berichtigungen bebürftig gewefen, nur in $. 6 (lin. 
12 — 17) im Böllerverzeichniffe hatten einige Wer: 
fehen ſich eingefchlichen ‚ wie died Hrn. DO. nidt 
entgangen war. Es fehlte ber Name der Meder 
und es ift nicht denkbar, daß dieſes bedeutende Volt 
in der Aufzählung vergeflen worden ſei. Hr. D. 
wollte daher 1. 14 den Namen Mäda vor. Uwaja 
einfhhalten, 1. 15 ergänzt er fharffinnig Yaunä vor 
den Worten tyaiy darayahyä und will in bderfelben 
Zeile nah dem Worte Yauna noch tyaiy uskahyä 
beifügen. So ſchön diefe Erklärungen find, fo wird 
«6 doch zweifelhaft bleiben müflen, ob wir diefe Zus 
fäge nur ald Ergänzungen der an diefer Stelle ſchad⸗ 


haft gewordenen Infchrift, oder für Berichtigungen 


einer Vergeßlichkeit des Steinhauers anfeben bürfen. 
Rawlinſon glaubt nach wiederholter Befichtigung der 


185 


©telle den Ramen Mada im 1. 15 vor Armina er: 
gänzen zu dürfen (am derſelben Stelle, in der Hr. 
D. die Worte tyaly uskahyd einfchalten will). Der 

von Hrn. O. in 1. 16 eingefegte Name Acagarta 
iſt zu flreihen und bad Ende der Zeile Cuguda, 
- Gadära, Gaka zu lefen. — $. 10 (1.27) leſe man 
pacäwa flatt pariva — ibid. (l. 32) ift nad einer 
"fpäteren -Bemerfung Rawlinfon’d (cf. Analysis of 
the Babylonian text of Behistun p. XLVIII.) 
wahrſcheinlich naiy am Anfange ‚der Zeile vor dem 
(jetzt ficher gelefenen) azada weggefallen. — $. 14 
(1. 64) ift wirklich niyaträrayam' die richtige Lesart, 
nidt niyapdärayam, wie man biöher vermuthete. — 
ibid. (l. 64. 65) ift abächaris zu leſen. — $.18 
(1.,86) ſteht awäkanam auf dem Felſen. — ibid. 
(lin. 88) leſe man: wasnd Auramazdaha Tigram 
viyatarayäm awada käram etc. 


Zweite Columne. Auch bier find der Bers 
befierungen nur wenige. 9. 9 (l. 44) ift der Name 
der Feſtung u[hy Jäma zu Iefen. — $. 12 (1. 65) 
Iefe man Kudrus flatt Gudrus. — ibid. (l. 6%) 


ift der früher fehlende Monatöname Adukanais zu- 


Yefen. — $. 13 (l. 73) lefe man tyaipatiy Fara- 
vartis agarbatä (oder agarbata, die Schlußfyibe ift 
undeutlich) anayata. 
Wort, welches Hr. D. mit Hülfe der übrigen ira⸗ 
nifhen Sprachen izuvam leſen wollte, endigt . . 
awara. Die beiden fehlenden Buchftaben find meines 
Erachtens richtig von Hrn. D. ergänzt. — ibid. 
1. 75 ſteht awajam, wie Hr. DO. bereits richtig 
vermuthet hat. — ibid. (1. 76) flcht die frühere 
conjecturale Leſung awaina jest ficher, ftatt hagma- 
täna lefe man aber Hagmatänaiy, als Locativ und 
fireihe daB von Rawlinſon conjectural in den Text 
gefegte awadäshim. Ebenfo ift bier und überall 
(lin. 91 Col. II $. 8 1. 52) uzamayäpatiy, nicht 
uztayäpatiy zu lefen. — ibid. (l. 78) daß legte 
Wort des 9. 13. iſt fraähajam zu leſen. — 6. 14 
(1. 88) fireihe man utä zwifhen agarbäya und 
Anaya. — ibid. (l. 89) das verflümmelte Wort 
nach utäsaiy fließt mit sam. — $. 16 lautet 
nad Rawlinfon’s berichtigter Abfchrift nunmehr fol- 
gendermaßen: (1. 92) Thatiy Därayawus Khsiya- 
ehiya Parthwa utä War- (l. 93) käna 





— ibid. 1. 74. Daß fehlende‘ . angebahnt. 


x 


Wa 2.0.0.0. Frawartais . . . . agaubatä Vis- 
täcpa mand pitd. h I. 94) . . . kära 
awahar ätara pacäwa Vistäcpa ab 

(1. 95)... . anusiyä . . . äya Vispauz . . tis 
näma warda- (l. 96) nam. . . . . dä hamaranam 
akunawa (1. 97. 98) awa- 
thäsaäm hamaranam kartam. 


Dritte Columne. $ 1 (I. 4) if der 
Name der Zeflung Patigrabanä zu leſen. — $. 3 
(1. 14. 18) leſe man paraidiy, Atriyadiyahya, 
wie fhon Hr. DO. vermuthungsweife hergeſtellt bat. 
— 6. 11 (dl. 72) endigt nipadiya tyaiy ashiya, 
was mir eben fo unverfländlih ift wie Rawlınfon. 
$. 13 (1. 78) leſe man entweder Hadditahya mit 


Kawlinſon oder Halditahya mit Hrn. O. Der Bud: 


ftobe, der bier als ü oder 1 erfcheint, ift noch nicht . 
beflimmt ermittelt. 

Bierte Eolumne. Hier find die Verbeſſe⸗ 
sungen Rawlinſon's am erheblidhfien, wenn aud 
lange nod) nicht genügend, um bie erforderliche Klar⸗ 
heit in biefen fhwierigen Theil bed Textes zu brin⸗ 
gen, in einigen nicht unwichtigen Puncten iſt aber 
durch feine Bemühungen ein richtigeres Verſtändniß 
%. 2 dl. 5) iſt ſtatt der früher von 
Rawlinfon bloß vermutheten Worte dahyawa ya- 
thämaiy zu lefen paquwa yathä khaäyathiyd.. — 
ib. 1. 12) ift jegt mand ſicher gelefen. — 6. 4 
(1. 34) lefe man darauga di ..... yä (fdä). 
ibid. (1. 35) di . . . yä (oder da) und ftreiche das 
früher von Rawlinfon conjectural eingefegte darauga. 
Ebenfo ift, wie Rawlinfon felbft bemerkt, am Schtufle 
ded Paragraphen, nicht Raum genug, um das frü- 
bes von ihm vermuthete akunaus einzufegen. Nach 
biefen Bemerkungen bürften auch die von Hrn. D. 
p- 323 vorgefchlagenen Aenderungen faum mehr halt⸗ 
bar fen. — 9 5 (I. 38) Iefe man daraujana 
flatt des conjectural in den Text geſetzten arika.— $. 
6 (1. 43) glaubt Rawlinſon dad letzte Wort ficher 
durujiyähy leſen zu dürfen, wenigſtens find bie Buch: 
ftaben uj vor iyahy deutlich auf dem Felſen zu fehen. 
— 6. 7 dl. 44) if zu lefen Auramazdä mayiy 
oder taiyiy. — 6. 8 (l. 46) verwirft Rawlinſon 
feine frühere Conjectue tyamaiy, ber Schluß bed 


. 197 


Wortes ſei fiher ämiy, ber Anfang ift unſicher. — 
ibid. (I. 49) ift nisam oder nisma flatt des frä: 
deren nisida zu lefen. — $. 9 (1. 51) ift awä naiy 
flatt des früheren awä.iy zu ſetzen. — ibid. (l. 
52) tilge man dad von Ramlinfon eingefchobene 
tharda. — $. 10 (lin. 53) Iefe man nuram 
fat... na.m. — ibid. (J. 55). Diefe Beite 
fehlte in der früheren Abfchrift, fie lautet: yadıy 
imäm hadugäm naiy apagaudiyähy (?) kärahyä 
thähy Auramazdä thuwäm daustä biyäa. — 8. 11 
(1. 57) Iefe man hadugaın nad imam. — ibid. 
(1. 58) naiy thähy kärahya, damit find auch Hr. 
O's. Einwürfe gegen Rawlinſon's frühere Erklärung 
erledigt. — 9. 13 (1. 64 ff.) Nah den Worten 
zaurakara aham ift folgendermaßen fortzufahren: 
imaiy taumä uparıy abastäm upariy mäm naiy 
sakurim.. .... hauwatam zaura akunawam tya (?) 
maiy hya hamatakhsatd manä vithiya awaın ubar- 
tam abaram hya. iyani .-. awam ufragtaım apar- 
cam — 8. 14 (lin. 69) Mä ı ... wad Raw: 
tinfon früher dem Sinne nach durch „protege“ wie: 
dergab, worin ihm Hr. D. gefolgt ift, muß daustä 
gelefen werden, darauf fährt der Xert fort: awaiy 
ahifrastädiy par 





tet wahrfcheinlih: yawa jiwähy äwaä awaiy pari- 
karl. — $. 16 cl. 73) ift yadiy flatt yawä zu 
lefen, ebenfo erfordert J. 74 manche Aenberungen, 
der Tert iſt berzuftellen: yadıy imäm dipim wai- 
nähy imaiwä patikarä naiydis vicanähy utämaiy 
yäwä taumä ahatiy°parikarähadis Auramazdä thu- 
wäm daustä biyä etc. Am Schluſſe bed Daragıas 
phen (1. 76) lefe man awataiy Auramazdä m. 

jadanautuw. — $. 17 (. 77 ff.) lautet: Yadiy 
imäm dipim imaiwä patikarä wainähy viganaälmadis 
uatämaiy ydwä taumä ahatiy naiydis parikarähy 
Auramazdä taiy jatä biydä etc. — ibid. (l. 80) 
lautet das Iehte Wort nikatuw. — 9. 18 (1. 80 
ff.). Diefer Paragraph, der früher in fehr ungenüs 
gender Geftalt vorlag, ift nun glüdlich hergeſtellt, 
und diefe Herflellung iſt wegen der hiftorifhen Be: 
deutung bedfelben ungemein erwünſcht. Er lautet 
nunmehr: Adakaiy imaiy martiyä hamatakhsatä 
anusiyä manä Viüdafranä näma W (?)ayaspär (?) 
ahyä putra Pärca Utäna näma Thukhrahyä putra 


— 6. 15 (l. 71) lefe man ni— 
yapisam; der Schluß des Paragraphen (1. 72) lau⸗ 


‘188 


Pärga Gaubaruwa näma Marduniyahyä putra Pärca 
Vidarna näma Bagäbignahyd putra Pärca Bage- 
bukhsa näma Däduh(?)yahyä putra Pärca Ardumanis 
näma Wähukahyä putra Pärca. — $. 19 (l. 86) 
iR Rawlinfon im Stande gewefen, biefedmal einige 
Worte mehr zu leſen, der Anfang lautet jest: Tha- 
tiy Därayawus khsäyathiya tawm kä khsäyathiya 
hya aparam ahy tyämä vidäm tartiyäna. 


Die fünfte Cobumne konnte keine Verbeſſe⸗ 
rungen erhalten. DHinfichtlich der kleineren Inſchrif⸗ 
ten ift zu bemerken, daß in A Chispis oder vielmehr 
Chispais_ ſtatt des früheren Chispabya gelefen wer: 
den muß, in E ift Imanis flatt des früheren Uma- 
nis und Gakuka flatt Caruka „zu Iefen. — 3 
füge bier der Vollſtändigkeit wegen noch die Heineren 
Inſchriften von Nakſchi-Ruſtam bei, welche Raw: 
linfon von einem frühe verftorbenen englifchen Rei: 
fenden, Tasker, mitgetheilt erhielt. Sie lauten nebft 
Rawlinſon's lateinifcher Ueberſetzung: 


1. Gaubaruwa Pätisuwaris Dürayawahus khsd- 
yalkiyahyä saraglibar a. d. h. Gobryas Pa- 
tischorensis Darii regis arcifer. 


2. Acpachand Dürayawahus khsäyathiyahyd icu- 
wüm (sic) däcyamü i. e. Aspathines Darii 
regis sagittarum custos. 


3. Iyam Machiyü. Hic (quasi hi) Masii. 


(Zortfeßung folgt). 








Gelehrte 


Anzeigen 


München. herausgegeben von Mitgliedern 6. Februar. 
Nro. 16. der & bayer, Akademie der Wiffenfchaften. 1854,,. 


Les inscriptions des Ache&menides, congues 
dans Tidiome des anciens Perses éditées et® 
commentees par J. Oppert. 


(Sortfegung.) 

Die Infchrift Nr. 2 fleht über einer Figur, 
die unmittelbar unter ber flebt, welcher die Inſchrift 
Nr. 1 gehört. Nr. 3 flieht über einer Figur, bie 
den Thron trägt. Gegen Rawlinfon’s Auffaffung 
Diefer Heinen Inſchriften laſſen fich Feine erheblichen 
Einwände machen. Igus iſt gewiß Pfeil, im Aveſta ishus 
(cf. Vendidad, Frg. IV. 138 XVII. 28), bie Be: 
deutung, die Rawlinfon dem Worte däcyama giebt, 
laßt fih mit Hülfe des Hugvarefch rechtfertigen. 
Zweifelpaft ift saracgtibara in Nr. 1, es läge nahe 
zu vermuthen, daß flatt des anfangenden s ein a, 
alfo argtibara zu lefen ſei. Arsti heißt im Aveſta 
eine Lanze (cf. Vendidad XIV. 34) und dies würde 
um fo befler paflen, ald auf dem Monumente zu 
Behiſtun wirklich der, Speerträger hinter „dem Kö⸗ 
nige Darius erfcheint, Bedenken erregt jeboch das 
e; man würde s erwarten. 


Diefe Werbefferungen find, wie gefagt, durch 
nochmalige genaue Revifion der Abfchrift Rawlinfon’s 
an Ort und Stelle möglich geworden. Eine Anzahl 
Werbefferungen des Wertes anderer Art bat Hr. O. 
dadurch erzielt, daß er mit Berüdfichtigung der dem 
Altperfiichen eigenthümlichen Lautgefege (fo, um nur 
ein Beifpiel zu nennen, indem er das vor Conſo⸗ 
nanten bekanntlich nicht gefchriebene m, A theild 
zuſetzt, theils wegläßt) einzelne Worte anders lad 


J 


als Rawlinſon oder an beſchädigten Stellen neue 
Einſchaltungen vorſchlug. So ergänzt er Col. IL. 
6. 2 1. 5 Chaispis oder Chispis, was nicht fehlen 
kann und wohl ein Verſehen des Steinhauers ift, 
ibid. $. 4 lin. 9 Jiest Herr O. paruwamma 
flatt paruwam, wie bei Rawlinfon fteht, ibid. 
$. 10 lin. 30 und fonft hamapitä, hamamatä 
flatt "Rawlinfon’® hampitä, hamätd; akummä flatt 
akumä, ahaüta ftatt ahatd, bañdaka flatt badaka, 
Vindafra flatt Vidafra u. A. Wir übergehen die 
vielen anderen Verbeſſerungen, die ſich nad dem 
berichtigten Lautſyſteme eigentlich von felbft verftchen 
und wefentlich dazu beigetragen haben, der Sprache 
ein beflered Ausfehen zu geben. Wir hätten nur 
gewünfcht, daß Hr. DO. nicht hauwa, fondern hauw 
gefchrieben hätte, denn dies ift wohl die richtige Le: 
fung (= zd. hd), wie ih bie ſchon in meiner 
Beurtgeilung der früheren Oppert'ſchen Schrift ges 
zeigt habe. Ebenfo möchten wir lieber kaufa flatt 
kauf gelefen wiflen, ba das ibentifche kadfa im 
Aveſta auch auf a endigt. Nicht billigen können 
wir, daß Hr. DO. wasand ftatt bed unbedentlichen 
wasnä fihreibt, letzteres ift das armeniſche vamı, 
wegen (cf. Fr. Windifhmann in diefen gel, Anz. 
Sept. 1845 p. 474), flatt drafgam enblid möchte 
ich lieber daragam leſen, was bem zendiſchen deräghe 
entfprechen würde. Van den Einfchaltungen heben - 
wir hervor: Col. I. $. 17. 82) fest Hr. O. 
noch käram nach -adam "ein, was allerdings ben 
Wortlaut verbeffert. Col. V. $. 4 ergänzt Hr. ©. 


-die Lücke in 1. 12 durch tarcita, ber Form nach 


kaum richtig, denn ich glaube nicht, daß bie Pattis 
cipien im Aftperfifchen durch Himunahme des Win: 
XXXVMI. 16 





131° 


devocals i gebildet worben feien, ausgenommen wenn 
fie der zehnten Glafle angehören. Man wird alfo, 
wenn man den Sinn billigt, wohl tarsta lefen müſ⸗ 
fen, fo fteht auch: paraös tarstd apatachat Rairi- 


manäo keregäcpd im neunten Gapitel des Yacna. 
Die Einfhaltung der Worte utäsim awäzana am 
Ende besfelben Paragraphen ift fchon von Rawlinfon 
vorgefehlagen. Col. IL. 9. 9 ergänzt Hr. O. bie 
Lücke in 3. 48 mit Arminiyaiy. ib. $. 13 1. 73 
ergänzt Hr. D. wie mir fcheint fehr richtig awam- 
patiy flatt tyaiypatiy, wie Rawlinfon vorgefchlagen 
hatte. Col. IV. 9 2 1. 4 fireiht Hr. DO. das 
allerdings überflüffige äha nad) Auramazdaha, nad) 
Ramlinfon’s Lithographie der Infchrift jedoch ſcheint 
auf dem Felfen dad Wort zu fliehen. Die Verbef: 
ferungen, :welde Hr. ©. für $. 4 berfelben Go- 
lumne (lin. 34. 35) vorfhlägt, finden zum Theil 
durch die oben mitgetheilten berichtigten Ledarten 
ihre Erledigung. Da der Verf. wegen feiner 
weiten Entfernung vom Drudorte die Correctur nigt 
ſelbſt beſorgen konnte, ſo haben ſich, wie Hr. O. 
dies ſelbſt ſchon öffentlich beftagt bat, eine ziemliche 
Anzahl Drudfehler in den Text eingelhlihen. Es 
wäre Beinlich, dieſe bier aufzählen zu wollen, bie 
meiften beftehen in Auslaſſung oder falfcher Setzung 
ber Längenzeichen und werden von dem der Sprache 
Kundigen ohne Schwierigkeit verbeſſert werden koͤn⸗ 
nen. Nur einige der wichtigeren glauben wir hier 
hervorheben zu müflen. Col. I $. 8 fehlt martiya 
nad dahyäwa. ib. 9. 15 {fl yathä nach pagäwa 
ausgelaſſen. Col. Il. $. 1 fin. Iefe man Babi- 
rauw awäzanam und ebenfo $. 2 Babirauw Aäham. 
Man füge awam vor käram tyam hamithriyam 
bei in 0. 8. 9. 10, ebenfo Iefe man Col. II. 
6. 6 awam käram tyam Wahyazdätahya, ibid. $. 
13 Bäbirauw flatt Baäbiraus, Col. IV. $. 3 ft 
adam vor dem Worte agarbäyam noch beizufügen. 


— 


Wir wenden MB nunmehr zur Weberfebung, 
welche gleichfals von ber Rawlinſon's in mehreren 


Puncten abweiht und fie in wefentliden Dingen 


berichtigt. Unſere WBerbefferungen find großentbeils 
durch die oben erwähnten berichtigten Lesarten be: 
bingt, welche Hrn. D. noch nicht sugänglic waren. 
GSleich am Eingange Col. I. q. 4 begegnen wir 


⸗ 


132 


einer nicht unbebeutenden Abweidung. Rawlinfen - 


fberfegt : (There are) eight of my race who hare 
been kings before me, I am the ninth, 9**; for 
a very long time we have been kings, „Nad 
Hm. O. lautet die Stelle: Il y eut huit de ma 
race qui fürent rois avant moi; je suis le 
neuvieme, neuf de nous sommes rois en deux 
branches. Auf die Schwierigkeiten, welche dieſe 
Stelle bietet, bat Rawlinfon in feiner Analyſe p. 
197 bereitö aufmerffam gemadt. Zwei Dinge find 
ed, in denen Hr. O. von Rawlinfon abweicht, er: 
ſtens einmal binfihtlich des BZahlworted neun, das 
„allerdings den größten Anſtoß geben muß. Diefed 
Zahlwort fteht hier nämlich zweimal unmittelbar nad) 


‚einander, das erftemal mit Worten, dad zweitemal 


durch ein Bahlzeihen ausgedrüdt. Es entfleht nun 
die Frage, ob die Zahl bloß der Sicherheit wegen 
zweimal gefchrieben oder ob fie zweimal zu leſen 
ſei. Daß erflere glaubt Ramlinfon,. bemerft aber 
ſelbſt, daß ed gegen die fonftige Gewohnheit ter 
Inſchrift fei, die Zahl doppelt auszubrüden; ein 
Berfehen des Steinhauers läßt ſich aber um fo we: 
niger unnehmen, als ber Sat, ebenfo gefchrieben, 
in der Beinen Infchrift A (l. 17) wiederkehrt. Hr. 
D. dagegen glaubt nun, bie Zahl fei, wirklich zwei: 
mal zu Iefen, er fchließt mit dem- einen Zahlworte 
einen Sag und beginnt mit: dem zweiten einen 
neuen. Die zweite Abweichung liegt in dem ſchwer 
zu erklärenden duvitätaranam. Wie in’ vielen Käl 


- Ien, fo mangelt e8 auch bier nicht an etymologifchen 


Möglichkeiten, allein feine derfeiben bringt und Ge: 
wißheit. Ramwlinfon erflärt duvitätaranam durch „a 
very long time“, bafür fpriht duwista, das nahe 
genug .anklingt, Hr. ©. durch „deux branches“ 
und zieht duvitiya zwei und die Wurzel tri oder 
tere herbei. Hrn. O's. Erklärung gewinnt nod 
an Wichtigkeit durch bie Holgerungen, bie er bar: 
aus zieht. Er nimmt nämlich auf diefe Stelle und 
eine Stelle bei Herodot geftügt (Her. VIL 11, wo 
man bis jebt einen Fehler in ben Handſchriften ver: 
mutbet bat, cf. Laſſen Zeitfchr. für die Kunde des 
Morgen!. VI.p. 165) zwei Reihen ber Achämeniden 
an, und dieſe würden fi nah Hrn. O. folgender: 
maßen aufftellen laſſen: 








183 _ 
Achaemenes 
Teispes 
ı “Ariaramnes - Cambyses 
Arsames Cyrus 
Hystaspes Cambyses 


Darius 


Ich geftehe, daß «8 mir mit den und jegt zu Gebote 


ftehenden Mitteln unmöglich fcheint, die Frage voll: 
kommen zu entfcheiden. Möglich find beide Faſſun⸗ 
gen, es fcheint aber, als ob Rawlinſon jetzt auch 
Hrn. O's. Meinung beigetreten fei (vergl. deſſen 
Analysis of the Babylonian text of Behistun p. 
XI. Was mich hindert, unbedingt beizuftimmen, 
ift der Umftand, daß — nach einer frühen Angabe 
Rawlinfon’d — in ber mebifchen Ueberfegung ber 
Infchrift das Zahlwort nur einmal fleht; die baby: 
loniſche Ueberſetzung ift an biefer Stelle leider be: 
fect. Duvitätaranam Pönnte vielleicht auch bedeuten 
„zum zweitenmale“, alfo wir find zum zweitenmale 
Könige, einmal vor, dann wieder. nad der Unter: 
brechung durch Gumäta (cf. Col. I. $. 14 init.), 
Doch died Alles find bloß Möglichkeiten. — In $. 
6 ergeben ſich die Aenderungen durch die oben mit: 
getheilten Zesarten. — 9. 8. Die fhwierigen Aus: 
drücke agatä (Hr. D. liedt äganitä) und arika über: 
trug Rawlinfon mit „whöever was of the true 


-faith“ und „heretic“, Hr. D. durch etranger und. 


ennemi. Conjectural bleiben beide Zaffungen, doch 
fcheint mir die Hrn. O's vorzuziehen. — 9. 10. 
"Statt avant que je fusse roi muß ed nunmehr 
nad) dem berichtigten Teste heißen: nachdem ich Kö: 
nig geworben war. — ibid. die Worte yathd Kam̃- 
bujiya Bardiyam awäza kärahyä (naiy) äzdä (viel 
leicht äzahdä) abava tya Bardiya awazata haben 
-wegen des fchwierigen äzdä ben Auslegern viel zu 

fchaffen gemacht. Holtzmann in einer fhägbaren Ars 
beit (Heidelberger Jahrbb. 1849 p. 818) hat bie 
Bedeutung Unzufriedenheit vorgefchlagen, Rawlinfon 
und Oppert flimmen jest in Annahme ber Bedeu: 
tung Unvoiflenheit überein, nachdem nun auch Raws 
Iinfon bie früher bloß in einer Note (p. 201 feiner 
Analyſe) vorgefchlagene Ueberfegung vorzieht (man 
vergl. deflen mehrfach erwähnte Analysis of the 
Bab. text of Behistun p. XLVIII). Etymologiſch 
möchte ich Azdä oder äzanda auf die yon mir ſchon 





1% 


mebrfach belegte altperfiiche Wurzel zan, wiffen, zus 
rädführen, welche ſich auch in dem oſſetiſchen zond, 
Kenntniß, erhalten bat, in ber Endung da möchte 
ih dad Suffir dha fehen cf. maredha (Vendidad 
I. 20) von mere, gnaddha, von enu. (ib. I. 50). 
Das a, mit welchem dad Wort anfängt, kann nicht 
dad a priv. fein, da, nad Rawlinſon's neuefter 
Bemerkung, naiy am Anfange ber Zeile zu ergänzen 
iſt, doch ift es wohl auch nicht „a mere prosthe- 
sis,“ wie Ravolinfon meint, fondern das verſtaͤrkende 
Pröfir A. Im Ganzen jedoch fcheint mir bei ber 
Dunkelheit der Stellen, in welden das Wort bor: 
kommt, die Bedeutung noch nicht fo gefichert, wie 
Ramwlinfon anzunehmen fein. — $. 11. Hrn. 
O's. ſchöne Erklärung von uwämarsiyus ift nun auch 
von Rawlinſon anerfannt worben (Analysis etc. p. 
LXIV). $. 13. Die Worte: kaschiy naiy adars- 
naus chischiy thastanaiy hat Rawlinfon überfegt: 
(There was) not any one bold enough (to oppose 
him) every one (was) standing (obediently) round 
Gomates. Die Unrichtigkeit dieſer Ueberfegung hat nun 
Hr. D. nachgewiefen, bie Worte bedeuten vielmehr: 
Personne n’osait dire quoi que ce fut à l’egard 
de Gomates. Chischiy ift ald Neutrum gebraucht, 
man vgl. chis uzvarezem im Vendidad. — $. 14, 
Ayadana fcheint Zempel zu bedeuten, nicht autel, - 
wie Hr. O. überfegt, da das Wort in der babylo⸗ 
nifhen Ueberfegung mit houses of god wiedergeges 
ben wird (cf. Raw. Analysis p. LXXXD. Be 
züglih ded Worte gaitha (= gaetha) trifft Hr. 
D. mit ber früher von Ref. in diefen Blättern ge- 
gebenen Erklärung zufammen, maniya möchte Ref. 
aud jest noch wie bamald für gleichbedeutend mit 
nmäna balten. Gegen die Faſſung der Schlußworte 
bed Paragraphen yathä Gaumäta hya Magus vi- 
tham tyäm amäkam nniy paräbara (nah Hrn. O. 
lorsque Gaumates le Mage n’avait pas usurpe. 
notre pays) bat fi fchon Rawlinfon auf Grund 
ber babylonifchen Ueberfegung erflärt (Analysis p. 
LXXXIV), welche eine ſolche Faſſung nicht zuläßt. 
Vith ift übrigens wohl gewiß das zendiſche vic, wie 
Hr. O. will, nur möchte ich dad Wort am liebflen 
mit Glan überfegen, denn dieſe Bedeutung fcheint 
es im Aveſta zu haben, es ift hier übrigens nicht 


der Ort, ausführlicher auf diefen Gegenſtand einzus 





131 


devocals i gebildet worden feien, auögenommen wenn 
fie der zehnten Claſſe angehören. Man wird alfo, 
wenn. man den Sinn billigt, wohl tarsta lefen müſ⸗ 
fen, fo ſteht auch: parads tarstö apatachat Rairi- 


manäo keregäcpö im neunten Gapitel bed Yacna. 
Die Einfhaltung der Worte utäsim awäzana am 
Ende besfelben Paragraphen ift fhon von Rawlinfon 
vorgefchlägen. Col. II. 9. 9 ergänzt Hr. D. bie 
Lücke in 3. 48 mit Arminiyaiy. ib. $. 13 1. 73 
ergänzt Hr. DO. wie mir fcheint fehr richtig awam- 
patiy flatt tyaiypatiy, wie Rawlinfon vorgefchlagen 
hatte. Col. IV. $. 2 1. 4 flreiht Hr. O. das 
allerdings überflüffige äha nach Auramazdaha, nad) 
Rawlinſon's Lithographie der Infchrift jedoch fcheint 
auf dem Kelfen das Wort zu flehen. Die Verbef: 
ferungen, welche Hr. O. für $. 4 bderfelben Co: 
lumne (lin. 34. 35) vorihlägt, finden zum Theil 
dur die oben mitgetheilten berichtigten Ledarten 
ihre Erledigung. Da der Verf. wegen feiner 
weiten Entfernung vom Drudorte die Gorrectur nicht 
felbft beforgen Eonnte, fo haben fih, wie Hr. O. 
dies felbft ſchon öffentlich beklagt hat, eine ziemliche 
Anzahl Drudfehler in den Text eingefchlihen. Es 
wäre Meinlich, dieſe bier aufzählen zu wollen, die 
meiften beſtehen in Auslaffung oder falfcher Seßung 
der Längenzeichen und werben von dem der Sprache 
Kundigen ohne Schwierigkeit verbeflert werden kön⸗ 
nen. Nur einige ber wichtigeren glauben wir bier, 
hervorheben zu möäflen. Col. I. $. 8 fehlt martiya 
nad dahyäwa. ib. $. 15 {ft yathä nad) pagäwa 
außgelaflen. Col. DL. $. 1 fin. Iefe man Babi- 
rauw awäzanam und ebenfo $. 2 Babirauw äham. 
Man füge awam vor käram tyam hamithriyam 
bei in 86. 8. 9. 10, ebenfo Iefe man Col. III. 
6. 6 awam käram tyam Wahyazdiätahya, ibid. $. 
43 Bäbirauw flatt Baäbiraus, Col. IV. $. 3 if 
adam vor dem Worte agarbäyam noch beizufügen. 


Wir wenden MB nunmehr zur Ueberfeßung, 
welche gleihfans von der Rawlinfon’® in mehreren 


Puncten abweicht und fie in wefentlihen Dingen 


berichtigt. Unſere WBerbeflerungen find großentheils 
buch die oben erwähnten berichtigten Lesarten be: 
bingt, welche Hrn. O. noch nicht: zugänglid waren. 
Gleich am Eingange Col. I. $. 4 begegnen wir 


— 188 


einer nicht unbedeutenden Abweichung. Rawlinſon 
fberfegt : (There are) eight of my race who hare 
been kings before me, I am the ninth, 9%; for 
a very long time we have been kings. „Nah 
Hrn. D. lautet die Stelle: Il y eut huit de ma 
race. qui fürent rois avant moi; je suis le 
neuvieme, neuf de nous sommes rois en deux 
branches. Auf die Schwierigkeiten, welche biefe 
Stelle bietet, bat Ramwlinfon in feiner Analyfe p 
197 bereit aufmerffam gemadt. Zwei Dinge find 
es, in denen Hr. O. von Rawlinfon abweicht, er: 
ſtens einmal binfichtlich de Zahlworted neun, das 
„allerdings ben größten Anftoß geben muß. Diefes 
Zahlwort fteht bier nämlich zweimal unmittelbar nad) 
einander, das erftemal mit Worten, das zweitemal 
dur ein Bahlzeihen ausgedrüdt. Es entfleht nun 
bie Frage, ob bie Zahl bloß der Sicherheit wegen 
zweimal gefchrieben oder ob fie zweimal zu leſen 
ſei. Dad erftere glaubt Rawlinſon, bemerft aber 
ſelbſt, daß es gegen bie fonflige Gewohnheit ter 
Inſchrift ſei, die Zahl doppelt auszudrücken; ein 
Verſehen des Steinhauers läßt ſich aber um fo we: 
niger unnehmen, als ber Satz, ebenſo geſchrieben, 
in der Beinen Inſchrift A (l. 17) wiederkehrt. Hr. 
D. dagegen glaubt nun, die Zahl fei, wirklich zwei⸗ 
mal zu leſen, er ſchließt mit dem- einen Zahlworte 
einen Sag und beginnt mit dem zweiten einen 
neuen. Die zweite Abweichung liegt in dem ſchwer 
zu erklärenden duvitätaranam. Wie in’ vielen Fäl⸗ 


- Ien, fo mangelt es aud hier nicht an etymologifchen 


Möglichkeiten, allein keine berfelben bringt und Ge: 
wißheit. Rawlinfon erklärt duvitätaranam dur) „a 
very long time“, dafür fpriht duwista, dad nahe 
genug anklingt, Hr. ©. durch „deux branches“ 
und zieht duvitiya zwei und bie Wurzel tri ober 
tere herbei. Hrn. O's. Erklärung gewinnt noch 
an Wichtigkeit durch die Folgerungen, bie er dar⸗ 
aus zieht. Er nimmt nämlich auf diefe Stelle und 
eine Stelle bei Herodot geſtützt (Her. VIL 11, wo 
man bis jetzt einen Fehler in ben Handſchriften ver: 
muthet bat, cf. Laflen Beitfchr. für die Kunde des 
Morgent. VI. p. 165) zwei Reihen der Achämeniben 
an, und bdiefe würden fih nah Hrn. O. folgender: 
maßen auffiellen laſſen: 


b 


183 ü 
Achaemenes 
Teispes 
‘ Ariaramnes - Cambyses 
Arsames Cyrus 
Hystaspes Cambyses 


Darius 


Ich geftehe, baß es mir mit den uns jegt zu Gebote 


ftehenden Mitteln unmöglich fcheint, die Frage voll: 
kommen zu entfcheiden. Möglich find beide Faſſun⸗ 
gen, es fcheint aber, als ob Rawlinſon jett auch 
Hrn. O's. Meinung beigetreten fei (vergl. deſſen 
Analysis of the Babylonian text of Behistun p. 
XI. Was mich hindert, unbebingt beizuflimmen, 
ift der Umſtand, dag — nach einer frühern Angabe 
Rawlinfon’d — in der mebdifchen Ueberfegung ber 
Inſchrift das Zahlwort nur einmal flcht; bie baby: 
Ionifche Ueberfegung ift an dieſer Stelle leider be- 
fect. Duvitätaranam Pönnte vielleicht auch bedeuten 
„zum zmeitenmale“, alfo wir find zum zweitenmale 
Könige, einmal vor, dann wieber nach der Unter: 
brechung durch Gumäta (ef. Col. I. $. 14 init.), 
Doch died Alles find blog Möglichkeiten. — Sn $. 
6 ergeben fich die Aenderungen durch die oben mit: 
getheilten Zedarten. — 9. 8. Die ſchwierigen Aus: 
drücke agatk (Hr. D. liedt ägantä) und arika über: 
trug Rawlinfon mit „whöever was of the true 


-faith“ und „heretic“, Hr. O. durch etranger und, 


Conjectural bleiben beide Faflungen, doch 


ennemi. 


fcheint mir bie Hrn. O's vorzuziehen. — 6. 10, 


Statt avant que je fusse roi muß es nunmehr 
nach dem berichtigten Terte heißen: nachdem ich Kö- 
nig geworben war. — ibid. bie Worte yatha Kam- 
bujiya Bardiyam awäza kärahyä (naiy) äzdä viel: 
Yeicht äzahdä) abava tya Bardiya awazata haben 
-wegen des fchwierigen äzdd den Audlegern viel zu 


- Schaffen gemacht. Holgmann in einer [hägbaren Ars 


beit (Heidelberger Jahrbb. 1849 p. 818) hat bie 
Bedeutung Unzufriedenheit vorgefchlagen, Rawlinfon 
und Oppert flimmen jebt in Annahme ber Beben: 
tung Unwiffenheit überein, nachdem nun auch Raw⸗ 
Iinfon die früher bloß in einer Note (p. 201 feiner 
Analyſe) vorgefchlagene Ueberfegung vorzieht (man 
vergl. deflen mehrfach erwähnte Analysis of. the 
Bab. text of Behistun p. XLVIII). Etymologiſch 
möchte ich Azda ober üzañda auf die Yon mir ſchon 





13 


mehrfach belegte altperfiiche Wurzel zan, wiflen, zus 
rückführen, welde fi auch in dem offetifhen zond, 
Kenntniß, erhalten bat, in ber Endung da möchte 
ich dad Suffir dha ſehen cf. maredha (Vendidad 
I. 20) von mere, gnaddha, von enu. (ib. I. 50). 
Das a, mit welchem dad Wort anfängt, Bann nicht 
dad a priv. fein, ba, nad Rawlinſon's neuefter 
Bemerkung, naiy am Anfange ber Beile zu ergänzen 
iſt, doch iſt es wohl auch nicht „a mere prosthe- 
sis,“ wie Rawlinfon meint, fondern das verſtaͤrkende 
Präfix ä. Im Ganzen jedoch fcheint mir bei der 
Dunkelheit der Stellen, in welden das Wort vor⸗ 
kommt, die Bedeutung noch nicht ſo geſichert, wie 
Rawlinſon anzunehmen ſcheint. — 6. 11. Hrn. 
O's. ſchöne Erklärung von uwämarsiyus iſt nun auch 
von Rawlinſon anerkannt worden (Analysis ete. p. 
LXIV). $. 13. Die Worte: kaschiy naiy adars- 
naus chischiy thastanaiy hat Rawlinfon überſetzt: 
(There was) not any one bold enough (to oppose 
him) every one (was) standing (obediently) round 
Gomates. Die Unrichtigkeit Diefer Ueberfegung hat nun 
Hr. D. nachgewieſen, die Worte bedeuten vielmehr: 
Personne n’osait dire quoi que ce fut à l'égard 
de Gomates. Chischiy ift ald Neutrum gebraudt, 
man vgl. chis uzvarezem im Vendidad. — $. 14, 
Ayadana fiheint Tempel zu bedeuten, nicht autel, - 
wie Hr. O. überfest, da das Wort in der babylo⸗ 
nifchen Ueberfegung mit houses of god wiedergeges 
ben wird (cf. Raw. Analysis p. LXXXI). Be 
züglich des Worte gaitha (= gaetha) trifft Hr. 
D. mit der früher von Ref. in diefen Blättern ges 
gebenen Erklärung zufammen, maniya möchte Ref. 
auch jest noch wie Damals für gleichbedeutend mit 
nmäna balten. Gegen die Zaflung der Schlußworte 
bed Paragraphen yathä Gaumäta hya Magus vi- 
tbam tyim amäkam nniy paräbara (nad Hrn. O. 
lorsque Gaumates le Mage n’avait pas usurpe_ 
notre pays) bat fih ſchon Rawlinfon auf Grund 
ber babylonifchen Ueberfegung erklärt (Analysis p. 
LXXXIV), welche eine ſolche Zaflung nicht zuläßt. 
Vith iſt übrigens wohl gewiß dad zendiſche vic, wie 
Hr. D. will, nur möchte ic das Wort am liebſten 
mit Glan überſetzen, denn dieſe Bedeutung fcheint 
es im Aveſta zu haben, es ift bier übrigens nicht 


der Ort, ausführlicher auf diefen Gegenſtand einzus 


gehen, Ref. hofft bei einer andern Gelegenheit darauf 
zurückzukommen. — $. 19. Die früher mehr con⸗ 
jecturale Veberfegung: je franchis le Tigre, en- 
suite je tuai beaucoup de monde ift nun durch 
die eben angeführten Berichtigungen ded Textes durch⸗ 
aus gefiher. — Col. 1. 9. 6 ff. Die. Worte 
paraitä und paraidi überfegt Hr. D. unzweifelhaft 
richtig durch allez! und marche! wie er dies ſchon 
früher nachgewiefen hat (das altp. Lautſyſtem Pag. 
34). In dem zufammengefegten Verbum parärac 
will Hr. D. eine Modification der Wurzel fehen 
und überfegt ed durch vaincre, subjouger, Ramlin: 
fon blöß mit reach. — 9. 16. Die oben mitge: 
theilten Verbeſſerungen und Erweiterungen des frü- 
beren Textes find immer noch nicht erheblic genug, 
um den legieren zu überfegen. Es muß daher bei 
derjenigen bleiben, welche Rawlinfon früher aus dem 
mebifhen Xerte gab und die auch Hr. O. im Be: 
fentlichen beibehalten bat. Aus Col. IV. führen 
wir nur die bedeutenderen Verbeſſerungen an, bie 
fih aus dem berichtigten Xerte ergeben.- $. 2. 
Statt puisque les pays e&taient rebelles contre 
moi, je livrai 19 batailles ift zu überfegen: Nach: 
her, als die Könige fich gegen mich empört hatten, 
lieferte ich neunz&dn Schlachten. — 9. 9. Der Sinn, 
welden Hr. D. der Stelle in Abweidhung von Raw: 
linſon's Weberfegung giebt, feheint mir durch die 
obigen Verbeſſerungen beftätigt zu werden, fie lautet 
in Hrn. O's. Ueberfegung:. Le roi Darius declare: 
Ceux qui ont été rois avant moi, leurs exploits 
ont &t& accomplis comme les miens, tousjours 
par la volonte d’Ormazd. — $. 10 überfege man 
Wenn bu dieſes Edict nicht verbirgft und dem Herrn 
mittheitft, fo möge Ormuzd ꝛc. — 9. 18 ift die 
wichtigfte unter allen Berichtigungen ber großen In: 
ſchrift. Diefer Paragraph „muß jebt lauten: „Es 
fpriht der König Darius: Dies find die Männer, 
Die allein (?) dort waren, als ich Gaumäta den 
Magier flug, welcher fit Bardiya nannte; biefe 
Männer allein, meine Anhänger, 
Viñda rana mit Namen, der Sohn bed Wayaspära, 
ein Perfer, Utäna mit Namen, der Sohn des Thu- 
khra, ein Perfer, Gaubaruwa mit Namen, der Sohn 
des Marduniya, ein Perſer, Vidarna mit Namen, 


der Sohn dei Bagabigna, ein Perfer, Bagabukhsa 





8 


wirkten mit: 


136 


mit Namen, ber Sohn bed Daduhya, ein Perfer, 
Ardumanis mit Namen, der Sohn des Wahuka, 
ein Perſer.“ Mit den griechifchen Nachrichten hat 
„bereitd Ramlinfon diefen Text verglichen und gefun: 
ben, daß alle Namen bei Herodot richtig find mit 
Ausnahme bed lebten; ben Ardumanis kennt Hero: 
bot nicht und nennt’ flatt feiner den Aspathines ; 
ed liegt bier wohl eine Verwechslung vor, Aspa- . 
thines iſt faum ein andrer ald der in einer oben 
mitgetheilten Kleinen Infchrift genannte Acpachana, 
ber Speerträger des Königb. 


An dem Commentare, den Hr. O. feiner Ueber: 
fegung beigefügt hat, war Hrn, O. „Gelegenheit 
geboten, manche ſchätzbare Bemerkung für die Ers 
klärung niederzulegen, ſowie fich über feine Methode 
und Anfichten von der tranifchen Sprache im Allge: 
meinen auszufprechen (3. B. p. 266 Rot. p. 276, 
286 *) Die Bemerkungen, welche wir zu dieſem 
Theile der Oppert'ſchen Arbeit zu machen vermögen, 
find weder fehr zahlreich noch fehr bedeutend. Zu 
Hın. O's. Bemertungen über das Wort khsäya- 
thiya iſt num auch noch Rawlinſon's Gloffar =. v. 
zu vergleichen, Ref. möchte noch daran erinnern, 
daß die Wurzel khshi im Aveſta „können, vermd: 
gen“ bedeutet (Bendidad Fre. V. 78. IX. 134. 
XVIII. 116 ‚meiner Xusg.), von den neueren Spra: 
hen ift schäh, und schäied herbeizuzicehen. Auch 
pätischäh ift im Huzv. und Parfi noch Adjectivum 
und bedeutet „könnend, vermögend“ (= khsha- 
yamnd, welche Wort dadurch überfeht wird). — 


| (Schluß folgt.) 


) Die Seitenzablen beziehen fich auf das allgemein 
zugängliche Journal asiatique.” 


— 
— 








Gelehrte 
Münden. 
Nro. 17. 


herausgegeben von Mitgliedern, 
der & bayer. Afademie der Wiffenfhaften. 


Anzeigen. 
8. Februar. 


1854, 








Les inscriptions des Ach&menides, concues 


dans. l’idiome des anciens Perses &ditees et 
commentees par J. Oppert. 


| GSchluß.) 
Mit Recht zieht Hr. O. (p. 265) thatiy zu 
fir. cams, im Aveſta entfpriht cag'h (gaghaiti, 
cag’hat), im Neuperf. gakhun, dagegen gehört 


Es zu gach lehren (diefe Bedeutung hat dad 
Mort noch im Parfi), cälär aber zu cära.. — Das 
Duszvarefhwort Anhuma, welches Hr. ©. p. 273 
befpricht, ließe fih auch zu mid ziehen. — p. 
288 hat Hr. D. awazata richtig als Particip er: 
klärt. Wir werden auf biefe Form im zweiten Ar: 
titel wieder zurüdtommen. — p. 290. Daß Kuru, 
der Name bed Cyrus, mit den indifchen Kurus, den 
Delden des Mahabharata, Kambujiya aber mit dem 
in Sandfritquellen vorkommenden Volksnamen Kam- 
boja verwandt fei, ift bereits von Laffen bemerkt 
voorden (Indiſche Alterthumsk. I. pag. 598). In 
Derfien bat fi dad Wort Kuru nur in dem Fluß: 
namen Kur erhalten. — p. 293. Pacawa ift zu: 
fammengefekt aus paga und awa, verwandt ift das 
alterthũmliche Tateinifhe Wort pos. Wir machen 
bier befonders auf bie leſenswerthen Bemerkungen 
Hm. O's. über den altperfifchen Infinitiv (p. 396 
ff.) aufmerffam. — p. 409. Da nun dur Raw: 
linfon niyaträrayam als bie richtige Lesart nachge: 
wiefen ift, fo muß für biefes Wort eine Etymologie 
gefucht werben, in erinnere baher an bie einmal im 
Wendidbad (Fre. XVII. 109) vorkommende Form 


nicräraydo, du mögeſt übergeben, was ber Form 
und Bedeutung nach paßt. — p- 425. Daß war- 
danam richtig mit Stadt überfegt fei, bezweifle ich 
nicht im Geringften und leite das Wort auf fir. 
vridh zurüd, man vgl. den Ausdrud äat me gadthäo 


var&dhaya breite meine Welt aus im Vendidad 
(Frg. II. 13.). In der neueren Sprache bat 
fih diefed Wort wardana in Stäbtenamen wie Abi- 
verd, Lasdiverd unverändert erhalten, nur dialectiſch 
verfchieden ift gerd in Darabgerd u. f. w. Auch 
dad armenifche gerdel bauen hängt damit zufammen. 
— p. 428. 429. Die Folgerungen, welde Hr. D. 
aus der verfchiedenen Setzung bed Trennungskeiles 
in den SInfchriften von Behiflun und Perfepolid zies 
ben will, laſſen fich noch bezweifeln, wenigftens geht 
aus der Abfchrift der Eyrusinfchrift, die Ref. vor 
ſich bat (von Rich), nicht mit Sicherheit hervor, ob 
ber fenkrechte Keil wirklich vor dem Anfange bed 
Wortes ſtehe. — p. 537. Die Zorm mazista im 
Aveſta halte ich für die Erweichung einer älteren 
vorm, Mathista müßte im Avefla eigentlich durch 
magista erfest werden, letztere Form würde fehr gut 
zu macd und Comp. macyö paffen. Ueber bie Vers 
wanbdjung des urfprünglichen < in h in den neueren 
iranifhen Sprachen vergl. man meine Schrift zur 
Interpretation des Vendidad p. 24 Not. Auf biefe 
Stufe ift dad Wort bereitd im Sanskrit herunter 
gefunten. — p. 541 bedürfen Hrn. O's. Bemer⸗ 
tungen über den Eigennamen Frawartis einer etwas 
eingehenden Widerlegung. Daß Frawartis badfelbe 
fei wie Phraortes bei ben claflifihen Schriftftellern, 
hat fhon Rawlinfon gefehen, Hr. O. will nun aud) 
den Namen mit dem zenbifchen fravashi zufammen= 
XXXVIII. 17 


139 


‚ flellen, demfelben Worte, aus dem bad neuere Berner 


verborben worden ift, und beruft fi darauf, daß 
sh im Zend häufig mit einem rt in den Dialecten 
wechsle. Die Beilpiele, die Hr. D. anführt, find 
asha — .arta, mashya = martiya, dann huzv. 
HD, parfi farvar fammt dem Plural farvardin 
(= fravartinam nah Hrn. O's. Erklärung) und 
dazu zend fravashi. Ref. muß durchaus in Abrede 
fielen, daß dieſe bereitd von Benfey behauptete 
GSteihheit von sh = rt und rd ihre Richtigkeit 
habe. Die Zorm areta findet ſich auch im Aveſta 
neben asha, mashya hängt mit martiya nur info: 
fern zufammen, als beide auf die Wurzel mri fier- 


ben zurüdgeführt werden können. Während aber 
martiya wie ffr. marta direct aus Ddiefer Wurzel 


flammt, führen die Worte mesha, am&sha, mashya. 


auf eine Wurzel meresh (cf. amereshenta im Yacna 
cap. 9), welche bann'den r Zaut verloren hat, ähn⸗ 
lich wie keresh in nacukasha (Xräger des Reid: 
namd); in ben neueren Dialecten bat diefe Erfchei: 
nung bekanntlich noch weiter um fich gegriffen (cf. 
Pott Zeitfehr. für die Kunde des Morgent. I. p. 
46). 
fein Beifpiel bekannt, daß zendifches sh in rd über: 
gegangen wäre, am wenigften in dem Worte fra- 
vashi. Man fihreibt IS, YISEN parfi ashòô 
halub = ashava; WIND, NNNDD Parfi cpihir 


== thwäscha; WSYd, NT fravas frähar = 
fravashi (cf. die Einteitung zu meiner Ausg. ded Ven⸗ 


didat p. 22) *). Ganz verfchieden ift der Monat: 
name TnA1D, denn fo wirb ſtets gefchrieben (cf. 3. 


B. Bundehesth p. 9 1. 4 v. u. bed Weſtergaard'⸗ 


ſchen Abdrudes). Died fann weder — fravartinäm 


fliehen, wie Hr. ©. nab = fravashayo daenaydo 
vie Benfey will, In legterer Erklärung wäre aud) 
noch 7) unerflärlih, da rn = daena gefchrieben 


) Die Form fravas ift im Minokhired die gemöhn: 
lie (cf. meine Parfigrammatif p. 135, 142), 
frohar in den Patets (ibid. p. 156 1. ult.) ſowie 
in den neueren Parfenfchriften. Daber ſtammt 
Unquetil’6 Ferouer. Die Form Ferver ift mie 
noch "bei keinem orientalifchen Schriftfleller vorge 
Tommen, auch das Lexicon Pennt fie nicht. 


In den neueren Spraden ift mir vollends 


140 


wird. Man wirb daher Farvardin, Farvardian am 
beften mit neup. parvardan in Verbindung feben, 
damit dürfte wohl auch Frawartis zu verbinden fein. 
Bezüglich des öfter vorkommenden tharda muß id 
meine frühere Anficht wiederholen, daß basfelbe 
— gar&dha Art, Gattung fei. Diefen ſprachlichen 
Bemerfungen will Ref. noch eine ſachliche beifügen. 
Hr. O. findet es p. 379 mit Redht auffallend, daß 
dag Wort Magus, Magier, welches die Keilinfchrif: 
ten, die alttefamentlihen Urkunden, fowie die claf: 
ſiſchen Schriftfieller kennen, niemals im Avefla vor: 
fommt, dort fteht immer äthrava für Priefter, Um 
nun meine Meinung kurz zu fagen, fo glaube ich 
niht, daB Magus urfprünglic einen Prieſter be: 
deute, fondern nur einen zum Stamme ber: Mager 
gehörenden Mann. Mayoı heißt nämlich bei Hero⸗ 
bot (I. 101) ein mediſcher Stamm, an biefen mag 
dad Prieſterthum gebunden gewefen fein, wie bei 
ben Söraeliten bie Leviten eine ähnliche Stellung 
einnahmen. Died fcheint mir aus einer Stelle des 
Ammianus Marcellinud bervorzugehen (XXI. 6, 
32), wo es heißt: In his tractibus (Medien) Ma- 
gorum agri sunt fertiles super quorum secta stu- 
diisque , quoniam huc incidimus, pauca conveniet 
expediri. Ammianus fährt fort von der Magie zu 
fprechen, er meint alfo die Mager als Priefler, und 
doch weißt er ihnen ſeſte Wohnfige in Medien, alfo 
eben da an, wo auch Herodot ben Wohnort be 
Stammes der Moger angiebt. Wenn nun auch die 
meiften Priefler wenigftend in Perfien in engerem 
Einne Mager gewefen fein mögen, fo glaube ich 
doch nit, daß dad Prieftertbum ausſchließlich an 
die Mager gekettet war,. und äthrava wird wohl 
die allgemeine Bezeichnung für einen Prieſter ge⸗ 
weien fein. Bezüglich des Namend Magus zieht 
Hr. DO. daB indifche maghavat herbei, ich möchte 
an bad zenbifhe magava (Frg. IV. 131) erin: 
nern, das einen Unverbeiratheten oder Berfchnit: 
tenen bezeichnet haben fol. Ich habe in mei: 
ner Ueberfegung ded Vendidad pag. 294 Baywas 
damit verglihen, wogegen Har D. um fo we: 
niger einzuwenden haben wirb, ald auch er bie enge 
Berwandifchaft bed m und b anerfınnt unb mit 
solem Rechte dad grich. Miya — in mehrern 
perfiihen Eigennamen mit dem altp. baga identifi- 








141 


etert bat. In nahe Beziehung zu ber eben ausge⸗ 
fprochenen Behauptung, die Mager feien ein medi⸗ 
fher Stamm gewefen, läßt fi) das Zolgende fegen: 
Col. I. 9. 13 heißt es von bem falfhen Smerdes 
kärasim hachä darsata (?) atarca nad) Hrn. D. 
Le peuple le craignait à ‚cause de sa cruaufe; 
ebenfo Holgmann: „das Volk fürchtete ihn wegen 
feiner Strenge“ (Heidelb. Jahrb. 1849 p. 813) 
und hierin findet Hr. DO. einen Widerfprud mit 
Herodot (HL 67), welcher fagt, daß die Einwohner 


des perfifchen Reiches den Tod des falfhen Smer⸗ 


des betrauert hätten. Die Worte find: Arredekaro 
ds ToRs Unmmxoovs navıas edepyeolas ueyalas, Ge 
drrodavosros adrod NOIov Eysıy rtavras vous Ev 
zj Aciy nage& adıav Mepokwv. Legt man 
auf die leuten Worte den gebührenden Nachdrud, 
fo glaubt Ref., daB beide Berichte recht wohl neben 
einander beftehen Fönnen, ohne daß wir ben Darius 
einer Lügenhaftigfeit zu zeihen brauchen, gegen bie 
er in bem fpäteren Theile feiner Inſchrift folchen 
Abſcheu an ben Zag legt. Daß er feinen Bericht 
im perfifchen Stammeßinterefle abfaßte, iſt erklaͤrlich, 
aber deswegen kann ber Verfafler doch bei. der Wahr: 
heit geblieben fein. Halten wir- fell, daß der fal- 
ſche Smerdes ein Mager, nach urferer obigen Des 
Duction alfo ein Meder war, fo gewinnt die Uſur⸗ 
Yation bed Magerd an politifchem Intereſſe. Die 
Meder hatten früher die Hegemonie über bie übri⸗ 
gen iranifhen Staaten audgeübt, diefe war ihnen 
von den Perſern entriſſen worden, es ift nicht 


glaublich, daß fie diefelbe gar nicht wieder zu er⸗ 


langen gewünſcht hätten. Die Liſt des Magerd war 
darum ficher im Sinne der Meder, ja fie war viel- 
leicht im Voraus gebilligt, ein Einverfländniß mit 
Den übrigen Magern würde es am natürlichfien er: 
klären, wie biefe, nad der Entdedung bed Be: 
truges, in bad Verderben bed falfhen Smerdes 
mit bineingezogen wurden, die Magophonien aber 
wären Feſte gewefen, die zum Anbenfen an die 
glüdliche Abwehr ber Gefahr gefeiert wurben, welche 
den perfifhen Stamm bebroht hatte. Auch das po⸗ 
Litifche Benehmen des Magerd während feiner Re 
gierungszeit feheint ganz den Umfländen angemeflen 
gewefen zu fein. Auf ben Beiſtand der Meber 
Tonnte ber falfche Smerdes im Falle einer Entde⸗ 


148 


dung fiher rechnen, wenn er gerecht regierte, auch 
von ben Übrigen Völkerſchaften, die bei biefem Rang- 
flreite gleichgültig waren, konnte es als wahrfchein: 
ih angenommen werben, baß fie im Falle der 
Noth zu ihm halten würden, wenn fie mit feiner 
Regierung zufrieden waren. Unter feiner Bedingung 
aber Fonnte feine Ufurpation dem perfifchen Stamme 
genehm fein, die Perfer bebrüdte er daher wirklich 
und fuchte fie durch Gewalt nieder zu halten. Im 
Uebrigen bemerkte ich, daß dad Wort, welche man’ 
darsama, darsata oder dabasına liedt (cf. Rawlin⸗ 
fon im Sloffare p. 191) auf dem Felſen nicht ſicher 
erfennbar, alfo auch die Bedeutung nicht gefichert ifl. 


Nachdem wir ber größten und widhtigften ber 
altperfifchen Infchriften eine längere Betrachtung ge⸗ 
widmet haben, werben wir in dem folgenden Artikel 
auch auf die Beineren Infchriften übergeben, ımb 
zulegt die allgemeinen Folgerungen ziehen,“ die fich 
aus dem gefammten Material entnehmen laffen. 


Fr. Spiegel. 


Slgeniana. Erinnerungen an Dr. Karl David 
Ilgen, Rector der Schule zu Pforte, insbe: 
fondere an defien Reden in Erholungsftunden. 
— Eine Pleine Anekdotenfammlung von W. 
N. Leipzig. 3. C. Heinrihs’fhe Buchhandlung 
1853 


Seit geraumer Zeit ift dem Ref. keine Perfo: 
nalfilderung unter die Hände gelommen, welche 
fid in der Kunſt rein objectiver und .enargifcher 
Darftelung mit den vorliegenden Ilgeniana (größ- 
tentheild eine Art aufgezeichneter Zifchreden) meſſen 
könnte. Und doch ift dieſe Objectivität nicht die bloß 
natärlihe Frucht einer rein kindlichen Anſchauungs⸗ 


‚weile, fondern den Verfaſſer zeigt ſich zugleich als 


fcharfen Denker und geübten Pfochologen, und .ift 
in feinen Reflesionen fo treffend wie in feinen Res 
lationen. Die feltene Bereinigung biefer beiden Bor! _ 





Sur erfien Rede pro Quinctio lag außer 


dem großen Apparate von Keller (Semestr'a in 


Ciceronem I, p. 200 sqq.) nichts Reues von Bes 
lang vor; bie Rebe erfcheint aber durch vicr zufams 
menhängenbe Fragmente von 8 Zeilen vermehrt, bie 
in die große Lücke am Schluffe von cap. 27 ge: 
hören. Diefe Zragmente, welche auch für die Ber 
weisführung bed Redners intereflanten Auffhluß ges 
währen, bat ber Rhetor Julius Severianus erhalten. 
Wiewohl fhon Capperonnier dazu bemerkte: „Locus 
hic in Cicerone non reperitur, quia ingens lacuna 
est, ubi Tullius probat, Sextuin Naevium Quinc- 
tii bona non possedisse ,“ fo find fie doch bis auf 
Garatoni, ber auf fie zuerft in feinen unedirten 
Curae secundae hinwies, ber Aufmerkfamleit ber 
Herausgeber Ciceros durch einen unglüd.ihen Drud: 
febler in der Ausgabe von Capp. entgangen; «8 
ſteht nämlih im Index Auctorum: “Cicero pro 
Quinctio 16. 30. 41.’ flatt: “16. 30. 341. Von 
neuen Emendationen zur Quinctiana bemerke id) 
§. 30 tacuissem mallem, und $. 39 eum tum pu- 
denter appellare nolebas. 

Bedeutender ift der neue Apparat zur Rede 
pro Sex. Roscio Amerino. Bu diefer hatte 
man bisher nur die befanntlih ſehr mangelhaften 
Sollationen der Oxſorder Handfchriiten und die Aus: 
züge von Steinmetz aus den Parifern, von Feiner 


beſſeren eine genaue Vergleihung, fo. daß man nod 


völkg im Unflaren war, welche Lesarten auf ficherer 
bandfchriftlicher Weberlieferung beruhen. Zür die neue 
Ausgabe wurde benügt ber jetzt in Wolfenbüttel 
befindliche Helmftädter Codex, die doppelte (verfchies 
dene) Abfchrift der Rede in dem cod. Salisbur- 
gensis aulicus Nro. 34 (jegt Monac. Lat. 15734), 
die Audgabe bed Adam von Aınbergau vom N. 
1472, welde bie Stelle einer Dandfchrift vertritt, 
endlih zu 9. 1— 25 der Lagomarfinifche Apparat, 
aud welchem Niebuhr befonderd eine Handſchrift, 
ben cod. Medic. Plut. 48 Nr. 26 auszeichnet. 
Da alle Dandfchriiten der Rebe auf eine einzige 


zurückgehen, wie bie Lüde $. 132 zeigt, und feine 
befannte über dad 151e Jahrh. hinaußreicht, fo 


durfte man auch von einem neuen Apparate feine 
weientlihe Umgeflaltung ber Rede erwarten; man 
wird aber doch finden, daß ber Text durch eine 


136 
ziemliche Anzahl von Fleineren Werbefferungen ober 
handſchriftliche Beſtätigung von Gonjecturen 2) ber 
trächtlich gewonnen bat. Die wichtigeren Aenderun⸗ 
gen aus Handfchriften find: $. 11 index geftrichen 
und factae sunt, $. 16 frequensz atque in foro, 
$. 31 existat, $. 66 umquam (fl. usquam), $. 67 
commiserunt, $. 77 meministisne T. Roscium, 
6. 86 quaerenda causa qune adduxerit, $. 92 tu, 
T. Rosci, $. 116 atque fl. atqui, 6. 118 aut 
hie discipulus, $. 128 fiant, Kal. Junias (mit 
Tilgung der Gloſſe nimirum), $. 133 animi causa, 
$. 145 maxima tu ‚uteris, $. 148 huius hospitiis, 
$. 150 reddit. Bon Emendationen, die theils in 
ben Zert aufgenommen, theild in den Noten vers 
fuht find, erwähnen wir: $. 2 si quis horum (fl. 
si qui istorum), $. 16 Is cum, $. 17 quod sciam 
geftrihen nad Garatoni in beffen unebirten Curae ' 
secundae, $. 25 nobiles adlegat, ab legatis qui 
peterent, 8. 26 nihil vor agere als Stoffe zu 
lentius geftrihen, $. 33 mortem quae omnes cives 
perdiderit nad) Garat. cur. sec. (vgl. daB ähnliche 
Stoffem de lege agr. II, $. 7 p. 610, 3 unferer 
Ausg.), $. 44 haec a te vita rusticana relegatio 
— appellabitur? $. 61 auf confitere te huc ea 
spe venisse mit Hotoman, $. 100 alia atque alia 
causa, $. 117 potuerint 2), $. 141 fortunasque 
nostras mit Garat. Cur. sec. Die Rede war Tängft 
gedrudt, als ich in diefem Sommer burh die Se 
fäligleit meines Freundes Dr. Otto Ribbe eine 
ſehr genaue Collation ded oben erwähnten cod. Me- 
dic. Plut. 48, 26 erhielt, welche bie erfreuliche 


1) Diefe Stellen. find $. 8 spoliis ex hoc iudicio, 
&. 40 die Tilgung der ZBorte patri non placebat! 
und $. 54 von cogitabat? 6. 52 haec tu quo- 
que, $. 70 a Maleficio, $. 82 ibi quoque, $. 112 
die Umſtellung negligentia mandati, $. 137 isto 
bello ohne in. Die meiften diefer Verbejferungen 
lieferte der Helmftädter Eoder. 

2) Diefe Vermuthung befbütigt der cod. Electoralis 
(aus der churfürftlichen Bibliothek) Monacensis Nr. 
68, deilen Benügung mir entgangen war, weil ich 
die Rede ſchon vor meiner Zurückfunft nach Mün—⸗ 
chen ausgearbeitet habe. Er beitütigt auch $. 78 die 
Cinfegung von in vor insidiis, md die Verbeſſe⸗ 
zungen ii und iis 599. 74 u. 12% 


' 


Genugthuung gewährte, daß ber für die Ausgabe 
benügte Apparat in ben meiften Stellen ausreichende 
Hilfe gebracht hat. Die Collation wird in den Bu: 
ſätzen zu dem Bande ber. Reden erfcheinen; für jegt 
bemerke ich nur folgende neue beachtenöwerthe Les⸗ 
arten: $. 25 ne Sullam adirent (vgl. jedoch $. 
t10 ad Sullam legati non adierunt), $. 68 prae- 
rupta audacia, $. 77 quotidiani victus minister, 
6. 111 in iis, $. 129 feblt ipsi nach mihi, was 
ich fehon mit dem cod. Helmst. und der Ausg. v. 
J. 1473 hätte flreihen ſollen; 0. 133 bat ber 
God. Tiberi nach propinguum, was aber Gloſſe aus 
6. 20 fcheint. 


Für die Gefchichte des Textes ber Rede iſt ©. 
66 bei Gelegenheit der großen Lüde ein intereflantes 
Zeugniß mitgetheilt; wir erfahren nämlich aus dem 
in einem Parifer Coder 7832 enthaltenen ungebrud: 
ten Sommentar bed Guarini aus Verona, eine 
Freunde und Beitgenofien des Poggio (die Notiz 
verdanfe ih Hm. Prof. Mommfen), daß auch diefe 
Rede wie bie pro Murena zu benjenigen gehört, 
bie Poggio “ex Gallis ad nos reportaverat.’” Nach 
anderen Nachrichten (f. Ernesti Opusc. philol. p. 
159 und bef. L. Mehus praef. ad Ambrosii Tra- 
versarii Epist. Florentiae 1759 fol. p. XXXV. 
sg.) waren ed nur acht Reden, welche Poggio zur 
Zeit der Conftanzer Kirchenverfammlung auf feinen 
Reiſen diesſeits der Alpen aufgefunden und zuerft 


nad Italien zurüdgebraht bat, nämlich die Neben . 


pro Caecina, in Rullum I. II. III, in Pisonem, 
pre Rabirio Postumo, pro Rabirio perduellionis 
reo und pro Roscio Comoedo. Die Notiz ua: 
rini's erfcheint aber hoͤchſt wahrfcheinlich 1) durch 
den Umſtand, daß von den Reden pro Roscio Am. 
und pro Murena feine ber bekannten Handſchriften 
über das 15te Jahrh. Hinausreicht; 2) dadurch, daß 
ein Mailänder Eoder (f. dad Verzeichniß ber codd. 
Talliani der Ambrofianifchen Bibliothek in Cicero- 
nis Sex eratt. partes ineditae ete. ed. A. Mai. 


Mediol. 1817 p. 236), der das Zeichen hat Part. 


inf. C, Nr. 96, außer ben’8 genannten Reben nur 
noch die p. Rosc. Am. und pro Murena enthält, 
und eben fo auch ber cod. Med. 48, 26, nur daß 
in diefem die Reben pro Murena und p. Rosc. Am. 


4 





138. 
am Schluffe fliehen, während fie in dem Mailänber 
God. ben Anfang bilden. Die Reihenfolge der 8 
übrigen Reben ift in beiden Handſchriften gleihmäßig 
die oben angegebene; fo ftehen fie auch in dem von 
Mehus a. a. O. p. XXXV befchriebenen Coder. 3) 
Für die Kritik dieſer Reden bleibt fpäterer Forſchung 
noch eine wichtige Aufgabe zu löſen übrig, baß 
nämlich die Originalabfchrift bed Poggio aufgefunden 
oder wenigflend ermittelt werbe, welche der zahlrei⸗ 
chen im 15. Jahrh. gemachten Abfchriften unmittels 
bar aus der Poggianifhen gefloflen if. Died Res 
fultat zu gewinnen reichte unfer Apparat nicht bin; 
man erfährt aber doch in ber Mehrzahl ber Stellen 
fiber, was handſchriftlich begründet und was von 
den eıflen Editoren theild mit Süd, theild mis 
Willkür geändert "worden iſt. Aber. freilich hat in 
biefen Reden auch fchon vor dem Beginn der Drude 
die Interpolation der Staliener ein flarfes Spiel 
getrieben. Die nach jegiger Ordnung zunädft fols 
gende von biefen Reden, die pro Roscio Comoede, 
wird man durd die Benützung von drei Hand⸗ 
ſchriften und durch die ausgezeichnete Beihilfe, die 
Herr Prof. Theod. Mommfen meinem Mitarbeiter 


3) Zür die Gefchichte ihrer Auffindung ift noch ins 
terejlant, was Mehus ebendaſelbſt mittheilt: Ora- 
tiones a Poggio inventae saepe memorantur in 
Poggiü epistolis ad Niccolum. Nam in ep. 19: 
“Seripsi ad Franciscum Barbarum rogans, ut mit- 
tat nobis orationes Tullii, quas habet meas’ ete. 
Has ex monasterio Cluniagensi eruisse constat 
ex epistola eiusdem Poggii ad Niccolum, ubi: 
“Mittas’, inquit, “mihi oro orationes Tullianas in 
papyro, et item illas, quas detuli ex monasterio 
Cluniacensi’ etc. Hine in 'epist. 51. easdem Clu- 
niacenses appellat: “orationes meas Cluniacenses 
potes mittere sine chartis et id te rogo’ ete. 
Eine andere Notiz bei Mehus p. XXXX lautet: 
Valerii Flacci partem ex bibliotheca S. Galli. 
erutam fuisse didici etiam ex codice chartaceo 
equitis ac senatoris Philippi Guadagni, qui post 
nonnullas epistolas Gasparini Bergomatis editas 

‘ a°cl. praesule Josepho Alexandro Furietto habet 
Ciceronis orationem contra L. Pisonem in senatu 
dictam, ad cuius calcem legitur: “Hoc fragmen- 
tum repertum est a Poggio in monasterio 8, 
Galli prope Constantiem XX milibus passuum 
uns cum parte Valerii Flacei Argonautieon.”’ 





159 
bei der Herausgabe leiſtete, weſentlich verbefiert fin= 
ben. Bon den Verbeſſerungen, weldie die Rede 
durch Eonjectur gefunden hat (mehrere fichen in 
den Noten vorgefchlagen), hebe ich hervor: $. 7 
baee indigesta, illae sunt in ordinem coniectae. 
S. 9 in codicem accepti et expensi relata et di- 
gesta habes. $. 12 tuarum tabularum fide (im 
‚ Vertrauen auf deine Rechnungsbücher); vgl. $. 13. 
— ’sic petieris $. 19 animisque omnium ab- 
surdum — $. 22 ante quam locuples esset, sem- 
per — $. 38 testis arbiterque? tu, Piso.. Tu 
enin. @. Roscium pro opera et labore etc. $. 
44 non faciam, ne mihi detraham, cum illis ex- 
actae aetatis fructum . . . retribuam. $. 45 te- 
stes compararit. 


Die Fragmente der Rede pro Tullio, welcher 
Baiter zuerft ihre richtige Stellung vor den Verri⸗ 
nen angewiefen hat, haben durch die hoͤchſt genaue 
nochmalige Vergleihung der beiden Palimpfeften, bie 
Keller andeflellt hat, eine fo fichere diplomatifche 
Srundlage gewonnen, baß ihre fritifche Behandlung im 
Verhältniß zu anderen Reben ziemlich leicht geworben 
iſt. Doch hat fih auch bier Gelegenheit zu einer 
Heinen Epikriſis ergeben. 9 28 ift nach meiner 
Berbeflferung gefchrieben: cum facit ipsa familia 
vim (fl. vi) armatis coactisve hominibus, durch 
welche leichte Aenderung in den folgenden Worten 
bie handfchriftlihe Ledart: “cum autem rationem 
init, ut ea (scil. vis) fiat” gegen die Aendberung 
ut id fiat geſchützt iſt. $. 29 hat Baiter glüdlich 
bergeftellt: unde dolo malo (fi. unde de dolo m.), 
und durch die richtige Erkenntniß biefer leichten Dit: 
tographie *) auch $. 30 bie handfchriftliche Lesart 
“necesse erat te dolo malo meo vi deiectum iu- 
dicari’ vollfommen gerechtfertigt. In den von Gram⸗ 
matikern angeführten Fragmenten wurde zuerft rich: 
tig erkannt, daß bie von Macrobius und Diomedes 
angeführte Stelle eine und biefelbe iſt, nicht zwei 
verſchiedene Fragmente. 





4) Der ordinäre Febler hat bei Keller (Semestria p. 
306) fo große Gunſt gefunden, daß er der einzis 
gen richtigen Formel dolo malo fogar nur eine 
beichräntte Geltung gervähren will. 


160 


® 
Die Berrinifhen Reben Tann ich bier über: 
gehen, da ich in einem befonderen Vortrage (f. ge: 
lehrte Anz. 1853 ®d. 1, Nro. 29 — 33) eine 


kurze Würdigung ihrer Quellen gegeben und aus: 


führlih nacgewiefen babe, welche reiche Nachleſe 
für ihre Xertesberichtigung bie neue Collation des 
Vatikaniſchen Palimpfeftd und des cod. Parisinus 
7774 A, und die Benüsung der Driginalabfchrift 
Niebuhrs von den Lagomarfinifhen Collationen ge: 
liefert bat. 

Die folgende Rebe pro Fonteio ift dadurch 
merkwürdig, weil wir von jenem größeren Gtüde, 
dad vor Entdbedung der von Niebuhr aufgefundenen 
Bragmente befannt war, noch die Urbandfchrift bes 
figen, d. 5. diejenige, aus welder erweisiih alle 
Übrigen noch vorhandenen Abfchriften berflammen. 
Seine genauere Collation diefer Handfchr. hat Nie: 
buhr befanntli in ben Oratt. pro M. Fonteio etc. 
fragm. (Romae 1820) p.- 112 sqgq. herausgegeben, 
aber babei abfichtlidh ‘monstrosas scripturas, qui- 
bus nihil omnino subesse potest’ übergangen. Mir 
fand zur Benügung eine doppelte Collation zu Ges 
bote; 1) eine von Garatoni beforgte, die fi in 
feinem Nachlaſſe vorfand ; fie iſt nicht fo genau als 
die Niebuhrifche, bringt aber doch die von N. über: 


ſehenen Barianten 6. 17 oppugnure und $. 33 a. 


E. malitis fl. maletis; 2) bie Driginalcolation 
Niebuhr's, wie er fie an den Rand feines Hand: 
eremplard eingezeichnet hat. Aus ihrer Benügung 
ergab fih, daß ber große Mann doch Unreht ge: 
babt hat, wenn er glaubte, von einem Hauptcoder 
ſehr hohen Alters, der noch bazu bie einzige Quelle 
des betreffenden Stückes ift, einige lectiones mon- 
strosae Übergeben zu dürfen; denn aud mehreren 
übergangenen ließen ſich noch Pleine Verbeſſerungen 
gewinnen; man vergleiche bie neuen Redarten p. 473, 
4, ne quae, p. 474, 19 audienda M. Fonteius, 
475, 20 Galli in M, Fonteium, 475, 25 manu 
M. Fontei; 473, 6 beftätigt dad Verderbniß se- 
nates bie Xerbefferung senatoren; hingegen wird 
472, 1 durch die Lesart sanctasaui bie ber Wulgata 
unfichee gemacht. 
(Sortfegung folgt.) 





Bulletin der Pönigl. Akademie d. W. 











1853 Nr. 5 
U 
Gelehrte Anzeigen. 
München. | herausgegeben von. Mitglichern. 15. Februar. 
Nro. 20. der & bayer, Akademie der Wiffenfhaften, 1854, 





Königl. Akademie der Wiffenfchaften. 





Bericht über die neue Ausgabe der Ciceronifchen 
Reden. von Baiter und Halm. 





(Bortfepung.) 


Auffer dieſen Stellen wurbe nah den: Spus 
ren der Handfihrift uerbeflert: p. 465, 21 ex tan- 
to numero, 468, 12 M. Fonteio, 473, 28 si 
non vera, at commode ficta (vergl. p. Rosc. Am. 
$.. 54: finge aliquid saltem commode), 475, 
22 video, iudices, sed multis etc. Aber bad 
befte verdankt die Rebe dem Hrn. Prof. Mommfen, 
Der nicht bloß mehrere Stellen in den von Niebuhr 
aufgefunbenen Fragmenten ficher geheilt, fondern 
auch die- verzweifelte Stelle über den Weinzoll in 
Gallien cap. 5 p. 468, 15 durch eine Höcft fcharf: 
finnige Verbeflerung bergeftellt und in einem gelchr: 
ten Ercurd ©. 477 vortrefflich aufgeflärt hat. 


Die nähfle Rede pro Caecina gehört zu 
denjenigen, die Poggio zuerft wieder nach Stalien 
gebracht hat. Sie hat fi aber auch in einer deut⸗ 
[hen Handſchriftenfamilie erhalten, näml. in dem 
cod.‘ Erfurtenais unb in dem von Gruter benübten 
cod. Pulat. 1525, ber jedoch neben. dem Erfurt. 
nur für die legten Paragraphe der Rede, die durch 
einen Blätteraudfall jest in dem Erf. fehlen, von 
Bedeutung if. Die zahlreichen Handfchriften von 
Darid, Mailand, Münden md Turin, die Kel: 
lex zu ber Rebe verglichen bat (fie flammen wahrs 


ſcheinlich alle aus ber Poggianifchen Abfchrift), kom⸗ 
men neben: diefer Zamilie wenig in Betracht; denn 
baß. in. dieſer die unnerfälfchte Quelle ber Rede, 
wenn auch bereitd mit flarten Verderbniſſen erbglten 
ift, bat fich beſonders auß den Zragmenten ber Rede 
gezeigt, die Peyron aus einem Zuriner Palimpfeft 
herausgegeben hat. Mir ift es gelungen, von einer 
dritten Handfchrift derſelben Familie, dem belann: 
ten cod. Tegernseensis Garatoni , zuerft eine Gols 
lation zu erwerben, die Jordan ald Nachtrag zu 
feiner Specialausgabe der Rede herauögegeben bat. 
Es iſt intereffant zu erfahren, wie man fhrittweife 
zur vollfländigen Kunde diefer wichtigen Handſchrift, 
die bei der Klöfteraufhehung nicht mit den obigen nach 
Münden kam, gelangt if, Die erfie Notiz von ihr gab 
Garatoni in feinen Curae aecundae zur Planciana 
und fodann in feinet Ausgabe ber or. pro Milone, 
wobei. man erfuhr, baß bie Handſchrift auch die Mes. 
den pro Caecina. und pro Sulla enthalte. Die Colla⸗ 
tton bdiefer beiden Reden, bie ber Literarhiſtoriker 
Darleß für Garatoni befosgt hatte, fchrieb mein 
Sreund Hr. Prof. Theodor Mommfen in dem. 
Sarstonifhen Nachlaſſe zu Ravenna ab, mobei fich. 
aus demfelben Codex noch zwei Fragmente von den 
Reben. de imperio Cn. Pompei und pro Mareello. 
vorfanden, fo wie eine Collation von einem Theile 
der Philippifhen Reden und von den Catilinarien, 
ohne baß fich fiber ergab, ob auch dieſe aus bemfelbeg 
Zegernfeer: Coder herfiammen. Durch meine Aus⸗ 
gabe der Rede pro Sulla in ber Weidmann ſchen 
Sammlung, bie ald eine wahre editio princeps 
wegen ber ungemein zableeichen Verbeſſerungen aus 
dem cod. Tegerns- erfcheinen darf, und buch bie 


XXXVII. 20 





163 


Notiz, bie ich in meinem Programm “Zur Hand- 
schriftenkunde der Ciceronischen Schriften’ von 
dem oder gegeben habe, ift man fodann zu An⸗ 
fang dieſes Jahres auf die Entdedung gekommen, 
daß die Driginalcollation von Harleß fi in Deutſch⸗ 
land erhalten und Garatoni nur eine, wie er außs 
drüdtih fagt, nicht von Harleß Hand gefertigte Ab⸗ 
Schrift befommen hat. In den Beſitz diefer Original⸗ 
collation befindet fih Hr. Dr. Woldemar Harleß 
in Bonn, ein Neffe des Literarbiftoriters. Sie ift 
am Rande der erften Erneſtiſchen Audgabe eingetras 
gen; durch ihre mit der größten Zuvorkommenheit 
mir bewilligte Benügung war es mögli bie frü⸗ 
her erhaltene Abfchrift der Collation an nicht weni: 
gen Stellen zu berichtigen und zu ergänzen, und ich 
erhiele fie eben noch zeitig genug, um fie noch für die 
Bearbeitung der or. pro Caecina zu Grunde zu 
legen. Bei diefer Gelegenheit erhielt ich auch zuerft 
die Eollation der Philippifchen Reden ?), die aber in 
or. VIII, cap. 4 abbriht. Ob die Collation oder 
die Handfhrift unvolftändig und ob dieſe bie gleis 
che mit jener fei, aus welcher die von anderer Hand 


gemachten und aud in ein andered Eremplar einge . 


tragenen Übrigen Collationen herrühren, darüber fin: 
det fih in den Bänden nirgendd eine Auskunft ers 
theilt. So weit war die Kenntniß bed Coder vor: 
gefhritten, al8 mein Freund Hr. Prof. Baiter mir 
vor kurzem dad Blatt eined antiquarifhen Kataloged 
von Edwin Troß in Paris mittheilte, auf dem eine 
Handſchrift des Cicero aus dem XI. Sahrhundert 
ausgeboten fland, deren Inhalt e8 nicht bezweifeln 
ließ, daß «8 Beine andere fei als die faft feit einem 
halben Jahrhundert verfchmundene Zegernfeer. In 
einem fo eben erhaltenen Briefe meldet mir Baiter, 
daß er, nachdem die von ihm nad Paris gefchidten 
Notizen und Proben von Bärianten die Identität 
ber Handfhrift noch völlig conflatirt hätten, er den 





6) In dieſen Reden gehört der Coder zu jener Hands 
fcbeiftenfamilie, in welcher die 5. und 6. Rede 
dur) eine große Lüce in eine zufammen gezogen 
find; er iſt aber viel beſſer als A andere Hand: 
ſchriften derfelden Familie in unferem Apparate, fo 


daß diefe jetzt wahricheinlich ganz befeitigt werben 


koͤnnen. 


= 


164 


Coder in Parid babe kaufen laſſen und noch zur 
rechten Zeit einem Engländer, der Über den Ankauf 
der Handfchrift fchon in Unterhandlung fland, glüd: 
lih den Rang abgelaufen habe, °). 


6) Späterer Zufag. Der Eoder iſt jeht zu dem 
Preife, um den ihn mein Freund erftanden hat, 
von der 8. Hof: und Staatsbibliothek erworben 
worden und fo der werthvolle Schatz wieder in 
feine Heimath zurückgekehrt. Wie der Buchhänd⸗ 
Ice Troß verfichert, fo ijt er ans Ungarn nach Pa: 
reis mit einer Anzahl anderer Handfchriften gebom: 
men, welche die Urfpeungsorte Tegernfee, Otto⸗ 
beuern und KapuzinersKlofter in Wien in den we: 
nigen Zeichen, deren Austilgung man überfehen 
Hatte, nachweifen. Ehe der Coder feinen gegen: 
wärtigen Cinband, welches der alte Tegernjeer ift, 
erbielt, war er vollftändiger; erhalten haben fich 
160 Duartblättee in 20 Lagen, jede zu 8 Blät- 
ter; die lezte Lage har jedoch die Nummer XXI, 
indem die Lage XIV ausgefallen und daducch der 
Schluß der Ichten Philippifchen Nede und der 
größere Theil der or. de imperio Cn. Pompei 
verloren gegangen if. Daß der Eoder einft noch 
mehr als 21 Tagen enthielt, zeigt das lehte Blatt, 
das vollitändig ausgefchrieben iſt und mitten in 
einen Satze abbriht.e So fehr auch dieſer alte 
Verluſt zu bedauern iſt, fo enthält der Codex doch 
glücklicher Weife mehr, als man nach den bishe: 
rigen Notizen erivarten durfte Sein Inhalt it 
folgender: 

Pag. 2 — 57 Q. Aurelii Synımachi relationes — 
Symmachi epistolae X, 15— 63. Die Bricfe 
fteben in der Ordnung wie in’ den Ausgaben, mit 
Ausnahme von X, 54, der in dein Cod. der dritte 
Brief ift und auf X, 16 der Ausgaben folgt. Der 


leßte Brief bat die Subseriptio: QVINTI. AUR. 


SYMMACHI .VC. RELATIONES EXPLICITAE 
SYNT FELICITER. 


Pag. 57 — 208 Ciceronis orationes Philippicae 
XII, jedoch mit dem Anm. 5 zwifchen der V. 
und VI. Rede bezeichneten Defeet. Die KIV reicht 
wegen des oben angegebenen Ausfalles einer Lage 
bis zu den Worten: sed etiam a membris et uis- 
ceribus auertit 6.25 g. E. Seine der Reden bat 
weder eine Aufichrift noch eine Subscriptio. 

.Pag. 209 — 216 Ciceronis or. de imperio Cn. 
Pompei von den Worten uestris iudiciis amplifi- 
catam $. 46 9. E. bis zum Schluß. Die Sub- 


165 


Doc um zur or. pro Caecina zurüdzufehren, 
fo iff ber hohe und felbftändige Werth des codex 
Tegernseensis, den ber legte Herausgeber der Rede, 
&ordan in feiner Commentatio de cod. Tegerns. 
or. p. Caec. (Lips. 1848 8.) allzu wenig gewür: 
digt hat, erft durch bie vortrefflihe Bearbeitung ber 
Rede durch meinen Freund Baiter in fein wahres 
Licht getreten. Die wichtigfien Verbeſſerungen, wel: 
he die Rebe zum größten Theil durch bie gefchidte 
Benützung des cod. Teg. gewonnen hat, find fol: 
gende: $. 15 cum ei praesertim pecunia ... de- 
beretur. $. 27 et se suos servos adduxisse — 
cui cognomen est Phormio — $. 30 quid causae 
opstaret (aus quid causae optaret) — $. 55 qui 
modo latine sciant — $. 61 si quod erit armo- 
rum iudicium — $. 65 ad istam orationem de- 
currunt — $. 66 fateor haec interdictum prae- 
toris vindicavisse nah Mommſen's Vermuthung. — 
$. 74 bona nobis relicta sunt und fieri non po- 
test. $. 75 fugatumque esse constat. $. 84 Sin 
hunc locum fugis etc., eine eben fo evidente Ver⸗ 
befferung aus ben ficheren Spuren des Teg. ald 
6. 87 unde Telesinus? ab urbe. — $. 86 quod 


seriptio fautet: FINIT. M. T. CICERONIS DE 
IMPERIO . GN . POMPEII . DEFENSIO AVC- 
TORALIS. 


Pag. 216-242 or. pro Milone mit leerem Raum 
für die Auffchrift. Die Subscriptio lautet: FINIT 
DEFENSIO. M. TVLL CICERONIS PRO MI- 
LONE. 


Pag. 212 — 266 or. p. P. Sulla ohne Auffchrift, , 


für welche leerer Raum gelaffen Ift und ohne Sub- 

scriptio. Ohne größeren Abfah folgt Pag. 266 

— 293 die or. pro Plancio mit leerem Raum für 
. die Subseriptio und den Titel der nächften Rebe, 


Pag. 293 — 317 pro aulo caecina,, ıvie am 
Rande von der Hand des Schreiberd bemerkt fteht. 
Die Subscriptio lautet: DEFENSIO .M. TVLL 
CICERONIS PRO .A. CECINA EXPLICIT. 


Pag. 318 — 320 pro marco marcello, wie wie: 
der am Rande der Schreiber des Codex bemerkt 
bat. Auf den drei noch erhaltenen Seiten reicht 
die Rede bis qui uero uictor pacis auctores dili- 


git $. 15, womit die Lage XXI fchließt, 


—: | 166 


ego iam antea dixi — $. 87 Id adgo sic consi- 
derate und am Ende bed $. et ex quo et a quo — 
$. 95 adscripsisse eundem Sullam in eadem lege 
— 8.96 quaero de te — perspicis hoc nihil esse . 
et fateris: qua in re primum illud concedis — 
$. 97 C. Cottam — $. 98 quam multam si suf- 
ferre voluissent, manere in civitate potuissent. — 
civis Romanus deditur — $. 103 (in den Noten) 
ut id non minus in hac causa laborarit, ne ini- 
que contendere aliquid quam ne dissolute relin- 
quere videretur,, eine ſchlagende Verbeſſerung Momm⸗ 
fen’s. 7) 


7) Die Nachträge die fich durch die neue Collation des 
cod. Teg. ergeben haben (im Ganzen Tann die 
frühere Collation als eine genaue gelten), werden 
am Schlujfe des zweiten Bandes erfcheinen; doch 
Bönnen wir uns nicht enthalten, fchon jept in der 
verderbteiten Stelle der Rede $. 76 die Lesart des 
Eod. mitzutheilen. Hier fand fih am fchmalen 
Rande des Harleß'ſchen Exemplares gar Beine Das 
riante angegeben, aber auch ein fichere Zeichen 
von einer Lücke des Coder; die ungemcinen Ab⸗ 
weichungen waren vielleiht auf einen befondern 
DBlättchen bemerkt, das verloren gegangen iſt. Um 
den großen Vorzug, den an diefer Stelle der eod. 
Teg. vor dem cod. Erfurtensis bat, anfchaulich 
zu machen, ftellen wir die Darianten beider Hand: 
fchriften nebeneinander: 


cod. Erf. 

tu res si equos uestes si 
uim non in cede solum sed 
etiam in animo libidinis nisi 
cruor appareat ulm non esse 
factam iniuris delictum esse 
qui prohibitus sit libidinis 
nisi ex eo loco ubi uesti- 
gium impresserit deici ne- 
minem posse iuris retinet 
sententiam et aequitatem 
plurimum ualere oportere 
libidinis uerbo ac littera ius 
omne torgqueri uos statuite 
recuperatores et uiliores es- 
se uideantur. 


cod. Teg. 

tu res si ec uosx est esse 
uim non in cedes solum sed 
etiam in ami libidinis nisi 
cruor appareat. ulm non 
esse factam . iniuris . deieo- 
tum esse qui prohibitus sit 
libidinis nisi ex eo loco ubi 
uestigium inpresserit deici 
neminem posse . juris rem 
et sententiam et aequitatem 
pkırıimum ualere öportere . 
libidinis uerbo ae littera ius 
omne intorqueri . uos sta 
tuite recuperatores ut re 
uoces uobis honestiores et 
uiliores esse uideautur. 


108° 


Die Rebe de imperio En. Pompei ge: 
hörte bereitö früher zu den correcteften durch Die 
gute Necenfion, welche in der deutfchen Handſchrif⸗ 
tenfamilie erhalten if. In unferer Ausgabe ift ber 
kritiſche Apparat vermehrt durch die neue Collation 


des cod. Palat. 1525, welcher bderfelben Familie 


angehört, und des eben genannten Tegernseensis, 


deſſen Ftagment der Rede einige gute Abweichungen 


von: dem cod. Erf. enthält. 


Die folgende Rede pro Cluentio gehört zu 
den wenigen, zu denen man bereitd in der Aus: 
gabe von Claffen einen audreihenden Apparat be: 
faß. Diefer wurde in der neuen Ausgabe nicht 
vermehrt, man wird aber doch in berfelben einen 
beachtenswerthen Fortſchritt finden, indem 1) die 
Haupthandfchrift diefer Rede, ber hiefige cod. Sa- 
lisburgensis aulicus, neu verglihen wurde, wobei 
ſich mehr Berichtigungen und Rachträge ergaben ald 
zu erwarten fland; 2) zum erflenmale bie zahlrei- 
hen Gitate der Grammatifer und Rhetoren, wie 
wir hoffen, mit ziemlicher Vollſtändigkeit geſammelt, 
die feit Claſſen bekannt gewordenen Verbeflerungen 
der Rede, befonderd von Madvig, und einige gute 
Bemerkungen in den Curae secundae von Gara⸗ 
toni benügt wurden. 


Zu den drei agrarifhen Reden wurde außer 
den cod. Erf. eine früher nicht befannte Handfchrift 


" Das Ergebniß diefer Varianten ift: 1) wird die 
meifterhafte Unordnung und Herftellung bes locus 
conelamatus von Madpig (zu Cic. de Finibus 
b. et m. pag. XLIX) durchaus beftätigt; 2) die 
fhöne Nachbeiferung von Spengel (im Philolo- 
gus Il, 206) rem ei sententiam: liegt buchitäblich 
vor; 3) der Evder füllt die am Schluſſe fdyon 
vermutbete Lücke aus. Künftig. wird die Gtelle 
in den Ausgaben lauten: Juris si haeo uox est, 
esse uim: non in caede solum sed etiam in ani- 
mo; libidinis, nisi eruor appareat, uim Don esse 
factam; si iuris, deiectum esse qui prohibitus 
sit‘, libidinis, nisi ex eo loco, ubi uestigium in- 
pressorit, deiei neminem posse; si juris, rem et 
- genfentiem et aequitatem pluriaum ualere opor- 
tere, libidinis, uerbo ac littera ius omme intor- 
dueri: ude statuite, recuperatores, utFäe uoces 
uobis honestiores et utiliores esse uideantur. 


168; 


der beutfehen Kamilie, ein Erlanger Coder, verglichen, 
ferner Barianım von 2 Handſchriften berfelben Fa⸗ 
milie, die Pithoons und Torrentius ercerpirt haben 
Dur die Handſchrift des Torrentius ift eine ſtarke 
Snterpolation or I, $: 7 pag. 611, 3 fiber bes 
feitigt worden. Da die Niebuhr’fchen Auszüge aus 
den Lagomarfinifchen Edllationen ſich neben dieſen 
befferen Quellen ald ziemlih nutzlos erwiefen, fo 
ſchien es nicht nöthig eine Handfchrift der italienis 
ſchen Zamilie volftändig zu vergleichen. Doc fol 
in den Nachträgen zu dem: Bande der Reben meine: 
Collation des cod. Salisb., der an mehreren GStels 
len Verbeſſerungen giebt, die man erft in jüngfler 
Zeit gemadht hat (wie 3. B. or. Il, $. 95 nata 
est arrogantia), veröffentlicht werden. Ich hätte 
den Coder während ber Correctur der Drudbogen 
verglichen, wäre nicht: Die Rebe gerade in einer Zeit 
gedrudt worden, zu der ich auf einer erienreife 
begriffen war. 


Ganz ausreichend erfcheint der neue Apparat 
zur Rede pro C. Rabirie perduellioms. reo, zu 
welcher Niebuhr die Lagomarfinifhen Colationen 
volftändig abgefchrieben hat, woburd es möglich 
wurde, die Varianten von 14 Handſchriften mitzu: 
theilen, deren gegenfeitige Abweichungen jedoch, ba 
alle aus der Poggianifchen Abſchrift ſtammen, nicht 
bedeutend find. Allein es konnten doch, fo klein 
der erhaltene Theil der Rebe ift, an 14 Stellen 
Lesarten der erften DOrellifchen Ausgabe befeitigt wer⸗ 
den, die zum. größten: Theile aller handſchriftlichen 
Begründung ermangelten. 


(Schluß folgt.) 





Bulletin der la „iravemie d. W. 
1854 N — — 


Gelehrte. 


München. 
Nro. 21. 








beranegegeben von Mitgliedern 
der k. bayer, Akademie der Wiffenfhaften. 





Anzeigen. 


17. Februar. 


1854, 








Königl. Akademie der Wiflenfchaften. 


Bericht über die neue Ausgabe der Ciceronifchen 
Keden von Baiter und Halm. 





(Schluß.) 

Diefe Stellen find $. 2 das vierfache cum 
mit folgendem tum vero, $. 5 salus (fl. et salus), 
$. 7 aut de tabulario, $. 8 concurrerint, $. 9 
ab Lahieno, $. 10 hoc qund ille, $. 13 crudelitate 
inaudita, $. 21 perditus morbo, $. 23 de se esse, 
$. 26 periculum capitis, $. 31 ex his omnibus 
und omnes hi; $. 4 las man biöher nihil aliud 
— quam ut; aber quam iſt nur falfye Ergänzung, 
da quam in ben Handſchr. fehlt und vielmehr nisi 
vor ut ausgefallen if. 9) 6. 28 fehlt in den 


8) Die Verbindung nihil aliud quam iſt fchwerlich 
Ciceronifh. Hand, dem diefe Stelle entgangen 
ift, führe im Tursellinus IV, 244 zwei. Stellen 
aus Cicero .an, de imp. Cn. Pomp. $. 64, wo 
jest aus den 3 beiten Handfchr. (dem Erf. Te- 
gerns. u. Pal. 1525) nihil aliud nisi hergeſtellt 
it, und de Legibus I, $. 25, wo Bake die Vul⸗ 
gata nihil aliud quam in se perfecta nach ben 
Spuren der beften Quellen ‚(nihil aliud in se 
perf.) richtig in nihil aliud nisi perfecta verbeffert 
bat. Damit fallen die ertedumten feinen Unters 
fchiede der beiden Phrafen in ihe nicht zufammen. 
Vgl. auch Cie. Tuscul. I, $. 57 ut discere nihil 
aliud sit nisi recordari, wo geringere Handichr. 
auch wieder quam haben. 


| — — s — 


Handſchr. es nach ignarus; es war, wie bie rheto⸗ 
riſche Wortſtellung verlangt, nach hospes einzuſetzen. 
Eine ſchöne Verbeſſerung bot der codex Torrentii 
9§. 10, wo er ſtatt des zweiten utinam vortrefflich 
ut bat; aber noch treffender ift $. 20 die Berbefles 
rung Mommfens, der in ben Spuren ber beften 
Ucberlieferung ex ede sui ancus fehr f&harffinnig 
die richtige Ledart ex aede Sancus erfannt hat, 
während die Herauögeber zwifchen ex aedifieiis und 
ex aedibus sacris ſchwankten. 

Die meifte Arbeit haben die Catilinarifchen 
Reden verurfacht, da zu bdenfelben ein überaus reis 
cher Apparat zu Gebote fand ; e8 wurde außer ben 
früher nicht bekannten GCollationen von Lagomarfini, 
der 25 Handfchriften, worunter mehrere vorzügliche 
benügt bat, noch 12 andere neu verglichen, jedoch 
für die Ausgabe die vollftändige Mittheilung de 
Apparates auf 19 Handfcriften beſchränkt. Für 
die Verbeflerung diefer Reden ift in der legten Beit 
vieles gefchehen, zumal nahdem Steinmeg zuerſt 
ben biefigen cod. Tegernseensis und Salisburgen- 
sis S. Petri benügt, aber nad feiner verkehrten 
Manier aus bdenfelben nur eine selecta varietas 
befannt gemacht hatte; hingegen bat man anderfeits 
auch wieder ftarfe Rüdfchritte gemacht, indem man 
fi durch die glänzende Werbeflerung, welde der. 
cod. Teg. 1I, $. 27 durch die Lesart conivere 
possum (fl. consulere sibi possunt) lieferte, blen⸗ 
den ließ und biefer fehr ſtark interpolirten Hand⸗ 
fhrift ein zu großes Gewicht für die Recenfion des 
Terted eingeräumt bat. Kon diefem Jirthum hat 
ſich Madvig allein frei gehalten, der in feinen 
Opuscula academiea II, 334 richtig den Sag bins 

AÄXXVIL 21 





100 


Die Rebe de imperio Cn. Pompei ges 
hörte bereitd früher zu- den correcteften durch Die 
gute Mecenfion, welche in der deutfhen Handſchrtif⸗ 
ſenfamilie erhalten iſt. In unferer Ausgabe ift der 
kritiſche Apparat vermehrt durch die. neue Collation 
des cod. Palat. 1525, welcher derſelben Familie 
angehört, und des eben genannten Tegernseensis, 
deſſen Fragment der Rede einige gute Abweihungen 
von: dem cod. ‚Erf. enthält. | 


Die folgende Rede pro Cluentio gehört zu 
den wenigen, zu denen man bereitd in ber Aus: 
gabe von Elaffen einen ausreichenden Apparat be: 
faß. Diefer wurde in ber neuen Ausgabe nicht 
vermehrt, man wird aber doch in berfelben einen 
beachtenswerthen Fortſchritt finden, indem 1) die 
Haupthandfchrift dieſer Rede, der hiefige cod. Sa- 
lisbargensis aulicus, neu verglichen wurde, wobei 
fi mehr Berichtigungen und Nachträge ergaben als 
zu erwarten fland; 2) zum erftenmale die zahlrei⸗ 
hen Citate der Grammatifer und Khetoren, wie 
wir hoffen, mit ziemlicher Vollſtändigkeit gefammielt, 
die. feit Claſſen bekannt gewordenen Verbeſſerungen 
der Rebe, befonderd von Madvig, und einige gute 
Bemerkungen in den Curae' secundae von ara: 
toni benügt wurden. | 


Zu den drei agrarifchen Reben wurbe außer 
dem cod. Erf. eine früher nicht bekannte Handfchrift 


Das Ergebniß diefer Varianten ift: 4) wird die 
meifterhafte Anordnung und Derftellung des locus 
conelamatus von Madvig (zu Cic. de Finibus 
b. et m. pag. XLIX) durchaus beftätigt; 2) die 
ſchöne Nachbeilerung von Spengel (im Philolo- 
gus Il, 296) rem et sententiam- liegt buchftäblich 
vor; 3) der Evder füllt die am Schluſſe ſchon 
vermuthete Lücke aus. Künftig wird die Stelle 
in den Ausgaben lauten: Juris si haeo uox est, 
esse uim: non in caede solum sed etiam in ani- 
mo, libidinis, nisi eruor appareat, uim non es80 
factam; si iuris, deiectum esse qui prohibitus 
sit, libidinis, nisi' ex eo loco, ubi uestigium in- 
pressorit, deici Deminem posse; Si iuris, rem et 
- gententiem et aequitatera pluriaum ualere opor- 
tere, libidmis, werke ac fittera ius omne intor- 
4uert: uUdg atatuite, recuperatores, utrae uoces 
uobis honestiores et utiliores esse uideantur. 


168+ 


der beutfehen Familie, ein Erlanger Cobez,. verglichen, 
fernee Barianım von 2 Handſchriften derfelben Fa⸗ 
mitie, die Pitkoeus und Torrentius- excerpirt haben, 
Dur bie Handſchrift des Torrentius iſt eine ſtarke 
Interpolation or. II, 8: 7 pag. 611, 3 ſicher bes 
feitigt worden. Da die Niebuhr’fchen Auszüge aus 
den Lagomarfinifhen Collationen fich neben dieſen 


befferen Quellen als ziemlich nutzlos erwiefen, ſo 


fchien es nicht nöthig eine Handſchrift der italienis 
{dem Familie vollſtändig zu vergleichen. Doc fol: 
in den Nachträgen zu dem Bande ber Reben meine 
Gollution des cod. Salisb., der an mehreren Stel⸗ 
len Verbefferungen giebt, die man erſt in. jüngfler 
Zeit gemacht hat (wie 3. B. or. U, $. 95 nata 
est arrogantia), veröffentlicht werben. Ich hätte 
den Codes während ber Gorrectur ber Drudbogen 
verglichen, wäre nicht. die Rebe gerade in einer Zeit 
gedrudt worden, zu ber ich auf einer Zerienreife 
begriffen wat. 


Ganz ausreichend erfcheint der neue Apparat 
zur Rebe. pro C. Rabirio perduellions reo, zu 
welcher Niebuhr die Lagomarfinifhen Collationen 
volftändig abgefchrieben hat, woburd es möglich 
wurbe, die Varianten von 14 Händfchriften mitzu⸗ 
theilen, deren gegenfeitige Abweichungen jedoch, da 
alle aus der Poggianifchen Abfchrift ſtammen, nicht 
bedeutend find. Allein es konnten doch, fo Mein 
der erhaltene Theil der Rebe ift, an 14- Stellen 
Lesarten ber erften Orellifchen Ausgabe befeitigt wer⸗ 
den, die zum größten. Theile aller handſchriftlichen 
Begründung ermangelten. . 


(Schluß folgt.) 


— r —— 75 
Suuetin d der kõnigl. Akademie d. ie d. W. 


Gelehrte 
München. | 


Nro. 21. 


beransgegeben von Mitgliedern 
der £ bayer, Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen 


17. Februar. 


1854, 








Königl. Akademie der Wiflenfchaften. 


Bericht über die neue Ausgabe der Ciceronifchen 
Keden von Baiter und Halm. 





(Schluß.) 

Dieſe Stellen find X. 2 das vierfache cum 
mit folgendem tum vero, $. 5 salus (ft. et salus), 
$. 7 aut de tabulario, $. 8 concurrerint, $. 9 
ab Labieno, $. 10 hoc qund ille, $. 13 crudelitate 
inaudita, $. 21 perditus morbo, $. 23 de se esse, 
$. 26 periculum eapitis, $. 31 ex his omnibus 
unb omnes hi; 9. 4 las man bisher nihil aliud 
— quam ut; aber quam iſt nur falſche Ergänzung, 
da quam in den Handfchr. fehlt und vielmehr nisi 
vor ur audgefallen ifl. 9) 6. 28 fehlt in den 





8) Die Verbindung nibil aliud quam iſt ſchwerlich 
Ciceronifh. Hand, dem dicfe Stelle entgangen 
ift, führt im Tursellinus IV, 244 zwei. Stellen 
aus Cicero .an, de imp. Cn. Pomp. $. 64, wo 
jest aus den 3 beiten Handfchr. (dem Erf. Te- 
gerns. u. Pal. 1525) nihil aliud nisi hergeſtellt 
ift, und de Legibus I, $. 25, wo Bake die Vul⸗ 
gata nihil aliud quam in se perfecta nach den 
Spuren der beſten Quellen (nihil aliud in_se 
perf.) richtig in nihil aliud nisi perfecta verbeilert 
bat. Damit fallen die ertedumten feinen Unter: 
fchiede der beiden Phrafen in ihre nichts zufammen. 
Vgl. auch Cie. Tuscul. I, $. 57 ut discere nihil 
aliud sit nisi recordari, wo geringere Handſchr. 
auch wicder quam haben. 


— nn 


Handſchr. es nad, ignarus; es war, wie die rheto⸗ 
rifhe Wortftellung verlangt, nad) hospes einzufegen. 
Eine fhöne Verbeſſerung bot ber codex Torrentii 
$. 10, wo er flatt ded zweiten utinam vortrefflich 
ut bat; aber noch treffender iſt $. 20 die Verbeſſe⸗ 
rung Mommſens, der in ben Spuren ber beften 
Veberlieferung ex ede sui ancus fehr f&arffinnig 
die richtige Ledart ex aede Sancus erfannt hat, 
während die Heraudgeber zwifchen ex aedifieiis und 
ex aedibus sacris ſchwankten. 

Die meifte Arbeit haben die Catilinarifchen 
Reden verurfacht, da zu benfelben ein überaus reis 
her Apparat zu Gebote fand ; ed wurde außer den 
früher nicht bekannten Collationen von Lagomarfini, 
der 25 Handfchriften, worunter mehrere vorzügliche 
benügt bat, no 12 andere neu verglihen, jedoch 
für die Ausgabe die volftändige Mittheilung des 
Apparates auf 19 Handſchriften befchräntt. Zür 
die Verbeflerung diefer Reben ift in ber legten Zeit 
vieled gefchehen, zumal nahdem Steinmeg zuerſt 
den hiefigen cod. Tegernseensis und Salisburgen- 
sis S. Petri benüßt, aber nad) feiner verkehrten 
Manier aus denfelben nur eine selecta varietas 
befannt gemacht hatte; hingegen hat man anberfeitd 
auch wieder flarfe Rüdfchritte gemacht, indem, man 
fih durch die glänzende Verbeſſerung, welche ber. 
cod. Teg. I, $. 27 durch die Lesart conivere 
possum (fl. consulere sibi possunt) lieferte, blen⸗ 
den ließ und diefer fehr ſtark interpolirten Hands 
fchrift ein zu großes Gewicht für die Recenfion des 
Textes eingeräumt bat. Won diefem Jierthum hat 
ſich Madvig allein frei gehalten, der in feinen 
Opuscnla academica II, 334 richtig den Sag hin⸗ 

XXXVII. 21 


171 


fielte: Omninogue intelligetur, principatum in his 
orationibus potius ad Salisburgensem et Colonien- 


sem videri deferendum esse quam ad Tegern- - 


seensem. Non keinet Handfchrift dieſer Familie, 
welche an nicht wenigen entſcheidenden Stellen allein 
die richtige Lesart erhalten hat, hatte man bis jc&t 
eine volljtändige Collation,, fondern nur Auszüge 


aus dem jet verlorenen cod. Coloniensis, dem 


oben erwähnten Salzburger, fodann aus einem cod. 
C. Stephani und den Handſchriften Lambins, ber 
noch die meiflen Letarten diefer reinften Quelle mit: 
getbeilt hat (fie fliehen befonderd am Rande der ſpẽ⸗ 
teren Audgaben z. B. von 1581 u. 1584); der 
neue Apparat bringt zum erfienmal bie vellftändige 
Collation von 7 Handfchriften diefer Familie, von 
3 Mündnern und 4 Lagomarfinifhen (Nıo. 10. 
50. 57 u. 62), unter denen der cod. Mediceus 
Plut. 45, 2 (= tag. Nro. 62) an nicht wenigen 
Stellen noch befler als die Übrigen erfcheint, fo daß 
eine ganz verläffige Collation dieſer fo wichtigen 
Handſchrift noch ein dringendes Bebürfniß if, um 
mit der Recenfion diefer Reden zu einem gewiſſen 
Abſchluß zu gelangen. Daß ſchon jest ein bedeus 
tender Fortfchritt gefchehen ift, werden billige Be: 
urtheiler, wenn fie den neuen Text mit tem ber 
naͤchſten Vorgänger vergleichen, nicht in Abrede 
ſtellen. | 

Auch für bie letzte Rede, welhe der Band 
enthält, die pro Murena, ift der neue Apparat ziem: 
lich reihhaltig. Er beſteht aus 2 Münchner Hand: 
foorifien, dem cod. Salisburg. aulicus und Electo- 
ralis unb dem cod. Helmstadtiensis in Wolfenbüt: 
tel, und aus Auszügen aus den Lagomarfinifcen 
Collationen, in welchen wenigftens über die ſchlimm⸗ 
fen Stellen der ziemlich verberbten Rede Aufihluß 
ertheilt wird. Ein glüdliher Zufall fügte, daß von 
meinen drei Handfchriften ber Salisb. bem cnd. La- 
gom. 9, den Niebuhr (. Kleine hiſtor. und philol. 
Schriſten I, 220) unter den Lagomarſiniſchen für 
befonders bemerkenswerth hält, am nächſten ſteht, 
während der Helmst. offenbar der gleichen Quelle, 
wie der von Lambin benügte cod. St. Victoris, ans 
gebört. Dem Helmftädter Coder wurde, da er uns 
ter den vollftändig bifannten als derjenige erfcheint, 
ber von der ifattenifchen Interpolation noch am meis 


198 


ften frei geblieben ift und troß feiner vielen Fehler 
und Rachläffigfeiten am nicht wenigen Gtellen. eine 
reinere. Ueberlieferung al& andere Handfchriften auf: 
weist 9), in der Recenfion des Xertes das meifle 
Gewicht beigelegt und auf feine Autorität allein 
mehrere neue Lesarten aufgenommen. Die wichtige 
ften Aenderungen aus Handfchriften find: $. 1 mihi 
fidei magistratuique meo — $. 6 ex urbe ex- 
pulisse — $. 8 quod ab eo — $. 9 nostros 
etiam (ohne rivulos) — $. 11 aut hostes — ß. 
12 etiam Vor solum geſtrichen — $. 13 circum- 
spicere — $. 20 loquor — $. 21 cum his qui 
in foro habitarint — $. 25 und $. 26 promul- 
gata fl. pervulgata — $. 30 Sulpiei und 6. 32 
regem in Klammern — $. 34 vita tanti existi- 
mata est — $. 41 militaris suffragatio urbanae 
— c. 20, $. 41 Huius sors — $. 47 haeo vor 
quis tulit geftrichen — $. 51 si ita de se meri- 
tum esset — $. 58 quanta in imperio — $. 60 
patitur — $. 61 in imperita multitudine — prae- 
cepta huius modi — $. 67 locus tributus — $. 
70 bonis viris et beneficis — $. 71 praeter 
eorum suffragum — $ 72 hae conquestiones 
(flatt des finniofen quaestiones) — 8. 83 sum- 
mum furorem 19), Es ift zu wünfchen, daß auch 
die theild in den Text aufgenommenen theild in 
den Anmerkungen vorgefchlagenen Eonjecturen, wor⸗ 
unter vwoieder mehrere fehr glüdliche von Mommfen 
find, wenigſtens zum Theil ald eben fo treffende 
Verbeſſerungen des Textes erfcheinen mögen. 


Aus dicſer Ueberficht über unfere Leiftungen in 
dem erften vorliegenden Bande wird, welches Urtheil 


9) Vgl. die Varianten zu p. 717, 1; 726, 23; 735, 

30; 742% 6; 744, 27; 745: 1; 749, 25; Die 

alte Schreibart poenierim und poeniui p. 742% 

26. So war vicdeicht auch p. 721, 28 ut in 

’ eius vita aufzunehmen, und p. 736, 25 der alte 

Ausdruck die posteri (vgl. Gellii Noctes att. X, 
24) zu beachten, 

Ueberfehen wurde das Citat des Scholiaften zum 

Lucanus VI, 144: merebat] militabat, ut ait Ci- 

cero: meruisses (ff. meruisse) vero in eo bello 

quod tum pop. Rom., i. e. militasses, wodurch 

stipendia $. 12 p. 721, 7 als Gloſſe verdächtigt 


10) 


wird. 


auch immer über Wie. Benligung ber neuen Quellen 


für die Verbeſſer ung des Wertes erfolgen wird, bed) 
fiherlich dab anerkannt werben, daß ein viel verläfs 
fidered Sumbament für das Studium der Giceronis 
hen Reden und ihre Ausbeutung für grammatifche 
Zwede nunmehr gegeben ift, als man bis jebt ges 
habt bat. Man würde jedoch inen, wenn man ben 
Barth unferes Tritifchen Apparate für die Reden 
nad dem erfien Bande abichägen wollte. Für bie 
Verbeflerung dieſer erften Hälfte der Reden Tagen 
nur einige Hanbfchriften von fehr hohem Werthe 
Werthe vor: die neue Gollation bed Palimpfefts 
der Berrinen, der cod. Paris. 7774, A zur 
or. IV et V in Verrem, ber Tegernseensis zur 
or, pro Caecina und mehrere Dandfchriften ber 
Satilinarifchen Reden. - Hingegen befigen wir für 
den zweiten Band zu weit mehreren Reden Hands 
fhriften vom erften Range, nämlich ben cod. Pa- 
risinus Nro. 7794 zu 10 Reden 1!) und zu ben 
nämlichen ben cod. Bruxellensis Nr. 5345, ben Te- 
gerns. zu ben Reben pro Sulla, p. Plancio und 
pro Milone, den cod. Palatinus 1525 (= Pal. 
nonus Gruteri) zur or. pro Sulla, einen vorzüglis 
den Goder Oehlerianus zur or. pro Deiotaro, end: 
lich zu den philippifchen Heden den cad. Tegerns. 
und eine neue Collation des Hauptcoder, des Vati- 
eanus, bie alle früheren an Genauigkeit weit über: 
tiffe 12), 





11) Dot. Über diefen meinen Auffab “Interpolationen 
in Eiceronifhen Reden aus dem codex Parisinus 


Nro. 7794 nachgewieſen tm Rheinifchen Mufeum 


für Philologie N. F. Bd. IX, ©. 321 fi. 

Diefer Eoder ift bekanntlich bereits von drei be: 
deutenden älteren Gelehrten, Faernus, Mures 
tus und Garatoni benügt worden. Allein man 
war bis jetzt an vielen Stellen über die wirkliche 
Lesart des Cod. in Zweifel, zumal nachdem Ga: 
ratoni au nicht wenigen Stellen, mo Faernus oder 
Muret die Lesart des Eoder wiedergaben, ohne 
irgend eine Bemerkung die Vulgata beibehalten 
Bat. Durch die neue Collation, die ich meinen 
Sreunden Dr. Burfian und Dr. Otto Ribbeck 
verdanke, ift nicht bloß in diefen zweifelhaften Stel: 
len die wahre Tesart des ungemein werthoollen 
Eoder conftatirt worden, fondern es ward auch 
eine hübſche Anzahl neuer Lesarten zu Tage ges 


12 


— 





174 
Richt minder reichhaltig iſt umfer Apparat für 





fdrdert, die zur Verbefferung diefer Neben vortreff⸗ 
lichen Vorſchub leiſten. Um eine Probe zu geben, 
fepen wir aus der Bleinen erſten Nede die theils 
eonitatirten unficheren Lesarten, theild ganz neuen 
bei: Phil. I, $. 2 a. ©. ftehen die Worte com- 
mentaris reperiebatur summa, über welche auch 
die übrigen Handfchr. fehr abweichen, in den Cod. 
auf Raſur. — $. 5 afuisset — minitarentur (fl. 
minarentur) — et inefarios viell. aus et in nefarios 
— $. 6 fehlt et vor in contionibus — (. 8 ex is, 
woraus ex iis zu verbeſſern iſt, wie der cod. Teg. 
hat, dann feplt M. vor Antonii — $. 9 devectus] 
seduectus corr. in sedeuectus — non posset iſt 
von zweiter Hand ergänzt. — F. 10 id enim] inde 
enim — nec enim, wie auch or. II, $. 4. — |. 
13 in re publica inducerentur — adversus rem 
publicam (fo ausgefchrieben) — $. 15 et ago et 
habeo Pisoni — F. 16 uellem adessem antonius 
von erfter Hand, woraus vellem adesset M. An- 
tonius zu verbeilcen if. — $. 17 sed is tempo- - 
ribus — $. 18 fehlt vor Pompei das Pränomen 


Cn., ganz richtig, weil e8 auch vorher heißt: 


quaere acta Gracchi und quaere Sullae, und fos 
dann: de Caesare ipso si quaereres etc. — $. 
19 videnturne vobis posse Caesaris acta servari 
— 6.20 at quae ista tertia decuria ohne est — 
$. 21 hat der Cod. von erfler Hand: ut et de 
vi et maiestates damnati, wornach zu fchreiben 
it: us et de vi et maiestatis damnati, vgl. 8. 
23: ei qui de vi, item qui maiestatis danınatus 
sit (auch bier hat der cod. Vat. maiestates). Nach 
diefen zwei Stellen erfcyeint auch $. 22 die Vul⸗ 
gata unficher: quaestionibus de vi et de maiestate 
sublatis; denn da der Vat. das ziveite de ausläßt, 
fo bat es alle Wahrfcheinlichkeit, daß auch bier 
de vi et maiestatis herzuftellen it — F. 22 quid 
est aliud hortari — $. 25 ac de his tamen le- 
gibus, ganz richtig flatt der Vulg. de iis — tri- 
bunis plebi — antiqua ac stulta — $. 27 quip- 
piam — habere eundem iratum — $. 29 utrius- 


. que vestrum errorem reticere — daß finnlofe ea 


vor est autem gloria ijt, wie fchon Faernus be⸗ 
merft Hat, Zufag von fpäterer Hand — $. 30 in 
his rebus — offensis signilicarent beneficio, viell. 
aus oflensi se significarent benef. — $. 31 po- 
tuisti aequo anime — %. 33 bat der Cod. num 


“te, cum haee pro salute rei publ. tanta gessis- 


ses, fortunae tuae, mum amplitudinis, num cla- 
ritatis penituit, ohne mum gloriae nach claritatis, 
was ganz ficher eine Gloſſe von num claritatis 


N) 


175 


die philoſophiſchen Echriften 23) und Tann für biefe 
faft als volftändig erfcheinen, da er die älteflen der 
befannten Handfcriften did auf wenige Stüde in 
neuen Collationen umfaßt; man darf aber von der 
Bearbeitung bdiefer Schriften bei weitem nicht fo 
bedeutende neue Reſultate erwarten, weil bei der 
Mehrzahl deifelben, wie in den Academica, ben 
Büchern de natura deorum, de divinatione, de 
fato, de legibus > im Timaeus alle erhaltenen 
Hantfchriften auf einen einzigen ſchon ziemlich vers 
derbten unb lüdenhaften Urcoder zurüdmweifen, fo 
daß auch die älteſten Handſchriften nur felten in 
ben fchadhafteften Stellen eine ſichere Außbilfe dar: 
bieten. Doch wird ed immer manigfahen Gewinn 
bringen, von der älteften Ueberliefirung genaue und 
fihere Kunde zu erhalten. 


2) In derfelben Sigung wurde die Angelegenheit des 
auswärtigen Mitgliedes Hrn. Profeſſors Spier 
gel wegen weiterer Unterflügung der Heraus: 
gabe des Zendavesta gutachtlich befihieden und 
der Allerhöchften Stelle dringend empfohlen. 


Außer den ſchon früher dafür entwidelten Grün: 
den wurde noch angeführt, daß der erſte Band Dies 
fe8 Werkes in der gelehrten Welt den verdienten 
Beifall gefunden hat, zugleich aber auh ein Ri⸗ 


ift, indem dicfes Glied nach dem Fräftigen num 
amplitudinis,. num claritatis überaus nmiatt nach⸗ 
hinkt, ohne eine neue Gedankenſchattierung einzus 
bringen. — $. 33 invidiosum et detestabile — 
6. 34 illi ipsi — utinam m. antoni — $. 35 
quisquam esse etc. 


Seit Erfcheinung meines Programmes über die 
Ciceroniſchen Handſchriften Haben wie noch für die 
phllofoppifchen Schriften erworben eine volljtändige 
ollation de8 Vindobonensis (cod. Lat. Nro. 189), 
des cod. Leidensis Vossianus Nro. 84 und 86, 
des Leidensis Nro. 118, und eines Wärzhurger 
Coder der Oflicia aus dem X. Jahrh, 


13) 


* 


176 


val in ber Perfon bed Profeflors Weſtergead in 
Kopenhagen aufgetreten if, fo daß, wenn un: 
ferm Mitgliede die weitere Bearbeitung der Zenda- 
vesta nicht ermöglicht werde, ber Ruhm ber erfien 
Ausgabe diefes wichtigen Religionswerkes von Deutſch⸗ 
land auf Dänemark übergehen würde. 

- Der deßhalb an Seine Maieftät geſtellte 
Antrag wurde durch koͤnigliches Refcript vom 20 
Januar I. 3. nad dem Gutachten ber Claſſe bes 
ſchieden. 


Verzeichniß 
der in den Sitzungen ber drei Claſſen ber k. Aka⸗ 
demie der Wiſſenſchaften vorgelegten Einſendungen 
an Druckſchriften. 


Sanuas 1854. 





(Zortfegung.) 
Bon dem Derein für Hejlifche Geſchichte und Landes⸗ 
Cultur in Kaifel: 


Zeitſchrift. Bd. VI. Heft 2. Kajfel 1853. 8 


Don dem Heren 3. W. Schmig in Köln: 
Das Geheimniß der Farben. Köln 1853. 8. 


Don dem Instituto historico e geographico do Brazil 
in Rio de Janeiro: 


_Revista trimensal. Tom. XV. No. 5 — 8. Rio de Ja- 


neiro 1852. 8. 

Don den Hrn. Ad. Köllner in Wiesbaden: 
Geſchichte der Derrfchaft Kiecppeim-Bolanden und Stauf. 

Wiesbaden 1854. 8. 

Bon dem Hrn. 3. 9. von Hagen in Berlin: 


Neues Jahrbuch der berlinifchen Gcfellfchaft für deutfche 
Sprache und Altertpumstunde. 10 Band. Berlin 
1853. 8. 


(Zortfeßung folgt.) 





Bulletin der königl. Afademie d. W. 


Gelehrte. 
München. | 
Nro. 21. 


beransgegeben von Mitgliedern 
der & bayer. Akademie der Wiffenfhaften. 


U 


Anzeigen. 


17. Februar. 


1854, 








Königl. Akademie der Wiflenfchaften. 


Bericht über die neue Ausgabe der Ciceronifchen 
Keden von Baiter und Halm. 





(Schluß.) 

Diefe Stellen find $. 2 das vierfache cum 
mit folgendem tum vero, $. 5 salus (ft. et salus), 
$. 7 aut de tabulario, $. 8 concurrerint, $. 9 
ab Labieno, $. 10 hoc qund ille, $. 13 crudelitate 
inaudita, $. 21 perditus morbo, $. 23 de se esse, 
$. 26 periculum capitis, $. 31 ex his omnibus 
und omnes hi; $. 4 las man bisher nihil aliud 
— quam ut; aber quam ift nur falſche Ergänzung, 
da quam in ben Handſchr. fehlt und vielmehr nisi 
vor ut ausgefallen if. 9) 5. 28 fehlt in ben 


8) Die Verbindung nibil aliud quam {ft ſchwerlich 
Ciceronifh. Hand, dem diefe Stelle entgangen 
it, führt im Tursellinus IV, 244 zwei. Stellen 
aus Cicero .an, de imp. Cn. Pomp. $. 64, wo 
jest aus den 3 beiten Handfchr. (dem Erf. Te- 
gerns. u. Pal. 1525) nihil aliud nisi hergeſtellt 
ift, und de Legibus I, $. 25, wo Bake die Vul⸗ 
gata nihil aliud quam in se perfecta nach den 
Spuren der beften Quellen (nihil aliud in se 
perf.) richtig in nihil aliud nisi perfecta verbeflert 
bat. Damit fallen die erträumten feinen Unter⸗ 
fchiede der beiden Phrafen in ihe nichts zuſammen. 
Vgl. auch Cic. Tuscul. I, 6. 57 ut discere nihil 
aliud sit nisi recordari, wo geringere Handichr. 
auch wieder quam haben, 


— — — — 


Handſchr. es nach ignarus; es war, wie die rheto⸗ 
riſche Wortſtellung verlangt, nad) hospes einzuſetzen. 
Eine ſchöne Verbeſſerung bot der codex Torrentii 
$. 10, wo er flatt bed zweiten utinam vortrefflich 
ut hat; aber noch treffender ift $. 20 die Verbeffes 
rung Mommfens, der in den Spuren ber beften 
Veberlieferung ex ede sui ancus fehr fcharffinnig 
die richtige Ledart ex aede Sancus erfannt hat, 
während die Heraudgeber zwifchen ex aedifieiis und 
ex aedibus sacris ſchwankten. 

Die meifte Arbeit haben die Gatilinarifchen 
Reden verurfaht, da zu bdenfelben ein überaus rei⸗ 
cher Apparat zu Gebote fland ; es wurde außer den 
früber nicht befannten Collationen von Ragomarfint, 
der 25 Handfchriften, worunter mehrere vorzügliche 
benügt hat, noch 12 andere neu verglichen, jedoch 
für die Ausgabe die volftändige Mittheilung bes 
Apparates auf 19 Handſchriften beſchränkt. Für 
die Verbeſſerung diefer Reben iſt in ber legten Zeit 
vieled gefchehen, zumal nachdem Steinmeg zuerft 
den hiefigen cod. Tegernseensis und Salisburgen- 
sis S. Petri benügt, aber nad feiner verkehrten 
Manier aus denfelben nur eine selecta varietas 
bekannt gemacht hatte; hingegen hat man anberfeits 
auch wieder ſtarke Rüdfchritte gemacht, indem man 
fi durch die glänzende Werbeflerung, welche der 
cod. Teg. II, $. 27 durch die Lesart conivere 
possum (ft. consulere sibi possunt) lieferte, blen⸗ 
den ließ und biefer ſehr ſtark interpolirten Hand⸗ 
fchrift ein zu großes Gewicht für die Recenfion des 
Tertes eingeräumt bat. Von bdiefem Jrrthum bat 
ſich Madvig allein frei gehalten, der in feinen 
Opuscula aeademica Il, 334 richtig den Sag hins 

XXXVIL 21 " 


179 


daß Hrn. Dr. Gerding ein fehr weſentliches Der: 
dienſt in der Bearbeitung zuzuſchreiben iſt, und wir 
glauben nicht zu viel. zu fagen, wenn wir mit volls 
fler Ueberzeugung hervorheben, daß Hr. Dr. Ser: 
ding wohl im Ganzen eben fo viel zur gelungenen 
Ausführung des großen Thema's beitrug, als ber 
englifhe Verfaſſer ſelbſt. 
Aug: Vogel jun. 





A. Grisebach, Commentatio de distributione 
Hieracii geueris per Europam geographica. 
Gottingae, sumptibus Dieterichianis. 1852. 4. 





Die Kenntniß der Pflanzenarten, obgleidy von 
der phnfiologifchen Richtung der neueren Zeit in den 
Hintergrund gedrängt, ift und bleibt doch in der 
Botanik ein ebenfo wichtiges Erforderniß, ald in ber 
Literatur die Kenntniß der Sprache. Zu tadeln war 
nur die Einfeitigfeit, mit der in früherer Zeit dieſe 
Kenntniß betrieben wurde, und zwar größtentheild 
von Unberu’enen, deren Fähigkeit keineswegs geeig- 
net war die Natur zu interpretieren. Im Ganzen 
genommen find die Typen fcharf genug audgedrüdt, 
um gefunder Faſſungskraft verfiändlich zu fein. Ein: 
zelne Gattungen machen indeß Ausnahmen. 8 
giebt wohl feine, die ba mehr Schwierigfeit darge⸗ 


boten hätte, ald die Gattung Hieracium. Obgleich - 


non jeber Gegenſtand furgfärtiger Bearbeitung ſelbſt 


von Seiten der gründ.ichflen Zorfcher, wie eined 


Saudin, Billars, Frölih, Tauſch, F. und 
C. H. Schulg, Koch, blieb fie dody immer ein 
rärhfelhafted Labyrinth von Formen, geeignet die 
Eriftenz des Epeziesbegriffs in Zweifel zu ftellen. 
In neuerer Beit bat der Schwede E. Fries eine 
vortreffiiche Monographie der ganzen Gattung gelie: 
fert: „Symbolae ad historiam Hieraciorum. Upsa- 
liae 1848. 4.“, reich an fcarffinnigen Unterfcheis 
dungen und forgfältigen Beobachtungen, die er 
während vierzig Jahren auf biefen Gegenfland ge: 
richtet. Er bringt den Grundfag in Anwendung: 
„species dabit characterem nec.character speciem.“ 


180 


Die Eriftenz von Webergängen artlich unterfchichener 
Formen unter ſich war ihm wohl befannt: bod 
fpricht er ſich ebenfo entfchieben gegen die Annahme 
von Baftarbbildungen (Symb. p. XXXII.) als für 
die Geltung des Speciesbegriffes in ber genannten 
Gattung aus. 

Vier Jahre fpäter erfchien bas oben angezeigte 
Werk von Griſebach, weldes bloß die eutopäts 
fyen Arten von Hieracium umfaßt. Dem Verf. 
fland der Vortheil großer Reifen zu Gebote. Zus 
gleich faßte er die Art nicht bloß defcriptiv, fondern 
auch pflanzengeographifh auf. Auch er ift gegen 
die Annahme von Baflardbildung. Er ändert eini- 
ges an ber Behandlung der Arten, giebt feiner 
Darftelung eine neue Reihenfolge und trennt Hie- 
racium staticifolium Vill. und H. intybaeeum als 
befondere Gattungen von Hieracium. 

Der Recenfent hatte Gelegenheit, fi mit die⸗ 
fer Gattung, ihrem Zormenreihthum und ihrer na⸗ 
türlichen Verbreitung gleihfaU8 auf Reifen durch 
eigene Anfchauung bekannt zu maden. Er muß 
befennen, daß feiner unbefangenen Anfhauungsweife 
fletö das Dafein von Baſtardbildungen als. Erklä⸗ 
rungdgrund von räthfelhaften Zwifchenformen befries 
digend an die Hand trat. Die Schwierigkeiten fans 
den fi erſt, als er fpäter ed verfudhte, bie von 
ihm gefammelten Arten in Beziehungen zu bringen 
mit den: in den Werken befhriebenen. Das Mißs 
lingen diefer Bemühungen veranlaßte ihn, ſich aus 
thentifche Aufllärung von den Autoren ſelbſt zu 
verfchaffen. 


Sowohl ©. Fried ald Griſebach haben mit 
ausgezeichneter Liberalität bie Beſtimmung der vom 
Rec. in Südbayern gefammelten und dem Herba- 
rium boicum der P, Akademie zu Münden einper: 
leibten Hieracien übernommen, und dadurch biefer 
Sammlung einen unfdhäpbaren Werth verfchafft. 
Dem Rec. aber diente diele Beſtimmung als feſte 
Grundlage feines Urtheild über den Werth der Ar: 
ten und der Kennzeihen in diefer Gattung, wofür 
er den verehrten Männern der Wiſſenſchaft feinen 
Dank hier öffentlich ausſpricht. ' 


Auf die Autorität diefer Beftimmungen geftüst, 
war es ihm möglih ein ficheres Urtheil über ben 


178i 


auch immer: üder die Benſthung ber neuem Quellen 
für die Berbeſſerung des Tertes erfolgen wird, bed) 
fiherlich das anerkannt werben, daß ein viel verläfs 
figeres Fundament für das Studium der Ciceroni⸗ 
fhen Reden und ihre Ausbeutung für grammatiſche 
Zwede nunmehr gegeben ift, ald man bis jeht ges 
habt hat. Man würde jedoch irren, wenn man ben 
Werth unſeres Tritiihen Apparate für bie Reden 
sach dem. erfien Bande abichägen wollte. Für die 
Verbeſſerung diefer erften Hälfte ber Reden Tagen 
nur einige Hanbdfchriften von fehr hohem Werthe 
Werthe vor: die neue Gollation des Palimpfefts 
der Verrinen, ber cod. Paris. 7774, A zur 
or. IV et V in Verrem, ber Tegernseensis zur 
or. pro Caecina und mehrere Handfchriften der 
Eatilinariſchen Reden. - Hingegen befigen wir für 
ben zweiten Band zu weit mehreren Reden Hands 
‚ fehriften vom erften Range, nämlid den cod. Pa- 
risinus Nro. 7794 zu 10 Reden 1!) und zu den 
nämlichen den cod. Bruxellensis Nr. 5345, den Te- 
gerns, zu ben Reben pro Sulla, p. Plancio und 
pro Milone, ben cod. Palatinus 1525 (= Pal. 
nonus Gruteri) jur or. pro Sulla, einen vorzüglis 
chen Gober Oehlerianus zur or. pro Deiotaro, enb- 
lich zu den philippifchen Neben den cod. Tegerns. 
und eine neue Collation des Hauptcoder, des Vati- 
canus, bie alle früheren an Genauigkeit weit über: 
trifft 12). 


11) Bol. über Ddiefen meinen Aufſatz “Interpolationen 
in Eiceronifchen Reden ans dem codex Parisinus 


Pro. 7794 nachgewieſen im Rheinischen Mufeum 


für Philologie N. 5. Bd. IX, ©. 321 ff. 

42) Diefer Coder iſt bekanntlich bereitd von drei be: 
deutenden älteren Gelehrten, Faernus, Mures 
tus und Garatoni benügt worden. Allein man 
war bis jest an vielen Stellen über die wirkliche 
Lesart des Eod. in Zweifel, zumal nachdem Ga: 
ratoni an nicht wenigen Stellen, wo Faernus oder 
Muret die Ledart des Codex wiedergaben, ohne 
irgend eine Bemerkung die Vulgata beibehalten 
bat. Durch die neue Collation, die ich meinen 
Freunden Dr. Burfian und Dr. Otto Ribbeck 
verdanke, ift nicht bloß in diefen zweifelhaften Stel: 
fen die wahre Lesart des ungemein werthvollen 
Eoder eonflatirt worden‘, fondern es ward auch 
eine hübſche Anzahl neuer Lesarten zu Tage ge: 





174 
Nicht minder reichhaltig iſt unfer Apparat für 





fördert, die zur Verbeſſerung diefer Reden vortreff⸗ 
lihen Vorſchub leiſten. Um eine Probe zu geben, 
feßen wir aus der kleinen erſten Rede die theils 
eonjtatirten unficheren Lesarten, theils ganz neuen 
bei: Phil. I, $. 2 a. E. ftehen die Worte com- 
mentaris reperiebatur summa, über welche auch 
die übrigen Handfchr. fehr abweichen, in dem Cod. 
auf Raſur. — F. 5 afuisset — minitarentur (ft. 
minarentur) — et iinefarios viell. aus et in nefarios 
— $. 6 fehlt et vor in contionibus — F. 8exis, 
woraus ex iin zu verbeilern iſt, wie der cod. Teg. 
bat, dann fehlt M. vor Antoni — $. 9 devectus] 
seduectus corr. in sedeuectus — non posset iſt 
von zweiter Hand ergänzt. — $. 10 ıd enim} inde 
enim — nec enim, wie auch or. II, $. 4. — |. 
13 in re publica inducerentur — adversus rem 
publicam (fo ausgefchricben) — $. 15 et ago et 
habeo Pisoni — $. 16 uellem adessem antonius 
von erjiec Hand, woraus vellem adesset M. An- 
tonius zu verbejicen if. — $. 17 sed is tempo- - 
ribus — $. 18 fehlt vor Pompei da8 Pränonten 


Cn., ganz richtig, weil ed auch vorher heißt: 


quaere acta Gracchi und quaere Sullae, und fos 
dann: de Caesare ipso si quaereres etc. — $. 
19 videnturne vobis posse Caesaris acta servari 
— 6.20 at quae inte tertia decuria ohne east — 
$. 21 bat der Cod. von erfter Hand: ut et de 
vi et moaiestates damnati, wornach zu fchreiben 
it: ut et de vi et maiestatis damnati, vgl. $. 
23: ei qui de vi, item qui maiestatis danınatus 
sit (auch bier hat der cod. Vat. maiestates). Nach 
diefen zwei Stellen erfcheint auch 8. 22 die Vul⸗ 
gata unficher: quaestionibus de vi et de maiestate 
sublatis; denn da der Vat. das zweite de auslüßt, 
fo bat es alle Wahrfcheinlichkeit, daß auch bier 
de vi et maiestatis herzuftellen it — F. 22 quid 
est aliud hortari — $. 25 ac de his tamen le- 
gibus, ganz richtig flatt der Vulg. de iis — tri- 
bunis plebi — antiqua ac stulta — $. 27 quip- 
piam — habere eundem iratum — $.29 utrius- 


- que vestrum errorem reticere — das finnlofe ea 


vor est autem gloria ijt, wie fchon Faernus bes 
merkt hat, Zufaß von fpäterer Hand — F. 30 in 
his rebus — offensis significarent beneficio, viel. 
aus oflensi se significarent benef. — $. 31 po- 
tuisti aequo anime — %. 33 bat der Cod. num 


te, cum hace pro salute rei publ. tanta gessis- 


ses, fortunae tuae, num amplitudinis, num cla- 
ritatis penituit, ohne mum gloriae nach claritatis, 
was ganz ficher eine Gloſſe von num claritatis 


N) 


L 2 


" Berchtesgaden, 1560 — 1700'; 


183 


blößtem Boden, Kies, gemein. 
vis 5000°. Blüthezeit Mitte Mai bis September. 

Var. virescens Fries Symb. p. 2. Gräben 
im LSauterbacherfilz bei Rofenheim 1465’. 

-Barliert ferner: 

Scapo furcato 2-3 cephalo; Schwabing — 
stolonibus flori- 
feris; Berchtesgaden 1700°; “ 


anthodio eglanduloso, Schwabing 1560’; Him⸗ 


meld im Algäu 5950° Augsburg circa 1560°; 

anthodio glandulifero. Vilshofen auf Gneus 
960°, Garhing auf Haide 1450°, Grünwald bei 
Münden 1900°, Moorgruben im Lauterbacerfilz 
bei Rofenheim 1465°, Berchtesgaden 1700', Spiel: 
manndau im Algäu 2800’ (var. nigrescens Fries), 
Regensburg; 

foliis radicalibus rotundatis: Augsburg. 

3.Hieracium acutifolium Vill.: stoloni- 
bus elongatis plerumgue floriferis, foliis spathu- 
lato-lanceolatis acutis glaucis subtus subalbican- 
tibus, scapo gracili furcato plerumque dicephalo, 
rarius 1—7 cephalo, capitulis virgineis cernuis, 
involucris basi rotundato-attenualis canescentihus, 
fructiferis obconicis, squamis subinbricatis aculis. 

H. acutifolium Vill. Griseb. Comment. p. 6. 

H. brachiatum Fries. Symb. p. 11. 

IH. bifurcum Koch ex parte sec. Griseb. 

Auf entblößten kieſigen oder Palkfandigen. Boden 
fehe felten. Auf der Zafpelau, einee Donauinfel unter 
Paſſau 870° ohne andere Hieracia am 24 Mai 1852 
bi. An fonnigen Abhängen hinter Biederftein felten in 
Geſellſchaft von H. Pilosella 1560% Kiedgrube bei Schwa⸗ 
bing mit H. Pilosella und praealtum 1590° 19 Juni 
1853 bl. 

Hat dem Ausfehen nach die größte Achnlichkeit 
mit H. Pilosella, von dem es fi durd die ſchmä⸗ 
leren fpigen Blätter, die regelmäßige Gabeltheilung 
des Schaftes, die Pleinern Köpfchen mit gleichfarbi: 
gen Blüthen (die bei H. Pilosella gewöhnlich unten 
rothgeftreift find) unterfcheidet. Vielleicht Baſtard 
von H. Pilosella und praealtuın. 

Bariiert: involucrorum pilis brevissimis eglan- 
dulosis: Biederſtein; 

invol. pilis brevissimis nigris, nonnullie glan- 


dulosis: Schwabing; 





Geht in unfern Alpen 


184 


invol. pilis elongatis albidis basi atris, glan- 
dulosis nullis: Paflau; 

invol. pilis elongatis cnm glanduliferis im- 
mixtis: Bosnien um Foinizza (EI. brachiatum Fries 
in sched.); 

invol. pilis cunctis glanduliferis: Bosnien 
um Xravnif: (H. brachiatum Fries in sched.). 


4. Hieracium sphaerocephalum Fröl.: 
rhizomate hypogeo breviter stolonifero, stolonibus 
rosulato-folosis, foliis spathulato-lanceolatis acu- 
tis concoloribus scapo adscendente subfurcato ra- 
mis submonocephalis, capitulis wigrovillosis eglan- 
dulosis basi rotundatis, squamis acutiusculis. 

H. sphaerocephalum Fröl. Fries Symb. p. 8. 

H. furcatum Hop. Koch Synops. ed. 2. p. 
510. 

H. hybridum Chai. Griseb. Comment. p. 7. 

Auf Alpenwieſen auf Mergelboden in den baperifchen 
Alpen ziemlich felten (in Zirof, der Schweiz u. f. w. 
in den primitiven Centralalpen viel häufiger). Im Algäu 
am bintern Seekopf SW. 6380° am 31 Juli 1852 
blübend; anf der Alpe Birwang D. 5403° am 12 Juli 
1852 bl.; bei Schlierfce auf der rothen Wand ©. 5500 
— 58341: am 17 Aug. 1851 bl.; um Berchtesgaden 
auf den Hirfchwiefen ober Triſchibel. S. 5750° am 19 
Aug. 1850 bl.; am Fundenſee W. 5000° am 22 Aug. 
1850 bl. Ä 

Variiert 1—Alöpfig. Selten fichen die Köpf: 
hen in gleicher Höhe. . Die Zweige des Schaftes 
find auffleigend aufrecht. Die Behaarung der Blät- 
ter iſt auf beiden Seiten mehr oder weniger lang⸗ 
borftig, auf der Rückſeite find dazwiſchen fehr Meine 
Sternhaare. Der Schaft ift fpannlang mit 1—2 
meift linearen DBracteen, von unten bis oben ober 
bloß oben mit langen fchwarzen wagredt abfichen= 
ben Haaren befegt, nad oben zugleih dicht mit 
weißen Sternhaaren und mit Drüfenhaaren. Die 
Köpfe faft fo groß wie bei H. Pilosella find von 
dichten langen ſchwarzen Haaren zottig. Die Schup⸗ 
pen find meift fpisig, ind«ß (auf der Alpe Birwang) 
auch ſtumpflich. Die Blüthen find auf der Rüds 
feite gewöhnlich röthlich. 


(Zortfeßung folgt.) 


nennen 





Gelehrte 
München. 
Nro. 23. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der £, bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen. 


. 1854, 





— 


A. Grisebach, Commentatio de distributione 
Hieracii generis per Europam geographica. 





(Zortfegung.) 

5. Hieracium stoloniflorum Woaldst. 
et Kit.: stolonibus adscendentibus floriferis, foliis 
spathulato-lanceolatis acutis concoloribus, scapo ri- 
gido furcato vel fastigiato-ramoso, ramis- elonga- 
tis, capitulis subcorygbosis, involucris ovatis basi 
tenfricosis, squamis obtusis. 

H. stolonifiorum Waldst. et Kit. Fries. Symb. 
p- 5. — Griseb. Comment. 6. 

Auf entblößtem Boden, auf Neubrüchen, ſowohl auf 
Eiefigen Stellen als in Mooren zerſtreut. Um München 
auf Zfarfiesbeeten, um Schleißheim, Moofach, Isınaning, 
Biederftein u. f. mw. (Gefammelt von mir, Brägger, 
Prog, Schwarzmann.) Zwiſchen 1400 und 1700°. 
Bluͤht im Juni. 

Bei den meiſten Exemplaren iſt die Behaarung 
auf beiden Seiten der Blätter ſteifhaarig, am Schafte 
ind die Haare weit abſtehend. Häufig fehlen bie 
Stolonen. Die unterſten WBurzelblätter find zur 
Blüthezeit meift abgeftorben, wo fie erhalten find, 
find fie verkehrt eiförmig., Die Inflorescenz ift 2—12: 
föpfig. Die Xheilung des Schaftes findet meift in 
der Mitte flott, die Blüthenftiele werben gewoͤhnlich 
ft in den Werzweigungen ber dritten Orbnung 
fürzer, bie letztern haben oft kaum die Länge des 
Hüllkelches. 

Variiert: capitulis glandulosis (genuinum Fries) 
Biederflein, Ecleißheim und Moofah in Xorfflis 
Gen, Iſarkies; 


capitulis eglandulosis (flagellare B. Schultz 
Coll. n. 46) Sitraäberg, Garchingerhaide; 

ligulis subtus purpurascentibus. ®Bieberftein. 

Unterfcheibet fi von EL acutifolium Vill. durch 
bie Größe (Schaft bid 1’ lang, während er bei diefem 
hoͤchſtens fpannlang wird), den fleiferen Wuchs, die 
gleichfarbigen Blätter, die in ber Regel borfligere 
Behaarung, die meift zahlreicheren Köpfchen, die an 
der Baſis unmittelbar über dem Blüthenfliel bauchig 
aufgetrieben find, Die flumpfern, meift brüfigen 
Schuppen. ' 

Wenn Baſtard vermuthlich von H. Pilosella 2 
und praealtum #..Köpfchen größer als praealtum, 
Peiner als Pilosella. Brügger hat davon bie ent⸗ 
fchiedenſten Uebergänge in H. praealtum bei 
der Schwimmſchule um München gefammelt. 


Sectio II. Auricula. Hieracia scapiflora, sub- 
cymosa, stolonifera (slolones nonnunguam de- 
sunt per defectum), foliis integerrimis aut ar- 
liculalis rosulatis. 

6. Hieracium praealtum Wimm. et 
Grab. : Rhizomate praemorso cum et absque sto- 
lonibus, foliis glaucis anguste spathulato-lanceo- 
latis obtusculis aut lineari-lanceolatis acutis gla- 
bratis, scapo erecto graeili 1—3-phyllo non lac- 
tescente, eyma laxa, involucro ovato-conico basi 
subtruncato, squamis obtusis aut acutis. 

Gemein auf Wiefen, Uederrainen, Neubrüchen von 
Kiesboden, Ziußkiesbeeten bis zu einer Höhe von 2450°. 
Juni, Zull. 

Diefe Art ift hauptfächlic in Anfebung ber 
Bebaarung variabel, Zarbe der Anthotien bald 
XXXVIII. 23 | 


187 


ſchwarz durch vorhenſchende Drüfen, bald graugrün 
dur Sternhaare. Die Drüfen find ſchwarz der 
gelb, letzteres als B. Bauhini von Griſebach be: 
flimmt. 

Der Schaft kahl in Eremplaren von Regens⸗ 
burg 1100', Vilshofen auf Gneusgranit 960° und 
Berchtetgaden 1700; 

oder fleifhaarig: vom Iſarkies bei München 
1600°, feuchten Wiefen bei Aibling an den Toͤd⸗ 
tendorferfalten 15U0', Haiden an der Ifarmündung 
bei Moos 480". 

Ebenſo find die Blätter eahl, oder mehr oder 
weniger behaart, faſt borſtig. Die Blüthenſtiele 
manchmal bloß mit Sternhaaren (Vilshofen), manch⸗ 
mal bloß mit Drüſenhaaren (Berchtesgaden), mei: 
ſtens mit beiden zugleich. Gewoͤhnlich mit Stolo⸗ 
nen, aber auch ohne ſolche. Oft ſind die Stolonen 
blüthentragend. Die Anthodiaiſchuppen ſowohl fehr 
ſpitzig als ganz ſtumpf. — Der Schaft iſt ſchwach 
geſtreift. 


Auf den Brachen bei Münſing zwiſchen Wolf: 


ratböhaufen und Amerland fund ih mit ächtem H. 


praealtum und pratense eine Mittelform dieſer bei- 


den ohne Stolonen mit fpigen Involucralfhuppen, 
fehr furdig geftreiftem daft, hellgrünen Blättern, 
rauber Bchaa ung, ſchwarzen zotiigen Anthudien, 
augeniheiniih Mittelform zwifhen H. praealtum 
und pratense und fogar diefem näher angehörend 
als jıncm, von Griſebach als H. praealtum B. au- 
riculoides beflimmt. 

7. Hieracium florentinum All.: absqne 
stolonibus, rhizomate praemorsn, glabrescens, fo- 
liis lineari lanceolatis acutis glaucis concoloribus 
subhirsutis, scapo 1—3jhylio tenui rigido, eyma 
laxa cincinnifera,- capitulis wirufis, anthodiis ur- 
ceolatis. , _ 

H. florentinüm All. Fries. Symb. p. 25. 

‚H. piloselloides Vill. Koch. Griseb. 

Auf Kies und Steingeröll vornehmlich in Flußbeeten, 
3: B. in der Eoifach bei Garmifh, Iſar bei München, 
bei Berchtesgaden von Einfele in der Bifchofswieferachen 
gefunden. Höhites Vorkommen bei Schlierfee von der 
Steilenalpe nad dem Schelimbergtopf ED. 3736: be: 
obachtet. Blüht im Juli und Auguft. 


Die Blätter faft fleiſchig, dunkel graugrün, 


188 


kahl oder mit langen Haaren. Der Schaft felten 
über 1’ lang, dünn aber ſtart, manchmal ſchon von 
der Mitte an gablig getheilt, in ber Regel aber 
erfi oben verzweigt, mit 1—3 lanzettlichen zuges 
fpißten Blättern, meift glatt bis zu ben Blüthen⸗ 
flielen, die behaart find. Die gipfelftändigen Köpfs 
chen von den widligen Auszreigungen ber Dichafien 
weit überragt. Die Stiele wenig drüfig behaart, meifl 
2mal fo lang als die fehr Beinen Köpfchen, mit 
einigen Sternhaaren und Drüfen. Die längern 
Schuppen zu 12—16,. 

Außgezeichnet durch die kieineren Köpfhen und 
die regelmäßig zwifelige Infloreſscenz mit wiederhol: 
ter Widelaudzweigung. Indeß in allen Uebergangs⸗ 
formen zu H. praealtum in Anfehung diefer Meik⸗ 
male beobachtet. 

8. Hieracium floribundum Winm. et 
Grab.: stoloniferum , rhizonmate repente, foliis 
spathulato - lJanceolatis acutis glaucescentibus con- 
coloribus utrinque glabratis margine basin versus 
ciliatis capitulis nigro-pilosis cymosis 3—12- 
floris squamis obtusis. “ 

H. floribundum Wimm. et Grab. Fries Symb. 
p. 17. 

Im Moore „Hoch: und Pangerfilz” bei Rofenbetm 
1458% 8 Juni 1850 im Anfıng der Blüche getroffen, 


von v. Ep’gl im bavrifchen Walde geſammelt ohne nähere 
Angabe des Standortes. 


Unſere Exemplare ſind von tries ſelbſt als H. Nlo- 
ribundum Grab, beſtimmt. Koch bat die Exemplare aus 
dem tayrifchen Wald für H. furcatum Hop. angefpro: 
chen. 

Bon H. Auricula durch die fpigen Blätter und 
ben einblättrigen Schaft unterfehieden, von H. prae- 
altum durch daB lange kricchende Rhizom. Die 
Biätter ohne Eternhaare mit eingelnen langen Haa⸗ 
ven. Am Schaft ein einzelned lanzettförmiges gros 
ßes Blatt. Der Schaft fleifhaarig. Blüthenftiele 
turz, faum länger als dad Köpfchen. Die Schuppen 
der Köpfchen find gleihfarbig dunkel, fall ſpitzig 


"(Pangerfilz) oder ganz flumpf mit einem fchınalen 


lichten Rand (bayr. Wald). Die Inflorekcenz 3btäs 
thig (bayr. W.) bis 10blüthig (Pangerfilz)y. Die 
Döhe des Schaftes gegen Fuß lang. 


Dielleiht Baftard von H. Auricula 2 und praeal- 
tum d. 





189 - 


9. Hieracium AurieulaL.:'soboliferum et 
stoloniferum , foliis cnneoloribus glaueis sparkula- 
ts rotundatis glabratis basi ciliatis, scäpo apkyllo 
erecto gracili simplici rarıns furcato, capitulis 
paueis 1—5 subeymosis minoribus glabriuscufis 
squamis obtnsis. 

H. Auricula Fries Symb. p. 11. 

Auf Birfen, Haiden, Wegrändern, fteinigen Orten, 
Entblößungen, Neubrüchen gemein, biß in die Alpen, bis 
6100. Ende Mai, Juni. 

Die Stolonen immer mit an Größe abneb: 
menden flumpf fpathelförmigen Blättern befegt. Die 
Köpfchen haben meift fchwarze Drüfen und einige 
kurze fleife Haare, an der Bafid- auch einige weiße 
Sternhaare. Snfloredcenz meift 2föpfig, manchmal 
ein blüthentragender langgeſtielter Zweig über ber 
Mitte, 

Bariiert : 
Bundenfee 5000". 

10. Hieracium fulgidum Heynh.: rhi- 
zomate hypogeo, stolonibus decrescentim foljatis, 
foliis odovalo -oblongis rotundatis apiculatis inte- 
gerrimis concoloribus glabratis, scapo valido 
aphyllo parum piloso, capitulis longius peduncu- 
latis nigro villosis paucis, floribus aurantiacis, 
stylo /uteo. 

H. fulgidum Heynh. „quad pro var. auran- 
tiaca H. stoloniflori habeo. Mon. Hier. p. 24. 
obs. post H. aurant.“ Fries in Sched, 

H. aurantiacum Griseb. in Sched. 

Am Spätengunprücen im Algäu auf abfchiiffigen 
Wieſen ober der Untermãdelealpe gegen Einödsberg 5000 
O. 10 Juli 1849 in Bluthe. Nach Sauter auch um 
Gaſtein. 

Unſer Exemplar, das einzige, das ich fand, 
iſt ſpannlang, hat vier ebenſträußige langgeſtielte 
Köpfchen, die etwas größer ſind als von H. au- 
rantiacum. Nur die Baſis der Blätter und ber 


Miefing 5787°, 


monocephalum : 


Schaft ift etwas behaart, und die Blüthenfliele find. 


mit fleifen ſchwarzen abflehenden Haaren, mit zahl: 
reichen weißen Sternhaaren und mit fchwarzen Drü- 
ſenhaaren befest, ebenfo die ftumpfen Echuppen des 
Hüllkelches, nur find da bie Stern: und Drüfen: 
baare ſeltner. Am ausgezeichnetften ‚unterfcheidet ſich 
biefe Form durch den gelben Griffel von H. au- 


190 


rantiacum. Mit H. stoloniflorum hat unfer Exem⸗ 
plar nicht die entferntefte Aednliqheit, ſelbſt wenn 
es gelbe Blüthen hätte. 

Sauter hält ſein H. fulgidum far Baſtard von H. 
Pilosella 2 und aurantiacum JS. Auf unſerm bayri⸗ 
ſchen Standort kommt H. Pilosella nicht vor, dafür aber 
H. pilosellaeforme. Dem Ausfepen nad möchte man 
in unferm einen Baflard von H. Auricula 9 und auran- 
tiacum JS! vermuthen. 

11. Hieracium suecicum Fries: soboli- 
ferum et stoloniferun stolonibus florigeris, foliis 
obovato-oblongis obtusiusculis ‚denticulatis conco- 
loribus glabratis‘ basi eiliatis, scapo unifolio ri- 
gido elongato setoso, capitulis numerosis cymosis, 
involucro nigro piloso, floribus luteis. 

H. suecicam Fries Symb. p. 16 „omnino 
genuinum“ Fries in Sched. 

Im Algäu ober der Untermädelealpe am Gpäten- 
gundrücken, am Uebergang nad) Einödsberg auf fteilen 
Wiefen 5400° ©. Am 10 Juli 1849 noch nicht ganz 
aufgeblüht. 

Griſebach Hält unfer Exemplar vom ächten H. aue- 
eicum durch die breitern Blätter verfchieden. Fries gicht 
jedoch feiner Art folia obovata; die der unfern find eher 
länglich. Mun fieht, es ift ein Grund vorhanden, die 
Beſtimmung des fchiwedifchen Autors in Zweifel zu 
sieben. 

Obwohl dad einzige von mir angetroffene Exem⸗ 
plar noch nicht völlig aufgeblüht ifl, verräth es doch 
gelbe Blüthen. Nur der Hüßfelh ſtimmt nicht 
ganz mit ber Beſchreibung von Z. wegen ber zahl» 
reichen Haare. Die Blüthenköpfchen find piel zahle 
reicher (wie es fcheint auch Fleiner und gedrängter) 
als ber H. aurantiacum ; übereinftimmender ift bie 
Blattform. Die Schuppen bed Hüllkelches flumpf, 
Schaft fa fußlang. Außerdem hat unfer Exemplar 
zwei auffleigende in eine Inflorescenz endigende 
Stolonen. - 


42. Hieracium aurantiacum L.: rhi- 
zomate subterraneo sobelifero aut longe stoloni- 
fero, scapo elato foliato, foliis concoloribus spa- 
thulato- aut obovato-lanceolatis, inferioribus ob- 
tusis, superioribus oblongis acutis integerrimiz 
aut denticulatis utringue setulosis, scapo elato- 
rigido- patentissime setoso, superne pilis stellatis 
glanduliferisque , capitulis aubeymosis 1—12uis 


⸗ 


191 


nigro- villosis, squamis obtusis, Moribus aurau- 
tiucis, atylo fuligineo. 


H. aurantiacum L. Fries Symb. p. 23. 

Auf Alpwiefen auf lehmigem oder mergeligem Bo: 
den 4300 — 6380. Geht bisweilen thalwärts in en⸗ 
gern Schluchten 3. B. an ber Breitad bei Riezien Im 
Walſerthal bis 3200° herab, bei München auf einer Jfar: 
kiesbank bei 1560° gefunden: Büchele. Blüpt im Juli 
und Auguſt. 

Die Stolonen breiten fi ober: und unterir: 
diſch aus und’ zeichnen fi von den der andern 
Arten dur die Bewurzelung ihrer untern dem 
Stamme nahe liegenden Theile und das Vorkommen 
non Niederblättern (Schuppen) an diefen aus. Die 
Behaarung iſt mehr oder weniger dicht, bald zottig, 
bald fleifpaarig.. Am Schaft find 1 — 3 Btätter, 
die oberften bracteenartig. Die Gipfelköpfchen ber 
Inſlorescenz find meift kürzer ald die der Außern 
Zweige geftielt; die Stiele meift fo lang oder für: 
zer als das Köpfchen. 

13. Hieracium pratense Tausch: sto- 
Ioniferum vel stolonibus destitutum, rhizomate re- 
pente, foliis concoloribus /laele-viridibus spathn- 
latho -lanceolatis acutis aut obtusiusculis , non- 
nunquam in petiolum attenuatis subdenticulatis 
hirsutis subtus pilis stellatis raris minutisque, 
scapo elato rigido striato 1—3phyllo hirsuto #0 
lactescenle, cyma multiflora plerumque congesta, 


: anthodiis urceolalv-ovatis, squamis attenuatis Apice 
obtusis. 


H. pratense Tausch. Fries in Sched. Symb. 
p. 19 — Koch Synops. ed. 2 p. 615. 
H. collinum Gychn. Wall. Griseb. in Sched. 


. et Comment. p. 10. 


. BaC. 


dhäufiger erſt in der Voralpenzone. 


H. fallax Schleich. in Sched. Herbarii mo- 


Auf Wiefen unferes Dberlandes von Mündyen an, 
Don Lindau, über 
Kempten, bis in die Gegend von Nofenheim. . Ziv'fchen 
4370 und 2800. Blüpt im Juni (etwas früher als 
praealtum.) 

Die Blätter beiderfeits hell gelblichgrün; bie 
an der Baſis ded Gtengeld in einen mebr oder 
weniger deutlichen Etiel verfchmälert, meift aber 
neben den Nerven noch einen Parenchymrand zeigend. 


‚if der Schaft gegen oben gabeltheitig. 


\ 198 


Der Saft 13 — 2’ lang. Die Inflorescenz ges 
wöhnlich ſehr d heiti⸗ und gedrängt; manchmal 
Die Be 
baarung ded Gchafted aus langen Haaren ohne 
Sternpaare, oben mit abflehenden langen ſchwarzen 
Haaren, einzelnen Sternhaaren und Drüfen, beide 
zahlreicher an den Blüthenſtielen. Die Hüllkelche 
fhwarzbehaart und mit Drüfenhaaren, ziemlich Elein. 
Die Achenen ſchwarzbraun. 

Eine ausgezeichnete ſchon von Weitem durch 
helle Farbe der Blätter, ſteifen Wuchs und dunkle 
Hüllkelche kenntliche Art. Fette Exemplare haben 
buchtig gezaͤhnte Blätter. 


14. Hieracium cymosum L.: rhizomate 
praemorso absque stolonibus , foliis lanceolatis 
basi attenuatis acutiusculis, scapo rigido elato 
1—3phylio sulcato-striato hirsuto lactescente, cy- 
ma unbelliformi composita pedunculis albo-villo- 
sis, capitulis minoribus involueris elliptico - orafis 
in pedunculum attenuatis albo-vilosis in vivo fla- 
vicantibus, sgamis obtusis. | 

H. cymosum L. Fries Symb. p. 60 „verum 
H. cymosum L.“ Fries in Sched. 

Auf dürren Hügeln und Felſen (Kalk, Grünfand, 
Gneiß, Oranit) in Südbayern bloß Jängs der Donau. 
Landshut fcheint der davon entferntefle Punct feines 
Borkommens Häufig um Palau, Bilshofen und Ne: 
gensburg. Ddere Gränze 1400. Blüht im Juni. 

Die Blätter bald breiter (länglich-lanzettlich), 
bald ſchmäler. Ihre Farbe ift minder lebhaft grün 
als bei H. pratense. Die Behaarung an_der gan: 
zen Pflanze ausgezeichnet. Am Schaft Borften-, 
Drüfen= und Sternhaare. An den Blattflielen Tange 
gelbliche (im Trocknen weiße), an ihrer Baſis manch⸗ 
mal ſchwärzliche Haare mit ſehr zahlreichen Sterns 
baaren, manchmal fogar bloß Sternnhaare; am 
Köpfchen fehr zahlreiche lange Daare meiſt ohne 
Drüfenhaare. 


(Bortfefung folgt.) 


Die Blätter des Schafts halbumfaflend, lanzenlich. 


- 





Gelehrte 
‚München, 
Nro. 24. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der $. bayer. Akademie der Wiffenfhaften, 





Anzeigen. 


24, Schruar. 
1854, 





A. Grisehach, Gommentatio de. distributiene 
Hlieracii generis per Europam geographica. 





(Gertiegung.) 

"Die :Imflorescenz' befleht aus zahlreichen 12 — 

18 ‚Janggeflielten doſdenfoͤrmig gruppierten Cymen. 

Die Köpfchen find fehr Hein, die Hüllkelche oval, 

beiderfeits verfchmälert, um bie: Mitte von größtem 
Dirchmeſſer. 

Sowohl von Griſebach als Freies find unfere Exem⸗ 

PpPlare als Die ächten der Urt: anerkamt worden. Indeſſen 

weichen fie von der Definition des letztgenannten Autors 


(Symb. p. 40) bauptfächlid ab durch die Drüfenhaare, - 


die cHiptifhen Hülfkelche, die fhuimpfen Schuppen. Meine 
. Beſchreibung iſt lebenden Exemplaren von Vilshofen emts 
nommen, 
Sectio III. Glauca. Eglandulosa, foliis basi- 
larıbus rosululis, caule folioso paucifloro, fo- 

Itis integerrünis aut repando-dentatis. 

15. Hieracium villosum L.: caule fo- 
lioso 1—5cephbalo, foliis subintegerrimis undula- 
tis, ‚basilaribus spathulato-lanceolatis obtusis in 
petiolum attenualis,, eaulinis cordato- aut ovato- 
lanceolatis-lanceolatisve semiamplexicaulibus, pe- 
duneulis eglandulosis stellato - puberulis, capitu- 
lis magnis, squamis acutis v. acuminatis luzissi- 
mis exlerioribus palentibus majoribus bracleiformi- 
bus, stylo luteo demum fusco. 

H. villosum L. Fries. Symb. p. 50. 

‚Eine auf Felſen, auf fteinigen Wiefen und Abhängen 
in den Alpen febe verbreitete Art zwifchen 5100 und 
6800 Hohe. Zuli. Auguſt. 


* scorzonerifolium Griseb. 


Variat.: A. Indumento: 

a. totum villosum, anthodio albo-villoso ni- 
tore sericen. — ÜGenuina species autorun. 

b. foliis glabratis, anthodio villose.e — H. 
(Villarsii potius ad H. 
dentatum Hop.). — H. villosum semiglabratum 
Fries in. Sched. Symb. p. 51. — H. vill. ß. 
glabrescens F. Schulz. Archives. p. 178. Bloß 
auf den Alpen um Berchtesgaden, und zwar bafelbfl 
an verfchiedenen Puncten, aber immer einzeln bes 
obachtet, zwiſchen A574 (N.) und 6121’, auf Kalk, 
Hornſtein, Mergel. 

c. subglaberrimum: pilis simplicibus raris- 
simis in foliis, stellatis in, caule sub capitule, 
eum simplicibus in involuero laxe adspersis. — 
H. villosum y. subglabrun Sehultz Archives p. 
228. — Im Algaͤu ober der Dierenalpe gegen. Die 
Gottesackeralpe 4963 auf volithifhem Kalt mit H. 


villosum geauinum und H. dentatum. Mit ber 
vorigen Form Uebergänge bilbend. | 
d. ligulis glabris et ciliatis. Die kigulae 


find meiſtens ‚glatt, aber gewimpert an ächten Exem⸗ 


plaren vom Biefing, "Mergel 5787', vom Wendel⸗ 
fein 657 1°, vom Schönfeld am Hanauerlaubl ˖ 6121 


und den Hirfchwiefen ober Diſchibet 6100, bei 
Derchtesgaden. | 

B. Foliorum forma: 

a. foliis basilaribus longepetiolatis obtusis, 
eaulinis cordatis. — H.villosum var. elatum 


Fries in Sched. @ine $orm, die fi häufig im 


den Alpen wiederholt; bie untern Btengelbtätter 
(ober den Burzelblättern) find lanzetiförmig, an ber 
xXXXVH. 24 


= 


195 


Bafis herzfoͤrmig, die obern find herzfoͤrmig und 
zugeſpitzt. 
b. foliis basilaribus spathylato - lanceolatis 
sessilibus, caulinis lanceolatis. Specimina ple- 
runıque monocephala. Brandjohfamm und Gchells 
ſchlicht bei Sarmifh bei 6100. Benedictenwand, 
Torenerjoch und Urfenlodh bei Berhteögaden (5300 
und in enger Thalſchlucht 4000). 

C. Foliorum caulinorum numero 2—10. - 

In einem Falle aber find bei diefer Art, 
wie auch bei der folgenden, Drüfenhaare beobach⸗ 
tet worden. 

16. Hieracium dentatum Hop.: caule 
folioso monocephalo rarius 2—Dcephalo , foliis 
rosularibus spathulato -ellipticis aut .obovato - lan- 
ceolatis in petiolum acuminatis repando-dentatis 
aut integerrimis, caulinis ovatis aut cordatis acu- 
minatis, aut Janceolatis acutis decrescentibus sum- 
‚mis bracteiformibus , capitulo magno, squamis 
acutis ereclis stylo fusco, acheniis nigro-fuscis. 

H. dentatun Hop. Fries Symb. p. 53. 

Auf Felfen, fteinigen Abhängen der Alpen minder 
häufig als die vorige Art, zivifchen 5100 und 5800. 
Blüht im Juli und Auguft, 

Die wichtigſten Unterfchiede von H. villosum, 
dem es durch Ucbergänge nahe angränzt, find bie 
etwaß breitern und’ dabei kürzern meiſt gezähnten 
Wurzelblätter und bie aufrechten angebrüdten Ans 
thodialfchuppen. Auch die Farbe ift bisweilen etwas 
lebhafter grün. Vorherrſchend findet man einföpfige 
Eremplare. Die Blätter find bismeilen tief einge⸗ 


fhnitten gezähnt wie die von H. murorum (5. B. 


von der Dberlahneralpe) und bilden Uebergänge zu 
H. incisum. Dabei find fie fpisig oder flumpf, 
am Stengel zu 2-- 5. Der Stengel fpannlang 
bis zu 1°, geftreift, ſchlank, etwas hinundherge: 
bogen. 

Variiert fchr in der Behaarung. In der Regel 
find die Köpfchen weißzottig, und haben bloß Lichte 
lange weiße Haare mit fhwarzer Baſis. Am Etens 
gel find Sternhaare und einfache lange. Die Blät—⸗ 
ter find beiderfeit8 mehr oder weniger zottig, be: 
fonderd an den Blattflielen. 

Die Varietäten nad) der Behaarung find: 

ß. semiglabratum: foliis glabratis, anthodiis 


ſchiedenheit erzeugt wird. 


196 
villosis. — H. glabratum Griseb. ex parte nee 
Fries. — „H. dentati mera varietas“ Fries in 


Sched. — Um Berchtesgaden. 


y. floccosum: foliis pilosis, anthodiis flocco- 
sis villo parco. — H. glabratum Griseb. in Sched. 
ex parte, nec Fries. — H. dentatum var. Fries. 
Die Sternhaare nehmen auch am Stengel fehr über: 
band. Uebergangsformen zu H. glaucum. Auf den 
Alpen um Berchtesgaden. 


d. subglaberrimum:- absque pilis elongatis 
in caule foliisque; involucro nigro-viridi pilis stel- 
latis et rarissimis simplieibus.. — H. bnpleuroi-, 
des 8. Schenkii Griseb. in Sched. — Unter dem 
Gamsangerl bei Mittenwald bei 5164‘. 


17. Hieracium glaucum: eaule elongato 
gracili simplici aut ramoso ex infimo simplieiter 
paniculato, foliis radicalibus subrosulatis Äinear:- 
dus vel spathulato-linearibus acuminatis jn basin 


‚dilatatanı amplexicaulem sensim angustatis inte- 


gerrinis aut denticulatis; caulinis lanceolatis, li- 
neari-lanceolatis aut linearibus, decrescentibus sum- 
mis squamifornibus numerosis, capitulis medio- 
cribus squamis imbricatis angustatis apice obtu- 
siusculis, stylo fuscescente. 


Die vielgeftaltigfte Art in Anfehung ber Blatt: 
form, VBerzweigung und Behaarung. Die Blätter 
find vom Linienförmigen bis zum Ranzettlichen, meift 
Icderartig, graugrän, ganzrandig oder auch ſchwach 
buchtig gezähnt; die Wurzelblätter immer an der 
Baſis fcheidenförmig erweitert. Der Stengel ift ent: 
weder eintöpfig, oder über der Mitte gablig getheilt 
und jeder Zweig einföpfig, ober riſpig verweist, 
häufig fhon vom Grunde auß, und dabei flach⸗ 
gipflig oder pyramidal, mit aufrechten oder fparrig 
abſtehenden immer faft einköpfigen Acften, bis zu 
15 Köpfchen, wodurd habituell eine auffallende Wer: 
Doch find fie durch alle 
Uebergänge: verbunden. Ebenfo iſt die Behaarung 
verfchieben. “ ' 


Die gewöhnliche Form derfelben ift ganz glatt 
außer einigen Sternhaaren an den Anthobialfchup: 
pen. — H. glaucum Fries in Sched. et Symb. 
p 82. — H. Wildenovü und H. bupleureides 
Griseb. in Sched. 








u 


Auf Kiesbeeten von Yläffen und Felſen, anf. Ralf 

und Dolomit, von 1600° bi6 4864. Blüpe vom Ende 
Ami dis Auguſt. 
ß. semivißlosum:: anthodio villoso nec floc- 
coso, foliis cauleque glabris; squamis invol. ple- 
rumque acutioribus. — H. glabratum Fries. Symb. 
p- 49. Grfiseb. in Sched. (Comment. ex parte.) 

Un Zelfen 3500 — 5700° zerflreut auf Kalk und 
Mergelitein. Blüht im Auguſt. 

y. villosum: caule hirsuto, foliis anthodiis- 
que dense villosis. Sehr lange weiße Haare wie 
bei H. villosum, allein fehr ſchmale linienförmige 
Blätter. Die ſtumpflichen Spigen der Involucral: 
Schuppen, die fchmalen an der Baſis erweiterten 
Blätter unterfcheiben es von H. dentatum. 

Auf der North (Kohrſpihze) bei Ammergau in der 
Kniehoizregion bei 5800’ am 20. Aug. 1853 In begins 
nender Blüthe von Molendo geſammelt. 

Drüfenhaare, wie fie Griſebach bei H. Wildenorvii 
und bupleuroides angiebt, find mie an vielen hundert 
Sremplaren, die ich von dieſer Art in allen Formen un: 
terfucht Habe, nicht vorgekommen. Ebenſo wenig ver: 
mochte Ich einen ſtandhaften Unterfchied zu entdecken zwi⸗ 
fben H. bupleuroides und glaucum, da ihre angeblichen 
Merkmale unter ſich in einer Eombination ohne Gränzen 
fih befinden. 

18. Hieracium staticifolium Vill.: fo- 
liis radicalibus numerosis linearibus aut spathu- 
lato-linearibus acutiusculis paucidentatis aut sub- 
integerrimis glabris, caule paucifolio scapiformi 
rigido simplici aut diviso ramis 1—7 monacepha- 
lis glabris sub capitulo floccosis squamatis, invo- 
Iucro cano - floccoso , squamis acutis imbricatis, 
floribus desiccando rirentibus, stylo luteo, pappo 
sordide albo. 

A. statieifolium Vill. Fries Symb. p. 78. 

Chlorocrepis staticifolia Griseb. Comment. 
pP 75. 

Am Kiesbeet von Alpenflüſſen verbreitet, feltner auch 
auf Felſen 3. B. im Algiu bei Hinterftein gegen bie 
Wilerbalpe auf Dolomit 3712 um Berchtesgaden bei 
Teifchibel auf Kalkmergel fogar bei 5000 auf der Kö: 
nigstbalalpe dafelbft bei 4760°. Am Illerkies bis Ulın, 
am Lechkies bis Augsburg, am Ifarkies bis Landshut, 
am Innufer bis Klofter Gars unter Waſſerburg verbrei- 
tet (1250). Blüpe im Zuni und Juli. 


Bas die Art vor allen Hieracien audzeichnet, 


(nenn 


— —— 


iſt dab Grünwerden ber Blüthen beim Xrodnen, 


nur H. porrifolium fol bei übler Behandlung eine 
Annäberung zu diefer Eigenſchaft verrathen, zu wels 
her Art in der Schweiz Uebergänge von dieſer vors 
fommen follen. 
Griſebach hat eine neue Gattung aus H. staticifo- 
lium gemacht. Ihren Unterfihied von Hieracium bezeichs 
net er: „Achenium ecostatum sexstriatum , striis ex- 
aratum.“ Bei Hieracium nennt er das Achenium 10 
— 13 costatum. Ich weiß nicht, was fie cin linters 
ſchied zwifchen striis exaratis und costis cpilliert. In 
Wirklichkeit zeigt die Berippung von H. staticifolium 
Beinen Unterfchled von Achten Di-racien z. 3. von H. 
glaucum; ebenfo wenig find bloß 5 Rippen oder erha⸗ 
bene Streifen vorhanden, fondern 5 große und 5 Elcinere 
oder 10 gleiche, je nach dem Alter und dem Trocknen. 


Will ınan auf die Farben der Corollen im Trocknen 
einen Gattungscharakter gründen, dann ınuß man auch 
bei Campanula, Gentiana, Cytisus, Orobus, Primula u. 
f. w. neue Gattungen machen. 

Sechio IV. Vulgata. Typice ramosa, foliis ba- 
silaribus rosulalis superiurıbus parum numero- 
sis, au basılarıbus sub anthesi emortus su- 
perioribus numerosis (cuule folioso), peduncu- 
lis et inrolucris nunc glundwlosis nunc eglan- 
dwlosis pilosis; foliis petivlatis dentatis aut 
subinlegerrimis, capitulis mediocribus ligulis 
glabris aut subciliatis. 

Zwei Typen werden an faſt jeder der einzelnen 
Arten diefer Gruppe beobadıtet. Entweder rofeticn: 
artig gehäufte Wurzelblätter mit blattarmem Stengel 
oder zur Beit der Blüthe ohne Wurzelblätter mit 
zahlreihen Stengelblättern, ähnlich wie bei der 
Gruppe dir Hieracia umbellata, bei welcher ebenfo 
auch der erfiere Typus vorkommt nur mit. dem Uns 
terfchiede, daß er bei diefer der untergeordnete if, 
während bei der Gruppe Vulgata er vorherrſcht. 

19. Hieracium laevigatum (Wild.?) 
Griseb.: caule striato e medio ramoso olignce- 
phalo 2 —3phylio superne floccoso eglanduloso; 
foliis glaucescentibus basilaribus rosulatis angvste 
lanceolafis acutis in peſiolum villosum acuıninatis 
remote sinuato - dentatis, caulinis angustioribus 
erectis subsessilibus aut in petiolum semiamplexi- 
caulem attenuatis, pedunculis superne squamaesis, 
capitulis longe pedunculatis mediveribus, involu- 


299 _ 
ero floecnso pilis raris brevibus simplicibus abs- 
que glandulis, squamis- lanceolatis olsusiuscnlis 
imbricatis , longioribus 13 — 20, ligulis glabris, 
stylo fuscescenti-luteo, acheniis Iaete rufescenti- 
helvolis. 


H. Iaevigatum Griseb. Comment. p. 39 non 
Koch. 

H. saxatile Hop. in herb. Ratish. 

H. bifidum in Sched. non Koch. 

H. glauco - vulgatum F. Schultz. Archives 
p. 178. 


Auf den kieſigen AUbhängen um die Menterſchwaige 
bei München mit H. glaucum, vulgatum, ramosum. In 
den Alpen an jteinigen Abhängen bier.und da in Bor: 
arlberg, Schurnizthal, Achenſee, Bad Kreuth, Kaiferges 
birge u. a. a. D. (1700 — 2980°). 

Zwiſchen II. vulgatum und glaucum, immer an die 
Gegenwart diefer beiden Arten gebunden , deren leptere 
möglicheriweife der Vater, cerftere die Mutter ift, indeß 
‚mit gut ausgebilderen Samen und ſehr eonftant in ſei⸗ 
nen Foren angetroffen. Die Inflorescenz ‚ganz wie bei 
H. glaucum, 1 — 7föpfig. 


20. Hieracium caesium Fries: caesium, 


_ fellis . ineiso-dentekis samlinis aumerneis: yon 


caule erecto subaphylio oligocephalo, foliis basi- ' 


laribus rosulatis lanceolatis (aut ovatis Fries) ob- 


tustusculis basi rotundata profunde incisis, margine " 


subtusque plus minus villosis, petiolo laminam 
aequante villoso, falio caulino nullo aut 1 — 2 
petiolo brevi, pedunculis patulo-erectis canescenti 
floccasis pilis parcis simplicibus subeglandulosis, 
capitulis glabriusculis, anıhodio pilis stellatis ca- 
nescenti eglanduloso basi pilis simplicibus, squa- 
nıis aequalibus attenuatis acutiusculis (aut obtu- 
sis: Friesio subobtusis) stylo fuscescenti. 


H. caesium Fries. Symb. p. 112. 


H. glauco-murorum F. Schultz. Archives p. 
178.! 


Un ftein’gen Abhingen auf Kiesteeten, auch auf Ich: 
wigem Boden z. B. am Adhange zwiſchen Zöhring md 
—— bei Münden. 1600 — 53309. Bluͤht im 


Die Eremplare, welchen ich diefe Diagnoſe entneb: 
me, ad vom Jiarabhang bei Zöhring. Hierher dürfte 
wobl auch en Cr uıplar von der Menterſchwaige 1720° 
gehören, weites breitere Blätter, länglicye geſtielte © ren: 
ge'Wlitter, größere Blätter und flumrfe Schuppen bat 
E em Griseb. in Sched.). Deösiekhen eine Ver. 


« 


Mearkles: 
Molendo. 


Hingegen fcheinen andere Exemplare, die Griſekach 
old H. caesium Fr. beſtimmt bat, Andern Arten. anzuge⸗ 
hören. So ſtimmen unter andern Exemplare zwiſchen 
der Oberlahneralpe und den Fundenſee (N. 4657 vom 
22 Aug. 1850) fo vollfoımnen mit Ausnahme der Geifs 
felfarbe mit ächten Eremplaren von H. -ramosum .(Hit.t) 
Griseb. überein, daß man fie ohne den Griffel, der dabel 
dunkelbraun ift, nicht unterfcheiden kann. 

Dafür müſſen wir eine Form mit gelben Griffel 
bieherbringen, welche Griſebach gegen feine Diagnoſe als 


‘ H. vulgatum d. medianum bezeichnet, Fries aber zu H. 


ineisum gebracht hat. Es ifk im Algäu ober den Salz 
bühl ober der Bieberalpe gegen die Rappenſchäfalpe bei 
5300' Höhe in weftlicher Erpofition an 27 li 1849 
nahe dem Verblüßen gefunden worden; mit diefen ſtim⸗ 
men andere von Griſebach als H. caesium anerkannte 
Eremplare vom Zeiger im Algäu auf Mergelfchiefer, die 
indeß noch nicht blühten, befriedigend überein. - 

Noch ein anderes von Fries als H. caesium ber 


ſtimmtes Eremplar mit dunkel blaugrünen Blättern und 


ſchwärzlichen Hüllkelchen gehört nach der Anficht "von 
Fries zu H. vulgatam, jedoch fehlen ihın die Drüfens 
haare am Anthodium. 

Während ich bei H. laevigatum eine Baſtarderzeu⸗ 
gung von H. glaucum und vulgatum vermuthe,. fcheint 
mir flatt vulgatum bier murorum im Epiele zu ſeyn. 

21. Hieracium atratum Fries: caule sub- 
folioso oligocephalo foliis basilaribus rosulatis ob- 
longis aut lanceolatis acutis i# petiolum attenuatis 
plus ninus dentatis, cauling 1 —4 acuninatis 
lanceolatis petiolatis, capitulis 1 — 3 longe pe- 
dunculatis e bracteis linearibus, peduncnlis subeglan- 
dulosis floccoso-canis cum pilis simplicibus bası 
nigricantibus , involucro e pedunculo incrassato 
ventricoso atroviridi squamis subglandulosis parce 
floccosis nigro-pilosis valde atlenuatis, ligulis sub- 
glabris, style fusce. 

H. atratum Fries in Sched. Symb. p. 105. 

H. Inevigatum Griseb. in Sched. 

H. canesceus Griseb. in Sched. 


(Bortfegung folgt.) 








Gelehrte 


Miinchen, 
Nro, 25. 


berausgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen. 
27. Februar. 
1854, 





A. Grisebach, Commentatio de distributione 
Hieracii generis per Europamı geographica 





(Bortiehung.) 

Auf einigen Abhängen, Kalt, Dolomit, Kalkmergel, 
in den höhern Alpen felten. Am Muttenkopf und auf 
Dberinädele im Algäu, am Wetterftein bei Garmifch und 
Karwendel bei Drittenwald. Zwiſchen 5600 und 7000”. 
Ylüht im Auguſt. 

Theilt mit IE. incisum den Wucht, hat aber 
in den Stiel verfehmälerte Blätter. Manchmal find 
diefe buchtig⸗, manchmal tief eingefchnitten gezähnt. 
Die Köpfchen find größer als bei H. murorum, die 
Hüllſchuppen aud ohne Behaarung bunfelgrün, bas 
bei ausgezeichnet zugefpikt. An einem Eremplare 
vom Wetterflein find die Blüthchen deutlich an den 
Zähnen gewimpert. Die Variabilität ber Beblät- 
terung ift wie bei H. vulgatum: zahlreiche Wurzel⸗ 
blätter und wenige am Etengel — und umgelchtt. 

Es ſteht zwifchen H. villosum unb vulgatum 
wie unfer laevigatum zwifchen glaucum und vul- 
gatum. | 

Griſebach Hat ganz und gar ibentifche Exemplare 
fehr verfchieden beftimmt, einige al8 canescena f. mo- 
nocephalum, doch hielt er diefe Beftimmung für proble⸗ 
matifch. 

22. Hieracium ramosum Kit.: caule 
elato folioso corymboso-paniculato 1— 30cephalo, 
foliis basilaribus modo rosulatis, modo sub an- 
thesi nullis, petiolatis oblongis utringue acutis, 
superioribus oblongo - lanceolatis aut laneeelatis 
3--15, pedunculis erectiuscnlis cano - floccosia 
beglandulosis , capitulis snediocribus anthodiis 


cano -viridibus subeglandulosis simpliciter et floc- 
coso- pilosis aut glabratis, squamis imbricatis at- 
tenualis acutiusculis, s/’ylo subluleo (2). 

H. ramosum Kit. Griseb. in Schedulis. Com- 
ment. p. 45. — Fries Symb. p. 114. 

H. angustifolium Gmel. Flor. bad. 

An felfigen oder fteinigen Ubhängen, auf Kies zer 
fireut in Südbayern ziwifchen 1600 und 5000. Wie 
Griſebach ſehr richtig bemerft, früher als H. vulgatum, 
nänlich bei uns um München [yon Mitte Juni blühend. 

a. genuinum: foliis rosularibus nullis, caule 
inciso-serrato oligocephalo, involuero eglanduloso. 
— H. ramosum Griseb. in Sched. et Comment. 
p- 45. — Bei der Menterfhwaige um Münden, 


um Garmifh am Kies der Loiſach (ganz überein⸗ 


flimmend mit den Menterfhwaiger Eremplaren, von 
Grifebab als H. caesium beftimmt) ; in Ober: 
fhwaben. 

ß. rosulatum: foliis basilaribus nonnullis ro- 
sulatis, involucro nonnunquam glanduloso (sed 
stylo luteo) panicula subeorymbiformi polycephala. 
An waldigen Abhängen zwifchen Partenkirchen und 
Mittenwald 2600': Molendo. Am Einddöberg im 
Algäu bei 5000. 

H. ramosum unterfcheidet fi) durch druͤſenloſe Koͤpf⸗ 
hen, gelbe oder braungelbe Griffel, frühere Blütpezeit 
ganz fihön von H. vulgatum, dabei find die Achenen 
sötplich ſchwarzbraun, die Blätter ziemlich freudig grün. 
Alfein diefe Merkınale find nichts weniger als conftant, 
bald geht das eine, bald das andere in das von H. 


vulgatum über, wie zwei merfiwürdige Formen verrathen. 


Die eine von der Dberlahneralpe (von Grifeb. als H. 
caesium befimmt) zeigt die vollftändigfte Uebereinſtim⸗ 
mung mit den Menterfchwaiger Eremplaren des H. cae- 


XXXVIII. 25 


4 


"sium bis auf den Griffel, deffen Farbe dunkelbraun 
if. Man müßte entweder von ber frappanteften Aehn⸗ 
lichkeit in Form, Behaarung und allen babituellen Merk⸗ 
malen vollfommen Umgang nehmen, um dafür einem 
willkuͤrlich gewählten Merkmale ausfchließliche Geltung 
zu geben, wollte man in biefer $orm das H. ramosum 
verfennen, oder zugeftehen, daß ramosum und vulgatum 
eine ächten Arten, oder endlich gar eine neue Art an: 
nehmen, indem man für jede der 4 Combinationen, die 
fi) aus den Merkmalen „drüfenlofe und brüfenfreie, gelbe 
oder braune Griffel“ ergeben, ein Artenrecdht in Anſpruch 
nimmt. So gut indeß Grifebach bei H. umbellatum 
(Comment. p. 49) die DBariabilität der Griffelfarbe an: 
erkennt, ebenfo gut Pann fie auch bier ihre Geltung ba: 
ben, und Grifebach bat fie auch wirklich in der Beftim- 
mung einer andern verwandten Form berückfichtigt, indem 
er die ziveite Form jener oben erwähnten merkwürdigen 
Formen zu H. caesium 309, ein Eremplar mit braunen 
Griffen vom Spätengundrücen (Cinödsberg im Algäu), 
welches ich meinerfeits für ein H. vulgatum mit Antho— 
dien ohne Drüfenhaare betrachten möchte. 


23. Hieracium vulgatum Fries: caule 
robusto folioso laxe fastigato-paniculato foliis ba- 
silaribus aut rosulatis aut nullis petiolis oblon- 
gis v. lanceolatis utrirgue acutis plus minus grosse 
sinuato-dentatis, caulinis 2 — 10 decrescentibus 
breviter petiolatis aut sessilibus panicula laxa 
corymbifera multiflora, ramis patulis, pedunculis 
cano.- floccosis cum pilis glanduliferis, capitulis 
viridibus aut nigricantibus, squamis imbricatis at- 
tenuatis medio nigricantibus glandwoso-pilosis, li- 
gulis glabris, s/ylo fuligineo. 

MH. vulgatum Fries. Nov. 2. pag. 258. — 
Symb, p. 115. — Koch Synops. 2. p. 521. 

An Wäldern, an Waldrändeen, auf Schlägen, Wie: 
fen, ſelbſt Moorwieſen, an Abhängen, mit befonderer 


Vorliebe für Lehmboden bis zu einer Höhe von 5400.. 
Bluͤht im Juli und Auguft. 

Die wichtigften hieher gehörigen Formen find: 

a, genuinum (Fries et Griseb. in Sched.): 
foliis basilaribus vix rosulatis, caulinis numero- 
sis, panicula plus minus effusa. 

Eremplare von Vilshofen an der Donau 950‘, von 
der Nufel im bayr. Walde 2400', von Bapyerbrunn bei 
München 1940, endlich vom Spätengundrücken im Al: 
gaͤu 5400°. " 
| ß. rosulatum Griseb.: foliis basilaribus ro- 
sulatis, caulinis paucis aut nullo.. — Griseb. Com- 
ment. p. 42, 


Eremplare von München um Schwabing auf Neu: 
brüchen 1550, um Hegneberg im Wald 1660, um Was 


riaeinſiedl an einem Waldrand 1620, von Traunſtein in 


der Pechfchnait auf mooriger Waldwieſe 2150. 

y. medianum Griseb. : foliis basilaribus rosu- 
latis, lamina lanceolata a pedunculo discreta, cau- 
linis 1 — 2, capitulis paucis. 

Eultivierte Mooriviefen in Carolinenfeld 1450", 
Hirfhbüpel bei Berchtesgaden 3550°, Gipfel des Zwiſel 
bei Tölz auf Wiefen 4172. 

Variiert außerdem in der Bezähnung, indem 
bie Blätter ſowohl faſt ganzrandig, als auch tief 
eingefchnitten vorfommen. Die Anthodien haben im: 
mer Drüfen. Der Reichthum an Sternhaaren va: 
tiert vom grünen bis grauen Anfehen des Hüllkel⸗ 
ed. Ganz grau habe ich es von der Kruteralpe 
im Algäu 5400' (zu 8. rosulatum). 


24. Hieracium incisum Koch: caule 
oligophyllo oligocephalo, foliis basilaribus ovatis 
aut oblongis obtusiusculis basi subcordata, trun- 
cata aut rotundata profundius dentatis, dentibus 
horizontaliter patentibus, folio in caule nullo aut 
solitario petiolato aut sessili acuminato, pedun- 
culis patentibus cano-floccosis eglandulosis (rarius 
glandulis paucis), capitulis majzsculis, involucro 
cano-villoso adsque glandulis, .squamis attenuatis 
acutis, stylo fusco. 

H. incisum Koch Syn. 2. ed. p. 523. — 
Griseb. Comment. p. 38. 

H. murorum incisum Fries. Symb. p. 110. 

An fleinigen Abhängen und Selfen, auf Kalk, Do: 
Inınit, Mergel zeritreut in den Alpen zwifchen 5200: bis 
6689. Blüpt im Juli und Anguft. 

Eine audgezeichnete Form, wo fie rein auftritt, 
bem H. murorum in Borm ber Blätter ähnlich, 
aber robufter, bie Anthodien auffallend größer und 
behaarter ohne Drüſen. Meift find die Blätter blau: 
grün. Auch hier fommt wie bei H. murorum bie 
violette Särbung auf ihrer Unterfeite häufig vor. 
Samen fhwarzbraun wie bei H. murorum. 

Auf der Peuntalpe im Berggändlethal im Algan 
gegen das Himmeleck babe ich eine intereilante Gruppe 
bieher gehöriger Sormen mit ihren Verwandten bei 4568 
angetrofien, beftehend aus H. murorum 4. alpestre, H. 
ineisum, H. dentstum und H. villosum. Hier zeigten 
fi dergeftalt Uebergänge zwiſchen H. incisum und mu- 


’ 


rorap, daß die nämlichen Eremplare, die Griſebach als 
HL murorum v. alpestre beſtimmt hat, von Fries als 
H. ineisum bezeichnet worden find. Ich babe bei ihrer 
nähern Unterfuchung mich überzeugt, daß bier die Menge 
dee Drüfenhaare , die fi) an den Köpfchen unter bie 
einfachen mifchen, im umgekehrten Berhältniffe zur Größe 
des Hüuͤllkelches ſtehen. Diefe Exemplare liegen in ber 
* Sammlung der ?. Akademie zu München. Auch vom 
Hönenthale habe Ich dergleihhen Uebergänge in Gefell: 
fchaft der Stammpermandten angetroffen, fo daß ich mich 
zu der Vermuthung leiten ließ, daß bier villosum und 
murorum in folgender Weife gewirkt haben: 

villosum villosum 
—— murorum * dentatum. 

Auch diefe Art oder Form kommt mit ligulis ci- 
liatis vor, am Miefing SD. 5360'. 

25. Hieracium murorum L.: caule oli- 
gophyllo superne in paniculam corymbiformem 
laxam paucifloram diviso , foliis basilaribus rosu- 
latis ovatis aut oblongis basi cordata aut trun- 
cala reirorsum dentalis subtus, nervo, margine et 
petiolis villosis subdiscoloribus, caulinis O0 — 2 
in petiolum attenuatis aut basi truncatis, pedun- 
culis patentibus pilis stellatis glanduliferisque dense 
obsitis, involucro glanduloso piloso parce floccoso, 
Kquamis attenuatis acutiusculis, ligulis glabris, 
stylis fuscis, acheniis atrobrunneis. 

H. murorum Fries. Symb. p. 108. | 

» An fleinigen Plägen, Neubrüchen, Abhängen, Zelfen, 
Mauern, dünnbegraften Wiefen, lichten Waldftellen, ge: 
mein bis zu 7000° Höhe. Blüht in der Ebene im Mai 
und Juni. 

Wechſelt: a. involucro nigro-viridi: Vilshofen 
auf Sranit 960%, Schwabing bei Münden 1560’, 
bei Berchtesgaden zwifchen dem Kraut: und Mit: 
terkafer NR. 4574°. 





ineisüm 


b. involucro cano-viridi: Wendlſtein 5367',- 


Höllentbal an ber Zugſpitze 4660’. 

c. involucro virente: Spielmanndau im Al: 
gau 3600’, Srünten 5358. 

d. foliis sinuato-dentatis: Schwabing 1560’, 
Blaueis bei Berchteögaden 5041’, Augsburg. Wet: 
terflein N. 5600'. 


e. foliis inciso - dentatis: Rofenheim 1500’, - 


Regensburg. 
f. foliis subtus 'violaceis: Blaueis 5041', 
München 1600°. 





206 

g. ligulis ciliatis: Wenbelftein 5367°. 

Eine ausgezeichnete Warietät in Hinſicht bes 
Habitus if: 

ß. alpestre Griseb. Comment. p. 37: minor, 
caule subaphylio, oligo - monocephalo. In ber 
Regel find die Blätter an ber Baſis tief einges 
f&hnitten, bisweilen etwas minder fcharf von dem 
Blattfliele abgegränzt. Die Bafilareinfchnitte hori⸗ 
zontal abflehend. Der Stengel etwa ſchuhhoch, blatt: 
(08 oder mit einer ſchmal linienförmigen Bractee, 
oder mit einem gezähnten geflichten Laubblatt um 
die Mitte; 1 — 4köpfig. Der Hülfelh grün oder 
ſchwarz, immer mit Drüfen unter kurzen ſchwarzen 
Daaren, manchmal ohne Sternhaare. In den Als 
ven über 6000’. Auguſt. 


26. Hieracium rupicolum Fries: caule 
tenui  dasi villoso furcalo, superne ramoso aphyllo; 
foliis rosulatis lanceolatis cuspidatis in petiolum 
acuminatis dentatis, capitulis minoribus pedunculis 
cano floccosis subglanduloso - pilosis , involucro 
cano-floccoso eglanduloso, squamis angustissime 
attenuatis ligulis glabris, siylo /uteo, achenio ni- 
gro-fusco. 

H. rupicolum Fries Symb. p. 96. 

H. rupicolum ß. franconicum in schedulis. 
Comment, p. 56 (sed involucro eglanduloso). 

H. bifidum Koch in herbario Zuccariniano. 

Auf Kalkfelfen am linken Donauufee am Michel: 
berg bei Kelheim: Zürneohr, gegenüber bei Weltenburg 
zwifchen dem Kloſter und Dorf, 1150 — 1300'. Ende 
Mai, Anf. Juni. 

An der Baſis ded Stengeld und ben Blatt: 
flielen dicht zottig beyaart. Die Stengel find ge: 
wöhnlih an der Baſis aus ber Achfel eines ſchmal⸗ 
lanzettlichen lang zugefpisten Blattes gablig getheilt, 
böchftens fpannlang, flahgipflig, nach oben verzweigt, 
etwa 2 — 6 Köpfchen tragend. Die Blätter graus 
grün, audgezeichnet durch bie lange Bufpigung, ges 
gen die Baſis buchtig eingefchnitten gezähnt. 

Das verwandte H. Schmidtii vermittelt den 
Uebergang zu unferm H. anglicum. 

Sectio V. Pulmonaria: scapo monocephalo, 
aut caule elato scapiformi aut ramoso, O-poly- 
phyllo, pilis glanduliferis, in paucis per va- 


207 

rielatem eglandulosis, ligulis in plerisque ci- 

liatis. 

So unähnliche Typen in biefer Abtheilung ents 
halten find, fo ſtehen ſie doch unter ſich durch Ue⸗ 
bergangsformen in Verbindung. Die Drüſenhaare 
ſpielen hier eine wichtige Rolle. 

27. Hieracium humile Jacq.: pilis glan- 
duliferis simplicibusque in foltis, caule (e basi) 
et involucris, caule diviso oligocephalo, foliis 
oblongis dusi runcinato-dentatis, basilaribus rosu- 
latis longe petiolatis; caulinis 2 — 3 sessilibus, 
capitulis magnis 1 — 5 in ramis elongatis ad- 
scendentibus, involucro virente squamis elongatis 
attenuato-lanceolatis obtusiusculis. 

H. humile Jacqg. Host. — Fries Symb. p. 
133. — Griseb. Comment. p. 36. 

H. Jaoquinii Vill. Hist. des plantes du Dauph. 
11. ” 4123. tab. XXVIO. — Koch Synops. ed. 
2. p. 324. 

er Felſen (Kalk, Mergel, Kalkhornfteine) zerftreut 
in unfern Alpen von 3500 — 6800°. Juli, Uuguft. 

Diefe Art ift in Anfehung ihrer Form ſtand⸗ 
haft, ohne Uebergänge in andere Arten. Drüfen- 
haare an den zerfchnittenen Blättern, deren Ab- 
ſchnitte getrennt in den Blattfliel herabrüden, zeich- 


nen fie aus. Der Stengel ift meiftend in feinen 


untern Theilen violett, desgleichen auch die Unter: 
feite von Blättern. 

28. Hieracium anglicum Fries: foliis 
radicalibus spathulatis obtusis in peliolum longum 
acuminatis subintegerrimis glabris, caule scapiformi 
adscendente erecto elato glabro monophyllo folio 
supra basin obovato - spathulato breviter acumi- 
nato denticulato in petiolum alatum acuminato, 
versun apicem furcatim subfastigiato-ramoso (capi- 
tulin longepedunculatis in nostro specimine senis), 
pedunonlin pilis brevibus nigricantibus immixtis 


ylanduliferis paucis, involucro nigricante pilis bre- 


vilmm hun ntrin absque glandulis piloso, squamis 
(longloribun 16 — 20) attenuatis obtusiusculis, 
nehuniin helvoloerubrin, pappo fuscescenti-albo. 
IM, unglieum Vrien Symb. 2. 93: „Est ge- 
nun Myunlan !" Kılen In Sched. 
Km grafigen Abhange ded aroßen Seekopfes ober 
dem Terulperfen I Algen mube dem Gipfel gegen N. 


auf Mergel: und Kalkhornfteinfchiefer bei 6200, am 2 
Sept. 1848 verbläht angetroffen. 


Die Inflorescenz : Befchaffenheit ber Köpfchen 
bat mit unferm H. gothicum Aehnlichkeit, doch -find 
die Köpfchenftiele aufrechte. Der Table, . nadte, 
fhaftartige fehuhlange Stengel mit 2 Wurzel: und 
1 Stengelblatt nahe ber Baſis giebt ber Pflanze 
unter den Dieracien ein befonderes Anſehen. 


29. Hieracium gothicum Fries: caule 
tenui rigido erecto, inferne pilis simplieibus dis- 
sitis pilosello, superne pilis brevibus scadro, im- 
mixtis glanduliferis et stellatis, foliis basilaribus 
(imis minoribus plerumgue emarcidis ellipticis utrin- 
que rotundatis) petiolatis, oblongo-lanceolatis aut 
lanceolatis utrinque attenuatis, caulinis tn dasin 
petioliformem semiamplexicaulem angustatis, cunctis 
remote dentatis dentibus acuminatis, utrinque parce 
pilosis rigidulis, summis bracteiformibus, panicula 
subfastigata 2 — 10 flora, capitulis in pedunculis 
elongatis rigidis adscendentibus, nigro glandulo- 
sis et cano - floccosis, involucro imbricato nigri- 
cante pilis glanduliferis atris immixtis stellatis, 
squamis margine obscure viridibus obtusis, ligulis 
glabris, stylo fusco, acheniis e rubro atro-fusces- 
centibus. 

H. gothicum „forma gracilis macilenta; in- 
volucra huius numquam cano - floccosa, in vivo 
atroviridia.“ Fries in Sched. — Symb. p. 121. 

H. vulgatum: irriguum Griseb. in Sched. 
(Commentatio p. 439. 

Im bayrifchen Walde anf dem Lufen: v, Spigs 
(diefe Eremplare find die von Fries beurtheilten); Krum⸗ 


bay in Vorarlberg zunächſt der bayrifchen Gränze. 
5400. Sept. 


(Sortfegung folgt.) 


Gelehrte 
München, 


herausgegeben von Mitgliedern 
der E&, bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen 


27. Februar. 
1854, 





A. Grisebach, Commentatio de distributione 
Hieracii generis per Europam geographica. 





(Bortjepung.) 

Auf fteinigen Ubhängen, Kalk, Dolomit, Kalkmergel, 
in den höhern Alpen felten. Am Druttenfopf und auf 
Dbermädele im Algäu, am Wetterftein bei Garmifch und 
Rarwendel bei Mittenwald. Zwiſchen 5600 und 7000”. 
Blüht im Augufl. 

Theilt mit II. incisum den Wuchs, hat aber 
in ben Stiel verfehmälerte Blätter. Manchinal find 
diefe buchtig⸗, manchmal tief eingefchnitten gezähnt. 
Die Köpfchen find größer al8 bei H. murorum, die 
Hüllſchuppen auch ohne Behaarung dunkelgrün, da⸗ 
bei audgezeichnet zugefpikt. An einem &remplare 
vom Wetterflein find die Blüthchen deutlich an den 
Zähnen gewimpert. Die KWariabilität der Beblät⸗ 
terung iſt wie bei H. vulgatum: zahlreiche Wurzel⸗ 
blätter und wenige am Stengel — und umgekehrt. 

Es ſteht zwifchen H. villosum unb vulgatum 
wie unfer laevigatum zwifchen glaucum und vul- 

tum. 

Grifebah Hat ganz und gar identifche Exemplare 
fehr verfchieden beftimmt, einige als canescena P. mo- 
nocephalum, doch hielt er diefe Beftimmung für proble: 
matifch. 

22. Hieracium ramosum Kit.: caule 

elato folioso corymboso-paniculato 1— 30cephalo, 
foliis basilaribus modo rosulatis, modo sub an- 
thesi nullis, petiolatis oblongis utrinque acutis, 
superioribus oblongo - lanceolatis aut laneeolatis 
3 —- 15, pedunculis erectiuscnlis cano - floccosia 
snbeglandulosis , capitulis mediocribus anthodiis 


cano - viridibus subeglandulosis simpliciter et floc- 
coso- pilosis aut glabratis, squamis imbricatis at- 
tenuatis acutiusculis, s/ylo subluleo (?). 

H. ramosum Kit. Griseb. in Schedulis. Com- 
ment. p. 45. — Fries Symb. p. 114. 

H. angustifolium Gmel. Flor. bad. 

An felfigen oder fteinigen Abhängen, auf Kies zer 
ftreut in Süpdbayern zwifchen 1600 und 5000. Wie 
Grifebach ſehr richtig bemerkt, früher als H. vulgatum, 
nämlich bei uns um München fchon Mitte Juni biühend. 

a. genuinum: foliis rosularibus nullis, caule 
inciso-serrato oligocephalo, involuero eglanduloso. 
— H. ramosum Griseb. in Sched. et Comment. 
p. 45. — Bei der Menterfhwaige um München, 


um Garmifh am Kied der Loiſach (ganz überein: 


flimmend mit den Menterfhwaiger Exemplaren, vor 
Grifebach als H. caesium beftimmt) ; in Ober: 
fhwaben. 

ß. rosulatum: foliis basilaribus nonnullis ro- 
sulatis, involucro nonnunquam glanduloso (sed 
stylo luteo) panicula subcorymbiformi polycephala. 
An waldigen Abhängen zwifchen Partenlirchen und 
Mittenwald 2600': Molendoe. Am Einöböberg im 
Algäu bei 5000. 

H. ramosum unterfcheidet fi) durch dräfeniofe Köpf: 
chen, gelbe oder braungelbe Griffel, frühere Bluthezeit 
ganz ſchön von H. vulgatum, dabei find die Uchenen 
söthlich ſchwarzbraun, die Blätter ziemlich freudig grün. 
Allein diefe Merkmale find nichts weniger als conftant, 
bald gebt das eine, bald das andere in das vou H. 
vulgatum über, wie zwei merkwürdige Formen verrathen. 
Die eine von der Dberlahneralpe (von Griſeb. ald H. 
caesium beſtimmt) zeigt die vollftändigfte Uebereinſtim⸗ 
mung mit den Menterfchwaiger Exemplaren des H. cae- 


XXXVII. 25 








211 


tesgaden ſelten: am Schneibſtein bis zum Gipfel 6066, 
am kleinen Teufelshorn ſüdlich 6443° zahlreich, ober der 
Triſchibelalpe 5438° einzeln. Auguſt. 

. 3%. Hieracium alpinum L.: foliis radi- 
calibus rosulatis spalhulatis oblusis in petiolum acu- 
seinafis repando-denticulatis, came scapiformi 1—3- 
phylio simplici aut diviso ramis monocephalis 
pilis nigricantibus patentibus villogo immixtis glan- 
duliferis versus capitula pube stellata, foliis cau- 
linis semiamplexicaulibus lanceolatis aut spathu- 
latis, capitulo majusculo .villoso cum pilis glan- 
duliferis, squamis imbricatis attenuatis acutius- 
culis. 

H. alpinum L. Fries Symb. p. 69. — Gri- 
seb. Comment. p. 28. 

Auf Wieſen und felfigen Orten auf kieſelhaltigen 
Geſteinen, Mergel, Kalkhornſtein, Sandſtein in unſern 
Alpen zwiſchen 5100 — 6800 ziemlich verbreitet. Blüht 
im Juli und Auguſt. 

An allen unſern Exemplaren ſind die Koͤpfchen 
ſchwarzzottig, höchſtens ſpannlang. Man kann auch 
in unſern Alpen als Formen unterſcheiden: 

a. genuinum; foliis in petiolum longe acu- 
minatis integerrimis aut subdentatis, scapo 1—2 
cephalo. 


ß. Walleri Griseb. Comment. p. 28: foliis 
lanceolatis inciso-dentatis. — H. Halleri Vill.? 


33. Hieracium amplexicauleL.: caule 
e basi laxissime paniculato ramoso el glanduloso- 
piloso viscido, foliis glanduliferis, basilaribus rosu- 
latis .obovato-oblongis rotundatis in petiolum acu- 
minatis, grosse inaequaliter inciso-serratis, petiolo 
villoso, caulinis cordato-oblongis aut cordato-ova- 
tis plerumque amplexicaulibus, inferioribus inciso- 
serratis acutiusculis, summis integerrimis acumi- 
'natis, ramis patulis dichasia aut cincinnos referen- 
tibus folioso-bracteatis, anthodio virente squamis 
lanceolatis acuminatis. 

H. amplexicaule L. Fries Symb. p. 75. 

In Bayern bloß um FZüffen an der Straßenmauer 
zwiſchen Füſſen und dem Lechfall beobachtet: Cinfele, 
Loßbeck. 

Mit dieſer ‚außgezeichneten nicht zu verwech⸗ 
felnden Art vereinigt Grifebady das H. pulmona- 
rioides Vill. Hist. de plantes du Dauphine Ill. 





sig 


p. 133) Comment. p. 34 und giebt dieſe Warietät 
gleichfalls als in Bayern vorlommend an. Bon 
uns ift fie indeß nicht beobachtet worben. 

34. Hieracium intybaceum Wulff.: 
caule sıcafo glanduloso-piloso, aut brevi scapifor- 
mi monocephalo aut folioso ramoso 2 —5cephalo; 
foliis ‚glanduliferis basilaribus rosulatis lineari- 
spathulatis ovali - lanceolatis crenato - serrulatis 
inciso - dentatis, foliis caulinis lineari - lanceolatis 
obtusis amplexicaulibus inciso - dentatis, bracteis 
subfoliaceis in pedunculis elongatis capitula invo- 
lucrantibus imo superantibus, involuero suburceo- 
lato glandulifero, squamis Janceolutis acuminalis 
nigroviridibus. 

H. intybaceum Wulf. in Jacq. Fl. austr. ic. 
app. (1778) p. 43. Diefer Name if, wie Gri—⸗ 
febach gezeigt hat, älter ald der von Villars. 

H. albidum Vill. Prosp. de l'hist. de Dauph. 
1779 p. 36. — Koch. Syn. ed. 2. p. 527. 
Fries Symb. p. 156. 


Schlagintweitia intybacea Griseb. Comment. 
p- 76. 


In den Alpen Bayernd auf einer abfchüfligen 
Wiefe auf ber Sübdfeite ber Höfats auf liaſſiſchen 
Sciefern (Kalkmergel und Hornflein) bei - 5900’, 
am 25 Sept. 1852 verblübt. 

‚ Diefe Art, ausgezeichnet durch hellgrüne Farbe 
ber Blätter und bleiches Gelb ber Blüthen, iſt un- 
gemein verändberlich in Anfehung ber Blattform und 
VBerzweigung. Sie erfcheint fowohl mit rofettenar: 
tig geftellten Wurzelblättern und nadtem einfachen 
niedern Schaft, als (in der Gultur) mit abgeflorbe- 
nen Wurzelblättern, äftigem und blattreichem Sten: 
gel, und verbindet fo den Wuchs von H. piliferum 
mit dem des H. prenanthoides. Die Bracteen, 
welche fih an dem Schafte oder Blüthenſtielen be: 
finden, werben gewöhnlich ziemlich groß und grup⸗ 
pieren fih um den Hüllkelch in Form eined äußern 
Hüllkelches, welcher an Länge dem innern mitunter 
gleihfommt, ja fogar ihn bisweilen weit überragt. 
Dies ift jedoch Feige regelmäßige Erfcheinung und 
fogar variabel an den verfchiedenen Köpfchen ein 
und berfelben Art. Griſebach fand in biefer Be: 
fchaffenheit der Bracteen Veranlaſſung, der Art ei: 





ud beigelegten Gosmographie, welchen der Kirchen: 
vater Hieronymus aus dem griechifhen Originale 
überfegt und in ben vorliegenden Audzug gebracht. 
haben foll. 


Ders der Süngere bat feine Unterfuchungen 
über die Cosmographie des Aethikus in drei Bücher 
eingetheilt. Im erften Buche handelt er von ber 
Cosmographie bed Julius Honorius, im zweiten von 
den Handfchriften der Cosmographie des Aethikus, 
welche d'Avezac als die phyſiſche Cosmographie be: 
zeichnet, im dritten von der Ueberſetzung dieſer Cos⸗ 
mographie durch den heiligen Hieronymus. Pertz 
nimmt drei verſchiedene Recenſionen des Textes der 
geographiſchen Cosmographie an. Den erſten Theil 
derſelben legt er dem Julius Honorius bei, die de- 
xeriptio tripartita Dagegen weist er dem Oroſius zu, 
der fie entweber verfaßt oder entlehnt habe. Das 
itineraiium Antonini wird von ihm nad dem Bor: 
gange von Parthey und -Binder dem Berfafler der 
descriptio quadripartita nicht beilegt. 


den Namen bed Aethikus enthalten und bie Zeug⸗ 
niffe der Schriftfleller, welche von dieſer geographi: 
fhen Cosmographie fprechen, erſt mit dem zehnten 
Sahrhunderte beginnen. 


Die phyfiſche Cosmographie dagegen legt Perk 
im zweiten Buche einem Aethilus wirklich bei. Er 
flellt die Beugniffe des Gelebrten und ihre Auszüge 
aus dieſer Schrift zufammen und gibt eine Webers 
fiht der Handfchriften, die er nach ihrer Beſchaffen⸗ 
heit in zwei Glaffen theilt, wobei er von ber bei: 
feren Claſſe bemerkt, daß fie nur drei AMhöfchriften 
enthalte. 


Am dritten Buche verwirft Verb die Gründe 
derjenigen, welche bem heiligen Hieronymus Die 
Ueberfegung dieſes Werkes abfprechen, fucht biefelbe 
mit mehreren Gegengründen aufrecht zu erhalten, 
gebt auf das glagolitifche Alphabet über, welches 
zuerfi dem Aethikus und ſodann dem heiligen Hie⸗ 
ronymus beigelegt wird, und fließt, nachdem er 
ein Citat Fredegar's über den troianifchen Urfprung 
der Franken in ber phyſiſchen Cosmographie nach: 
gewiefen hat, mit ber WBerfiherung, bad Geburts: 
jahre des Aethikus bfrfte in das erfle Jahr bed 





An Bezug 
auf Aethifud bemerkt er, daß nur drei Handſchriften 


284 


vierten Jahrhundertes fallen, die Ueberſetzung bes 
heiligen Hieronymus aber zwifhen 396 und 409 
verfaßt worden fein. 

Wuttke bat fhon in feiner Abhandlung fiber 
Erdkunde und Karten bed - Mittelalters, welche im 
Naumannd Serapeum erfchien, einige Andeutungen 
fowopl über die geographifce wie über die phnfifche 
Cosmographie des Aethikus gegeben. Mit erfierer 
befchäftigt er fi in dem vorliegenden Werke nur 
im Vorübergehen (S. XCIV seq.) und verweist 
größtentheild auf feine früheren Bemerkungen. 

Die phyſiſche Codmographie dagegen wirb aus: 
führlich befprochen, indem der Verf. in der Einlei⸗ 
tung ©. VI bis CXXXIII von dem Inhalte und 
dem Werthe der Bücher des Aethikus, von feiner 
Lebendgeichighte, von Hieronymus, dem Bearbeiter 
bed Aethikus, handelt, die Handfchriften befpricht, 
welche ihm bekannt geworden find und hierauf (von 
S. 1 — 127) ben Xert der phyſiſchen Cosmo: 
graphie nebft Eritifhen Anmerkungen folgen läßt. 

Den Berfaffer der phyſiſchen Cosmographie be: 
zeichnet Wuttke ald einen Griechen und als Aithi- 
kos, um ihn dadurch von dem Verfaſſer ber geo: 
grapbifhen Gosmographie, dem Kateiner Aethikus zu 
trennen. Won der geographifhen Cosmographie fagt 
ee S. XCVI, e8 liege die Vermuthung nahe, daß 
der Name des Cosmographen Aithikos ihr irrthüm⸗ 
licher Weife vorgeſetzt worden fei, 

Bon dem Verfaſſer der phyſiſchen Cosmogra- 
phie aber glaubt er als wahrfcheinlic annehmen zu 
dürfen, daß Aithikos im dritten Jahrhunderte feine 
Reifen gemacht, noch in den erften Sahrzehnten des 
vierten Jahrhundertes gelebt, Hieronymus aber die 
Bearbeitung feines Werkes erft na 394 unternom⸗ 
men babe. 

Ref. will, um biefe Anzeige nicht zu fehr aus⸗ 
zubehnen, bier nur zuerft die Anfichten Über bie 
geographifche Cosmographie, dann bie Über die phy⸗ 
fiihe Cosmographie des Aethikus einer näheren Prüs 
fung unterziehen. 

Eine völlige Uebereinflimmung bed bei Gronov 
gebrucdten Textes der beiden Verzeichniſſe des Aethi- 
kus und des Julius Honorius haben weder d'Ave⸗ 
zac, noch Pertz, noch Wuttke angenommen, weil ſich 


215 
luero mediocri, squamis subuniseriatis lineari- 
lanceolatis obtusis viridi - nigricantibus margine 


pallidis 12 — 20 glanduliferis, ligulis - ciliatis, - 


stylis nigro-furcis. . 
HI. lanceolatum Vill. hist: de plantes du. 
Dauphine IH. p. 126. Tab. XXX. ? 

Im Algäu bei Oberſtdorf am Söllerfopf aın Grat 
gegen Schlappolt bei 5562° in der Nähe der höchften 
Zichtenhäume. Don Brügger in Graubünden gefammelt 
ztoifchen Lavin und Süß in Gebüſch am Flüelabach bei 
ungefähr 4000. , 

Die Pflanze ift 2—3' hoch. Die untern Sten- 
gelblätter find 5 — 7' lang, die obern immer für: 
zer; an den bayrifchen Eremplaren find fie tief und 
entfernt, an ben fchweizerifchen ſchwach gezähnt. 
Die Inflorescenz ift eine verlängerte verzweigte Rifpe. 
Ihre Befchreibung,, den fhweizerifchen Eremplaren 
entnommen (bie bayrifchen blühen noch nicht), flimmt 
nicht ganz mit der citierten Abbildung und Beſchrei⸗ 
bung von Billard, allein fie ficht dazu in gleichem. 
Verhältniſſe als gewifle Eremplare von H. cydo- 
niaefolium zu andern der gleichen Art und des 
gleichen Standortes (Höfats). Die Köpfchen find 
grüner und die Inflorescenz ift minder außgebreitet, 
als bei H. prenanthoides, die Blätter überdies bei 
weitem länger. Won der Gruppe der Sabauda, 
welche fie mit H. prenanthoides verbindet, unter: 
ſcheidet fie ſich durch Die gewimperten Ligulä. 

37. Hieracium prenanthoides Vill.: 
caule elato simplici folioso superne paniculato- 
ramoso, inferne pilis simplicibus, superne pilis 
dense glanduliferis cum pedunculis et capitulis 
nigricantibus, foliis basilaribus sub anthesi emar- 
eidis, caulinis omnibus Wasi late cordata v. subau- 
riculata semiamplexicaulibus panduraeformibus lan- 
ceolatis aut ovalibus, margine et subtus pilis simpli- 
cibus, sinuato-dentatis rarius inciso-dentatis aut sub- 
'integerrimis, summis decrescentibus, panicula diva- 
xicato - aut patentim ramosa foliosa, foliis cordato- 
lanceolatis aut cordatis acuminatis, involucro ovato- 
eylindrico nigro-viridi dense glanduloso - piloso 
nonnunquam floccoso-canescenti, squamis lanceo- 
latis attenuatis obtusis, longioribus sub 12nis, 
stylo nigro fuligineo, ligulis ciliatis. 

H. prenanthoides Vill. Fries. p. 160. 





si16 


Auf Alpenwieſen von mergeliger ober fandiger Bo: 
denart, zwifchen 4300 und 6000‘. Ende Auguſt und 
September. 


Die geigenfdrmig über der Bafis verfchmäler: 
ten Blätter zeichnen diefe Art aus, die indeffen alle 
Uebergärige zeigt zu H. denticulatum, lanceolatum 
und picroides, fo daß biefe Namen nur einer ein: 
zigen Art anzugehören fcheinen. Die Farbe der Ache- 
nen geht vom Lederfarben in's Röthliche und Roth: 
braune über. | 


Nicht leicht zeigt fich die Wahrfcheinlichleit von 


- Baftardformen irgendwo größer, als zwifchen 
H. prenanthoides und murorum Beobachtungen 


verrathen. Ich habe Eremplare, bie fowohl Fries 
ald Griſebach als hieher gehörige Formen anerkannt 
bat, im Algäu um bie Linkersalpe bei 5150 
Höhe in Sefellfhaft von H. murorum am 238 Zuli 
blühend angetroffen, bie fi von andern noch lange 
nicht blühenden Achten Eremplaren bed H. pren. 
erfiend_ durch bie Gegenwart grüner rofettenartig 
geftellter Wurzelblätter, zweitens durch die Armuth 
an Ötengelblättern (2 — 3), drittens dur) arms 
koͤpfige Inflgrescenz und viertens durch die Fleineren 
Hüllkelche auszeichneten, die ganz denen von H. 
murorum ß. alpestre glihen. Nur die Form ber 
Stengelblätter Eonnte die genannten Autoritäten 
veranlaffen, fie für H. prenanthoides zu erklä— 
ven, obgleich auch dieſe Form durch die größere 
Berfhmälerung der Bafis von der gewöhnlichen auf: 
fallend abwich. | 


(Schluß folgt.) 








Gelebrte 


München. 
Nro. 27. 


oe berausgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen. 
3 März. 
1854. 


° 





A. Grisebach, Commentatio de distributiene 
Hieracii generis per Kuropam geographica. 





Schluß.) 

38. Hieraciunf denticulatum Sm.: caule 
elato inferne simplici piloso, superne in cymam 
laxissimam ramoso parce glanduloso-piloso, foliis 
basilarıbus (sec. Griseb. sub anthesi emarcidis, 
in nostris speciminibus vigentibus) petiolatis ob- 
longo-lanceolatis utringque acuminatis utringue prae- 
cipue ad marginem pilosellis, subtiliter et remote 
denticulatis, superioribus eordato oblongis, non- 
nullis versus basin angustatis, ounctis amplexi- 
caulibus acuminatis basi sinuato -dentatis, pani- 
culae paueiflosae laxae ramis pedunculisque pa- 
tentibus glanduliferis virentibus, involuere minori 
virente glandulifere,, squamis laneeolatis attenua- 
tis obtusiusculis, ligulis oiliatis, stylo atro - fu- 
ligineo. 

H. dentieulatum Sm. Griseb. in litt. (Com- 
ment. p. 31). 

Im Algäu im Rappenalpertfale und um bie Bu: 
chenrainalpe bei 3600’ Häufig. Ende Auguſt. 

Auch bier variieren bie Achenen und zwar an 
einem und bemfelben Eremplare von bleich 
Lederfarben bis zum lebhaft Braunrothen. Alte 
Eremplare, die ih im Rappenalperthale traf, bat: 
ten zue Zeit der Blüthe gut erhaltene Wurzelblätter. 
Die Imfloredcenz gli ber von H. murorum. 


Secio VI. Umbellata: caule elato 
aphyllo superne dense foloso eglauduloto. 


Dass 


39. Hieracium tridentatum Fries: caule 
basi subaphyllo, superne folioso; foliis inferiori- 
bus breviter petiolatis, saperioribus sessilibus de- 
erescentibus lanceolatis acutis basi attenuatis aut 
rotundatis , panicula subeorymbiformi invelucro 
virente squamis imbricatis appressis raru floccosis 
aut pilosis attenuatis obtusis, stylo luteo fusces- 
cente (acheniis rufo-brunneis). 

H. tridentatum Fries in Sched. — 
p- 171. 

H. laevigatum Koch Synops. ed. 1. p. 461. 

H. rigidum Koch ed. 2. p. 530. 

H. rigidum f. tridentatum Griseb, Comment, 

. 47. 

r An Waldſäumen, in Gebüſch, auf lehmigem oder 
ſandigem Boden zerſtreut bis zu 2994’ Höhe. Blüht im 
Juli, Anf. Auguft. 

Manchmal find zur Zeit der Blüthe an der Baſis 
bed Stengeld einige Blätter übrig, welche lanzett⸗ 
förmig und in dem Blattfliel zugefpist find. Stens 
gel und Blätter reich an Purzen Haaren. Griffel 
von Griſebach braun angegeben, von uns fomwohl 
braun als auch gelb beobachtet. 

Var. inciso-serratum. — H. aestivum Fries 
in Sched. — H. boreale y. virescens Griseb. — 
Beiderſeits mit 4 — 6 regelmäßigen fehr tief eins 
gefchnittenen Bähnen. Bayerbrunn bei München 
1940°. Anf. Augufl. j 

40. Hieracium boreale Fries: caule basi 
apbylio, sauperne dense folioso, foliis decrescen- 
tibus imis aut oblongo - lanceolatis in petiolum 
attennatis aut sessilibus, superieribus ovato-lan- 
ceolatis ac sinnato-densatis, panicula subracemi- 

AXXVINL 27 


Synb. 


219 


formi in corymbum terminata, pedunculis floccosis 
in capitulum incrassatis squamosis, involucro 
atroyirente imbricalo floccis paucis, squamis lan- 
ceolatis nbtusis erectis, stylo fuligineo (acheniüs 
rufo-atris). 

H. boreale Fries. Nov. p. 261. — Synb. 
p- 160. 

In Wäldern, an Waldfäumen, Schlägen verbreitet 
Bis 2450°. Ende Auguft, Anfangs Geptenber. 

ß. lactucaceum. Fröl. Griseb. Comment. p. 54. 
— Foliis inferioribus ovalibus utrinque angusta- 
tis petiolis superioribus abrupte decrescentibus 
involucro virente. Wir haben bie audgezeichnete 
Varietät 8. um Münden ganz übereinſtimmend mit 
denen aus der Schweiz und denen vom Nitten bei 
Boben und ebenfo auch mit der Befchreibung von 
Srifebah. Man möchte fie ald eine befondere Art 
ſchon wegen ihres Mangeld an Üebergängen be⸗ 
trachten. | 

41. Hieracium umbellatum L.: caule 
sub anthesi basi aphyllo, superne dense folioso, 
foliis lanceolatis obtusiusculis sessilibus margine 
paucidentatis revolufis pilis brevibus hispidis, sum- 
mis decrescentibus sensim in bracteas transeun- 
tibus, panicula corymbiformi aut umbelliformi pe- 
dunculis in capitulum incrassatis apice squamatis, 
'involuero imbricato glabro nigro - viridi, squamis 
lanceolatis obtusis, exterioribus brevioribus squar- 
roso reflexis, stylo luteo aut fuligineo, achenio 
rufo. 

H. ae Fries Symb. pag. 177. — 
Griseb. Comment. p. 48. 

Sn Hecen, an aldrändern Sglagen verbreitet 
bis 4000°. 

8. limonium Griseb. 


-Ium. Gacchingerhaide * 


Ueber die Verſchiedenheit der Griffelfarde bei 
dieſer Art führt Grifebach wichtige Bemerkungen an 
(ſ. Comment. pag. 49, wo er rügt, daß Fries 
zu fehr auf die Farbe des Griffels ſich verlaſſen 
habe). 

Um Berchtesgaden giebt ed eine viel früher 
blühende Varietät (13 Juli 1850) mit breiten 
Blättern in ber Nähe bed Semmelbauern bei 1900°. 

Hieracium speciosum Hornem., welches Srölich in 


.49 — monocepha- 





. 
— D 2» 


den Algäueralpen anführt (Koch Syn. 2 ed. p. 518 
und Griseb. Comm. p. 70), ift mie daſelbſt zu finden 
ebenfo wenig gelungen, al& Hieracium saxatile Jacq. 
von Froͤlich im Algäu angegeben. 


D. Sendtner. 





Handwörterbuh des hemifhen Theils 


der Mineralogie von C. F. Rammels: 
berg. 5 Supplement. Berlin 1853. (Verlag 
von C. ©, Lüderig.) 


Diefed Wert hat im Jahre 1841 feinen An: 
fang genommen unb wurde von Beit zu Zeit bis 
zum vorliegenden Hefte mit Nachträgen über bie 
neueren Arbeiten ergänzt. Die Analyfen und ches 
mifchen Unterfuchungen mehren fih in der Mineras 
logie täglih und es iſt eine mühevolle Aufgabe, 
Alles hierauf Bezügliche zu fammeln, zu vergleichen 
und kritiſch zu beleuchten, das Buch iſt daher längfi 
zum Bebürfniß geworben und nöthig, um auf diefem 
Geld zu einer Ueberficht zu gelangen, es wächst aber 
der Werth deöfelben unvermerdt mit der Zeit, indem 
es ſich zu einer Shronik für die chemifche Geſchichte 


der Mineralien gefta'tet. — Der Verf. befpricht im 


der. Einleitung einige allgemeine Werhältnifle, Dar: 
unter den Sfomorphismus und bemerkt, dag Schee⸗ 
rers Anfichten buch deflen neuere Arbeiten Feine 
Stüge gewonnen haben. Es fehlt in der That fehr 


‚oft an Nachweis der Kruflallifation und iſt es eine 


mißlihe Sache, daß immer nur dad Wafler Die 
Talkerde erfegen fol, nicht aber in ähnlicher Weiſe 
die Talkerde dad Waſſer. Die Audgleihungen mit 
Sonderung des Kıyflallwafiers in einigen Salzen 
baben auch ihre Bedenklichkeiten, denn wie ich fchon 
früher erinnert babe, verhält es fich mit diefem 
Waſſer wie mit Sauerfloff oder Schwefel in gewiſ⸗ 
fen Orpden und Sulphureten, wobei man auch ei⸗ 


nen Kroftallfauerfloff und Kryſtallſchwefel unterfchei- 


den müßte, wozu man biöher keine Urfache gefunden 
bat. Die neuern Bemühungen, den vorlommenden 


1 


Iſomorphismus bei ben monoaren Mineralien zu 
deuten, haben wenigfiend die Thatſache beftätigt, 
daß auch bei den monoaren Syſtemen eine ähnliche 
Sormengemeinfchaft beſtehe wie fie im tefleralen Sp⸗ 
ſiem vorkommt. Ich habe fhon im Jahre 1832 
auf diefe Werhältniffe bingewiefen *) und, wie ich 
glaube, zuerft ausgeſprochen, daß aus den bamals 
zufammengeftelten Beobachtungen „mit Beftimmtheit 
bervorgehe, daß bei monoaren Mineralien ganz 
verfchieben zufammengefegte Mifhungen nicht nur 
ſehr ätmliche, fondern felbft vollkommen gleiche For⸗ 
men zeigen,“ und ferner geäußert: „bie Meinung, 
daß jede eigenthämliche Specied ber nicht analog 
zufammengefegten Mineralien ihre. eigenthümliche 
Stammform befige, ift nicht mehr haltbar und ber 
Schluß, daß analog zufammengefegte Mineralien 
ifomorpb- oder bomdomorph find, darf nit fo ums 
gelehrt werben, daß bei monoaren Syſtemen ifo: 
morphe ober hbomdomorphe Kryftallifation auch gleis 
che ober gleichmäßige (relativ gleiche) chemifche Zu⸗ 
fammenfegung verrathe.“ Bei diefer Gelegenheit 
habe ih auch auf eine von ben neuern Forſchern 
überfehene Iſomorphie oder Kormengemeinfchaft zwi⸗ 
ſchen Apophyllit und Anatad, und zwiſchen Hämatit 
und Calcit aufmerlfam gemacht. Wenn man bie 
Formen biefer Mineralien für gleiche Stammform 
berechnet, fo ſtellt fi) folgender Zufammenhang ber 
Kryſtallreihe heraus: 

Randktw. Vorkommen bei Zeichen nad 





Naumann. 
1) P 121° 0° Apophyllit pP 
Anatad P= 
232) 2P 148924' Anatas 2P 
3) zP 619 2° Apophyllit P 
4) 4P 38956‘ Apophyllit Ir 
Anatas Z pP 17 27 
5) 3P sa 136°24' Anatad P 
6, 43P 64° 0' Apophyllit Po 
n3Po 53° 8' Anatas pP 
8) 3P 39018’ Anatab P 
9),3P 2890 4° Apophylit Po 


) Neues Jahrb. d. Ch. u. PH. v. Schweigger-Sei: - 


dei 3. IV. p. 410. 





- 
1: 


Scheitlktw. Vorkommen bei Beichen nach 
Naumann. 
1) R 156° 2° Caleit R 
2) R 142956‘ Dämatit R 
3) — IR 134957' Calcit — 4—R 
4) — àR 1150 6° Calcit — ZR 
Haãmatit — R 
5) R 105° 5 Calcit R 
6), — 3R 95028. Calcit —3R 
7) —2R 88018 Calcit ER 
8) R 85058 Hämatit R 

Korund 

Ilmenit x. 

9) -- IR 78951’ Calcit — 3R 
10) —!£R 680%42° Hamatit —2R 
Korund — 2R 
Chalkophyllit? — 2R 
11) 4R 65050° Gatcit 4R 
12) 8R 61929 Crichtonit 5R 
13) —14R 60031 Calcit — 14R 


Dieſe Art von Iſomorphismus bezieht ſich auf 
die äußere Seftalt, nicht auch auf die Spaltung: 
richtungen, und dergleichen Beifpiele find bekannt 
am Phenalit und Korund, Amphibol und Augit, _ 
Schwefel und Skorodit zc. Die Ifomorphie mit 
Vertretung von Atom für Atom zeigt aber fletd 
Gleichheit auch in der Spaltbarkeit. Bei vielen ber 
oben genannten ifomorphen Mifhungen hat man 
auch Gleichheit oder Proportionalität ber Atomvo⸗ 
Iume gefunden, und durch Diviſion folher Atomvo⸗ 
lume mit der Zahl der conftituierenden Atome nad 
Dana's Vorſchlag find noch viel gleihere Zahlen 
als außerdem erhalten. worden, für Apophyliit und‘ 
Anatad, und für Calcit und Hämatit fcheint dieſes 
Verhalten aber nicht zu paſſen. Solche abfolute 
oder relative Gleichheit im Atomvolum dürfte übriz. 
gend weniger ber eigentliche Grund ber Ifomorphie 
als eine Gigenthümlichkeit in Folge beöfelben fein, 
denn es ift erwiefen, daß gleiche Atom⸗Volume auch 
verfchiedene Zorm haben. So zeigen Turmalin und 
Spobumen wefentlich verfchiedene Kryftallifation, dad 
rebucierte Atomvolum ift aber bei beiden — 44. 


Die ganze Unterfuchung ift noch nicht vecht zur 
Klarheit gelangt und «8 gehen Beobachtungen zur 


Geite, welche über mande Iſomorphie Aufſchluß 
geben werden, ohne daß man Atomvolum und 9: 
Inmerie einzumifchen nöthig hat, ich meine bie Pfen- 
domorphofen, weiche weit audgedehnter und verftedter 
vorkommen als man biöher glaubte. Die Beifpiele 
von Skapolithen und Zeldfpäthen, welche Scheerer 
neuerlich angeführt hat, dürften hieher gehören, ob⸗ 
wohl ihnen Scheerer eine andere Bedeutung giebt. 
Mir fcheinen fie fi wenigftens theilweife denen 


anzufchließen, welde man von Maladit in Form 


des Lafurit und von Göthit in Form des Pprit 
Tennt. Daß dabei auch zuweilen die Blätterdurch⸗ 
Hänge des Driginals erhalten werben, ift befannt. 


G. Rofe hat feine frühere Anficht in Betreff 


des Sfomorphismus von Schwefel und Arſenik in. 


Verbindungen geändert und fpricht fih nun für eine 
folhe aus, wie diefed fchon früher von Breithaupt 
und Sranfenheim und von mir gefchehen ift. 


A. Kenngott bat Betrachtungen angeflellt über 
ein beflimmtes Verhältniß zwifchen dem Atomge: 
wicht, der Härte und dem pecififchen Gewicht ifo: 
morpher Minerale. Der GangPift folgenber. Eine 
Atomgruppe, dem Eifenoryb oder Hämatit entfpre: 
chend, wiegt SO (die ſtöch. Zahl des Sauerfloff — 
8 iſt 2Fe + 30 = 80).und eine analoge der 


Thonerde oder dem Korund entfprechend wiegt 51,4 


2 Al +30 = 51,4) dad ſpec. Gewicht bed 
Hämatit = 5,2 geſetzt, würde ein gleichgroßed Vo— 
um Wafler wie dad von Hämatit (mit dem Ges 
wicht 80) 15,39 wiegen. Wenn bie Atomgruppe 
bed. Korunds bie gleiche Größe hätte wie die bed 
Hämatit, fo müßte fein Atomgewicht durch 15,39 
dividiert das fpec. Gewicht des Korunds geben. Man 
erhält aber durch diefe Divifion 3,34, während bie 
Beobachtung 4,1 giebt. Die Differenz läßt fich nun 
durh die Annahme erflären, daß die Atome des 
Korunds dur eine Kraft, der Verf. nennt fie Kry⸗ 
ſtalliſationskraft, mächtiger aneinander gezogen und 
dadurch comprimierter und Peiner erfcheinen, was 
den Ifomorphismus natürlich nicht aufhebt. Damit 
wird aber dad ſpec. Gewicht ein höheres und auch 
der Widerfland gegen eine den Bufammenhang ber 
Theile aufhebenden mechaniſchen Kraft, alſo 
Härte, größer, Der Schluß if, was bad ſpec. Ges 


wicht betrifft, ganz richtig, aber nicht was bie Härte 
betrifft, denn wöürben die phyfiſchen Sheilchen eines 
Kryſtalls mit berfelben Kraft zufammengehalten wie 
feine chemiſchen Atome, fo wäre Feine belannte me- 
hanifche Kraft im Stande, fie zu trennen ober 
auseinanderzufchieben. Ban kann alfo höchflens fa: 
gen, daß bie Kraft, welche die dhemifchen Atome 
eined Kryſtalls verdichtet, einen gewiflen Zuſammen⸗ 
bang zeigt mit der Kraft, welche die phyſiſchen 
Theilchen vedfelben verbindet, benn nur in ber Teich» 
tern ober fchwereren Trennung der lebtern beruben 
die Charaktere der Härte. Ein nothbwendiger Zu⸗ 
fammenhang biefer Kräfte ift ohne Beibringen wei⸗ 
terer Beobachtungen nicht zu erfehen, eben weil die 
phnfifhen Aggregate der Theilchen eines Kryſtalls, 
aber nicht feine Elemente oder chem. Atome beim 
Eindringen eines härtern Körperd eine Rrennung 
oder Verſchiebung erleiden. . Indeflen bat die Be: 
obachtung des Factums immer einen Werth und ber 
fleißige Berfafler hat in feiner Abhandlung, weldye 
im Jahrbuche der k. k. geologifchen Reihbanflalt, 
Jahrg. 1852, abgedrudt ift, dieſes Factum an vie⸗ 
len Beiſpielen nachgewieſen. 


G. Roſe hat ein Mineralſpſtem herausgegeben, 
welches eine ſehr gute Zuſammenſtellung der bisher 
als iſomorph erkannten Mineralſpecies gewährt. Es 
ſind 4 Claſſen angenommen. 


I. Die einfachen Körper. 


1. Die Schwefel:, Selen :, Tellurs, Arfenik: 
und Antimons Verbindungen. 


HI. Die Chlor:, Zluor:, 
Verbindungen. 


IV. Die Eauerfloffverbindungen. 
(Schluß folgt.) 


Rod: und Brom: 





Gelehrte 


München. 
Nro. 28. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der P. Bayer, Akademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen 
6. März. 





Handwörterbuh des chemiſchen Theile 


der Mineralogie von C. F. Rammels⸗ 
berg. 


Schluß.) 

Das Genus iſt nach der Kryſtallform, die Spe⸗ 
cies nach der chemiſchen Zuſammenſetzung beſtimmt, 
daher ber Verf. dad Syſtem ein kryſtallochemiſches 
nennt. Unterabtbeilungen je nah dem Bebürfniß 
vereinigen weiter bie atomiftifch ähnlichen Miſchun⸗ 

"gen. Diefe Zuſammenſtellung veranlaßt natürlich 
manche Trennung fonft naher Verwanbtfchaften und 
ift dieſes wie auch bei andern Syſtemen, welche 
mehr oder weniger einzelne Geſichtspuncte berüds 
fihtigen. Es ift ferner ein Uebelftand, daß auf 
100 Generg über 8O kommen, bie nur eine Spes 
cie® zählen. In ſolchen Schwierigkeiten, naturges 
mäße Genera zu ſchaffen, ohne deren Zahl ſo aus⸗ 
gedehnt zu halten, und in den weitern Schwierig⸗ 
keiten der genũgenden Charakteriſtik für dieſe Genera 
liegen wohl die Urſachen, daß wir ſo viele und 
verſchiedene Mineralſyſteme haben, die faſt alle ihre 
guten Seiten zeigen, aber nur zum Theil erfüllen, 
was von einem wohlgegliederten Syſtem eigentlich 
zu berlangen wäre. 


Der fpecielle Theil des vorliegenden Bandes 
beginnt mit einer Bufammenftellung der bisheri⸗ 
gen Arbeiten über Aerolishe, nämlich über Meteors 
eifen und Meteorfleine. Wöhler hat bei feinen Un: 
terſuchungen bie intereffante Beobachtung gemacht, 
daß ein großer Theil von Meteoreifen fih paſſiv 


+; 


verhält, d. b. daß ed aus neutralen Kupferauflöfuns 
gen fein Kupfer fällt, wad erft dann gefchieht, wenn 
man eine Säure binzufett oder dad Eifen unter ber 
Flüſſigkeit mit gewöhnlihem Eiſen berührt. So 


verhält fi das Eifen von Krasnojarsk, Braunau, - 


Schwes, Bohumilig, Toluca, Green: County, Rebs 
River, vom Gap. Wogegen activ ſich verhält das 
von Lenarto, Chefler:Gounty, Radgata, Merico, vom 
Senegal und das ſchon -gefchmiebete von Bitburg. 
Zwiſchen beiden fleht dad Eifen von Agram, Arva, 
Atakama und Burlington, welde erfl nach einiger 
Zeit daB Kupfer ganz allmählich rebucieren. -Diefes 
Verhalten fleht zu dem Nidelgehalt in keiner Bes 
ziehung. 

Als theilnehmend an der Bufammenfegung der 
Meteorfleine find folgende Verbindungen erkannt wor: 
den: 1) Nideleifen, 2) Phosphorete von Eifen und 


Nidel, 3) Schwefeleifen, dem Sulphuret Fe ent⸗ 
ſprechend, alſo verſchieden von Pyrrhotin, 4) Mag: 
netit, 5) Chromit, 6) Olivin, dieſer ſcheint ein cha⸗ 
rakteriſtiſcher Beſtandtheil der Meteorſteine; 7) feld⸗ 
ſpathähnliche Verbindungen, im Stein von Juvenas 
Anorthit; 8) augitähnlihe Verbindungen. 7 und 8 
nähern fih oft dem Labrador und Augit. An ber 
Zufammenfegung der Aerolitben find bis jest 18 
Elemente als theilnehmenb erkannt worden. . 

In den Miſchungen der Augite iſt am Zink⸗ 
oxyd eine neue Baſis im Rhodonit von Sterling 
(dem Fowlerit der amerikaniſchen Mineralogen) von 
Hermann und Rammelsberg, deren Analyſen ſehr 
gut ſtimmen, aufgefunden worden. Die Differenzen 
ber Augitmiſchungen ſcheinen ihren Grund in begin⸗ 

XXXVIII. 28 


nender Berfeßung mit Ausſcheidung von Kalt und 
Aufnahme von Waſſer zu haben. Biſchof hat bar: 
über eine Berechnung angeſtellt und dem Augit- vom 
Sillenfelder Maar, welder unter allen dad Maris 
mum an Bafen enthält, als Normalmifhung ans 


genommmn. In ihr ift der Sauerfloff, der Bafen 


und ber Kiefelerde nahe = 2 : 3. E38 findet fi 
alddann. in faft allen andern Varietäten etwas we- 
niger Baſis, was auf Zerfegung: hindeutet; welde 
wohl meiftend durch kohlenſäurehaltige Waſſer her: 
beigeführt wird. — Forchhammer hat den reinen Do⸗ 


Dhosphorfäure 28,92 


Thonerde 14,44 
Eifenoyydul 30,68 „Fe 
Manganorytul 9,07 
Talkerde 0,14 
Waſſer 16,98 
100,23 


Eine dem Belonit naheflehende Verbindung 
von Echwefelmismurh und Echwefelblei ift der Chi: 
viatit von. Chtoiato in Peru. 


Dechenit hat‘ Bergemann ein Mineral vom 
Lauterthal in Rheinbayern genannt, welded nad 
feiner Analyfe reines Wanadinfaures Bleioryd ift. 
Ich babe Proben davon gefehen, welche dem von 
mir benannten Aradren fo fehr gleihen, daß ich 
vermuthe, beide Mineralien feien nicht wefentlich 
verfchieden und daß Bergemann das Zinkoxyd darin 
überfehen habe. Doc will ich diefed nur ald eine 
Vermuthung audfprechen. 

Nach Deleffe ift der Feldſpath der Diorite 
ſehr verfchieden, felbft zuweilen an demfelben Ges 
ſtein. Er erkannte Dligoflad, Anbefin, Labrador 
und Anorthit. Die FBeldfpatb: und Augitges 
fteine Istandd hat Bunfen unterfudt und für bie 


augitifchen Feldarten eine Normalmifhung angenoms - 


men, in welcher ſich der Sauerfloff der Baſen und 
der Kiefelerde wie 2 : 3 verhält, übereinflimmenb 
mit der oben angegebenen Beobachtung Biſchof's; 
für die Trachytgeſteine iſt dieſes Verhaͤltniß 1:5 
und er zeigte, wie Gemenge beider Geſteine durch 
Beſtimmung ihrer Kiefelexbe berechnet werden koͤnnen. 





lomit als aut gleichen Atemen Ca & und Mg C be 
ſtehend« erkannt. Enthält er, wies es häufig vors 


fommt, einen Ueberfhug von CaC, fo kann biefer 
durch Efligfäure ausgezogen werden. 

De Marmatit iſt in einer derben Varietät zu 
Bottino bei Serravezza in Toscana von Bechi auf: 
- gefunden. worden. Die Analyfe flimmt nahe mit 
der der Vur. von Marmato. 

Den Childrenir bat der Verf. unterfucht. Die 
Analyfe gab: 


1 5. J 
“2 - APP 4 I5H 
Mn 


Plattiner hat am Enargit eine Kupferverbin⸗ 
bung erkannt, welche wie ber Zantholon das Arfes 


niffulfid As enthält, verbunden mit 3 Gu.. Diefes 
Mineral findet fi zu Morococha in ben peruanifchen 
Cordilleren. 

Ein neues cerhaltiges Mineral von Stokſen 
bei Brewig in Norwegen iſt Erdmannit genannt 
worden und enthält nach Blomſtrand: 


Kiefelerde 31,85 
Thonerde 11,71 
Eifenorydul - 8,52 


Manganorydul 0,86 
Ger: u. Zanthanoryb 34,89 


Dttererde 1,43 

Kalkerde 6,46 

Waſſer u. Verl. 4,28 
| 100 


Der Eudnophit hat nach v. Bord und Berlin 
die Miſchung des Analcim, fol aber rhombiſche Kry⸗ 
ftallifation zeigen. 

Ein neued in der Mifhung dem Okenit ähn 
liches Mineral ift der Surolitb von den fchottiz 
fen Infeln. Er befteht nad) Anderfon aus; 


J 


300» . 
Kiefelerbe 50,70. 
Thonerbe 1 ‚48 Fe_ te j 
Kıltete 3 AU rt 
Talkerde 0,18 
Waſſer 14,18 

99,78 


Der Deweylit und Gymnit gehoͤren zuſam⸗ 
men und muß der Name des letztern aufhören, da 
der Deweylit früher bekannt war. 

L. Schmid hat über die Härte und Zuſammen⸗ 
ſetzung des Korunds und des Smirgels aus der 
Levante Unterſuchungen angeſtellt. Wurde die Härte 


Schwefelſaͤure 15,38 
Kupferoryd 48,16 
Thonerde 11,70 
Waſſer 23,06 
Spur Be 

‘ 98,30 


= 


Der Matlodit it PbCIi + Pb, während 


der früher bekannte Mendiffit Pb Cl -- 2 Pb if. 
Ein dem Hifingerit naheftehendes Mineral fcheint 
der Melanolith von Cambridge in Maſſachuſets 
zu ſein. 
Ein neues Schwefelantimonblei von Bottino 


in Zoßcana iſt der Meneghinit = Pb* Sb.. 

Der fog. Nemalith hat fi als das Talkerde⸗ 
hydrat erwiefen, welches Brucit heißt. 

Mehrere Feldſpäthe and Porphyren, Diabas, 
fowie die aus den Trachyten von Teneriffa haben 
fih als Dligollad erwieſen. 

Ein: von A. Erdmann unterſuchter Dlivin von 
Zunaberg ſtellt fi der Mifhung nach in die Nähe 
des Fayalit. Er enthält: 


Kiefelerde 29,34 
Sronerbe 1,21 
Eiſenoxydul 54,71 
Manganorydul 8,39 
Talkerde 3,04 
Kalkerde 3,07 
99,76 


Dad Donaroryd Bergemann's im Orangit 





[2 


% 


bes blauen indiſchen Sopphirs == 100 gefeht, fe . 


war die bed Rubin 90, bed Korund 77 — 55, 
des Smirgeld 57 — 40. Das fpecififche Gewicht 
bed Sapphird fand er 4,06, des Rubin 4,08, 
bed Korunds 3,6 — 3,92, des Smirgeld 3,74 — 
4,31. Der Sapphir enthält 97,51 Thonerde, Rus 


bin 97,32, Korund 84,5 — 93,1, Emirgel 60,1 


— 77,8. Die erſtern enthalten 1,09 — 8,2 Proc. 
Eifenoryd, der Smirgel aus Kleinaſien 8,6 — 
33,2 Proc. | 

Rah Percy beſteht der Lettfomit (Kupfer 
fammterz) aus: 


(COS +3) + AIS-+-9M) 


ift von Berlin und Damour als Thonerde erkannt 
worden. 


Die Mineralien, welche man als felbfländige 


Species Williamfit, Retinalith und Marmor 
lich genannt bat, haben fich als Serpentin erwies 
fen. Die Amerifaner &. Smith und G. Bruſh ha⸗ 
ben überhaupt eine fehr willkommene Reexamination 
der in Amerika creierten Epecied vorgenommen, wo⸗ 
nach mehrere diefer Species bereitö bekannten ein 
verleibt werden müflen. Sie erkannten Thalit — 
Saponit, Hudfonit = XAugit (in die Nähe de 
Hebdenbergit), Jenkinſit = Hybdrophit, Ehefter- 
fit — Orthoklas, Loxoklas — Orthoklas, Rho⸗ 


dophyllit = Rhodochrom, Cummingtonit = 


Amphibol, Hydrous Anthophyllie Asbeſt, 
Monrolit — Diſthen, Ozarkit — derber Thom⸗ 
ſonit. 

V. Rath hat eine eigentbümtiche Beobachtung 
über den Mejonit gemacht, daß er nämlich in Salz⸗ 
ſäure ſich zwar vollkommen auflöſe, aber nicht ge⸗ 
latiniere, ſondern beim Abdampfen die Kieſelerde 
pulvrig ausſcheide. Es muß hier ein Irrthum obs 
walten, denn nach hinlänglichen Erfahrungen bildet 
jedes in Salzſäure vollkommen auflösliche Silicat 
beim langſamen Abdampfen eine Gallerte, die man 


nender Berfehung mit Ausfheidung von Kalt und 
Aufnahme von WBaffer. zu haben. Biſchof hat dar⸗ 
über eine Derechnung angeflelt und dem Augit- vom 
Sillenfelder Maar, welcher unter allen dad Maris 
mum an Bafen enthält, ald Normalmifhung ans 
genommen. 
und der Kieſelerde nahe = 2 : 3. Es findet ſich 
alddann. in faft allen andern Varietäten etmad wer 
niger Baſis, was auf Zerfetzung hindeutet,; welde 
wohl meiftend durch Pohlenfäurehaltige Waſſer her: 
beigeführt wird. — Forchhammer hat ben reinen Do: 


Dhosphorfäure 28,92 
Thonerde 14,44 
Eifenorybul 30,68 
Manganormdul 9,07 
Talkerde 0,14 
Waſſer 16,98 

100,23 


Eine dem Belonit nahbeflehende Verbindung 
von Schwefelwismuth und Echwefelblei ift der Chi: 
viatit von Chiviato in Peru. 


Dechenit hat DBergemann ein Mineral vom 
Lauterthal in Rheinbayern genannt, welches nad 
feiner Analyfe reines Vanadinſaures Bleioxyd iſt. 
Ich babe Proben davon gefehen, weldhe dem von 
mir benannten Xradren fo fehr gleichen, daß ich 
vernuthe, beide Mineralien feien nicht wefentlich 
verfchieden und daß Bergemann daß Zinkoxyd darin 
überfehen babe. Doch will ich dieſes nur ald eine 
Vermuthung audfprechen. 


Nach Deleſſe ift der Feldſpath der Diorite 
ſehr verfchieben, felbft zuweilen an bemfelben Ges 
fein. Er erkannte Oligoklas, Andefin, Labrador 
und Anorthit. Die Feldſpath- und Augitges 
fteine Islands hat Bunſen unterfuht und für die 


augitifhen Feldarten eine Normalmifchung angenoms - 


men, in welcher fih ber Sauerfloff der Baſen und 
ber Kiefelerde wie 2 : 3 verhält, übereinftimmend 
mit ber oben angegebenen Beobachtung Bifchof’s; 
für die Trachytgeſteine ift dieſes Verhältniß 1 : 5 
und er zeigte, wie Gemenge beider Gefteine durch 
Beflimmung ihrer Kieſelerde berechnet werben koͤnnen. 





In ihr iſt der Sauerfloff, der Bafen 


. gefunden. worden, 


‚Fe 
Mn 


lomit ald aus gleichen Atemen Ca & und Mg Che 
ſtehend erkannt. Enthält er, wieses häufig vors 


fommt, einen Ueberſchuß von CaC, fo kann biefer 
durch Eſſigſäure audgezogen werden. 

De Marmatit iſt in einer derben Varietät zu 
Bottino bei Serravezza in Toscana von Bechi auf: 
Die Analyfe ſtimmt nahe mit 
der der Vur. von Marmato. 

Den Childrenis bat der Werf. unterfucht. Die 
Analyfe gab: 


1 . —2 4 
(Frhr 


Platiner bat am Enargit eine Kupferverbin⸗ 
bung erkannt, welche wie der Zantholon bad Arfes 


niffulfid As enthält, verbunden mit 3 Su. Diefes 
Mineral findet fich zu Morococha in ben peruanifchen 
Gordilleren. 

Ein neued cerhaltiges Mineral von Stoföen 
bei Brewig in Norwegen ift Erbmannit genannt 
worden und enthält nah Blomfirand: 


Kieſelerde 31,85 
Thonerde 11,71 
Eiſenoxydul 8,52 
Manganorybul 0,86 
Ger: u. Lanthanoryb 34,89 
Httererde 1,43 
Kalkerde 6,46 
Waſſer u. Verl. 4,28 
100 


Der Eudnophit hat nach v. Bord und Berlin 
bie Mifchung des Analcim, fol aber rhombifche Kry⸗ 
ftallifation zeigen. 

Ein neues in dr Mifhung dem Okenit ähn— 
liches Mineral ift der Gurolitb von den fchottis 


ſchen Juſeln. Er beſteht nach Anderſon aus: 


J 


288: » 
Kiefelerbe 50,70. 
Thonerde 1,48 Fu 
Ste 3a JAN FA 
Talkerde 0,18 
Waſſer 14,18 

99,78 


Der Deweylit und Gymnit gehören: zuſam⸗ 
men und muß der Name des letztern aufhören, da 
der Deweylit früher bekannt war. 

L. Schmid hat über die Härte und Zuſammen⸗ 
ſetzung des Korunds und bed Smirgels aus der 
Levante Unterſuchungen angeſtellt. Wurde die Härte 


Schwefelſaͤure 15,38 
Kupferoxyd 48,16 
Thonerde 11,70 
Waſſer 23,06 
Spur Be 

‘ 98 ‚30 


- 


Der Matlodit it PbCi—+ Pb, während 


der früher befanhte Mendiffit Pb Cl - 2 Pb if. 
Ein dem Hifingerit naheſtehendes Minerol ſcheint 

ber Melanolith von Cambridge in Maffachufet 

zu fein. 
Ein neues Schwefelantimonblei von Bottino 


in Zoscana ift der Meneghinit = Pb* Sb.. 

Der fog. Nemalith hat fich als das Talkerde⸗ 
hydrat erwiefen, welches Brucit heißt. 

Mehrere Feldfpärhe aus Porphyren, Diabas, 
fowie die aus den Trachyten von Teneriffa haben 
fih als Dligoflad erwiefen. | 

Ein von A. Erdmann unterfuchter Dlivin von 
Zunaberg ſtellt fih der Mifhung nach in die Nähe 
bes Fayalit. Er enthält: 


Kiefelerde 29,34 
Thonerde 1,21 
Eiſenoxydul 54,71 
Manganomdul 8,39 
Talkerde 3,04 
Kalkerde 3, 07 

99,76 


Dad Donaroxyd Bergemann's im Drangit 





bes blauen indifhen Sopphirs == 100 gefett, fe 
war die des Rubin 90, des Korund 77 — 55, 
des Smirgeld 57 — 40. Das fpecififche Gewicht 
bed Sapphird fand er 4,06, bes Rubins 4,08, 
des Korunds 3,6 — 3,92, des Smirgels 3,74 — 
4,31. Der Sapphir enthält 97,51 Thonerde, Ku⸗ 
bin 97,32, Korund 84,5 — 93,1, Smirgel 60,1 
— 77,8. Die erftern enthalten 1,09 — 8,2 Proc. 
Gifenoryd, der Gmirgel aus Kleinafien 8,6 — 
33,2 Proc. 


Nah Percy beſteht der Lettfomit (Kupfer: 
fammter,) aus: 


(CSS +34) + AIS-+-9 MW) 


‚ 


ift von Berlin und Damour als Thonerde erkannt 
worden. 


J 


Die Mineralien, welche man als ſelbſtäͤndige 


Species Williamſit, Retinalith und Marmo⸗— 
lith genannt hat, haben ſich als Serpentin erwies 
ſen. Die Amerikaner L. Smith und G. Bruſh ha⸗ 
ben überhaupt eine ſehr willkommene Reexamination 
ber in Amerika creierten Species vorgenommen, wo⸗ 
nach mehrere dieſer Species bereits bekannten ein⸗ 
verleibt werden müſſen. Sie erkannten Thalit — 


Saponit, Hudſonit — Augit (in die Nähe des 


Hedenbergit), Jenkinſit = Hydrophit, Cheſter⸗ 
lit = Orthoklas, Loxoklas — Orthoklas, Rho⸗ 
dophyllit = Rhodochrom, Cummingtonit = 
Amphibol, Hydrous Anthophyllie — Asbeſt, 
Monrolit = Diſthen, Dzarkit — derber Thom⸗ 
ſonit. 

V. Rath hat eine eigenthümliche Beobachtung 
über den Mejonit gemacht, daß er nämlich in Salz⸗ 
fäure fih zwar vollkommen auflöfe, aber nicht ges 
latiniere , fondern beim Abdbampfen die Kiefelerbe 
pulorig außfcheide. Es muß hier ein Irrtum ob⸗ 
walten, benn nach hinlänglichen Erfahrungen bildet 
jedes in Salzſäure vollkommen auflöslihe Gilicat 
beim langfamen Abbampfen eine Gallerte, die man 


nender Berfegung mit Ausſcheidung von Kalt und 


Aufnahme von Wafler. zu haben. Biſchof hat dar: 
über eine Derechnung angeflellt und dem Augit vom 
Sillenfelder Maar, welder unter allen das Maris 
mum an Baſen enthält, ald Normalmifdgung ans 
genommen. 
und der Kiefelerde nahe = 2 : 3. 8 findet ſich 
alddann, in faft allen andern Varietäten etwas wer 
niger Baſis, was auf Zerfetzung hindeutet; welde 
wohl meiftend durch fohlenfäurehaltige Waſſer her: 
beigeführt wird. — Forchhammer hat den reinen Do⸗ 





In ihr ift der Sauerfloff. der Bafen 


. gefunden. worden, 


lomit ald autz gleichen Atemen Ca & und Mg C ie 
flehend« sılannt. Enthält er ,- wier.es häufig vors 


kommt, einen Ueberſchuß von CaC, fo Tann biefer 
dur Efligfäure ausgezogen werden. 

De Maumatit iſt in einer derben Varietät zu 
Bottino bei Serravezza in Toscana von Bechi auf: 
Die Analyfe ſtimmt nahe mit 
der der Vur. von Marmato. 

Den Childrenis hat der Verf. unterfucht. Die 
Analyfe gab: 


Dhosphorfäure 28,92 
Shonerde 14,44 
TR = 2 
Eiſenorydul 30,68 „Fe BD LÄrDPHISH 
Manganombul 9,07 _ Mn 
Talkerde 0,14 
Waſſer 16,98 
100,23 


Eine dem Belonit nabeflehende Verbindung 
von Schwefelwismuth und Echwefelblei ift der Chi⸗ 
viatit von Chroiato in Peru. 


Dechenit hat DBergemann ein Mineral vom 
Lauterthal in Rheinbayern genannt, welded nad 
feiner Analyfe reines Vanadinſaures Bleioxyd iſt. 
Ich babe Proben davon gefehen, welche dem von 
mir benannten Zradren fo fehr gleichen, daß ich 
vermuthe, beide Mineralien feien nicht wefentlich 


verfchieden und daß Bergemann daß Zinkoxyd darin 


überfehen babe. Doch will ich dieſes nur ald eine 
Vermuthung auöfprecen. 


Nach Deleſſe ift der Feldſpath der Diorite 
ſehr verfchieben, felbft zuweilen an bemfelben Ges 
fein. Er erfannte Dligoflad, Andefin, Labrador 
und Anorthit. Die Feldfpatb: und Augitge: 
fteine Islands hat Bunſen unterfucht und für bie 
augitifchen Felsarten eine Normalmifchung angenom= 
men, in welcher fih ber Sauerftoff der Baſen und 
der Kiefelerde wie 2 : 3 verhält, übereinflimmend 
mit der oben angegebenen Beobachtung Biſchof's; 
für bie Trachytgeſteine iſt diefes Verhältniß 1 : 5 
und er zeigte, wie Gemenge beider Geſteine durch 
Beſtimmung ihrer Kiefelerbe berechnet werben koͤnnen. 


’ 


Plattner hat am Enargit eine Kupferverbins 
bung erkannt, welche wie der Zanthofon das Arfes 


niffulfid As enthält, verbunden mit 3 Su. Diefes 
Mineral findet fi zu Morococha in den peruanifchen 
Cordilleren. 

Ein neues cerhaltiges Mineral von Stofden 
bei Brewig in. Norwegen ift Erdmannit genannt 
worden und enthält nah Blomfirand: 


Kieſelerde 31,85 
Thonerde 11,71 
Eiſenoxydul 8,52 
Manganorydul 0,86 
Ser: u. Lanthanoxyd 34,89 
Dtererde 1,43 
Kalkerde 6,46 
Waſſer u. Berl. 4,28 
7100 


Der Eudnophit bat nach v. Bord und Berlin 


die Mifhung bed Analcim, fol aber rhombiſche Kry⸗ 


ftalifation zeigen. 
Ein neues in dr Mifhung dem Okenit ähn= 
liches Mineral ift der Gurolitb von ben ſchotti⸗ 


fen Inſeln. Er befteht nach Anderfon aus: 


\ 


280 . 
Kieſelerde 50,70 
Thonerde 1,48 2 nn 
Kalkerde 33,24 3a 4H 
Talkerde 0,18 
Waſſer 14,18 

99,78 


Der Deweylit und Gymnit gehören zuſam⸗ 
men und muß der Name des letztern aufhören, da 
der Deweylit früher bekannt war. 

L. Schmid hat über die Härte und Zuſammen⸗ 
ſetzung des Korunds und des Smirgels aus der 
Levante Unterſuchungen angeſtellt. Wurde bie Härte 


Schwefelſaͤure 15,38 
Kupferoxyd 48,16 
Thonerde 11,70 
Waſſer 23,06 
Spur Be 

" ' 98,30 


Der Matlodit ift Pb CI + Pb, während 


ber früher bekannte Menbiffit Pb Cl - 2 Pb if. 

Ein dem Hifingerit naheſtehendes Mineral ſcheint 
der Melanolith von Cambridge in Maſſachuſets 
zu ſein. 

Ein neues Schwefelantimonblei von Bottino 
in Toscana iſt der Meneghinit = vpᷣb· Sh.. 

Der fog. Nemalith bat fich als das Talkerde⸗ 
hydrat erwiefen, welches Brucit heißt. 

Mehrere Feldfpärhe aus Porphyren, Diabas, 
fowie die aus den Trachyten von Teneriffa haben 
fi als Oligoklas erwiefen. 

Ein von A. Erdmann unterfuchter Dlivin von 
Tunaberg ſtellt fi) der Mifhung nad in die Nähe 
des Fayalit. Er enthält: 


Kiefelerde 29,34 
Thonerde 1,21 
Eiſenoxydul 54,71 
Manganorydul 8,39 
Talkerde 3,04 
Kalkerde 3,07 

99,76 


Das Donaroryd Bergemann's im Orangit 





bes blauen indiſchen Sopphirs == 100 geſetzt, fe 
war die bed Rubin 90, bed Korund 77 — 55, 
des Smirgeld 57 — 40. Das fpecififche Gewicht 
bed Sapphird fand er 4,06, des Rubind 4,08, 
bed Korunds 3,6 — 3,92, des Smirgeld 3,74 — 
4,31. Der Sapphir enthält 97,51 Thonerde, Ras 
bin 97,32, Korund 84,5 — 93,1, Emirgel 60,1 
— 77,8. Die erftern enthalten 1,09 — 8,2 Proc. 
Eiſenoxyd, der Gmirgel aus Kleinafin 8,6 — 
33,2 Proc. 


Nach Percy beſteht der Lettfomit (Kupfers 
fammterz) aus: 


COS +33) + (AS +9 M) 


* 


iſt von Berlin und Damour als Thonerde erkannt 
worden. 


J 


Die Mineralien, welche man als ſelbſtändige 


Species Williamſit, Retinalith und Marmo— 
lith genannt hat, haben ſich als Serpentin erwie⸗ 
fen. Die Amerikaner E. Smith und ©. Bruſh ha⸗ 
ben überhaupt eine ſehr willkommene Reexamination 
der in Amerika creierten Species vorgenommen, wo: 
nach mehrere dieſer Species bereits bekannten ein⸗ 
verleibt werden müſſen. Sie erkannten Thalit = 
Saponit, Hudſonit = Augit (in die Nähe des 
Hedenbergit), Jenkinſit = Hydrophit, Ehefter- 
lit = Orthoklas, Loroklas — Orthoklas, Rho⸗ 
dophyllit = Rhodochrom, Summingtonit = 
Ampbhibol, Hydrous Anthophyllie = Asbeſt, 
Monrolit = Diſthen, ODzarkit — derber Thom⸗ 
ſonit. 

V. Rath hat eine eigentliche Beobachtung 
über den Mejonit gemacht, daß er nämlich in Salz⸗ 
ſäure ſich zwar vollkommen auflöſe, aber nicht ge⸗ 
latiniere, ſondern beim Abdampfen die Kieſelerde 
pulvrig ausſcheide. Es muß hier ein Irrthum ob⸗ 
walten, denn nach hinlänglichen Erfahrungen bildet 
jedes in Salzſäure vollkommen auflösliche Silicat 
beim langſamen Abdampfen eine Gallerte, die man 


231 


Burch fortmährendes Umrühren wohl in Klumpen 
zertheilen, aber nicht zu ſich ausfcheidendem Pulver 
verwandeln Tann. 


Von Intereſſe find bie Analofen mehrerer Si⸗ 
derite aus den Kohlendiftricten Weſtphalens. Sie 
enthalten 12 — 35_ Proc. Kohle. 


As ein normales Mittelglied zwifchen dem ge: 
wöhnlichen Spirel = Mg AI und dem Hercinit 

— Fe Al hat fi ber Pleonaft von Tunaberg nad 
der Analyfe von Erdmann erwviefen. Er 
— Foäl, | | 

Die Angabe, welche der Verf. über den Chlo# 
zopal von Haar bei Paffau macht, daß fi beim 
Kochen mit Kalilauge foviel Kirfelerde auflöfe, daß 
der Rüdftand ein Biſilicat darftellt, ift, infoferne 
fie aus meiner Abhandlung entnommen wurde, un: 
richtig. Sch habe angeführt, daß ich dad Kochen 
sur bid zur Ertraction bed eingemengten Opals fort: 
gefegt und gleichzeitig von ſolchem Dpal eine ent⸗ 
forechende Quantität in ähnlicher Weife bis zur Auf: 
Löfung behandelte. Wenn ber Verf. meint, daß Ber: 
fegrngöproducte wohl nur felten felbfländige Species 
feien, fo mag das in fo weit gelten, ald durch Ber: 
feßungen öfters Gemenge mehrerer verfchiedener Spe: 
cies entfieben koͤnnen, beim Chloropal ift aber bie 
ber Species zugehörige Mifchung ebenfo Fenntlich als 
beim Chryſokoll oder Kiefelmalachit. 


| Der Verf. hat eine ausführliche ſchätzbare Ar: 
beit über die Zurmaline geliefert, für welche fich 
folgende Mifchungen ergeben haben: 


I. R3Si2 + RSi (Bo als ifomorph mit Si 
angenommen) 


. RS? T4RSi 
R3Si? 46 RSi 
RSi-F 3 RSi 
RS-LARSi 


Die Atompolume verhalten fih wie 4 : 5: 
6.: 8, wobei die Wifhungen I und V faft gleiche. 


iſt Mg Aa 


238 


Atomvolume zeigen. Die Zahlen ber nad Dana 
rebucierten Atomvolume find 44,05 — 44,36. 

Der Vermiculit von Milbury, Maflachufets, 
fommt nach Croſſley mit meinem Pyrosklerit in der 
Mifhung überein. Das Löthrohrverhalten beider 
Mineralien ift aber fo verſchieden, daß fie nicht zu⸗ 
fammengehören koͤnnen. 


Franz v. Kobell. 





K. Hof: und Staats-Bibliothek. 





Auszug aus dem Verzeichniſſe des Zugangs bei der 
k. Hof- und Staatsbibliothek im J. 1853. 
Viertes Quartal. October — December. 





Gortſehung.) 

G. Wightwick, The palace of architecture: a 
mance of art and history. Lond. 1840. 

Dr. C. Shega, Ueber nordamerikfanifchen Brückenbau 
und Berechnung des Tragungsvermoͤgens der Howe'⸗ 
ſchen Brücken. Wien 1845. 

J. J. v. Littrow, Die Wunder des Himmels von E. 
v. Littrow. 4 Aufl. Lief. 1 — 4. Stuttg. 1852. 

Dr. Fr. 4. Thieme, Populäre ufteonomie. Plauen 
1853. 

Ehe. Aug. Große, Unſer Sonnenfyften und deſſen Ver: 
hältniß zu den unzähligen Kirfternen oder Sonnen. 
Crimmitfhau 1853. 


ro- 


oe 7. Physica. | 
Dr. 9. ®. Dove, Darfichung der neueren Sarbenlehre 
und optifche Unterfuchungen. Berlin 1853. 


M. Becquerel, Des climats et de F’influence qu’ex- 
ercent les sols boises et non boises. Par. 1853. 


Mich. Faraday, On the physical character of the 
lines of magnetic force. London 1852. 


(Zortfeßung folgt.) 


——— N — 


Bhlerin der Bönigl. Akademie d. W. 
1854 Re. 7. 











Gelehrte Anzeigen. 
München. herausgegeben von Mitgliedern 8 März. 
Nro. 29. der k. bayer. Akademie der Wiffenfhaften, 1854, 





Königl, Akademie der Wiflenfchaften. 


Sitzung der mathematifchphnfifalifchen Claffe am 
10 December 1853. 

1) Die Elafje vernahm ein Referat über die von 
Hrn. Adolph Lill zu Gölnigbanya in Ungarn 
eingefendete und zur Prüfung empfohlene Ab: 
handlung über das Problem der Trifection des 
Winkels. 


2) Die durch das k. Staatsminifterium des In⸗ 


nern für Kirchen- und Scul-Angelegenheiten 
eingefendeten „Recherches sur la Te&l&graphie 
€electrique,“ welche von der k. belgifchen Ge⸗ 
ſandtſchaft in Berlin waren übermittelt wor: 
den, famen zur Vorlage. 
3) Bon mehreren gelehrten Eorporationen, mit 
welchen die Akademie in Verkehr fteht, wa⸗ 
ren Kortfegungen ihrer Denffchriften eingegan: 
gen und kamen zur Vorlage: von der fais 
ferl. Societät der Naturforfcher in Moskau, 
dee Societät d. W. in Kopenhagen, der Aka: 
demie d. W. in Paris, der Societät d. W. 
in Finnland, der naturforfchenden Gefellfchaft 
in Görlig. Die f. fpanifche Akademie der Ge: 
fhichte fendet ihre .neue Ausgabe von Oviedo 
y Valdes Historia del nuevo Mundo. Ma- 
drid 185828. 4. 


4) Don Privaten waren eingefendet worden: | 


Reife des Fuͤrſten Demidoff in das füdliche 
Rußland, nebſt Begleitfchreiben des Herrn 
Neigebaur in Breslau, und Phyſiologiſcher 
Atlas von Herrn Geh. Hofratb Prof. Dr. 
Baumgärtner in Freiburg i. B. 





5) Hr. Prof. Dr. Roth erftattet folgenden Be: 
richt: über feine Reife nad) Griechenland und 
Syrien. 

Als ich im vorigen Jahre mit allergnädigft bes 
willigtem Urlaube eine weitere wiſſenſchaftliche Reife 
in den Orient antrat, hatte ih im Sinne, einige 
ber Flußthäler des nördlichen Dekkan, welche 300103 
gifh noch fo wenig unterſucht find, zu bereifen, 
jeboch vorher noch in Attifa jene Stelle zu befuchen, 
welche neuerlich durch intereflante Entbedungen dem 
Paldontologen wichtig geworben iſt. Gefundheits: 
rüdfichten veranlaßten mich unterwegd meinen Plan . 
zu ändern, und zwar daB ferne Biel aufzugeben und 
daflir längere Zeit in Griechenland und Syrien 500: 
Togifhe und paläontologifhe Studien zu verfolgen, 
von welchen ich im Kolgenden ber verehrlihen Glaffe 
eine kurze Nachricht zu geben mich unterfange. 

Sch hatte mir, wie gefagt, zur Aufgabe ges 
ſtellt, in Attila eine gewifle bisher nicht genauer 
bekannt gewefene Fundflätte von foſſilen Knochen 
zu befuchen, aus welcher zu verfchiedenen Zeiten uns 


- fere paläontologifhe Sammlung höchſt merkwürdige 


Säugtbier:Ucberrefte erhalten hatte, bie fofort durch 
AXXVII 29 


235 


Hrm. Eonfervator Dr. Wagner in den Denkſchriften | 


unferer Claſſe beſchrieben worden waren. Dieſe Ac⸗ 
quiſitionen ließen auf eine außerordentliche Reichhal⸗ 
tigkeit des Lagers ſchließen, und machten eine ges 
nauere Erforſchung der Lagerungsverhältniſſe und 
forgfältiges Suchen nah neuen Arten fehr wün⸗ 


ſchenswerth. Seine Majeſtät der König Otto ge⸗ 


ruhten huldvollſt die nöthige Erlaubniß zu allenfalls 
vorzunehmenden Arbeiten zu geben, und einige Mit- 
glieder der naturhiftorifchen Geſellſchaft von Athen, 
welcher ich anzugehören die Ehre 
fih der Mühe, mich an die Stelle zu geleiten, 
welche ih auf einigen früher angeftellten Ercurfionen 
vergeblich gefucht hatte. 


Vier Stunden von Athen in norböftlicher Rich: 
tung in der hügeligen Ebene Mefogaia zwifchen dem 
Penteliton und Hymettus, füdlih von dem Feld 
von Marathon und zwei Stunden von der Oflküfte 
liegt ein Beine Dorf Pilermi, Dekonomiegut eines 
Klofters. Ein namenlofer Bach, ber am Fuß des 
Denteliton entfpringt und faft gerade öftlich verläuft, 
berührt dieſes Dorf, ‚weiter unten bann den Fuß 
des Berges Petreffa und ergießt fih in dad Meer 
in ber Nähe von Ruinen, welche zwar noch nicht 
identificirt find mit einer der und von den alten 
Geographen aufgezählten Küftenflädte, die aber mit 
ziemlicher Sicherheit für die von Prafia oder Stiria 
angenommen werden koönnen. 


Dieſer Bah nun hat fih in feinem obern 
Laufe ein ziemlich tiefes Bette gegraben. Er durch⸗ 
fhneidet zuerfi eine mäßige Humuslage, dann eine 
Gerdufhichte von A — 6 Fuß Mächtigkeitz eine 
darauf folgende Mergelfchichte ift nur theilweife, wo 
fie weniger mädtig war, durchbrochen, und zeigt 


dann ein Subftrat von einem fehr eifenfhüfligen 


harten Sandfteine; die folgenden Glieder der For: 
mation bleiben verborgen bis auf die mannigfaltigen 
Geroͤlle von Thonſchiefer, Glimmerſchiefer, kryſtalli⸗ 
niſch-körnigem Kalke u. ſ. w., die der Bach von 
oben mit ſich bringt. Bei dem Dorf Pikermi hat 
das Bette ſchon mehr das Anſehen eines Thales als 
eines bloßen Waſſerriſſes; es iſt bei 40 Fuß tief und 
gegen 80 breit, ſtark bewachſen mit Oleander, Pi: 





abe, unterzogen 


ſtacien, Myrthen, Seeföhren und Zwergeichen; ebenſo 
iſt auf der Höhe der Ufer, wo nicht Garten: oder 
Landwirthſchaft das Gehölze abg:trieben hat, ein 
undurchdringliches Dickiat und weiterhin ſelbſt Wald, 
eine in der holzarmen Attika ſehr unvermuihete Er⸗ 
ſcheinung. 


An dem ſteilen Abhange des rechtſeitigen Ufers, 
wo die verſchiedenen Schichten ſcharf bloßgelegt ſind, 
wurde ſchon vor eilichen zwanzig Jahren Hr. Georg 
Finlay, ein in Griechenland anfäßiger Gelehrter, 
der fi) mit antiquarifchen Etudien befchäftigt, und 
damald gerade die Beſtimmung ber alıen Anpos 
verfuchte, von Bauern auf große Knochen aufmeik—⸗ 
fan gemad;t, die, wenn wieder ein Theil der Ufer: 
wand abfchlüpfte, zum Voiſchein kamen, und fofort 
für Rieſenknochen eiklärt wurden. Hr. Finlay ließ 
einige Wochen arbeiten, und ſchenkte die Ausbeute 
ber naturforſchenden Geſellſchaft von Aihen, in deren 
Local ih im Jahre 1837 diefelbe einzufchen Gele⸗ 
genheij hatte. Es wurde weder etwas von dieſen 
Funden befannt gemacht, noch weiter gegraben, bis 
unfer correfpondierended Mitalicd, Dr. Yindermaicr 
in Athen, mchrfady aufgefordert, im Jahre 1843 
eine anfehnliche Quantität Knocenfragmente der pa= 
läontologifhen Sammlung bed Staates überſchickte, 
welche, in Verbindung mit einigen fon früher ac⸗ 
quirierten derartigen Ueberreſten, Hrn. Gonfervator 


Dr. Wagner Stoff gaben zu den zwei wichtigen 


Abhandlungen in unfeın Denkſchriften, außer welchen 
bis jest faft nichts über Diefe Vorkommniſſe publi⸗ 
ciert worden iſt. 


Ich fand, als ich im December vorigen Jah⸗ 
res die Bearbeitung der Knochen führenden Schichte 
begann, nur febr geringe Xerrain: Schwirrigfeiten. 
Weil man von der Thalſeite nicht nur leicht beikom⸗ 
men konnte, fondern fogar unmittelbar vor der 
Schichte fland, war nur das Hangende ‚eine Bu: 
musdede mit Waldbäumen und eine Geröllſchichte 
von 4 — 6 Fuß, in die Thalfohle herabzuftürzen, 
um eine beliebig große Fläche zur Verarbeitung zu 
entblößen. Ein ziemlich gefchiebelofer braunroth ges 
färbter Mergel, ganz durchſetzt von Wurzeln der 
Pinus maritima und daher auch dem Waffer Durch: 


[4 


laß gewährend, war durch daß letztere — in Folge ei- 
niger Regenfhauer, faſt etwas zu weich geworben; 
obenauf fanden ſich leichte ſchaalige Knochen, Mips 
gen, Scyuiterblätter, auch Wirbel; tiefer unten Roͤh⸗ 
ventnochen und auf bem Boden Schädel mit Zäh⸗ 
nen, auch Skelettheile, die in Verbindung geblieben 
waren. Zaft ohne Ausnahme zeigten fi die grö⸗ 
Beren Knochen geknickt, gebrochen, die Schädel ver: 
fchoben oder Zerträmmert, außerordentlich felten noch 
in den Gelenken verbundene Gliedmaſſen oder Wir: 
beifäufen ; die Markroͤhren mit Mergel erfüllt, wenn 
fie gebrochen, ober mit Kalkſpath auskryſtalliſiert, 
wenn fie unverlegt waren. In der Mitte der Schichte 
lag alled bunt durcheinander, und fo dicht wie in 
einer Knochenbreccie, daß, um ein Stüd zu ver: 
folgen, viele andere in Trümmern befeitigt werben 
mußten. Der größere und unverleßte Knochen un: 
mittelbar einfchließende Mergel war an vielen Stel: 
len grünlich verfärbt und fettig anzufühlen; ficher: 
Ih waren ſolche noch mit vielen Weichtheilen ver: 
fehen, wie fie eingebettet wurden. 


Säammtlide bisher an biefer Stelle gefundene 
Knochen gehörten ohne Ausnahme untergegangenen 
Säugethieren an; auch nicht eine Epur von eis 
nem Amphibium, Fiſch oder Mollusk ift biöher da⸗ 
zwifhen entdedt worben. Die vielfachen Beſchä⸗ 
digungen, welche fie zeigen, fcheinen zu beweifen, 
daß fie aus weiter Kerne und zwar meiften® fchon 
als loſe Knochen dn diefen Ort zufammengefchwenmt 
worden find. 


Bei weitem die größte Zahl ift einem Pleinen 
Dferbe eigen, daB in der Urzeit auf vielen Puncten 


unfered Continentzd in ſolchen Heerden gelebt haben- 


muß, wie jeht noch in Afrika die Zebra und Quagga. 
Es wird in meiner Ausbeute von dem ganzen Ste: 
lete faum ein Knochen fehlen, fo daß die minutid- 
ſeſte Vergleihung mit dem Knochenbaue unferer jetzt 
noch lebenden Arten möglich if. Dann folgen in 
Rückſicht der Häufigkeit die Reſte von Wieberfäuern, 
und zwar von Antilopen und Ziegen in mehreren 
Arten, von ben erfleren ſolche, die fi) zu der Größe 
der mittelafrifanifchen Arten erheben, letztere erreiche 
ten die Größe unferes Steinbodes, 





Die gefagt, die Reſte diefer beiden Thierfa⸗ 
milien bilden bei weitem bie Hauptmafle der ganzen 
Ablagerung ; die jegt aufzuzählenden find dazwiſchen 
höchſt fparfam eingefireut. 


Riefenhafte Röhren: "und Fußwurzelknochen, 
auch einzelne Wirbel werden wohl dem Masto- 
don zuzufchreiben fein, obwohl ih nicht fo glücklich 
war, Zähne diefed Thieres aufzufinden; von einem 
andern Pachyberm aber, dem Hyotherium, fanb 
1 nebft anderen Knochen ein volftändiger Unter: 
iefer. j 


VBerfchiedene große und kleine Raubthiere, bes 
ven Reſte noch nicht genugfam unterfucht find, wer⸗ 
den wohl fih ald neu ermweifen. Der wichtigfle 
Bund iſt ber eines volftändigen Gebifles des Ma- 
chairodus, eines entfeglihen löwenartigen Thieres 
mit langen plattgebrüdten und an den Kanten fäge 
zähnig geferbten Fangzähnen bed Oberkiefers. Die 
überaus feltenen Affenüberrefte endlich wurben auch 
diedmal wieder aufgefunden in Stüden, bie wefent: 
li beitragen werben, den merkwürdigen Mesopi- 
thecus pentelicus näher kennen zu lernen. 


Dies ift in Kurzem eine Ueberficht ber Vor⸗ 
fommniffe, wie fie meine mitgebracdhte und der pas 
läontologifhen Sammlung des Staats einverleibte 
Ausbeute darbietet. Eine Bearbeitung derfelben, wel: 
her fih mit mir Herr Confervator Dr. Wagner 
unterzichen will, wird feiner Zeit einer verehrlihen ' 
Claſſe vorgelegt werben. 


Aber nicht allein auf biefed kleine Flußthal ift 
in Griechenland bie Zertiärablagerung von Säuge⸗ 
thierfnochen beſchränkt; ganz in der Nähe von 
Athen auf dem Berge Anchesmos, werben manch⸗ 
mal in den Brüchen enge Spalten in bem bolomis 
tifchen Geſteine mit einer Breccie erfüllt gefunden, 
welche zahlreiche Knochen von Wieberläuern enthält: 
ferner auf einer Beinen Infel in dem Kanale, wel 
cher Porod von dem feften Lande trennt, liegt nach 
meiner eigenen Erfahrung unmittelbar auf dem Tra⸗ 
chyt eine feuerfteinartige Breccie ebenfalls mit Reften 
von Wiederfäuern. Ueberhaupt find in Morea an 
mehreren Stellen foffile‘ Knochen gefunden worden, 
und ſchon die Stelle im Paufaniad im dritten Buch 


Gap. 22, wo er von ungeheuern Gebeinen fpricht, 


‚die auf dem Turnplatz ber lakoniſchen Stabt Afopos 
gezeigt werden, fcheint zu bemeilen, baß auch bie 
Alten ihnen einige Aufmerkfamkeit gefchentt haben. 
Noch mehr trifft zu, was Paufaniad im zweiten 
Buch Cap. 32 von ber Stadt Megalopolid in Ars 
kadien erzählt, daß nämlich bafelbfl, im Tempel ber 
Artemis Gigantentnochen gezeigt werben: ich babe 
von glaubwürbigen Zeugen erfahren, daß bei Me: 
galopolis Elephantenknochen häufig gefunden werden, 
und in dem naturbiftorifhen Mufeum zu Athen ift 
ein Bruchſtück eines Stoßzahnes von diefer Localis 
tät aufbewahrt. 


In der Iehrreichen Begleitung des Botanikers 
von Heldreih machte ich viele Ercurfionen auf bie 
Berge von Attila, um auch die jegige Thierwelt 
befonder in ihren Eleinen Formen zu unterfuchen. 
Obgleich Attila in den Testen Jahren von mehreren 
geübten beutfchen Entomologen bereift worden iſt, 
findet fih doch noch viel bed Neuen vor, wie auch 
alljährlich nicht wenige neue Pflanzen entdeckt werden. 
Die bewaldeten Schluhten des Parned und bie 
falzigen Niederungen bei Eleufis zeigten fich beſon⸗ 
ders reih. In fo beißen und trodenen Ländern, 
wie wenigflend dieſer Theil von Griechenland ift, 
bat ein großer Theil ber Thiere und Pflanzen nur 
ein fehr ephemeres oberirdifches Dafein, und be: 
quemt fi durch rafchere Entwidlung an ben für 
fie als Formen der gemäßigten Bone eigentlich un: 
günftigen Standort. 


Im Monat April biefes Jahres verließ ich 
Griechenland wieder und wandte mich nad Palds 
ſtina, um meine fhon vor 16 Jahren dort begon- 
nenen zoologjfhen Unterfuchungen fortzufegen. Die 
Unficherheit in Folgen ber politifhen Aufregung 
hemmte meine Schritte bedeutend, fo daß ich viel 
auf die Umgegend von Serufalem befchräntt blieb. 
Zu einer naturhiflorifhen Zopographie diefer Stadt 
‚ babe ich aber fehr volftändiges Material gefammelt, 
und bie Belege fämmtlich mitgebracht. 


Das Gebirge Judäaͤas fteht in unmittelbarer 
Verbindung einerfeitd mit ben fyrifchen und ande 


zerfeitö mit ben ibumäifchen Gebirgsreihen, und bils 
bet für fih Fein abgefchloffenes Ganzes; es iſt aber 
in vielen Beziehungen eine der Ichrreichften Glieder 
ber weit ausgebehnten Gruppe. Nicht nur ift es 
viel abgefchloffener ald das fyrifhe und zufammen: 
geſetzter als das idumäiſche, fondern auch an feinem 
Oſtabfalle findet ſich die größte bekannte Depreſſion 
unter den Meeresſpiegel; letzteres allein ſchon wird 
ihm zu allen Zeiten eine vorzügliche Beachtung der 
Geologen ſichern. Während in den idumäiſchen und 
ſyriſchen Gebirgen kryſtalliniſche zuſammengeſetzte Fels⸗ 
arten allenthalben zu Tage treten, bemerkt man 
von dieſen in Judaͤa gar nichts, ſondern fie werben 
durch, eine mächtige Ablagerung von bichtem Jura⸗ 
kalkſteine, welcher große Stöde von BDolomit ein: 
fließt, ' volftändig bededt. Wo fich diefer Jura⸗ 
Palfftein zu irgend einer Höhe erhebt, wie 3. B. 
unmittelbar um Serufalem, ift er von Kreide übers 
lagert, und diefe wiederum von Feuerftein: Conglos 
merat. Beide find fehr petrefactenreich und laſſen 
ſich alfo Leicht mit bereitö ficher beflimmten Forma⸗ 
tionen anderer Länder parallelifieren, wie dies ſchon 
v. Raumer gethban bat in feiner Abhandlung: der 
tertiäre Katkftein bei Paris und der Kalfflein des 
weftlihen Paläſtina. — Wie andermärts ift auch 
bier der Jurakalkſtein ganz außerordentlich durchſetzt 
mit Höhlen, welcher Umftand zu Hülfe genommen 
werben muß zur Erklärung, wie fo unbebeutende 
Bäche wie der Kidron und andere zum tobten 
Meer verlaufende Wadies, welche jegt nur Waffer 
haben, wenn einige Tage Regen gefallen ift, fich 
ein Rinnfaal graben Ponnten von über 100 Fuß 
Tiefe; die Schichten ebenfand find von ſehr ver⸗ 
fhiedenen Graben der Dichtbeit - fo daß wenn an 
einem Puncte firömendes Wafler auf eine mweichere 
untere Scichte geftoßen ift, diefelbe in kurzer Zeit 
auögefhwenmt wirb und die obere härtere einſtür⸗ 
zen muß. 


(Schuß folgt.) 


Bulletin der Pönigl. Nrademie d. W. 








1854 Ne. 8. 
Gelehrte Anzeigen. 
München. herausgegeben von Mitgliedern 10. März. 
Nro. 30. der 8 bayer, Akademie der Wiffenfchaften, 1854 





Königl, Akademie der Wiffenfchaften. 





Bericht des Hrn. Prof. Dr. Roth über feine 
Reife nach Sriechenland und Sprien. 


(Schluß.) 

Auf dieſe Weiſe und mit Zuhülfenahme von 
vultanifchen Bewegungen und Ausbrüchen, beren 
Spuren unverkennbar find, erfläre ich mir die Bil: 
dung der großen Einſenkung bed Jordanthales und 
feiner beiden Becken: bei einem breimaligen Befuche 
des todten Meeres und forgfältiger Beobachtung 
aller Zerrainverhältniffe und Wergleihung mit ben 
Heineren Zlußthälern, die in dad todte Meer aus⸗ 
münden, blieb .mir durchaus feine andere Erfiärungs: 
voeife übrig. Laven und andere neuere vulfanifche 
Producte find an den Ufern des Sees von Tiberias 
fhon lange und wieder von mir gefunden worden: 
dad Vorhandenfein von vielen heißen Quellen an 
den beiden großen Seen, bad Ausfließen von Naph⸗ 
Aba und Asphalt am todten Meere, und die Häus 
figfeit von Erdbeben in der "Richtung bed Thales 
deuten darauf hin, daß die unterirdiſche Gewalt noch 
nicht ganz aufgehört hat. Der Salzgehalt des tod: 


ten Meeres mag ganz einſach dem Audlaugen mäch⸗ 


tiger Steinfalzlager zuzufchreiben fein, wie fie jebt 
noch hoch Über dem jebigen Niveau ded Sees an 
feinem Sübende gefunden werben. Manches, ja 
vieles iſt in den letzten Jahren in biefen Gegenden 
unterfucht worben, befonberd durch bie engliſche und 


norbamerifanifche nautifche Erpedition ; aber ungleich 
mehr noch wartet unverdroffener Zorfcher, und id) 
hoffe es noch zu erleben, baß deutſche Gelehrie Dies 
ſes Endverbienft fich erringen werden, wie fie in 
ben gefeierten Namen Seetzen und Burkhardt ben 
Grund gelegt haben. 

Die Fauna von Paläftina hat wenig Eigen 
thümliches; es ließ fich dies ſchon nady ben allge⸗ 
meinen Sefegen der geographifhen Verbreitung maaß⸗ 
gebender Species erwarten. Nur in den niederen 
Ordnungen bed Thierreiches machen ſich ſelbſt in 
dieſem kleinen Landſtriche beſondere Modificationen 
der allgemeinen Mittelmeerfauna bemerklich, und ein 
gewiffer localer Zypus ift in den Mollusten und 
Anfecten befonderd der jordanifhen Landfchaft aus⸗ 
Heprägt. Die reichhaltigen Sammlungen aus biefen 
beiden Ordnungen, welde id; mitgebradht habe, ex: 
warten nod ihre wiſſenſchaftliche Determinirung, 
werben aber die bis jest ‚vollftändigfien Gataloge 
liefern. Sch werde nah ihnen berechtigt ſein, für 
dieſe niedere Fauna Paläſtinas uͤnd Syriens ein 
eigenes Mittelreich zwiſchen den Faunen Griechen⸗ 
lands und Meſopotamiens anzuſprechen. 

Da gegen Ende Sommers die politiſchen Ver⸗ 
bältniffe drohender ſich geſtalteten und meine Ge⸗ 
ſundheit zu wanken anfieng, entſchloß ich mich frü⸗ 


her heimzukehren als ich Anfangs beabſichtigte; die 


letzten Monate haben mir gezeigt, daß ich wohl 


daran gethan. 


XXXVIL 30 


243 
Berzeichniß 


der in den Sitzungen ber drei Claſſen ber k. Aka⸗ 


demie der Wiſſenſchaften vorgelegten Einfendungen 
an Drudichriften. 


Januar 18534. 


(Zortfeßung.) 

Don dem Verein zur Beförderung des Gartenbaues 
in den k. preußifchen Staaten in Berlin: 
Derbandlungen. Neue Reihe, Erfter Jahrgang. 1— VIE 

Berlin 1853. 8 
Don der Royal Institution in London: 


Notices of Meetings. Part Ill. Novbr. 1852 — Juli 
1853. London. 8. 


List of membres ete. for the year 1852. London 
1853. 8. | 
Bon der k. k. geologifchen NReichsanftalt in Wien: 
Jahrbuch 1853. IV. Jahrg. No. 2. April, Mai. Juni. 
Wien 1853. 4. 
Bon der Reale accademia delle scienze di Torino: 
NMemorie. Serie seconda. Tom. XI — XIII. 1851 — 
1853. Torino. 4. 
Bon der Academie de Stanislas in Nancy: 
Memoires 1852. Nancy 1853. 8. 
Bon der Societe imperiale des sciences de l’agri- 
eulture et des arts in Lille: 
Memoires. Année 1852. Lille 1853. 8. 
Don dem Hrn. P. U Maurocordatos in Athen: 
Abyos dupwrndersec. ’Adnvass 1850. 8. 
Bon der Royal Society in Edinburgp: 
Proceedings. Vol. HI. 1852 — 1853. No. 43. Edin- 
burgh 8. 
Transactions. Vol. XX. Part IV. for the session 1852 
— 1883. Edinburgh 1853. 4. 
Bon der Geological Society in London: 
Quarterly Journal. Vol. IX. Part 4. Novbr. I. 1853. 
No. 36. London. 8. 
Don der k. preußifchen Afademie der Willenfchaften 
in Berlin: 
Monatsbericht. Sept. Det. 1853. Berlin. 8. 





244 


Bon der pfälzifchen —— für Pharmazie und 
Technik in Speyer: 

Jahrbuch fire practiſche Pharmazie und verwandte Fächer. 

233 XXVII. Heft IV. October. Ludwigshafen 


Bon der Academie royale des sciences in 
Stockholm: 
Handlingar för är 1851. Stockholm 1853. 8. 


Öfrewigt af Pörhandlingar. 9. de Ärg. 1852. Stock- 
holm 1853. 8. 


Berättelse för ären 1845 — 1859 ef Carl J. Sunde- 
vall. Stockholm 1853. 8. 


Register till Wikström Ärs-Berättelser i Botanik 1820 
— 1838. Stockholm 1852. 8. 
Don dem bhiftorifhen Verein für Niederbayern in 
Landshut: 

Berhandiungen. IH. Bd. 3 Heft. Landöhut 1354. 8. 
Don dein zoologifchmineralogifchen Verein in 
Regensburg: 

Correſpondenzblatt. Siebenter Jahrgang 1853. Regens⸗ 
burg 1853. 8. 
Don dem Hrn. Pictet in Genf: 
Description des mollusques fossiles. 4 Livrais. Geneve 
1853. 4. 
Bon der archäologiſchen Befellfchaft in Genf: 
Publiestions. Année 1852. VIII. Luxbg. 1953. 4. 
Don dem Hrn. Scheiger In Gratz: 
Andeutungen über Erhaltung und Herſtellung alter Bur⸗ 
gen und Schlöfler. Grab 1853. 8. 


Don der k. F. Akademie der Wilfenfchaften im 


Wien: 
Sigungsberichte der matbematiih natur wiflenfegafelichen 
. Claffe. IX. Band. IT — V. Heft. X. Bo. I— HE 


Heft. Wien 1852 — 53. 8 


Archiv für Kunde Öfterreigifcher Geſchichtsquelen. IX. 
Bd. ı IE Heft u. X. Bd. L Heft. Wien 1853. 8. 

Fontes rerum austriacarım. ODeſterreichiſche Geſchichts⸗ 
quellen, II. Abth. diplomataria et acta. Vi. Sp. 
Mien 1853. 8. VII Bd. Copey⸗Buch der gemainen 
Stat Wienn. Wien 1853. 8. 

Monumenta habsburgica. Sammlung von Actenſtücken 
und Briefen zur Gefchichte des Haufes Habsburg in 
dem Zeitraum von 1473 — 1576. II. Abth. Kai: 
fer Karl V. und König a ppitupp 1. 1 Bd. Wien 
1853. 8. 


Von dem Herra Giulio Minervrini in Meayel: 

Intorno le medaglie deli’ antica dalvon osservazioni. 
Napoli 1852. 4. 

Nuove osservazioni interno la voce decatremses, N 
quale s’incontra in aleune isorizieni puteolane, 
Napoli 1852. 4. 

Monumento antichi inediti posseduti da Raffacle ba- 
rone negoziante di antichita. Vol. I. Napoli 
1852. 8. ' 


Bulletino archeologico napolitano. No. 1—2. Ne. 


poh. 4. 
Bon dem Verein für Gefdhichte und Alterthumskunde 
Weſtphalens in Paderborn: 
Zeitſchrift für vaterländifche Gefchichte und Alterthums⸗ 
Iunde (neue Folge). 4. Bd. Münfter 1853. 8. 
Don der Hollandsche Matschappy der Wetenschappen 
in Harlem: 
Natuurkundige Verhandelingen. Achtfte Deel. Harlem 
1853. 4. 
Yon der Societe royal des sciences in Liege: 
Memoires. Tom. VIII. Liege 1850. 1851. 1853. 8. 
Don der Academie des sciences, belles lettres et 
“ arts In Rouen: 
Precis ansiytique des travaux. Pendant l’annde 2851 
— 1852. Rouen 1852. 8. 
Don dem Verein für Gefchichte der Mark Branden⸗ 
burg in Berlin: 
Märkiſche Forfhungen. III. Bd. 1 und 2 Heft. 1846. 
1847. IV. Bo. 1 u. 2 Heft. 1847. 1850. Berl. 8. 
Don der kaiſerlich ruſſiſchen mineralogifchen Ge⸗ 
ſellſchaft in St. Petersburg: 
Derhandlungen, Jahrg. 1845 — 1353. St. Petersb. 8. 
Don dem naturbiftorifchen Verein der preußiichen 
Rpeinlande und Weftphalens in Bonn: 
Verhandlungen. 10. Jahrg. 2 Heft. Bonn 1853. 8. 
Von der Fociété des sciences naturelles in 
Luxemburg: 
Grand-Duche de Louxembourg. Luxemb. 1853.. 8. 
Don dem hiſtoriſchen Derein von Mittelfeanten in 
' Ansbach: 
Cinundzwanzigfter Jahresbericht. Ansbach 1852. 4. 
Bon der Academia Pontaniana in Neapel: 
Rendiconto 1853. Anno primo. Napoli 1853. 
Bon dem Herrn Dr. Maper in Bonn: 
Anatomifche Unterfuchungen über das Auge ber Cetaceen 


nebft Bemerkungen Über des des Diem 

und dee Thiere. Bonu 1862. . den 

Bon der Academie imperinle de medieine In 
Paris: 

Memeires. Tom. dix-septidme. Paris 1853. 4. 

Don der Linnean Society in Rondon: 

Transaction. Vol. XXI. Part the second. London 
1853. 4. 

Proceedings. No. XLVIII — LI. London. 8. 

List of the Linnean Society of London. 1852. 8. 
Bon der k. k. patrlotiſch⸗ fonamifchen Gefeitfchaft 
von Böhmen in Prag: 

Centralblatt für die gefammte Landescultur, Iter Jaheg. 
1852. No. 33 — 62. ater Jahrg. 1883. No. 
1— 15. Prag 1852. 53. 4. 

Wochenblatt der Lande, Forſt⸗ und Hauswirtbfchaft. Zter 
Jahrgung 1852. No. 32 — 52. Ater Jahrg. 1853. 
No. 1 — 15. Prag 1852. 53. 4. 

Don dem Herrn Friedrich Böhmer in Stuttgart: 

Fontes rerum Germanicarum. Geſchichtsquellen Deutfchs 
lands Zter Bd. Stuttgart 1853. 8. 

Bon der phyſikaliſchen Geſellſchaft In Berlin: 

Die Zortfhritte der Phoſik im Jahre 1849. V. Jahrg. 
Berlin 1853. 8. 

Don der füchfiihen Gefellfchaft der Wilfenfchaften 
zu Leipzig: 

Berichte Über die Verhandlungen der matbematifch: php: 
fikalifchen Claſſe 1. 1852. 11. 1853. Keipz. 1853. 8 

Berichte Über die Verhandlungen der philofonpifch : Hiftos 
rifhen Claſſe. 1850 MI u. IV. 1851 I—V. 1852 
1— IV. 1853 1 u. II. Leipzig. 8. 

Don den Heren Hanfen in Leipzig: 

Gntwiclung des Products eines Potenz des Nadins Sea 
tor mit bem sinus oder cosinus eines vielfachen 
der wahren Anomalie in Reihen. Leipzig 1853. 8. 

Bon der phnfißalifch s medicinifchen Geſellſchaft im 
Würzburg: . 

Verhandlungen. IV. Bd. I. Heft. Würzburg 1863. 

Don dem Hern Kopp in Luzern: 

Geſchichtsblätter aus der Schweiz. Des I. Jahrganges 
I. Heft. Luzern 1853. 8. 

Don der Smithsonian institution in Washington: 

Smithsonian eontributions to knowledge. Vol. V. Was- 
hington 1853.-4. 

condition and prospeets of the Indian tribes 
of the united States by Henry R. Schooigraft L. 


L. D. Illustrated by S. Eastman, Capt. U. 8. 
A. Part Ill. Published under the Direction of 
the Commissioner of Indian affaires. Philadelphia 
1853... 4. 

Meteorological Tables prepared by Arnold Gayot. 

Occultations of planets and stars by the moon, during 
the year 1853. Computed by John Dawnes. Was- 
hington 1853. 4. 

Portraits of North american Indians. 
M. Stanley. Washington 1852. 8. 

Exploration and survey of the valley öf the great salt 
lake of Utah; by Howard Stansburg in Philadel- 
phia. 1852. 8. 

‚Maps. Stansburgs expedition. By Howard Stansburg .in 
Philadelphia. 8. 

Report 'on the geology of the lake superior land di- 
strict. Part Il. By Foster and Whistney in Was- 
hington. Wash. 1851. 8. 

Maps. Fosta et Whitneys report. Washington. 8. 

Sixth. annual report of the Board of regents, for the 
year 1851. Washington 1852. 8. 

Catalogue of North American reptiles in the museum 
of the Smithsonian institution. Part I. Serpents. 
Washington 1853. 8. 

Proceedings of the american association for the ad- 
vancement of scienze. Sixth meeting. Washing- 
ton 1852. 8. 

Grinnell Land by Peter Force. Washington. 8. 

‚Annual report of the superintendent of the coast sur- 
vey showing the progress of that work during 
the year ending November 1851. Washington 
1852. 8. 

Sketches accompanying report of coast survey for 
4851. Washington. 4. | 

Memoirand Maps of California by Ringgold. Washing- 
ton 1852. 8. 

Maurys Sailing Directions. Fourth edition — impro- 


Painted by J. 


vendant enlarged.” August 1852. - Washington _ 
“ . 


1852. 4. 
Report of a geological survey of Wiscousin, Jowa ond 
Minesota. By David Dale Owen in Philadelphia. 
Philadelphia 1852. 4. 
lllustrations. Owens geological survey. Philadelphia 
1852. 4. 


Bon der .American Philosophical Society iu 
Philadelphia: . - 


Transactions. Vol. X. New Series. Part II. Philadel- 
' phia 1852, 4. 





248 


Proceedings. Vol. V. Febr. — Dechr. 1882. No. 48. 
phia. 8. 
Don der Society of natural history in Bofton: 
‘The Mastodon. Giganteus of North America. By John 
-C, Warren. Boston 1852. 4. ‘ 
Don der Academie nationale de medecine in 
Paris: 
Bulletin. Tom. XVII. Paris 1852. 8. 

Don der Societe de l’histoire de France in Paris: 
Bulletin. No. 8. Aoüt — Sept. 1853. Paris 1853. 8. 
Bon der Geſellſchaft für pommeriſche Gefchichte und 
Alterthumskunde in Stettin: 

Baltifhe Studien. 15 Jahrg. 1 Heft. Stettin 1853. 8. 
Von der Academy of natural sciences in 


Ppiladelphia: 
Journal. New series. Vol. II. Part III. Philad. 1853. 
gr. 4. 
Proceedings. Vol. VI. No. II — VII. incl. Philadel- 
phia. 8. 


Don dem Herren Aſa Gray in Washington: 
Plantae texano - neomexicanae. Part 1. Washington 
1853. 4. 
Don der fchlefiichen Geſellſchaft für vaterländifche 
Cultur in Breslau: 
XXX. Jahresbericht. Jahr 1852. Breslau. 4. 
Von der Geological Society in London: 
Quarterly Journal. Vol. IX. Part. 3. August I. 1853. 
No. 35. London. 8. er 38 
Von dem Herrn Dr. Baumgärtner in Freiburg: 
Lehrbuch der Phyfiologie mit Nutzanwendung auf die 
ärztliche Praxis. Mit Atlas. 1853. 8. 
Von dem Herrn Carl Halm hier: 


Cicero's ausgewählte Reden. Die Rede pro Sestio. Lpz. 
1853. 8. 


Don dem Herrn Anatole von Demidoff in St. 
Petersburg: 
Reife yach dem füdlichen Rußland und der Krim, durch 
Ungarn, die Walachei und die Moldau, 1 und 2 


- 


Gelehrte 


München. 
Nro. 31. 


heransgegeben von Mitgliedern | 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfhaften, 


eo 


Anzeigen. 


13. März. 
1854, 








M£moire sur Ethicus et sur les ouvrages cos- 
mographiques intitul&s de ce nom, par M. 
D’Avezac, (abgebrudt in den memoires 
presentes par divers savants & l’acad&mie 
des inscriptions et belles lettres de l’insti- 
tut national de France. Premiere Serie. Pa- 
ris 1858. 4. Tome Il. p. 230—55%.) 

De Cosmographia Ethiei libri tres seripsit Ca- 
rolus Augustus Fridericus Pertz, philoso- 
phiae doctor. Berolini 1853, ©. 197 und 
VL 8. 

Die Kosmographie des Iſtrier Aithifos im la: 
teinifhen Auszuge des Hieronymus. Aus ei: 
ner Leipziger Handfchrift zum erftenmale be⸗ 
fonders herausgegeben von Heinrich Wuttfe, 
Leipzig 1853. ©. OXXXIII und 134. 8, 


Die zweifache Audgabe, welche in Burger Zeit 
von einem bisher ungedrudten und wenig beachteten 
Werke erfchienen ift, dad fi) als eine Quelle der 
Geographie ankündigt, zeigt von dem gefleigerten 
Intereffe, mit welchem die Geſchichte der Geographie 
in neuefler Zeit bearbeitet wird. 


Bisher hatten wir unter dem Namen Cosmo: 


graphie des Aethikus nur ein trodenes Verzeichniß 
von Namen und Zahlen, weldyed meiftend den Außs 
gaben des Mela zugleich mit einem anderen Ver: 
zeichniffe, das angeblih von Julius Honoriuß her: 
rühren follte, deigegeben mwurbe. 


Die große Uebereinfliimmung, welche zwifchen 
beiden Verzeichniſſen berrfht, bat in den Unterfu: 
chungen ber Gelehrten eine ebenfo große Werfchies 
benheit ber Anfichten über die Verfaſſer derſelben 
veranlaßt. 

Manche wollten dem Aethikus die fogenannte 
Sosmographie, fomwie noch andere Werke verwandten 
Inhalts, wie das Itinerarium Antonini, beilegen 
und die Behauptung aufflellen, daß Julius Hono⸗ 
rius aus Aethikus gefhöpft habe. 

Andere erflärten fih für die gegentheilige An: 
fiht und behaupteten, daß Aethikus den Julius Ho: 
norius abgefchrichen habe. 


Gerhard Schöning hat in feiner Abhandlung 
von den Begriffen und der Kenntniß, welche man 
von unferen nordifchen Ländern nach den Zeiten bes 
Ptolemäus und bis zu den fogenannten mittleren 
Zeiten hatte, die Anficht aufgeflelt, es fei wohl 
möglich, aber nicht wahrfheinlih, daß Aethikus und 
Julius Honorius eine gemeinfchaftlihde Quelle bes 
nugt hätten. Bei der wenigen Sorgfalt, welche 
man auf die Vergleichung der Handfchriften ver: 
wendete, denn Simler und Gronov benügten bei 
ihren Ausgaben nah D'Avezac nur eine und die: 
felbe Hanbfchrift, den codex Paris. 4808, welder 
aus dem Beſitze des Generalprocuratord Pithou in 
den bed Kanzlers de Thou übergegangen war, konnte 
fich diefe Verfchiedenheit der Anſichten größtentheils 
nur auf den gedruckten Text fügen. 


Die vorlisgenden drei neueflen Arbeiten über 
Aethikus find zwar von einem anderen Standpuncte 
ausgegangen, welder der Vergleihung ber Hand: 

XXXVIII. 31 


s 


298 - 


einig über Mittel und Beitpunct bed Losſſchlagens, 
aber in vollem Einvernehmen über den Zwed, nur 
Einer — der Kaiſer — habe eine abweichende An⸗ 
fiht und werde von ben Uebrigen um fo mehr 
als Widerſacher betrachtet, als auch in den übri⸗ 
gen Puncten feine Intereſſen von den ihrigen abs 
weichen. 


Die Partei in Frankreih, welche ben Krieg 
zum Audbruch brachte, war die Gironde, Ihre Be: 
firebungen werden von Sybel im dritten Buch ge: 
fchildert, weldhed vom Sturz bed franzöfifhen Kos 
nigthums handelt. Dem Sturz des Königthums 
war ber bed Clerus und Adels vorhergegangen. Die 
Vernichtung des erfteren als erflen Standes im Zeus 
dalflaat, meint ©., hätte flatıfinden können, ohne 
daß die focialen Grundlagen des Staats erfchüttert 
worden wären, aber der Fanatismus, mit dem man 


gegen den Clerus als Träger ded im Wolf wurzeln⸗ 


den Glaubens zu Felde 309, habe ten Bürgerkrieg 
zum Ausbrud gebraht. Die Aufhebung der bis: 
berigen Kirchenverfaffung, die Umwandlung der Kirs 
cendiener in Staatd: und Wolksdiener, die neue 
Beraubung der Kirchengüter, vereinigte einen großen 
Theil ded Wolle zum Widerfland, drängte den Kö: 
nig vollends zum Bruch mit der Revolution, und 
der Widerſtand, welcher der Revolutionspartei nun 
entgegentrat, erzeugte jene fanatifche Erbitterung 
gegen Alles, was mit Königthbum und Kirche zu: 
fammenhieng. Doch trat nah dem Schluffe der 
Nationalverfammlung gegen Ende ded Jahres 1791 
eine. tiefe Abfpannung der Mittelktaffen ein, man 
fehnte ſich nad einem endlichen Abfehluffe der Bes 
wegung, die neuen Wahlen fanden wenig heil: 
nahme, und wenn jest ein flaatSmännifcher Held 
wie Mirabeau vorhanden gewefen wäre, um bie 
confervativen Elemente zufammenzufafien, hätte, wie 
Sybel andeutet, dem Weitergreifen bed revolutionäs 
ren Sturmed Einhalt gethban werden können. Aber 
jest war es die Partei der Gironde, die dad Feuer 
der Revolution fhürte und den Kampf gegen bie 
Monarchie mit allen Mitteln zu Ende zu bringen 
ſuchte. Sie war ed, weldhe, um die revolutionäre 
Energie zu fleigern, den Krieg gegen die auswärti- 
gen Mächte herbeizuführen fuchte und zu diefem Ende 





allerhand Angrifföwaflen in Anwendung brachte, nas 
mentlich die Verfolgung gegen Priefler und Aus⸗ 
wanderer mit größtem Eifer betrieb. Spbel legt 
großes Gewicht darauf, dieſe Anklage gegen bie 
Gironde feſtzuſtellen. „ES iſt wichtig,“ fagı er (©. 
297), „diefe unzweifelbaften Xhatfachen feſt in daß 
Auge zu faflen, um ſich von einer der größten Täu⸗ 
fhungen frei zu erhalten, welche jemald dur Par: 
tei= und Nationalintereffe um ein großed geſchicht⸗ 
liched Ereigniß gelegt worden find, Zaufendmal ift 
e8 wiederholt worden; ber Krieg, welchen Sranfreid) 
gegen die Mächte begann, war nur bie Abwehr 
gegen die Seindfeligfeit, womit diefe und ber katho— 
Ifche Klerus bie Freibeit von 1789 unb bie Ber: 
foffung von 1791 bedrohten, In MWahrbeit aber 
find wenige gefchichtlihe Thatſachen gewiſſer, als 
bad gerade Gegentheil jenes Sabes; der Krieg ifl 
duch die Gironde begonnen worden, um bie mo— 
narchiſche Verfaffung von 1791 zu befeitigen, unb 
Zudwig XVI., die Feuillants und Kaifer Leopold 
wurden von ihnen bedrängt, weil fie alle diefe legte 
Stellung vor der Republik gegen den Angriff der 
Sacobiner zu behaupten ſuchten. Der König wünfchte 
für fpätere Zeit eine Reform der Verfaffung auf 
friedlihem Wege, die Gironde aber begann ben 
Krieg, um den gewalrfamen Sturz ber Berfaflung 
fofort zu erreichen. Bei der augenblidliden Rube 
bedurfte fie dazu einer erneuerten Gäbrung, fie mufite 
durh ein ſtarkes Meigmittel die Maſſe der Nation 
wieder in bie Wege der Zacobiner zurückſchrecken.“ 


Diele Politik der Girondiften wird fofort im 
weiteren Berlauf der Revolurionsgefchichte übergeu= 
gend nachgewielen. Sie trieben es gemaltfam zum 
Bruch mit Difterreidh in dem MWahne, Preußen zum 
Berbünbdeten gewinnen zu Fünnen. 





(Fortſetzung folgt.) nd 











kus beigelegten Eosmographie, welchen der Kirchen: 
vater Hieronymus aus dem griechifhen Driginale 
überfegt und in ben vorliegenden Auszug gebracht 
haben foll. 


Pertz der Juͤngere bat feine Unterfuchungen 
über die Cosmographie des Aethikus in drei Bücher 
eingetheilt. Im erften Buche handelt er von ber 
Cosmographie des Julius Honorius, im zweiten von 
den Handfchriften ber Cosmographie ded Aethikus, 
welche d'Avezac ald die phyfiſche Codmographie be: 
zeichnet, im dritten von der Ueberfegung biefer Cos⸗ 
mographie durch den heiligen Hieronymus... Perg 
nimmt drei verfchiedene Recenfionen ded Textes ber 
geographifchen Cosmographie an. Den erflen Theil 
berfelben legt er dem Julius Honorius bei, die de- 
scriptio tripartita dagegen weist er dem Drofiud zu, 
ber fie entweder verfaßt oder entlehnt habe. Das 
itineraiium Antonini wird von ihm nah dem Vor: 
gange von Parthey und -Binder dem Verfaſſer der 
descriptio quadripartita nicht beilegt. In Bezug 


auf Aethifus bemerkt er, daß nur drei Hanbfchriften 


den Namen des Aethikus enthalten und bie Zeug: 
niffe der Schriftfteller, welche von dieſer geographi⸗ 
fhen Codmographie fprechen, erſt mit dem zehnten 
Jahrhunderte beginnen. Ä 


Die phyſiſche Cosmographie dagegen legt Perk 
im zweiten Buche einem Aethikus wirklih bei. Er 
ftelt die Beugniffe des Gelehrten und ihre Auszüge 
aus diefer Schrift zufammen und gibt eine Weber: 
fiht der Handichriften, die er nach ihrer Beſchaffen⸗ 
beit in zwei Claſſen theilt, wobei ex von ber bef: 
feren Claſſe bemerkt, daß fie nur drei Mofcriften 
enthalte. 


Im dritten Buche verwirft Pers die Gründe 
derjenigen, welche dem heiligen Hieronymus bie 
Ueberfegung dieſes Werkes abſprechen, fucht diefelbe 
mit mehreren Gegengründen aufrecht zu erhalten, 
geht auf das glagolitifche Alphabet über, welches 
zuerfi dem Aethikus und ſodann dem heiligen Die: 
ronymuß beigelegt wird, und fchließt, nachdem er 
ein Citat Fredegar's über den trojanifchen Urfprung 
der Franken in ber phyſiſchen Cosmographie nad: 
gewielen hat, mit der Verfiherung, bad Geburts- 
jahr des Aethikus dürfte im das erfle Jahr des 





24 


vierten Jahrhundertes fallen, bie Ueberfegung bes 
heiligen Hieronymus aber zwifchen 396 und 409 
verfaßt worben fein. 

Wuttke bat ſchon in feiner Abhandlung über 
Erdkunde und Karten des Mittelalters, welche in 
Naumannd Serapeum erfhien, einige Andeutungen 
ſowohl über die geographifhe wie über die phyſiſche 
Cosmographie des Aethikus gegeben. Mit erflerer 
befchäftigt er fih in dem vorliegenden Werke nur 
im Borübergeben (S. XCIV seq.) und verweist 
größtentheild auf feine früheren Bemerkungen. 

Die phyſiſche Codmographie dagegen wirb aus⸗ 
führlid befprochen, indem der Verf. in der Einlei- 
tung ©. VI bi$ CXXXIII von dem Inhalte und 
dem Werthe der Bücher des Aethikus, von feiner 
Lebensgefchigte, von Hieronymus, dem Bearbeiter 
bed Aethikus, handelt, die Handfchriften befpricht, 
welche ihm befannt geworden find und hierauf (von 
S. 1 — 127) den Rert der phyſiſchen Cosmo: 


graphie nebft kritifchen Anmerkungen folgen läßt. 


Den VBerfafler der phufiichen Cosmographie be: 
zeichnet Wuttke ald einen Griechen und als Aithi- 
kos, um ihn dadurch von dem Verfaſſer der geo- 
graphifchen Cosmographie, dem Lateiner Aethikus zu 
trennen. Bon ber geographifhen Cosmographie fagt 
er S. XCVI, es liege die Vermuthung nahe, daß 
der Name des Cosmographen Aithifos ihr irrthüm⸗ 
licher Weife vorgefegt worden fei, 

Von dem Verfaſſer der phyſiſchen Cosmogra- 
phie aber glaubt er ald wahrfheinlih annehmen zu 
dürfen, daß Aithikos im britten Sahrhunderte feine 
Reifen gemacht, noch in ben erflen Jahrzehnten bed 
vierten Jahrhunderte gelebt, Hieronymus aber die 
Bearbeitung feines Werkes erft nah 394 unternom: 
men habe. 

Ref. will, um dieſe Anzeige nicht zu fehr aus⸗ 
zudehnen, bier nur zuerft die Anfichten über bie 
geographifche Cosmographie, dann bie Über die phy- 
fiihe Cosmographie des Aethikus einer näheren Prü⸗ 
fung unterziehen. 

Eine völlige Uebereinftimmung bes bei Gronov 
gebrudten Textes der beiden Verzeichniſſe des Aethi⸗ 
kus und bed Julius Honorius haben weder d'Ave⸗ 
zac, noch Pertz, noch Wuttke angenommen, weil ſich 


ng ber Goalition von mehreren Geiten 
Lichte zeigen; ein dritter und letzter den 
n Verſuch der Seemächte, das Bündniß 
en, den Aufftand und die Vernichtung Po: 











uß der Gonventöregierung barftelten. 
Die Probe des erſten Bandes läßt ein Werk 


erwarten, dad fi dem Bellen anreiht, was Über 


jene Beit gefchrieben worden. Die Ausbeute aus 
neuen vom Berfafler zum erftenmal benügten Quel⸗ 
len iſt zwar nicht ber Art, daß dad Urtheil über 
die Begebenheiten wefentlih verändert würbe, aber 
befonderd, was bie politifchen Verhältniſſe betrifft, 
jedenfalld bedeutend genug, um eine neue Bearbei: 
tung des Stoffes zu rechtfertigen; fodann zeichnet 
fi das Wert durch den Ausdrud einer ehrenwer: 
then, gefunden politifhen Gefinnung und tieferen 
Einfiht unter den Revolutionsgefhichten vortheilhaft 
aus, endlich befriedigt es die Anforderungen, bie 


man in künſtleriſcher Hinfiht an den Geſchichtſchrei⸗ 


ber machen kann, in nicht gewöhnlidem Grade. 
Wir machen in dieſer Beziehung auf die Schilde⸗ 
rung Mirabeau's, Dumouriez, Narbonnes, der Ma⸗ 
dame Roland, Kaiſer Joſephs, des Herzogs von 
Braunſchweig, der allgemeinen Lage Europas und 
der Kriegsbewegungen aufmerkſam. Für die wiſſen⸗ 
ſchaftliche Benũtzung des Buches vermiſſen wir nur 
das Eine, daß der Verfaſſer verſäumt hat, ſeine 
abweichenden Notizen und Anſichten in ben neuen 
von ihm zuerſt benüßten Quellen nachzuweifen. 


Beinahe bdiefelbe Periode der franzöfifhen Res 
volution, wie Sybels Werk, behandelt Zinkeifen in 
feiner Geſchichte des Jacobinerclubs, nämlich Die 
Zeit von 1789 bis 1794. Obgleich dem Titel 
nach nur Geſchichte eines Clubs oder Clubweſens, 
wird ſie bei der wichtigen Rolle, die jener Club in 
der Geſchichte der revolutionären Bewegung geſpielt 
hat, eine ziemlich vollſtändige Geſchichte der Revo⸗ 
lution ſelbſt, um fo mehr, da ber Verfaſſer es un: 
erläßlich erachtet hat, „auf einige Puncte der Revo: 
"Iutionegefchichte etwas näher einzugehen, ohne be: 
ven Mares Erfaſſen die Stelung und Wirkſamkeit 
ber Parteien im Allgemeinen und des Sacobiner: 
clubs im WBefondern nad den verfchiedenen Phafen 





den Sturz der Jacobinerherrſchaft und ben 


‚ihrer Entwidelung nicht‘ leicht verfländlich gewefen 
"wäre. Der Unterfhieb von einer vollländigen Ge: 
ſchichte ift hauptſächlich der, daß Auszüge aus Flug: 


und Zeitfchriften, aud Reben in den Clubs und der 


Nationalverfammlung , überhaupt das gefprocene 
und gefchriebene Wort in den Vordergrund treten, 


‚die eigentlichen Handlungen und Ereigniffe aber nur 


kurz erwähnt werden, was frfili der ganzen Dar: 
flelung etwad Ermübdendes, Undramatifches giebt. 


Die Quellen, aus denen der Werfafler gefchöpft 
bat, find nicht, wie bei Sybel, ungebrudte archiva⸗ 
liſche Schätze, Correfpondengn der mithandelnden 
Perfonen u. f. w., dagegen gedrudte Quellenfchriften 
in einer feltenen Vollſtändigkeit, namentlih Flug⸗ 
fohriften und Journale aus der Revolutiondzeit, bie 
zum Theil große Seltenheiten geworben find, und 
die ber Verfaſſer theild in Paris aufzutreiben, theils 
in der Berliner Bibliothet zu finden fo glücklich 
war. Bedeutende Audbente bat der Mirabeau’fche 
Briefwechfel, die von Sayou herausgegebenen Briefe 
und Denkſchriften Mallet du Pan's gewährt, fobann 
die histoire parlementaire von Buchez und Rour. 
Diefes Material bat nun der Verfafler mit großer 
Eorgfalt und Gründlichfeit benügt und mit aner- 
Fennenswerthem Echariblid intereflante Einzelnheiten 
an’d Licht gezogen. Es wird uns bie innere Ge: 
fhichte der Ereigniffe vor Augen gerüdt. 


Der erſte Band umfaßt die Gefichte des Sa: 
cobinerclubs und des franzöfifchen Clubweſens über: 
haupt bis zur Zrennung ber Feuillants von den Ja— 
cobinern im Suli 1791. Gehr intereffant iſt Die 
Entſtehungsgeſchichte des Jacobinerclubs, der fich 
zuerft als Club Breton, - aus Abgeordneten der Bre⸗ 
tägne im Mai 1789, durch eine zufällig hingewor⸗ 
fene Aeußerung Mirabeau's veranlaßt, zu Verſailles 
bildete. Er hatte anfänglich fo wenig bie fpätere 
republicanifhe Tendenz, daß er in. aller Unſchuld 
zuerft bei der Regierung Anhalt und Leitung fuchte 
und den Minifter Neder um Berathung angieng. 
Bon biefem wurde er aber Höhft ungefchidterweife 
abgewielen. Neder erflärte, er koͤnne fi in fein 
Verhaͤltniß zu dem Club einlaflen, „weil dies feiner 
Moral und feinen Prinzipien zuwider wäre.“ Sept 


ſuchte der vom Minifterium geringfchägig behandelte 


1 


Verein feine eigenen Wege, gerietb auf Eeite ber 
Oppofition und wurde fo allmählich zu jener furdht: 
baren Macht, welche bad Geſchick Frankreichs bes 
flimmte. 
des ift die ſchon oben erwähnte Drientierung über 
das Verhaͤltniß Mirabeau’s zur Revolution und zum 
Hofe. | 

Der zweite Band behandelt die Gefchichte des 
Clubs feit der Xrennung ber Feutllants von ben 
Jacobinern im Juli 1791 bis zur Schließung des⸗ 
feiben im November 1794, und bie fpätern Ber: 
fuche feiner Wiederherſtellung, mithin die ganze Zeit 
des aufgeregteften Kampfed der Parteien. Der Ver: 
faffer giebt hier noch mehr ald im erflen Bande, 
feiner Neigung, bie Revolutiondgefchichte ſelbſt her- 
einzuziehen, nad) und fchilbert den Parteilampf der 
Sacobiner gegen die Teuillantd, und nachher ber 
Bergpartei gegen bie Gironde mit großer Ausführ- 
lichkeit. Die Kriegsfrage findet hier eine mit den 


Anfichten Sybeld ganz übereinftimmende Erledigung. - 


Daß die Gironde den Krieg mit aller Madıt be: 
trieben und recht eigentlich herausgeſordert habe, 
wird aus ben Reden der Parteihäupter ganz Mar; 
fie hielt den Krieg nicht nur zur Beſeitigung ber 
Verfaſſung, fondern Überhaupt zur Befeſtigung des 
neuen Frankreichs in der europäilchen Staatenfamilie 
durchaus für nöthig. Die Potitif der Gironde er: 
ſcheint in Binkeifen’8 Darflellung in keinem glänzen: 
den Lichte. Ihre Schwachheiten und Halbheiten 
treten vecht deutlih hervor. Auch zur Charakteriſtik 
Neders, Lafayerted, Dantond, Robeöpierre und A. 
giebt der Verfaffer intereffante Beiträge, welche bazu 
Dienen können, bie Bewunderung , welde biefen 
Mevolutionshelden ſchon gezollt. worden iſt, herabzu: 
ftimmen. Befonderd Neder und Lafayette erfcheinen 
fowohl in Zinkeiſen's als in Sybels Darſtellung als 
unfähige Politifer, die aller fchöpferifchen Gedanken 
und Energie entbehrten. ’ 


Zinkeifen’d Werk verdient als eine ſehr tüch— 
tige, fleißige Arbeit, welche die Revolutionsgeſchichte 
in weſentlichen Puncten aufgehelt hat, alle Aner⸗ 
fennung. Nur dürfte ed weniger weitfchweifig und 
in Mittbeilung von Redeauszügen fowie in allge: 
meinen Betrachtungen etwas fparfamer fein. 





Ein Hauptbeftandtheil des erſten Ban: 


308 
Das dritte Werk, deſſen Beſprechung wir in 
ber Ueberſchrift angekündigt haben, Menzel Ge: 
ſchichte Curopa's von 1789 bis 1815, giebt ſich 
nicht als Ergebniß neuer Forſchung, fondern als 
eine populäre Geſchichte für das größere Publicum. 
mit beutfcher und confervativer Richtung. Eben in 
biefer legten Beziehung glaubt Menzel eine nicht 
überflüffige Ergänzung ber bisherigen Bearbeiter bie: 
ten zu Pönnen, indem die meiften nicht nur das 
geſchichtliche Material aus franzöfiihen und franzoͤ⸗ 
ſiſch gefinnten Schriftftelern entnehmen, fondern auch 
ihren focialen, politifhen und kirchlichen Voraus⸗ 
fegungen folgen, und fo die Geſchichte der franzds 
fiihen Revolution von dem Standpunct der in ihr 
zur Geltung gelommenen Grundfäge aus fchreiben. 
Menzel dagegen ſtellt fi) auf dem deutfchen, confers 
vativeg und kirchlichen Standpunct, auf dem ſich 
natürlih Manches ganz anderd ausnimmt. Er will 
nämlich zeigen, daß die für Deutfhland ſchlimmen 
Wirkungen ber franzöfifchen Revolution nicht bloß 
in Folge der Ereigniffe, fondern bewegen einges 
treten feien, weil eine fallhe Bildung, Glaubens: 
lofigkeit und ſchlechte Sitten den geifligen Boden 
ber bdeutfhen Nation unterwühlt hatten. Es fei 
baher Feine Heilung der durch bie franzdfifche Res 
volution gefchlagenen Wunden, Feine nationale Wie: 
bergeburt Deutfchlandd zu erwarten, fo lange nicht 
die gottlofe franzöfifhe Bildung audgetrieben fei. 
Menzel findet auch in ben neueren nationalen Be: 
wegungen Deutichlands noch viel zu viel zerftörens 
des Fıanzofentbum und macht dem bdeutfchen Par: 
lament den in bdiefer Allgemeinheit durchaus unge⸗ 
echten Vorwurf, daß ed nur ber franzöfifchen Re⸗ 
volution die Schuhe audgetreten habe, anftatt ſich 
auf den Achten beutfchen Volksboden zu fielen. 


Abgefehen von dieſem Uebermaaß der Tendenz 
bat diefe neue Revolutiondgefchichte entfchiedene Vor⸗ 
züge vor ben meiften für ein größered Publicum 
beflimmten geſchichtlichen Darfielungen jener denk⸗ 
würdigen Beit. Sie ift wirklich in deutſchem Sinn 
und mit patriotifcher Wärme gefchrieben, giebt ben 
reichen Stoff in zwedimäßiger Vertheilung und geiſt⸗ 
reicher Gruppierung, weiß Bekanntes durch charak⸗ 


“ teriftifche Züge neu zu beleben und zu würzen, 


303 


und beleuchtet die Dinge in der Regel durch ein 
verfländiges und gefundes politifches Urtheil. Auf 
Benügung neuer bisher umbefannter Quellen macht 
Menzel keinen Anſpruch, dagegen zeigt er, baß er 
mit der einfchlägigen Literatur wohl vertraut iſt 
und fi nicht mit ben gewöhnlichen Hülfsmitteln 
begnügt hat. Einige Lüden find uns gllerdingd bin 
und wieder aufgefallen; fo ift die Ausbeute, welche 
der Mirabeau'ſche Briefwechfel gewährt, unbeachtet 
geblieben, Mirabeau ift noch ganz in ber alten Weile 
ald ein genialer Abenteurer behandelt. Auch bie 
allgemeinen politifhen Verhaͤltniſſe Europas, welche 
deſſen Stelung zur Revolution fo wefentiich beding⸗ 
ten, der Gegenfag zwifchen Deflerreih und Preußen, 
die polnifhe Frage find durchaus ungenügend ab: 
gemacht, was einem freilih um fo mehr auffällt, 
wenn man von dem Lefen bed Syhbel'ſchen Buches 
berfommt. Menzel Bonnte dasfelbe freilich nicht mehr 
als Vorarbeit benügen, aber es war auch ohne Sy: 
bel eine für die Zwecke einer überfichtlichen Darſtel⸗ 
lung genügendere, Orientierung möglih. ine Blare 
Darlegung der politifchen Verhaͤltniſſe, welche das 
Verhalten der europäifhen Mächte zur franzöfifchen 
Revolution: beftimmten, lag dem Berfafler um fo 
mehr ob, als er fih die Aufgabe geftellt hat, bie 
Geſchichte nicht vom franzöfifchen, fondern vom deut: 
fhen Standpuncte aus zu fchreiben. 


Erft bei Gelegenheit des Raſtadter Congreſſes 
kommt der Verfafler auf die deutſchen Zuſtände zu 
fpreben, um die Wehrlofigkeit des deutſchen Reichs 
Daraus zu erflären, daß die höheren Glaffen ber 
Geſellſchaft in Deutfchland ohne Ausnahme mora= 
liſch geſchwächt geweſen, und im Bann einer fal: 
- {hen Bildung, bden- Sranzofen ihre Ueberlegenheit 
erleichtert und zugeftanden haben. Die damalige 
deutſche Bildung fei freilich nicht im Stande gewer 
fen, die Regierungen auf eine würbdigere und na= 
tionalere Politik binzumeifen, fie habe vielmehr alle 
ihre Schwächen und Fehler begünftigt und provo⸗ 
cirt. In ähnlicher Weiſe wird die Schmach ber 
Rheinbundspolitit aus der Haltung des Ddeutfchen 
Bolkes, aus dem Benehmen ber hervorragenden Geis 


flex, der deutſchen Schriftſteller erflärt und entſchul⸗ 
digt. Mit Schonung wird der Anſchluß der deut⸗ 
ſchen Fürſten an Napoleon erzählt, aber ohne Nach⸗ 
ſicht das Verhalten Göthe's, Johannes von Müller’s 
und anderer Schrififteller gegen Napoleon und die 
deutfhe Sache an ben Pranger geftelt. Nur Jean 
Paul und E. M. Arndt werben als ehrenwertbe 
Ausnahmen gerühmt. Wo das Wolf aber wirklich 
eine nationale Haltung zeigt, wirb feine Erhebung 
mit Wärme und fichtbarer Vorliebe dargeſtellt. So 
ber Tirolerkrieg, der ſpaniſche Kampf und ber preu: 
ßiſche Frühling von 1813. Mit vieleicht zu gün- 
fligen Worausfegungen werden die Widerſtandsver⸗ 
ſuche Defterreihs im Bahr 1805 und 1809 und 
ihr tragifcher Ausgang aufgefaßt, während die Des 
müthigung Preußens mit einiger Genugthuung, man 
könnte faft fagen, mit einer gewiffen Schabenfreude 
erzählt wird. Auch die Reformen der Stein’fhen 
Verwaltung werben mit einiger Ungunft beſprochen. 
Der Verfaſſer erkennt zwar den kräftigen Charakter 
und patriotifchen Geift des Freiherrn vom Stein ge: 
bührend an, bat aber für feine Gefehgebung nur 
Worte bed Tadels. Die Stäbteorbnung habe Fei- 
nen Grfag geben fünnen für daB alte Gemeinde- 
wefen woblhabendber und fittenreiner Städte, Die 
Aufhebung ded Bunftwefend aber den Reſt bed gu⸗ 
ten alten Bürgerthums zerflört. 


(Schluß folgt.) 


Gelehrte 
München. 
Nro. 38. 


berausgegeben von Mitgliedern | 
der P. bayer. Akademie der Wiffenfhaften, 


= 


- 


Anzeigen. 
29. März. 


1854, 





Neuere Werfe über die Geſchichte der 
Kevolutionszeit. 





GEGchluß.) 

Der Schluß der Kriegszeiten, der Wiener 
Congreß und Pariſer Frieden iſt wieder etwas 
flüchtig behandelt, aber das Unbefriedigende der 
neuen Ordnung der Dinge freimüttzig ausgeſprochen. 
Bezeichnend ſür Menzels Anſichten über das Weſen 
des modernen Conſtitutionalismus iſt das, was er 
über die ſüdweſtlichen Staaten Deuiſchlands ſagt. 
Sie „blieben beſtändig von Frankreich bedroht, alfo 
auch immer unter einem gewiſſen moralifhen Ein: 
fluß Frankreichs. Daraus erflärt fi der Eifer, mit 

dem überall in den vormaligen Rheinbundflaaten 
von Geiten der Beinen deutfhen Regierungen das 
Kammerſyſtem, welches Talleyrand und Fouché„ den 
Bourbons aufgedrungen hatten, nachgeahmt und 
von Seiten der Bevölkerungen auch ganz wieder 
im Sinne der franzöfifhen Oppoſition aufgefaßt 
wurde. — Die Fürften hielten unter dem conflitu= 
tionellen Aushängefhild das Echwert der Souverais 
nität feſt; die Kammern find zu ſchwach geblieben 
und haben nur, um das neue Scheinrecht auf dem 
Papier zu erobern, das gute wahre altbiftorifche 
Recht der Gorporationen, der Gemeinden und ber 
Kirhe mit Füßen getreten.“ Einen Abſchluß der 
revolutionären Bewegungen glaubt Menzel für bie 
nädfte Zukunft keineewegs hoffen zu dürfen, wie 
bisher Revolution und HReaction mit einander ge: 
wedfelt haben, fo werde auch auf die neuefle Re: 
action wieder eine Revolution folgen. Der lebte 


Halt gegen die Revolution werde aber die Kirche 
fein. Sie könne nicht revolutienär werden, ed liege 
daher in der Natur der Dinge, daß fi früher oder 
fpäten die Staatsregierungen und alle confervativen 
Schhattierungen mit ihr vertragen und fich ihrem 
höheren Gefeg unterwerfen möüffen, wenn noch irs 
gend ein Schus und Halt im allgemeinen revolus. 
tionären Brande für fie bleiben ſolle. Alle Zwi⸗ 
fhenzuftände und Mittelparteien werden am Ende 
verfchwinden, und e8 werde nur noch Die Kirche 
der Revolution gegenüberflchen. 


Klüpfel. 


Shanghae Almanac for 185% and 1853. 





Almanadhe und Kalender bilden feit Jahrhun⸗ 
berten einen Zweig der chinefiihen Volksliteratur. 
Diefer Oattung einflußreihee Schriften ‚haben ſich 
jegt die chriſtlichen Sendboten bemädhtigt, um mitteld 
dieſer volksthümlichen Literatur bie öftlihen Wölfer 
mit dem Evangelium und ben wefllihen Wiſſen⸗ 
fhaften befannt zu machen. Hr. Dr. Margowan 
von der ärztlihen Miffion der amerilanifhen Mes 
thodiften ift Herausgeber dieſes Almanachs, welcher 
in chineſiſcher Sprache die Ueberfahrift führt: Po 
we tong schu, Allgemein faßlihes Buch über al- 
lerlei Gegenflände. Im erften Jahrgange wird uns 
ter andern die Lehre von ber. Elcctricität — von 
Macgowan mit einem neugemacten Worte, Tienki, 
Bligmaterie benannt, — die Lehre vom Ma: 

XXXVIII. 38 


gnetismud und Galvanismus, forie bie Einrichtung 
eleftromagnetifher Telegraphen beſprochen. Zur Er- 
läuterung find eine Anzahl Abbildungen hinzugefügt. 
Der Doctor belehrt die Chinefen, wie man in we 
nigen Minuten eine Nachricht von Peking nah Can⸗ 
ton bringen, welcher Mafchinerie und Schriftzeichen 
man fich biezu bedienen Fünne. Auch von dem un: 
terfeeifhen Telegraphen, dee England und Frank 
reich verbindet, ift bier die Mede fowie von dem 
Plane, einen Telegraphen von England nad Ames 
rika zu zieben. Ein anderer Sendbote Dr. Mon: 
crieff fchreibt über Arichmetit, um die Bewohner 
des Mittelreihd mit unferer Rechenkunſt bekannt zu 
machen. Sie follen einfehen , daß. Rechnungen nad 
europäiſcher Weiſe viel leichter find ald die vermit: 
telſt der bekannten chinefifhen Rechenwaſchine, welche 
im dreizehnten Jahrhundert von den Mongolen nad 
Rußland und Polen gebracht wurde, 


Dr. Parker bat einen mit mehreren lithogra⸗ 
phifchen Abbildungen verfehenen Bericht. über daß 
Wirken ber mebicinifchen Anftalt im Jahre 1850 
der Deffentlichkeit übergeben. Er fol in medicini⸗ 
ſcher Beziehung großes Intereffe gewähren; man 
erfehe auch hieraus die Unwiflenheit der Ehinefen, 
namentlih bei allen chirurgifhen Operationen. Dr. 
. Parker, der feit 1851 alle Gefchäfte eined Geſand⸗ 
ten und Conſuls, eines Richters und Dolmeiſch ver: 
einigt, bat bloß 6000 Tollard Befoldung, während 
der erſte englifche Dolmetſch allein 8300 Pfund be: 
zieht. Man fieht die Amerikaner verſtehen ſich auf 
die wohlfeile Regierung, — was mit eine Urfache 
iſt ihrer wundervollen Entwicklung. Ucberfleigt doch 
die Befoldung des Stattbalterd von Hongkong, nahe 
an 10,000 fl. den Gehalt des Prälibenten - der 
vereinigten Staaten. Der eine hat 6000 und ber 
andere 25,000 Dollars. 


Das Reich ded Himmeldfohned heißt Tienhia, 
— Alle Lande unter dem Himmel. Nach feinem 
canonifhen Rechte ift der Himmelsfohn alleiniger 
Herr aller Lebendigen; die ihm widerſtreben, leben 
außerhalb der Gultur, außerhalb der Glüdfeligfeit. 
Sur Bezeichnung diefer Barbaren werben nad) ben 
verfiniedenen Himmelögenenden eigene Worte ges 
brauht: Man, I, Ti, Hiong. Die englifhen Bes 
börden find volllommen in ihrem Rechte, Thimpf: 





liche Bezeichnungen dieſer Art nicht zu bulden. Se 
mehr die Kraft mangels, deſto mehr ficht man auf 
Bormen; ber Mat geziemt es aber, dem frigen 
Hochmuth mit Gewalt entgegen zu treten. Wie 
ſehr die Chinefen an ber fchimpflichen Bezeichnung 
ber: Fremden hängen‘, - zeigt die doppelte Ausgabe 
ber Vertrags mit den vereinigten Staaten. In der 
Ausgabe: für die Fremben fchlt das beieidigenbe 
Wort, während es fich finder in dem Abdrud für 
die flogen Söhne der Bang Die über den Ge 
brauch des Worted I gepflogene Unterhandlung, wo: 
rüber im Almanach ebenfalld berichtet wird, ift ſehr 
begeichnend für die feige lügneriſche Diplomatie bes 
öſtlichen Aſiens. Der englifhe Conſul zu Canton 
findet das Wort in dem Erlaß eines Bezirksbeam⸗ 
ten und erhebt Beſchwerde. Herr Elmslie, lautet 
die Antwort, ſei irrthümlich berichtet, das Wort 
wäre unſchuldiger Bedeutung und von jeher im Ge⸗ 
brauche zur Bezeichnung der Ausländer, Nun ſchrei⸗ 
tet der Bevollmächtigte Großbritanniende Dr. Bo: 
wring ein und bringt in Erinnerung, wie China 
feit dem Frieden zu Nanking fich verpflichtet habe, 
andere Voͤlker ebenbürtig zu behandeln, und wie 
auf frübere Vorftelungen die Erlaſſe mit dem Worte 
I zurüdgenommen wurden. Die Antwort bed kai⸗ 
ferlihen Commiflärd und Statthalterd ber beiden 
Kuang iſt lächerlich lügenhaft, — würdig eined 
hinefifhen Falſtaff. „Der Statthalter ſchämt fich 
fo ungelehbrt und unwiffend zu fein; habe cr Doch 
niemals Studien gemacht, noch den Haflifhen Schrife 
ten, den Geſchichtſchreibern und Wörterbüchern irgend 
eine anhaltende Aufmerkſamkeit gewidmet. Set ver- 
nehme er zum erflenmale in feinem Leben, daß das 
Wort I etwas Schlimmes bebeute, und werde dem⸗ 
gemäß den untergeordneten Beamten befehlen, es 
nichs mehr zu gebrauchen.“ 


Der zweite Jahrgang des Almanachs zerfällt 
in zwei Xheile: ein Kalender mit meteorologifchen 
Tabellen und eine Anzahl vermifchter Auffäße, Dem 


. Herald entnommen, welihe theilweife ein allgemeines 


Snterefle in Anfpruh nehmen. Die Gefchichte der 
Einführung ber europäifchen Afltonomie in China 
mittel® der Sefuiten und die Lebensbefchreibung des 
Siu Kuangfi, von Duhalde und Anderen Paulus 
Siu geheißen, ftchen in innerem Bufammenhange. 





Dieter beruhmte Minifter und Schriftfieier ber letz⸗ 
teren Ming war ein Schüler des Matthäus Ricci, 
fein- vorzüglichſter Neophyt und Dort gegen die An- 
Hagen und Berfolgungen des ausſchlleßenden Chir 
nefenurhums. Geine Werke werben immer nocd von 
Neuem aufgeleg. Se ift von feiner Encpklopädie 
des Landbaued vor Kurzem zu Schanghai eine Aus⸗ 
gabe in. 60 Bänden erfhienen, mit einer Menge 
Abbildungen ber behandelten Naturgegenflände. 


Der Berfafler diefer Kalender: Ahhandlungen 
ſchreibt vorzüglich nach einheimifchen chinefifchen Quel⸗ 
len, wodurch diefe Arbeiten einen befondern Werth 
erhalten. Der Minifter und Alademiler Juen juen, 
der größte und umfaflendfle Gelehrte Of: Afiens 
während ber erfien Hälfte bed neunzehnten Jahr: 
hunderts — er war Oberftatthalter von Kuangtong 
und Kuangſi während meines Aufenthaltes im Mit: 
telreibe — ſchrieb unter andern auch eine Ge: 
fhichte der Aflronomie, woraus hier nach manden 
Richtungen lehrreiche Auszüge mitgetheilt werben. 
Auen ift fehr ungebalten über feine Landsleute, daß 
fie der Fremden ald Lehrer bedürfen, noch mehr 
über jene chriftlihen Mandarine, welche den jefui: 
tifhen Sendboten dad Wort redeten. „Sollen wir 
von dem überaus reinen Herrfcherhaufe immer Nach⸗ 
treter fein der Europäer in den aflronomifchen Wif: 
fenfchaften? Wir bedürfen nur eines neuen Kuoſcheu⸗ 
fing — ein berühmter Aftronom im dreizehnten Jahr⸗ 
hundert — um alle Anfprühe des Weſtens auf 
Wiflenfchaft zu nichte zu maden. Vieles, was und 
die Europäer lehrten, mögen fie urfprünglic von 
China erhalten haben; fagen fie doch ſelbſt, daß die 
Algebra aus dem Dſten flammt. Es find glüdliche 
Leute, dieſe fpätgebornen Europäer; fie können bie 
Sorfhungen der früheren Gefchlechter benugen. Sie 


felbft hätten wohl keine Erfindungen gemadıt; denn 


ed find Menfchen fehr geringer geifliger Fähigkei⸗ 
ten.“ — Wie muß es bei den Maffen audfehen, 
wenn wir ſolche hervorragende Männer, welchen 
alle aus europäifchen Sprachen Überfegten Werke zu 
Gebote flanden, der Art von nationalen Vorurthei⸗ 
Ien geblendet finden! Die Bewegung der Erde und 
alle Wahrheiten, welche hiermit zufammenhangen, 
werden in mobernen Büchern des Mittelreiches, de⸗ 
sen jährlich eine große Menge zum Theil ſehr koſt⸗ 





* 


bare erſcheint, für europiitche weſiliche Abge⸗ 
ſchmacktheiten“ erklärt, die keine ernſtliche Beſpre⸗ 
chung verdienten. 


Der evangeliſche Sendbote Bettelheim ,‚ ein 
Deutfher aus Ungarn, lebt feit mehreren Jahren 
mit feiner Samilie zu Napakiang, Napaku bei den 
Sapanern, einem Hafenplage unfern der Hauptfladt 
bed Infelreiches Lieukien oder Lutſchu. Der Auss 
zug feines Berichtes über die Sciffsmiffion auf 
diefer theild China, theild Japan zinspflichtigen 
Gruppe enthält mehrere Xhatfachen zur Kenntniß 
diefer 36 Eilande und der menfchenfeindlichen Po⸗ 
litik der japanifchen Gebieter. B. erzählt, wie ein 
Inſaſſe, der fih zum Chriftentbum bekannte, durch 
allerlei Peinigungen ber Lieufieu WBehörben feinen 
Tod gefunden hat, und wünfcht nun, daß Eng⸗ 
land und Nordamerika mittel WBaffengewalt dem 
Evangelium freien Zutritt erzwingen. „Sobald dies 
gefchehen ‚, find diefe Inſeln eine zweite Sandwichs⸗ 
gruppe im weſtlichen flillen Deean, wo China, Ja⸗ 
pan und die Chriftenheit zu gegenfeitigem Vor⸗ 
theile in die manigfachften Berüprungen fommen 
werden.“ 


Die acht Briefe Über dad Binnenland in ber 
Umgegend von Suiſcheu, mehrere Auszüge aus dem 
Tagebuch de Dr. Macgowan und der Audflug nach 
Nanking find, abgefehen von ihrem bleibenden Wer⸗ 
the, in den Tagen, wo bie Ming Deere fib in 
diefen Gegenden ausbreiten, zeitgemäße, ſchätzbare 
Mittheilungen. Jenkins, ein evangelificher Sendbote 
aus Amerika, beginnt dieſe Briefe mit den Vorkeh⸗ 
rungen, wie ber $remdlirg ais Chinefe auftreten 
könne; Kopfſchur und ein künſtlicher Zopf bildeten 
damals noch die wichtigften. Der Reifende findet alls 
enthalben in diefen fruchtbaren Gegenden Kiangnans 
eine überraſchend dichte Bevölkerung. Sol doch 
Sutfcheu mit feinen Vorftädten eine Einwohnerzahl 
von 14 Million enthalten; Örtfchaften von 20000 
bis 40000 Seelen gelten für unbebeutend und find 
in Menge vorhanden. Er befchreibt auch die taus. 
fenderlei Vorkehrungen, um dieſe Maflen zu ernäh⸗ 
vn. Dad Dungmefen erhält hier mande Berei: 
cherung. ' Unter andern wird auch zu dem Endzweck 
der Schlamm der Flüſſe und Kanäle mittels einfa⸗ 


J 
—8 


“einig über Mittel und Zeitpunct bed Losfchlagens, 
aber in vollem Einvernehmen über den Zwed, nur 
Einer — ber Kaiſer — habe eine abweichende Ans 
fiht und werde von ben Uebrigen um fo mehr 
als Widerfacher betrachtet, ald auch in den übri⸗ 
gen Puncten feine Intereflen von ben ihrigen abs 
weichen. 


Die Partei in Frankreich, weldhe ben Krieg 
zum Ausbruch bradte, war die Gironde. Ihre Bes 
firebungen werben von Sybel im dritten Buch ge: 
fchildert, welches vom Sturz bed franzöfifhen Kö: 
nigthumd handelt. Dem Sturz bed Königthums 
war der des Clerus und Adels vorhergegangen. Die 
Vernichtung des erfteren ald erften Standes im Feu⸗ 
dalſtaat, meint S., hätte flatefinden können, ohne 
Daß die focialen Grundlagen des Staats erfchüttert 
worden wären, aber der Sanatismus, mit dem man 


gegen ben Clerus ald Träger des im Volk wurzelns . 


den Glaubens zu Zelde 308, habe ten Bürgerkrieg 
zum Ausbruch gebraht. Die Aufhebung ber bis: 
berigen Kirchenverfaffung, die Umwandlung der Kits 
chendiener in "Staatd: und Voilksdiener, die neue 
Beraubung der Kirchengüter, vereinigte einen großen 
Theil des Volks zum Widerfland, drängte den Kö: 
nig vollends zum Bruch mit der Revolution, und 
der Widerfland, welcher der Revolutiondpartei nun 
entgegentrat, erzeugte jene fanatifche Erbitterung 
gegen Alles, was mit Königthum und Kirche zu: 
ſammenhieng. Doch trat nah dem Schluffe ber 
Nationalverfammlung gegen Ende ded Sahres 1791 
eine. tiefe Abfpannung der Mittelklaſſen ein, man 
fehnte ſich nad einem endlichen Abfehluffe der Bes 
mwegung, die neuen Wahlen fanden wenig Theil⸗ 
nahme, und wenn jest ein ſtaatsmanniſcher Held 
wie Mirabeau vorhanden geweſen wäre, um die 
conſervativen Elemente zuſammenzufaſſen, haͤtte, wie 
Sybel andeutet, dem Weitergreifen des revolutionds 
ren Sturmes Einhalt gethban werben können. Aber 
jest war ed die Partei der Gironde, die das Feuer 
der Revolution fhürte und den Kampf gegen die 
Monarchie mit allen Mitteln zu Ende zu bringen 
ſuchte. Sie war ed, welche, um die revolutionäre 
Energie zu fleigern, den Krieg gegen bie auswaͤrti⸗ 
gen Mächte herbeizuführen fuchte und zu diefem Ende 





® 
® 


allerhand Angrifföwaflen in Anwendung bradte, na⸗ 
mentlich die Verfolgung gegen Priefter und Außs 
wanderer mit größtem @ifer betrieb. Sybel legt 
großes Gewicht darauf, dieſe Anklage gegen bie 
Sironde feftzuftellen. „Es iſt wichtig,“ fagı er (S. 
297), „diefe unzweifelbaften Thatſachen feſt in das 
Auge zu faflen, um fich von einer der größten Täu⸗ 
ſchungen frei zu erhalten, welche jemald durch Par: 
tei= und Nationalinterefle um ein großes geſchicht⸗ 
liches Ereigniß gelegt worden find. Tauſendmal ift 
es wiederholt worden; ber Krieg, weldyen Frankreich 
gegen die Mächte begann, war nur die Abwehr 
gegen die Zeindfeligkeit, womit diefe und der katho⸗ 
Iifche Klerus die Freiheit von 1789 und die Ber: 
faffung von 1791 bedrohten. In Wahrheit aber 
find wenige gefchichtlihe Thatſachen gewifler,. als 
dad gerade Gegentheit jenes Satzes; der Krieg ift 
durch die Gironde begonnen worden, um die mo⸗ 
narchiſche Berfaffung von 1791 zu befeitigen, und 
Ludwig XVI., die Feuillants und Kaifer Leopoid 
wurben von ihnen bedrängt, weil fie alle diefe legte 
Stellung vor ber Republik gegen den Angriff ber 
Sacobiner zu behaupten fuchten. Der König wünfchte 
für fpätere Zeit eine Reform der Werfaflung auf 
frieblihem Wege, die Gironde aber begann ben 
Krieg, um den gewalrfamen Sturz der Verfaſſung 
fofort zu erreihen. Bet der augenblidlichen Ruhe 
bedurfie fie dazu einer erneuerten Gährung, fie mußte 
durh ein ſtarkes Reizmittel die Mafle der Nation 
wieder in die Wege der Sacobiner zurüdichreden.“ 


Diefe Politit der Girondiſten wird fofort im 
weiteren Verlauf der Revolutionsgefchichte Überzeu= 
gend nachgewieſen. Sie trieben es gewaltfam zum 
Bruch mit Orfterreih in dem Wahne, Preußen zum 
Verbündeten gewinnen zu können. 


(Hortfeßung folgt.) 


Gelehrte 


| 





München. 
Nro. 37. 


LS 


Neuere Werke über die Geſchichte der 
Revolutionszeit. 





(Bortfegung.) 

Die Aufgabe war ſchwierig, dba Robespierre 
und feine Partei in richtiger Ahnung, welche Ges 
fahr der Zreiheit von einem fiegreichen Heer und 
Zeldheren drohe, gegen den Krieg arbeitete, und 
der Kaifer Eeopold, wie wir oben gefehen, nüch⸗ 
terner als der König von Preußen, eine fehr vors 
fihtige und gemäßigte Eprache führte, feine For: 
derungen auf Entihädigung der elfäßifchen Zürften 
und ded Pabfled befchränkte, bie bereits gerüfteten 
Kurfürften zur Vorſicht mahnte und immer noch 
auf die conflitutionelle Partei in Frankreich hoffte. 
Die Girondiſten griffen unermübdet das franzöfifche 
Bolt bei feinem Siolz an und flellten ihm vor, 
wie ſchmählich e8 wäre, von fremden Defpoten fich 
eine Aenderung der Berfaflung andictieren zu laſſen. 
Endlich gelang «8 ihnen doch, fi) des Minifteriums 
wieder zu bemächtigen, ben König zur Kriegserklä⸗ 
rung zu zmingen, während andererfeit® der Tod 
Eeopolds und die Kriegdluft des Königs von Preu: 
Gen ihre Plane begünftigten. 


Da die Gironde den Krieg eifrig betrieb, 
geht ſchon aus ‚ihren Reden in der Nationalver: 


fammlung hervor; es iſt aud in ben meiften aus: 


führlichen Darfielungen der Revolutionsgefchichte her: 
vorgehoben, aber Sybel ſucht nachzuweilen, daß der 
Angriff von der Gironde auögegangen ift, daß fie 
die Maaßregeln gegen die Emigranten burchfebte, 


Derausgegebeu von Mitgliederu 
der k. bayer, Afademie der Wiffenfchaften. 








Anzeigd 


1. Kt 
1858 
\ 


% 





\ die barfche Sprache gegen bie fremden Mächte führte, 


um fie zum Krieg berauszuforbern und zu nöthigen. 
Ebenfo verdanken wir ihm eine richtige Schilderung 
ber deutfchen Rüftungen. In ben meiflen Geſchichts⸗ 
barfielungen erfcheinen die Verbündeten vol Eifer, 
bie franzöfifchen Jacobiner zu -züchtigen, Spbel aber 
zeigt, wie zwar Friedrich Wilhelm II. voll ritterli⸗ 
her Luft und Ungebulb geweſen fei, die Revolution 
zu bändigen, fein Zelbherr, der Herzog von Braun: 
fhweig aber gar keine fonderliche Luft am Kriege ges . 
habt, viel lieber gegen die Defterreicher gezogen wäre, 
die er fammt den Emigranten von ganzer Seele haßte, 
wie er denn auch jene® pomphafte Kriegsmanifeft 
wider Willen und aus Ungefhid, eine abweichende 
Anfiht geltend zu machen, fi aufbringen ließ. 
Die wenig Neigung Kaifer Leopold zum Krieg 
hatte, wie Franz II. nur in einem gewiflen jugends 
lichen Leichtfinn zuflimmte, wie wenig die deutfchen 
Reichöfürften außer dem Landgrafen von Heffenkaffel 
Eriegerifch gefinnt waren, welches Mißtrauen der 
Oeflerreiher gegen Preußen und der Reihötruppen 
gegen beide befland, wie der Unmuth und die Un: 
fähigkeit ded Herzogs von Braunfchweig die kriege⸗ 
rifhen Bewegungen hemmte und alle Erfolge vers 
nihten mußte, iſt zwar auch fonft befannt, aber 
Spbel hat das Alles trefflih im Zuſammenhang 
gezeichnet und durch allerlei neue einzelne Züge bes - 


ſtaͤtigt. 


Mit dent Uebergang der franzöſiſchen Verthei⸗ 
digung in das Syſtem des Eroberungskrieges ſchließt 
ber erſte Band. Ein zweiter fol die polnifche Thei⸗ 
lung, die eh lioen Verfuche gegen Bayern und 

AXXVI 










ng der Goalition von mehreren Geiten 
Eichte zeigen; ein britter und letzter den 


‚ den Aufftand und die Vernichtung Po: 


uß ber Gonventöregierund darſtellen. 
Die Probe des erfien Bandes läßt ein Werl 


erwarten, das fi dem Beſten anreiht, was Über 


jene Beit gefchrieben worden. Die Ausbeute aus 
neuen vom Verfaſſer zum erflenmal benüsten Quel⸗ 
len ift zwar nicht der Art, daß das Urtheil über 
die Begebenheiten wefentlich verändert würde, aber 
befonderd, was bie politifchen Werbältniffe betrifft, 
jedenfalld bedeutend genug, um eine neue Bearbei⸗ 
tung des Stoffes zu rechtfertigen; fodann zeichnet 
fih das Wert durch den Ausbrud einer ehrenwer: 
then, gefunden politiſchen Gefinnung und tieferen 
Einfiht unter den Revolutionsgeſchichten vortheilhaft 
aus, endlich befriedigt es die Anforderungen, bie 
‚man in fünfllerifcher Hinfiht an den Geſchichtſchrei⸗ 
ber madhen ann, in nicht gewöhnlidem Giade. 
Wir mahen in biefer Beziehung auf die Schilde⸗ 
rung Mirabeau’s, Dumouriez, Narbonned, der Mas 
bame Roland, Kaifer Joſephs, des Herzogs von 
Braunfchweig, der allgemeinen Lage Europas und 
der Kriegöbewegungen aufmerkſam. Für die wiffens 
fhaftlihe Benügung des Buches vermiflen wir nur 
das Eine, daß der Verfaſſer verlaumt hat, feine 
abweichenden Notizen und Anfichten in den neuen 
von ihm zuerſt benüsten Quellen nachzumweifen. 


Beinahe diefelbe Periode der franzöfifhen Ne: 
volution, wie Sybels Werk, behandelt Zinkeifen in 
feiner Geſchichte des Jacobinerclubs, nämli die 
Seit von 1789 bis 1794. Obgleih dem Xitel 
nah nur Geſchichte eined Clubs oder Elubwefens, 
wird fie bei der wichtigen Rolle, die jener Club in 
der Gefchichte der revolutionären Bewegung gefpielt 
bat, eine ziemlich volfländige Geſchichte der Revo: 
Iution felbft, um fo mehr, da der Werfafler e8 un: 
erläßlich erachtet hat, „auf einige Puncte ber Revo: 
"Intionegefchichte etwas näher einzugeben, ohne be: 
sen klares Erfaſſen die Stelung und Wirkſamkeit 
ber Parteien im Allgemeinen und bed Sacobiner: 
clubs im WBefondern nad ben verfchiedenen Phafen 





en Sturz der Jacobinerherrſchaft und den 


‚ihrer Entwidelung nicht leicht verſtändlich gewefen 
"wäre. Der Unterfhieb von einer vollländigen Ge 
ſchichte iſt hauptſächlich der, daß Auszüge aus Flug: 


"und Zeitfchriften, aus Reben in den Clubs und der 


Nationalverfammiung , überhaupt das gefprochene 
und gefchriebene Wort in den Vordergrund treten, 


‚die eigentlichen Handlungen und Ereigniffe aber nur 


kurz erwähnt werden, wad friilih der ganzen Dars 
flelung etwad Ermüdendes, Undramatifches giebt. 


Die Quellen, aus benen’ ber Werfafler gefhöpft 
bat, find‘ nicht, wie bei Spbel, ungebrudte archiva⸗ 
liſche Schäge, Correfpondengen der mithandelnden 
Perſonen u. ſ. w., dagegen gedrudte Quellenfchriften 
in einer feltenen Vollſtändigkeit, namentlich Zlugs 
fhriften und Journale aus der Revolutionszeit, bie 
zum Xheil große Seltenheiten geworden find, umd 
die der Verfaſſer theild in Paris aufzutreiben, theils 
in ber Berliner Bibliothet zu finden fo glüdlich 
war. Bedeutende Ausbeute bat der Mirabeau’fche 
Briefwechfel, die von Sayou herausgegebenen Briefe 
und Denkfchriften Mallet bu Pan’d gewährt, ſodann 
die histoire parlementaire von Buchez und Rour. 
Diefed Material bat nun der Verfaſſer mit großer 
Eorgfalt und Gründlichkeit benügt und mit aner- 
Pennenswerthbem Schariblid interefiante Einzelnheiten 
an's Licht gezogen. Es wird und bie innere Ge: 
ſchichte der Ereigniffe vor Augen gerüdt. 


Der erfie Band umfaßt die Gedichte des Ja⸗ 
cobinerclub8 und des franzöfiichen Clubweſens übers 
haupt bis zur Xrennung ber Feuillants von den Ja⸗ 
cobinern im Juli 1791. Gebr intereflant iſt die 
Entficehungsgefchichte des Jacobinerclubs, ber fich 
zuerft ald Club Breton, - aus Abgeordneten der Bre⸗ 
tägne im Mai 1789, durch eine zufällig hingewor⸗ 
fene Aeußerung Mirabeau’d veranlaßt, zu Verſailles 
bildete. Er hatte anfänglich fo wenig bie fpätere 
republicanifhe Tendenz, daß er in. aller Unſchuld 
zuerft bei der Regierung Anhalt und Leitung fuchte 
und den Minifter Neder um Berathung angieng. 
Von bdiefem wurde er aber böhft ungeſchickterweiſe 
abgewiefen. Neder erflärte, er könne fich in fein 
Berhältniß zu dem Club einlaffen, „weil bied feiner 
Moral und feinen Prinzipien zuwider wäre.“ Jetzt 


ſuchte der vom Minifterrum geringfhägig behandelte 


Verein feine eigenen Wege, gerietb auf Seite ber 
Oppefition und wurde fo allmaͤhlich zu jener furcht⸗ 
baren Macht, welche dad Geſchick Frankreichs be: 
flimmte. 
des ift die ſchon oben erwähnte Drientierung über 
das Verhaͤltniß Nirabeau's zur Revolution unb zum 
Hofe. 

Der zweite Band behandelt die Gefchichte des 
Clubs feit der Trennung ber Feuillants von den 
Jacobinern im Juli 1791 bis zur Schließung be8s 
felben im November 1794, und die fpätern Wer: 
ſuche feiner Wiederherſtellung, mithin die ganze Zeit 
des aufgeregteften Kampfes der Parteien. Der Ber: 


faffer giebt hier noch mehr ald im erflen Bande 


feiner Neigung, bie Revolutiondgefchichte felbft her⸗ 
einzuziehen, nach und fchildert den Parteilampf der 
Sacobiner gegen die Feuillants, und nachher ber 
Bergpartei gegen bie Gironde mit großer Ausführ- 
lichkeit. Die Kriegöfrage findet bier eine mit dem 
Anfichten Sybeld ganz übereinfiimmende Erledigung. 
Doß die Gironde den Krieg mit aller Macht be: 
trieben und, recht eigentlich herausgefordert habe, 
wird aus den Reden der Parteihäupter ganz Par; 
fie hielt den Krieg nicht nur zur Beſeitigung ber 
Berfaflung, fondern Überhaupt zur Befefligung bed 
neuen Frankreichs in ber europätfchen Staatenfamilie 
durchaus für nöthig. Die Politik der Gironde er: 
ſcheint in Zinkeiſen's Darftellung in keinem glänzen: 
den Lichte. Ihre Schwachheiten und Halbheiten 
treten recht deutlich hervor. Auch zur Charakteriſtik 
Neckers, Lafayettes, Dantons, Mobeöpierre und X. 
giebt der Verfaffer intereflante Beiträge, welche dazu 
dienen können, die Bewunderung , welde diefen 
Mevolutionshelden fchon gezollt. worben iſt, herabzu⸗ 
flimmen. Befonderd Neder und Lafayette erfcheinen 
ſowohl in Zinkeiſen's als in Sybels Darftelung als 
unfähige Politifer, die aller fchöpferifchen Gedanken 
und Energie entbehrten. 


Zinkeiſen's Werk verdient ald eine ſehr tüch⸗ 
tige, fleißige Arbeit, welche die Revolutiondgefchichte 
in wefentlihen Puncten aufgehellt hat, alle Aner: 
kennung. Nur dürfte ed weniger weitfchweifig und 
in Mittheilung von Redeauszügen fowie in allge: 
meinen Betrachtungen etwas fparfamer fein. 





Ein Hauptbeftandtheil des erſten Ban: 


308 
Das dritte Werk, beffen Befprechung wir in 
ber Ueberfchrift angekündigt Haben, Menzels Ge: 
ſchichte Curopa's von 1789 bis 1815, giebt ſich 
nicht als Ergebnig neuer Forſchung, fondern als 
eine populäre Gefchichte für das größere Publicum 
mit deutfcher und confervativer Richtung. Eben in 
biefer legten Beziehung glaubt Menzel eine nicht ” 
überflüflige Ergänzung ber biöherigen Bearbeiter bie: 
ten zu koͤnnen, indem Die meiflen nicht nur daß 
gefchichtliche Material aus franzöfiichen und franzoͤ⸗ 
ſiſch gefinnten Schrififtellern entnehmen, fondern auch 
ihren focialen, politifchen und Eirchlichen Vorauss 
fegungen folgen, und fo die Geſchichte der franzoͤ⸗ 
fiihen Revolution von dem Standpunct der in ihr 
zur Geltung gekommenen Grunbfäge aus fchreiben. 
Menzel dagegen ftellt fi auf den deutfchen, confers 
vativeg und kirchlichen Standpunc, auf dem fid 
natürlich Manches ganz anderd ausnimmt. Er will 
nämlich zeigen, baß bie für Deutfchland fchlimmen 
Wirkungen ber franzöfifhen Revolution nicht bloß 
in Zolge der Ereigniffe, fondern bewegen einge 
treten feien, weil eine falfhe Bildung, Glaubens⸗ 
loſigkeit und fehlechte Sitten den geifligen Boden 
der deutfchen Nation unterwühlt hatten. Es fei 
daber Feine Heilung der durch die franzöfifhe Re⸗ 
volution gefhlagenen Wunden, Beine nationale Wie: 
dergeburt Deutfchlands zu erwarten, fo lange nicht 
die gottlofe franzöfifhe Bildung audgetrieben fei. 
Menzel findet au in den neueren nationalen Be⸗ 
wegungen Deutſchlands noch viel zu viel zerflörens 
des Fianzoſenthum und macht dem beutfchen Par: 
lament ben in dieſer Allgemeinheit durchaus unge 
rechten Vorwurf, daß ed nur der franzöfifchen Re: 
volution die Schuhe audgetreten habe, anftatt ſich 
auf den ächten beutfchen Volksboden zu fielen. 


Abgefehen von dieſem Uebermaaß der Tendenz 
hat dieſe neue Revolutiondgefchichte entfchiebene Vor⸗ 
züge vor den meiften für ein größeres Publicum 
beflimmten geſchichtlichen Darflelungen jener denk⸗ 
würdigen Seit. Sie ift wirklich in deutſchem Sinn 
‚und mit patriotifher Wärme gefchrieben, giebt ben 
reichen Stoff in zweckmäßiger Wertheilung und geiſt⸗ 
reicher Gruppierung, weiß Bekanntes durch charak⸗ 


teriſtiſche Züge neu zu beleben und zu würzen, 


303 


und beleuchtet die Dinge in der Regel durch ein 
verfländiges und gefundes politifches Urtheil. Auf 
Benüsung neuer bisher umbelannter Quellen madıt 
Menzel keinen Anſpruch, dagegen zeigt er, daß er 
mit der einfchlägigen Literatur wohl vertraut iſt 
und fich nicht mit ben gewöhnlichen Hülfsmitteln 
begnügt hat. Einige Lüden find uns allerdings bin 
und wieder aufgefallen; fo iſt die Ausbeute, welche 
der Mirabeau’fche Briefwechſel gewährt, unbeachtet 
geblieben, Mitabeau ift noch ganz in der alten Weiſe 
als ein genialer Abenteurer behandelt. Auch die 
allgemeinen politifgen Verhältniffe Europas, welde 
deflen Stellung zur Revolution fo wefentiich beding⸗ 
ten, der Gegenfat zwiſchen Deflerreih und Preußen, 
die polnifche Frage find durchaus ungenügend ab⸗ 
gemacht, was einem freilih um fo mehr auffält, 
wenn man von dem Lefen des Syhbel'ſchen Buches 
berfommt. Menzel konnte dasfelbe freilich nicht mehr 
als Vorarbeit benügen, aber es war auch ohne Sy: 
bel eine für die Zwecke einer überfichtlichen Darftel: 
lung genügendere, Orientierung möglih. ine Mare 
Darlegung ber politifhen Berhältniffe, welche das 
Verhalten der europäischen Mächte zur franzöfifchen 
Revolution: beflimmten, lag dem Verfaſſer um fo 
mehr ob, als er fich die Aufgabe geftellt hat, die 
Geſchichte nicht vom franzöfifchen, fondern vom beut: 
fhen Standpuncte aus zu fehreiben. 


Erft bei Gelegenheit des Raſtadter Congreſſes 
kommt der Berfafler auf die deutſchen Zuſtände zu 
fprehen, um die Wehrlofigkeit des deutichen Reichs 
Daraus zu erklären, daß die höheren Claſſen ber 
Geſellſchaft in Deutfchland ohne Ausnahme mora⸗ 
liſch geſchwächt geweſen, und im Bann einer fal: 
- {hen Bildung, ben- Franzofen ihre Ueberlegenheit 
erleichtert und zugeftanden haben. Die damalige 
deutfche Bildung fei freilich nicht im Stande gewe⸗ 
fen, die Regierungen auf eine würbigere und na⸗ 
tionalere Politik hinzumeifen, fie habe vielmehr ale 
ihre Schwächen und Fehler begünftigt und provo- 
cirt. In ähnlicher Weife wird bie Schmach ber 
Rheinbundspolitit aus dere Haltung des deutfchen 
Volkes, aus dem Benehmen der hervorragenden Geis 


ſter, der deutſchen Schriftſteller erflärt und entſchul⸗ 
digt. Mit Schonung wird der Anſchluß der deut⸗ 
ſchen Fürſten an Napoleon erzählt, aber ohne Nach⸗ 
ſicht das Verhalten Goͤthe's, Johannes von Müllers 
und anderer Schriftſteller gegen Napoleon und die 
deutſche Sache an den Pranger geſtellt. Nur Jean 
Paul und E. M. Arndt werden als ehrenwerthe 
Ausnahmen gerühmt. Wo das Volk aber wirklich 
eine nationale Haltung zeigt, wird ſeine Erhebung 
mit Wärme und ſichtbarer Vorliebe dargeſtellt. So 
der Tirolerkrieg, der ſpaniſche Kampf und der preu⸗ 
ßiſche Frühling von 1813. Mit vielleicht zu gün⸗ 
ſtigen Vorausſetzungen werden die Widerſtandsver⸗ 
ſuche Oeſterreichs im Bahr 1805 und 1809 und 
ihre tragifcher Ausgang aufgefaßt, während die Des 
müthigung Preußen? mit einiger Genugthuung, man 
koͤnnte faſt ſagen, mit einer gewiſſen Schadenfreude 
erzählt wird. Auch die Reformen der Stein'ſchen 
Verwaltung werden mit einiger Ungunft befprochen. 
Der VBerfafler erkennt zwar den kräftigen Charakter 
und patriotifchen Geiſt ded Freiherrn vom Stein ge: 
bührend an, hat aber für feine Gefepgebung nur 
Worte ded Tadels. Die Stäbteorbnung habe kei— 
nen Erſatz geben fünnen für dad alte Gemeinde: 
weſen wohlhabender und fittenreiner Städte, Die 
Aufhebung ded BZunftwefend aber den Reſt des gu: 
ten alten Bürgerthums zerflört. 


(Schluß folgt.) 


Gelehrte 


München. 
Nro. 38. 


herausgegeben von Mitgliedern | 
der P. bayer. Akademie der Wiffenfhaften. 


Anzeigen. 
29, März. 
1854, 





Neuere Werke über die Geſchichte der 
Kevolutionszeit. 





Gchluß.) 

Der Schluß der Kriegszeiten, der Wiener 
Congreß und Pariſer Frieden iſt wieder etwas 
flüchtig behandelt, aber das Unbefriedigende der 
neuen Ordnung ber Dinge freimüttzig ausgeſprochen. 
Bezeichnend für Menzels Anſichten über das Weſen 
des modernen Conſtitutionalismus iſt das, was er 
über die ſüdweſtlichen Staaten Deuiſchlands ſagt. 
Sie „blieben beſtändig von Frankreich bedroht, alſo 
auch immer unter einem gewiſſen moraliſchen Ein⸗ 
fluß Frankreichs. Daraus erklärt ſich der Eifer, mit 
dem überall in den vormaligen Rheinbundſtaaten 
von Seiten der kleinen deutſchen Regierungen das 
Kammerſyſtem, welches Talleyrand und Fouché den 
Bourbons aufgedrungen hatten, nachgeahmt und 
von Seiten der Bevölkerungen auch ganz wieder 
im Sinne der franzöfifhen Oppoſition aufgefaßt 
wurde. — Die Fürften hielten unter bem conſtitu⸗ 
ttonellen Aushängefchild das Echwert der Souverais 
nität feſt; die Kammern find zu ſchwach geblieben 
und haben nur, um das neue Scheinrecht auf dem 
Papier zu erobern, das gute wahre althiftorifche 
Recht der Gorporationen, der Gemeinden und ber 
Kirche mit Füßen gefreten.“ Einen Abfchluß der 
revolutionären Bewegungen glaubt Menzel für die 
nächſte Zufunft keinekwegs hoffen zu dürfen, wie 
bisher Revolution und Reaction mit einander ge⸗ 
wedfelt haben, fo werde auch auf die neuefle Re: 
action wieder eine Revolution folgen. Der lebte 


Halt gegen die Revolution werde aber die Kirche 
fein. Sie könne nicht revolutienär werden, ed liege 
baher in ber Natur der Dinge, daß fich früher oder 
ſpäter die Staatöregierungen und alle confervativen 
Scyattierungen mit ihr vertragen und fich ihrem 
höheren Gefes unterwerfen müffen, wenn noch ies 
gend ein Schug und Halt im allgemeinen revolus- 
tionären Brande für fie bleiben ſolle. Ale Zwi⸗ 
fhenzuflände und Mittelparteien werden am Ende 
verfchwinden, und es werde nur noch bie Kirche 
der Revolution gegenüberflehen. 
Kiüpfel. 


Shanghae Almanac for 1852 and 1853. 





Almanadhe und Kalender bilden feit Jahrhun⸗ 
derten einen Zweig der chinefiihen Volksliteratur. 
Diefer Gattung einflußreiher Schriften haben fi 


jegt die chriſtlichen Sendboten bemädhtigt, um mitteld 


diefer volksthümlichen Literatur Lie öftlihen Völker 
mit dem Evangelium und den weſtlichen Wiſſen⸗ 
fhaften befannt zu maden. | 
von ber ärztlihen Miflion der amerilanifhen Mes 
thobdiften ift Herausgeber dieſes Almanachs, welcher 
in chineſiſcher Sprache die Ueberſchrift führt: Po 
we tong schu, Allgemein faßliches Buch über al: 
lerlei Gegenflände. Im erflen Babrgange wird un: 
ter andern bie Lehre von ber Electricität — vom 
Macgowan mit einem neugemachten Worte, Tienki, 


Bligmaterie benannt, — die Lehre vom Ma: 


XXXVIII. 38 


Hr. Dr. Macgowan 


807 


gnetismus und Galvanismus, fowie die Einrichtung 
eleftromagnetiiher Zelegraphen befproden. Bur Er- 
läuterung find eine Anzahl Abbildungen hinzugefügt. 
Der Doctor belehrt die Ehinefen, wie man in we: 
nigen Minuten eine Nachricht von Peking nach Can: 
ton bringen, welder Maſchinerie und Schriftzeichen 
man fich hiezu bedienen könne. Auch von dem un: 
terfeeifhen Telegraphern, der England und Frank 
reich verbindet, ift hier die Mede fowie von dem 
Dane, einen Velegraphen von England nach Ame⸗ 
rifa zu ziehen. in anderer Sendbote Dr. Mon: 
crieff fchreibe über Arichmetit, um die Bewohner 
des Mittelreichd mit unferer Rechenkunft bekannt zu 
machen. Sie follen einfehen, daB Rechnungen nad) 
europäifcher Weife viel leichter find ald die vermit: 
telft der bekannten hinefifhen Rechenmaſchine, welde 
im bdreizehnten Jahrhundert von den Mongolen nad) 
Rußland und Polen gebracht wurde, 


Dr. Parker bat einen mit mehreren lithogras 
phifhen Abbildungen verfehenen Bericht über das 
Mirken der mebdicinifchen Anflalt im Jahre 1850 
der Deffentlichkeit übergeben. Er foll in mebicini- 
ſcher Beziehung große Intereffe gewähren; man 
erfehe auch hieraus die Unmiffenheit der Chinefen, 
namentlid bei allen chirurgifhen Operationen. Dr. 
. Barker, der feit 1851 alle Gefchäfte eines Geſand⸗ 
ten und Conſuls, eines Richter und Dolmeiſch vers 
einigt, bat bloß 6000 Dollars Beſoldung, während 
der . erfte englifche Dolmetſch allein 800 Pfund be: 
giebt. Man fieht die Amerikaner verflehen fih auf 
die wohlfeile Regierung, — was mit eine Urfache 
ift ihrer wundervollen Entwicklung. Ucberfleigt doch 
die Beſoldung des Statthalterd von Hongkong, nahe 
on 10,000 fl. den Gehalt des Prälibenten- der 
vereinigten Staaten. Der eine hat 6000 und der 
andere 25,000 Dollars. 


Dad Reich ded Himmeldfohnes heißt Tienhia, 
— Ale Lande unter dem Himmel. Nach feinem 
canonifhen Rechte ift der Himmelsſohn alleiniger 
Herr aller Lebendigen; die ihm widerſtreben, leben 
außerhalb der Eultur, außerhalb der Glüdfeligkeit. 
Sur Bezeihnung dieſer Barbaren werden nad den 
verfniedenen Himmelsgegenden eigene Worte ges 
braudt: Man, I, Ti, Hiong. Die englifhen Bes: 
börden find vollkommen in ihrem Rechte, ſchimpf⸗ 





liche Bezeichnungen dieſer Art nicht zu dulden. Je 
mehr bie Kraft mangelt, deſto mehr fickt man auf 
Formen; der Mat geztemt es aber, dem feigen 
Hochmuth mit Gewalt entgegen zu treten. Wie 
fehr die Chinefen an ber fhimpflichen Bezeichnung 
ber Fremden bätgen, - zeigt bie doppelte Ausgabe 
ber Vertrags mit den vereinigten Staaten. In ber 
Ausgabe: für die Ftemben fehlt dad beleidigende 
Wort, während es ſich findet in dem Abdrud für 
die flolgen Söhne der Tang. Die über den Ges 
brauch des Wortes I gepflogene Unterhandlung, wo: 
rüber im Almanach ebenfalld berichtet wird, ift ſehr 
bezeichnend für Die feige lügnerifche Diplomatie des 
öftlihen Aliens. Der englifhe Conful zu Canton 
findet dad Wort in dem Erlaß eines Bezirksbeam⸗ 
ten und erhebt Beſchwerde. Herr Elmslie, lautet 
die Antwort, ſei irrtbümlich berichtet, dad Wort 
wäre unfchuldiger Bedeutung und von jeher im Ge: 
brauche zur Bezeichnung der Ausländer. Nun fchrei- 
tet der Bevollmächtigte Sroßbritanniend Dr. Bo— 
wring ein und bringt in Erinnerung, wie Ghina 
feit dem Zrieden zu Nanking fich verpflichtet habe, 
andere Wölker ebenbürtig zu behandeln, und wie 
auf frühere Vorftelungen die Erlafle mit dem Worte 
I zurüdgenommen wurden. Die Antwort des Tai: 
ferlihen Commiſſärs und Statthalters ber beiden 
Kuang ift lächerlich lügenhaft, — würdig eines 
hinefifhen Falſtaff. „Der Statthalter ſchämt fich 
fo ungelehrt und unwiflend zu fein; habe cr doch 
niemald Studien gemacht, noch den Haflifhen Schrif: 
ten, den Sefhhichtfchreibern und Wörterbüchern irgenb 
eine anhaltende Aufmerkſamkeit gewidmet. Jetzt ver: 
nehme er zum erflenmale in feinem Leben, daß das 
Wort I etwas Schlimmed bedeute, und werbe bem- 
gemäß den untergeordneten Beamten befehlen, es 
nichs mehr zu gebrauchen.“ 


De zweite Jahrgang des Almanachs zerfällt 
in zmei Theile: ein Kalender mit meteorologifchen 
Tabellen und eine Anzahl vermifchter Auffäge, Dem 


. Herald entnommen, welche theilweife ein allgemeines 


Interefle in Anſpruch nehmen. Die Geſchichte der 
Einführung der europäifchen Aſtronomie in China 
mitteld der Sefuiten und die Lebensbefhreibung des 
Eiu Kuangfi, von Duhalde und Anderen Paulus 
Siu geheißen, fichen in innerem Bufammenbange. 


® 


pi 
on 


Dieſer besligmte Miniſter und Schriftſteller ber. letz⸗ 
teren Bing war ein Schüler des Matthäus Ricci, 
fein- vorzüglichfler Neophyt und Host gegen bie An: 
Magen und Berfolgungen bed ausſchließenden Chi: 
nefenthums. Geine Werke werben immer nocd von 
Neuem aufgelegt. Se iſt von feiner Encpklopädie 
des Landbaues vor Kurzem zu Schanghai eine Aus⸗ 
gabe in. 60 Bänden erfchienen, mit einer Menge 
Abbildungen ber behandelten Naturgegenflände. 


Der Berfafler diefer Kalender: Ahhandlungen 
ſchreibt vorzüglich nach einheimifchen chineſiſchen Quel⸗ 
len, woburd diefe Arbeiten einen befondern Werth 
erhalten. Der Minifter und Akademiker Juen juen, 
der größte und umfaffendfle Gelehrte Oft: Afiens 
während der erfien Hälfte ded neunzehnten Jahr⸗ 
hunderts — er war Oberflattbalter von Kuangtong 
und Kuangſi während meines Aufenthaltes im Mit: 
telreihe — ſchrieb unter andern auch eine Ge: 
ſchichte der Aflronomie, woraus hier nach manden 
Richtungen Ichrreiche Auszüge mitgetheilt werben. 
Auen ift fehr ungebalten über feine Landsleute, daß 
fie der Fremden ald Lehrer bedürfen, noch mehr 
über jene chriftlichen Mandarine, welche ben jefui: 
tifchen Sendboten dad Wort redeten. „Sollen wir 
von dem überaus reinen Herrſcherhauſe immer Nach: 
treter fein der Europäer in den aſtronomiſchen Wiſ⸗ 
fenfhaften? Wir bedürfen nur eines neuen Kuoſcheu⸗ 
fing — ein berühmter Aftronom im dreizehnten Jahr⸗ 
hundert — um alle Anfprühe des Weſtens auf 
Wiflenfchaft zu nichte zu maden. Vieles, was uns 
die Europäer Iehrten, mögen fie urfprünglich von 
China erhalten haben; fagen fie doch ſelbſt, daß bie 
Algebra aud dem Dſten ſtammt. 8 find glückliche 
Leute, dieſe fpätgebornen Europäer; fie können bie 
Sorfchungen ber früheren Gefcylechter benugen. Sie 


ſelbſt hätten wohl Feine Erfindungen gemadit; denn 


ed find Menfchen fehr geringer geifliger Fähigkei⸗ 
ten.“ — Wie muß es bei den Maſſen außfehen, 
wenn witr ſolche hervorragende Männer, welchen 
alle aus europäifchen Sprachen überſetzten Werke zu 
Gebote flanden,, der Art von nationalen Vorurthei⸗ 
len geblendet finden! Die Bewegung ber Erbe und 
alle Wahrheiten, welche hiermit zufammenhangen, 
werden in modernen Büchern des Mittelreiches, de⸗ 
sen jährlich eine große Menge zum heil ſehr koſt⸗ 





3” 


bare erfcheine, für europäifhe weflliche „Abges 
ſchmacktheiten“ erklärt, die keine ernflliche Beſpre⸗ 
hung verdienten. 


Der evangelifhe Sendbote Bettelheim , ein 
Deutfher aus Ungarn, lebt feit mehreren Jahren 
mit feiner Bamilie zu Napakiang, Napaku bei den 
Sapanern, einem Hafenplage unfern der Hauptftabt 
bed Inſelreiches Lieukieu oder Lutfchu. Der Aus⸗ 
zug feines Berichtes über die Schiffsmiſſion auf 
dieſer theild China, theils Japan zinspflichtigen 
Gruppe enthält mehrere Xhatfahen zur Kenntniß 
biefer 36 Eilande und der menfchenfeindlichen Po⸗ 
litik der japaniſchen Gebieter. B. erzählt, wie ein 
Inſaſſe, der ſich zum Chriſtenthum bekannte, durch 
allerlei Peinigungen der Lieukieu WBehörben feinen 
Tod gefunden hat, und wünfht nun, daß Engs 
land und Norbamerifa mittels Waffengewalt dem 
Evangelium freien Zutritt erzwingen. „Sobald dies 
geſchehen, ſind dieſe Inſeln eine zweite Sandwichs⸗ 
gruppe im weſtlichen ſtillen Deean, wo China, Ja⸗ 
pan und die Chriſtenheit zu gegenſeitigem Vor⸗ 
theile in die manigfachſten Beruhrungen kommen 
werden.“ 


Die acht Briefe über das Binnenland in der 
Umgegend von Sutſcheu, mehrere Auszüge aus dem 
Zagebuh de Dr. Macgowan und der Audflug nad 
Nanfing find, abgefehen von ihrem bleibenden Wers 
the, in den Tagen, wo die Ming Heere ſich In 
diefen Gegenden ausbreiten, zeitgemäße, fchäßbare 
Mirtheilungen. Jenkins, ein evangelifher Sendbote 
aus Amerika, beginnt bdiefe Briefe mit den Vorkeh⸗ 
rungen, wie ber Fremdlirig als Chinefe aufıreten 
könne; Kopffhur und ein künſtlicher Zopf bildeten 
damals noch die wichtigften. Der Reifende findet alls 
enthalben in diefen fruchtbaren Gegenden Kiangnans 
eine überraſchend bichte Bevölkerung. Soll doch 
Sutfheu mit feinen Vorſtädten eine Einwohnerzahl 
von 13 Million enthalten; Drtichaften von 20000 
bi8 40000 Seelen gelten für unbedeutend und find 
in Menge vorhanden. Er befchreibt aud die tauz 
fenderlei Vorkehrungen, um diefe Maflen zu emäßs 
vn. Das Dungweſen erhält bier mande Berei⸗ 
cherung. ' Unter andern wird auch zu dem Endzwed 
ber Schlamm der Flüſſe und Kanäle mittel einfa⸗ 


cher Workehrungen aus ihrem Bett emporgehoben 
und über Land und Ader aus gebreitet. 


Keine andere Etadt, Peking allein ausgenom⸗ 
men, kann mit Nanking in Betreff der großen Ge⸗ 
bäude, der herrlichen Paläfte, der vielen fleinernen, 
auf zahlreihen Bögen ruhenden Brücken, wie auch 
in Betreff des herrlichen gefunden Klimas, ded Um: 
fanges der Stabtmauern und ber großen Bevolke⸗ 
zung, der Fruchtbarkeit de8 nahen Landes, in wel: 
cher Beziehung die Nord :Refidenz weit hinter der 
füdlihen zuückſteht, und der manigfachen Induſtrie 
ihrer Bewohner verglichen werden. Ebenfo überragt 
die Bevölkerung durd ihre reine, der Schrifiſprache 
fit) nähernde Mundart, durch ihr gebildetcs, freund: 
liches Beiragen alle anderen Bewohner des öſtlichen 
Landes. Died wird fo allgemein aneıfannt, daß 
Waaren von Nanking fih im Mittelreiche desfelben 
Rufes erfreuen, wie bei und die engliihden. Wenn 
die Kaufleute in Canton irgend einen Gegenfland 
anpreifen wollen, fo fagen fie, er fomme von Nan⸗ 
fing, wie der Schreiber dieſes felbft mehrmald er: 
fahren hat. Die innere Stadtmauer beträgt. fünf 
deusfche Meilen, und die äußere, welche über Berg 
und Thal zieht, aber nur da errichtet wurde, wo 


der Stadt bei einem feindlihen Anfalle befondere . 


Gefahr drohen könnte, ift noch viel größer. Zwei 
Reiter, die früh am Morgen, fo lauten wenigſtens 
die übertriebenen Angaben der Chinefen, aus «einem 
Thor in entgegengefegter Richtung risten, würden 
fi) erft am Abend deöfelben Tages begegnen. Auch 
bier, wie fonft allenthalben in den größeren Städ- 
ten, war ehemals, vor ihrer Einnahme dınd die 


Zaiping, die chineſiſche Stadt von der mandfchuris 


fhen durch befondere Vsälle und Thore getrennt. 


Das eigenthümlichſte und bekannteſte Monument 


der Stadt iſt der ſogenannte jetzt zum großen Theil 
zerſtörte Porzellan-Thurm in dem Paonganffe oder 
dem Tempel de Dankbarkeit. Die buddhiſtiſchen 
Tempel und Afchenbehälter, wo namlich die Ueber: 
bleibfel der verbrannten Leichname aufbewahrt wer: 
ben, beftehen nad) den myflifhen Zahlen diefer Re⸗ 
ligionslehre theild aus fieben, theild aus neun oder 
dreizehn Stodwerten. in folder Tempel von neun 
Stockwerken ift nun dieſer vielbefprocdene, zu ben 
Weltwundern gezählte Thurm. Der Bau des Tem⸗ 





pels ward im Jahre 1413 während der Kegierungs⸗ 
periode Songlo begonnen und erfi 1432 vollendet. 
Die Koften beliefen fid auf die bebeutende Eumme 
von 2,458,484 Unzen reinen Silber oder nahe 
an 10 Millionen Gulden unfered Geldes. Der Xems 
pel ift mit einem nrarmornen Geländer umgeben. 
Man fleigt auf 10 bis 12 Stufen, die ringd ums» 
bee laufen, empor. Der Saal, welcher eigentlich 
den Tempel vorftellt,, ift hundert Fuß tief, bat eis 
nen marmornen Grund von einem Fuß und rings⸗ 


herum Sige von zwei Zuß Höhe. Die Dächer find 


mit grünen Biegeln bedeckt. Bas innere Holzwerk 
ift bemalt und mit Ziguren gefhmüdt, die künſtlich 
in einander verfchlungen find und von welden die 
Chineſen mit der größten Bewunderung fprechen. 
Der Saal hat Fein anderes Licht als dad, welches 
durch die Thüren hineinfält. Drei berfeiben find 
auf der Morgenfeites durch fie geht man auch in 
den Thurm, der einen Theil ded Tempels bildet. 
Diefer Thurm ift ein Adhted, 120 Fuß im Um: 


- „fang, fo daß jede Seite ohngefähr 16 Fuß beträgt. 


Er ift‘von außen mit einer Mauer von eben dieſer 
Geftalt eingefaßt, ungefähr dritthalb Klafter davon . 
abflebend ; fie ift von mäßiger Höhe und mit ladier- 
ten Biegeln bededt, die bi8 an den Thurm reichen 
und eine angenehme Gallerie bilden. Jedes der 
drei erſten Etodwerke ifl mit einem eigenen Drei: 
Fuß breiten Kranze geziert, die mit Dächern von 
derfelben Befchaffenheit, wie da8 ber Mauer bedeckt 
find, nur daß fie nicht fo weit hervorreihen. Es 
ift der Zhurm von außen mit verfchiebenfarbigem 
Porzellan belegt. Die Zimmer find mit allerlei Ges 
mälden verziert; in den Bimmern ber oberflen Stod: - 
werte befinden fi unzählige Pleine Aushöhlungen 
mit buddhiflifhen Görterbildern verfehen. Das In: 
nere des Thurmes iſt ganz vergoldet, mit Marmor 
oder anderen Steinen audgelegt, und der Thurm 
ſelbſt über 200 Zuß hoch. ' 


(Schluß folgt.) 





Gelehrte 
München. 
Nro. 39. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der &. bayer. Afademie der Wiſſenſchaften 


Anzeigen. 
31. März. 





* 


Shanghae Almanac for 1852 and 1853. 





Schluß.) 

Ehemals gehoͤrten auch die kaiſerlichen Gräber, 
welche beim Einfalle der Mandſchu zerſtört wurden, 
zü den Herrlichkeiten der Stadt. Die aus der Mon⸗ 
golenherrſchaft ſtammenden Inſtrumente des berühm⸗ 
ten Obſervatoriums wurden während der Regierung 
Kanghi:s nah Peking gebracht. Diefe Inftiumente, 
welde die Bewunderung der Miflionäre erregten, 
ſind aber nit von Chinefen, fondern von muham⸗ 
medanifchen Aftronomen und Künfllern ded Weſtens 
verfertigt worden, 


In der Umgebung der Stadt findet man in 
Hülle die gelblihe Gattung von Baumwolle, welde 
"von Nankıng ihren Namen führt. Die Staude ift 
keineswegs von denen der übrigen Baumwolle vers 
ſchieden; die Baumwolle von Nanking erhält bloß 
ihre eigenthümliche Farbe von der befonderen Natur 
bed Bodens. Nicht minder wichtig iſt die Tong⸗ 
Pflanze, welche beßhalb fo genannt wurde, weil fie 
von den Aerzten als auflöfendes und abführentes 
Mittel gebraucht wird. Sie dient aber Überdies zu 
vielen anderen Dingen. Man macht auß der Teich: 
ten Rinde der Pflanze Kopfkiffen und Schuhfohlen; 
dann wird bad weiche fammtartige Mark der Pflanze 
in Streifen gefchnitten, die man bei und gemeinhin 
Keispapier nenät, auf welden die herrlichen Dar: 
felungen von Blumen und Früchten, von Pflanzen, 
Thieren und Menihen in einer Farbenpracht abge: 
bildet find, welche ale Beſtrebungen unferer Künfts 


fer, weil dieſe des trefflichen Stoffes entbehren, hin⸗ 
ter ſich laſſen. 


Dieſe Pflanze gedeiht am beſten an den Ab⸗ 
hängen der Gebirge in einem ſchattigen, der Sonne 
nicht ausgeſetzten Erdreich; ſie hat fette und dicke 
Blätter, welche denen der Palme Chriſti oder Kreuz⸗ 
blume gleichen. Der Stamm, welcher ſich un:efähr 
eine Elle hoch erheben mag, und unten fauſtdick 
iſt, gleicht dem des Bambus und iſt ebenfalls in 
mehrere Reihen und Glieder abgetheilt. Das Mark, 
nicht ganz ſo ſchwammig, wie das des Hollunders, 
befindet ſich mitten im Stamme. Dieſes Mark nun, 
welches ſchon von Natur blätterweiſe über einander 
geſchichtet iſt, wird zwiſchen zwei fein polierte Kupfer⸗ 
platten gepreßt und dann mit einem ſcharfen Meſſer 
in bünne Scheiben geſchnitten. 


Zum Malen Hierauf bedient man ſich bloß der 
Maflerfarben. Es wird aber jedes einzelne Stüd 
der Figuren befonder8 verfertigt, die dann vermit⸗ 
tels einer dick eingefottenen Reispappe aneinander 
gefügt werden. Iſt der Künfller zu Ende, fo zieht 
er dad Ganze fehr fchnell durch aufgelöstes Wache 
oder überftreicht es damit vermittelft eines Pinſels. 
Died verleiht den Farben: den frifchen und unnads 
ahmlihen Glanz. Man wählt zu diefem Gefchäfte 
einen beiteren Tag; feuchte und trübe Witterung . 
ift der Arbeit ungünſtig. Bevor Kiangnan noch fo 
ſtark bevölkert war, wuchs hier die Pflanze in großer 
Menge; fie warb in der Folgezeit durch die Eultur 
des Bodens verbrängt, und mußte dann von Neuem 
auögefäet und angepflanzt werben. In den Gebir⸗ 
gen der Kreife Sferfhuen und Hufuang findet man 

XXXVIII. 39 


815 


fie heutigen Tages noch wild wachlend in großer 
Diewge. : Die Beute ſammeln fier Me Stengel und 
fenden fie in Ballen nad Nanking, wo men fid 
am beften auf die DBereitung dieſes Markpapiers 
verſteht. Die Einwohner kochen übrigens auch die 
Dflanze zu einer Art Latwerge, welche, zum Ein⸗ 
machen ‘der Früchte verwendet, ihnen eine angenehme 
Süße !verleiht. 


Mährend der Monate April und Mai ift der 
Fiſchfang im Strome am wrgiebigften. Bu biefer 
Seit wird auch eine befondere feine Fiſchgattung ge⸗ 
fangen, von welcher ganze Ladungen, in Eis ein⸗ 
gehüllt, dad man zu dieſem Endzweck wie in Cu⸗ 
ropa in großen Eisfellern verwahrt, auf dem Ganale 
nach Hof gefandbt werben. Mehrere hierzu beſtimmte 
Negierungs = Fahrzeuge, wegen bed Reichswappens, 
welches fie führen, Dradenfchiffe genannt, die den 
Weg von beinahe zweihundert beutfchen Meilen 
in acht bis zehn Tagen zurücklegen, wurden von 
den Kriegern der neuen Zaiping Dynaſtie um Nan: 
fing vorgefunden und als gute Prife erklärt. 

Der Schanghai Almanach wird hoffentlich fort: 
gefeht, und wir werden dann im Stande fein, auch 
die folgenden Sahrgänge in den ©. U. zu befpre: 
hen und ihren wefentlihen Inhalt mitzutheilen. 

K. Zr. Neumann. 


‘ 





“ 


SHYPISIRNOS TPIKOYNIH TZTOPIA THZ EA. 
AHNIEHZ 'ENANAZTAZERZE. TOMOZ A. 
(Spyridion Trikupis' Gefchichte des hellenifchen 

Aufftandes. Erſter Theil London 1853.) 


U 0 7 


Zweiter Artikel. 


Alesander Ypfilanti, deſſen Auftreten in der 
Moldau und Walachei Herr Trikupis im beitten 
Gapitel feines Werkes fchildert, fand dieſe reichen 
Provinzen ohne türkifche Befagung, und die Fürſten 
mebft ihrem Anhange meift Glieder des geheimen 
Bundes bereit ihn aufzunehmen. Gin Walache voll 


ruckt. 





— 316 


Muth und Eifer für feine Heimat, früher als Of⸗ 
fizier Aue vuffiichen Diele, Sbeoder Wladimir, .ge 
nannt Bladimireskos, ſelbſt Mitglied der Hekärie, 
war ihm ſogar im Aufſtand zuvorgekommen, und 
nach dem ploͤtzlichen Tode des Zürften Alexander 


Soutzos nowh vom ber Ankunft ſeines Nachfolgers 


mit nur 30 Mann in die kleine Walachei einge⸗ 
Er verkündete, sr ſei ein treuer Unterthan 
des Sultan, das Land ſolle nur von dem Drucke 
des Phanarioten befreit und in den Genuß ſeiner 
alten Rechte wieder eingeſetzt werden. So hatten 
ihm die Hetäriſten gerathen, um bie wahre Natur 
des Aufftandes hinter einer Bewegung zu verhüllen, 
die in jedem Falle geeignet war, die Aufmerkſamkeit 
der Pforte vom eigentlichen Griechenland abzulenken 
und ihre Kriegsfhaaren nad) der Donau zu ziehen, 
wo man binter den Walachen die Ruſſen erwartete, 
deren Hülfe Vladimir auf eigene Hand verheißen 
hatte. Zwar fendete der neue Fürft Skerlakos Kalli⸗ 
makis, fo wie die Nachricht zu ibm nad Conſtan⸗ 
tinopel gelangte, feine Stelivertreter (dvInyauoves) 
nah Buchareſt und diefe ſchickten ungefäumt ein Corps 
von 600 Wann gegen den Wlachen; doch die drei 
Anführer bedfelben, unter ihnen Sohann Pharmalis 
aus Macedonien, ber tapfere und patriotifhe Geor⸗ 
gakis und der ſchlaue Sabbad, ein Wlache, waren 
felbft in der Verſchwörung und unterflügten im Ges 
heimen ihren Bundesgenoſſen, der, während fie in 
Krojowa fäumten, ſich durh Werbung unter den 
Panduren *) und bie ihnen zuftrömenden Hetäriften 
verflärfen und gegen jeden. Angriff fibhern konnte. 
Wie diefed gefcheben, brach er unbehelligt in Die 
große Walachei ein und erreichte Buchareſt am 15 
Mir; 1821. Dortbin berief er eine Verſammlung 
von Notabeln; dieſe follten über das äffentliche 
Wohl berathen. Die Pforte werde 15,000 Bewaff: 
nete unter feinen Befehl fielen und fei bereit, allen 
Beſchwerden abzubelfen. Bald nah ihm kamen 





9 Panduren ſind die Bauern der Fleinen Walachei, 
von RKindesbeinen im Gebrauche der Waffen ge: 
übt, Freunde der Jagd, und mehr dem umber: 
flreifenden chen als der Arbeit zugetban. Aus 
ihnen werden die Polizeiwachen zur Aufcechthal: 
tung der Ruhe und Ordnung geworben. 


- 


auch die oben gemannten Waffenbäuptlinge in Bus 
hareft am, bezogen in ber Nähe der Stadt fefle 
Stellungen und traten mit ihm in Unterhandlung. 


Dos war ber Zuftand der MWalachei, während 
Alerander Ypfilanti mit zwei jüngern Brüdern, drei 
Begleitern und zwei Dienern am 22 Zebr. in ruf: 
fifder Uniform über den Pruth gieng und von we: 
nig bewaffneten Hetäriſten empfangen, ungefäunt 
nah Jaſſy zog. Dort flelten andere Bewaff: 
nete fich unter feinen Befehl, dazu eine große Zahl 
Freiwilliger, meift Sünglinge vol Enthufiasmus aus 
der Claſſe der Etudierenden. Der Fürft der Moldau, 
Michael Sougos , war felbf in der Hetärie und 
harte mit Ypfilanti über bie Zeit des Ausbruches 
in Unterbandlung geflanden. Nicht i. J. 1825, 
wie man wollte, ſondern erft 1827 follte bie Be: 
wegung beginnen. Der ſchlaue Phanariot wollte 
die Zeit feiner gewinnreichen Herrſchaft möglichft 
lang ausbehnen, und gerieth bei der Nachricht über 
den plöglihen Einbrudy in fein Land in nicht ge: 
ringe Beftürzung ; doch er wagte keinen Widerftand 
in der Ueberzeugung, daß Rußland dad ganze Dra⸗ 
ma leite und nad der Ausſage ber Ankömmlinge 
feine Schaaren unmittelbar hinter ihm einrüden 
würden. Seinem Beifpiele folgten die Beamten, 
die Bojaren und die Häuptlinge des fürfllihen Mi: 
litaͤrs. 
oder gar nicht beſetzt; aber flatt fie durch raſche 
Angriffe zu nehmen, befledte ſich ein Capitain Ypfi: 
lantid auf eigne Hand mit dem Blute frieblicher 
Zürlen, bie in Braila und Galatz Gefchäfte trie- 
ben. Gleiches Loos traf während der Naht nad des 
Fürſten Ankunft in Safly die türkifche Wache des 
Fürften und die türkifchen Kaufleute, welche man 
in Berwahrfam genommen hatte, und Ypfilanti fand 
nicht einmal den Muth foldhe Thaten Öffentlich zu 
mißbilligen, durch welche der Beginn eines Kampfes 
für „Freiheit und Geſetzlichkeit“ befledt wurde, ia, 
er pried in einem Tagsbefehl ald glänzende That, 
was in Galatz gefchehen war. Damit nicht zufrie: 
den, ließ er einen Bankführer ber Hetärie und feis 
nen Sohn gefangen fegen, um ihn zur Auslieferung 
ihrer Caſſe zu zwingen; und obgleich die Unterfu- 
hung der Bankbücher gezeigt hatte, daß dort Feine 





Die Eeflungen der Provinz waren ſchwach 


318 


Sapitalien der Hetäriſten lagen, erhielten body bie 
Gefangenen ihre Aceiheit erſt wieder, nachdem fie 
60,000 Piafter zum Gebrauche des Heeres bezahlt 
batten. Diefe Gewaltthätigkit umd dieſer Raub, fagt 
Trikupis p. 54, verfegten bie Reichen in Beſtür⸗ 
zung und trugen wefentlich zu ber Flucht bei, durch 
welche fih nad wenig Zagen zwei ber mächtigften 
Bojaren den Zolgen dieſes Verfahrens entzogen. 
Zugleich enthüllten fie die Geringfügigfeit der Mittel, 
des Fürſten und erregten fehr ernfle Zweifel an der 
in Auöficht geftelten Mitwirkung von Rußland, das, 
wenn ed in das Unternehmen verwidelt war, ihn 
nicht mit leeren Händen zu bemfelben entlaflen hätte, 
Seine übrigen Maßnahmen waren wo möglich noch 
fhlechter berechnet. Er verkündigte unmittelbar nach 
feiner Ankunft in einem Lande, daB von Herren 
und Knechten bewohnt wurde, die Gleichheit vor 
dem Gefeß, wodurch die Herrn von ihm zurüdges 
floßen wurden, während die Knechte nicht einmal 
verfianden, was er ihnen bot, und fandte feiner 
Veründigung am folgenden Zag eine zweite bed 
Anhalt nah, daß er nur durch die Moldau feinen 
Weg nad) Griechenland nähme, dad ihn zum Kampfe 
gegen den Tyrannen rufe, und bald darauf eine 
dritte an die Hellenen, die er zu dem Kampfe für 
Glauben und Baterland mit der Verſicherung auf: 
forderte, daß eine große Macht ihn befchüge. 


Da aber in Folge davon das Einrüden tür 
Eifcher Streitbräfte gefürchtet wurde, fandte ber Ho⸗ 
fpodar und feine Bojaren an den Kaifer Alexander 
nad) Laibach eine Adrefle mit der Bitte, es zu vers 
hindern. An eben diefen fchrieb Ypfilanti, um zu 
melden, daß er den Kampf für die Freiheit von 
Head unternommen habe und die Gründe feines 
Entſchluſſes darzulegen. Zwar wuide diefe auf Täu⸗ 
(hung begründete, gleich zu Anfang durch unnüge 
Grauſamkeit, durch Schwäche und Verkehrtheit ents 
Präftete Bewegung durch ben Enthufiasmus, nament> 
lich der griechifchen Bewohner der Provinzen und vor 
Allem der Jugend, fo wie durch die noch wenig erfchüts 
texte Hoffnung auf ruffifchen Beifland und den Eifer 
ber Geiftlichfeit nody mehr gehoben, und ein feiers 
lihed Te denm in der Hauptlirche, welchem Ypfis 
lanti als Oberfeldherr mit allın ihm zugefallenen 


319 


® 


Gapitänen beimohnte, gab dem Metropoliten von 
Jaſſy Gelegenheit, die Fahne der Befreier vor allem 
Wolfe zu fegnen und dem Anführer ein geweihtes 
Schwert mit den Worten zu überreichen: „Umgürte 
deine Lenden mit diefer Waffe du, o Mächtiger 
durch deine Männlidkeit und Echönheit; gebrauche 
fie mit Kraft, fchreite glüdlich voran und fei Kö: 
nig! (Baoılevs)“ und ein Mititärbefehl ernannte die 
Oberſten, die Hauptleute, und beflimmte die Heeres⸗ 
verwaltung; aber Ypfilanti weilte, wo jeder Augen 
bit Verzögerung Gefahr brachte, noch 6 Tage in 
Scffy, rüdte dann mit S0OO Mann nah Buchareſt 
aus und ließ auf dem Wege überall verfündigen, 
dag man für 10,000 Soldaten Quartier bereiten 
folle, während er in der Moldau die ſchlechteſte Mei: 
nung über feine Unfähigkeit, über die Verweiflich⸗ 
Reit feiner Wertrauten und die Ueberzahl ded Volkes 
zurüdließ, das ſich ihm angelchloffen hatte. Der 


Zug gieng langfam mit längeren Standquartieren, 


unter allerlei Priegerifhen Webungen und Zugängen 
von Gapitänen, und erft nah vier Wochen kam 
man nah Buchareſt, wo Bladinircdfod mit feinen 
Leuten und die ihm noch entgegenflehenden Gapitäne 
gelagert waren und die wlachiſche Bewegung mit 
ter griechiſchen zufammenftieß. Zwar fam es äußer: 
lih zu einer Vereinbarung zwifchen den Parteien, 
zwifchen Sabbas und Georgakis, aber nur diefer war 
Der bellenifhen Sache treu ergeben und fland dem 
Fürften unerfhätterlich zur Seite; die andern heu⸗ 
heiten anfangs und verließen ihn bald. Das VBolf 
aber war cher enttäufcht und verabfcheute dad Un: 
ternchmen, welches für eine ihm fremde Sache den 
Ruin der Provinzen in Ausſicht ftellte, fobald cine 
feindtihe Macıt dem zufammengelaufenen Schwarm 
entgegentrat, in weldhem nur eine geringere Zahl, 
vorzüglich die .ded Georgakis und die jüngeren Leute 
der gebildeten Etände zum Theil verläßig waren. 
„Daß,“ fchließt der Verfaffer diefen Abfchnitt, „war 


der Zuftand der Dinge in der Moldau und Wales 


hei vor dem Anfange bed April und wir wenden 
zunächſt unfere Blide auf die Lage der Dinge in 
Hellas felbft.“ 


Im folgenden vierten Abfchnitt wird nun zu⸗ 
nähft die Erhebung des Peloponnefes befchricben. 


Dos Land ſtellt fih in feiner Abgefchlofienheit und 
Größe und dur feine zaplreihe und thätige Be: 
völkerung als das Bollwerk, oder, wie Strabo es 
nennt, als die Akropole von Hellad dar, und wurde 
darum gleih anfangs der Mittelpunct der nationa= 
len Bewegungen, welche von da ſich über die vor: 
liegenden Lande und die Inſeln verbreiteten. Der 
Drud der türkifchen Regierung wurde durch den 
Einfluß der Primaten gemildert, welche ſich jähr: 
lich zweimal in der Hauptſtadt Zripoliga zur Be: 
rathung vereinigten und ihre Abgeordneten in Eon: 
flantinopel hatten, welche über die Verwaltung des 


Peloponneſes eine oft heilfame Controle ausübten. 


Das Innere der Türkenherrſchaft und die wilde Bar⸗ 
barei-der Paſchas blieb jedoch unverändert und der 
legte, der im Peloponnes einzog, Churjid Pafcha, 
erfhoß mit eigner Dand den Wagenführer, deſſen 
Galefhe auf dem Wege nad) Zripoliga in den De: 
fileen nicht vorwärts zu bringen war, und als im 
nädften Quartier bei einer Mofchee die Efeltreiber 
der Eparchie während der Nacht flüchtig geworden 
waren, gab er Befehl, den Drtövorfteher, einen ges 
achteten Primaten, zu enthaupten. In Zripolige 
angefommen, ließ er den Haudmeifter feines Hötels, 
der nicht gleich bei der Hand war ihm bie inneren 
Gemächer zu zeigen, die vorderen Zähne außreißen 
und entließ die zur Huldigung eintretende Verſamm⸗ 
lung mit den wahnjinnigen Worten: „Gott mag 
den Gerehten vor meinem Schwerte fügen.“ Der 
Süden, das Land der alten Lakonen, hatte feine 
Gebirge frei bewahrt, und die Familie Mauromi: 
halis fand mit der Würde der „Beys“ (Bürften) 
bekleidet an ber Epipe. 


(Schluß folgt.) 


Gelehrte 


München. 
Nro. 40. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der Pf. bayer. Akademie der Wiffenfchaften, 


Anzeigen. 
3. April. 
1854, 








SIYPIAIRNOZ TPIKOYOH IZTOPI4 THE 
EAAHNIKHZ ’EHANAZTAZERZ. 


(Schluß. 


Hier bildete ſich der eine Herd des Aufſtandes, 


der andere in Achaia beſonders in Patras, das ſich 
zu einem blühenden Emporium erhoben hatte, mit 
den joniſchen Inſeln, Trieſt und Illyrien in vielem 
Verkehr ſtand, und von dem Sitze der türkifchen 
Haupibehörden fern ablag. Selbſt die hier wohnen: 
den Türken waren milberer Gefinnung. Noch che 
die Hetärie dort befannt wurde, war ber Erzbifchof 
Germanos, Andreas Zaimis, der Vorfteher (rg0e0rWs) 
von Karytäne und Andrea Londos, der von Bo⸗ 
ſtizza in enger Verbindung, welcher fie ihr ganzes 
Zeben bindurd unter dem Wechſel aller politifchen 
Kataſtrophen treu blieben. Oft flanden fie unter 
fih und mit ihren Freunden in Berathung Über die 
Iutereflen bed Landes, bad, je mehr ed an Wohl: 
fland und Bildung gewann, deflo tiefer den Drud 
der zwar ermäßigten, aber immer noch gefeglofen 
und barbarifhen Herrſchaft empfand. 


Wie die Maina das kriegeriſche, wurde Patras 
bad polisifhe Sentrum des Aufflandes. Die Hetäs 
rie war fhon im 3. 1819 über den Peloponnes 


verbreitet und Petros Mauromichalis hatte feinen- 


Freund Kyriakos Kamarinos aus Odeſſa, der ihn 
"in die Geheimniffe des Bundes eingeweiht hatte, 
nad) Peteröburg mit Schreiben an den Grafen Ca: 
podifttia und Kaifer Alerander geſchickt, in denen 
er fih für dad große Wer ihnen zur Verfügung 


flelte und für die Ausführung Mittel und Hülfe 
begehrte. Dort erfuhr er zu feinem Schrecken, daß 
der Kaifer wie feine Minifter die Hetärie und ihre 
Zwecke mit Entfchiebenheit als übereilt und vers 
derblich mißbilligtes doch war er nicht im Etande, 
die Enttäufchung nach dem Peloponnes zu bringen. 
Die Herärie ließ ihn auf dem Heimmeg ermorden 
und feine Papiere vernichten. Die Bewegung nahm 
nun ihren Lauf; fie blieb weder dem Divan noch 
ben Behörden verborgen, doch leitete man die Auf: 
regung von Alt Paſcha von Janina her, der damals 
zu den Waffen gegen den Sultan gegriffen hatte 
und war überzeugt, mit feiner Beſiegung würbe fie 
von felbft aufhören; darum, als der, furchtbare Churſid 
Paſcha aus dem Peloponnes nah Epirus gefchidt 
wurde, ließ er feine Familie und feine Schäge in 
Tripoliga. Eine Schaar von 1000 Bewaffneten, bie 
er fpäter zur Verſtärkung der Beſatzung von feinem 
Deere bahin beorberte, fehien ihm hinreichend, den 
friedfamen und ‚untermürfigen Peloponnes in Ruhe 
zu halten. Indeß rüfleten die Mainoten im Ges 
heimen; die alten Gapitaine, Häuptlinge von $ami: 
lien, welche den Thrken nie gedient hatten und als 
Klephten bezeichnet wurben, die Kuntanioten, bie 


Petzimezas, die Plaputad verließen die Gebirge und 


erfchienen in Waffen, und bald erfuhr man, daß 
der mehr noch als dieſe gefürchtete Theodor Kolo⸗ 
kotronis, den bie Türken ausgetrieben hatten, aus 
ante nah ber Maina gelommen war unb von 
Petros Mauromichalid verborgen gehalten wurbe. 


Man erfuhr, den 25 März alten Styls werbe bie 
Maina unter den Waffen fein und den Gapitainen ber 
XXXVII 40 


inneren Eparchieen die Hand rrichen. In Folge disfer und 
anderer Anzeigen des diohenden Ausbruches luden die 
Türken die Primaten und die Bifhdfe des Peloponnefes 
nad) Zripoliga unter dem Vorwande die Landedanges 
legenheiten zu berathen, tin der That um fie als 
Geiſeln für die Ruhe der Epardieen feflzubalten. 
Diele Nofabeln, fämmtlich Glieder der Hetärie, waren 
nicht unvorbereitet. ‚Schon im Srühiahe 1820 was 
sen fie zur befonderen Berathung in Xripoliga ver 
. einigt gewefen, hatten ihre inneren Zwiſte beigelegt, 
fih zu gemeinfamen Vorkehrungen verbunden und 
einen Mann ihre Vertrauend, den Johann Papa: 
sigopulod nach Peteröburg geſchickt, der dort bie 
oberſte Regierung der Hetärie erforfchen und ihre 
Meifungen einholen folte, und als darauf ein Ab: 
Hefandter von Alex. Ypfilanti, Gregorios Difäoß, 
gegen Ende des Jahres nach dem Peloponnes. Fam, 
der den Kürften ald das „Haupt der hohen Regie: 
sung (eis vumdls apxns)* vertüntigte, ſich aber 
ald ein eben fo kecker als thörichter Burſche von 
fchlehtem Wandel bald um alles Vertrauen brachte, 
war ein Theil von ihnen zu Boniga wieder in Be: 
rathung getreten, um die abenteuerlichen Sorderun: 
gen ber „hohen Regierung“ und ihres alter ego 
abzulehnen und fich über dad zu verfländigen, was 
bis zum Eintritt der verfündigten Kataflrophe zu 
thun fei; aber auch mit den Primaten von Hydra, 
Epezia und Pfara in Verbindung zu treten. Nach 
‚diefen Vorgängen begriffen die Notabeln wohl, was 
ihre Einberufung nad Zripoliga zu bedeuten habe, 
bob acteten fie unmöglich, durch offenen Wider: 
fland der Gewaltthätigkeit ber Türken zu entgehen, 
und hefften ihren Verdacht durch ihr Erfcheinen felbft 
zu befchwichtigen, 


Auh an Petros Mauromichalis, den Fürften - 
ber Maina, gegen den ber Verdacht am flärkften 


war, ergieng bie Einladung, in Zripolißa zu erſchei⸗ 
nen. Er felbfi, ald da8 Haupt der ganzen Bewer 
gung , konnte ſich diefer Gefahr nicht unterziehen, 
aber er faßte den heroifchen Entſchluß, feinen ſech⸗ 
zebnjährigen Sohn Anaſtaſios, einen ber fchönften 
Sünglinge feines Volkes, dahin zu fchiden. „Ich weiß, 
rief er aus, man wird ibn ald Geifel behalten; kommt 
er um, fo ift er weber ber erfie noch wird er der lebte 


084 


unferes Geſchlechtes fein, der ſich dem Waterlande opf: 
ert.“ Anaſtafios eutgieng dem Rode, weil man ihn als 
Pfand ber Auslieferung betrachtete, vnd wurde fpäter 
bei der Erflürmung von Zripoliga unter den Frauen 
des Harem gefunden, unter denen man ihn verbor: 
gen hatte. Seine Ankunft beftärkte die Türken in 
ihrem Vertrauen, das noch vermehrt wurde, als kurz 
barauf bie Erpbifchöfe und bie Primaten, einer nach 
dem andern einzogen. Nur Germanos, der Erzbir 
ſchof non Patras, und bie Primaten von Kalabıy: 
ta, Boſtizza und Patras blieben aus. Auch ber 
von Saftuni, Georgios Siffinis, erſchien nicht; ſchon 
unterwegd war er auf den Kath der Freunde um: 
gekehrt. 


Am größten war die Aufregung in Patraß, 
doch ‚gelang ed dem Andreas Londos, welchen der 
Erzbifhof aus Boſtizza zu Hülfe gerufen hatte, die 
Verſammlung der Agas zu befhwichtigen. Zu ihrer 
weiteren Beruhigung braden bald darauf auch die 
Primaten von Achaia, den Erzbiſchof an ihrer. Epige, 
nah Xripoliga aufs doch hielten fie nach genauer 
Erfundigung in Kalabıyta bei Baimis an, fendeten 
den türkifchen Behörden von bort aus in erdichteten 
Briefen die Nachricht, daB man in Tripolitza auf 
ihren Untergang bedacht fei und verweigerten bie 
Weiterreife. Die darauf eingeleiteten Unterhandlun- 
gen führten zu feinem Ziele, fie zerftreuten fi in 
ihre Site und fiengen an Bewaffnete zu fammeln, 
um beim Eintreffen weiterer Weifungen von Außen 
zum Kampfe gerüflet zu fein. 


Der fünfte Abfchnitt des Werkes ſchildert ben 
Ausbruch des Kampfes, deſſen Signal von einem 
alten verfchloffenen und an türkifches Weſen gewöhn⸗ 
ten Primaten von Kalabrata, Aſimakis Zaimis, 
badurdy gegeben wurde, baß er durch zwei Räuber 
in feinem Dienfte einem Bey aud Lala, welder 
ben Tribut feined Bezirkes nah Tripolitza führte, 
auf dem Wege einen Hinterhalt legen ließ. Der 
Bey entgieng zwar ihren Zlintenfhüffen, aber er 
brachte Beſtürzung nah der Hauptfladt und biefe 
fteigerte fih dadurh, daß auch an andern Orten 
bie Räuber in Bewegung kamen und bie türkifchen 
Obrigkeiten in ihren Ortfchaften Üüberfielen und töd: 
teten. Der Bey von Kalabryta war ber erfle, der 





>“ 


fih mit den Geinigen in zwei fefle Thürme eins 
ſchloßz, worauf der Capitän Sotiris Charolampis mit 
einer bewaffneten Schaar in die Stadt drang und 
ihn belagerte. Auf die Kunde von dieſem Ereigniß 
verließen alle Türken Boſtizza mit ihren Familien 
und ſchifftien ſich unbehelliget nach Galaxidi ein, und 
die von Patras ſchloſſen ſich mit den Ihrigen in 


die Feſtung, von welcher die Stadt beherrſcht wird. 


Diefes geſchah am 21 März, und desſelben Tages 
kamen ihnen 100 Bewaffnete von Rhion zu Hülfe. 
Diefe wilde Schaar verbreitete fich in der Stadt, 
beraufchte fi in einer Schenke, fledte dieſe dann 
in Brand, tödtete den Wirth und griff dad Haus 


des Papabiamantopulod an; hier fanden fie Wider: 
Rand, und die auf der Burg durch den Lärm, das 


Schießen und ben Brand der Häufer aufgeregt 
fingen an, bie Stadt zu befhießen. Bald war 
Brand und Kampf burh ale Straßen verbreitet, 
ein Theil der Bevölkerung, mit ihnen die Confuln 
von Rußland und Schweden, flüchteten fi) mit den 


Shrigen auf die Schiffe. Während ber Nacht ver: - 


theilte Panagiotis Karazas, bis dahin einfacher Hanb: 
werfer, der mit einer bewaffneten Schaar aus der 
Umgegend der Stadt zu Hülfe gelommen war, bie 
Geinigen in den Straßen, ließ alle Orte zur Wache 
rufen und binderte dadurch die türkiſche Beſatzung, 
während der Dunkelheit fih zu Mord und Brand 
über die Stadt zu verbreiten. Am folgenden Mor: 
gen waren fämmtlihe Türken in die Burg zurüd: 
gezogen und fuhren fort die Stadt zu befchießen, 
in welche während des ganzen Tages die Primaten 
mit bewaffneten Schaaren ihren Einzug hielten. Mit 
Begeifterung wurden fie empfangen und bezogen ein 
Lager füdlich bei der Kirche des hi. Gregorios. Ueber 
Diefe erhob am 25 März alt. St. ber Erzbifhof das 
Kreuz und empfieng unter ihm den Eid aller Verſammel⸗ 
ten zum Kampfe für den Glauben und bad Vaterland. 


Seitdem wird dieſer Tag ald der Anfang der hei: - 
Sndeß kam den in. 


leniſchen Epanaſtaſis gefeiert. 
der Burg Eingeſchloſſenen über Miſſolunghi und 
Rhion unerwartete Hülfe. Es waren Leute des 
Juſſuf Paſcha von Eubda, die auf dem Zuge nach 
Janina die Kunde von ihrer Bedrängniß erhalten 
hatten und umgekehrt waren, bie. Belagerten zu 
befreien. Es gelang dem Pafcha ohne vielen Kampf 


- 
® 





in bie Burg zu -fommen. Won da aus brang ex 
mit Zeuer und Schwert gegen bie Stabt vor, big 
des Krieges noch ungewohnten Gchaaren der Aufs 
fändigen zerſtreuten fih und das reihe Emporium 
ward ein Opfer des Raubes, des Mordes, der Plüns 
berung und des Branded. 


Der Untergang von Patras brachte ben gans 
zen Peloponnes unter die Waffen. Am 23 Mai war 
Petrod Mauromichalis Über die Gränze gegangen unb 
befegte Kalamata ohne Widerftand, entließ die Kürten 
unter Bewähr ihres Lebens und ihrer Ehre, und zum 
allgemeinen Führer erwählt, berief ex eine Geruſia 
von fünfundzwanzig Primaten aus den nädften Ep⸗ 
archieen, an beren Epige er bie oberfte Leitung der 
Sefhäfte übernahm. Eine Proclamation verkündigte 
die Wiederherftelung der hellenifhen Nation, bie 
Waffenhäuptlinge zerfireuten fi) nach verfchiedenen 
Seiten, um die türfifchen Behörben zu vertreiben 
und bie neue Macht einzufegen. Die- Keinde, übers 
zeugt, daß eine mächtige unfichtbare Hand die Bes 
wegung leite, überließgen den Aufitändifchen die afs 
fenen Orte und ſchloſſen fih in die Burgen. Selbſt 
bie wildeflen und tapferfien unter ihnen, bie’ Bes 
wohner der Drtfchaften um Barbuni (Mrrapdovvo- 
xwgia), bie ald Aufrührer und Räuber oft ihren 


eigenen Glaubensgenoſſen furdtbar waren, verließen 


in eiliger Flucht ihre befefligten Wohnungen, um 
ben Franken zu entfliehen, deren Ankunft man ihnen 
gemeldet hatte. Sie wollten Tripolizza erreihen, 
ehe der Weg bahin verfperrt würde. Dahin oder 
nach Patras flohen aud aus ben inneren Epardieen 
die türkifchen Belagungen und Kamilien, bie bem 
Iſthmus nahe MWohnenden fchloffen fih in Akroko⸗ 


rinth, die von Argos in Nauplia ein und wurden 


bald von dem kriegsgeübten Schaaren ber Nachbarn 
und andern Aufftändifchen belagert. 


Indeß waren überall bie Primaten und Wafs 
fenhäuptlinge zu ihrer Verfolgung aufgebrochen und 
am Alpheos (Rufia) zwiſchen Leontari und Kary⸗ 


- täne Fam es zum erflen geordneten Treffen zwiſchen 


ben Osmanen und den Chriften, bie mit Kalos 
kotronis und feinem Corps Mainoten ben Abzug ber 
Phanariten angriffen, welche mit aller Habe unter 


837 


dem Schutze bewaffneter Schaaren nad) Tripolitza 
ausweanderten. Der Kampf währte den ganzen Tag 
und wurde von beiden Seiten mit großer Erbitte: 
rung geführt. Am folgenden Tag begann er von 
Neuem beim Uebergang Über den Fluß. Viele Für: 
Ten fanden an dem Ufer, noch mehr in den Wellen 
ihren Untergang, vorzüglich Frauen und Kinder, bie 
man über bie fleilen Ufer hinab voraus getrieben 
hatte. Die Uebrigen zogen. fib in die Burg des 
nahen Baftuni und wurden dort eingefchloffen. Wäh: 
send des Kampfes und gleich nah ihm war eine 
große Zahl von Häuptlingen zu Hülfe geeilt. Die 
beiden Plaputas, Elias Mauromichalis, Kanellod 


Delianis und Andere. Am 29 April waren 6000 


Mann Bewaffnete vor Karptäne unter Führung des 
Theodor Kolokotronid vereiniget. Während in folder 
Beife die tärkifche Bevölkerung von panifhem Schre⸗ 
den ergriffen ihren Herb und den größten Theil 
ihrer Habe verließ, um in ben Zeflungen Schug zu 
fuhen, wagten nur die Zinken von Lala, ein flol- 
zes albanefifches Gefchlecht, ihre Sige zu behaupten; 
vol Muth und Hoffnung plünderten fie die Gegend 
umber, um am Ende, doch erſt nach drei Monaten 
der Flucht aus dem Lande fi anzufchließen und 
den Weg Über Patras nah Miffolungbi zu fuchen. 
Am Uebrigen hatten brei Wochen bingereicht, die 
Macht der Türken im Peloponned zu brechen und 
die Bahnen des Kreuzed auf allen Sebirgen beöfel: 
ben aufzupflanzen. 


&o weit der Verfaſſer Über die Erhebung des 
Peloponneſes, welche die Erhebung der ganzen hel⸗ 
leniſchen Bevölferung auf dem Feflland und ben 
Inſeln nah fih zog. Wir konnten nur eine Efizze 
der Darftelung geben, deren Einzelbeiten meift 
neu find und und das Innere einer Begebenheit, 
die kaum ein Menſchenalter hinter und liegt, in 
ihm aber die Urfahen und den Beginn einer Ers 
fhütterung enthüllen, weldhe mit der Türkei ganz 
Europa in Bewegung gebraht, das neugriechifche 


Reich unter der Dynaſtie Wittelsbach begründet, 


dann gehemmt und eben jegt in eine neue Phafis 
getreten iſt, welche in die welthiftorifchen Greigniffe 
unferer Rage rafch eingreifen, biefen zum Heile ber 
unterdrückten Chriftenheit jener Länder eine neue 





Hoffnung ber Erlöfung vorzubereiten unternommen hat. 
Die folgenden Abſchnitte dieſes wichtigen Geſchichts⸗ 
werkes führen und zunähft auf die tragifchen Er⸗ 
eigniffe von Conftantinopel, und es wird durch die 
Michtigkeit ihrer noch jest fortdauernden Wirkungen 
gerechtfertigt erfcheinen, wenn wir auf den weitern 
Inhalt der Erzählung in einem fpätern Artitel zu: 


rückkommen. 
dr. Thierſ ch. 





K. Hof: und Staats-Bibliothek. 





Auszug aus dem Verzeichniſſe des Zugangs bei der 
k. Hof: und Staatsbibliothek im I. 1853. 


Viertes Quartal. October — December. 





(Fortfegung.) 

P. H. Maille, Nouvelle theorie des hydrometeorem. 
Par. 1853. J 

G. Oſann, Erfahrungen in dem Gebiete des Galva⸗ 
nisınud. Erlangen 1852. 

E. Plantamour, Resumed des observations thermo- 
metriques et barumetriques faites à P’observatoire 
de Geneve et au Grand St. Bernard pendant les 
dix-armees 1841 à 1850. Geneve 1851. 

Dr. 3. Th. Rieß, Die Lehre von der Reibungselektri« 
cität. Berlin 1853. 2 Bde. 

Dr. W. Schrader, Foucault’ Pendelverfuch als Bes 

* weis für die Axendrehung der Erde. Halle 1853. 

3. 4. Suppan, Die Hppfometrie. Innsbruck 1834. 

Dr. W. 3. U. Zimmermann, Der Erdball und feine 
Naturwunder. Lief. 1. Berlin 1853. 

Th. 8. W. Bifchoff, Der Harnftoff ale Maaß des 
Stoffwechfeld. Gießen 1853. 

Rob. Galloway, Vorfchule der qualitativen chemifcher 
Analyſe; deutfch mit Zuſätzen von Dr. Th, Ber: 
ding. Leipzig 1853. 


Gortſetzung folgt.) 





Bulletin der Pönigl. Akademie d. W. 














1854 Br. 2. 
. .— | 
Gelehrte Anzeigen 
München. herausgegeben von Mitgliedern 5. April. 
Nro. 4l. der &. bayer. Akademie der Wiffenfchaften 1854. 





Königl. Akademie der Wiflenfchaften. 


Sigung der mathematiſch⸗ phyſikaliſchen Claſſe am 
14 Januar 1854. 


1) Herr Mac. Melloni in Neapel hat unterm 
12 Dez. v. J. angezeigt, daß er feine Ab: 
bandlungen über den Magnetismus der Fels⸗ 
arten durch Vermittlung der f. b. Geſandt⸗ 
ſchaft an die k. Akademie der Wiſſenſchaften 

abgeſandt habe. Er giebt zugleich eine Ueber⸗ 
fiht der Reſultate feiner Arbeit, welche hier 
in deutfcher Ueberfegung angeſchloſſen wird. 


Die Laven und faſt alle Feldarten, welde 
durch Anziehung auf einen oder den andern magne⸗ 
tiihen Pol wirken, find magnetifirt und befigen 
demgemäß Puncte, welche mit Süd: und Nordmag⸗ 
netismus verfehen find. 

Diefer magnetifche Zuftand ift biöher überfehen 
worden, weil die repulfive Thätigkeit, wodurd er 
fi von der einfachen magnetifchen Affection unters 
ſcheidet, im Algemeinen ſehr ſchwach ift, und man 
in einer ſehr geringen Entfernung ber Magnetnadel 
oder des Magnetſtabes geriren muß, was in den 
nächſten Theilen des Minerals attractive Kräfte von 
reactiver Natur entwickelt, welche von ſtärkerer In⸗ 
tenſität ſind, als die repulſiven Actionen des Ge⸗ 
ſteins. 


Um das ſchwache Magnetiſirtſein der Mineral⸗ 


ſubſtanzen zur Evidenz zu bringen, muß man ein 
Magnetofcop zu Hülfe nehmen, d. h. ein aftatifches 


Syſtem, deflen beide Elemente länger unb weiter 
von einander entfernt find, als jene eine fehr em⸗ 
pfindlihen Galvanometerd, und alfo geflatten, das 
Mineral in geeigneter Entfernung von ber obern 
Nadel zu halten,. damit aber die Entwidelung der 
Attraction aud Reaction zu vermeiden. 

Mehrere Zeldarten, bie in ihrem natürlichen 
Zuftande keine anfdeinende Action weder auf das 
Magnetofcop noch auf die einfache Declinationsnadel 
haben, ziehen die beiden Ertremitäten eines Mag⸗ 
netftabed von beträchtlihen Dimenfionen, der in feis 
nem Schwerpuncte aufgehängt ift, an, und erlangen 
gleichzeitig eine permanente, durch dad Magnetofcop 
nachweis bare magnetifhe Kraft. 

Es geht aus dieſer Thatſache und aus den. 
mehr ober weniger intenfiven Actionen, welche jebe 
Mineralipecied auf Magnetfläben von verſchiedenen 
Dimenfionen ausübt, hervor, daß die Coercitivkraft 
ſich verändert, wenn fie von einer in bie andere 
magnetifche Felsart übergeht. 


Diefelben Erfahrungen und der mehr oder min 
der außgefprochene magnetifhe Zuſtand faft aller ei: 
fenhaltigen Terrains leiten auf den Schluß, daß 
diejenige Methode erfchöpft (enouee) ift, welche man 
in ber lebten Zeit angewendet, indem man bie ges 
pulverten Gefteine der Anziehung eines energifchen 
Magnets ausfegte, um, mit Berüdfihtigung der 
Quantitätöverhältniffe der angezogenen Maflen auf 
die magnetifchen Kräfte der Gefteine und in Zolge 
davon auf die Störungen zu fchließen, welche fie 
in ihrem ganzen (unverfehrten) Zufland auf diejenigen 
Inflrumente äußern, die zur Erforfhung bed Erb: 
magnetismus beflimmt find. 

XXXVII. 41 


Bei gleichen Intenfitäten iſt die Wirkung der 
Störung, welche von der magnetifchen Reaction der 
Gefteine ausgeht, um vieled geringer ald die ihrer 
magnetifchen Kraft. Sie verbreitet ſich nicht unbe⸗ 
grenzt in dem Raum, wie die directen Kräfte der 
Anziehung und Abftoßung, und fie erlifcht vollftän- 
dig in einer gewiflen Entfernung, welde von ber 
magnetifchen Kraft der angewendeten Inſtrumente 
abhängt. | 

Der Stahl und die eifenhaltigen Gefteine kön⸗ 
nen magnetifirt fein, fo daß fie mit derfelben Ertremi:- 
tät die Erſcheinung ber Abſtoßung und der Anziehung 
an den homologen Polen zweier Magnete von ver: 
ſchiedenem Volum bervorbringen. 

Dieſe Erfahrungen, welche ſich unbegränzt dar⸗ 
fielen, wenn man die Körper in angemeſſener Ent: 
fernung bält, fcheinen zu der Zolgerung zu führen, 
baß die Goercitivfraft der magnetifirbaren Eubftanzen 
Beine einfache if, wie man bisher angenommen, 
fondern daß fie zufammengefeßt iſt von zwei ver: 
fhiedenen Elementen 
und einer magnetifch perfiftirenden Action. - 


2) Hr. Akademiker Dr. Bogel jun. las: 
. Weber den chemiſchen Vorgang des Keimens. 





„Die beim Keimen eintretenden Erfcheinungen 
lafien fih im Allgemeinen auf eine Ausfcheidung 


- Bor dem Keimen enthielten 2,405 : 
Nach dem Keimen enthielten 2,241 : 


Der ganze Verluft bei dem Keimen betrug 
0,164 Srmm., während der Verluft für den Koh⸗ 
lenftoff allein 0,068 ausmachte. Die Analyfe 
zeigt, daß im diefem befonderem alle der Ue: 
berfhuß des Übrigen Verluſtes nicht ganz dem 
Waſſer zuzufchreiben ift, weil er ſich zum Theil ale 
Kohlenoryd berechnen läßt, denn es erfordern 0,068 
Koblenfioff 0,089 Sauerfloff, welche 0,157 Kob: 
- Ienoppb bilden. Wäre ber Verſuch mit dem Klee: 


einer magnetifh refiftirenden _ 


von Kohlenfäure und Waſſer zurüdfähren. Fängere 
Zeit hindurch erſtien dieſe Anſicht als völlig genü⸗ 
gend, welche auch in ſo weit ganz richtig iſt, da bei jeder 
Keimung leicht nachweisbar als nie fehlendes Pro⸗ 
duct Kohlenſäure auftritt. Erſt in der neueren Zeit 
find Zweifel über diefe nur aus den Enprefultaten 
gewonnene Erklärung der Vorgänge beim Keimen 
angeregt. worden und es find allerdıngs Gründe 
vorhanden, welde zu der Annahme führen, daß bie 
ganze Stoffumwandlung nicht fo einfach vor fich 
gebe, als fie nach den bisherigen Verſuchen erfdeis 
nen mußte. Offenbar ift die Keimung einem -langs 
famen Verbrennungsproceß vergleichbar; der Koblen: 
ftoff de8 Saamend verbindet fih mit dem Sauerfloff 
der Armofphäre zu Kohlenfäure. Bei einer jeben 
langfamen Verbrennung des Kohlenftoffs bilden fich 
aber bekanntlich Bwifchenverbindungen , befonders 
Kohlenorndgad. Man bürfte daher ſchon a priori 
ber Analogie nach vermuthen, daß unter Umfländen 
auch bei der Keimung neben der Kohlenfäure an⸗ 
dere unvollkommene Verbindungen bed Kohlenfloffs 
mit Sauerfloff aufireten. 


Bouflingault *) war ber erfle, welcher bie Ges 
genwart des Kohlenosydgafed beim Keimen auf ana: 
Iptifhem Wege darzuthun ſuchte. Kleefaamen wurde 
kei 1109 C. getrodnet, befeudhtet; nach dem Kei: 
men, wenn die Würzelchen eine Länge von 4 bis 
1. Gentim, erreicht hatten, wieder getrodnet und 
analyſirt. 


) Landwirthſchaft Bd. I. 26. 
C H O N 


1,222 + 0,144 + 0,866 + 0,173 
1,154 + 0,141 -- 0,767 -- 0,179 


faamen während ber erften Periode des Keimens 
in einem verfchloffenen Gefäße vorgenommen wor: 
den, fo würde fi dad Volumen der Luft vermehrt 
haben, indem 1 Volumen Kohlenoryd -- 3 Volu: 
men Eauafloff — 1 Volumen Koblenfäure ft. So 
ift denn klar, daß fi dad Wolumen ber ganzen 
Luftmafle um die Hälfte ded aus dem Korne ent: 
wid.lten Volumens des Kohlenoxyds vermehrt bat. 
Natürlich wäre diefe Volumvergrößerung, bie im 


vorliegenden Fall ungefähr 64 Cub. Eentim. betrug, 
im verſchloſſenen Gefäſſe unbemerkt geblieben; denn 
man hätte mehrere Liter atmofphärifche Luft nehmen 
müflen, um für die 2,4 Grmm. Saamen ein zum 
Keimen günfliged Verhäliniß herbeizuführen, und 
dann wäre wohl die Zunahme bed Volumens ein 


C 
2,439 vor dem Keimen: 
2,365 nad dem Keimen: 


Auch bier zeigt ſich aus der Berehnung, daß 
dee dem Saamen durch den Keirhungsproceß - entz, 
zogene Koblenftoff nicht feiner ganzen Quantität nach 
in Koblienfäure übergegangen ift, fondern daß fid 
neben ber Kohlenfäure noch eine andere Oxydations⸗ 
flufe des Kohlenftoffd gebildet haben müſſe. 


In den Bouſſingault'ſchen Verſuchen ift, wie 
man ficht, dad. Auftreten ded Kohlenoryds während 
der Keimung nicht direct nachgewielen, fondern nur 
durh Rechnung gefunden. Diefe Lüde auszufüllen 
und auf unzweifelhafte Art die Gegenwart des Koh: 
lenoxyds oder anderer Kohlenftoffverbindungen als 
Producte ded Keimprocefied durch den Verſuch nach⸗ 
zuweiſen, ſind die folgenden Verſuche angeſtellt wor⸗ 
den. Sie bezwecken, wie bemerkt, zunächſt nur den 
Directen Nachweis, daß fich bei der Keimung außer 
der Kohlenfäure noch eine andere gadfürmige Ver⸗ 
bindung ded Kohlenfloffd erzeuge, ohne vorläufig die 
Natur diefer Verbindung näher zu beflimmen. Die 
Auffindung dieſes neben der Kohlenfäure entfliehen: 
den Probuctes beruht auf der Thatſache, daß fos 
wohl dad Kohlenoryd als auch die Kohlenwafferftoffe, 
wenn fie mit Sauerfloff geglüht werben, in Koh: 
lenfäure übergehen. | 


Um eine gehörige Menge einer durch bie Kei⸗ 
mung veränderten Luft zu erhalten, wurben ver: 
fhiedene Saamen, Gerfien, Weizen ıc. unter ei: 
ner 3 Liter Luft baltenden Glasglode zum Keimen 
gebraht. Nah 2 Tagen, nachdem die Keimung 
bereitö begonnen, wurde bie Luft aus ber Glode 
in einer geräumigen Flaſche durch Schütteln mit 
Kalilauge von Kohlenfäure möglichft befreit, die 
Saamen aber, welche nicht gekeimt hatten, entfernt, 
durch frifche erfegt und mit erneuter atmofphärifcher 
Luft in Berührung geſetzt. Nach vollendeter Keis 


zu Meiner Bruch gegen bie gefammte Luftmafle ges 
weien, als daß fie mit einiger Genauigkeit hätte 
beftimmt werben koͤnnen. Gin dem angeführten äbn- 
liches Refultat ergab fih, wenn zum Keimen flatt 
bed Kleeſaamens Weizen ängewendet wurde. 


H O N 


1,137 + 0,141 + 1,077 + 0,084 
1,111 + 0,140 + 1,026 -+- 0,088 


mung brachte ich die auf die angegebene Weife er: 
baltene und von Kohlenfäure befreite Luft in einen 
Safometer und verwendete fie auf folgende Weiſe 
zum Verſuch. Die Luft durchſtrömte vom Gafometer 
aud zuerft einen hoben Cylinder mit Kalilauge und 
von da eihen ebenfalls mit Kalilauge gefüllten Ku: 
gelapparat, um fie von ber legten Spur Kohlen: 
fäure zu befreien. Etwa mit übergeriffene Kohlenſäure⸗ 
haltige Kalilauge wurde in einem Fförmigen Chlor⸗ 
calciumrohre abforbirt, von welchem aus bad Gas 
in vollkommen Mared Barytwaſſer geleitet wurde 
zur fihern Ueberzeugung, daß die Koblenfäure bis 
auf die legte Spur vollftändig abforbirt war. Auf 
diefem Puncte angelommen beſteht nun die Luft 
aus Sauerfloff, Stidftoff und der fraglihen Koh: 
Ienfloffoerbindung, welche Ießtere beim Erhigen mit 
dem vorhandenen Sauerfloff Kohlenfäure liefern muß. _ 
Um die Verbrennung möglihft volftändig zu erzies 
len, gieng das Gas direct aus dem Mar bleibenden 
Barptwafler durch ein enges mit gewundenem Pla⸗ 
tindraht gefültes Verbrennungsrohr, welches mit 
Weingeiſtlampen bis zum Rothglühen erhitzt war. 
Dad geglühte Gasſgemenge wurde ſofort in Baryt⸗ 
waſſer geleitet; es iſt klar, daß bei der geringſten 
Spur etwa durch den Verbrennungsproceß gebilde⸗ 
ter Kohlenfäure das Barytwaſſer eine Trübung zei⸗ 
gen mußte. 

Man muß ſich vorher durch Verſuche von der 
völligen Abweſenheit organiſcher Verunreinigungen 
in dem Verbrennungsrohre überzeugt haben. Ge⸗ 
wöhnliche Luft in ſolcher Weiſe behandelt zeigte 
niemals eine Trübung des Barytwaſſers, während 
unbedeutende Spuren abſichtlich derſelben zugeſetzten 
Kohlenoxydgaſes deutlich entdeckt werden konnten. Die 
größte Schwierigkeit iſt es hiebei, bie Luft vollkom⸗ 
men von ihrem Kohlenſäuregchalt zu befreien, weß⸗ 


Bei gleichen Intenfitäten iſt die Wirkung der 
Störung, welche von der magnetiſchen Reaction der 
Geſteine ausgeht, um vieles geringer ald die ihrer 
magnetifhen Kraft. Sie verbreitet fi nicht unbe⸗ 
grenzt in dem Raum, wie die birecten Kräfte der 
Anziehung und Abfloßung, und fie erlifcht vollſtaͤn⸗ 
dig in einer gewillen Entfernung, welde von der 
magnetifchen Kraft ber angewendeten Inſtrumente 
abhängt. | 

Der Stahl und bie eifenhaltigen Gefteine kön⸗ 
nen magnetifirt fein, fo daß fie mit derfelben Extremi⸗ 
tät die Erfcheinung der Abſtoßung und der Anziehung 
an ben bomologen Polen zweier Magnete von ver: 
ſchiedenem Volum bhervorbringen. 

Dieſe Erfahrungen, welche ſich unbegränzt dar: 
fielen, wenn man die Körper in angemeſſener Ent: 
fernung bält, fcheinen zu der Folgerung zu führen, 
baß die Coercitivfraft der magnetifirbaren Eubflanzen 
Beine einfache ift, wie man bisher angenommen, 
fondern daß fie zufammengefeßt iſt von zwei ver: 
fhiedenen Elementen 
und einer magnetifh perfiftirenden Action. - 


2) Hr. Afademifer Dr. Bogel jun. las: 
‚ Weber den hemifchen Vorgang des Keimene. 





„Die beim Keimen eintretenden Erfcheinungen 
laſſen fih im Allgemeinen auf eine Ausſcheidung 


- Vor dem Keimen enthielten 2,405 : 
Nach dem Keimen enthielten 2,241 : 


Der ganze Verluſt bei dem Keimen betrug 
0,164 Srmm., während ber Verluft für den Koh: 
lenftoff allein 0,068 ausmachte. Die Analyfe 
zeigt, daB in dieſem befonderem Halle der Ue: 
berfhuß des übrigen Verluſtes nicht ganz dem 
Waſſer zuzufchreiben ift, weil er fi zum Xheil als 
Kohlenorpd berechnen läßt, denn es erfordern 0,068 
Koblenfloff 0,089 Sauerftoff, welche 0,157 Koh: 
lenoxyd bilden. Wäre der Verſuch mit dem Klee: 


einer magnetifch refiftirenden _ 


von Kohlenfäure und Waſſer zurüführen, Fängere 
Zeit hindurch erſtien dieſe Anſicht als völlig genü⸗ 
gend, welche auch in ſo weit ganz richtig iſt, da bei jeder 
Keimung leicht nachweisbar als nie fehlendes Pro⸗ 
duct Kohlenſäure auftritt. Erſt in der neueren Zeit 
find Zweifel über diefe nur aus den Endrefultaten 
gewonnene Erklärung der Vorgänge beim Keimen 
angeregt worden und es find allerdıngs Gründe 
vorhanden, welde zu der Annahme führen, daß bie 
ganze Stoffummandlung nicht fo einfach vor ſich 
gebe, als fie nad) den bisherigen Verſuchen erfcei: 
nen mußte. Offenbar ift die Keimung einem -langs 
famen VBerbrennungsproceß vergleichbar; der Kohlen: 
ſtoff des Saamend verbindet ſich mit dem Sauerfloff 
der Atmoſphäre zu Kohlenfäure. Bei einer jeden 
langfamen Verbrennung ded Kohlenftoffs bilden fich 
aber bekanntlich Bwifchenverbindungen , befonders 
Kohlenorndgad. Man dürfte daher ſchon a priori 
ber Analogie nach vermuthen, daß unter Umfländen 
auch bei der Keimung neben der Koblenfäure an: 
dere unvollkommene Verbindungen bed Koblenftoffs 
mit Sauerfloff aufıreten. 


Bouflingault *) war ber erfle, welcher bie Ges 
genwart bed Kohlenorydgafes beim Keimen auf ana: 
Intifhem Wege darzuthun ſuchte. Kleefaamen wurbe 
kei 1109 C. getrodnet, befeudptet; nah dem Kei: 
men, wenn die Würzeldyen eine Länge von A bis 
1. Gentim. erreicht hatten, wieder getrodnet und 
analyſirt. 


) Landwirthſchaft Bd. J. 26. 
C H OÖ N 


1,222 + 0,144 + 0,866 + 0,173 
1,154 + 0,141 + 0,767 4 0,179 


faamen während ber erflen Periode des Keimens 
in einem verfchloffenen Gefäße vorgenommen wor: 
den, fo würde fi dad Volumen der Luft vermehrt 
haben, indem 1 Volumen Koblenoryd + 3 Bolu: 


‚men Eauerfloff = 1 Volumen Koplenfäure" if. So 


ift denn Mar, daß fih dad Volumen der ganzen 
Luftmaffe um die Hälfte des aus dem Korne ent: 
wickelten Volumens des Kohlenoxyds vermehrt bat. 
Natürlich wäre diefe Volumvergrößerung, bie im 


vorliegenden Yal ungefähr 64 Eub. Centim. betrug, 


im verſchloſſenen Gefäfle unbemerkt geblieben; denn 
man bätte mehrere Liter atmofphärifche Luft nehmen 
müflen, um für die 2,4 Grmm. Saamen ein zum 


Keimen günfiged Verhäliniß herbeizuführen, und. 


dann wäre wohl die Zunahme bed Volumens ein 


C 
2,439 vor dem Keimen: 
. 2,365 nad dem Keimen: 


Auch bier zeigt ſich aus ber Berehnung, daß 
der dem Saamen durch den Keirhungsproceß - ent= 
zogene Kobienfloff nicht feiner ganzen Quantität nad‘ 
in Koblenfäure übergegangen ift, fondern daß ſich 
neben der Kohlenfäure noch eine andere Oxydations⸗ 
flufe des Kohlenſtoffs gebildet haben müfle. 


In den Bouffingault’fchen Werfuchen ift, wie 
man ſieht, das. Auftreten bes Kohlenoxyds während 
der Keimung nicht direct nachgewiefen, fondern nur 
Durh Rechnung gefunden. Diefe Lücke audzufüllen 
und auf unzweifelhafte Art die Gegenwart bed Koh: 
lenoxyds oder anderer Kohlenftoffverbindungen als 
Droducte des Keimproceffed durch den Verſuch nach: 
zuweifen, find die folgenden Verſuche angeflellt wor: 
den. Sie bezweden, wie bemerkt, zunächſt nur den 
Directen Nachweis, baß fi bei der Keimung außer 
der Koblenfäure noch eine andere gasfürmige Ver⸗ 
bindung des Kohlenſtoffs erzeuge, ohne vorläufig die 
Natur diefer Verbindung näher zu beflimmen. Die 
Auffindung dieſes neben der Kohlenfäure entflchen- 
den Productes beruht auf ber Thatfahe, daß fo: 
wohl das Kohlenoryd als aud die Kohlenwaflerftoffe, 
wenn fie mit Sauerfloff geglüht werden, in Koh: 
lenſäure übergeben. 


Um eine gehörige Menge einer dur bie Kei- 
mung veränderten Luft zu erhalten, wurden ver: 
fchiedene Saamen, Gerſten, Weizen ıc. unter ei: 
ner 3 Liter Luft haltenden Glasglode zum Keimen 
gebracht. Nah 2 Tagen, nachdem die Keimung 
bereitd begonnen, wurde bie Zuft aus ber Glocke 
in einer. geräumigen Flaſche durch Schütteln mit 
Kalilauge von Koblenfäure möglichft befreit, die 
Saamen aber, welche nicht gekeimt hatten, entfernt, 
durch frifche erfeßt und mit erneuter atmofphärifcher 
Euft in Berührung geſetzt. Nach vollendeter Keis 


zu Meiner Bruch gegen bie gefammte Luftmaffe ge: 
wefen, ald daß fie mit einiger Genauigkeit hätte 
beſtimmt werben konnen. Gin dem angeführten äbn= 
liches Refultat ergab fih, wenn zum Keimen flatt 
bed Kleeſaamens Weizen ängewendet wurde. 


H O N 


1,137 + 0,141 + 1,077 + 0,084 
1,111 + 0,140 + 1,026 4 0,098 


mung brachte ich die auf die angegebene Weife er: 
haltene und von Kohlenfäure befreite Luft in einen 
Safometer und verwendete fie auf folgende Weife 
zum Verſuch. Die Luft durchſtrömte vom Gafometer 
aud zuerfi einen hohen Cylinder mit Kalilauge und 
von da einen ebenfalld mit Kalilauge gefüllten Kus 
gelapparat, um fie von der legten Spur Kohlen: 
fäure zu befreien. Etwa mit Üübergeriffene Koblenfäures 
baltige Kalilauge wurde in einem Fförmigen Chlor: 
calciumrohre abforbirt, von welchem aus das Gas 
in vollkommen Bares Barytwaſſer geleitet wurbe 
zur fihern Ueberzeugung, daß die Koblenfäure bis 
auf die legte Spur vollftändig abforbirt war. Auf 
diefem Puncte angelommen befteht nun bie Luft 
aus Sauerfioff, Stidftoff und der fraglihen Koh: 
Ienfloffverbindung, welche letztere beim Erhigen mit 
dem vorhandenen Sauerfloff Kohlenfäure liefern muß. _ 
Um die Verbrennung möglihft vollſtändig zu erzies 
len, gieng dad Gas direct aus dem Mar bleibenden 
Barytwaſſer durch ein enges mit gewundenem Pla: 
tindrabt gefülltes Werbrennungdrohr, welches mit 
Weingeifllampen bi8 zum Rothglühen erhist war. 
Dad geglühte Gadgemenge wurde fofort in Baryt⸗ 
waffer geleitet; ed ift Par, daß bei der geringften 
Spur etwa durch den KBerbrennungsproceß gebilde: 
ter Kohlenfäure das Barytwaſſer eine Trübung zei⸗ 
gen mußte, 

Man muß fid) vorher durch Werfuche von der 
völligen Abmefenheit organifcher Verunreinigungen 
in bem KBerbrennungsrohre überzeugt haben. Ges 
wößnliche Luft in folder Weiſe behandelt zeigte 
niemals eine Zrübung bed Barytwaſſers, während 
unbedeutende Spuren abfichtlich derfelben zugeſetzten 
Koblenorydgafes deutlich entdeckt werden konnten. Die 
größte Schwierigkeit ift es hiebei, die Luft vollkom⸗ 
men von ihrem Kohlenfäuregchalt zu befreien, weßs 


8335 


halb es durchaus nothwendig ift, daß bad Gemeng 
vor dem Glühen durch Barytwaſſer bindurdhftreicht, 
um durch deffen Klarbieiben der völligen Abweſen⸗ 
beit der Koblenfäure gewiß zu werden. 

In der angegebenen Art ift wiederholt die Luft, 
worin verfchiedene Saamen den Keimungsproceß durch⸗ 
laufen batten, unterfucht und ſtets eine flärkere oder 


geringere Trübung des Barytwaflers wahrgenommen’ 


worden. Es unterliegt demnach faum einem Zwei⸗ 
fel, daß fich während der Keimung neben der Koh: 
Venfäure noch andere Kohlenfloffverbindungen bilden, 
und zwar fcheint ſich nach diefen vorläufigen Verſuchen 
deren Menge in ben fpäteren Perioden der Keimung 
zu vermehren.“ | 


Sitzung der mathematifch:phnfifalifchen Glaffe am 
11 Sebruar 1854. 


1) Durch Allerhöchſtes Reſcript vom 6 Nov. 
v. 33. wurde die Alademie der Wiflenf&aften in 
Bezug auf ihren Beriht vom 3 Quni v. 38. be: 
auitragt, zum Zwede einer neuen Regelung der Ab: 
gabe von "Normalbranntweinmagen (Alkoholometern 
— Xäometern) und des obligaten Gebrauches der: 
felben im öffentlihen Verkehr, die wiffenfchaftlichen 
Grundlagen feftzuftelen, nach weldhen der Seiner 
‚Majeflät dem Könige zu unterbreitende Entwurf 
über die in Anwendung zu bringenden Alkoholome⸗ 
ter nebſt Vollzugs-Inſtruction auszuarbeiten fein 
werde. 

Da es gemäß der Aeußerung des k. Staats: 
minifteriumd für Handel und Öffentliche Arbeiten im 


Intereſſe der inländifchen Branntwein: und Epiriz. 


tus⸗Fabrication gelegen fei, bei der Abfaffung der 
neuen Verordnung fi moͤglichſt vollfländig demje⸗ 
nigen Spfleme anzuſchließen, welches in den an 
Bayern gränzenden beutihen Staaten, mit welden 
der größte Spiritus-Verkehr beftcht, Geltung hat, 
fo wurde die Weifung beigefügt, bei, der Abfaffung 
des Gutachtens vorzugsweife dad Syſtem des Alto: 


+ 


bolometerd nad Tralles in Betracht zu ziehen, auf 
welches ohnehin auch die bisher in Bayern gelten: 
den Anordnungen bafiert find. _ 

Diefem Allerhöchften Befehl entfprechend wurde 
die math. phyſ. Claſſe beauftragt, die zum Vollzug 
geeignete Commiflion einzufegen. Diefe wurde aus 
den Akademikern Steinheil, Ohm, Baron von 
Liebig und Pettenktofer gebildet und hat ihren 


Bericht durch die Claſſe an den Vorſtand der Aka⸗ 


demie zur Beförderung an das k. Etaatöminifterium 
bes Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten 
unterm 15 dies eingereicht. J 

Zufolge dieſes Berichtes hat ſie in gemeinſamer 
Berathung die Principien feſtgeſtellt, auf welche eine 
Regulierung des Verkaufes von Spirituoſen baſiert 
werden muß, wenn dieſe Maaßregel möglichſte Sit=- 
herheit und Bequemlichkeit im Verkehr bieten fol, 
und babei volle Rüdfiht auf die in den Nachbar: 
ftaaten beftehenden Einrihtungen genommen. 

Da auch nah Feſtſtellung der Principien der 
Entwurf einer fpezielen VBolzugs - Inftruction für 
das Aichungsamt, eine Vorfchrift für die Anfertigung 
und für den Gebrauch ber Alkoholometer und einer 
Berordnung barüber nur aus fpezieller Sachkenntniß 
hervorgehen und nur dann ber volle Erfolg erreicht 
werden kann, wenn das Ganze ohne Abänderung 
zum Vollzuge kömmt, fo hat die Commiſſion auch 
Diefe Arbeit ihrem Berichte beigefügt. 

Die Beilagen find nach ber k. k. öfterreichi- 
fchen Verordnung vom 1 April 1853 3. 563. 
H/M., die Regulierung der Gehaltsbeſtimmung des 
Branntweined mittelft genauer Inſtrumente (Ber: 
ordnungsblatt 1853 Nr. 32 vom 24 April) bear: 
beitet und es ıft die Commiſſion nur da von den 
öfterreihifhen Beflimmungen abgewichen, wo es 
burdy Eandesverhältniffe und zur Erzielung größerer 
Sicherheit im Gefchäfte geboten und nöthig war, 
Zweibeutigfeiten zu vermeiden, möglichſte Bequemlich⸗ 
keit zu erzielen und die Inſtrumente vor Verfäl⸗ 
fhung ficher zu ftellen. 


⸗ 


Bullerin der Pönigl. Akademie d. W. 
1854 Re. 10. 


Gelehrte 
Prünchen. 
Nro. 42. 








Herausgegeben von Mitgliedern 
der & bayer. Afademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen 
| 7. April. 
1854, 





Königl. Akademie der Wiffenfchaften. 





2) Das E. Cultusminiſterium hat ber k. Aka⸗ 
bemie Kunde gegeben, daß die im Revierbezirk 
Bernhof, 8. Forſtamts Bilseck, neu entdedte Sta: 
kaktitenhöhle, den Anträgen der E. Akademie gemäß, 
für dad Publicum auf Staatskoſten zugänglich ge: 
macht und für die Sicherheit diefer wegen ihres ur: 
fprüngliden Zuſtandes befonderd intereflanten Höhle 
Sorge getragen worden ſei. 


3) Herr Afademifer Dr. Andreas Wagner erftat: 
tete folgenden Bericht über die urmweltlicyen Arten 
von Wirbelthieren, deren Knochen : Ueberrefte 
durch die von dem Herrn Akademifer Dr. Johan: 
nes Roth bei Pifermi in Griechenland wäh: 
vend des Winter 1844 unternommenen Aus: 
grabungen aufgefunden wurden. 


„Unfer geehrter Collega, Herr Prof. Dr. Io: 
hannes Roth hat bekanntlich während feines Auf: 
enthalted in Griechenland im Winter 1833 umfaf: 
fende Ausgrabimgen nach foffilen Knochen : Weberre: 
fien bei Pikermi vornehmen- laffen und bie ganze 
reihe Ausbeute der palaeontologifhen Sammlung 
des Staates zum Geſchenk gemacht. Er felbft hat 
hierüber bereitö in dee vorigen Dezemberfigung an 
die Klaffe einen allgemeinen Bericht über die La⸗ 
gerungsverhältniffe und die wichtigften Bunde biefes 
merkwürdigen Knochenlagers erflattet, über welches 


biöher Tein näherer Aufihluß gegeben worden war. 
Eeiner freundlidhen Aufforderung, mit ihm gemeins 
fhafılih die Beſtimmung diefer Ueberrefte vorzunch- 
men, babe ih um fo lieber entſprochen, ald ich 
der erfte war, der auf felbige aufmerffam machte 
und in zwei, in die Denkſchriften unferer Akademie 
aufgenommenen Abhandlungen mehrere der dort vors 
kommenden urmeltlihen Arten in Befchreibungen 
und Abbildungen zur Yublicität bradte. Wir ba: 
ben nun bie Mufterung biefer reihen Schäße vol: 
endet und night weniger ald 19 Arten unter ihnen 
ertannt, über welche ich mir jest die Ehre geben 
werde, ber hochgeehrten Kaffe einen kurzen Be⸗ 
richt zu erflatten, indem ich mir zugleich erlaube 
unfere Abhandlung zur Aufnahme-in die Deakfchrif: 
ten zu überreichen, 


Bon Affen war mir fon bei ber erſten Ac⸗ 
quifition, die ich im Jahre 1838 von einigen ber 
in Sriechenland vorkommenden foffilen Thierüberrefte 
zu machen Gelegenheit hatte, zwei Beine Fragmente 
vom Schädel, einige Zähne enthaltend, zugegangen, 
an. denen ich einen neuen Xypus, eine Mittelform 
zwifchen Gibbons (Hylobates) und Schlankaffen 
(Semnopithecus) erkannte, und ihm den Namen 
Mesopithecus pentelicus beilegte. Auf fo wenige 
Anhaltöpuncte geflügt, war die gegebene Beſtim⸗ 
mung gewiflermaßen ein Wagflüd, das jedoch durch 
die von unferm Herrn Eollegen gewonnene Ausbeute . 
volllommen gerechtfertigt worden iſt. Er hat näm= 
ih ein weit befler erhaltenes Sthädel⸗-Fragment 
mitgebracht und außerdem noch mehrere Kiefer, fo 
daß wir jet das ganze Zahnſyſtem, felbft dad Milch⸗ 
gebiß befiken. Daraus haben wir nun erfehen, daß 

XXXVII 43 


339 


das Gebiß welentlih mit dem der Schlankaffen, bie 
Schäbdelform mehr mit der der Gibbon’s flimmt. 
Ein Unterkiefer und eine Hälfte bed Oberkiefers von 
größeren Dimenfionen ald alle andern hat und auf 
bie Vermuthung geführt, daß ſie eine zweite Art, 
Mesopithecus major, anzeigen könnten. 


Meder Handflügler noch Snfectenfreffer haben 
fih zu erkennen gegeben, bagegen 5 Arten von 
Raubthieren, zugleich eben fo viel Gattungen 
angehörend. Mir felbft war davon früher nur eine 
einzige befannt und zwar Iediglih nah 3 Zähnen, 
auf welche ich die neue Gattung Galeotherium grün: 
dete, deren Nomen, weil er gleichzeitig von Herrn 
Dr. Jäger einem ganz andern Xhiere beigelegt 
wurde, ich fpäterhin in Ictitherium umwandelte. Mit 
befferem Materiale jest ald früher verfehen, konnten 
wir Diefe den Wiverrinen angehörige Gattung nun: 
mehr ficherer feftfielen und gaben der Art den Na: 
men lctitherium viverrinum. 


Nicht ohne Verwunderung fanden wir ben jetzt 


“nur dem Norden angehörigen Vielfraß als einen 
- Gefährten der Affen, freilich in einer ‚befondern Art, 


Gulo primigenius von und benannt, die demnad) 
ein wärmeres Klima ald ihr noch jeßt lebender Ver: 
wandter ertragen konnte. 


- Eine ganze Unterkieferhälfte gab uns eine neue 
Epecied von Hyänen, die Hyaena eximia, zu er: 
kennen, die ſowohl von den lebenden ald den foffi= 
Ien Arten fi ausreichend unterfchcibet. 


Auf einen urweltlichen Wolf wurden wir durch 
ein Schädel: Fragment geführt; derſelbe erreichte je⸗ 


doch nicht ganz die Größe unſeres europäifcken Wol⸗ 


feö, und fein "Gaumen ift verhältnißmäßig etwas 
ſchmäler. Wir haben ihn ald Canis lupus primi- 
genius bezeichnet, um einerfeitd feine Verwandtſchaft 
mit den andern Hundearten, andererſeits auch noch 
den Umftand anzubeuten, baß er an Alter allen ſei⸗ 
nen Stammesgenoſſen vorangeht. 


Das Kapitalſtück aus der Ordnung der Fleiſch⸗ 
freſſer iſt aber ein Schädel vom Machaerodus oder 
dem löwenartigen Thiere, das im Gebiße mit den 
großen Katzenarten übereinkommt, jedoch durch ſeine 
enorm langen obern Eckzähne, die nicht kegelförmig, 


310 


fondern flach kufammengebrüdt und zweiſchneidig 
ſind, ſich auffallend unterſcheidet. Ueberreſte dieſes 
Raubshiers gehören ohnedieß zu ben allerfeltenfien 
Vorkommniſſen; ein Schädel aber, wie der uns 
vorliegende, mit dem vollfländigen Gebiße der bei: 
den Kiefer ift vorher gar nicht bekannt gewefen. 
Die nächſte Verwandtſchaft beöfelben gibt. ſich mit 
der Art zu erkennen, die bisher nur nach einigen 
bei Eppelsheim, in der Kenthöhle in England und 
im füblihen Frankreich gefundenen. Edzähnen und 
einem Gchneidezahne ald M. cultridens und lati- 
dens beflimmt worden war; nad) der Verſchieden⸗ 
beit in der Größe der untern Eckzähne haben wir 
den und vorliegenden Schädel als Machaerodus le- 
oninus unterfhieden. An Größe übertraf unfere 


- Art den Löwen und Tiger, und nur der ebenfalls 


audgeftorbene Höhlentiger (Felis. spelaea) konnte 
fih in diefer Beziehung mit ihr meffen. An einem 
Krallengliede, dad noch in Verbindung mit der mitt: 
lern, feitlid audgefchweiften zweiten Phalanx fland, 
fonnten mir und überzeugen, baß der Machaerodus 
gleich ben Katzen einziehbare Krallen hatte; eben fo 
wurden wir belehrt, daß der von mir früher einem 
löwenartigen Thiere zugefchriebene Ellenbogenknorren 
vielmehr von diefer Gattung berflammen werde. 


Die Ordnung der Nager war in ben frühern 
Erwerbungen nur durch einen einzigen Schneidezahn 
repräfentirt worden, für welchen ich die nene Sat: 
tung Lamprodon errichtete. Auch dießmal ift der 
Zugang an Nagern fehr fpärlich gemwefen, indem er 
nur aud zwei vereingelten untern Badenzähnen be: 
fleht, die entſchieden einem biberartigen Thiere ent: 
fallen find, gleichwohl mit den Zähnen der befann: 
ten Arten berfelben nicht ibentificirt werben können 
und deöhalb zur Aufftellung einer befonbern Epecies: 
Castor atticus, Veranlaſſung gaben. 


Ueberrafhend war es für und, die bermalen 
der gemäßigten nördlichen Zone ganz abgehende Orb: 
nung der Bahnlüder bei Pilermi ebenfald ver: 
treten zu finden. Zwei große Phalangen, deren 
bintere Gelenkfläche nicht auf das hintere Ende be: 
ſchränkt ift, fondern wider alle Regel auf der Ober: 
feite liegt, verräth und Die erſt nad einzelnen Stü⸗ 
den befannte Gattung Macrotherium. 


su 


Die Mehrzahl aller Knochen gehört aber ben 


Huftbieren an, und darunter wieder in überwie: 
"gender Menge dem älteflen unter den urmeltlichen 
Pferden, dem Hippotherium gracile, von dem bie 
neuefte Ausgrabung alle Knochen des Skelets, vice 
in zahlreihen Exemplaren, geliefert bat; felbft das 
Milchgebiß und der fo frühzeitig verfchwindende erfte 
Lüdenzahn, der fogenannte Wolfszahn der Hippo⸗ 
Iogen , ift vorhanden. Mit 3 Unterfiefern bat fich 
auch dad von Gervais neuerdings aufgeftellte Hip- 
parion prostylum eingefunden, deffen Art: Berechti: 
gung wir jedoch bezweifeln. 

Eine Art von Schweinen, größer als unfer 
Wilifhwein, weit fehr auf Sus antiquus aus Süd⸗ 
franfreih hin, bietet aber doch Differenzen zur Un: 
terfcheidung dar. Um an ben berühmten eryman- 
thifchen. Eber der mythifhen Zeit zu erinnern, in 
weihem Geoffroy St. Hilaire nad den artiſti⸗ 
fhen Darflellungen der Alten eine wirklihe, nuns 
mehr aber audgeflorbene Species zu erkennen glaub: 
te, haben wir die neue Art mit dem Namen Sus 
erymanthius bebacht; fie war jedenfalls an Kraft 


ind Stärke Fein unmürbiger Genofle ihres altbe⸗ 


rühmten vorhiftorifhen Stammesverwandten. 


Während aber dur unfern Herrn Collegen 
Die urmeltlichen griechiſchen Pachydermen mit ber 
eben erwähnten Gattung bereichert wurden, ift «8 
ihm nicht, gelungen, irgend eine Epur vom Dino- 
therium zu ermitteln, fo forgfältig er auch bei Pi: 
kermi darnach ſuchte. Man Pennt den ganzen Schä⸗ 
del: "und Zahnbau diefed merkwürdigen Thieres, aber 
von der Beſchaffenheit des Rumpfes und der Glied: 
maflen bat man feine Kunde und daher konnte die 
Streitfrage, ob ed den Didhäutern oder ben pflan: 
zenfrefienden Wallen angehörte, noch nicht zur befi- 
nitiven Beiheidung gebracht werden. Ich hatte 
vermuthet, daß ein aus der frühern Sendung des 
Deren Dr. Lindermayer berflammendes Fragment ded 
Dberarmd, dem beide Enden fehlten, wenn es nicht 
etwa von einem Maftodon herfäme, dem Dinathe- 
rium zuzufchreiben fein dürfte, indeß bie neu er- 
Iangten Materialien haben diefe Vermuthung nicht 
beftätigt„ Ein Humerus, dem nur das obere Ende 
fehlt, bat unzmeifelhaft erkennen laffen, daß er gleich 
Dem andern eben erwähnten vom Mastodon ab: 


38 


flammt und daß letzterer nur in Folge der Berbrüdung 
eine Alteration feiner Bormen erlitten hat. - Die Gats 
tung Mastodon ift und aber weiter angezeigt durch 
einen Femur, ber, obwohl ihm bad obere Ende ab: 
geht, body noch eine Länge von dritthalb Zuß be: 
fißt, ferner durch 10 Knochen aus der Hand und 


dem Zuße und durch einen Mittelfußknochen. - 


Vom Nadhorne find abermals viele Theile zu⸗ 
gelommen , darunter als wichtigſtes ein Mittelſtäck 
des Schäbeld, die 4 erſten MWechfelzähne enthaltend 
und binter ihnen ben fünften, ber aber noch in 
feinem Zahnfache eingefchloffen ifl. - Das Individu⸗ 
um, von dem diefer Schädel herrührt, war demnach 
noch jung; die Belchaffenheit feiner Zähne kommt 
mit der von Rhinoceros Schleiermacheri überein. 

Nächſt den Einhufern haben die Wiederfäuer 


bei der neuen Ausgrabung die meiften Ueberrefte ges 
liefert. Unter ihnen hatte ich früher nur 2 Arten: 


‚Antilope Lindermayeri und A. capricornis unter: 


fheiden können; jet, mit weit größerem Materiale 
als früher verfehen, haben wir 5 erkannt. Zuvoͤr⸗ 
berft haben: fi) wieder in großer Anzahl die beiden 
eben genannten Antilopen eingeftellt, und zwar be⸗ 


figen wir jet von der Antilope Lindermayeri zwei 


ganze Hörner, während vorher von denfelben, nur 
Bragmente vorhanden waren. 


Ein 3te Art, die wir nad einem Gaumenſtück 
mit ben beiden Zahnreihen als Antilope speciosa 
unterfchieden, zeichnet fi) vor den beiden andern 
Species dadurch aus, daß ihre Badenzähne Feine 
Säulhen oder Baden zwilhen den Pfeilern, wie 
bei diefen tragen, und baber mehr mit denen ber 
lebenden Antilopen übereintommen. 


Von Biegen und Rindern hatte man bißher 
überhaupt in ben Xertiärbilbungen keine Anzeichen 
aufgefunden; Herr Collega Roth war fo glücklich, 
beide Gattungen unter ben Ablagerungen von Piz 
fermi nachzumeifen. Zwei ziegenartig gebildete Hör⸗ 
ner ober vielmetr Stirmzapfen gaben eine große 
Siege zu erkennen, der wir, um abermald an ben 
altgriechifchen Sagenkreis anzulnüpfen, den Namen 
Capra amalthea beilegten. Aus gleihem Grunde 
erhielt der urmeltlihe Ochs, den wir aus einer Reihe 
von Badenzähnen und Gliedmaſſenknochen erfann= 


4 


Größe des Huhnes ſchließen läßt. 


ten, den Namen Bos marathonius; feine Größe, 
He um ein Viertel die eined fechsiährigen Wiſents 
(Bes Bison s. Bonasus) übertraf, berechtigt ihn, 
den Namen ded durch die Thaten des Herkules und 


Theſeus berühmten marathonifchen Stiered zu tragen. 


Endlich hat aud noch die Klaſſe ber Vögel 
einen Repräfentanten geflellt, zwar einen ſehr un= 
ſcheinlichen und zwergbaften, denn feine ganze Länge 
beträgt nur 7 Linien, aber doch einen für dieſe 
Kaffe ſehr charakteriſtiſchen, nämlich die erfte Pha⸗ 
lanx des Mittelfingets der Vorderhand, die nad) 
ihrer Länge auf einen Vogel obngefähr von ber 
Foſſile Ueberrefte 
von Vögeln gehören aber überhaupt zu den großen 
Seltenkeiten, und deshalb iſt dieſes winzige Knö⸗ 
chelchen von einer palaeontonlogifhen Bebeutfamkeit. 

So ift denn die Mühe und Beit, bie unfer 
Herr Collega auf die Audgrabungen bei Pikermi 
verwandte, durch eine reiche Ausbeute belohnt wor: 
den, indem er von 19 verfchiedenen Thierformen 
Ueberrefte zufammen brachte, unter denen 13 als 
neue Arten fich ergeben haben.“ 


4) Herr Afademifer v. Kobell trug: 


Ueber Chloritoid von Bregratten in Tirol und 
Klinohlor von Marft Leugaft im Bapreuthis 
fen und über die Scheidung von Eifen: 
orxyd und Eifenorpdul bei diefen und ähnli- 
hen Silicaten Folgendes vor. 





„Ich erhielt im vorigen Sommer einige Mines 
ralien von neuen Fundorten zu Bregratten in Tirol 
und erkannte darunter einen Chleritoid, welcher 
große Aehnlichkeit mit dem vom Ural hat. Er iſt 
von fhwärzlichgrüner Farbe und kommt mit Quarz 
vor, welcher ihn oft in ganz feinen Epaltın durch⸗ 
fest... Ih babe eine Analyſe dieſer Varietät mit 
befonderer Berüdjichtigung des Gehaltes an Eiſen— 
oxyd und Eiſenoxydul angrflellt und zu diefem Zwecke 
bie bisher gangbaren Methoden näber geprüft. Schee⸗ 
zer bar für ähnliche Eilicate, welche nur fchwer ober 


344 
gar nicht von Salzfäure angegriffen werben, die 3er: 
fegung mit concentrirter bis zum Kochen erhitzter 
Schmwefelfänre in einer Atmoſphäre von Kohlenſäure 
vorgeſchlagen. Ich habe mich Überzeugt, daß diefe 
Merhode nicht verläßig iſt, Da, wie fi vermurhen 
ließ, bei Gegenwart von. Eifenorydul die concen⸗ 
trirte Schwefelfäure bei der angegebenen Erbigung 
zerfegt und Eifenoryb gebildet wird. Es bedarf das 
zu keineswegs ein längeres Kochen ober Abrauchen 
bis zur Trockne, und natürlih kommt es dann nur 
darauf an, wie lange man die Behandlung mit der 
Schwefelfäure fortfegt, um immer mehr Eiſenoxyd 
zu erhalten. Um darüber einen entfcheidenden Ver⸗ 
fuh zu maden, übergoß id in einem Glaskolben 
putverifirten Eifenvitriol mit einer ziemlihen Menge 
concentrirteer Schwefelfäure, verfhloß den Kolben 
mit einem Gasrohr, welches mit Thon und As⸗ 
beft eingepaßt wurde und erhigte ihn bis zum Koch⸗ 
punct ohne ed zum eigentlichen Kochen zu treiben. 
Die Dämpfe leitete ich in verdünnte Salzfäure und 
erkannte ſchon an dem Geruche der leßtern, daß ſich 
fhweflichte Eäure gebildet habe, fo wie noch auf: 


faflender daran, daß dieſe Salzfäure mit Bin? viel 


Schwefelmaflerftoff entwidelte, wie der reichliche Nie⸗ 
derſchlag bewies, welden das Gas in effigfaurer 
Bleiosydlöfung hervorbrachte. Die GSalzfäure und 
Schwefelſäure waren vorher mit demfelben Zink un: 
terfucht worden, gaben aber. fein Schwefelwaſſer⸗ 
ſtoffgas. Dur andere Verſuche überzeugte ich mich 
daß eine mäßig verdünnte Schwefelfäure bei Zuftrö: 
men von: kohlenſauerm Gas ziemlidy befriedigende 
Reſultate gebe, die beften erhielt ich aber mit einem 
Gemiſch von 1 Vol. concentrirter . Schwefelfäure, 
2 Vol. Wafle und 1 Vol. concentrirter Salz⸗ 
fäure. 
Schluß folgt.) 





Bulletin ber Pönigl. Akademie d. W. 











| 1853 Nr. 11. 0 

Gelehrte Anzeigen. 
München. Berausgegeben von Mitgliedern 10, April. 
.Nro. 43. der & bayer. Akademie der Wiffenfhaften. 1854, 





Königl. Akademie der Wiffenfchaften. 





Meder den Chloritoid von Bregraften in Tyrof 


und Klinochlor von Markt Leugaft im Bay: 
reuthifchen und über die Scheidung von 
Eiſenoxyd und Eifenorydul bei diefen und 
ähnlichen Silicaten. . 


Schluß.) 

Mit dieſer Mifhung (ih nahm für 4 Gram⸗ 
men Probe 1 Bol. = # Cub. Zoll) kochte ich 
eine Quantität feines Pulver bes Chloritoid unter 
Buftrömen von kohlenſauerm Gas, welches in ben 
Kolben geleitet wurbe, bis die Ktüffigkeit nahe auf 
. die Hälfte eingelodt war, Fühlte fie dann mit hin⸗ 
eingebrahtem Schnee ab, neutralifirte im Kolben 
ſogleich mit feſtem kohlenſauerm Ammoniat und zu: 
legt mit doppelt Tohlenfauerm Natrum, verbünnte 
mit audgelochtem in verſchloſſenem Gefäße erkalteten 
Waſſer, ließ in einem geſchloſſenen Eylindergläs fes 
dimentieren, filtrierte, dampfte das Filtrat ein, oxy⸗ 
dierte mit chlorfauerm Kali ꝛc. Ich erhielt auf 
diefe Weile dad Verhältniß im Ehloritoib von 0,05 
Eifenoryd und 0,279 Eifenorpbut. 


Vergleichend ſtelte ich einen Verſuch nad) Der: 
mann’d Methode an. Sch erbigte 24 Grammen 
ChHloritoidpulner mit 10 Grammen fein geriebenem 


Borarglad in einer Meinen Retorte von bürnem’ 


Glaſe, und um aller Drndation durch Luftzutritt 





vorzubeugen, brachte ich die Röhre der Retorte mit 
einer Flaſche in bermerifhe Verbindung, in welcher 
ih vor dem Werfuche etwas Phosphor verbrannte 
und dann verfhloß. Es konnte auf biefe Welle 
nur GStidfloff mit der glühenden Maffe in Berüh⸗ 
rung kommen, weldhem ich vor Tohlenfauerm Gas 
den Vorzug gab, da biefed mröglicherweife hätte zers 
fegt werben können, wie man es vom geglühten 
Eifenfpath weiß. Dad Erhigen geſchah Über zwei 
Weingeifllampen bi6 zum Erweichen des Betorte, 
wobei ein Theil der Mafle geſchmolzen, ein Theil 
nur zufammengefintert war. Beim Erkalten foringt 
die Retorte gewöhnlich, es wurde daher ber heil, 
weicher den Sing enthielt, abgefchlagen und im einer 
bedeckten Schaale vollends erfalten laſſen. Die Maffe 
wurde dann mit. dem anhängenden Glaſe zewrichen 
und in einem Kolben mit coneentristee Salzfäure 
unter Einfrömen von Koblenfäure gekocht, dann mit 
Waſſer der Kolben gefüllt, 5 — 6 dünne Kupfer: 
flreiffen von 4.9 SGrammen Gewicht hineingeſteckt 
und wohl verichloffen. Nach zwei Tagen hatte dab 
Kupfer 0,05 Grammen an Gewicht verloren. Die 
Flüffigkeit wurde filtriert, eingebampft, mit chlor: 
fauerm Kali oxpdiert, hinlänglich gekocht und mit 
obigem Kupfer in einen Kolben gebracht und wie 
vorher verfahren. Es waren 0,30 Kupfer aufge⸗ 
löst worden, davon find 0,05 als zur Verwandlung 
des. vorher gebildeten Kupferchlorids in Chlorür abs 
zuziehen,. kommen alfo 0,25 für das Eifen in Ned: 
nung. Es ergiebt fi baraus ein Verhältniß von 
0,063 Eifenosyd zu 0,284 Eifenorpdul (0,315 
Oxyd) und wenn man beide Verſuche auf gleiche 
Mengen Cifenosyb berechnet, fo zeigt der Verſuch 
KXXVII. 43 


947 


mit der Schwefelfalgfäure 0,279 Eifenprybul, der Ber: 
ſuch mit Borax und mit der Kupferprobe 0,2695. 
Die Verſuche flimmen alfo befriedigend überein. Ich 
möchte aber doch die Hermann’fhe Methode unter 
den erwähnten Gautelen der Behandlung mit Schwer 
felfalgfäure vorziehen, denn um die legtere mit koh⸗ 
lenfauerm Ammoniaf zu neutralifieren, bedarf man 
deffen «ine große Menge und Pönnen beim Auswa⸗ 
fhen und $Filtrieren leichter Fehler entſtehen, als 
bei der Behandlung ber mit Borax aufgefchloßenen 
Maſſe mit Salzfäure und Kupfer. 


Bei der volftändigen Analyfe des Chloritoibs 
von VBregratten wurbe die Probe mit Kali aufge: 
fhloßen, das Eiſen ald Oryd beftimmt und nad 
den oben angeführten Verſuchen dad Orydul be: 


rechnet. Die Analyſe gab: 

| Sauerſtoff 
Kieſelerde 26,19 13,59 
Thonerde 38,30 17,90 19.69 
Eifenoryd 6,00 1,79 ’ 
Eifenorybul 21,11 4,68, 6.00 
Talkerde 3,30 1,323 7 
Waſſer 5,50 4,88 


Da im Vergleich mit den andern Analyſen bed 
Ghloritoids der Gehalt an Kiefelerde etwas zu groß 


ift und wahrfcheinlich von fein eingemengtem Quarz. 


herrührt, fo ift die Formel nicht ganz genau feſtzu⸗ 


fielen. Sie nähert fi dem Ausdrud 
Fe? ort 
—* A+2AS + 3H 
oder Fe Al + 2 AlSi + Mg? #3, 


Klinodflor. 


Der Klinochlor war bisher nur von Cheſter⸗ 
County in Pennfylvanien bekannt, ich habe dieſes 
Mineral nun auch in Bayern zu Markt Leugaft im 
Bapreutpifchen aufgefunden. Es bildet großbläftrige 


Maflen, welche wie Glimmer in einer Richtung ſehr 


volfommen fpaltbar find. Der amerikaniſche Kli⸗ 
nochlor kommt zum Theil in breifeitigen tafelförmi: 


gen Kruflallen vor, welche über einander geſchichtet 


find und, ganz das Anſehen haben als wären eb 
Segmente eines Rhomboeders mit der bafıfchen Flä⸗ 


* 


de. Die Unterfuhung von Blake*) Hat aber ge: 
zeigt, daB diefe Kryſtalle zweiarig find, Die Blaͤt⸗ 
ter des Klinochlors von Markt Leugaſt zeigen Spals 
tungdrichfungen nach einem rhomb. Prisma von nahe 
1209 und bradydiagonal. Im polarifirten Lichte 
bemerkt man die Ringfpfleme zweiariger Mineralien, 
doch fließen fie manchmal in einander und find we⸗ 
niger deutlich erkennbar ald beim amerikaniſchen Klis 
nochlor. Da nad) Dove einarige Kryſtalle zuweilen 
ähnliche Erſcheinungen zeigen, ſo erſuchte ich Herrn 
Prof. Ohm einige Platten zu unterſuchen. Derſelbe 
erkannte fie aber ebenfalls als zweiarig. 

Das chemiſche Verhalten iſt bei beiden Mine⸗ 
ralien ganz dasſelbe. 

Bor, dem Löthrohr find fie an dünnen Kanten 
fhmelzbar, etwas über 5 zu einer licht gelblichen 
Maſſe. In Borax find fie mit lebhaften Brauſen 
auflöslich und geben bei hinlänglihem Blafen ein 
Mares chromgrünes Glas. 

Mit Phosphorſalz brauſen fie ebenfalls an: 
fangs, dann werden ſie ruhig mit Ausſcheidung eines 
Kieſelſkeletts zu einem chromgrünen Glaſe aufgelöst, 
welches beim Erkalten von fein vertheilter Kieſelerde 
etwas getrübt iſt. 

Mit Soda ſchmelzen ſie unvollkommen zu einer 
gelblichen Maſſe. 

Im Kolben geben ſie Waſſer. 

Bon Salzfäure werden fie nur ſchwer anges 
griffen, von concentrirteer Schwefelfäure, vollkom⸗ 
men zerfeßt. Der Klinochlor von Chefter County 
ift von W. 3. Craw **) analyfirt worden. Ein 
Verfuh zur Beſtimmung von Eifenorybul wurbe 
nicht gemacht. Die Analyfe gab: 


Sauerftoff- 
Kiefelerde 31,344 16,284 
Thonerde 17,467 8,164 
Eifenosyd 3,855 1,156) 9,848 
Chromoryd 1,686 0,528 
Talkerde 33,440 13,376 
Waſſer 12,599 11, 190 
100,391 


® The American Journal. Vol. XII. p. 339. 
©®) The American Journal Nr. 38. 1852. pes 222. 


Graw berechnet daraus bie Formel 
Mg3 Si? + 3 RSi + 9 MgH 
oder 2 Mg? Si. + 3 RSi + 3 Mg? 3. 
Meine Analyfe des Klinochlors von Markt Leu: 
gaft gab: Ä 


Sauerfloff 

Kiefelerde 33,49 17,38 

Thonerde 15,37 7,18 . 

Eifenoryd 2,30 0,0, 8,04 
Chromoxyd 0,55 0,17 

Talkerde 32,94 13,17 111 

Eifenormdul 4,25 0,94 ’ 

Waſſer 11,50 10,22 

100,40 


Die Formel nähert fi) dein Ausdrud 
3MS -+ 2 AISi + 3 Mg#3 
und bifferiert alfo von der, welche Craw erhalten 


bat, gleihwohl ift mit Rüdficht auf die phyſiſchen 


Eigenfchaften anzunehmen, baß beide Mineralien zu 
derfelben Species gehören. Bei dergleichen Silicaten 
aus ein Paar Analyfen Formeln zn berechnen, bleibt 
immer unfidher und es ift mit chemiſchen Differenzen 
ebenfo zu halten wie mit andern in den Winkeln 
der Kryflalle, im fpec. Gewicht, Härte zc. Es muß 
der Sefammtcharakter in Rechnung gebracht werben, 
um nicht Unterfchiebe für woefentlih zu nehmen, 
welche am Ende nur in den Schwierigkeiten ber 


Beobachtung und Analyfe oder in den Unvollkom⸗ 


menheiten ber Mittel und des Materiald ihren Grund 
haben. Uebrigens fcheinen die chemifhen Formeln, 
wie fie gewöhnlich gegeben werden, nicht in allen 
Zällen genügen zu können, benn ed giebt deren gar 


mande, wo wefentlihe Bruchtheile in ben Propors 


tionen mit ben einfachen ganzen Zahlen nicht aus: 
zugleichen find, welche gewöhnlich nur für zuläßig 
gebalten- werben. 


Der Klinochlor von Markt Leugaft foll in Ser: 
pentin vorkommen. 


und gewogen. 


Ebenderfelbe las: Ueber die Beflimmung vor 
Thonerde und Eifenoryd. 


[4 


Es ift befannt, wie langfam das vollkommene 
Auswafchen des Thonerdehydrats von flatten geht, 
welches man aud der Kalilöfung bei der gewöhnlis 
hen Trennung biefer Erde vom Cifenoryd erhält 
und gewiß ift öferts der Thonerdegehalt wegen nicht 
binlänglihden Auswaflchend etwas zu hoch bei den 
Analyſen angegeben worden. Sn einem Falle, wo 
ih bei einer Analyfe einen Ueberſchuß erhielt, un: 
terfuchte ich die beflimmte Thonerde, zerrieb fie mit 


- Wafler und verfebte das Waſſer mit Silberaufld: 


fung, wobei ih eine Xrübung von Chlorfilber ers 
hielt. In Folge biefer Beobachtung ſchien es mir 
wahrfcheinlich,, dag man bad Auswafchen obigen 
Thonerdehpdrats abkürzen und auf einfacherem Wege 
zu einer genauen Bellimmung der Erde gelangen 
könne. Es wurde eine Quantität Tchonerbehydrat 
auf gewöhnlihe Weife aus ber Kalilöfung gefält 
und filtriert. Nachdem einigemal Waffer aufgegoffen 


‚war, ließ ih bad Präcipitat trodnen und erhigte 


es dann mit dem Filtrum im Platintiegel bis zum 
anfangenden Glühen. Dann zerrieb ich die fpröde 
gewordene Mafle mit Wafler und filtrierte abermals. 
Dad Auswaſchen (a) gieng nun fehr fchnell von 
flatten und dann wurde die Erde fcharf geglüht 
Sie wog 0,53 Grammen. In 
Schwefelfäure gelöst, mit Ammoniak gefällt und 
weiter beflimmt, war das Gewicht ganz basfelbe. 
Das Waſchwaſſer von (a) dampfte ih ab und erhielt: 
eine beträchtliche Menge Chlorkalium, welches ſich aber 
ganz frei von Thonerde erwies. Das Auswafchen 
bed Thonerdehydrats ift wegen ber gallertartigen Be: 
ſchaffenheit des Nieberfchlags fchwierig; durch Trock⸗ 
nen und Erhitzen, wie angegeben, wird ihm der 
größte Theil des Waſſers entzogen und dann läßt 
fich die zerriebene Erbe wie Sand auswaſchen. Bei 
der hiezu nöthigen anfangenden Rothglühhige wird 
aber das beigemengte Chlorkalium nit zerſetzt. 


Ebenſo fann man mit dem Eifenoryb verfahren, 


welcheß zur "Trennung ber Zhonerde mit Kalilauge 
behandelt wurde. Die gewöhnliche Vorſchrift iſt, 
basfelbe in Salzfäure aufzulöfen und buch Ammos 


851 


ntat zu fällen und dann erſt zu beflimmen. Dabei 
findet Leicht ein Verluſt flatt. Man. kann aber fo 
erhaltenes Eiſenoryd ohne Wieberaufiöfen in Salz: 
fäure 2c. unmittelbar. mit dem Filtrum zum Glühen 
erhitzen, dann mit Waſſer zerreiben und nun von 
ber kleinen Menge Kali durch Auswafchen auf bem 
Filtrum leicht und ſchnell befreien. Eine fo be 
flimmte Quantität, wieder in Salzfäure gelöst und 
mit Ammoniak gefällt, zeigte im Gewicht nicht bie 
geringfte Differenz. 


/ 





5) Hr. Akademiker Bogel jun. las: 
a) Ueber die Erzeugung hoher Temperaturen. 





" Bor einiger Zeit habe ich bie Ehre gehabt, in 
"die Denkfchriften der 2. Akademie eine Arbeit über 
die Sonftruction einer neuen Aeolipile nieberzulegen 
und mir babei vorbehalten, über bie Anwendung 
„der mit dieſem Inftrumente erzielten hoben Tempe⸗ 
raturen auf fchwer ſchmelzbare Silicate, Thonver: 
Bindungen und ähnliche Stoffe fernere Verſuche an: 
guftellen. | 

Die von mir angegebene Xeolipile hat durch 
bie feit jener Zeit ihr gewordene vielfache Anwendung 
andy in ihrer Gonfttuction einige WBeränderungen er: 
fahren, welche, da file ihren Gebrauch zu fichern und 
au erweitern im Stande find, ich bier vor Allem 
mittheilen möchte. 

Wenn der Drud, welcher dad Sauerfloffgas 
aus dem Gaſometer in die Lampe leitet, durch theil: 


weife Schließung des an dem Gafometer felbft be: - 


findlihen Hahnes gefchwächt oder durch völlige Schlie- 
fung aänzlich aufgehoben wird, fo Tann es vorkom⸗ 
men, daß die Aetherbämpfe, welche den inneren 
Raum der Lampe anfüllen, auch in die zum Ga: 
fometer führende Verbindungsröhre überflrömen und 
dadurch beim Entzünden eine Verbrennung derfelben 
veranlaflen. Unter fehr zahlreichen Verſuchen ift es 
einmal vorgelommen, daß bie Kautfchußverbindung 
verbrannte, indem fie fich in der angegeben Weife 
ganz mit Aetherbämpfen gefüllt hatte. Diefem Zu: 
rücktreten des Aetherdampfes ift nun völlig vorge: 
beugt dadurch, daß an der Acolipile felbft und zwar 
am Ende ded Meffingrohrd, welches durch Kautfchuf 
mit dem Gafometer in Verbindung gefeht wird, ein 





‘ 


Wechſel angebracht worden il. Hiedurch wird, wenn 
der Verſuch unterbrochen werben fol, einerſeits das 
Zuflrömen des Sauerſtoffgaſes abgefchnitten und ans 
dresfeitö das Zuſtroͤmen des Actherbampfss verhindert, 

"Eine weitere Berbefferung liegt in der genauen 
und willkürlichen Regulierung des Aetherbampfes. 
Diefelbe wird nun bezwedt durch die Anwendung 
einer Heinen Lampe, deren Docht durch einen ein: 
faben Schraubenmechanismus Teicht vergrößert und 
verBleinert werden kann. In dieſer Weiſe gelingt 
e8 bei einiger Webung, die Regulierung des Sauer: 
ſtoffſtroms uud des Aetherdampfes fo zu erzielen, 
daß eine kurze Stechflamme gewonnen wird, wie 
wir fie früher nicht erhalten konnten. 

Die Verſuche, flatt des Aethers wohlfeilere 
Brennmaterialien, namentlich, Xerpentindl und Cam: 
phin anzuwenden, haben zu dem Refultate geführt, 
daß beide letzteren bei gehöriger Behandlung der Stroͤ⸗ 
mungen fehr wohl und ohne allen Rußabfag ange: 
wendet werden koͤnnen. Indeß giebt der Aether 
fietö die höchſte Temperatur. 

Berfuche mit Benzol haben gezeigt, daß die 
bamit erzielte Xemperatur ber durch Aether erhalte: 
nen nicht wefentlich nachſtehe und wenn dieſer Körs 
per weniger Toffpielig bargeftellt werben könnte, ben 
Jether zu erfegen im Stande wäre. 

Um bie VBerfchiebenheit der Temperaturen, wel 
che. durch die Abänderung bed Verfahrens erzielt wers 
den, zu meflen, baben wir ein Syſtem von Platin: 
drähten von verfchiebener Dide und zwar von 4 
Linie 556 zu 14 Linie im Gebrauche und zur vers 
gleich&weifen annähernden Beſtimmung fo hoher Tem⸗ 


‚ peraturen als fehr zweckmaͤßig erkannt. 


Was die Anwendung zu Schmelzungen ſelbſt 
anbelangt, fo erwähnen wir außer den Gemengen 
zur Darfielung einiger Lünftlicher Edelſteine die 
Schmelzung ded Berylls und der chemifch reiwen 
Thonerde, welche durch Fällung aus efligfaurer Thon: 
erde durch Ammoniak erhalten worden war. Die 
geſchmolzene Thonerde zeigte eine fo große Härte, 
daß Glas und Stahl davon angegriffen wurden. 

Endlid wurden Verſuche mit Hartlöthungen 
angeſtellt, welche günflige Refultate ergaben. 

(Schluß des Bulletins folgt.) 





— — — —— — ——— — 
Bulletin der Pönigl. Akademie d. W. 








Gelehrte 
München. | 
Nro. 44. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der £ bayer. Afademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen 


12. April. 
1854, 





Königl. Akademie der Wiflenfchaften. 


(Schluß des Bulletins Nr. 11.) 


Hr. Vogel jun. las ferner: 
b) Ueber das Verhältniß des amorphen Phos⸗ 
phors zur Vegetation. 





Es iſt eine bekannte Thatſache, daß der kry⸗ 
ſtalliſierte Phosphor als ein ſtarkes Gift auf ben 
thieriſchen Organismus wirft und deßhalb auch uns 
ter verfchiedenen Formen zu Vergiftungen verwendet 


void. Auffallender Weife zeigt der amorphe Phos⸗ 


phor nicht diefe fchädlihe Wirkung. De Vry hat 
gezeigt, daß man von dem amorphen Phosphor in 
niche unbebeutenden Quantitäten innerlich geben kann, 
ohne Vergiftungserſcheinungen zu veranlaffen.” Es 
fhien mir von Intereſſe, die Wirkung dieſes Kör⸗ 
perd auf. dad Keimen der Eaamen kennen zu 
lernen. 

Bu den Berfuchen wurde der amorphe Phos⸗ 
phor als rothes Pulver, wie er gewöhnlich im Handel 
vorktömmt, angewendet. Nachdem ber Phosphor mit 
deflilliertem Wafler zu einem feuchten Teige ange: 
rührt war, wurden in denfelben Kreffenfaamen ge: 
fät- Es bedarf Faum der Erwähnung, daß, um 


zu einem Refultat zu gelangen, bei diefen Verſu⸗ 


hen die Saamen nicht nahe oder dicht auf einander 
gelegt werden dürfen, fonbern daß zwifchen den 
einzelnen Körnern gehörige Bueifchenräume gelaffen 
werben müflen, damit jeder Saame ohne den ans 
dern zu berühren, von feiner Unterlage von allen 


» 


Seiten umfchloflen werde. Nach Verlauf mehrerer 
Zage zeigte fih durhaus Feine Entwidelung bed 
Keimed, während zur nämliden Beit zum Vergleich 
auf gepulverten Bergkryſtall gelegte Saamen ben 
Keimproceß durchlaufen hatten. Das mit dem Phos⸗ 
phor in Berührung flehende Waſſer hatte ſtark fauere 
Reaction angenommen und e8 zeigte ſich bei näherer 
Unterfuchung, daß der amorphe Phosphor felbft emi⸗ 
nent fauer reagierte, bedingt durch Phosphorfäure 
und phoßphorige Säure. Eine Quantität amorphen 
Phosphors wurde nun fo lange mit deſtilliertem kochen⸗ 
dem Waſſer gemafchen, bis biefes bie Lacmustinctur 
nicht mehr vöthete. Auf ſolche Weiſe gereinigter 
Phosphor zeigt auch nach längerer Berührung mit 
Waſſer und Luft Peine EAurebildung mehr. Auf 
diefen gewafchenen Phosphor wurden von Neuem 
Kreffenfaamen gefät; doch auch hier zeigte fich Feine 
Spur einer Keimung. Der amorphe Phosphor hat 
eine große Neigung, Waſſer zu abforbieren und ba: 
mit eine feſte Mafle zu bilden, ganz entgegengefebt 
dem Werhalten der gewafchenen Schwefelblumen, 
welche befanntlich ſchwer zu benegen find, Der mit 
Waſſer zu einem dünnen Brei angerührte amorphe 
Phosphor war ſtets nach ganz kurzer Beit wieder 
hart geworden, fo daß in diefem Umftande ein mes 
chanifched Hinderniß ber Keimung gefucht werben 
darf, indem es auch bei fehr häufigem Begießen 
nicht möglih war, die zum Keimen nothwendige 
weiche Form ;u erbalten. 

Um den gehörigen Feuchtigkeitsgrad zu geben, 
wurde gewafchener amorpher Phosphor auf Biltriers 
papier audgebreitet und fo auf eine mit Waller ges 
fühlte Untertaffe gelegt, daß derfelbe immer aa 

XXXVIII. 44 


851 


ntat zu fällen und dann erf® zu beflimmen. Dabei 
findet leicht ein Verluſt ſtatt. Man: kann aber fo 
erhaltenes Eifenoryd ohne Wiederauflöfen in Salz 
fäure zc. unmittelbar. mit dem Filtrum zum Glühen 
erhitzen, dann. mit Waſſer zerreiben und nun von 
der kleinen Menge Kali durch Auswaſchen auf dem 
Filtrum leicht und fchnell befreien. Eine fo be 
flimmte Quantität, wieber in Salzfäure gelöst und 
mit Ammoniak gefällt, zeigte im Gewicht nicht bie 
geringfte Differenz. 





5) Hr. Akademiker Vogel jun. las: 
a) Ueber die Erzeugung hoher Temperaturen. 





Bor einiger Zeit habe ich die Ehre gehabt, in 
"die Denkfchriften der k. Akademie eine Arbeit über 
die Sonftruction einer neuen Aeolipile nieberzulegen 
und mir babei vorbehalten, über die Anwendung 

der mit diefem Inſtrumente erzielten hohen Tempe⸗ 
raturen auf ſchwer fchmelzbare Silicate, Thonver⸗ 
Bindungen und ähnliche Stoffe fernere Verſuche an: 
guftellen. 

Die von mir angegebene Xeolipile hat durch 
die feit jener Zeit ihr gewordene vielfache Anwendung 
and in ihrer Conftruction einige Veränderungen er: 
fahren, welche, da fle ihren Gebrauch zu fihern und 
au erweitern im Stande find, ich hier vor Allem 
mittheilen mödhte. | 

Wenn der Drud, welder dad Sauerfloffgas 
aud dem Gaſometer in. die Lampe leitet, durch theil- 


weife Schliegung des un dem Gafometer felbft be: - 


findlihen Hahnes gefhwächt oder durch völige Schlie- 
fung gänzlid, aufgehoben wird, fo kann es vorkom⸗ 
men, daß die Aetherdämpfe, welche ben inneren 
Raum der Lampe anfüllen, auch in die zum Ga: 
fometer führende Berbindungdröhre überflrömen und 
dadurch beim Entzünden eine Verbrennung derfelben 
veranlaflen. Unter fehr zahlreihen Berfuchen ift «8 
einmal vorgelommen, daß die Kautfchulverbindung 
verbrannte, indem fie ſich in ber angegeben Weiſe 
ganz mit Aetherbämpfen gefüllt hatte. Diefem Zu: 
rüdtreten des Aetherdampfes ift nun völlig vorge: 
beugt dadurch, daß an ber Acolipife felbft und zwar 
am Ende des Meffingrohrs, welches durch Kautſchuk 
mit den Gafometer in Verbindung geſetzt wird, ein 





% 


Wechſel angebracht worden il. Hiedurch wird, wenn 
der Verſuch unterbrochen werben fol, einerfeits das 
Zuftrömen des Suuerfloffgafes abgefchnitten und ans 
bresfets das Zuſtroͤmen des Aetherbampfes verhindert. 

"Eine weitere Berbeflerung liegt in der genauen 
und willkürlichen Wegulierung des Aetherdampfes. 
Diefelbe wird nun bezwedt durch die Anwendung 
einer Beinen Lampe, deren Docht durch einen ein: 
fahen Scraubenmechanismus leicht vergrößert und 
verkleinert werden kann. In biefer Weife gelingt 
es bei einiger Uebung, die Regulierung des Sauer: 
ſtoffſtroms uud des Aetherbampfed fo zu erzielen, 
daß eine kurze Stehflamme gewonnen wird, wie 
wir fie früher nicht erhalten fonnten. 

Die VBerfuche, flatt des Aether wohlfeilere 
Brennmaterialien, namentlich, Xerpentinöl und Cam⸗ 
phin anzuwenden, haben zu dem Refultate geführt, 
daß beide Iegteren bei gehöriger Behandlung der Stroͤ⸗ 
mungen fehr wohl und ohne allen Rußabfag ange: 
wendet werden können. Indeß giebt der Aether 
ſtets die höchſte Temperatur. 

Verſuche mit Benzol haben gezeigt, daß bie 
bamit erzielte Zemperatur der durch Aether erhalte: 
nen nicht weſentlich nachfiche und wenn dieſer Körs 
per weniger koſtſpielig dargeſtellt werden könnte, ben 
Aether zu erfegen im Stande wäre. 

Um die Verfchiebenheit der Temperaturen, wel: 
che. burch bie Abänderung des Verfahrens exzielt wer: 
ben, zu mefien, haben wir ein Syſtem von Platin: 
brähten von verfchiebener Dide und zwar von F 
Einie bis zu 13 Linie im Gebrauche unb zur vers 
gleihsweifen annähernden Beſtimmung fo hoher Tem⸗ 


. peraturen ald fehr zwedmäßig erkannt. 


Was die Anwendung zu Schmelzungen ſelbſt 
anbelangt, fo erwähnen wir außer ben Gemengen 
zur Darſtellung einiger künſtlicher Edelſteine bie 
Schmelzung ded Berylls und ber chemifch reinen 
Thonerde, welche durch Falung aus efligfaurer Thon⸗ 
erde durch Ammoniak erhalten worden war. Die 
geſchmolzene Thonerde zeigte eine ſo große Haͤrte, 
daß Glas und Stahl davon angegriffen wurden. 

Endlich wurden Verſuche mit Hartloͤthungen 
angeſtellt, welche günſtige Reſultate ergaben. 

(Schluß des Bulletins folgt.) 


— 





———— Te me 
Bulletin der —* Akademie d. W. 











Gelehrte 
München. 
Nro. 44. 


beransgegeben von Mitgliedern 
der &. bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


+ 


Anzeigen. 


12. April. 
1854, 





Könige. Akademie der Wiflenfchaften. 


(Schluß des Bulletins Ne. 11.) 


Hr. Vogel jun. las ferner: 
b) Ueber das Berhältniß des amorphen Phoo⸗ 
phors zur Vegetation. 





Es iſt eine bekannte Thatſache, daß der kry⸗ 
ſtalliſierte Phosphor als ein ſtarkes Gift auf den 
thieriſchen Organismus wirkt und deßhalb auch un⸗ 
ter verſchiedenen Formen zu Vergiftungen verwendet 
wird. 
phor nicht dieſe fchädlihe Wirkung. De Vry bat 
gezeigt, daß man von dem amorphen Phosphor in 
nicht unbebeutenden Quantitäten innerlich geben Tann, 
ohne Vergiftungserſcheinungen zu veranlaſſen. Es 
ſchien mir von Intereſſe, die Wirkung dieſes Kör⸗ 
pers auf das Keimen der Saamen kennen zu 
lernen. 

Bu den Verſuchen wurde der amorphe Phos: 
phor als rothed Pulver, wie er gewöhnlich im Handel 
vorkoͤmmt, angewendet. Nachdem ber Phosphor mit 
deſtilliertem Wafler zu einem feuchten Teige ange: 
rührt war, wurden in bdenfelben Sreffenfaamen ge: 
ſät. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß, um 


zu einem Refultat zu gelangen, bei dieſen Verſu⸗ 


hen die Saamen nicht nahe ober dicht auf einander 
gelegt werben bürfen, fondern daß zwifchen ben 
einzelnen Körnern gehörige Zwiſchenräume gelaffen 
werben müflen, damit jeder Saame ohne den an⸗ 
dern zu berühren, von feiner Unterlage von allen 


» 


Auffallender Weife zeigt ber amorphe Phos⸗ 


Seiten umfchloflen werde Nach‘ Verlauf mehrerer 
Zage zeigte fih durchaus feine Entwidelung bes 
Keime, während zur nämlihen Zeit zum Vergleich 
auf gepulverten Bergkryſtall gelegte Saamen den 
Keimproceß durchlaufen hatten. Das mit dem Phos⸗ 
phor in Berührung flehende Wafler hatte ſtark fauere 
Reaction angenommen und e8 zeigte fich bei näherer 
Unterfuhung, daß der amorphe Phosphor felbft emi⸗ 
nent fauer reagierte, bedingt durch Phosphorfäure 
und phosphorige Säure. Eine Quantität amorphen 
Dhosphord wurde nun fo lange mit beftilliertem kochen⸗ 
dem Waſſer gemafchen, bis dieſes die Lacmustinctur 
nicht mehr vöthete. Auf folhe Weife gereinigter 
Phosphor zeigt auch nach längerer Berührung mit 
Waſſer und Luft Feine Saͤurebildung mehr. Auf 
diefen gewafchenen Phosphor wurden von Neuem 
Kreffenfaamen geſät; doch auch hier zeigte fich Feine 
Spur einer Keimung. Der amorphe Phosphor hat 
eine große Neigung, Waſſer zu abforbieren und ba: 
mit eine feſte Mafle zu bilden, ganz entgegengefegt 
dem Verhalten ber gewafchenen Schwefelblumen, 
welche bekanntlich ſchwer zu benegen find. Der wit 
Waſſer zu einem bünnen Brei angerührte amorphe 
Phosphor war fletd nad ganz kurzer Zeit wieder 
hart geworben, fo daß in dieſem Umflande ein mes 
chaniſches Hinderniß der Keimung gefuht werben 
darf, indem ed auch bei fehr häufigem Begießen 
nicht möglih war, die zum Keimen nothmwendige 
weiche Form ;u erhalten. 

Um den gehörigen Feuchtigkeitsgrad zu geben, 
wurbe gewafchener amorpher Phosphor auf Biltriers 
papier außgebreitet und fo auf eine mit Waller ges 
füllte Untertaffe gelegt, daß berfelbe immer wem 

XXXVIII. 44 


unten aud feucht erhalten werben konnte. Auf diefe 
Weiſe ift es mir gelungen, einige Saamen zum 
Keimen zu bringen, öbgleih erſt nach dem fechiten 


Tage, während befanntlih die Krefle ſchon nach ' 


24 Stunden unter gewöhnlichen Berhältniffen fich 
entwidelt, 

Der zu den Begetatiosverfuchen verwendete 
amorphe Phosphor war durch fochende Salpeterfäure 
vorher von einem fehr geringen Gehalt an Arſenik 
befreit worben, Spuren, welde indeß fo unbedeutend 


= waren, daß fie nur mittelft des Marfh’fchen Appa⸗ 


rated wahrgenommen werden und fomit kaum ber 
Begetation fehaden Fonnten. 

Es darf daher angenommen! werden, baß der 
dem animalifchen Leben nicht fhädliche amorphe Phos⸗ 
phor auf die Vegetation einen ungünftigen Einfluß 
ausübt, jedenfalls den Keimproceß wefentlich ver: 
zögert. | 





Situng- der hiftorifchen Claſſe am 21 Januar 
1854. 


1) Hr. Landrichter Gerſtner verlad einen Be: 
richt des Frhr. v. Hormayr über Leibnigend lite 
rariſchen Nachlaß in Hannover, ben berfelbe zu 
Hannover im Jahre 1833 an das Miniflerium, Die: 
fe8 an die Akademie eingefandt. Da ſchon Perg in 
Berlin über biefen Gegenftand Bericht erftattet, fo 
hat dieſer Vortrag zur Nachricht gedient. 

2) Der zweite Reichdardhivd - Sekretär Herr 
Muffat trug über ein „Bündniß ded Adel und 
der Städte zur’ Beilegung ber Streitigkeiten zwifchen 
König Ludwig und feinem Bruder Rudolf im Jahre 
1315* vor. Die Claſſe befchließt, dieſen Vortrag 
in die Denffchriften aufzunehmen. 


Sitzung der Hiftorifhen Claſſe am 18 Sebruar 
1854. 


41) Durch dad Präfidium wurbe unterm 15 
Februar l. Is. der Claffe eine Zufchrift ded Herrn 


- 





Iſidor Profhko, 8. k. Staatöbeamten und Ges 
fretärd des Mufeumd Francisco-Carolinum in Linz 
d. d. 10 Februar db. 38. fammt zwei Schriften 
ald Gefchent für die hohe Claſſe zugeſchickt. Die 
eine ift der XIII. Bericht des befagten Mufeums. 
Linz; 1853. 8; die andere hat Herrn Proſchko 
zum Verfaſſer und ift betitelt: 


” 


„Der erfte Bauernkrieg im Lande Defterreich 
ob der End, nach den beften Quellen bearbei: 
tet und gemeinſchaftlich gefchildert x, Linz 
1849. kl. 8.“ 


Die Beratbung über diefe Schriften wird ei: 
ner Fünftigen Sigung vorbehalten. 


2) Hr. geheimer Rath v. Aretin erflaftete 
mündlichen Bericht Über den Zuſtand der topogras 
phifhen Dedengemälde im ?. Antiquarium, Namens 
ber Commiffion, welde zur Unterfuhung und Bes 
urtheilung jener Gemälde ernannt worden war. Die 
Gemälde leiden mehr oder minder vom Mauerfraß. 
Dad Bild des Schloffed ded Herzogs Sigmund zu 
Nanhofen ift bereitd zu Grunde gegangen. Andern 
Bildern ftehbt in Kurzem Aehnliched bevor. 


Es wurde befchloflen, die Abzeichnung der Ge: 
mälde vornehmen zu laſſen und die Zeichnungen dem 
Archive des Antiquariumd zum Behufe der Brit: 
theilung an diejenigen einzuverleiben,, die davon ei- 
nen wiffenfchaftlichen Gebrauch zu machen bie Abſicht 
haben. 


9) Der zweite Reichsarchivs-Sekretaͤr Hr. Muf⸗ 


fat hielt Vortrag uͤber ein geiſtliches Schau⸗ 

ſpiel, das im Jahre 1510 hier in Muͤnchen 

aufgefuͤhrt und auch hierorts in Quartformat 

und mit Holzſchnitten gedruckt wurde. Der 

Titel iſt: 
„Von den aygen Gericht des ſterbenden 
Menſchen.“ 


Die Claſſe beſchloß, folgende kurze Notiz 
über dieſes Schauſpiel im- Bulletin der Aka⸗ 
demie zu veroͤffentlichen. 


357 _— — 


Unter Hinweifung auf Mones Ausſpruch, daß 
die Geſchichte der Literatur noch ber Bekanntma⸗ 
hung und Erklärung ber alten Schaufpiele bebürfe, 
weil dad alte Drama gegenüber dem Epos und ber 
Lyrik noch fo wenig bekannt und gewürdigt ift, daß 


diefer Mangel eine auffallende Lüde in ber Geſchichte 


unferer Literatur bildet, machte der Verfaſſer auf 
ein geiſtliches Schaufpiel aufmerkſam, das in mehr: 
facher Hinfiht näher befprochen zu werben verbient. 
Denn nit nur, daß ed einen Bayern zum Verfaffer 
zu baben fcheint, ift es auch noch dadurch merk: 
würdig, daß es zu Anfang des fechözehnten Jahr⸗ 
hunderte in München zur Darfielung kam, und 
in Münden auch gedbrudt wurde, fomit einen 
Beitrag zur Gefchichte des Schaufpielmefende und 
insbefondere zur Geſchichte der Buchdruckerkunſt in 
München liefert. 


Auf den Inhalt dieſer „Moralität« überge⸗ 
hend, ſtizzirte er den leitenden Grundgedanken ber: 
ſelben, welcher dahin ziele, veranſchaulich zu machen, 
daß der Menſch ſtets ſo leben und handeln ſolle, 
um auf ſeinem Sterbebette mit Beruhigung auf 
ſeine Laufbahn zurückblicken und getroſt dem Tode 
entgegenſehen zu können. Durch ſeinen Lebenswan⸗ 
del werde der Menſch ſein eigener Richter, der nach 
Maagaßgabe ſeines Verhaltens auf dieſer Welt ſich 
ſelber das Urtheil ſpreche, welchen Lohn er jenſeits 
zu erwarten habe. 


Daher auch der Titel dieſes Schauſpicles: 


„Von dem aygen Gericht des ſterbenden 
Menſchen.“ 


Nach einer genauen eſprechung und Darſtel⸗ 
lung des Inhaltes einer jeden der vier Abtheilun⸗ 
gen, -in welche dasſelbe zerfällt, wies der Verfaſſer 
nach, daß dieſes Schauſpiel in München wirklich 
zur Aufführung gekommen fei, indem dieſes ſowehl 
aus dem Xitelblatte, auf weldhem ausbrüdlich be: 
merkt ift, daß diefe „Erempel® im Jahre 1510 zu 
München gehalten worden, als auch aus der Rebe 
des erſten Precurfor (jede Abtheilung wird nämlich 


duch einen Precurfor eröffnet, welcher den Inhalt 


der nachfolgenden Darſtellung kurz angiebt) hervor: 
gebt, in welcher es beißt: 


„Hyerumb fo bitt wir herren, man unnd frauen, 

„Und alle fo unns zu thund fchauen 

„Ir wöllet fchivengen mit flillem mut 

„Ans nemen mit dem anndern für gut...“ 

Der Schluß diefed Wortrages lautet: 

Hinfichtlich des Ortes und der Einrichtung des 
Schauplaged giebt der Drud dieſes Stüdes nicht 
die geringfle Andeutung, man müßte denn anneh- 
men, bie beigegebenen, ziemlich rohen Holzſchnitte 
ſollten bdenfelben verfinnlichen. Jedenfalls waren bie 
babei angemwendeten ſceniſchen Hülfsmittel ganz eins 
fah; denn fo wird 3. B. die Seele des flerbenden 
Menfhen, welche der Engel aufnimmt und vor 
Gott führt, durch ein Knäblein dargeftellt, welches 
verborgen unter der Dede des Sterbenden lag, und 
bei deſſen Abfcherben von dem Engel daraus her: 
vorgezogen wurde. 

Auch über den Verfaſſer dieſes geiftlichen Schau: 
fpieles fehlt jedwede Kunde; befannt ift aber, daß 
bamald in München bie Kunft des Meiftergefanges 
in hoher Blüthe fand, weßhalb die Möglichkeit 
nicht ferne liegt, daß ein hiefiger Meifterfänger ber 
Urheber beöfelben fei, und damit nicht ohne Ein: 
fluß auf Hans Sache’ Ausbildung blieb, der ja 
felber bekennt, fein erfied Gedicht habe er gemacht: 

„3u Mäniden als man zelt zwar 

„Bünfftzebenhundert viertzeben Jar 

„Halff auch dafelb die Schul verwalten 

„Thet darnach auch felbeer Schul Halten... .« 

Was endlich den Drud dieſes Schaufpieled be⸗ 
trifft, befindet fi) das einzige biöher davon bekannte 
Sremplar auf der an folden Titerarifchen Selten: 
beiten überaus reichen biefigen Pöniglichen Hof: und 
Staatsbibliothek. 

Es enthält 46 Quartblätter mit Holzfchnitten, 
die fi) mehrmal wiederholen. Der Zitel felber ift 
in Holz gefchnitten und Tautet: 

Sot zu lob dem menfchen-zu befferung find 

diefe figue und Erempel vom angen gericht 


und Sterbenden mefche zu munichen gehalten 
. worden. 1.5.1.0 
Auf der Stirnfeite des letzten Blatted heißt es: 
Hye enndet fih das büchel von dem aygen 
gericht des flerbenden menfchen, mit Erempel vnnd 
figuren. 


% 











Sedrudt zu Münden von manfler hannſſen 
fchobfler Anno &c. im zebenden jare. Am freitag 
vor Marie Magdalene, 

Darunter folgt dann das bayrifhe Wappen. 





Sigung der philofophifch = philologifhen Claſſe 
am 14 Januar 1854. 


Herr Profeffor Haneberg legt derfelben eine 
Grammatik und ein Lerifon der Dtfchipue: 
Sprache von Baraga vor, (die Grammatik ift 
ſchon 1850, das Wörterbudy 1853 gedrudt zu 
Detroit in Nordamerifa), und fnüpft daran 
Demerkungen über den Charafter der Sprache 
und das Verdienftliche jener Arbeit. 


Derfelbe theilt folgende Bemerkungen über die 
von der funnitifhen Norm abweichenden Leh⸗ 
ven des Scheich Ibn AYrabi und deffen 
Schriften mit. 


Das bibliographifche Lexikon von Hadſchi Chal⸗ 
fa hat den Scheich Ibn Arabi nit nur als ſrucht⸗ 
baren Schriftflellee des fiebenten Sahrhunderts der 
Hidſchra öfter genannt, ſondern ihn in einer Art cha⸗ 
rakterifirt, welche Aufmerkſamkeit erregt. Ibn Arabi 
wird dort nämlich als ein Lehrer bezeichnet, deſſen 
Schriften kaum mit dem rechtmäßigen Islam in 
Einklang zu bringen wären. 


Diefer Wink mußte um fo mehr zu einer nä- | 


bern Unterfuchung antreiben, da fich zeigte, daß 
bereitd Beitgenoffen Ibn Arabi’8 ähnlich von ihm 
- urtheilten. 
Fon Mogaizit z. B. giebt nicht nur felbft zu 
- erkennen, daß er die Schriften Ibn Arabi's für 
gefährlih halte, . fondern er führt Stimmen von 
Zeitgenoſſen besfelben an, bie ihn geradezu als Ather 
iften (KL) bezeichnen.) Leider verfäumen 
es diefe firengen Richter insgefammt, näher anzu: 
geben, worin benn die Abweichungen beflanden, 





1) Cod. Rehm. 53 f. 121 ff. 


ne 


welche fo harte Urtbeile veranlaßten. Will man 
dieſer Sahe auf den Grund kommen, fo müſſen 
die Schriften des Scheich, befonders feine „Siegel: 
ringe“ ober „Kryſtalle“ durchmuftert und mit ber 
Norm ded Islam verglichen werben. 

So mühfam diefe Unterfuchung iſt, ſo mödte 
fie doch nicht ohne Gewinn für die Gefchichte fein, 
wenn ander diefe fich auch um Ideen zu kümmern 
bat, welche in weiten Kreifen eine Macht gelibt, 
oder gegen bereit zur Herrfchaft gelangte Ideen 
mit einigem Erfolge gefämpft haben. 

Ueber bie Lebendverhältniffe ded merkwürdigen 
Scheich geben die gewähnlichen biographifchen Werke 
feinen Aufſchluß. 2) 

Bei Ibn Chalikan findet ſich zwar die Bio: 
graphie eines Ibn al Arabi aus Andalufien (Rr. 6), 
welcher ald Schüler von Safali eine fuflihe Zen: 
benz; verfolgte und ald Gefandter am Hofe des Mo: 
wahaden : Sultans von Maroffo um 1248 °) ftarb, 
aber er ift von unferm Mohjiebdin Ibn Arabi ver: 
ſchieden, obwohl, wie es fcheint, Ibn Challilan 
Einiges aus bem Leben bed Lebteren in das bed 
erfteren übertragen hat. Nawawi und Sobfi (mitt: 
Irre tabakat) geben feinen Auffchluß. 


2) Herr von Hammer hat bei der Furzen aber fchäß: 
baren Notiz, welche er über Ihn Arabi der Ges 
fhichte des o8manifchen Reiches einwebte (Bd. 1. 

e ©. 770. Zweite Ausg. 1834), ungenannte Quel: 
len benüßt. 

3) Hammer, Gemäldeſaal III. Bd. ©. 194. 

Diefer Scheich) Heißt Ibn al arabi; dagegen der 
von ung beleuchtete: Ibn Arabi bei Ion Mogaizil, 
al arabi in der Rehmſchen Hanpfchrift 19. 

In der Bulafer Ausgabe heißt er auch einfach: 
Arabi; 3. B. ©. 5 3. 3. ©. 590 unten. 

Tezkeret ul hikem. Bulak 1837 fchreibt ©. 296 
ibn Arabi, ©. 126 Mohji-ed-din al-arabi. 


(Schluß folgt.) 


Bulletin der Fönigl. Akademie d. @. 
1854 Nr. 13. 


Gelehrte 











München. 
Nro. 45. 


berausgegeben von Mitgliedern 
der & bayer. Afademie der Wiffenfchaften - 


Anzeigen. 
14. April. 





Königl. Akademie der Wiffenfchaften. 





(Schluß des Bulletin Nr. 12.) 
Herr Profeſſor Hanneberg: Ueber die von der 
funnitifchen Norm abweichenden Lehren des 
Scheich Ibn Arabi nnd deſſen Schriften. 





Bei folher Armuth an fihern Nachrichten find 
wir auf bie zerftreuten Notizen angewiefen, welche 
ſich in den Werken Ibn Arabi’& finden und auf 
die hoͤchſt ſchätzbaren Mittheilungen, welde Ibn 
Mogaizil in einer für die Geſchichte des Sufismus 
widtigen Handfchrift macht. 

Dad Wenige, was wir auf biefe Weife mit 
Sicherheit über Ibn Arabi erfahren, reicht inbeflen 
vollkommen bin, um auf die wichtigften Seiten fei- 
ner Lehre: Licht zu werfen; wir erfahren nämlich, 
daß er ſich in einem ebenfo manigfachen Wechſel 
von Ländern, Sitten und Anfhauungen herumtrieb, 
wie feine Schriften eine Mifhung von weither zu: 
fammengefaßten Gedanken darbieten. 


Mohjieddin Abu Abdallah ibn Mohammed ibn 
Ali ibn Ahmed (Mohammed) *) ibn Arabi iſt nad 


Son Mogaizil i. 3. 560 d. H. 1164 in der ans 


balufifhen Stadt Murcia geboren. (Ibn. Mog. f. 
121.) ' 


Seine Jugend fällt demnach in jene Zeit der 


4) Diefen Dauptunmen finde ich außer bei Herbelot 
“wur noch in dem Divan Cod. par. arab. 14853. 


angefirengteften Kämpfe, welche den kühnen Aufs 
fhwung ber Mohwaheden : Dynaflie begleiteten. 

Nah Ibn Mogaizil machte er umfaffende Stu: 
bien, namentlich bei Ibn Paſchkwal VeCäs) 5). 
Er widmete fich ber Rechtskunde und folgte, wie 
faſt alle Angehörigen des maurifchen Spanien und 
Nordafrika, der Schule Ibn Maleks 0). 

Er fei dann auf Reifen gegangen und habe 
fih namentlih längere Beit in Rum ( 95) d. 9. 
in Kleinafien aufgehalten’). Endlich babe er fi 
dem Leben der Sufis gewidmet. " 

Nach einer Stelle in den „Kryftallen“ befand 
er fih t. 3. 1190 (586) in Kordoma ®); zehn 
Jahre fpäter, nach einer von Ihn Mogaizil aufber 
wahrten Selbftangabe (597 — 1200) in Ehariah 9). 

Geraume Beit fpäter (1215, 9. 611) finden 
wir ihn in Mekka 29) und zwar nicht bloß in ber 


— 


5) Daß nach Mogaizil f. 121. b. derfelbe Paſchkwal. 
(Pascalis?) Lehrer Ihn Urabi’s ift, der nach Ibn 
Chall. Ne. 6 für Ion al Arabi eine Autorität 
war, ift wohl nichts als eine Namensperwechslung. 

6) Letztern Umſtand Hebt der Eommentar der Bulaker 
Ausg. der Foßeß hervor. 





7) . 

7) N] wLwg Ibn Mog. f.. 121. b. 

8) Cod. Rehm. 19. f. 61. 

9) Ibn Mog. f. 121 b. AyylLoks. I wage opne 
Hilfe einer zweiten Handfchrift keine Beitimmung. 

40) Cod. arab. bibl. paris. fond. anc. Nr. 1453 c. f. 

11. Im Jahre 615 war Ibn Arabi fchon wieder 
von Mekka fort. S. Flügel, Dfchordfchani praef. 
p. V. Daß vie „Eroͤffnungen von Mekkae var 


xxXVol 45 





363 
Weiſe ſchnell vorüberziehender Pilger, ſondern für 
längere Beit. Während ſeines Aufenthaltes an ber 
Caaba verfaßte er ein Werk, das er „Mekkaniſche 
Eröffnungen“ nannte. 

Die angegebenen Puncte, welche er berührt 
hat, ſetzen natürlich eine Wanderung durch verfchie: 
dene Länder voraus. Namentlich mag er in Aegyp⸗ 
ten längere Zeit verweilt haben. Seine Beziehung 
zu Ihn Faridp und EI: Schadili läßt dieſes vor⸗ 
außfegen. Sein Aufenthalt in den verfchiebenen 
Ländern war kein ifolirter, er verfchmähte ed nicht 
in ber Fremde zu lernen, obwohl er dabei von 
einem myfteriöfen Gefhmade geleitet war. Er eig: 
nete ſich manche Notiz aus den verfchiebenen Sprach: 
gebieten an, die er burchflreifte, um nicht in Rück⸗ 
fiht auf die mir vorgefommenen Worterflärungen 
die Behauptung zu wagen, baf er gegen bie Ge: 
wohnheit feiner Glaubensgenoffeh "fremde Sprachen 
gelernt habe. Spuren von einer Kenntniß bed 
Koptifchen finden fih 3. B. in einer originellen und 
‚ganz ‚richtigen Erklärung des Namen Mofes 11); 
ebenfo einzelne Formeln aus dem Indiſchen und 
Altperfifchen 12) einerfeitd und dem Griechifchen 13) 
andererfeitt. — 

Doß er von nicht moslimiſchen Weligionen 
vorzüglich die jüdifche und chriftliche kennen zu ler⸗ 
nen Gelegenheit hatte, verfteht fi) von ſelbſt; daß 
er dieſe Gelegenheit, wenn auch nicht gründlich, 
doch weit mehr als die große Menge feiner Glau⸗ 
bensgenoſſen benugte, beweifen feine Schriften. 

Den Schluß feiner Irrfahrten machte er durch 
feinen längern Aufenthalt in Damaskus, wo er et- 
wa 80 Jahre alt i. 3. 1240 (638 nah Herbe: 





den „Siegelringen« oder „Kryſtallen“ gejchrieben 
find, fagt Cod. Rehm. 29 f. 166 2. unten. 


11) Eod. 19. f. 146 a Man.fand ihn bei einem Bau: 
me im Meere; da nannte ihn Pharao „Mofa“. 


Et 0 le ll UT 48 44 
12) Cod. 830 anc. paris. f. 201. („ins A, 
Ball lo; Dort. über hüm (49%) und üm 
—RE | 
13) 3. 2. er! Aether. 


264 


lot S. 121) ſtarb und wo wir ihn bereits i. J. 
1229 (627) finden. 

Seine Schriften ſind ſehr zahlreich. Sie ſind 
theils in Proſa, theils in Verſen geſchrieben. Ihr 
Inhalt gehört groͤßtentheils der Sufilehre an. Ge⸗ 
druckt iſt davon "in Europa nichts, als eine kurze 


‚nur wenige Blätter umfaflende Zuſammenſtellung 


von Außdrüden aus dem Gebiete der Sufiliteratur. 
(Dschordschani. definitiones ed. F lügel 1845.) 
Das bei weitem berühmtefte feiner Werke ift jenes, 


’ en 3 9 2 
welches er — 00 nannte. 


Es giebt eine Menge Commentare darüber. 
Abſchriften ſind haͤufig; eine correcte, aber flüchtig 


geſchriebene gehört dem Stifte St. Bonifaz 14). 


In Bulak bei Kairo iſt das Werk in Drud er: 
fhienen 15) mit einem fehr weitläufigen türkifchen 
Commentar. Ich habe diefe Ausgabe benützt und 
gefunden, daß. der Commentar in fofern von ge: 
ringem Werthe ift, als er fih zur Aufgabe geſetzt 
bat, die Uebereinflimmung ber Lehre Ibn Agabi’s 
mit dem funnitifchen Lehrbegriffe nachzumeifen. Doch 
enthält er gute Lefearten und manchmal fprachliche 
Erklärungen. 

Bedeutend für die Beurtheilung ber Eehre Ibn 
Arabi's ift die poctifhe Schrift: „bie große Wall: 
fahrt“. Doc beruht die Annahme ber genannten 
Autorfhaft lediglich auf der in der Anmerkung bar: 


- gebotenen Combination 16), 


Nächſt den „Siegelringen“ ober „Kryſtallen“ 





14) &8 ift Codex Rehm. 19, nach welchem ich citire. 
15) Daß ſich diefe Ausgabe auf der FE. Staatsbibliothek 
‘vorfinde, wurde mir von Hrn. Prof. Joſ. Müller 
“ freundlichft mitgetheilt. 
16) Cod. Rehm. 6 enthält den Diwan des Muhammed 
Wefü. Auf die Fleineren Gedichte, welche da von 
f. 1 — 111 ſtehen, folgt bis f. 161 eine große 
Kaßide von mehr ald 1000 Beil. Sie Hat die 
Ueberfchrift: 


Bj 
Diefe Tajah ift nicht die berühmte des Ihn Faͤredh, 


Auch hat fie nichts mit jener tajah gemein, welche 
H. Chalfa außer der des ibn Faredh aufführt. 


Der Name N „die große Welt: 





find die mekkaniſchen GEröffnungen, aus welchen fi 
im Commentar ber Bulaker Audgabe viele Auszüge 
finden, das bebeutendfle Werk Ibn Arabis. — 


Bei einer Durchmufterung der wichtigfien Schrif- 
ten dieſcs Scheich hat ſich neben Vielem, was all: 
gemein fufifh if, auch vieles gezeigt, was origi⸗ 
nell, andere, was gegenüber dem normalen Islam 
kühn und neu ift, aber dieſem geradezu widerſpricht. 

Die wichtigſten Abweichungen beſtehen in Fol⸗ 
gendem: Ibn Arabi widerſpricht der ſcholaſtiſchen 
Trennung der göttlichen Attribute von den Eigen⸗ 
ſchaften der Schoͤpfung (8,8): er faßte das 


göttlihe Wefen geradezu ald Weltfeele.. — 
Mit diefer Verſenkung Gottes in der Welt und ber 
Welt in Gott geht — und das tritt bei Ibn Arabi 
ganz befonders hervor — ein Divinationdwefen 
Hand in Hand, worin man auf den erflen Blick 
wohl nur etwas erfennen möchte, was eines fo fehr 
nad Selbftändigkeit ringenden Geiſtes ganz unwür⸗ 
dig waͤre. 


Wer ſollte es glauben, daß derſelbe Ibn Ara: 
bi, welcher ſich von den Zefleln der arabifchen Scho⸗ 
laſtik frei zu machen verſtand und ſich im Gegen⸗ 
ſatze zu todten Schulwiſſereien eines lebendigen Bil- 
fend und unmittelbarer Anfhauung rühmte, einen 
großen Theil feiner Berühmtheit im Oriente dem 
Umftande verdankt, daß er Meifter in der Aflxolo: 
gie und einer eigenthümlihen Berechnung der Zus 


kunft war, welche A> iz) Ne — etwa Punctir⸗ 
kunſt — heißt. _ * 
Die Berechnung der Zußunft” wurde in einer 


fahrt⸗ kann auf die Spur führen. Nämlih 9. 
CHalfa Fennt (II. ©. 18 nr. 4411) eine Kaßide 


Yr }, die er A, groß nennt. 
& fchreibt ie dem Scheich Mohji - eddtn ibn Arabi 
zu. Lefen wie bei H. Ch. flatt Sf vielmehr 
sy im Mofa paßt, 


D ſtimmen die Titel überein. 
Zur Gewißheit wird dieſe Combination da⸗ 


durch, daß Cod. Rehm 53 b. 128 a „„„Jaelf 


„bie größte“ ald Scheift vom Mohji-eddin ange: 
übt ı wird — wenn: diefe nicht profaifch iſt. 


f, was einzig zu 





36 


folchen Ausdehnung getrieben, daß man förmliche 
Chroniken der Zukunft verfaßte, worin die Schick⸗ 
ſale einzelner Reiche und Dynaſtien verzeichnet wa⸗ 
ren. Auch die Reiche des Islam hatten ihre ſibyllini⸗ 
ſchen Bücher. Eines der ſchönſten Exemplare bes 
wahrt die Bibliothek von Brüffel. 

- Die Berechnung, worauf diefe Orakel beruhen, 
mag nun freilidh vielfältig in gedankenlofer Anwen: 
bung vorliegender Normen getrieben worden fein. 
Aber die Normen felbft und der Glaube an bie ganze 
Sache beruht auf der Vorſtellung, daß die Welt 
unmittelbar und in allen Theilen nicht nur ein götts 
liheö, mathematifh beſtimmbares Geſetz, fondern 
dad ganze göttliche Geſetz in fi trage. Eine Ber 
rechnung ber Zukunft hat dann einen Sinn, wenn 
ohne Dazwilchentreten überweltlicher, neuer Ein: 
wirfungen eines perfönlichen und allmäcdhtigen Weſens 
die Erfheinungen im Einzelnen dad Ergebniß von 
Kröften purer Nothwendigkeit find. Iſt das Gött: 
liche die Weltfeele, fo liegt ber Reiz zu weiflagen: 
dem Calkul nahe. Ibn Arabı ift fich felbft nicht 
unfreu geworben, wenn er foldhen Galcul betrieb. 
Er ift in diefem Fache eine der höcften Autoritäten. 

Die biblioth. imper. zu Paris bewahrt eine 
Handfchrift, worin unter Voranſtellung feines Na⸗ 
mend großentheild in oratorifcher ſchwebender Hals 
tung, doch oft mit chronikenhafter Genauigkeit die 
Zukunft und zwar inöbefondere bie bed odmants 
fchen Reiches beflimmt wird 17), 

Obwohl diefe Divination feit dem 13 Jahrh. 
fehr beliebt wurde und die Begründer ber osmani⸗ 
fhen Herrfchaft in Kleinafien fi) von Adepten bie 
fer Kunft den Weg zu ihren Siegen vorzeichnen lies 
Ben 18), fo galt doch nach dem normalen Belennts 
niß des Islam zur Zeit Ibn Arabi's dieſe Berech⸗ 
nung als Verleugnung des wahren Staubens 19), 
Wil man bie bier verfuchte Verbindung der Divi⸗ 
nation mit den pantheiftifchen Anfchauungen von 





17) Cod. arab. supp!. 856. f. 86. a. ift angekündigt, 
daß i. 3. 1290 d. H. die Leuchte des Islam aus: 
löfchen werde. Wir befinden uns i. J. 1270 d. 9. 

18) ©. Muradgea d’ Ohsson, tableau gen. t. I. ©. 
349 ff. Eleine Ausgabe. 

19) Man fehe Neſefi's Glaubenslehre (AslKc). Daf. 
©. 332. 


Gott als der Weltſeele nicht gutheißen, fo. wird 
dad Problem, welches bie Lehre und das Wirken 
Ibn Arabi’d barbietet um eine Schwierigkeit grö- 
Ber; es ift nämlich, dann einerfeits zu erklären, wie 
eine förmliche Hieromantie neben einer von ber 
herrſchenden Scholaftit verworfenen Lehre über das 
böchfte Wefen in den Islam habe eintreten Fönnen. 

Biel größeren Anſtoß mußte indeß andered er: 
regen, was in Ibn Arabi's Werken fich zeigt, nas 
mentlih die Lehre, daß alle Religionen wes 
fentlich gleich feien. Er ſteht mit diefer Lehre 
nicht allein, aber einerfeitd gehört er zu ben erften, 
bie, obwohl eroterifh der Sunna angehörig, fie 
efoterifch vortrugen, und dann ift die Art und Weife 
feiner Würdigung der verfchiebenen religiöfen Sys 
fleme und mitten barunter. ded Islam und feines 
Stifterd originel. Während er in Chriſtus den Geift 
des Lebens incarnirt fieht, der durch alle Schoͤ⸗ 
pfung weht und wirft, erweist er dem Muhammeb 
die zweideutige Ehre, Repräfentant des geheimnif: 


vollen Sinned der Frauenliebe zu fein. Er rechnet 


die geiftigen Menfchen aller Stämme zum dächten 
Zolam (Cod. Rehm 6. f. 136). Auch die Heiden 
beten im Grunde ben wahren ®ott an, u. f. 
w. 20). Mie immer folhe Grundfäge fich verklei⸗ 
ben mochten, fie mußten in jeder Geftalt ben Mos⸗ 
Im von altem Schlage alarmiren. 


Dazu kommt die ungewöhnliche Kühnbeit, wos 


mit Ihn Arabi in feinen poetifchen Schriften ehr: 
würbige Dinge, wie die Thorah von Mofes, zum 
Spiele ſehr finnlicher Schilderungen verwendet 21); 
obwohl ich hierauf Fein großes Gewicht Iegen möchte, 
ba bie Aechtheit bed unter Ibn Arabi’8 Namen ung 
aufbewahrte Gafelen s Divand nicht feftfteht. 
Immerhin iſt Ibn Arabi zu einer Zeit, wo 





20) Die Belegftellen, welche beim mündlichen Vortrage 
mitgetheilt wurden und wohl noch eine Vermehrung 
erfahren werden, Tönnen hier in biefem Auszuge 
nit Platz finden. 

38) Dieß geichieht in dem Divan Cod. paris. arab. 1453 


ano. am Schluße: I we... Aula ER, 
UN rt N are Loy 


le). Mitten in der Sammlung fagt der 
Ferfafer: 





bie Baubermufit der Mesnewi⸗Verſe Dfchelaleb- 
dins noch das Ohr ber befonnenen Wächter ber 
Islam-Lehre nicht beflochen hatte, mit Lehren aufs 
getreten, welche dem alten Sölam in wefentlichen 
Puncten wiberfprachen. . 
Wie es gekommen fei, daß folche Lehren ge: 
duldet und ihr Urheber fogar vom Sultan Selim I. 
mit einem fchönen Grabdome 22) vor allen Mos: 
limen königlich geehrt wurde, bat der Vortrag zu 
erklären gefucht. Die weilfagende Hülfe, welche 
Son Arabi — und feine (?) Fleinafiatifhe Schu: 
le 23) — dem heranwachſenden Gefchlechte ber 08: 


maniſchen Sultane erwies, mag zu den ficherfien 


Elementen der gegebenen Erklärung gehören. 

. Vieleicht gehörte bie Lehre Ibn Arabi’s zu 
ben provibentiell beſchützten Gährungsfloffen, welche 
den Islam durchdringen mußten, bis er feine Sen: 
bung erfüllt haben würde. 


2 
Ilse He seogf .... 

Er giebt ſich alſo als Verfaſſer der nSiegelringe“ 
gu erkennen. Doch muß man billig daran Anſtoß 
nehmen, daß die leichtfertigen Gedichte dieſer Samm⸗ 
lung i. 3. 611 (1215) in Mekka gefchrieben fein 
wollen. Wie Fonnte damals das Buch der „Bier 
gelringe“ citirt werben, da diefes 14 Jahre fpäter 
in Damaskus gefchrieben wurde? Ich gebe mich 
immer mehr der für Ibn Arabi ehrenvollen Ver: 
muthung hin, daß der Verfaſſer des eben angeführ: 
ten Divand den Namen des berühmten andalufifchen 
Scheichs mißbraucht habe, um feine Verfe in Un: 
lauf zu feßen. Auch das erregt Anftoß, baß bier 
6 — of mit dem Artikel geſchrieben wird, währ 


rend in den zuverläßigeren Nuellen entweder a3 || 
ober ye, oder jr 3,c 8° erfcheint. In der 


Nichtbeachtung Diefer Kleinigkeit verräth fich viel: 
leicht der fpätere Verfälfcher. 


22) Sieh von Hammer, Gefchichte des osman. R. I. 


©. 705. 

23) Muradgea d’Ohsson I. ©. 349 Eleine Ausg. Ham⸗ 
mer, Gef. des osm. R. I. ©. 65 u. 770 I. 
Ausg. Peſth. 1834. 


> 
— 





Bulletin der Bönigl. Akademie d. W. 














| 1853 Ne. 14. 

Gelehrte Anzeigen. 
München. | bevautgegeben von Mitgliedern | 1. April, 
Nro. 46. der k. Bayer. Afademie der Wiffenfchaften. 1854, 


Konigl. Akademie der Wiſſenſchaften. 





Sibung der philofophifchsphilelogifcyen Elafie am 
14 Februar 1854. 

1) Hr. Rector Halm legt feine Ausgabe des 
Florus und den erſten Theil des zweiten Ban: 
des des von ihm in Gemeinfhaft mit Profeflor 
Baiter beforgten Cicero vor, mit näherer An: 
gabe deſſen, mas in Heiden Werken für Ber: 
befierung der Terte geleiftet worden iſt. 

2) der Vorftand der f. Akademie der Wiſſen⸗ 
fchaften legt der Claſſe vor: 

a) einen Gypsabguß des von ihm in den 
Denkfchriften der Akademie V. Bd. IL Abth. 
p 307 sq. befchriebenen filbernen Gefäßes; 

b) einige große und maffive bronzene Span: 
gen mit eingebogenen Enden‘, welde im fo: 
genannten Teufelögraben bei Holzkirchen bei 


Gelegenheit des Eifenbahnbaues gefunden wars 
den, deren Beſtimmung bis jegt noch nicht‘ 


ermittelt worden ift. 





3) Hr. Profeffor Pranti berichtete über einen 
Abſchnitt ferner in Baͤlde erfheinenden Ge: 
ſchichte der Logik, und zwar zunaͤchſt über 
jenen Theil derfelben, welcher die Entwidelung 
der Logif nach Ariftoteles bis zum Schluffe 


des Alterthums betrifft. Folgendes ift ein Aus: 
zug des Berichtes. 

Die Geſchichte ber Logik hat außer dem wiſſen⸗ 
ſchaftlichen Intereſſe, welches jeber Zweig ber Cul⸗ 
tuegefchichte für fich in Anferuch nehmen muß, aud) 
noch den Nebens Erfolg, daß fie fchlagend den Uns 
wertb und die Bobenlofigkeit der formalen Schuls 
Logik erweist, wofern unter Kennern ein folcher 
Nachweis noch möthig feheinen kann, nachdem von 
ber Theorie aus die wiſſenſchaftliche Berechtigung 
jener fogenannten „Logit® ſchon feit geraumer Zeit 
vereint if. 

Infoferne in unferer abendlänbdifchen Culturge⸗ 
fhichte der Werlauf der Logik auf das griechifchsrös 
mifche Altesthum als feine Quelle zurüdführt, iſt 
in letzterer Beziehung ber Grundgedanke, welchen 
bie Gefchichte der Logik nachweisſt, folgender: Bei 
ben Griechen iſt ed. der diefer Nation angeborne 
Bang zum Rhetorismus, aus weldem die erften 
Veranlaffungen einer Logik in jener Zeit fließen, in 
welcher bee Sinn überhaupt fi von ben Kosmos 
gonien und der hieraus erwachſenden Naturphilofor 

phie fi abwendet und ben practifhen Intereſſen 
des menfchlichen Subjeetes folgt. Aus der Sokra⸗ 
tiſchen Borderung, welche dieſem Betriebe ber So⸗ 
phiſten entgegentrat, erhob fich die platonifd = ariflo= 
telifche Philoſophie, welche in ber Feſthaltung unb 
Gliederung des Gegenfages zwifchen dem Dialekti⸗ 
[hen und Ap⸗deiktiſchen im Stande war, ein Prins 
cip ber rhetoriſch· logiſchen Technik aufzuſtellen, durch 
welches die Logik in innigem wiſſenſchaftlichem Ver⸗ 
bande mit ber Philoſophie überhaupt oder mit der 
fogenanniten Metaphyſtk ihr wahres Leben und ihren 
XXXVIl. 46 


371 
wahren Werth ermweifen Ponnte. Unmittelbar aber 
nad diefem Aufflammen der antiten Epeculation 
zu ihrem Höhepunct brach die Spannkraft ded grie: 
hifhen Geiftes in fih zufammen und fiel gänzlich 
in den alten Erbfehler des Rhetorismus zurüd, fo 
daß auch alle Benützung ber platonifch:ariftotelifchen 


Lehren in der Secten: Philofophie nur die Unfähig: 


keit jener Zeit in philofophifchem Verſtändniſſe be⸗ 
urfundet. Kurz, wie bie Logik aud der Rhetorik 
entfproffen war, — allerdings kann man fragen, 
0b dies überhaupt ber wirkliche Urfprung derſel⸗ 
ben fi —, ebenfo gieng fie wieder in die Rhe 
- torit zurüd, und dieſer Abhub der @ultur einer 
Nation, welche ohnedied zu frivolem Leichtfinne bes 
Theoretifirens und des Doctrinarismus geneigt war, 
wurde dann auf Jahrhunderte hinaus in der fich 


bildenden formalen Schuls&ogik die fpeculative Nah: 


sung der Jugend. 


Jene Verfchlechterung nun der ariftotelifchen 
Logik, welhe in einem Verluſte des Zufammenhan: 
ges mit ben oberften philofophifhen Principien und 
in dem Aufmande eines hiemit völlig particularen 
Scharffinnes fowie in der Sucht nad) Handgreifli⸗ 
chem und Katechismud:artigem beruht, zeigt ſich 
fhon bei den nächſten Schülern des Ariſtoteles, 
den älteren Peripatetifern. Wenn auch Theo⸗ 
phraft und Eudemud überwiegend fih nur als Com: 
mentatoren ber Schriften ihres Lehrers bethätigten, 
und hiedurch bis ins Mittelalter. ein zäheres Leben 
und eine fchulmäßigere Reinheit der ariftotelifchen 
Lehre veranlaßten, fo zeigen ſie biebei doch ſchon 
in Bezug auf die Methode eine oft aufs Aeußerſte 
und bis zum Unfuge getriebene Diftinction der viel: 
Deutigen Bezeihnungen und in Bezug auf dad Prin- 
cip ein audfchließliches Ausgehen von her äußeren 
Hrammatifchen Form bed Urtheiles mit Vernachläßi⸗ 
gung und Mißkennen des Begriffes und feiner Be⸗ 
deutung. So liegt bei ihnen bad Verderbniß der 
Logik allerdings mehr in einer unbewußten Schwäche 
der philofophifchen Anfhauung Betreff einer ein: 
heitlihen Syſtematik des Willens, ald darin, baß 
fie irgend eine felbfländige Grundüberzeugung über 
Weſen und Bedeutung ber Logik gehabt hätten. Die 
Quellen, aus welchen wir die Kunde diefer Degene: 





378 


ration der Logik fehöpfen, fließen, wenn auch. zer 
flreut, doch weit zahlreicher, ald man glauben möchte, 
und es läßt fi) mit nur einiger Sombination mit 
ziemlicher Sicherheit von Einem auf Anderes fchlie- 
Ben, fo dag bie Einficht erwächſt, daß bie erfien 
Keime der formalen Auffaflung und Geftaltung der 
Logik bereitd bier vollftändig vorliegen. Es wird 
nämlich zunähft in der Lehre vom Urtheile bas für 
die Bedeutung bed Begriffes fo wichtige Verhältnig 
der Inhärenzien und Attribute vernacläßigt, und 
die Stellung ber Negation im Sage nur äußerlid) 
grammatifch aufgefaßt; fodann in jenen $unctionen 
bed Urtheiles, welche für die Syllogiſtik von Wich: 
tigkeit find, nämlich in der Umkehrung und Moda 


‚lität, begegnen wir einer ſchon völlig ſchulmäßigen 


Faſſung des Lehrſatzes, daß das allgemein vernei- 
nende Urtheil rein umkehrbar fei, wobei ausdrücklich 
die tiefe Begründung, welche Arifloteled hiefür gab, 
verfhmäht wird; und bei der Modalität wird mit 
audgefprochener Aenberung des ariftotelifchen Begrifs 
fed der Möglichkeit diefe von dem Verkehre mit der 
Nothwendigkeit völlig abgefchnitten, fo daß nur bie 
formale Geltung dieſes mobalen Werhältniffes übrig 
bleibt, und baher in der Umkehrung der Möglich: 
keits-Urtheile fogar gegen Ariſtoteles polemifirt wird. 
Den gleichen ſchlechthin formalen Charakter hat «6 
auh, wenn Xheophraft in der eigentlichen Lehre 
vom Syllogismus bei ber erſten Figur die Zahl der 
vier ariftotelifhen Schluß- Modi durch eine bloß täns 
delnde Umkehrung des Schlußfabes oder Umkehrung 
und Vertauſchung ber Prämiffen auf neun erhöht, 
wobei nämlih die in ber Scholaftit fogenannten 
indirecten Syllogismen entitehen ; ja felbft groß und 
durchgreifend iſt die Differenz dieſer erſten Peripa⸗ 
tetiker von Ariſtoteles in der Lehre von jenen Syl⸗ 
logismen, welche aus Combinationen von Nothwen⸗ 
digkeits⸗ und Moͤglichkeits-Urtheilen entweder unter 
ſich oder mit Urtheilen des Stattfindens beſtehen; 
hier naͤmlich wird um jeden Preis ſchon der formale 
Grundſatz Conclusio sequitur partem debiliorem 
überall durchgeführt, wobei bie Elarften Beweife dafür 
fih ergeben, wie hohl und bloß formell nicht nur, 
wie oben bemerkt, die Möglichkeit, Tondern auch 
das Urtheil des Stattfindend bereitd gefaßt wurbe, 
und wie fehr bie Bedeutung ber ariftotelifchen objee⸗ 


373 
ctiv real den Dingen inwohnenden Möglichfeit, Noth⸗ 
wendigkeit oder Wirklichkeit verloren gieng. Auch 
die Entwidiung der Lehre vom bypothetifchen und 
disjunctiven Schluffe, weldhe dem Theophraſt und 
Eudemus gewöhnlich zum befonderen Verdienſte an- 
gerechnet wirb (gerade ald hätte fie Arifloteles ver: 
geſſen!), beruht auf dem gleichen Uebergewichte des 
äußeren formalen Charakters der Urtheile, wenn fie 
auch von dem Blödfinne der Schul⸗Logik in biefem 
Gebiete noch weit entfergt iſt. Es werben nämlich 
bei · Theophraſt und Eudemud die formellen Bedin⸗ 
gungen unterfucht, unter welchen eine Vorausſetzung, 
die dadurch etwas Unbeflimmtes an ſich hat, daß fie 
entweder in einem Gonbitional: oder in einem disjunc⸗ 
tiven Sate befteht, durch die „Hinzunahme“ einer 
beſtimmten als factifch feitfiehenden Ausfage zu einem 
beftimmten Refultate entweder für die Apobdofis bes 
Conditional⸗Satzes oder für die Geltung eines Glie⸗ 
be der Disjunction gebracht werben könne. Und 
fo werben außer den Syllogismen xara rpocimpıw, 
welche 'eine eigenthümliche Mittelftufe zwifchen den 
Tategorifchen und ben Vorausſetzungs⸗-Schlüſſen bil: 
den, und außer den di’ öAov vnoderixoi, in wel: 
hen die Eonditional: Form auch im Schlußfage be⸗ 
ſtehen bleibt, fünf Figuren ber. Syllogismen xara 
perainbw, db. h. der eigentlichen Vorausſetzungs⸗ 
Schlüſſe entwickelt; eine Nebenart derſelben ſind die 
ſogenannten Qualitäts-Schlüſſe (zara zzowrnee), 
nämlich Schlüſſe dd od nällor, dnrd od hrvov, 
ano tod ömolov. Und wenn fi nun für dieſe Er: 
weiterung ber Syllogiftit mit Sicherheit die betref: 
fende Stelle ber ariftotelifchen erſten Analytik“ be 
zeichnen läßt, wo Xheophraft fie einfügte, fo fehlt 
es auch nicht gänzlich an Notizen, welche bie zweite 
Analytik betreffen. Ein reicheres Material aber hin: 
wiederum mußte ſich für die mehr rhetorifche Rich⸗ 
tung bed Xheophraft und Eudemus auf dem Gebiete 
der Topik ergeben; und es läßt fih wohl mit Bes 
flimmtbeit nachweifen, daß in ber Theophraftifchen 
Behandlung ber Topik die erflen Keime der Quin- 
que voces bed Porphyrius liegen. 


Von den Epikureern hat die Geſchichte der 


Logik wenig zu berichten; ihre „Kanonik“ diente 
nur den praktiſchen Sweden ber Senfualtheorie ; eh⸗ 





374 


renwerth aber ift, daß fie auf bie in der Sprache 
liegente Beftigkeit und Beflimmtheit viel Gewicht leg⸗ 
ten, fowie daß fie gegen dad von den Stoikern 
formal gefaßte principium identitatis zum Aergers 
niffe Cicero's Berwahrung einlegten. Hingegen bei 
ben Stoifern, welde. in ber ausſchließlich prakti⸗ 
[hen Tendenz ber Philofophie mit den Epilureern 
zufammentreffen, liegt jener Rückfall ber Logik in 
die fubjectiv praßtifche Rhetorik der vorſokratiſchen 
Zeit am „außgefprochenften zu Tage. Sie nehmen 
die Logik als Theil, nicht als Organon der Philo⸗ 
fophie, da ihnen natürlich alles Wiflen ebenfo zus 
fammengehörig fein mußte, wie ihre pantbeiftifche 
Anfchauung es forderte; aber ber floifche Pantheis⸗ 
mus {ft im Dienfte des menfchlichen Handelns, und 
daher find alle floifhen Angaben über das Princip 
ber Dialektik, welche die Form ber Wiſſenſchaft ent⸗ 
wickeln foll, höchſt leichtfertig, was um fo empören- 
der ift, da fie die platonifchzariflotelifche Philofophie 
nicht bloß vor fich Liegen hatten, ſondern auch ges. 
treulich ausfchrieben, ſowohl die Raturs Philofophie 
als auch die Logik, natürlich beides kopflos, da fie 
die principielle Differenz gar nicht bemerften. Alles 
Geſchwätz ber Stoifer über poAmpıs und xowal 
Evvoras iſt völlig unphilofophifh, aber für die Ges 
fhichte der Logik darum von großer MBebeutung, 
weil bier audgefprochener Weiſe in ber Lehre von 
den Aexra (dem unbegriffenen Stanbpuncte der pla⸗ 
tonifch = ariftotelifchen Dialektit) und in den Unter: 
fhieden von onuamwonerov und yasn bie erſte Quelle 
des mittelalterlihen Nominaliömud vorliegt. So 
beruht die Entartung ber Logik innerhalb ber Stoa 
nicht mehr auf bloßer unbewußter Schwädhe der 
Speculation wie bei den älteren Peripatetilern, ſon⸗ 
been auf einem völligen Nichtvorhandenfein eines 
logifhen Principes überhaupt, und bie Logik wird 
bier pofitiv fcholaftifch=rhetoriih. So ‚werben bie 
Kategorien zu ſchulmäßigen allgemeinſten Kächern 
gemacht und hoͤchſt bequem als die oberſten objec= 
tiven Gattungen (yevızarara) betrachtet, mit ber 
audgefprochenen Abficht, die ariftotelifchen Kategorien 
zu vereinfachen; wobei dann natürlich für bie Logik 
die Entfremdung vom realen Leben des Begriffes 
den Einfluß bat, daß einerfeitd bereitö bier ber 
hohlſte und leerſte Begriff „Etwas“ (sl), bei wel: 


dem man fi gerade gar Nichts mehr banken Tamm, 
ala das oberfie Allgemeinfle erfchemt, und andrer⸗ 
feits die geforderte Zurückführung aller Begriffe un- 
ter bie hochſten Gattungen zu dem geifllofeflen Fä⸗ 
cherwerk ber Divifien und Subdiviſion zc. führt. 
Außerdem ferner gilt jene hohle Allgemeinheit als 
das „Einfachſte“, und fo wird bie Lehre von den 
Begriffen als die Lehre von dem Einfacheren num 
vorausgeſtellt; fo haben wir es der Stoa unb un 


frem vom Mittelalter geerbten Schulpebaptiem zw, 


verdanken, daß biefer Biderfinn einer Borausftellung 
des Begriffes vor dem Urtheile noch heutzutage in 
der Logik einheimifh iſt. Die floifche Lehre vom 
Urtheil zeigt ganz natürlih den äußerſten Zormalis- 
mus in Behandlung der Negation, woraus bie Spie⸗ 
Iexeien mit Conträr und Contradictorifch entftehen, 
und außerdem eine lächerliche Sucht, die Zahl aller 
möglichen Combinationen von Urtheilen zu erfhöpfen 
(für das bejahende Urtheil fol ed 101,049, unb 
für das. verneinde 310,952 Combinationen geben, —, 
wirfih Schade, daß gewiffe „Logiker“ biefe Un: 
tesfuchungen nicht weiterführten!). In ber Syl⸗ 
logiſtik wurde ein Hauptgewicht auf die von ben 


Peripatetilern eingeführten Worausfegungs - Schlüffe, 


gelegt, und es zeigen fich hier die erfien Spuren 
des formal gefaßten principium causalitatis, fowie 
für das kategoriſche Urtheil mit dem principiwn 
identitatis et contradietionis fhon gar fchredlich 
Ernſt gemacht wird, Uebrigens ift auch bier der 
dißjunetine Schluß ebenfo wenig wie bei den Peri⸗ 
patetikern eine eigene dem hypothetiſchen coorbinierte 
" Species, fondern fällt noch als die eine Abtheilung 
unter die Vorausfetzungsſchlüſſe; ganz eigenthümlich 
aber ift daB Verhältniß und die Stellung biefer 
letzteren überhaupt zu den kategoriſchen Schlüflen. 
Außerdem werben fehr viele Taͤndeleien in der Syl⸗ 
logiſtik mit den Sangfchläffen aller Art erwähnt, und 
ed nehmen die Stoiker den ganzen Schag dieſer rho⸗ 
torifchen: Kunfiflüde, wie er ſchon bei den Sophiften 
und ben Megarifern fidy zum Theile ausgebildet hat, 
firmli in bie Theorie auf, indem fie für jebe 
mögliche Form einen technifchen Ausdruck aufſtellen. 
So geftaltet füch bier ein Intereſſe der KRhetorik an 
der Logik (Cicero's Topik), und in die Gefchichte 
der lepteren tritt Manches aus dem Gebiete der 





3ER. 


erfleven «in, ſowie an bie Auffafiung ber gar). fih 
Grammatiſches anlehnt. — Die fpätere Stoa, ;. 
8* art, iſt ſchon gleichgültig gegen die Logik 
als folche. . 


Die fpäteren Peripatetiler, welche fe an 
ber Anficht halten, daß die Logik nur Organon der 
Philoſephie fei, werben ihrerfeitd wieder vow ben 
grammatifchen Auffaflungen der Stoa berührt, was 
fi namentlich im ihrer Lehre von ben verfchiedenen 
Arten der Säbe fowie in ben Gontroverfen über 
Conträr und Contradictoriſch zeigt; von Einfluß für 
die mittelalterliche Logik ift, daß fie den hypotheti⸗ 
fben und bisjunctiven Schluß bereit vor den ka⸗ 
tegorifchen fielen. Won großer Wichtigkeit für bie 
Kenntniß der Logik jener Zeit find fämmtliche Schrif: 
ten des Galenus, da derfelbe Überall, auch bei rein 
mebicinifchen Gegenfländen, von ber vorhandenen 
logifhen Technik audgefprochener Weiſe Gebrauch 
macht; wir finden bei ihm, welcher allerdings nicht 
als reiner Peripatetiker, ſondern als Synkretiſt, zu 
betrachten iſt, ſchon die Anſicht, daß die Kategorien 
der Anfang der Logik ſeien, und höchſt wahrſcheinlich 
bat auch er die nachmaligen Quinque voces ſchon 
mit denſelben in Verbindung gebracht; über das prin- 
cipium identitatis . und feined Gleichen aber äußert 
er fehr gefunde Anfichten. Die Lehre vom Urtheile 
und ber Sonverfion und Contrapofition erfcheint bei 
ihm fehr ausgebildet, und in der Syllogiſtik behan⸗ 
delte er noch die oben erwähnten combinierten Schlüſſe, 
weiche das Mittelalter alsbald fallen lich; der dis⸗ 
junetive Schluß ifl auch bier von den Voraus⸗ 
fegungsfchlüffen noch nicht getrennt. 


(Schluß folgt.) 


Yußtetin der Pönigl. Akademie d. W. 
— — 1854 Re 15. 





Gelehrte Anzeigen. 
München. beransgegeben von Diitgliedern ri April. 
Nro. 47. der k. bayer, Afademie der Wiffenfchaften, 1854, 








Königl.- Akademie der Wiffenfchaften. 





(Schluß des Bulletins Nr. 14.) 
Hr. Prof. Prantl: Ueber Gefchichte der Logik. 


Daß die von M. Minad i. 3. 1844 aus eine 
Handſchrift vom Berge Athos herausgegebene -Hıa- 
Agxtız) Eisayayı) des Galenus nidt von Ga: 
lenus fei, muß Jedem auf ben erflen Blick Bar 
fein, nicht fo dem Herausgeber. Uebrigens iſt 
bie Schrift, welche fehr viel Storfches enthält, 
in Bezug auf die Form aber von Barbarismen 
wimmelt, ein hochſt merkwürdiges Document für 
Sefchichte der Logik, fo 3. B. macht ber Verfaſſer 
berfelben wirklich fo fehr mit ben Kategorien felbft 
für die Splogiftif Ernfl, daß er eigene Spllogiömen 
des Wo, des Bann, des ndoyew, Exew u ſ. f. 
entwidelt. Was Minas von ber vierten Schluß: 


figur, welche in diefem Compendium gelehrt werde, 


fagt, ift eitel Gerede. Eine gewiffe auffallende Aehn⸗ 
lichkeit aber mit dieſer Eisayoyı hat in manchen 
Puncten die Schrift des Appulejus de interpreta- 
tione, welche zwar ohne allen Verſtand und ohne 
alle Kritik verfaßt ift, Aber einigen Auffchluß dar: 
bietet, wie damals die Logik in den Schulen bes 
handelt worden fei; 3. B. die Quinque voces kom⸗ 
men bier fchon ganz auögefprochen vor. Auch glaube 
ih, daß aus biefem Büchlein des Appulejus ſich 
dad Mäthfel über die Entſtehung der vierten Schluß: 
Agur auf fprahlihem Wege löfen läßt, wenigftens 
if fo viel gewiß, daß irgend ein Scholafticus mit 
gleihem Rechte aus Appulejud biefe Figur hätte 


herausfinden Bönnen, wie diefelbe in irgend einer 
Schrift des Galenus wider Willen des Galenus 
mag entdeckt worden fein; das zweideutige Ber: 
dienſt liegt jedenfalls auf Seite derjenigen, welche 
die vierte Zigur aus älteren Schriften heraudge- 
lefen haben, fowie auf Seite Jener, welche fagen, 
Ariftoteled habe fie überfehen. Uebrigens fchöpften 
aus diefer trüben Quelle, die im Buche des Ap⸗ 
pulejus fließt, Martianus Gapella und Iſidor. 


In die Beit der Commentatoren: nun fällt 
jene Behandlung ber Logik, welche für das Mittel: 
alter und namentlich für die Entſtehung der Schuls . 
Gompendien von befonderem Ginfluffe war, wenn 
auch letztere, wie wir fogleich fehen werben, aus 
ganz verfhiedenen Quellen zufammengefloffen find. 
Zunächſt flellte fi) eine metaphyſiſche Geltung‘ der 
Kategorien fhon durch die Controverfen mit den 
Stoikern und Neuplatonifern ein, und bie vielen 
Streitigkeiten über einzelne oder mehrere Kategorien, 
wovon Simplicius berichtet, find nur ein Vorſpiel 
der fcholaflifhen Ontologie. Aber daneben wurde 
durchgängig die Anficht feftgehalten,, daß die Kate: 
gorien, foweit ſie onuevrıxal yavei find, zur Logik 
gehören, denn nur dad onnawönsvov fält der Me: 
taphyſik anheim (Nominaliemus); und auf biefe 
Weiſe dann bilden bie Kategorien die inleitung 
der Logik mit Bewahrung des floifhen Standpunc- 
tes, daß das Einfache vor dem Zufammengefesten 
zu behandeln ſei; und es kehrt wirklich unzähligemal 
bei den Gommentatoren eine ſolche Angabe ber Reis 
henfolge ber logifchen Disciplinen wieder, ja ed wird 
wegen des ununterbrocdhenen Bufammenhanged ber 


XXXVII 47 u 


879 


menfchlichen Geiftesthätigkeit fogar bie ewige Selig⸗ 
keit von ber Kenntniß der Kategorien abhängig ges 
macht. Aber eben nun, foweit die Kategorien on- 

navsıxai find, fallen fie in die menfchliche Rede, 
“An den Sag, hinein (noch immer Nachwirkung bed 
platonifchzariftotelifchen Dialektiſchen), und hier war 
dann bie PVeranlaffung gegeben, daß mit dem rhes 
torifchen WBetriebe der Logik, wie er fih an die 
fletö bearbeitete Topik anfchloß, nun auch die Bes 
handlung der Kategorien fich verknüpfte, und bied 
iſt die Bedeutung und die Tendenz "ber Eicayayı) 
oder der Quinque voces des Porphyrius, weil eben 
jeded Urtheil nur eines jener fünf Momente außs 
fprechen könne. So alfo wird ber Inhalt der Topik 
die Einleitung zu ben Kategorien. Diefen Bufam: 
menhang der Quinque voces und ber Kategorien 
mit der Topik fprach jener Ariſtoteliker völlig richtig 
und confequent auß,' welcher verlangte, ed folle bei 
dem logiſchen Unterrichte auf die Kategorien fogleich 
die Topik, und dann erft die Lehre vom Urtheile 
. und Edhluffe folgen. Durch jene Quinque voces 
aber nun enthält die Schrift des Porphyrius, wel: 
che allbekanntlich eines der verbreitetfien Schulbücher 
bed Mittelalterd wurbe, bie Lehre vom Begriffe, 
und zwar nur biefe; wenn auch bie Umkehrung bes 
forochen wird, fo ift fie da nur im Dienſte des 
edıov. Und da denn nun feit der Stoa der Be: 
griff einmal vorausgeftellt war, fo wird bie Eloo- 
yoyn auch factifh die Einleitung bed Iogifchen Uns 
terrichted. Porphyrius alfo giebt nur das eine Drittel 
der Compendien- der formalen Logik, wobei aud) 
fhon bie ontologifhe Geltung der Kategorien ber 
mittelalterlihen Metaphyſik binübergewiefen war. 
Woher nun bie anderen zwei Drittheile? Manche 


Controverfen über bie dueyopa, über den conftituis' 


renden oder disjunctiven Unterſchied, oder die nach 
den Quinque xoces burdgeführten reichhaltigften 
Eintheilungen unb Tabulae logicae ließen erwarten, 
daß aus Porphyrius eine audführlihe Theorie bed 
bisjunctiven Urtheiles fich entwidle: aber es findet 
fih davon Feine Spur, und auch ein Experiment, 
mit jeder Kategorie die Negation zu verbinden, 
fcheint für die Lehre vom Urtheile unfruchtbar ge: 
blieben zu fein. Alles, was fih an die Quinque 
voces anfchloß, diente nur ber Lehre vom Begriffe. 


Hingegen Tiegt bei ben peripatetifch gefinnten Kom; 
mentatoren ein reiches Material aller möglichen Er: 
wägungen Betreffö der Lehre vom Urtheile vor, 
welches aber nicht unmittelbar in bie Unterrichts: 
fhulen, und alfo auch nicht in die formale Schul: 
Logik übergieng, fondern Sache gelehrter Thätigkeit 
war. Hiebei finden wir bei ben firengeren Peripa- 
tetikern, unter welchen natürlich Alexander ber firengfte 
if, fogar manches Zurücklenken zu einer reineren 
Lehre in Ausfcheidbung grammatifher Auswüchſe, 
während die eigentlich Logifchen Zunctionen, z. B. 
des Urtheiled in Qualität, Quantität, Modalität, 
Converſion, Oppofition, Contrapofition, ausführlid 
erörtert und förmliche Canones aufgeflelt werben. 


Ein nidt:ariftotelifcher Beftandtheil aber in der Lehre 


vom Urtheile, welcher aud der Stoa vererbt war, 
blieb in ber Lehre vom bupothetifhen und disjunc⸗ 
tiven Urtheile, immer aber noch mit Unterordnung 
bed Ichteren unter das erflere. In der Syllogiſtik 
erfennen wir bie Schwäche und Schulmäßigkeit in 
plumper Polemik gegen den Inductions-Schluß, for 
wie die fpisfindige Bodenloſigkeit in der Caſuiſtik 
über maior und minor, und außerdem find die by: 
pothetifhen und bisjunctiven Schlüſſe immer noch 
ein Lieblingd:&hema. Aber eben die Syllogiſtik nun 
hatte wieber für bie Rhetoren:Schulen einen Werth 
und wurde dort auch reich betrieben, wie manche 
klagenden Audrufe Über wirkliche Schulfuchſerei bei 
ben Beitgenoflen zeigen. Unb da waren nun zu 
diefem Behufe Schul: Compenbien nöthig; aber in 
Diefen wird von ber Lehre vom Urtheile eben nur 
dad Nothdürftige aufgenommen, db. h. die Lehre von 
der Umkehrung, und ed erfcheint da dad Urtheit in 
Peinerlei Weiſe felbfländig, fondern nur im Dienfte 
der Syllogiſtik. Es beſteht zwifchen biefen Com: 


. pendien und ber Sfagoge bed Porphyrius kein Zu: 


fammenhang. (Solcher Compendien find und einige 
im Gefolge ber Commentatoren überliefert.) — Alfo 
floß in letzter Inſtanz die in den Schulen übliche 
Logik beiberfeitd aus der Rhetorik, aber in verſchie⸗ 
dener Weife: die Kategorien unb die Ifagoge aus 
der Topik, die Lehre vom Urtheile aber, ſoweit fie 
in den Schulen da ift, und die Lehre vom Schluffe 
aus ber rhetorifchen Didciplin von ber argumenta- 
tio. Ein Zufammenhang beider unter ſich oder mit 


381 


einem gemeinfchaftlichen Principe der ganzen Logik 
beſteht nicht, daher auch der feholaftifche Unfug in 
Voranftellung der fogenannten brei Principien oder 
der Voraudfchiebung einer pfychelogifhen Ginleitung 
fi) -nirgends findet, wenn auch Gelegenheit genug 
gewefen wäre, ſolches anzuführen, falld ed in der 
Schule esiftiert hätte. Aber Ein Compilator iſt es, 
welcher dieſe zwei Beſtandtheile der Iogifchen Dis⸗ 
. äplin nebeneinander, ja auch einzelne Theile berfel: 
ben monographifch, behandelte, — Boẽthius, und 
von ihm führt der Weg zu Scotus unb übers 
haupt ind Mittelalter. Später erft bereichert ſich 
die Dideiplin durch) Kenntnißnahme des in ben 
Schulen felbft nie gefannten Ariſtoteles und ſei⸗ 
ner Gommentatoren buch die Xermittlung ber 
Araber, und bier zeigte dann bad Mittelalter fein 
ihm überhaupt eigenthümliches Beſtreben, das Un: 
begreifliche begreiflich zu machen, aud darin, daß 
es in dad unorganifhe wie vom Winde zufammen= 
getragene Material der Logik „Methode“ bringen 
wollte, und es bilden ſich, befonderd durch die Pa: 
duaner⸗Schule, jene logifchen Compendien, welche 
die allbekannten drei Theile enthalten und ſämmtlich 
fortan nur unbedeutende Variationen des Einen The⸗ 
mad audmachen. 





Rede des Geheimen Rathes Sr. v. Thierfch, 
vorgefragen bei der 95 Stiftungsfeier der 
fönigl. Akademie der Willenfchaften am 28 
März 1654 mit Nachweilen über die neue: 
ften Erfolge der durch die Akademie geführten 
naturiiffenfchaftlichen Erforfhung des König: 
veicheß, ‘ 





Wir feiern heute durch diefe feftliche Berfamm: 
lung den 95 Stiftungdtag der k. Akademie ber 
Wiffenfchaften, deren Urkunde von Churfürft Mas 
rimilian Sofepb am 28 Mär; 1759 zu einer 
Zeit vollzogen wurbe, wo bie ebelften und beften 





Männer in Bayern, an ihrer Spige Kreitmeyer 
und Lori von dem WBerlangen ergriffen waren, in 
ihrer Heimat ber geifligen Bevormundung eines 
mächtigen Ordens ein Afyl freier wiffenfchaftlicher 
Thätigkeit und Zorfhung entgegenzuftellen, und da⸗ 
durch an ber heilverfündenden Bewegung für Wif- 
fenfchaft und Bildung Theil zu nehmen, deren Mor: 
gen bamald über Deutfchland aufgegangen war. 

Die Stiftungsurkunde athmet den Geift fürft: 
lihen Wohlwollens, und zeugt von hoher Achtung 
für die Wiffenfchaft und von Marer Einfiht in bie, 
Bedingungen, ohne welde zumal in jener Epoche 
eine folhe Stiftung nicht gedeihen konnte. 

Die Akademie wird mit äußeren Ehren und 
Auszeichnungen umgeben, nad dem Bedürfniß jener 
Zeit reichlich ausgeſtattet, mit voller Freiheit der 
Wahl aller inländifhen und auswärtigen Mitglieder 
ohne Unterfchied der Gonfeflion betraut und von ie: 
der Genfur ihrer Schriften befreit. 

Am: Schluffe übergiebt der Stifter fie der Theil: 
nahme und Zörberung bed Landed mit den Worten: 
„So befehlen Wir allen und jeden Unferer Unter: 
thanen, welche vermög aufhabender Unferer Bedie⸗ 
nungen ober fonft aus eigenen Einſichten Unfere 
Akademie befördern koͤnnen, Cfolger) um fo lieber 
allen Beiftand und Vorſchub zu leiften, je gewifler 
wir eined jeden Verdienſte Cum fie) mit churfürftlis 
hen Gnaden und Beförderung vor andern zu ers 
kennen geruben werben.“ 

Die junge Anflalt wurde von den Parteien im 
Innern mit getheilter, vom übrigen Deutfchland mit 
allgemeiner Freude begrüßt und gedieh unter ber 
weifen und milden Pflege ihres Gründers zum Wohle 
und zur Ehre des Landes. | 


Nachdem im Laufe der Zeiten unter Karl Theo⸗ 
dor fie durch Beſchraͤnkung ihrer freien Bewegung 
gelitten hatte und zugleich bad Maßverhältniß zwi: 
ſchen ihren Mitteln und ben Anforderungen der rafch 
fortfchreitenden Wiflenfchaften immer grellee hervor: 
getreten war, erfolgte unter einem zweiten Maris 
milian Joſeph ihre jenen Bedürfniſſen und der 
Würde ded zum Königreiche erhobenen Staated ent: 
fprechende Erweiterung und Vermehrung ihrer Hülfs- 
mittel durch die Urkunde vom 1 Mai 1807, welche 


388 . 
ß: . ” 


von ber Erklärung eingeleitet wird, „die Erfahrung 
aller Zeiten habe bewährt, daß die Erhöhung des 
Mohlftandes eines Staates durdy eine manigfaltige 
und volllommene Benügung der phyſiſchen Vortheile 
feined Bodens und feiner Lage mit der geifligen Aus⸗ 
bildung feiner Einwohner immer gleihen Schritt 
gehalten babe, und daß die Zunahme dieſes Wohl- 
ſtandes immer von dem Grade abgehangen, in wel: 
hem die Wiſſenſchaften in einem folhen Gtaate 
betrieben , die Entdedungen und Cıfindungen ber 
Bors und Mitwelt der Aufmerkfamkeit und An: 
wendung gewürdiget und Veranlaſſungen und An 
triebe gegeben wurden, zum WWetteifer in dieſen 
Beftrebungen gegen andere Staaten nicht zurückzu⸗ 
bleiben.“ 


Wir übergehen an biefem Orte, was in den 
fpätern Jahren genannter Regierung, dann unter 
der folgenden durch die Organifationd:Urkfunde vom 
21 März 1827 die Akademie an formellen Umgeftal- 
tungen erfahren hat, um fo mehr, da durch dieſel⸗ 
ben das Innere, d. i. die freie Bewegung bed 


wiflenfchaftlichen Betriebes unter ben von ihr ges 


wählten oder ihr zugewiefenen Mitgliedern nicht 
geftört wurde. — Daß aber durch jene Urkunde, un: 
ter welcher wir noch jego flehen, die von ber Aka⸗ 
demie theild gegründeten, theild erweiterten. wiſſen⸗ 
fhaftlihen Anftalten des Staates von ihr getrennf 
und unter einem Generalconfervatorium vereiniget 
wurden, barf eher als ein Gewinn betrachtet wer: 
den, ba bie Akademie dadurch der abminiftrativen 
Verantwortlichkeit enthoben wurde, während auch in 


dem neuen Verhältnifle jene Anftalten und Samm: 


lungen nicht aufgehört haben, als die ihr zu ihren 
Arbeiten nothwendigen Attribute betrachtet zu wer: 
den; indeß wurbe dadurch eine Außfcheidung der 
Hülfdmittel für das Generalconfervatorium ber wif: 
fenfhaftlihen Sammlungen bed Staates und bie 
Akademie der Wiffenfchaften herbeigeführt, und ber 
Akademie blieb für ihre WBedürfniffe nur die Summe 
von jährlichen 12,000 fl. zur Verfügung, welche zwar 
für ihre unmittelbare Thätigkeit und für den Drud, 
die Honorierung u. Audflattung ihrer Reben und Denk⸗ 
f&riften, für die Herausgabe der Annalen der Stern: 
warte und ber Monumenta boiea, ebenfo für ihre Ber: 


3 
waltung binreichen, nicht aber für ben Drud ihrer Bub 
letins noch für Die ihr Durch dad neue Statut zugewieſene 
Herausgabe einer Literaturzeitung, nicht für die anti: 
quarifche Unterfuchung des Königreidyed durch die erſte 
Claſſe, nicht für die naturwiſſenſchaftliche Erforſchung 
des Koͤnigreiches durch die zweite, nicht für die 
Herſtellung eines topographiſch-hiſtoriſchen Lexikons 
von Bayern durch die dritte, noch endlich zur Un⸗ 
terſtützung rühmlicher und wichtiger literariſcher Un: 
ternehmungen , für welche der Akademie zu Berlin 
aus eigenen Fonds jährlih 5000 Thaler, der k. k. 
Alademie zu Wien eine noch größere Summe und 
bie Hülfe der großartigen Hofbuchdruderei zur Ver: 
fügund ftehen. 

. Mit Hohem Pöniglihem Vertrauen hat Seine 
Majeſtät unſer gegenwärtig herrſchender Beſchützer, 
gleich in der erſten Periode ſeiner Regierung, die 
Akademie in die volle Freiheit der Wahl ihrer Mit⸗ 
glieder wieder eingeſetzt und mit nicht genug zu 


preiſender Bereitwilligkeit iſt Er und find nach ſei⸗ 


nen Beifungen die Vertreter und Vollſtreder des 
koͤniglichen Willend bemüht, dem eben berührten 
Mangel zu Hülfe zu kommen. 

Einzelne Unterflügungen literarifcher Werke und 
des Drudes der gelehrten Anzeigen wurden aus an: 
bern verfügbaren Mitteln gewährt, die naturwiffen: . 
Thaftliche Erforfchung des Königreiches, beren neueſte 
Refultate in zwei wichtigen Werken heute zur Vorlage 
fommen, wurbe burch Anweifung auf ben leider in 
früherer Zeit überbürdeten Nefervefond ermöglicht, ber 
botanifchphytologifche Theil derfelben durch Beiträge 
des k. Staatöminifteriumd für Handel und öffentliche 
Arbeiten gefördert und bie naturwifienfchaftlich tech: 
nifche Commiſſion bei der Akademie fortdauernd durch 
großmüthige Unterflügung aus der k. Cabinetscaſſe in 
ben Stand gefegt, ihre eben fo wichtigen ald um: 
faffenden Unterfuchungen zu verfolgen, während durch 
die Erweiterung bed chemifchen, die neue Gründung 
des phnfiologifhen Inſtitutes unferer wiſſenſchaftli⸗ 
hen Thätigkeit neue Wege geöffnet und ihr auch 


‚in diefem Jahre neue Kräfte zur Verfügung geftellt 


wurden, 
(Zortfegung folgt.) 








Bulletin der koͤnigl. Akademie d. W. - 








Gelehrte 
München. 


Nro. 48. 


Lv 


herausgegeben von Mitgliedern 
der &, Bayer, Akademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen. 
21, April. 





Königl. Akademie der Wiffenfchaften. | 





Rede, vorgetragen bei der 95 Stiftungsfeier 
der f. Akademie der Willenfchaften am 28 
Marz 1854. " 





(Zortfeßung.) 

Da aber die durch jene Aufgaben und biefe 
neue Schöpfungen gehobene Stellung und ermeiterte 
Thätigkeit der Akademie und ein ihrer Kraft und 
Bereitwilligkeit entſprechendes Gebeihen von ber Er: 
weiterung und Confolidierung ihrer Fonds abhängig 
find, fo bürfen wir die gegründete Hoffnung hegen, 
daß ed ber bewährten Sorgfalt ber E. Behörden 
gelingen werbe, unter Eöniglicher Aegide die Hin: 
dernniffe, welche früher diefem Wunſche von anderer 
Seite entgegengeftellt wurden, zu befiegen unb da⸗ 
durch die in großem und freiem Geifle gegründete 
Stiftung am Schluffe ded erſten Jahrhunderts ihtes 
Beſtandes einem geficherten und reichen Gebeihen 
entgegenzuführen. 


Die Akademie begriff gleich bei ihrer Stiftung 
die Wiſſenſchaften, welche man gegenwärtig als bie 
Wiſſenſchaften des Geiftes und der Natur zu be: 
zeichnen und zu trennen gewohnt ift, in jener un: 
trennbaren Genoſſenſchaft, durch deren Wahrung 
und Pflege allein Kraft und Gefundheit ded ganzen 
von ihnen getragenen idealen Organismus des menfchs 
lihen Geſchlechtes bebingt if. 


Die. Naturwiflenfchaften haben ſeitdem ihr Ges 
biet in das Unermeßliche erweitert. Sie haben durch 
Entdedung neuer Naturkräfte und durch die Anwens 
bung ihrer Geſetze früher nicht geahnte Quellen 
des Wohiflandes und des Reichthums den Staaten, 
wie ben Einzelnen geöffnet. Sie feiern darum uns 
ter allgemeinem Zuruf ihren Triumphzug durch Eu⸗ 
ropa, ber in näcfter Zukunft feine Trophäen auch 
unter und entfalten wird. Viele haben fogar fie 


= 


ald die allein geltenden betrachtet und dargeſtellt, 


gegenüber von welchen der Glanz ber Philofophie, 
ber Literatur und der Gefchichte verblaffe. Wer aber 
mit ber Arbeit und den Erfolgen auf biefem andern 
Gebiete vertraut iſt, dem ift nicht verborgen. geblies 
ben, daß auch auf ihm Neugeflaltung und Erfolg, 
wenn glei) weniger greifbar, doch nicht gerins 
ger find, daß die Philofophie daB Wefen des Geiftes 
und feiner Offenbarungen und die Gränzen des Ers 
Pennbaren fchärfer wie je beflimmt hat, daß bie 
Sprachkunde bis in die fernften Zonen lebender, 
und bis zu den .entlegenften Gräbern unterges 
gangener Völker vorgedrungen ift, die Werke ihres 
Seiftes erfchlofien und den Zufammenhang ber neben 
und nacheinander auftretenden Nationen in Abſtam⸗ 
mung und Verwandtfchaft, in Spradhe, Sitten und 
Formen des Öffentlichen Lebens, in Kunſt, Wiſſen 
und Glauben enthüllt hat, daß die Gefchichte unterftügt 
von großartigen Entdedungen im Drient in Verbin: 
dung mit Philologie die Nacht der Vergangenheit 
über feinen Ländern erhellt, daß fie durch Erſchlie⸗ 


ßung und weife Benügung bis dahin verfäumter 


Quellen der mittleren und neueren Zeit, die Kunde 
diefer Epochen fefter begründet und durch tief ein⸗ 
XiXVII 48 


387 
dringende Darflelung neugeflaltet, daß die Wiffen- 
fhaft des Geiſtes in ihrer Ausbreitung auf Unter: 
richt, Erziehung, Gefehgebung und Politif, durch 
Wahrung und Vertretung freier Forſchung und durch 
Seftaltung edler Geiſteswerke ihren urfprünglichen 
Rang und Einfluß in dem mächtigen Reiche höhe: 
rer Bildung würdig behauptet hat. 


Nur da, mo man unbeirrt von ber Gewalt bed 
Greifbaten und unmittelbar Nüglihen, bad Weſen 


und Verhältniß beider auf Erforfhung der Natur . 


und des geiftigen Gebietes gerichteten wiſſenſchaftli⸗ 


hen Beſtrebungen in das Auge faßt, und in ihrer | 


unlösbaren Zufammengehörigfeit begreift, wirb man 
den wahren Charakter der Wiſſenſchaft zu verftchen 
und nad dem Auddrude unferer erſten Stiftungs⸗ 
Urkunde ihre „Ehrenwürdigkeit“ anzuerkennen befugt 
und bereit fein. Keine Anftalten find mehr berufen 
und mehr geeignet, jenen innern Verkehr von bei: 
ben zur Geltung zu bringen und zu wahren, als 
die auf beide gegründeten und zu ihrer gemeinfamen 
Dflege verpflichteten Akademien der Wiflenfchaften, 
zumal, wenn fie gleich der unfrigen fich des Glückes 
erfreuen, unter dem Schuge und der Fürforge eines 
Monarchen zu ftchen, welcher feine hohe Adıtung 
für die Wiflenfchaften, feine Anerkennung eined je: 
ben Verdienſtes auf ihrem weiten Gebiete und dem 
der Kunft und feine Pflege der für fie vorbereiten: 
den oder ihr dienenden Anflalten durch Thaten, 
würbig ber beſten Epochen der Gefchichte, zu vers 
Lündigen nicht müde wird. 


Wir gehen ernften Zeiten auch für die Wiſſen⸗ 
fhaft entgegen. Während der Boden ber europäl- 
[hen Staatenorbnung noch von den Erfhütterungen 
einer nahen unheilfhwangeren Vergangenheit bebt, 
haben ſich über unferem Horizont Gewitter aufge: 
thürmt, bie mit noch größeren Stürmen drohen, und 
verwirren fich durch tief eingreifende Antinomien mehr 
und mehr die Begriffe ber chriftlichen Völker über 
Dad, was unfern Vorfahren als dad Palladium ihrer 
Wohlfahrt heilig und jedes Kampfes würdig geach- 
tet wurde. 


An folcher Lage ergeht an diefe von der Weis⸗ 
heit der Vorfahren gegründeten unb unter bem er- 
lauchten Schutze ihrer Nachfolger gewahrten Anflalten 





wiffenfchaftlicher Erforfhung und Bildung mit er- 
böntend Ernfle die Mahnung, unbeirrt von bem Ges 
töfe äußerer Bewegung die ihnen vertrauten Güter 
mit voller Hingebung zu wahren, zu pflegen und 
bie Erfolge der Wiſſenſchaft nicht nur als die ver: 
jüngenbe, fondern auch als bie bewahrende Kraft 
menfchlicher Einrichtungen und Beſtrebungen und in 
ber flilen Zurüdgezogenheit ihrer Thätigkeit jene 
Freiſtatt zu zeigen, 
Welche der Sturm nicht erſchüttert, des Regens 
feuchtender Schauer 
Nimmer benetzt, noch der Schnee, des Froſtes 
eiſiger Sproͤßling, 
um welche von Wolken frei 
ſich des Aethers 
Reines Gewoͤlh ausdehnt und in reichlichen Strö: 
men das Licht ſtrahlt *). 


Die Akademie hat auch im verfloſſenen Jahre 
ihre Thätigkeit in feftbegründeter Ordnung regelmä⸗ 
fig fortgeführt. 

Anlangend die Organe ihrer Verwaltung, fo 
wurde der Vorſtand derfelben von Seiner Majeftät 
bem Könige auch für die nächfte dreijährige Periode 
beftätiget, und der Secretär der zweiten Claſſe durch 
die Wahl derfelben ebenfalls für die nächfte Periode 
von drei Jahren mit ber Führung ihres Secreta: 
riats betraut. 


Gebe der drei Elaflen bat fi durch Zugang 
neuer Mitglieder verflärkt, und über bas Verhältniß 
der nah Münden berufenen auswärtigen Mitglieder 
zu den refidierenden wurde allerhoͤchſte Entſcheidung 
gegeben. ine nöthig gewordene Reviſion unferer 
veralteten Gefchäftsorbnung ift eingeleitet und wird 
demnächſt zur Befhlußnahme und zum Antrag an 
die allerhöchfte Stelle gebracht werden. 


Unfere Verbindungen mit auswärtigen gelehr⸗ 


Fallend verhült, 


ten Geſellſchaften und Akademien haben ſich in ers 


1) Lucretius de-rerum natura 1. Ill. 18 ff.: 
Apparet divum numen sedesque quietae 
Quas neque concutiunt venti, nec nubila nimbis 
Adspergunt; neque nix acri concreta pruina 
Cana cadens violat; semper sine nubibus aether 
Integer et large diffuse lumine ridet. 





x " ” 
308 um - 


freulicher Art erweitert und ber dadurch begründete 
Tauſchverkehr alabemifcher Drudichriften, welcher alle 
wiffenfchaftlichen Länder von Europa, Amerika und 
Aſien umfaßt, fährt fort, die k. Hof: und Staats⸗ 
bibliothet mit werhvollen und zum heil koſtbaren 
Werken in fleigender Zahl zu bereichern. 


Dem Wunſche auswärtiger Behörben, wiſſen⸗ 
fhaftliher Anflalten und geiftliher Corporationen 
nach dem Befige unferer alademifchen Schriften hat 
die Akademie durch Ueberfendung einzelner oder grö⸗ 
Berer Folgen bereitwillig entfprochen, auch hat bie 
königliche Munificen; uns in ben Stand geſetzt, 
mehreren literarifchen Unternehmungen einheimifcher 
Gelehrten und ausmwärtiger Mitglieder und fürberlich 
zu erweifen 2). 


Die Thätigkeit der drei Glaffen folgt biefem 
georbneten Gange ber Verwaltung und in ihren 
Sitzungen find nicht nur die Arbeiten einzelner Mit: 
glieder, fonbern auch die wiflenfchaftlichen Aufträge 
ber oberften Böniglichen Behörden zur Berathung 
und Belchlußnahme gelommen. Bon diefen werden 
hier namentlich ber Bericht über einen neuen, für 
das ganze Land berechneten Altoholometer und ber 
Entwurf der SInftruction zu feinee Einführung wes 
gen ihrer weitgehenden Wichtigkeit angeführt °). 


Bon ihren Arbeiten ift ein Theil in den neuen Ab: 
theilungen der Denkfchriften, beren neunzehnter Band 
fih im Drude befindet, ein anderer in den Bulle: 
tins ber Elaffenfigungen, welche mit ben gelchrten 
Anzeigen verbunden find, erfchienen, neben welden 
Diefe Anzeigen felbfi, begleichen die Monumenta 





2) Unterftügung wiſſenſchaftlicher Werke und Reifen 
wurden auf Antrag der Afademie durch das F. 
Staatsminifterium für Eultus und Unterricht theils 
aus akademifchen, theild aus andern verfügbaren 
Mitteln beiwillige. Dem Antrage geht eine Prü: 
fung der Claſſe voraus, zu welcher der Gegenſtand 
gehört. Die Initiative dazu wird gewöhnlich vom 
k. Minifterium gegeben. 


Ueber die Arbeiten der über diefen Gegenſtand nies 
dergefebten. Commiſſion berichtet das Bulletin der 
Sigung der zweiten Claffe Nr. 9 p. 335. 336 der 
gel. Anzeigen. 


3) 


= 3% 


boiea und bie Annalen ber Sternwarte ihren uns 
geflörten Fortgang haben *). 


4) Wir liefern bier die Zufammenftelung des Inhaltes 
der drei Bände der Denkichriften (des fechften jeder 
alle) deren Drud in die legte dreijährige Periode 





Erfte Claſſe. Drientalifhe Literatur: 
Ueber einige eingefchobene Stellen des Vendidad, 
von Sriedrih Spiegel. — Der neungehnte Far: 
Hard des Vendidad, von demfelben. — Grie 
chiſche Sprache und Literatur: Disguisitio- 
nes de analogiae graecae capitibus minus cognitis. 
Scripsit Fr. Thiersch. — Studien zu Thucydi⸗ 
Des von Beorg Thomas — Ueber die Probles 
me des Ariftoteled von Karl Prantl. — Ueber 
die Rhetorik des Ariftoteles von Leonhard Spens 
gel. — Ueber die in Demoftpenes Rede für die 
Keane enthaltene Grabfchrift auf die bei Chäronea 
gefallenen Athender von 3. v. ©. Fröhlich. — 
Griechiſche Archäologie: Ueber das Erechtheum 
auf der Burg von Athen. Zweite Abhandlung (mit 
"architeftonifchen Zeichnungen von Eduard Metzger) 
von Fr. Thierſch. — Die Geologie der Griechen 
und Römer. Ein Beitrag zur Philofophie der Ge: 
fhichte von Ernft v. Laſaulx. — Lateiniſche 
- Kiteratur: Ueber einige Gedichte des Valerius 

Catullus von 3. v. ©. Fröhlich. — Romani: 
fhe Literatur: Ueber ein Fragment des Guils 
laume d’Drenge von Conrad Hofmann. — Nad: 
träge und Berichte dazu von ebendemfelben. 

Die im Jahre 1853 vollendete erfte Abtheilung 
des fichenten Bandes enthält die Abhandlungen: 
Ueber die Urfagen der arifchen Völker von Friedr. 
Windiſchmann. — Zur Gefchichte und Ppilofo: 
phie der Che bei den Griechen von Ernft v. Ta: 
ſaulx. — Ueber die Entwidelung der ariftote: 
liſchen Logif aus der platonifchen Philofophie von 
Karl Prantl. — Aus der mittelalterlichen 
Numismatit: Die älteften in Koburg und Hild- 
burghaufen gefchlagenen Münzen von Franz Stre⸗ 
ber mit 2 Tafeln Abbildungen. Bon der 
zweiten im Druck begriffenen Abtheilung ift erfchies 
nen: Disquisitiones de analogiee graecae capiti- 
bus minus cognitis scripsit Fr. Thiersch. Pars 
secunda. — Der neunzehnte Fargard des Vendidad, 
IN. Abthl. von Sr. Spiegel. 

Der VI. Band der zweiten Claffe enthält aus 
den Rache der Chemie: Chemifche Unterfuchung 
der Adelpeitöquelle zu Heilbronn in Dberbayern von 
Mar Pettenkofer. — Phyſik: Ueber den 
Einfluß der Vegetation auf die Atmofphäre vom 
Auguft Vogel junior und W. C. Wittwer, 


— 


1) 3 


— lieber Bildung galvanifcher Kupferplatten vors 
zügli zum Zwecke der Galvanographie mittelft 
des Trommel s Apparate von Franz von Kobell. 
— Afteonomie: Befchreibung der von der Müus 
chener Sternwarte zu den Beobachtungen veriven: 
deten neuen Inſtrumente und Apparate von 9. 
Lamont mit 8 Tafeln. — Paläontologie: 
Beiträge zur Kenntniß der in den lithographiſchen 
Schiefern abgelagerten urweltlichen Zifche mit A Ta: 
fein von Andreas Wagner. — Befchreibung el: 
nee neuen Art von Ornithocephalus nebft Pritifcher 
Bergleichung der in der k. paläontologifchen Samm: 
Iung zu München aufgeftellten Arten aus Diefer 
©attung, mit 2 Tafeln, von ebendemfelben. 
— Charakteriſtik der in den Höhlen um Muggen⸗ 
dorf aufgefundenen urweltlichen Säugthier-Urten mit 
einer Tafel, von ebendemfelben. — Beiträge 
zur Unterfcheidung dee im füddeutfchen Lias vor: 
kommenden Arten von Jchthyofaurus mit 1 Tafel, 
von ebendemfelben. 

Don dem fiebenten Bande diefer Elaffe ift i. 3. 1853 
die erfte Abtheilung erfchienen. Sie enthält: Theo: 
retifhe Bemerkungen über die Geftaltungszuftände 
des Eifens von J. N. von Fuchs. — Weber 
Löthrorgebläfe und Die Eonftruction einer neuem Aeo⸗ 
lipife von Auguft Vogel jun. — Erklärung aller 
in einarigen Kryſtallplatten zwifchen geradlinig po: 
lariſirtem Lichte wahrnehmbaren Interferenz:Erfchei: 
nungen in mathematiſcher Form mitgetheilt (erſto 
Hälfte) von Georg Ohm. — Ueber Bau und 
Entwicklung der Eichen und Samen der Miſtel von 
L. C. Treviranus. Mit 2 Tafeln. — Verſuch 
eines Commentars über die Pflanzen in den Wer⸗ 
ken von Marcgrav und Piſo über Braſilien nebſt 
weiteren Eroͤrterungen über die Flora dieſes Reiches 
von K. Fr. Ph. von Martius. — Beſchreibung 
einer foſſilen Schildfröte uͤnd etlicher anderer Rep⸗ 
tilien⸗Ueberreſte aus den lithographiſchen Schie⸗ 
fern und dem Grünſandſteine von Kelheim von An⸗ 
dreas Wagner. Mit 3 Tafeln. 

Der ſechſte Band der hiſtoriſchen Claſſe liefert 
für die Kunde der Römerniederlaſſungen unter uns 
eine Abhandlung über die römiſchen Wartthürme 
in Bayern von Sebaſtian Mutzel, — für mittel⸗ 
alterliche Zuſtände: Culturgeſchichtliche Forſchungen 
über die Alpen vom 8 und 9 Jahrhundert von J. 


E. v0. Koch⸗Sternfeld. — Aus der baprifchen . 


Gefchichte: Ueber Dtto den Großen und feine Brü- 
der von J. Nep. Buchinger. — Ueber die Her: 
kunft und Genealogie der Grafen von Burghaufen, 
Scala, Peilftein und Mören von ebendemfel- 
ben. — Ueber den legten bayrifchen Landtag vom 
Sahre 1669 von Andreas Buchner, — ferner eine 
ausführliche Gefchichte der Landgrafen von Leuchten: 





berg in dei Abthellungen von ganz Mid. Witt: 

mann. — Außerdem: Ueber die Handelsverbindungen 

der Portugiefen mit Timbuktu von Frieder. Kunſte 
mann, — Ueber Golgatha und das heilige Grab 

(mit einem Schattenriß von Zerufalem) von Jacob 

Dpil. Fallmerayer. 


Die im Jahre 1853 erfchienene erſte AUbtheilung 
des fiebenten Bandes enthält die Abhandlungen: 
Ueber den Unterfchied der Sueven und Saſſen von 
Fr. M. Wittmann. — Das todte Meer von Zac. 
PH. Sallmerayer. — Line griechiſche Deiginal: 
Urkunde zur Gefchichte der anatolifchen Kirche. Schrei: 
ben des griechifchen Patriarchen Marimus von Cons 
ftantinopel an den Dogen Giovanni Mocenigo von, 
Denedig. Januar 1480. Bon Georg Martin Th os 
mad. — Nücdblid auf die DVorgefchichte von 
Bayern, als Anhang zu den culturgefchichtlichen 
Forſchungen über die Alpen vom 9 bis 11 Jahr⸗ 
hundert. Mit genealogifchen Schemen. Bon 3. E. 
Ritter von Koh: Sternfeld. . 

Es ift die Vorkehrung getroffen, daß jede Abhand⸗ 
lung der Denkfchriften in befonderen Abdrücken mit 
eigenem Titel und befondereer Paginierung in den 
Buchhandel Fommt und allein bezogen werden kann. 

Don den Monumentis boicis ift an die Vollens 
dung bed Index generalis im Jahre 1852 das 
Urbarium ducatus Baiuariae antiquissimum (a. 
1240) als Vol. XXXV. gefchloffen worden. Der 
nächfte im Druck begriffene Band wird die übrigen 
bayerifhen Salbücher des k. Archivs enthalten. — 
Die Unnalen der k. Sternwarte bei München von 


J. Lamont find im Sabre 1850 mit dem vier: 


ten Bande, im Sabre 1852 mit dem fünften, und 
im vergangenen Jahre mit dem fechiten (der - voll: 
ftändigen Sammlung 17. 18. 19) fortgefeßt wor⸗ 
den. Ebenderfelbe Hat im Jahre 1851 auf aFade: 
mifche Koften Beobachtungen vom Peißenberg heraus: 
gegeben, welche fich in den handfchriftlihen Vorrä⸗ 
tben der Akademie vorfanden. Sie haben den Vorz 
zug, daß fie eine fortgchende (nur an einigen Stel⸗ 
len lückenhaft gewordene) Beobachtung von mehr 
als fünfzig Jahren umfaffen, und mit großer Sorgfalt 
und mit denfelben Inſtrumenten gemacht worden find. 
Sie tragen den Titel: Beobachtungen des meteo: 
reologifchen Obfervatoriums auf dem hohen Peißen: 
berge von 1792 — 1850, auf öffentliche Koften 
herauögegeben von 5. Lamont. — Erſter Cup: 
plementband zu den- Annalen der Münchener Stern: 
warte. 


(Sortfegung der Nede und Schluß der Note im nüch 


ften Blatte.) 


— ü— 


Yulletin der koͤnigl. Akademie d. W. 








1854 Rr. 17. — \ 
Gelehrte Anzeigen 
München. beransgegeben von Mitgliedern 24. April. 
Nro. 49. der F, bayer. Akademie der Biffenfhaften 1854. 





Königl. Akademie der Wiffenichaften. 


Kede, vorgetragen bei der 95 Stiftungsfeier 
Der k. Akademie der Wilfenfhaften am 28 
März; 1854. 





(Zortfesung.) 
Die naturwiffenfchaftlich = tehnifhe Commiſſion 
bei der Akademie hat ‚fih bei Förderung der von 


(Schluß der Note 4.) 

Akademiſche Reden diefed Zeitraumes: 1851. 
Ueber die wiffenfch. Thätigfeit der P. Akad. dv. W. 
während 1848 bis 1851, von Fr. v. Thierfc, 
— Gchilderung der Naturverhältniſſe in Süd⸗Abyſ⸗ 
finien, von 3. R. Roth. — Denkrede auf 9. Fr. 
Einf, von E. Fr. PH. v. Martins — Die Ser; 
manen und die Nömer.in ihrem Wechſelverhältniſſe 
vor den Falle des Weftreiches, von Jr. M. Witt: 
mann. — 1852. licher die wiffenfchaftliche Seite 
der praft. Thätigkeit nebſt bioge. Nachrichten über 
die Akademiker v. Reichenbach, v. Zraunbofer und 
v. Roth, von Fr. v. Thierfch — Die gegen: 
wärtige Aufgabe der Philoſophie, von C. Prantl. 
— Rede zur Vorfeier des h. Geburtöfeited Sr. 
M. des Königs Maximilian II. nebſt einer Dar: 
ſtellung über das Leben und Wirken von 8. A. 
Schmeller, von Fr. v. Thierſch. — Ueber den 
Chemismus der Vegetation, von A. Vogel jun. 
— 1853. Rede zur 94 Stiftungsfeler der k. Akad. 
dv. W., von- Fr. v. Thierſch. — Afrika vor den 
Entdechmgen der Portugieſen, von Fr. Kunſt⸗ 
mann. — Rede zur Dorfeier des h. Geburtöfeites 
Sr. M. des Königs Marimilian IF, von Ar. v. 


ihr ſelbſt gewählten Aufgaben und ber ihr zugegans 
genen naturwiffenichaftlich:technifhen Probleme fort; 
bauernd der 8. Munificenz zu erfreuen gehabt, und 
bie uns ebenfalld zugewiefene naturwifienfhaftliche 
Erforfhung des Königreiches °) hat im Laufe des 





Thierfh. — Die claffifhden Studien und ihre 

Gegner, von 3. ©. Krabinger. — Die Bewe: 

gung ber Bevölferung in Bayern von dr. B. W. 

v. Hermann. 

5) Der Antrag zur naturwiſenſchaftichen Erforſchung 
des Königreiches war in Folge der Entlaſtung des 
Mannheimer : Refervefonds von einer Leibrente im 
Betrag von jährlich 1200 fl. am 14 Januar 1849 
Seitens der k. Akademie geftellt worden, welche 
diefe Rente für genannten Zweck in Anſpruch nahm. 
Nach DBerathung des Ganzen und Einzelnen durch 
eine Commiſſion der II. Eloife wurden als Sparten 
jener Erforfchung: 

1) die meteorologiich:magnetische durch Hrn. Con: 
feervator Lamont, 

2) die budeodbonamifche Puch Hrn. Gonfervator 
Steinbeil, 

3) die mineralogijch: geoguoftifche dur die Hrn. 
CEonfervatoren Schafhäutl und Franz von 
Kobell,- 

4) die phytologiſch-botaniſche Durch Den, Conſer⸗ 
vatur v. Martiuß, 

5) die zoologifch:paläontologifche durch Hrn. Con: 
fervator Undreas Wagner zu beforgn — 

bezeichnet ; über deren Behandlung von den mit 

ihnen Betrauten einläßliche Berichte geliefert wurden. 

88 Fam auf je eine diefer Sparten nur der jäprliche 

Betrag von 306 fl. (die fünfte Sparte ward auf bie 
Regie der afademifchen Eaffe Überwiefen, Summen, 
weiche bei Unternehmen, die durch umfaſſende Reifen 

XXXVIII. 49 


395 — — 396 


erſten Jahres zur Vollendung von zwei Werken ge⸗ 


Das eine, vom Hrn. Conſervator und Akade⸗ 
führt, die hiemit zur Vorlage kommen. 





und Beobachtungen an Ort und Stelle mußten ge⸗ 
führt werden und dazu Vorkehrungen, Apparate und 
Inſtrumente mehrfacher Art bedurften, allerdings in 
grellem Mißverhältniß erſcheinen; indeß galt es eben 
den Anfang zu machen, mit möglichſter Sparſam⸗ 
keit zu verfahren (die Diäten wurden dabei auf täg⸗ 
lich 2 fl. gerechnet). Hatte das Unternehmen in ſei⸗ 
nen erſten Refultaten den erwünfchten Crfolg, fo 
ließ fich bei feiner Wichtigkeit auf weitere Hülfe 
rechnen. 

Die Fönigliche Genehmigung des Planes erfolgte 
am 18 Auguſt 1819. Schon im: Derbfte dieſes 
Jahres wurde das Wer? in Angriff genommen und 
in den folgenden Jahren 1850, 51, 52 fortgefeht 
Nur die Hydrodynamifihe Sparte erlitt durch den 
Abgang des Hra. v. Steinheil nach Wien eine Uns 
terbrechung. Die einzelnen Unterfuchungen follten 
ale „Beiträge zur naturwiſſenſchaftlichen Erforfchung 
des Königreiches“ unabhängig von einander, aber 
übereinftiinmend in Druck und Ausftattung veröfs 
fentliht werden. — Schon im Jahre 1851 er: 
fhien der erite Beitrag. der geognoflifchen Section: 
„Beognoftifche Unterfuchung des füdbanerifchen 
Alpengebirges von Eonfervator %. Schafhäutl, 
München in der literarifchrartiftifchen Anjtalt 1851 
mit 44 Steintafeln, 1 Karte und 2 Tabellen. 
Aus Anhang: Studien des Fönigl. Bergmeifters 
Heiler über die Lagerungsverhältniile des Gebirges 
und des Salzgebildes bei Berchtesgaden.“ Die 
Vollendung des Werkes in fo Eurzer Zeit wurde 
dadurch erindgliht, daß dem B:rfajjer die Reſul⸗ 
tate feiner früheren Unterfuchungen auf dieſem Ge: 
biete zur Verfügung fanden. Um die Derftellung 
der Ausgabe, ihre Austattung und die Honorierung 
der Arbeit zu erleichtern, übernahın die Akademie 
die Hälfte der Druckkoſten und der Ausitattung, 
fowie 125 Cremplare zu 12 Er. den Bogen. Ter 
die Afademie treffende Theil der Uuflage wurde in 
jährlichen Raten aus ihrer Reſerve beftritten. Uebri⸗ 
gens ift zu erinnern, daß um biefelbe Zeit auf Ver: 
anlaffung unferes Hrn. Collegen, Miniſterialraths 
v. Hermann, Mitgliedes der ziweiten Ständekam⸗ 
mer — bei Berathung des Budget der noch lau: 
fenden Finanzperiode für den fpeziellen Zweck der 
„geognoftifchen Unterfuchung der baperifchen Rande“ 
eine jährliche Summe war bewillige worden. Der 
Untrag gieng auf jäbelih 10,000 fl. und die zweite 
Kammer trat ihm bei der Wichtigkeit der Sache 


und des in Ausficht flehenden großen Nutzens folcher 
Forſchung ohne Bedenken bei; aud die Regierung 
war unbedingt Darauf eingegangen; doch die erſte 
Kammer befchränkte die Bewilligung auf 5000. fl. 
jährlich; wie wie hören, weil der von ihrem Nefe: 
renten darüber befragte Oberberg: und Galinen: 
Adminifteator, welcher feitdem mit feinen Anflchten 
zu Srabe gegangen ift, erklärt Hatte, er wiſſe nicht, 
was er mit fo viel Geld anfangen ſolle. Die Un: 


terfuchung wird übrigens vom Bergmeifter Dr. & im: 


bei und den von ihm geleiteten Gehülfen geführt 
und fleht unter der Controle einer Commiſſion, 
deren Mitglied Hr. Conſervator Schafpäutt ift. 
— Diefe Unterfuhung hat mit dem baperifchen 
Walde begonnen und bereitd das Material von drei 
verichiedenen Jahrgängen ihrer Arbeit geliefert. Zur 
Deröffentlichung it Davon bis jetzo noch nithts ge: 
langt, dieſe aber war in der lebten Zeit in ernften 
Angriff gefommen. Cine Vereinbarung zwiſchen der 
Commiſſion der Akademie und der des Finanzmi—⸗ 
nifteriums bezüglich der Führung und DVeröffentli: 
Kung ihrer geognoftifchen Arbeiten ift von der Aka: 
demie in Antrag gefommen, damit doppelte Führung 
und DVerfchiedenheit der Refultate vermieden werde, 
welche weder der Suche förderlich ift, noch den 
dabei betheiligten Perfonen zue Ehre gereicht. 


Mit dem Schluſſe de8 Sommerd 1852 waren 
die Arbeiten der meteorologifch » magnetischen und 
der phytologifch = botanifchen Unterfuchungen, welche 
die Commiſſion auf Antrag des Hrn. Conſervators 
v. Martius an Hen. Dr. Sendter, Adjuncten 
der botanifchen Anſtalt des Staates , überwiefen 
hatte, fo weit gedichen, daß ihe Drud nicht zu 
verfchieben war. Die Summen fehlten, mit wel: 
chen die Akademie dee DBerlagshandlung die Her: 
ausgabe erleichtert hatte. Dazu mußte die Arbeit 
von Ramont, da fie ungeachtet ihrer MWichtigkeie 
nur auf cine Eleine Zahl von Käufern rechnen Tonnte, 
von der Akademie ganz in Verlag genommen wer: 
den. Diefen Schwierigkeiten zu begegnen und um 
die Erfcheinung der beiden Werke nicht zum Nach⸗ 
theil der Sache zu verfchieben, blieb nichts übrig, 
als die weiten Unterfuchungen felbft auf znei Jahre zu 
verfchieben und die dadurch getvonnene Summe von 
2400 fl. für jene Zwecke zu verwenden. Indeß 
zeigte fih, daß wenigſtens in diefem zweiten Jahre 
die lUinterfuchung nicht ganz ruhen kann. Es muß 
für die mugnetifchen Ortsbeſtimmungen der zweite 
Theil, für die botanifche Sparte zur Unterfuhung 





miler Lamont 9), welchem bie Sparte ber elek⸗ 
trifhen Unterfuchungen aufgetragen ift, liefert ein 
möglihft volfländiges Syſtem magnetifcher Conſtan⸗ 
ten und Ortsbeſtimmungen im Konigreiche und eis 
niger angränzenden Staaten, in welde dieſes Sy: 
ftem audläuft und fich fortſetzt. In unmittelbarer 
Berbindung fleht es barum mit bem im Jahre 1840 
- von Alerander v. Humboldt im Verein mit euros 
päifhen Gelebritäten eingeleiteten großen Unterneh: 
men, welches eine umfaflende Ergründung bed Erb: 
magnetiömud, feine Bewegung, Declination, Aende⸗ 
rung und Störung und ihred Zufammenhanged mit 
dem Laufe der Sonne, feines Einfluße® auf bie 
phnfikalifhe Beſchaffenheit der Atmofphäre zum 
Zwede hat, eines Einfluffes, von welhem Feuchtig⸗ 
Feit und Wärme, Gang und Bewegung ber Winde 
und Stürme, fowie die Erträgniffe des Bodens 
wefentlich bedingt werben. 


Was nun für dad Allgemeine, was für das 
Ganze bed Erblörpers durch eine große Zahl weit: 
greifender Erpeditionen und permanenter Inſtitute 
in ben vier Welttheilen- geleiftet wurde, das ge: 
fhieht in Bezug auf Bayern durch dad vorlie: 
gende Werk, in welchem die von dem Verfaſſer feit 


ber Alpen die Ebene des bayerifchen Waldes ge: 


monnen werden, da während diefes Sommers die . 


geognoftifchen Unterfuchungen des Finanzminiſteriums 
Dort noch verweilen werden, und mit diefen die bota: 
nifche Im engiten Verkehr und Zufammenhang fteht. 
Aud) drängt die ichthnologifche Unterfuchung der baye⸗ 
eifhen Seen gerade jeßt, wo mit ihr die künſtliche 
Fifchvermehrung in Verbindung gebracht werden 
fol. Weber diefe drei Puncte find Seitens der Aka: 
deinie die entfprechenden Anträge an das k. Staats: 
-  minifterium des Innern für Kirchen: und Schulans 
gelegenheiten erflattet worden und wir ſehen ihrer 


Genehmigung um fo vertrauensvoller entgegen, da 


der Aufwand diefer drei Sparten für diefen Som: 
mer nicht über 1500 fi. betragen würde. 

Unter dem Titel: Magnetifhe Ortsbeflimmungen, 
ausgeführt an verfchiedenen Puncten des Königrei- 
ches Bayern und an einigen auswärtigen Stationen 
von Dr. 3. Lamont. 1 Thi. enthaltend die allge: 
meinen Abhandlungen zur Beſtimmung des Laufes 
Der magnetifhen Eurven in Barern. Mit 18 litho: 
graphirten Tafeln. Münden 1854. 


6) 





vier Sahren mit Ausbauer und Genauigkeit vorges 


nommenen Beflimmungen ber magneifchen Linien, . 


ihr Zuſammenhang unter einander und ihr Wechſel, 
als eine Arbeit vorgelegt werben, ber wohl kaum 
irgend eine auf dem $efllande vorgenommene biefer 
Art an Manigfaltigkeit des Stoffes und Genauig- 
keit der Beſtimmung der Tabellen und Zeichnungen 
gleih kommt 7). 


7) Die Wichtigkeit des Werkes wird es rechtfertigen, wenn 
wie den eben. vorgetragenen Andeutungen den Be: 
richt Über dasfelbe, dem fie für den Zweck der Rede 
entnommen find, in den Anmerkungen vollſtändig 
folgen laffen. 

„Daß bei der naturmilfenfchaftlichen Erforfchung 


des Königreichs die Herftellung nıagnetifcher Beſtim-⸗ 


mungen al8 eine Hauptaufgabe betrachtet worden 
ift, land mit früheren Begebniffen in engen Zu: 
fammenhange. Schon in Jahre 1840, ale Al. v. 
Humboldt im Dereine mit einigen der erften wif: 
fenfchaftlichen Eelebritäten unfers Zeitalters den Im: 
puls gegeben, und von jenen europäifchen Staaten, 
die mit wohlberechneter Rückſicht auf die geiftige 
Entwidelung der Völker in der Förderung großer 
wiſſenſchaftlicher Unternehmungen einen rühmlichen 
Wetteifer zu entivicheln gewohnt find, aflenthalben 
Expeditionen und permanente Inſtitute zur Crfor: 
fung des Crdinagnetismus ausgerüſtet wurden, 
hatte Seine Majeität der regierende König, damals 
als Kroprinz, die an der hiefigen Sternwarte in 
gleicher Abſicht begonnenen Anftılten durch fürfkliche 
Munificenz zu entfpredender Wirkſamkeit erhoben. 
Wäprend von jener Epoche angefangen bis auf 
den heutigen Tag die in ſteter Folge hervortreten: 
den Aenderungen des Erdmagnetismus durch unun⸗ 
terbrochene Beobachtung ermittelt, und deren Zu: 
fammenpang mit dem Laufe dee Sonne und den 
vielen daran fich knüpfenden phnfifchen Vorgängen 
unabläßig verfolgt werden, bot fich ein zweites nicht 
minder wichtiges Problem zur Löfung dar, Wie 
die Sonne als einzige Duelle atmofphärifcher Wärme 
an verjchiedenen Puncten dee Erdoberflähe in gar 
verfchiedenen Maaße Stand und Aenderung ber 
Temperatur bedingt, fo äußert fi) auch der Mag: 
netismus der Erde an jedem Orte in anderer Weife. 
Diefe Aeußerungen der magnetifchen Kraft — die 
Richtung der Compaßnadel und die Stärke, womit 
fie in ihrer Richtung erhalten wird — in den vers 
fehiedenen Theilen des Königreiches durch Beobach⸗ 
tung zu ermitteln, bildete eine Uufgabe, die nicht 


Ein noch in der Ausführung begriffener mage des erfle Theil eines auf größeren Umfang berech⸗ 
netiſcher Atlas von Bayern wird dieſes Werk als neten Unternehmens abſchließen, während der in 


der Vorbereitung begriffene zweite Band die Unter⸗ 
ſuchungen in das Einzelne zu führen beſtimmt iſt. 





bloß vermöge innerer Beziehungen, ſondern auch iu 
ſo ferne, als fie dem bereit Begonnenen zur (rs 
gänzung dienen follte, befonderer Berüdfichtigung 
würdig fchien. 

Auf Grund diefer Verhältniffe ift dem Eonfervator 
der k. Sternwarte der Auftrag zu Theil geworden, 


die zur nähern Erforſchung des Erdmagnetisnus . 


erforderlichen Arbeiten auszuführen. 

Die Meffungen wurden im Jahre 1849 in Süd: 
bapern angefangen, und in den fpäteren Jahren 
nach Maafgabe der verfügbaren Mittel über den 
baperifchen Wald, Franken, Schwaben und die Pfalz 
ausgedehut. Der lektverfiofiene Herbſt wurde vor: 
zugsweiſe zur Herftellung eines Anſchluſſes an aud: 


wärtige Beobachtungen verwendet, und deßhalb in 


Berlin, Wien und Paris, wie früher fchon in Brüf: 
fel und London, vergleichende Meſſungen angeftellt. 

Die fänmtlihen Ergebniffe diefer.umfaffenden Ar⸗ 
beiten find es, welche die Akademie eben jetzt unter 
dem Titel „Magnetifche Ortöbeitimmungen im Kö: 
wigpeich Bahern“ durch den Druck veröffentlicht hat. 
Den Männern des Yaches ıverden hiermit die mag: 
wetifchen Verhältniſſe einer bisher unerforfchten Län: 
derſtrecke aufgebecdt und eine Sammlung von That- 
ſachen mitgetheilt, der mohl keine fonft auf dem 


Continent unternommene Operation an Neichhaltig: - 


Teit des Materiald wie an Präcifion der Beſtim⸗ 
mungen gleich Eommt. 

Unabhängig vdn den höhern wäflenfchaftlichen Be: 
ziehungen betrachtet, bietet dee Inhalt einfach ein 
Bild der gegenwärtigen Vertheilung des Erbmag: 
netiömus innerhalb der Gränzen Bayerns dar. In 
dem Maaße, ald man von Dften nach Weften fort: 
fchreitet, weicht die Nadel immer -weiter von der 
Mittagslinie ab. In Süden ift die Kraft am 
ſchwächſten, in Norden ſtärder und cin allmählicher- 
Uebergang findet in der Nichtung von Süden nach 
Norden flatt. Inmitten diefes gefebmäßigen Der: 
laufes treten jedoch von Zeit zu Zeit auf kleinere 
Unssdehnung abnorme DVerbältniffe ein. In der Ge: 
gend von Salzburg und in der Mitte des bayeri- 
fhen Waldes, in der Umgebung von Bamberg und 
an der weſtlichen und nordöftlichen Gränze dee Pfalz 
trifft man folche Unregelmäßigkeiten in befonders 
pervortretendem Maaße an. Die eigentliche Natur 
dieſer bisher unerdlärt gebliebenen Einfläfe muß erſt 
eine: tiefer eiudringende Special : interfuchung ent: 


Gortſetzung folgt.) 


hüllen. So viel fcheint fi) aber jept ſchon ber: 
auszuftellen, daß die vorkommenden Cinflüffe vor: 
zugsmeife in fenfrechter Richtung ſich äußern, 
und böchit wahrfcheinlich ifolterten unter der Erde 
befindlichen Maſſen ihren Urfprung verdanken. Iſt 
einmal durch weitere Forſchung der Zufammenbang 
von Wirkung und Urſache bergeftellt, fo mögen 
magnetifche Meffungen — außer ihren eigentbüämlichen 
Beziehungen — im Gebiete der Geognoſie von bo: 
her Wichtigkeit ſich erweiſen. 


Will man übrigens die in Bayern num vollende⸗ 
ten Meifungen richtig würdigen, fo muß der höhere 
Zufammenhang mit den mijlenfchaftlichen Principien 
in das Auge gefaßt werden. 


Der Weg. auf welchem die mathematifhe Er: 
forfhung der Naturkräfte in ihrer Entwicklung 
vorſchreitet, ift nicht durch Willkür und Zufall be: 
dingt: eine feflbegründete Methode hat längft Gel: 
tung gewonnen, und durch die riefenhaften Fort: 
fhritte, zu denen fie geführt, den unzweifelhafteften 
Beweis ihrer Zweckmäßigkeit geliefert. Als Grund: 
lage bei dieſer Methode wird gefordert, daß die 
Crfcheinungen genau verzeichnet und In Ihrem Ber: 
laufe verfolgt werden. Was das Gebiet des Erd⸗ 
magnetismug betrifft, fo find wir erft an der äu⸗ 
Berfien Gränze angelangt, und die Aufgabe des 
Forſchers gebt zunächſt dahin, eine genaue Verzeich⸗ 
nung der rfcheinungen zu bemerfftelligen. Dies 
it es nun, was durch die „magnetifchen Drtöbe- 
flimmungen® erzielt wird; und darin fliegt denn 
auch bie .eigentliche Bedeutung ded Werkes: es iſt 
eine Zundamental: Arbeit, auf welche jede fpätere 
Unterfuchung fi gründen muß.” 


Bulletin der A #radernle d. d. W. 
1853 Nr 


Gelehrte 








Anzeigen. 


München. Ä herausgegeben von Mitgliedern Ä ss April. 
Nro. 50. der F. bayer, Akademie der Wiffenfhaften, 1854, 





Königl. Akademie der Wiffenfchaften. 





Rede, vorgetragen bei der 95 Stiftungsfeier 
der k. Akademie der Wiſſenſchaften am 28 
Maͤrz 1854. 





(Bortfegung.) 

Wie das eben erwähnte Werk fih an bie 
Magneetologie ?) des Erdkoͤrpers reiht, fo knüpft 
fi) daB anbere ebenfalls an eine nme vom bems 
felben größten Naturforfcher der ‚Epoche in das 
Daſein gerufene Wiffenfchaft, die von ihm Pflan⸗ 





8) Die Benennung der bier aufgeflellten Willenfchaft 
ift noch ſchwankend. Sie ift ‚nicht Lehre vom Mag: 
net oder von der magnetifchen Kraft im Allgemei⸗ 
nen, wohl aber feiner Erfcheinungen in Bezug auf 
den Erdkörper. Wäre fie die allgemeine Magneto: 
Cogie, fo ſtünde ihe zu, die offenbar den Weltraum 
erfüllende, die Bewegung des Lichtes retardierende 
ftofflide Wellung (den Aether) und in ihm den 
Magnetismus oder vielmehr beide, Aether und Mag⸗ 
netisınus, als identiſch darzuftellen, um dann bei 
feinem Ginteitt in die Utwmofphäre des Erdkörpers 
ihn unter Ufficierung derfelben als Elektricität er: 
fcheinen zu laſſen. Diefe und Die damit zuſammen⸗ 
hängende Frage von Licht und Wärme und von 
den flofflichen Unterfchieden und Verdichtungen lie: 
gen, als die Geneſis der Natur bedingend, der 
bier auftretenden Lehre fern, die allein die Erfor: 
dung des Magnetismus am Erdkörper, die Ges 
fege feiner Bernegungen und ihre Folgen zum Ge: 
geuflande Bat, alfo Magnetvlogie des Erd: 
körpers genannt werden Bann. 


zengeograpbie?) genannt wurde Diele hat 
die Verbreitung der Pflanzenarten, die Einwir⸗ 
fung örtlicher Rage, die der Temperatur und Bo⸗ 
denbefchaffenheit auf bie Wegetation zum Gegen: 
flande, und zum Bwede, die Geſetzmäßigkeit der 
unter der Zuſammenwirkung biefer Bactoren auftres 
tenden Ordnungen und Gruppen ber Pflanzen, fo 
wie die Bebingungeh des Lebens und Gebdeihen® 
bis in das Einzelne hinein darzulegen „dadurch aber 
für Landbau und Sorftwirtbichaft eine neue und 
feftere Grundlage zu gevoinnen. 

Es ſtellt alfo dieſe Unterfuchung dem Syſteme 
der animaliſchen Organismen, ihres Ueſprungs, ih⸗ 
res Gedeihens, ihrer Ausbreitung nach Gattungen 
und Arten ein analoges Syſtem ber vegetäbilifchen 
Organismen entgegen, befien fproßende und blühende 





9) Die Benennung der Pflanzen:®eograppie war 
für den Anfaug und das erfle Auftreten diefer Er⸗ 
forfchungen vollkommen berechtiget. Es galt das 
Dorfommen der Pflanzen nach Längen und Breiten 
ihres Wohnvrtes und nach ihrer Erhebung über das. 
Meer zu beitimmen und ihre Crfcheinungen auf 
Grund und Boden zu beziehen. Seitdem aber 
ift die linterfuchung mit Hülfe des Mikroſkopes in 
das Innere der Gewebe und mit Hülfe der Chemie 
in die Befchaffenheit ihrer ſtofflichen Miſchung ein⸗ 
gedenngen und bat die dadurd) gewonnenen Einſichten 
in Beziehung zu Wodenbefchaffenheit, Licht, Tem: 

peratur und Waſſer gebradjt, um aus der vereinig: 
ten Wirkung diefer Potenzen die Genefld und die 
Bedingungen ihrer Uusbreitung und ihres Gedeihens 
zu erklären. Sie ift dadurch allgemeine Phys 
tologie des Erdkörpers geworden und es iſt viel 
Leicht hier der DOpt, bei Yer Anzeige Eines Werbes, du 
weichen fie it Bezug auf Sidbayeen Diefen WMarak⸗ 
ter in fo vorzüglichem Grade enthaltet, dieſen Ihr 
allein noch entſprechenden Namen geitendgu-muchen. 


XXX VIN. 50 


+ 


_ 





Stämme, Gefchlechter und Familien einer vegetabili- 
ſchen Bevölkerung ähnlihen Bedingungen der Fort⸗ 
pflanzung, ber Verbreitung und des Gedeihens unter: 
worfen find. Unter dieſem Gefihtäpuntte einer regenes 
rirten und allgemeinen Botanik flellt das vorliegende 
Werl die Phytologie von Süpbayern, bd. i. des ſüd⸗ 
lih der Donau gelegenen Theiles des Königreiches 
bar 19). Sein VBerfafler, Here Dr. Sendtner, Ab: 
junct ber botanifhen Anſtalt, wurde auf Antrag 


des Conſervators bed botanifchen Gartens, Herm - 


Dr. v. Martius, und unter Refpicienz dedfelben von 
ber Sommiffion mit ber Ausführung betraut, und 
bat fih dur Auffaflung und Behandlung bed nun 
vorliegenden Theiles der Unternehmung ded in ihn 
gefegten Vertrauens volllommen würdig erwiefen. 


Er unterfuht in dem gegebenen Landestheile 


mit größter Sorgfalt die atmosphärifhen Einflüße 
ber Luft und Temperatur, die phyſiſch-chemiſche 
Beichaffenheit des Bodens, die Quellen, ihren 
Gehalt und ihre Wärme, die Lage der Hauptorte 
nach ben Weltgegenden und verfolge auf genetifchem 
Wege bie unter diefen verbundenen Wirkungen ſich 
bildenden Pflanzengruppen, welche fofort bezüglich 
ihrer Berlandtheile , ihrer Standörtlichkeit und ihrer 
Begetationdform erklärt werden. Er kommt auf 
diefem forgfältig eingehaltenen Gang einer von bem 
Einfahen zum Zuſammengeſetzten fortfchreitenden 
Entwidiung bezügli der 1692 Gebirgepflanzen, 
die er von Südbayern nachweiſt, zu wichtigen und 
großentheild neuen Refultaten. 


Eben fo bedeutfam wie bie wiflenf&haftlichen 
Ergebniffe find auch die praftifhen, Die aus ben 
nah diefen Grundfägen geführten Unterfuhungen 
unferer Waldungen, Wiefen und weitverbreiteten 
Moore für dad Gebeihen, für die Werhältniffe des 
Ertraged und bezüglih ber Moore für deren Eul: 
turfähigkeit gezogen werden. 


Beide Werke dürfen darum ald wahre Berei: 
herung ihrer Wiſſenſchaft, als Grundbücher bezeich: 


net werden, auf welcde fich jeder Bau dahin be: - 





, 


10) Unter dem Titel: Die Begetations-Verhältnife Süd: 


bayerns nach den Grundfügen der Pflanzengeogras 
phie und mit Bezugnahme auf Landescultur gefchil: 
dert von O. Sendtner, 





> 404 
® 


güglicher wiffenfchaftlicher Disciplinen mit Sicherheit 

gründen läßt !!). | 
Obwohl die und hier gegönnte Zeit nicht ge: 

flattet, in ihre Einzelnes des Weitern einzugehen, 


11) Der Bericht, welcher über Sendtners Buch eins 
gegangen, ift ebenfalls als eine volljtändigere An: 
zeige feined Inhaltes zur wörtlichen Aufnahme ges 
eignet. Er lautet: ' 

„Die Ordnung in der Verbreitung der Pflanzen: 
arten und die Geſetzmäßigkeit in diefer Ordnung ift 
der Gegenftand der Pflanzengeographie, eines neuen 

- erft durch Humboldt ins Leben gerufenen Zweiges 
der Wilfenfchaft, der.felbit wieder eine der wichtig: 
ften Grundlagen bildet für den Landbau und die 
Forftlehre. Von diefem Standpuncte hat daher der 
Derf. die Vegetationsverhältniffe Südbay⸗ 
erns, d. 5. Bayerns füdlih dee Donau, aufge: 
faßt. - 

Er verftand unter Vegetationsverhältnif 
fen die Manigfaltigkeit der fertigen Pflanzendecde 
zugleich mit ihren äußern Urfachen. Das Betreten 
der Darftellung gieng dahin, die Ordnung, und Ge: 
ſetzmäßigkeit dieſer complicieeten Beziehungen evis 
dent zu echalten, indem fie von der Betrachtung des 
Ginfachen auf die des Zufammengefegten übergieng-. 
Die Einflüfe, von ıweldyen die Seftalt der Vegetation 
abhängt, laſſen fidy nämlich als einfache und zufams 
meng«feßte betrachten. Die einfachen Einflüſſe find die 
allgemeinen Factoren der Vegetation, und ihrer 
Wirkung entfpricht ein Eompler von Srfcheinungen, 
der fich unter dem Begriff „Pflanzengruppen“ 
zu erkennen giebt (3. B. Pflanzenregionen, Prinzen 
gewiſſer Bodenarten, Kalkpflanzen, Sicfelpflanzen, 
Wailerpflanzen u. f. w.). Die zufammengefegten, 
' aus der Combination diefer Factoren entftandenen, 

bilden das, was man als Standörtlichkeiten 
zu bezeichnen pflegt (Wald, Wiefe, Moor u. f. w.) 
und diefen Standörrlichkeiten entfpreechen eigenthüm⸗ 
lihe „Vegetationsformen”, die aus den den 
herrfchenden Factoren zukommenden Pflanzengrups 
pen hervorgegangen find. 

Der Verf. folgt diefem Entwiclungsgäange Gr 
fchildert erft die Befchaffenbeit der einzelnen Facto⸗ 
ren in Südbanern, ganz abgefehen von ihrer Wir: 
kung; dann aber wird ihre Wirfungsmweife auf das 
Pflanzenreich unterfucht, die der einfachen und zuf im: 
mengefegten Factoren, der Pflangengruppen und ber 
Vegetationsformen. 

Unter den Nefultaten der Unterfuchungen Fönnen 
folgende hervorgehoben werden. 

Jeder Pflanzenart Ift ein befonderer VBerbreitungs: 
bezir® angewiefen, deifen Gränzen ſowohl nach den 











105 Ä | i00 


können wir doch nicht umhin, einiger Beobachtun⸗- gen zu gedenken, bie auch ihrer Seits bie Zufams 





Dimenfionen der geographifchen Länge und Breite, 
als nach der Höhe über dem Meere ihre beſtimmte, 
ſowohl von rein geographifchen ald von äußern da: 
mit zufammenhängenden Einflüſſen abhängige Lage 
haben. 

In Südbanern befinden ſich 1692 Gefäßpflanzen 
(darunter 1274 Dicotyledonen, 375 Monocotyle⸗ 
donen, 43 Geſäßkryptogamen). Von dieſen 1692 
Gefißpflangen erreichen ſämmtliche die oberſte Gränze 
ihres Vorkommens nach der Elevation über dem 
Meere, ein nicht unbeträchtlicher Theil zugleich auch 
die Gränzen ihrer horizontalen Verbreitung, näm⸗ 
ih 362 Arten oder 22 Proc. Die Betrachtung 
dieſer legten Gränzlinien führt zu lehrreichen Re: 
fultaten. Es ergiebt fi), daß es vorherrichend 
füdliche und Öftliche Pflanzen find, die in Südbanern 
ihre Gränze finden, und daß die Flora diefes Ge: 
bietes bei seiten mehr zum Charakter der weſtli⸗ 
chen Nachbarländer als der öſtlichen Hinneigt. Fer⸗ 
nee find es nicht Wailerfcheiden, welche die Pflan: 
zenarten trennen, ſondern Flüſſe. Mit Skandina⸗ 
vien hat Bayern ungleich mehr Ebenenpflanzen als 
Alpenpflanzen gemein. 

Unter den Einflüſſen des Klimad wurden die 
Wirkungen, welche die Unterfchiede der Wärme auf 


die Vegetation hervorrufen, mit befonderer Sorg⸗ 


falt unterfucht.e Da die Beobachtungen einzelner 
weniger Fälle leiht zu Täufchungen führen, fo 
war fihon deßhalb bei den Unterfuchungen darauf 
Bedacht genommen worden, das den Schläſſen 
dienende Material fo reichhaltig als möglich auszu⸗ 
ftätten. Es find daher vom Derf. In den Alpen 
über 100 einzelne Bergbejteigungen vorgenommen 
worden, um die Höhen⸗Gränzen aller dort vorkom⸗ 
menden Pflanzenarten mit genauen Inftrumenten 
zu mejjien. So gelang ed 3. B. für die obere 
Gränze der Fichte allein 167 Beobachtungen zu 
fammeln. Die daraus gezogenen Mittel dienten 
dann weiteen Schlüjfen zu genauen Anhaltöpuncteir. 

Bei folhen Unterfuchungen fand nun alle Be: 
rücfichtigung, was auf die Temperaturverhältniife 
außer der Höhe über dein Deere noch von Einfluß 
it. Die NRefultate ſtimmten befriedigend mit den 
auf theoretifhem Wege berechneten Bedingungen 
überein. Es zeigte fidy unter andern, daß die Hö⸗ 
bendifferenz, der Baumgränzen je nach der Lage ges 
gen die verfchiedenen Himmeldgegenden bei ihrer 
 günftigften Expoſition, nämlih nach Südweſt von 
ihrer ungünftigiten, der nordöftlichen 664 Par. Zuß 
beträgt, um welche leßtere niederer ift. Nach der 
Berechnung des Hrn. Akademikers Lamont ift der 


- 


J 


Unterfchied gleicher Temperaturlinien an den bezeich⸗ 
neten prpofitionen 638. Ebenſo übereinftimmend 
zeigten fi) die Unterfchiede der Pflanzengränzen in 


Thäalern und an freien Berghängen mit den Tem: 


peraturbeflimmungen, welche der baperifche Berge 
meifter Dr. Gümbel aus der Unterfuchung der 
Quellwärme gezogen hat. Erſtere betragen im Mittel 
675°, leptere 651°. Um fo viel rücken beide in 
den Thälern herab. Es hat fich ferner herausge- 
fteift, daß die Prlanzengränzen in dem Öftlichen Theile 
unferer-Alpen weit tiefer find als in dein weitlichen, 
im Vorderzuge berfelben mehr als in dem Haupt⸗ 
zuge. Der Derf. bat den genauen Zufammenhpang 
diefee TIhatfachen mit Temperaturverhältniffen nach- 
gewiefen, die Urſachen dieſer Unterfchiede erklärt, 
und den Werth ihrer Größe in Zahlen ausgedrückt. 

Auch -die andern Plimatifchen Cinfläffe auf die 
Prlanzen fanden der Reihe nach ihre Behandlung. 
Einen wichtigen Abfchnirt bildet die Beziehung der 


Pflanze zum Boden. 


Bis in die letzte Zeit befämpften fich unter den 
Planzengeographen zwei Anfichten, deren eine das 
Vorkommen der Pflanze rein von den chemifchen 
Stoffen des Bodens abhängig wiſſen wollte, die 
andere bloß von deſſen phnfifalifcher Befchaffenpeit. 
In diefer Frage ließ der Verf. die Thatfachen ents 
fheiden , die aus der großen Zahl der Beobachtuns 
gen in Auswahl zu Gebote flanden. Wie fchon 
die Theorie erwarten ließ, gemäß welcher das Da⸗ 
fein der Pflanze das Vorhandenſein der ihe noth⸗ 
wendigen Mineralftoffe im Boden vorausfegt, ließ 
fi in der That im natürlichen Vorfommen dee 
Gewächſe der chemifche Gehalt des Bodens als noth⸗ 
wendige Bedingung nachweiſen. Nach der Ver⸗ 
ſchiedenheit dieſer Bedingungen geftalten ſich Pflan⸗ 
zengruppen, die von ganz anderer Geſtalt find als 
diejenigen, welche deffen phyſikaliſche Zuftände her⸗ 
vorrufen. Nicht bloß erfordern die Pflanzen ge: 
wife Mineraiftoffe, fomohl im Allgemeinen als im 
Befondern, fondern es giebt auch folche Stoffe, 
deren Dafein gewiſſen Pflanzen fchadet, obgleich fie ans 
dern erforderlich find. Gin folcher Stoff ift z. 2. 
der Ammoniak, der Bohlenfaure Kalt. Ebenſo be: 
flimmt, wie die Erfahrungen der Randiviechfchaft, 
bewährte auch die Betrachtung der wilden Natur 
die Richtigkeit der bekannten Lehre des Hrn. Bar. 
v. Liebig von der Bedeutung der Mineralftoffe im 
Boden für die Ernährung der Prlanzen. So bes 
weifen diefes unter andern. die fogenannten Unkräu⸗ 
ter, Die nur den unorganifchen und nicht den orga: 


‚nifchen Stoffen des Düngers folgen, und die wilden 


Stämme, Gefchlechter und Familien einer vegetabili- 
fen Bevoͤlkerung ähnlihen Bedingungen ber Fort: 
pflanzung , der Verbreitung und des Gedeihens unter: 
worfen find. Unter diefem Geſichtspunkte einer regenes 
rirten und allgemeinen Botanik flellt das vorliegende 
Werk die Phytologie von Südbayern, b. i. des füb: 
lih der Donau gelegenen Xheiled des Königreiches 
bar 19), Sein Verfafler, Herr Dr. Sendtner, Ab: 
junct der botanifhen Anftalt, wurde auf Antrag 


bed Confervatord des botanifhen Gartens, Herm - 


Dr. v. Martius, und unter Refpicienz deöfelben von 
ber Commiſſion mit der Ausführung betraut, und 
bat fih durch Auffaffung und Behandlung bed nun 
vorliegenden Theiles der Unternehmung ded in ihn 
gefegten Vertrauens volllommen würdig erwiefen. 


Er unterfuht in dem gegebenen Landestheile 


mit größter Sorgfalt die atmosphärifhen Einflüße 
ber Luft und Xemperatur, bie phyſiſch⸗-chemiſche 
Beſchaffenheit des Bodens, bie Quellen, ihren 
Gehalt und ihre Wärme, die Lage der Hauptorte 
nach den Weltgegenden und verfolgt auf genetiſchem 
Wege bie unter diefen verbundenen Wirkungen ſich 
bildenden Pflanzengruppen,, welche fofort bezüglich 
ihrer Beſtandtheile, ihrer "Standörtlichleit und ihrer 
Vegetationsform erkiärt werden. Er kommt auf 
dieſem forgfältig eingehaltenen Gang einer von bem 
Einfahen zum Bufammengefehten fortfchreitenden 
Entwidlung bezüglih ber 1692 Gebirgepflanzen, 
die er von Südbayern nachweiſt, zu wichtigen und 
großentheild neuen Refultaten. 


Eben fo bedeutfam wie die wiflenfchaftlidhen 
Ergebniffe find auch die praftifben, die aus ben 
nah dieſen Grundfägen geführten Unterſuchungen 
unferer Waldungen, Wiefen und weitverbreiteten 
Moore für das Gedeihen, für die Verhältniſſe des 
Ertraged und bezüglid der Moore für deren Cul⸗ 
turfähigfeit gezogen werben. 


Beide Werke dürfen darum als wahre Berei: 
herung ihrer Wiſſenſchaft, als Grundbücher bezeich: 


net werden, auf welche fich jeder Bau dahin bes - 





10) Unter dem Titel: Die Vegetations⸗Verhältniſſe Süd: 


bayerns nach den Grundſätzen der Pflanzengeogras 
phie und mit Bezugnahme auf Randescultur gefchil: 
dert von D. Sendtner. 





⸗ | 404 


zůglicher dhenſwalnuqe Disciolinen mit Sicherheit 

gründen läßt !! Ä 
Dbmwohl Bi und bier gegönnte Zeit nicht ge: 

flattet, in ihre Einzelnes bed Weitern einzugeben, 


11) Der Bericht, welcher über Sendtners Buch ein« 
gegangen, ift ebenfalls als eine vollſtändigere An: 
zeige feines Inhalte® zur wörtlichen Aufnahme ge⸗ 
eignet. Er lautet: 

„Die Ordnung in der Verbreitung der Pflanzen: 
arten und die Geſetzmäßigkeit in diefer Ordnung ift 
der Gegenfland der Pflanzengeographie, eines neuen 
erft duch Humboldt ins Leben gerufenen Zweiges 
der Willenfchaft, der .felbit wieder eine der wichtig: 
ften Grundlagen bildet für den Landbau und die 
Forſtlehre. Von diefem Standpuncte hat daher der 
Derf. die Vegetationsverbältniffe Südbay: 
erns, d. h. Bayerns füdlich der Donau, aufge 
faßt. _ - 

Er verftand unter Vegetationsverhältnif 
fen die Moanigfaltigkeit der fertigen Pflanzendede 
zugleich mit ihren äußern Urfachen. Das Beftreren 
der Darftelung gieng dahin, Die Ordnung, und Ge 
fegmäßigkeit dieſer complicierten Beziehungen epis 
dent zu echalten, indem fie von der Betrachtung des 
Cinfachen auf die des Zufammengefegten übergieng. 
Die Einflüſſe, von welchen bie Geftalt der Vegetation 
abhängt, laſſen ſich nämlidy als einfache und zufams 
meng:feßte betrachten. Die einfachen Einflüſſe find die 
allgemeinen Factoren dee Degetation, und ihrer 
Wirkung entfpricht ein Compler von Erfcheinungen, 
der ſich unter dem Begriff „Pflanzengeuppen“ 
zu erkennen giebt (3. B. Pflanzenregionen, Pri ınzen 
geroijfer Bodenarten, Kalkpflanzen, Sicfelpflanzen, 
Wailerpflanzen u. f. w.). Die zufamımnengefepten, 
aus der Combination diefer Factoren entftandenen, 

bilden das, was man als Standörtlichkeiten 
zu bezeichnen pflegt (Wald, Wiefe, Moor u. f. w.) 
und diefen Standörtlichkeiten entfprechen eigenthüm⸗ 
lihe „Wegetationsformen”, die aus den den 
berrfchenden Zactoren zufommenden Pflanzengrup- 
pen hervorgegangen find. 

Der Derf. folgt diefem Entwicdlungsgäange Cr 
fchildert erſt die Befchaffenheit der einzelnen Facto⸗ 
ren in Südbanern, ganz abgefehen von ihrer Wir: 
kung; dann aber wird ihre Wirfungsmweife auf das 
Pflanzenreich unterfucht, die der einfachen und zuſam⸗ 
mengefegten Factoren, der Pflanzengruppen und ber 
Begetationsformen. 

Unter den Reſultaten der Unterfuchungen Fönnen 
folgende hervorgehoben werben. | 

Jeder Pflanzenart Ift ein befonderer Verbreitungs⸗ 
bezirk angewieſen, deſſen Gränzen ſowohl nach den 














105 | — I aoe 


können wir doch nicht umhin, einiger Beobachtun⸗ gen zu gedenken, die auch ihrer Seits bie Zuſam⸗ 





Dimenflonen der geographifchen Länge und Breite, 
als nach der Höhe über dem Meere Ihre beftimmmte, 
fowopl von rein geographiſchen ald von äußern das 


mit zufammenhängenden Einflüſſen abhängige Lage - 


haben. 

In Südbayern befinden ſich 1692 Gefäßpflanzen 
(darunter 1274 Dicotyledonen, 375 Monocotyle⸗ 
donen, 43 Geſäßkryptogamen). Von dieſen 1692 
Gefãßpflanzen erreichen ſämmtliche die oberſte Gränze 
ihres Vorkommens nach der Elevation über dem 
Meere, ein nicht unbeträchtlicher Theil zugleich auch 
die Gränzen ihrer horizontalen Verbreitung, näm⸗ 
lich 362 Arten oder 22 Proc. Die Betrachtung 
dieſer letzten Gränzlinien führt zu lehrreichen Re⸗ 
ſultaten. Es ergiebt ſich, daß es vorherrſchend 
ſüdliche und öftliche Pflanzen find, die in Südbanern 
ihre Gränze finden, und daß die Flora Diefes Ge⸗ 
biete bei weitem mehr zum Charakter der weſtli⸗ 
chen Nachbarländer als der öſtlichen hinneigt. Fer⸗ 
nee find es nicht Wajlericheiden, welche die Pflan: 
zenaeten trennen, fondern Flüſſe. Mit Skandina⸗ 


vien hat Bayern ungleid, mehr Ebenenpflanzen als 


Alpenpflunzen gemein. 
Unter den Einflüſſen des Klimad wurden Die 
Wirkungen, welche die Linterfchicde der Wärme auf 


die Vegetation hervorrufen, mit befonderer Sorg⸗ 


falt unterfuht. Da die Beobachtungen einzelner 
weniger Fälle leicht zu Täufchungen führen, fo 
war fihon deßhalb bei den Unterfuchungen darauf 
Bedacht genommen worden, das den Schlüllen 
dienende Material fo reichhaltig als möglich auszu⸗ 
ſtaͤtten. Es find daher vom Derf. In den Alpen 
über 100 einzelne Bergbejleigungen vorgenommen 
worden, um die Höhen⸗Gränzen aller dort vorkom: 
menden Pflanzenarten mit genauen Inftrumenten 
zu meſſen. So gelang ed 3. 3. für die obere 
Gränze der Fichte allein 167 Beobachtungen zu 
fammeln. Die daraus gezogenen Mittel dienten 
dann weitern Schlüjfen zu genauen Anhaltspuneten. 

Bei folhen Unterfuchungen fand nun alles Be: 
rücfichtigung, was auf die Tempecaturverhältniife 
außer der Höhe über dem Meere noch von Einfluß 
it. Die Reſultate ſtimmten befriedigend mit den 
auf theoretifchem Wege berechneten Bedingungen 
überein. Es zeigte ſich unter andern, daß die Hö⸗ 
henpdifferenz der Baumgränzen je nach der Lage ge: 
gen die verfchiedenen Himmelsgegenden bei ihrer 
gunſtigſten Erpofition, nämlich nach Südweſt von 
ihrer ungünftigften, der nordöftlichen 664 Par. Zuß 
beträgt, um welche leßtere niederer if. Nach der 
Berechnung des Hrn. Akademikers Lamont iſt bee 


- 


’ 


Unterfchied gleicher Temperaturlinien an den: bezeich⸗ 
neten Expoſitionen 638°. Ebenſo übereinflimmend 
zeigten fich die Unterfchiede der Pflanzengränzen in 


Thälern und an fecien Berghängen mit den Tem: 


peraturbeflimmungen, welche der bayerifche Berge 
meifteer Dr. Gümbel aus der Unterfuchung der 
Quellwärme gezogen hat. Erſtere betragen im Mittel 
675°, legtere 651°. Um fo viel rücken beide in 
den Thälern herab. Es Bat fich ferner herausge⸗ 
ſtellt, daß die Pflanzengränzen in dem öftlichen Theile 
unferer-AUlpen weit tiefer find als in dein weſtlichen, 
im Vorderzuge derfelben mehr als in dem Haupt⸗ 
zuge. Der Verf. bat den genauen Zuſammenhang 
diefee Thatfachen mit Temperatueverhältniffen nach⸗ 
gewiefen, die Urfachen diefer Unterfchiede erBlärt, 
und den Werth ihrer Größe in Zahlen ausgedrückt. 

Auch) -die andern Plimatifchen Ginflüffe auf die 
Pflanzen fanden der Reihe nach ihre Behandlung. 
Einen wichtigen Abſchnitt bildet die Beziehung der 
Pflanze zum Boden. 

Bis in die lebte Zeit befämpften fich unter den 
Pflanzengeographen zwei Anfichten, deren eine das 
Vorkommen der Pflanze rein von den cheinifchen 
Stoffen des Bodens abhängig wiffen wollte, die 
andere bloß von deſſen phyoſikaliſcher Befchaftenheit. 
In diefee Frage ließ der Verf. die Thatfachen ent: 
fheiden, die aus der großen Zahl der Beobachtun: 
gen in Uuswahl zu Gebote flanden. Wie fchon 
die Theorie erwarten ließ, gemäß welcher das Da: . 
fein der Pflanze das Vorhandenſein der ihe noth- 
wendigen Mineralftoffe im Boden vorausfegt, ließ 
fih in der That im natürlichen Vorkommen der 
Gemwächfe der chemifche Gehalt des Bodens ald nothe 
wendige Bedingung nachweiſen. Nach der Ver⸗ 
ſchiedenheit dieſer Bedingungen geftalten ſich Pflan⸗ 
zengruppen, die von ganz anderer Geſtalt find als 
diejenigen, welche deilen phyſikaliſche Zuftände her⸗ 
voreufen. Nicht bloß erfordern die Pflanzen ges 
wife Mineralſtoſſe, ſowohl im Allgemeinen als im 
Befondern, fondern ed giebt auch folche Stoffe, 
deren Dafein gewiſſen Pflanzen fchadet, obgleich fie ans 
dern erforderlich find. Ein folder Stoff iſt z. 2. 
der Ammoniak, der Pohlenfaure Kalk. Ebenſo be: 
flimmt, wie die Erfahrungen der Randiwirthfchaft, 
bewährte auch die Betrachtung der wilden Natur 
die Nichtigkeit der befannten Tehre des Hrn. Bar. 
v. Liebig von der Bedeutung der Mineralftoffe im 
Boden für die Ernährung der Planen. So bes 
weifen diefed unter andern die fogenannten Unkräu⸗ 
ter, die nur den unorganlfchen und nicht den orga⸗ 


‚nifchen Stoffen des Dünger folgen, und die wilden 


407 | | MB 
mengehoͤrigkeit der ‚Hier in Frage. fichenden Wiſſen⸗ ſchaften, ber Phytologie, Chemie, Magnetolegie 


und Geognofie zur Anerkennung bringen. 








Pflanzen verrathen an Neubrädhen, wie 3. B. in 
den Alpen an Felsftürzen, deren. Schutt aller or: 
‚ganifchen: Stoffe entbehrt, den reichen Vorrath an 
beftimmten loͤslichen unorganifchen Stoffen als den 
Grund der Fruchtbarkeit u. |. w. 


Die regelmäßige Uenderung , welche. die Höhe 


über den Meere in den Degetationdgruppen ber: 
vorruft, bildet die. Pflanzenregionen. Ihre 
intheilung gefchab früher. nach willkürlich gewaͤhl⸗ 
ten Lünftlihen Peineipien, indem die einen die runs 
den Ziffeen in Sußen, oder nach andern in Metres 
ausgedrückt, andere Temperaturgrade, wieder andere 
das Auftreten einzelner Pflanzenarten maaßgebend 
wachten. Der Verf. überließ diefe Beſtimmung ber 
Summe aller vorkommenden Pflanzen und unter 
ſchied die Regionen nach denjenigen Höhenflufen, mo 
fi) die meiften Meränderungen in der Vegetation 
ereignen. . 

In ver Darftellung der Vegetationsformen gieng 
der. Verf. ausführlich zu Werke, inden er nicht 
bloß genaue Nechenfchaft von ihrer Beſchaffenheit 
im Gebiete gab, fondern ihre Beziehungen theild zu 
den Factoren, theild zu der Nubanıpendung in der 
Landesbewirthſchaftung entwickelte, fo weit e8 ber 
Umfang des Werkes geftattete. In der Schilde: 
zung des Waldes wurde nicht bloß feine allge: 
meine Bedeutung im Daushalte des Staated aus: 
einander geſetzt, ſondern die Naturgefchichte jeder 
einzelnen Baumart nach neuen Driginalen gezeichnet. 
Don diefen Schilderungen empfängt die Lehre der 
Forſtwirthſchaft jedenfalls werthvolle Beiträge. 

Die Refultate der Unterſuchungen über die Moore 
Haben fidy einer gewiſſen Vollſtändigkeit zu erfreuen 
durch die nachhaltigen Mittel, welche durch die Un: 
terflüßung von Seite des h. F. Minifteriums des 
Handeld dem Verf. zu ihrer Unterfuchung darge: 
boten worden find. Keine Gegend in Süddeutſch⸗ 
dand dürfte hiezu geeigneter erfcheinen ale Suͤdbay⸗ 
ern, deſſen Moore einen Flächenraum von nahezu 
zwanzig Duabratmeilen einnehmen, eine Größe von 
manchem beutfchen fouveränen Fürftenthbum. Die 
Erforſchung ihrer Urſachen, die Eigenheiten ihrer 
Bildung war um fo wichtiger, als fich zunächft ar 
fie die Möglichkeit ihrer Culture knüpft. Die Ne 
fultate, ‚weiche der Verf. erlangt bat, find ebenfo 
neu ald entſcheidend. Suüdbanern hat zwei weſent⸗ 
dich verfchiedene Formen von Mooren, die fchon der 
Technit nicht unkekannt geblieben find, fo daß fie 
dafür Die Iinterfcheibung von Hochs und Wiefen- 
mooren In Anwendung brachte, obne fidh jedoch 
Rechenſchaft von den Urſachen dieſer Verſchieden⸗ 


ESchluß folgt.) 





heiten geben zu Pönnen. Der Verf. hat nachge⸗ 
wiefen, daß ihre Derfchiedenheiten in der chemifchen 
Bufammenfegung des Bodens begründet find, Indem 
die Unterlage der erſtern von kalireichen Thonfilis 
caten ohne Fohlenfauern Kalk, die der leßtern von 
einer eigenthümlichen Art Bohlenfauern Kalkes, dem 
fogenannten Alın gebildet wird. &o find auch die 
Pflanzen, welche diefe Unterſchiede charakterifieren, 


in jenen Kiefel: und Kalipflanzen, in dieſen Kalte 


pflanzen. 

Die Entftehung der Moore fleht mit geognofti: 
fchen Verhältnijfen im Zuſammenhange, welche durch 
Holzichnitte erläutert, find, 

Die Verwendung der Moore, die Frage Ihrer 
Eulturfähigkeit findet vom Standpuncte der Willen: 
(haft ſowohl eine allgemeine als fpecielle Beurthei: 
lung, welche in der richtigen Praxis die erite Be: 
dingung iſt. Die theoretiich entwickelte MöglichPeit 
der Eultue findet aber auch in der Erfahrung ihre 
Betätigung. Entgegengefegte Erfahrungen beweiſen 
nur Die Fehlerhaftigkeit der Maaßregeln, nicht die 
Unmöglichkeit des Gelingens. Die zu befolgenden 
Eulturmaaßregeln find nämlich Feineswegs für alle 
Moore diefelden, und was in dem einen angezeigt 
ift, ift in dem andern direct ſchädlich. Die Natur 


giebt hierin Die deutlichften Fingerzeige. Wie fehen - 


3. B. die häufig ſich wieberholenden Ueberſchläm⸗ 
mungen durch die Ifar Beine günftige Veränderung 
in den Mooren ihrer lifer hervorrufen, während die 
nämliche Schlammart in den Bochmooren die gün: 
ftigfte Wirfung bat. 

Bei der fpeciellen Schilderung der wicdhtigern 
Moore ift auf die Bedingungen ihrer Eultue Rück: 
fit genommen worden. Der gelungene Verſuch 
einer 26jährigen Cultur in dem Pangermoore bei 
Roſenheim durch den verftorbenen Forſtineiſter von 
Rarofee erhielt einen ausführlichen Beriht. Die 
biebei angewendeten Eulturmittel und ihre Wirkun: 
gen wurden durch eine bildliche Darftellung erläutert. 
: Das Werb fchließt eine Aufzählung der im Be: 
zirke aufgefundenen Gefäßpflanzen mit Angabe ihrer 
Verbreitung und ihres Vorkommens. 


Außer 18 Holzfchnitten find dem Werke 9 Tafeln 
und eine Karte des Bezirkes nach pflangengeogra: 


‚ Phifcher Eintheilung beigegeben.“ 


—— 


⸗ 


⸗ 


Bulletin der en Akademie d. W. 











1864 Nr. 19. 
Gelehrte Anzeigen. 
München. herausgegeben von Mitgliedern 28. April, 
Nro. 51. der f, bayer. Akademie der Wiffenfchaften, 1854, 





>. 


Königl. Akademie der Wiffenfchaften. 


⸗ —2 





Rede, vorgetragen bei der 9 Stiftungsfeier 
der k. Alademie der Wiflfenfchaften am 28 
März 1834. 


(Schluß.) 

Wie man weiß, hatte unſer verehrtes Mitglied 
Baron Dr. v. Liebig, der Lehre, daß das Vorkommen 
der Pflanzen von der mechaniſch-phyſikaliſchen Be⸗ 
ſchaffenheit des. Bodens allein abhängig ſei, bie 
chemiſche entgegengeſtellt, nach welcher bezüglich 
des Bodens jenes Vorkommen allein von dem Bor: 
rath und VBerhältniß der in dem Boden enthaltenen 
löstichen Stoffe bedingt wird, und darauf tie Agri- 
fulturchemie gegründet. Was aus der Theorie und 
dem Bau der Gulturgewächfe ſich als volllommen 
begründet erweift, hat dur des Werfaflerd fehr 
zahlreiche und wohlverbundene Beobachtungen ber 
wildwachſenden Wegetation fi) dadurch beflätiget, 
dag Pflanzen, die “an beflimmte Stoffe gebunden 
find, da verfhwinden, wo fie jener Stoffe entbeh- 
ren, oder ber Einwirkung anderer ihnen feindfeligen 
ausgefegt find und daß bie wilden Pflanzen, bie 
Unkräuter, welche nur von den unorganifchen Stofs 
fen des Düngerd fih nähren, an ben Felsflüden 
der Alpen, die aller organifchen Stoffe entbehren, 
aus ihrer nadten Unterlage und den lößlihen unor: 
ganifchen Stoffen derfelben die ihnen nöthige Nahrung 
jiehen und in Üppigem Wuchfe gebeiben. 


Ebenfo merkwürdig ift für jene Bufammenges 
börigfeit der Magnetologie und Geognofie die Bes 
obahtung von Lamont, daß bie Beweguug ber 
magnetifhen Nadel auf ber Linie von Rraunftein 
über Regendburg nach dem bayerifhen Walde von 
ber durch die magnetifhen Gefege gebotenen Rich: 
tung in fo auffallender Weile abweicht, daß bie 
Erfheinung aus ber zu Tage liegenden Beſchaffen⸗ 
heit der Gegend und ber Züge der Gebirge nicht 
zu erflären war. Da aber die verborgenen Eins 
flüße fih vorzüglih in- fenfrehter Richtung 
äußern, fo wurde der Verfafler zu der Annahme 
geführt, daß fie durch fefte unter deren Boden, wo 
fie erfcheinen, verborgene Gebirgsmaſſen erregt wers 
ben, indem, wie man weiß, große Maflen feften 
Geſteines der Gebirge die Nadel flärker afficieren, 
ald der alluviale Grund der Ebene. Er baute bas 
rauf die Voraußfegung, daß magnetifhe Meffung 
außer ihrem Gebiete auch auf dem der Beognofie 
fihb von hoher Wichtigkeit erweifen würde. 


Diefer höchſt merkwürdigen Erfahrung kommt 
nım auf dem Gebiete der geognoflifchen Erforſchung, 
weldhe unabhängig von der akademiſchen durch die 
f. Berg: und Salinen-Adminiſtration unter Lei⸗ 
tung des auch wiſſenſchaftlich ſehr befähigten Berg⸗ 
meiſters Dr. Gümbel geführt wird, bie Beobach⸗ 
tung über die geognofifche Befchaffenheit der Bo⸗ 
denfläche auf jener Linie ber magnetifchen Störun: 
gen erflärend entgegen, über welche Herr Dr. Güm⸗ 
bei, dazu eingeladen, fih dahin cerflärt, die Glie⸗ 
derungen und Gefteinsbefchaffenheit der. Floͤtzforma⸗ 
tion im bayerifchen Alpengebisge feien fo verfchieben 

XXXVIII. 51 


‘ 


411 


und abweichend von ben entſprechenden Verhaͤltniſſen 
und Formationen am Nordrand der großen baye⸗ 
riſchen Hochebene, daß man die Entwicklungsformen 
von beiden nicht für bloße Modificationen der Er⸗ 
zeugniffe eined und besfelben Bildungsmeeres 
halten könne. Es fei vielmehr Grund zu der An: 
nahme vorhanden, baß beide in verfchiedenen Mees 
zesboden entflanden feien, und daß der fie bei ihrer 
Bildung trennende Gebirgdzug in bie große Spalte 
zwifchen Alpen und Donau verfunfen fei, welde 
fpäter mit tertiären, quartären und alluvialen Schich⸗ 
ten eingeebnet wurbe 12), 


Mir wlnfchen ben Urhebern diefer Entdedun: 
gen eined unter der Donauebene verfunkenen Urge- 
birges Glück zu derſelben, als zu einer faft fchon 
zur Thatſache erhobenen neuen Beflätigung des al: 
ten: „nil mortalibus arduum“ und der Befähigung 


412) Folgendes ift die Erklärung des Hrn. Dr. Süms 
bei über den beregten Gegenftand. 

„Die Gliederung und Gefteinsbefchaffenheit der 

Flöpformationen in unferem bayrifchen Ulpengebirge 

find fo verichieden und abweichend von dem entſpre⸗ 


chenden Verhältniſſen, welche die gleichalterigen For : 


mationen am Nordrand der großen bayrifchen Hoch: 
ebene (ziifchen Alpen und Donau) erkennen laſſen, 
daß nıan beide Entwiclungsformen nicht fir bloße 
Modificationen derfelben Bildungen an verfchiedenen 
Puncten des nämlichen Bildungsmeeres erklären Bann. 


Es iſt vielmehr Grund vorhanden anzunehmen, 
Daß beide in verfchiedenen getrennten Meeresbecken 
entflanden, obwohl im ziwifchenliegenden Terrain in 
der, gegenwärtigen Dberflächenbefchaffenheit eine fol: 
che trennende Gebirgsmaſſe nicht mehr beiteht, fon: 
dern jeht eine Ebene gefunden wird. Es muß das 
ber angenommen werden, daß der einft als ren: 
nender Meeresrücken hervorragende Gebirgstheil in 
die große Spalte zwifchen Alpen und Donau ver: 
ſenkt fei, welche fpäter mit tertiären, quartären und 
‚alluvialen Schichten eingeebnet wurde. 

Mit diefee Annahme flimmt höchſt bemerfeng: 
werth die interejiante Beobachtung des Hrn. Aka: 
demikers Prof. 3. Lamont überein, welcher in die: 
fem flachen Schuttland bedeutende magnetifche Ir: 
regularitäten fand, deren Grund nicht wohl in 
etwas Anderem als in jenem verfenften lirgebirge- 
tbeil gefucht werden Tann.“ 





418 


ber verbundenen Wiſſenſchaft auch in das Innere 
der Erde zu dringen und zu fehen, was dort dem 
menfchlihen Auge für immer verborgen fchien. 


Verze id ni ß 
der in den Sigungen der drei Glaffen der E. Aka: 


demie der Wiffenfchaften vorgelegten Einfendungen 
an Drudfchriften. 


Februar 1854. 





Don dem k. b. Dberlieutenant und Brigodeadjutanten 
Hm. 3. ©. Heilmann in Ingolftadt: 
Geſchichte Bayerns. Regensburg 1853. 8. 


Die Kriegskunft der Preußen unter König Friedrich dem 
Großen. I. u. II. Abtheilung. Leipzig und NMeißen 
1852 u. 1853. 8. 


Don dem Hrn. Grafen v. Mailath, 3. 3. hier: 


Sefchichte der Magyaren. 4 und 5 Band. Negensburg 
1853. 
"Bon der Soeidte imperiale d’archeologie in Gt. 


Petersburg: 
Memoires XVIII. Vol. 6. No.3. St. Petersb. 1852. 8. 


Don dem Hrn. Eduard Reuſch in Tübingen: 
Der Spikbogen und die Grundlinien feines Maßwerkes. 
Mit XXV Tafeln. Stuttgart 1854. 4. 
Bon dem Hrn. 5. E. Kopp in Quzern: 
Geſchichtsblätter aus der Schweiz. 1 Jahrgang. 2 Heft. 
Luzern 1854. 8. 
Don der Academie des sciences in Paris: 
Comptes rendus hebdomadaires des seances. T. XXXVH. 
No. 22. 23. Nov. 24 — 26. Dec. 1853. Tom. 
XXXVIII. No. 1. Janvier 1854. Paris 1854. 4. 
Von dem Biftorifchen Verein von Oberpfalz und 
Negensburg: 
Verhandlungen. 15 Band. 7 Band neue Folge. Regens⸗ 
burg 1853. 8. 


Don dem Hrn. Theodor ,Panoffa in Berlin: 


Zur Erklärung des Plinius. Antikenkranz zum dreizehn: 
ten Berliner Winkelmannsfeſt. Nebft 12 bildlichen 
Darſtellungen. Berlin 1853. 4. 





413 


Bon ber Chemical Society in London: 
Quarterly Journal: No. XXI. XXIU. 2 July. 3 Oct. 
1853. London 1853. 8 . 


| Bon dem Comite de la langue de l’histoire et des 
arts de la France in Paris: 


Bulletin des societes savantes missions scientifiques et 
litteraires. Tom. I. Janv. 1854. Paris 1854. 8. 


Bon der k. preußifchen Akademie der Wiffenfchaften 
in Berlin: 


Monatöbericht 1863. Berlin 1853. 8. 
Don dem Hen. Grunert in Greifswald: 


Archiv für Mathematik und Phyſik. 21 Th. 4 Heft. 22 

Th. 1 Heft. Greifömalde 1853. 8. 
Bon der k. Akademie der Wiffenfchaften in Kopen⸗ 
hagen: 

Videnskabernes Selskabs Schriften. Femte Raekke. Na- 
turvidenskabelig og mathematisk af deling. III. 
Th. Kiöbenhavn 1853. 4. 

Tables du Soleil par P. A. Hansen et G. F. R. Oluf- 
sen. Kiöbenhavn 1853. 4. 


Bon der American Academy of arts and sciences 
Ä in Cambridge: 


Memoires. New series. Vol. V. Part I. 


1853. 4. 


Don dem Hrn. Dr. Pfeiffer in Stuttgart: 


Beiträge zur Gefchichte der mitteldegtfchen Sprache und 
Literatur. Nikolaus von Zerofchin. Stuttg. 1853. 8. 


Don dem naturforfchenden Verein zu Niga: 
Eorrefpondenzblatt. Schfter Jahrgang. 1852. 53. Niga 
1853. 8. | 
Don dem Hrn. Dr. Schweigger in Halle: 
Ueber ftöchlometrifche Reiben. Halle 1853. 8. 
Ueber medicinifhe Miflionsanftalten. Halle. 8. 
Ueber ‚die Auffindung der zwei erften Uranus: Trabanten 
durch Laſſell. Halle. 8. 
Bon dem Hrn. Kölliker in Leipzig: 
Die Schwimmpolypen oder Siphonophoren von Mef: 
fina mit 12 Tafeln. Leipzig 1853. A.. 
Don dem Hrn. Rector Halm bier: 


Bibliotheca scriptorum graecorum et romanorum Teub- 
neriana. — Juli Fiori epitom. de Tito Livio bel- 
lorum omnium annorum DCC libri duo. Luci Am- 





Canbridge 


ZZ 44 


pelii liber memorialis recognovit Eduardus Woelff- 
lin. 1854. 8 | 
Don den Herren Baiter und Halm: 

M. Tullii Ciceropis opera quae supersunt omnia ex 
recensione Jos. Casp. Orellii. Editio altera emen- 
datior. Turici 1854. 8. 

Don dem Hrn. Scheikh Mouhammad Aypad EI- 
Tantavn in St. Peteräburg: 
Traite de la langue arabe vulgaire. Leipzig 1848. 4. 
Bon dent Museum Francisco-Carolinum in Linz: 

Dreizehnter Bericht. Linz 1853. 8. 

Don dem Hrn. Franz Iſidor Prochko in Linz: 

Der erſte Bauernfrieg im Lande Defterreich ob der Enß. 
Linz 1849. 8. 

Don dem Hrn. 5. Dauquelin in Paris: 

De l’application de la suture enchevillee ä l’operation 

de l’entropion spasmodique. Paris 1853. 8. | 
Bon dem Derein für ineElenburgifche Geſchichte und 
Ulterthumsfunde in Schwerin: 


Jahrbücher und Japresberichte. 18 Jahrgang. Schwerin 
1853. 8. 


‚Quartal-Bericht XVII. 2. 3. XIX. 1. Jan. April. Oct. 


1853. Schwerin. 8. 
Von dem- Hrn. Alfed Reumont in Blorenz: 
Il Cardinale Wolsey e santa sede. Firenze 1853. 8. 
Don dem Hrn. v. Maurer dahier: 


Einleitung zur Gefchichte der Mark-, Dofs, Dorf: und 
Stadtverfailung und der Öffentlichen Gewalt. Müns 
chen 1854. 8. 


Mär; 1854. 





Von dem biftorifchen Verein für das Großherzog: 
tbum Heffen in Darmftadt: - . 
Archiv für heſſiſche Geſchichte und. Alterthumskunde 6 - 
Bd. 3 Heft. Darınfladt 1851. 8. 
Periodifche Blätter. Oct. 1852. Ian. 1853. Neo. 1. 
Mai 1853. Kajlel. 8. 
Don der deutſchen morgenländifchen Gefellfchaft in 
" Leipzig: F 
Zeitſchrift. Bd. 8. 2 Heft. Leipzig 1864. 8. 

















415 416 


Von dem Hrn. Dr. Albrecht Weber in Leipzig: Von der Socioté des soiences naturelles in Cherbourg: 


Indiſche Studien. Beiträge für die Kunde des indiſchen Mémoires. 1 Vol. 1 u. 2 Livr. Cherbourg 1852. 8. 
Altertfums 3 Bd6. 1 Heft. Berlin 1853. 8. . 
Don dem Hrn. E. 3. Pictet in Genf: 


"Bon dem Hrn. P. A. Hanfen in Seeberg: , 
Entwicklung dee negativen und ungeraden Potenzen der Materiaux pour 1a paleontologie suisse ou recueil de 


QDuadrativurzel der Function ꝛc. Leipzig 1854. 8. monographies sur les fossiles du Jura et des Alpes. 
Entwicklung des Products _einee Potenz des Radius I Livr. Geneve 1854. 4 4.. 

Sectors mit dem sinus oder cosimus eines vielfa- . . 

chen der wahren Unomalie der Reihen. Leipzig Ton dem Den. €. » eittrom in Wien: 

1853. 8. Annalen der Sternwarte in Wien. 3 Folge, 3 Band. 
Tables du soleil executees d’apres les ordres de la Jahrg. 1853. Wien 1854. 8. 

societe royale des sciences de Copenhague par cn 

P. A. Hansen et C. T. R. Olufsen. Copenhague ‚Don dem landwirthſchaftlichen Werein hier: 
1853. 4. , Zeitſchrift. März III. 1854. München. 8, 

Bon der fchlefifchen Geſellſchaft für vaterländifche Bon der naturforfchenden Gefeltfchaft in Görlig: 

j Culture in Breslau. Abhandlungen. 6 Br. II. Heft. Goͤrliz 1853. 8. 
Denkſchrift zur Feier ihres fünfzigiährigen Beftehens. 

Breslau 1853. A. - Bon dem Verein von Alterthumsfreunden im Rhein: 


on der Biblioteca universitaria in Pifa: lande in Bonn: 
Annali delle universita Toscane. Tom. I. II. III. Sci- Jahrbücher XX. 10 Jahrgang. 2 Bonn 1852. 8. 
enze cosmologiche. Fasc. I. ll. Pisa 1852. 53. 4._ Das Judenbad zu Andernach. Elnladungeprogramm zu 


Annali. Tom. III. Scienze Noologiche. Fasc. I. Pisa der am Geburtstage Winkelmanns den 9 December 
1853. 4- j 1853 flattfindenden Generalverfammlung. Bonn 
Bon dem Hrn. Dr. Steiner in Seligenftadt; 1853. 4. j 


Codex inseriptionum-romanarum Danubi: 'et Rheni. 3 
Th. 1 Heft. Seligenjtadt 1854. 8. 


- Don der k. preußifchen Akademie der Wiffenfchaften 


Don dem naturhiftorifchen Verein der preußifchen 
Aheinlande und Weftppalens in Bonn: 


in Berlin: . Verhandlungen. 10 Jahrgang. 3 ımd 4. Heft Bonn 
Monatöberichte: December 1853. Januar 1854. Ber: 1833. 8. _ 
lin. 8. . Bon der Asiatic Society of Bengal in London: 


Bon der Societe vaudoise des sciences naturelles Journal. No. CCXXXVI. No: V. 1853. Lond. 1853. 8 
in Lauſanne: nn 


Bulletin, No. 30. Tom. Ill. Annee 1853. Lausanne. 8. Bon den Hrn. €. 3. Sachſe in Dresden: 
Bon der pfälzifchen Gefellfchaft für Pharmacie und Beobachtungen über die Witterungs : und DVegetations: 
Technik in Speier: Verhältnijfe des Dresdner Elbthaled während der 


Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer. Jahre 1847 — 1852. Dresden 1853. 8. 
- Bd. XXVII Heft V. VI. November u. December . 
1853. Band 1. Heft 1. Januar 1854. Speier 
1854. 8. 
Don dem Comite de la langue, de V’histoire et des ' 
arts de la France in Paris: 


Bulletin des societes savantes, missions scientifiques et 


Bon der Societe Linneenne de Normandie in 
| Can: 

Memoires. Annees 1849 — 1853. Neurvieme volume. 
Paris 1853. 4. - 














Gelehrte 
München. | 
Nro. 52. 


beransgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfhaften. 


Anzeigen. 


1. Mai. 
1854, 








Alciphronis rhetoris epistolae cum adnota- 
tione critica editae ab Augusto Meine- 
kio. Lipsiae sumtibus et typis B. G. Teub- 
neri MCOXXXLIU. IV, 179. 8. 


Von Menanderd Wig und Geiſt bat fih ein 
Nachklang nicht bloß bei den lateinifhen Komikern 
und Lucian, fondern aud bei Alciphron, dem treff- 
lichften unter den griechiſchen Epiftolographen erhal: 
ten (vgl. den Artikel „Menander“ von Preller in 
Pauly's Real: Encykiopädie IV p. 1779) Dan 
wird unbedenflih die Annahme aufftellen dürfen, 
daß manche Charaktere, die jener audgebildet hatte, 
leicht feizzirt im die vorliegende Briefſammlung über: 


tragen worden find, bie und da felbfi mit Beibe⸗ 


haltung ber eigenen Worte des Dichterd; dergleichen 
Meineke p. 90, 93, 112, 123, 158, 173 nad: 
weist*). Damit foll, dem Alciphron das Verdienſt 
finniger Erfindung nicht abgefprochen fein, der fri- 
fhe und gewandte Ton feiner Briefe zeigt, dag er 
felbft in ber Benützung fremden Gutes noch origi⸗ 
neü blieb. 


Die groß ber Umfang feiner Sammlung ur: 
fprünglid war, ift bei ber durchaus fragmentari- 





*) Dielleicht ift auch 11 73, 2 olovs 7 Nuös n glrdın 
ın — roöç davıng TeopFnoug dvedgeyaro „ wofür 
Pbilofteatus Imag. H. 24 (429, 3) olovs 7 Yılzazn 
yy todc davıns AIANTüG änorelef, aus derfelben 
Quelle herzuleiten. 


fhen Form, welche fämmtlihe Handfchriften in fehr 
verfchiedener Weiſe darbieten, nicht mehr auszumits 
teln, gewiß aber rührt die Ordnung berfelben in 
der feit Bergler feſtſtehenden Vulgata nicht vom Ver⸗ 
fafler felb her, ober was follte ihn bewogen has. 
ben, die Briefe der Fiſcher durch die der Parafiten 
I, 20 — 23, der Bauen I, 24 — 28, de 
Hetären I, 29 — 40, 1,1 — 4 zu unterbres 
hen, um Ill, 1 — 3 enblid zu jenen zurüdzus 
ehren, dann HI, 4 — 3 Parafiten, 9 — 41 
Bauern, und 42 — 72 abermald Parafiten res 
dend einzuführen? Eher Pönnte die in Vat. 140 
(P) eingehaltene Reihenfolge für authentifch gels 
ten; bier beginnen die Fiſcher, folgen die Lanbleute 
und dann die Paraſiten; beide legteren find aber - 
nicht vollzählig. Umgekehrt ift die Anorbnung in 
dem vorzügliben Ven. cl. VIII, 2, SParafiten, 
Landleute, Fiſcher. Nur die ländlichen Briefe hat 


“ Vind. 342, der befte Gober des Alciphron, in dem 


allein die zehn II, 32 — 41 ſtehen; nur bie ber 
Bifher, (außer den 4 eparafitiihen II, 4 — 8) 
enthält unfer Pal. 155 (D), aus welchem die er⸗ 
flen 8 ded dritten Buches in den Barberin. über: 
gegangen find. Etwas verwirrt iſt die Drbnung im 
Par. 1696 (T). 


In allen diefen Bandfchriften fehlen die He: 
tärenepifteln ‚ welche ſich vollftändig im Flor. Plut. 
LIX, 7, in dem Pal. 132 (6) und in bem Par. 
3050 (4) finden, theilweife im Par. 3021, 2832, 
3054, Vind. 318 (7, &, ©, A) Man 
muß fehr bedauern, daß gerade diefer anziehenbfte 
Theil der Sammlung ber flärfften Eorruption un: 


XXXVI. 52 


419 


terlegen if, denn bie genannten Manuferipte halten 
mit den eben bezeichneten nicht von fern ben Ber: 
gleih aus; ein umgekehrtes Verhältniß wäre zu 
mwünfchen, da die übrigen befler confervirten Briefe 
fich, wie Vorftudien zu diefen drapıxal auönchmen, 
welche nicht allein ausgeführter und umfangreicher, 
fondern auch mit einer viel größeren Feinheit, De: 
Iicateffe und Laune. gefchrieben find. 


Der Pal. C. und Par. 4 oder ein ihm gan, ähn⸗ 
licher Coder liegen der Aldina von 1499 und ber 


Genevensis 1606 zu Grunde, welde beide Aus: 


gaben gar keinen Fritifhen Werth haben. Bergler 
feste aus dem Wiener 342: und einigen Vatifani: 
ſchen Handfchriften das dritte Buch hinzu, fein 
Gommentar war für jene. Zeiten gewiß ein Meifter: 
flüd, der Überdies viele evidente Emendationen ent: 
hält. Wenig bat Wagner geleiflet; deſto anerkens 
nendwerther. iſt Seiler kürzlich erfchienene Edition, 
namentlich. durch die Wergleichungen vieler vorber 
noch. nicht benügter Handfchriften und die gut ausge⸗ 
flatteten Indices. In der Verwendung jener Hilfds 
mittel, durfte der Heraudgeber weniger ängſtlich vers 
fahren und überhaupt der Conjecturalkritik einen 
größeren Spielraum gewähren, wenn dem Leſer bie 
Bertüre nicht zu fehr erfchwert werben follte. Dafür 
bat nun die neuefle Ausgabe, welche mit überra= 
ſchender Schnelligkeit auf die von Seiler gefolgt ifl, 
in veihem Maaße gelorgt. Meineke wurbe bereits 
durch die Specialausgabe der Fragmente von Mes 
nander und Philemon veranlaßt, ſich näher mit 
Aciphron zu befchäftigen, daher wohl manche Emens 
dationen von älterem Datum fein mögen, wie es 
von rrapaoxywioıs II, 4, 5 bekannt iſt, andere find 
aber durch die neugewonnenen Varianten bervorge: 
rufen, wie viele im dritten Buch. Wir wollen unter 
der großen Menge derfelben nur I, 18, 2 NyaaIns, 
31, xovov, 39 .. vd naga rroppUgav TrogYpvgä 
U52, 9 xwguousv, 4, 3 deös, 1, 1, 3 av- 
sais Evopyeisdar ai Aapıow, 12, 1 werak), 
48, 5 — xalöv xapw olsecduı, 55, 4 engio- 
Ias beifpielmeife, hervorheben, an die p. 92, 93, 


103, 104, 105, 109, 116, 122, 123, 132, 


142, 144, 149, 151, 162 vorgefchlagenen Ers 
gänzungen, bie p. 89, 98, 99, 105, 112, 124, 
132,‘ 136, 138, 147, 155, 157, 159 aufge: 


480 


deckten Interpolationen erinnern, um bem fid bafür 
intereflirenden Leſer vorerſt eine Vorſtellung von ber 
Wichtigkeit biefer Beiträge zu geben, umd baran bie 
Befprehung einiger Stellen knüpfen, über weldye 
wir anderer Meinung find. Dabei wirb mehrere: 
male Keil's Recenfion von Seilerd Ausgabe (Ihrb. 
fe Phil. LXVIII, 37 sqg.) zu berüdfichtigen fein. 


I, 1. Es würde für unfen Pal. 132 (C) 
einen Beweis befonderer Trefflichkeit abgeben, wenn 
fi beflätigte, wad zu $. 4 Geiler in der kritiſchen 
Note fagt: was daiAlas Hemsterh. ad Hesych. col. 
589 Alb. — ex C nihil enotatum, unde conii- 
cias, eum habere doölas. Aber er hat, wie die 
meiften andern vas eilas. Aus dem zunaͤchſt fol: 
genden Ödneo adrav will M. mit Tilgung von xal 
und veränderter Conſtruction am adtöv machen; 
eher liegt darin ein Adjectiv im Sinne von Örzep- 
aloıov ober rregiwvcov, sregıwoov verborgen. 


I, 2. An sov Bu9ov anokvovar ift wohl nichts 
außzufegen , da die Gefchäfte des Landmanns häufig 
metaphorifch dem Zifcher beigelegt werden; man ver- 
gleihe die von Geiler zu I, 4, 1 gelammelten 
Stellen, namentlih Anthol. Pal. IX, 242 nor- 
sov. dporgevrno, und Callimach fr. 436 deoras 
xumaros Aoviov. In demfelben Brief möchten wir 
nicht wie M. das von T bargebotene xowilew nad 
Erserarıe verihmähen, denn baß der Iateinifche 
Sprachgebrauch von imperare aud hier Anwendung 
finden müße, wird erfi noch zu belegen fein, Eben: 
ba haben die Worte za dx vis Iaularınz Egia, & 
vera Enıeimös Ev edovvöums Anıwov viele Wer: 
mutbungen hervorgerufen. Mit Uebergehung ber 
Aelteren begnügen wir und die drei neueſten anzu⸗ 
führen: 8obed Pathol. serm. Gr. elem. I, p. 34 
ſchlug ‚vor dv Edgvvoums Asınavı, Keil (Neue Jahrb. 
für Philologie LXVIII, 48 2» Edovvouns gen£ves, 
Meineke hier (p. 88) Er Egmorng Aynivı, mit dem 
Zufag: Hermioneusium portum si marinae lanae, 
de qua Salmasius ad Tertullianum de pall. p. 
218 et Casauhonus ad Athen. III, p. 89 ege- 
rust, feracem fuisse. alio quodam testimenio con- 
staret rem confectam dicerem. Nunc incerta res 
est, nec mirabor, si quis me ipsum cum ceteris 
hariolatum esse dixerit? Allerdings hätten bie 


Leute erſt eine weite Fahrt von Munychia nach 


48. 
Hermion⸗ machen müßen, um ben Befehlen ihres 


nachzukommen. Daß nun ber Einwand, ein. 
Ausdrud wie dv Edgvvoms Asymävs ober ranfveı 
ſich übel im. Briefe des Fiſchers audnehme, wird 
burch die Vorausſetzung, daß jene irgendwie popu⸗ 
lär geworben feien, gehoben; für beide appellativa 
aber, die dem corzupten Anworv nicht fehr ähnlich. 
fehen, bürfte wohl demig eintreten, vgl. Pind. 
Nem. I, 3. Uebrigens wird man auch zugeben, 
daß neben dieſer poetiſchen Bezeichnung der Mee- 
reötiefe (nach Il. 2, 398) der einfach proſaiſche &x 
sis Yalacons ungehörig iſt, ferner daß änseıxös 
auf ein Adjectiv, welches weggefallen if, nothwen⸗ 
dig bezogen werben muß. Demnach ſchrieb Alei⸗ 
phron etwa fo: xal Ta Epia, & gYveraı Enisids 
dvoevoera dv Edovvöuns deuvip. Dad Enevdnioa- 
pev am Schluß des Briefes ift nicht mit der Les⸗ 
art in A Znodmoanev zu vertaufchen, vgl. Lys. 
AXXI, 11. 


I, 4. Für dnporsıxa dıangarrovysas will 
M. Immoveyixa d. lefen, weil jenes nur von ber 
Staatöverwaltung verftanden werben konne. - Biel: 
leicht if diefe Behauptung dba gegründet, wo es ſich 
um den ächten Atticismus handelt, aber Lucian ſetzt 
Paras. 1 die dnmouxag Töxwas ben ebleren wie 
povoixı), bargıan, Ömzogixn) entgegen, und in biefer 
Bedeutung wird man auch hier dad Wort zu neh: 
men haben. In gleicher Weife ſcheint auch I, 6 
ou 62 badıos wv vo OpFalpus feiner Aende⸗ 
rung zu bedürfen, wenn man damit Luc. de merc. 
cond. 40 od 68 EM xal dadıos Tv TE070V zu: 
fammenhält. Die perossxos aus Dermione, welche 
$. 2 ald WVerführerin des Euthybulus erfcheint, fol 
der Piraeeud dri xaxd Tüv dowrrov aufgenommen 
haben, denn fie verſchlingt Alles, wie eine Charyb⸗ 
dis. Für Zewerov liedt eine Handſchrift Zoavrew, 
womit wir dem Wort, welches der Gedankengang 
des Briefes verlangt, etwas näher fommen; dies 
ift weder dgaosüv noch Ogwvsow, fondern xenue- 
zov. Die Einwohner ded Piraeeus haben jene He: 
täte "zum großen Nachtheil ihres Wermögens aufge: 
nommen, vgl. I, 18, 3. 


1, 9. Die Aumea nragauv Ida wirb fich als 
kräftigere Bezeichnung neben ber Aurnoa behaupten 
Finnen; bad zweite rapamıHan ſcheint nur von 





AR. 


fremder Hand zur Erieichterung bes Leſers beige⸗ 
fügt, da es zu ei rag’ Yac fupplirt werben fol; 
das dritte $. 3 navsus dp neds ij xaraßoiß 
sdeyvalov Eos rag’ adrois vis dia COB Tragayıy- 

Ha Huovvolow 7 Arsarovplov elovmsvon fällt auf 
diefe Weile nicht mehr als Läflige Wiederholung auf; 
für rag’ adsois aber muß es wohl rap’ adsav heißen. 


1, 12, 4. Hier bat Pal. 155 (D) nidt 
wie Seiler angiebt, xgvnoVs xal Ialarra Ybponen 
ana, fondern wie Ven. xq. x. Jalarsav 9. a. @8- 
oouevovr dE ana. Daß Yepoufvov burdy srAoilo- 
pnevov zu erfegen fei, glauben wir weniger anneh⸗ 
men zu dürfen, als daß bad .erfle pEgouev ün« 
geftrichen werben müße, und der Beriht, welcher 
ſich zunächft auf ben Pamphilus bezieht, dann fort- 
fahre mit 75 dd aua, fo daß die parenthetifche Be⸗ 
merkung des Naufibius einfach mit ‚Yyegonev fließt. 
Die Zufammenftellung von xevmoös und Ialarrav 
bat fhon Keil (Cl. c. 50) verworfen und für die 
Ledart in I’ xevpods xal Jalrcos fich erklärt. 


1, 15 bemerft M. zu ddixovs alseiw gagısası 
haec si de muneribus intelligenda sunt quae quis 
praeter ius fasque expetit, satis mire locutus est 
Alciphro. Dod wird eine xapıs ber Art eben fo 
gut adınos beißen dürfen, wie I, 20 bie sun beis 
bes ift: unverbient. Man vergleiche auch Menand: 
IV, p. 135, vs 7. 


I, 28 fcheint ©. Hermanns Zewrixöv dva- 
eveis die von M, bezeichnete Lücke fehr befriedigend 
audzufüllen. I, 30 ift ruygavovoaı, aber ohne Ar: 
titel gewiß das Richtige, aber der Zufag zox di. 
dodow macht die Conftruction unnöthigerweife [hwers 
fällig, apa iv doaorüv geht ja vorher und bie 
Beziehung auf diefelben verfteht fi von felbft. 

I, 34. Mit Bezug auf bie von Thais ges 
gen Euthydemus audgefprochene Drohung, daß fie 
feinen Lehrer und Nebenbuhler zulaflen wolle, nad: 
bem fie ihn bisher abgewiefen habe, muß fie fchrei: 
ben co Twens ev odv adsov od npocum ſtatt 
zore mer ovv xròo. Weßhalb im näachſten Satze 
sregßallovoa xomäcdar M. einem Gloſſator zumweift, 
ift nicht abzufehen, es genügt, mit. Seiler Exemw 
nach xcuocor einzufdieben. 


I, 35, 3 muß wohl mod d’ ER damit on 


raganpuxi gelefen werben flatt zu. d’ Enreosı, und 
in ber Erwicberung I, 36, 3 r0Fev übergehen in 
cò Aoınöv, an App sap . 5 bat, wie es fcheint 
noch Niemand Anſtoß genommen, wo doch dagov 
T. zu erwarten war. 


1, 38. Die fchöne Bacchis iſt verfchieden und 
hat dem Euthykles nur dad Andenken an ihre Liebe 
binterlaffen: Egwros 5oov Ndiorov vo vElos oN uo- 
engod viv un. Abreſch und Jacobs wollten 
qocorov Tore, vocodrov uxgod v. p., welhen M. 
folgt. Aber rixgös würde den Ausdruck ded Bi: 
drigen und Vorwurfsvollen enthalten, Dagegen war 
Hdıoros To zes jene Liebeöverhältniß in demſel⸗ 
ben Sinn, wie I, 34, wo Thais dem Euthyde⸗ 
mus zuruft: Zmuidesfouese aAAnkoıs To xalov v£- 
doc rijc Ndovns; jenes velos ift der Reiz, welchen 
der Moment des Liebeögenufles gewährt. Nur 7o- 
coörov noInrod werden wir fchreiben müflen für 
od rncomeod, fonft kann fich die folgende Betheu⸗ 
zung od yag 2xAnoouai store Baxxidos, odx odros 
Eosaı xoövos nicht ungezwungen anfcließen. In 


demfelben Brief $. A fpricht Euthykles von einem 


Satrapen, deſſen glänzende Verſprechen bei Bacchis 
ohne Erfolg geblieben wären: Zooßeı edvougovs 
Örtiogvovpevos xal Fegartaivas Rai xoouov vwa Pap- 
Bapıxzöv xal Öuwms üxovsa adıov od srpoolero. Keil 
(1. c. 47) glaubte das vielverfuchte axovra ließe 
fi) vieleicht halten, indem darin läge, wie unwill: 
kommen ihm die Zurückweiſung gewefen fei; aber 
das wird Niemand bezweifeln. Zu ſtark ift auf 
der andern Seite M's. xAaovıa, und wo folhe Aus⸗ 
brüche erotifcher Desperation vorkommen, iſt der Lie: 
bende in der Regel (vgl. I, 36) wirklich auf Thrä- 
nen befchräntt und vermag durch nichts anderes feine 
Leidenfchaft zu bezeugen. Eher wird ixerevovra 
(vgl. I, 31, 4) der hier dargeftellten Situation ent: 
fprechen. Außerdem ift es fonderbar, daß die_Athes 
nifhe Hetäre durch. einen barbarifhen Schmud ge: 
wonnen werden fol, vermuthlih heißt es xoauor 
sravv Paoıdıxöv, vgl. Il, 3, 5 deirai uov nacas 
denasıs xai rtporgkneras Baoıkıxös Unıogvounevos. 
Weiterhin $. 6 hat M. einen dankenswerthen Wink ge: 
geben p. 106 in sequentibus verbis derios uev 
latere opinor participium verbi, a quo dativi Tois 


idiosois drroAavouacı pendeant. Nur in Betreff 


484 


biefed dnolavonacıw, weldes M’s. und auch Keils 
Conjectur für zoAaopaow ober zoAaunacın ift, tön⸗ 
nen wir nicht zuflimmen, benn dem gYardpois öp- 
pacı muß ein anberer holder Gegenfland an ber 
Geliebten, etwad concreted alfo, entfprehen. Das 
werben die dyxalas fein (N, 3, 9 Ad yag — 
rac cds Heganevo mäiloy ‚dyxalas), denen nun 
wad vorbergeht und folgt, fi etwa fo accomobiren 
mag: Tas Ydioras Exswas ayxalas Euol oveme- 
noouécvn. 

I, 39 beginnt mit Vorwürfen, die Megara 
ihrer Freundin Bacchis macht; dieſe Hatte fich, ihrem 
Adonid zu lieb, bei einem Feflmale nicht eingefun- 
ben, zu dem an ben Dionyfien viele Hetären von 
ber Glykera gebeten waren; oux gxes ei mm de 
Exeivnw oddE vas Ylias ideiv yuvalxas dvanzonsın. 
Diefe Stelle ift fehr verfchiedenen Euren unterworfen 
worden. Bergler ſchlägt vor: oluaı di’ Zxevov, was 
nah dem erften Sab bed Briefes die größte Pla⸗ 
titude wäre, Keil will (l. c. 53) 09x vor Axess 
ftreihen und di Exeivov Iefen, mit der Verſion: 
„auf die Einladung der Glykera kaämeſt du, ja, 
wenn du nicht verhindert würdeſt.“ Dagegen glaubt 
M. nur mittelfl eines Zuſatzes helfen zu Bönnen: 
sententia hoc fere postulat: osx Txeıs, od mp dr 
Exeiunv [movov, AAN] oddE Tas pllas —. Auch 
Seiler ruft aud: locus sane mutilus et corruptus. 


Letzteres wohl, erftered ſchwerlich. Schreibt man 


odx reis, od pa Al Exeiviw xra., fo iſt ohne 
ſtarke Aenderungen der Gedanke ungeswungen aus: 
gefprochen, welchen hier Megara fagen zu mülffen 
fih gebrungen fühlt. . 


JH, 1, 6 hatte Bergler ohne Zweifel Recht, 


00: nah xooueiv zu tilgen, denn was Lamia unb 


ihres gleihen bei andern Liebhabern thun, fol ge: 
abe bei Demetrius Feine Anwendung finden. 


(Fortſehung folgt.) 











Gelehrte 


München. 
Nro. 53. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der £. bayer. Akademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen. 
3. Mai. 





Alciphronis rhetoris epistolae cum adnota- 
tione critica editae ab Augusto Meinekio. 





(Fortfegung.) 


1, 3, 2. Wenn Keil (1. c. 56) nicht das 
aosoraxneov ber Handſchriften durch Hinweiſung 
auf ziemlich entlegene Quellen (auf einer Gemme 
Ficoroni's ſteht doronagi und astomachetus ſelber 
iſt auf zwei lateiniſchen Inſchriften nachgewieſen, 
bei Reineſius cl. 12 n. 124 p. 691 und bei Gru⸗ 
tee DCCL. n. 14) einigermaßen gefichert hätte, 
würde Ref, ein anderes Prädicat proponiren, wel 
ches zugleich den Widerwillen der Leontion gegen 


die philofophifche Unterhaltung, mit ber fie Epikur 


langweilte, audfpräde: dorosxsiusov. Dem Buch⸗ 
flaben nach näher, aber dem Gedanken der Hetäre 
wenig angemefien iſt M.'s adsopaxnrov, worliber 
- ee folgende Erflärung giebt: verbum adropazeiv 
proprie dieitur de iis, qui suas ipsi causas de- 


fendunt, quod vides quam facile in eam senten- - 


tiam deflecti possit, qua quis pro se ipse pug- 
nare, vel sui iuris esse dicitur. Vom folgenden 
urtbeilt er: graviter corrupta sunt, sed frustra 
coniecturis tentata. Post öÖvrws fortasse lacuna 
indicanda et tum seribendum Zrei roAuogxmeiv 
Exo vowvrov xt. ine Lüde vermögen wir hier 
niet zu entbeden, es wird genügen aud dem Erri 
vor rroÄsoganenv, in welhem Keil und Andere eine 
Abkürzung von ’Erixovgov fehen, welches zur Er: 
klärung beigefchrieben worden fei, £ya zu machen, 
und mit Keil roẽror zu leſen; die Verfaſſerin des 
Briefed wird wirklich belagert, die Geliebte ded Po: 


Uorketes erleidet folche Angriffe nicht. Die didone- 
oros innıosolal, welche Epikur an jene richtete, tries 
ben fie bis zur Werzweiflung; damit ift der weits 
ſchweifige Stil des Philofophen charakterifirt, weß⸗ 
halb wir ed nicht billigen können, daß M. ddıe- 
ravoroug aus bem Flor. aufnahm, es liegt in je: 
nem Prädicat mehr Spott als in biefem, mit wels 
chem Leontion fi nur über zu viele Liebesbriefe beflas 
gen würde; auch iſt dasfelbe ſchon mit den Zrrioroiat 
adıalsursro: zu Anfang bed Schreibens gefagt. . Epikur 
machte ſich ihr beſonders dadurch mißliebig, baß er bei 
ihr gern den [hönen Timarchus, noch bazu feinen Schũ⸗ 
ler, verdrängt hätte. Sie führt ihn redend ein: d 
Argevs odros Ekeide, ya, Ex vis Aus novayglas 
xal mi ngocıdı Aeorsin. So Tann er fprechen, ins 
bem er fich für den Thyeſtes hält, der von Aerope dem 
finſtern Atreus vorgezogen wurbe. Aber diefer, wie 
Timarchus, hatte ältere Anſprüche auf ben Befitz 
bed geliebten Weibes. Daher fügt Leontion Din: 
Ws od dixaoregov Exeivov Egodvros‘ od wir or 

m good 7 Ep, und vergleicht endlich die Uns 
verträglichkeit des ergrauten Anbeterd mit ber Dulds 
ſamkeit bed jugendliden: xal d ur veaviaxos ww 
avfxeraı Tov Eregov avregacınv yeoovıa, 6 68 
Tv dixaoregov ody Umogieveı. So lad man bis⸗ 
her, M. bat aus Flor. Horegov für Eregov einges 
führt „quod res ipsa commendare videtur.“ Ob 
aber 0 voregos d. nicht noch einen andern zrgore- 
005 voraudzufegen nöthigt, ber dem Timarchus eben- 
falls entgegen wirkte? Uns fcheint Üoregov auß 
6uoow verborben, yEgovra aber dad Gloſſem davon ; 
zu dem 6vaös avregaoıns muß dann ber in ber 
Blüthe feiner Jahre Liebende den Gegenfag bilden, 
6 Ep’ nAızias Eodv, vgl. I, 37, 4%; der Sag würde 


XXXVII. 53 


487 


demnach fo lauten: zal d iv veaviazos züv dvaov 
dvsegaorgv dvsgera, 6.8 zöv Ep’ Alındas Egavr 
osx vnongver. Bei dem Gedanken, fich von ihrem 
Theuern trennen zu möüflen, was nöthig wirb, 
wenn fie dem Epikur entfliehen will, überfliegt fie 
bald Froſt bald Hige, ihr Herz iſt wie umgekehrt: 
&prı dnseıyuypa xal lögd xal Ta üxpa xal ı) xapdia 
pov riosganın. Man bat fih viel mit biefen 
&xoa abgeplagt, Geiler verfihert, daß es Feiner 
Aenderung bebürfe: vertam sudo vel in extremis 
partibus, quod fieri non solet, nisi sudor sit 
vehementissimus. Dawider bemerkt Keil (l. c. 57) 
„man ſchwitzt fletd nur an ben äußerfien Theilen 
des Leibe, darum fcheint” diefe ausdrückliche Er⸗ 
wähnung ganz mäßig.“ Er felbft wi nach Por: 
fon’8 Vorgang xar äxpas lefen, nur mit bem Un: 
terfchied, daß Porfon xaranpas mit 1 xagdia ver: 
band, nicht mit idos, was der Sinn giebt: „ich 
fhwige von oben herab, d. h. über den ganzen 
Leib ergießt fi) der Schweiß.“ Vielleicht hat Al: 
ciphron an Feine Ertremitäten und auch fein Schwi- 
gen von oben herab gedacht, fondern nur an einen 
ſchnellen Wechfel der Tempetatur in dem fieberhaft 
aufgeregten Körper, das konnte heißen; agprı ame: 
Ydvypas zul Tdgwxa rapgaxofiua (ntagavılxa?). 


nn » 


U, 3, 7. Menander fügt feinem Brief von 
Glykera den des Ptolemäus bei iva um zone oe 
dis xal vois Epic xal Tols dxeivov ypaupacw Ev- 
suyxavovoav. Und doch muß die Freundin jetzt 
beide Briefe leſen. Daher bemerkt M.: „haec 
corrupta esse et contrariam potius reguiri sen- 
temtiam iam olim indicavi; quod enim Reiskius 
aliique existimant, scriptorem eorum quae in 
prima (priore?) harum epistolarum seripserat im- 
memorem hariolatum esse (II, 4, 2), non video 
equidem quo quis iure id contendat. Fortasse 
lenissima correctione vitiam ita tolli potest, ut 
scribatur va dj) xonto ce dis scilicet ut bis te 
fatigeni et meas et regis literas legentem. Iro- 
nicus orationis color ab hoc loco non alienus 
est.“ Diefem Borfchlag ſteht aber das Folgende 
entgegen: a de Emwrillew add Eyvaza „Bovko- 
nal ce eldEvar, es feht voraus, daß Menanber et: 
was üÜbergangen babe, unb dies ift natürlich bie 
ausführliche Inhaltsangabe von dem Briefe des 


Axadınwias. 


Ptolemäus, wie bereitd Keil erinnert (I. c. 58). 
Kurz vorher $. 6 kann der Gap AAN üyeras zal 
BovAsvosrai va Ida oöros‘ Ey dd od rrepyerd 
PovAas nicht fo aus der Feder ded WBrieffiellers ge- 
floffen fein, denn erflend wäre 1a Ida eine nicht 
eben gratiöfe Wiederholung aus $. 5, zweiten. 
würbe Menander ber Glykera damit, daß er Beine 
Rarhfchläge abwarte, ein ſchlechtes Gompliment ma⸗ 
chen, endlich enthalten bie Worte Zya de xud. Beine 
Antithefe zu dem, was Philemon thun wird. Diefe 
Schwierigkeiten löfen fi mittelfi bee Aenderungen | 
Bovisvoeraı idia — ol ngös Euavsov uovov Bov- 
Aevoonar, welche wenigftend den Zuſammenhang des 
Schreibend bier herſtellen dürften. Im 6p. 9 ift 
nicht nur das glüdlih von Bergler conflituirte «u- 
Ads in den codd. audgefallen, ſondern aud ein lo: 
caled Adverbium, etwa od, welches der nöthigen 
Verbindung mit bem vorhergehenden wegen bem 
Zert künftig eingereibt werden muß. In $. 10 
wit M. gvoneva in Juworuesa ober xaloıuera 
verwandeln, .eher wirb dyada zu flreichen fein, benn 
nrapd sovsoıs kann, wie er ſelbſt erinnert, nur auf 
die Hofleute gehen. Alle die fhönen Dinge, welche 
das Leben bei einem König bietet, mag ber Di: 
ter nicht vertauſchen zaiv xas” Eros yodv xal vr 
&v vols Heargoıs Arvalov xal viis xIılüs dmolo- 
yias xal vv vo Avxeiov yuwaclov xal vis lepüc 
Was ift XI omoloyla? Jacobs 
fhrieb dafür dosızs oromwilas, ©. Hermann oxo- 
Axis Ömoloyias, Meineke yovois Ponoloxias, und 
behauptet gewiß fo viel mit Recht, baß etwas cum 
publicis Iudis coniuhetum .verlangt werde; aber 
Menander würde nicht vorzugsweiſe die ludieros et 
petulantes comoediae iocos mit dem Beiwort xorv- 
coös beehrt haben, und die Bomoloxia liegt ber 
bandfchriftlichen Xradition fchon ferner; die beten 
Bücher haben capaloyia oder avoloyla, das leitet 
wohl auf oewwoloyia, als Bezeichnung der damals 
noch beftehenden Tragödiendichtung, welche M. un⸗ 
ter den Vorzügen Athens kaum übergehen Ponnte. 
Schwieriger ift ein entfprehendes Abdjectiv zu fins 
den, denn xogwüs, Tgayızlis, Jupeluiis, dyamı- 
orixiſc — das alles flimmt entweder nicht zu den 
gewählten Namen, oder hat Feine Achnlichkeit mit 
dem corrupten Wort in den Hanbfchriften.. Mes 
nanber fährt fort $. 11 700 yag Ev Alyvrııo Dnpe- 


m 


— nö d& Jednodiras Ev zals 
—* mmag xemammevous. Dan hat auf op- 
als geraten, wie Seil (l. e. 59), welcher C 
Insc. 2144 citirt: oregamnpogeiw Egsrpieis Travras 
-uah sods Ävpimodvsag xusod oseyavov «| opni 
sod Hıovucov, oder auf z010L, ; wie Reiske, ober 
zung zu halten geſucht, wie Bergk; Meincke ge⸗ 
denkt bie Ledart xoucıs im Flor. durch Stellen wie 
Luc. de aalt. 5 ö — r 75 om und Al- 
ciphr. III, 40, 3 vipsiyvmwos Ev seßawip zu fü: 
gen, doch feheint dad Epitheton degais diefer In: 
terpretation entgegen zu fein. Angenommen, daß 
die Thesmotheten bei den dramatifchen Aufführungen 
präfibirten, worauf der Epheukranz beutet, wird 
dyoviaıs (vgl. Plat. de leg. 765) bier am Platz 
fein. In $. 14 vermuthet M. einen Defect, denn 
ineptissime verba ovre orgasıwsas —— Qulaxas 
iupguntur superioribus. Non dubium est plura 
excidisse:; itaque lacunae signa posui. Und doch 
fyeint, wenn man nur mit Jacobs aldeiras feht 
für deiras, eine befriedigende Verbindung denkbar; 
weil Glykera Feine mächtige Herrfcherin iſt, hat Mes 
nander mit ihr leichtere Spiel als mit Ptolemäus 
und folhen großen Herren, die einmal abwendig ge: 
macht durch nichts mehr zu gewinnen find. Daß 
Der Rhein dem attifhen Dichter nicht bekannt fein 
konnte, ift offenbar, barum wird feine Erwähnung 
Alciphron gewiß bier unterlaffen haben, vielleicht 
nannte er aber den Strymon. Am Schluß bed 
Briefes drüdt Menander unter andern Wünſchen, 
womit er den Ptolemäud apoftrophirt, auch ben aus: 
cuor yEvoıro — vv En Eaxag bs Ömwiicaı xar 
Erog Awvvoov. Bir glauben in biefem Dionyfos 


den von Eleutherä Zu entdecken, welcher alljährlich, 


Yaut der Angabe bei Paufanias I, 29, 2 in ben 
Tempel bei ber Akademie, natürlich in Prozeflion 


und unter Gefängen, getragen wurde, bad war ein 


bedeutendes Feft für bie Athener, vgl. Philostr. V. 
Soph. u, 235; 31 (549 ed. Ol) Mit Annahme 
einer flarfen Corruption, "dergleihen aber in ben 
Handfchriften des Alciphron manche vorfommen, wird 
es erlaubt fein zu lefen vor Eievdegda. Hätte 
der Schriftfieller von dem 4. dv dygois ſprechen 
wollen, fo würde er fich ſchwerlich des Ausdrucks 
eöv 9 Eoyaräs bedient haben, welden M. bier 
als identifh mit do Ayo feht (p. 115). Zu bem 





. sacay fchrieb. 


430 


I. Ehevdegeds volirde der des Ptalemäus, von dem 
Opfern II, 4, 9 ſpricht, einen artigen Segenfag 
ilden. 


1,4. Die Antwort der Glykera bietet auch 
manche Schwierigkeiten, deren fichere Löfung kaum 
zu erwarten flieht, dar. So z. B. glei $. 2. Die 
Sreundinnen bemerken ihre Aufregung, weldhe Menans 
ders Brief bewirkt Hat, und ‚fragen Tl apa, vi dor 
snAxodroy yEyovev ayadov, Orı xal wuxjj xal aw- 
narı xal näcıw alloıorega vür jniw Tıs repiwag; al 
To göna yeyayodar. Hier ifl ro one ſicher corrupt, 
aber die vorgeſchlagenen Aenderungen in 70 öpue 
sö oröna, To oxima paflen nicht viel befier, M. 
möchte es lieber ganz flreihen; wir dachten an o- 
oodzov. Für adv sT PB. ogyeayidı hat ber cod. 
Dorvill. ouv &dausj PB. o., das führt auf ayıf 
(ohne adv). Auffallend ift gleih darauf Eypgacar 
flatt ngovro, was man ald Nachläßigkeit ded Aus: 
druds betrachten könnte, wenn A. nicht etwa Ey- 
Denn I, 14, 2, was M. citirt, 
giebt zu dieſer Verwechslung feinen Beleg. : Bel 
ber Aufführing der Menandrifhen Stüde ſteht Gly⸗ 
kera, wie fie ſelbſt $. 5 erzählt, neben dem "Dich: 
ter.in ängflliher Spannung, fo wie aber dad Thea⸗ 
ter feinen Beifall zu erkennen giebt, umarmt-fie ihn 
feurig ; hier wird vor xad sgduovon bie Interpunction 
wegfallen und nad rors ein da eingefchoben wers 
den müßen. Sie nennt dafelbft ihren Geliebten 
env legav av deanasum &xeivnw xepahıy. M. 
hatte gegründete Urſache zu erinnern „mirum non 
haesisse viros doctos in sacro illo fabularum ca- 
pite“ ; doch mit der von ihm in Vorſchlag gebradıs 
ten 'lega Tüv Xaplıwv Exeivn xeyain kommt man 
auch nicht viel weiter. Es wäre möglich, daß ber 
VBerfafler der Briefe von Phalaris, wenn er den 
Stefihorus in ſehr ähnlicher Weiſe ald zıjv deoca 
my duvorolov Exeivyv xegaliv preifl (ep. 76), 
unfere Paflage ober eine gemeinfame Quelle vor 
Augen gehabt, mithin Alciphron mit Anwendung 
auf Menander biefen einen dgauaroyovos oder auch 
dganaroroAos x. genannt hätte. Die Bereitwillig- 
keit, den Freund nach Aegypten zu begleiten, fpricht 
SI. jett in den Worten ($. 9) aus: rapeica zw 
umrege — Eavrüg Eoouas omuml£ovoa 001° xal 
opödpa' zw idaldoaun yeylınuaı, ed olda (ew 


8 olda haben (4.3) ab Zunlmpdong zirng vau- 


slas Eyü Yeganevon, Yalııw cov zo dodevoüv 


“sv nelayıomöv. Unfere ‚unmaßgeblicyen Conjectu⸗ 


corrigirt oõre d. ij. 


ren ſind für dieſe Stelle Eıpopaı — xal yag 0pö- 
dea — ei) d’ olda xav xuxlovneuns x. vavsıäs 
— Isganevon ce xal Iahım. Daß die Verglei⸗ 


‚hung der SI. mit Ariadne wirklich lückenhaft fei, 


was M. annimmt, dürfte noch einigem Zweifel un: 
terliegen. In dem mehrfach behandelten xal Zpy- 
plaıs vavoızais ſteckt vielleiht nur ein fimpled xu) 
wais 2. Exeiwaus, voeber vnoweixais, noch Nafıe- 
sals u. dgl., und für 7) argis ($. 10) werben ol 
goaropes eintreten koͤnnen. 
beiden Liebenden iſt darum ſo feſt, weil zu der 
Leidenſchaft, welche ſie für einander empfinden, die 
geiſtige Mittheilung hinzukoͤmmt. Menander bat der 


Gl. in feinem Briefe geſagt: Du biſt mir Rath 


und Areopag und Heliaea; flolz darauf, daß jener 
ihr die Entfcheidung überlaffen will, ob er nad 
Aegypten gehen oder in Athen bleiben fol, fchreibt 
fie ($. 12) Eorı yag ws Platos q 2unadhıis gılda 


oũro xal eudinivros, ols 62 ragaßeßinvraı xal 


Povial, dpgaykoregov Ev Tovsoıs dm To Eoyov 
odre ayıyds Ndovais ve xal did rö.nAjdos, oüre 
wegıdeis' Avasıs dd Tiv yvauıw as ye ntollaxıs 
reg Tovsmv autos vovterüv me dıdaoxeıs. M. 

1. 1. Eoraı dia To mados, odTE 
nregideds did ro J90ç und vermuthet übrigens 8 
os d2 für Avcsıs de. Davon wird Zora dıd To 
nados dankbar anzunehmen fein, aber dia zo 790g 
führt von dem Gedanken ab, welden Gl. aufftelt 
und mit Variation wiederholt ; diefen gewinnen wir 
mit leichten Abänderungen: ovre Yag dınyes idoriis 
Eoraı dia To nasos odre mregideds Avcems did Tiv 
van, üs ye (nit Os ye, wie M. bat), und 
Damit eine ‘völlige Concinnität der Säge, in wel: 
hen die Sicherheit bed Verhaltniſſes (ro EZeyov) 
dem eudıialusov der Zunasns yılda entgegengefeht 
wird. Die Gonflruction von auıyds kann unter an: 
dern mit Luc. Anach. 25 belegt werden, die yvo- 
pn Menanderd beißt aber Gl. felbft II, 3, 6. Zu 
den rathfelhaften Aygıa Yuila tur avIonrov, bie 


fhon cine Legion von Vermuthungen veranlaßt has 


ben, folte map eigentlich nichts weiter beifteuern, 
wenn ein Meineke in Bezug darauf erklärt de po- 
stremis — restituendis despero, übrigens gehen 


v 





Die Sreundfchaft ber 
raeyncvoc Ölws ndn por. 


die Vorfchläge alle dahin, einen Planzennamen her⸗ 
einzubringen; es wäre aber moͤglich, daß eine all: 
gemeinere Bezeichnung wie rw navrzdv (Blätter 
von denen, die bei der Weiflagung gebraucht wer⸗ 
den) die Reife der aufgezähften Gegenflände fhlöße. : 
Bir kommen an bie corruptefte Partie des Briefes, 
wo Gl. bittet, ihr anzugeben, wie lange er aus⸗ 
bleiben werde: W’ 2yd mEv xaradpium sroös 08, 
sv dd Dovylav vavım Eromacopar Tin xal @ 
weleräv wreıgaleıs and oavrod u ıov Hewasä xad 
To aypidıov xal iv Movvuxiav xal ar oAiyov 
önws Exrrlaonn Tüs vuxijç od dvvandı saura 
noeiv HA Tods Hsods, au de od duvacı dıane- 
Darnach fcheint ed, als 
wole fie ben Argwohn äußern, Menanber habe 
vor, durch feinen Aufenthalt im Piraͤeus zc. fich des 
Umganges mit feiner Freundin allmählich zu ent⸗ 
wöhnen; wenn er den. VBerfuh wirklich anftellen 
wollte, dürfte fie ihm Peine Viſite in Begleitung 
der Phrygeria machen. Diefer Sinn würde fih er: 
geben, ohne daß das Einzelne garantirt werden 
fann, wenn ‘man laſe: w u — ETo nEOtO MO, 
ei em) xai neleray Treıpü Ti en Cavrod row Meı- 
eaä x zip Aygviiv xat nv Movvuxiav olxam 
za’ oAlyov Onus Exneow 00ı Ts wuxis. od du- 
vanıı Tauta Umovoeriv ua Tods Jeous, ad. dt od 
duvacaı rroseiv te. M. fagt sequentia item pes- 
sime . habita sunt — suspicabar xad de nelsräv 
neıpaleıs ano oavrod ne — accusativi 509 Heı- 
garä — Movvugiav a verbo weleräv wuspensi zunt 
nota strucfura, qua subiectum enunciationis rela- 
tivae in obiectum primariae enundiationis transit. 
Sensus igitur fuerit: ac forlasse me operam dare 
conaris, ut Piraeeus, ut agellus, ut Munychia 
(quibus in locis Glycera cum Menandro versari 
solebat) sensim ex animo meo elabantur.- 


(Schluß folge.) 


4 





x 


Gelehrte 
München. 
Nro. 54, 


herausgegeben von Mitgliedern 
der £& bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen. 


5. Mai. 
1854, 





Alciphronis rhetoris epistolae cum: adnota- 
tione critica editae ab Augusto Meinekio. 





Schluß.) 

Diefe Art zu reden ift indeß zu gefünftelt und 
gefchraubt, und der Sinn, der in die Worte gelegt 
wird, feheint mit den nädflfolgenden Betheuerungen 
von Anhänglichfeit und Zreue in Peiner rechten Ver: 
bindung zu fliehen. In dem oben vom Ref. ‚pro: 
ponierten Text iſt reig& mit Bezug auf 19 wore 
EIG geſetzt; zwiſchen Piraäeus und Munychia ſchien 
nur für einen andern Demosnamen Platz zu fein, 


xar’ oAtyov würde beffer hinter örws feine Stelle 


finden, sadre ifl von Jacobs (flatt avra), beflen 
odde od durch die jet getroffenen Aenderungen über: 
flüßig wird. In der Aufzählung ber Stüde des 
Menander ift eine Lüde im Namen Zuxvovıov, bar: 
auf folgt odv lo. M. ergänzt Zixvaw[or, ei? 
Gr] oür @Ado. Aber nicht jedes andere würde dem 
Geſchmack bes Ptolemäus zufagen, weßhalb eber ber 
Titel eined Stüded in jenem odv allo (etwa Ze- 
voAoyor) verfledt fein mag. Wie kommt SI. zu ber 
Urtheildfähigfeit za Mevardgov duangwew? Dad 
bat fie die Liebe gelehrt: dogòoy Exam vov Ton Epwra 
xai Tadr eidkvaı duvaodaı. 
würde fie ed nicht fo weit gebracht haben, denn 
aldovueda, ma un Aoreuu dyakıoı ν slvaı um) 
Yärrov wardavovoa. Mit dieſen Ausſprũchen ſteht 
der dazwiſchen liegende ou yap us Edidakas edyvä 
yvvaixa Taxkws tag” Egwvrav mavdaveı, AAN ol. 
xovouodcıw Egwres arevdovres wenigftend theilmweife 
nicht in Harmonie, denn mit ben legten Worten 


Ohne dieſe Triebfeder 


‘ 


wird dem Drängen. ber Eroten eine Wirkung zuge: 
fhrieben, die fonft ausbleiben würde. Gi. iſt bes 
ſcheiden und geſteht nur, durch die Scheu, von ib: 
rem $reund für befchränkt gehalten zu werben, zu 
großer geifliger Anſtrengung getrigben worden zu 
fein. Jenes MAR enthält nun einen Wink, daß 
ber vorhergehende Satz dad Begentheil ausfprehen 
muß, und daß Zpwezaov verfchrieben ift, etwa aus 
Erkpov. SI. wird alfo gefagt haben od) yap une 
Bdidakas odx eiyvä yuvalsa rap’ Erloww avda- 
vew, AA’ olaxovonoücıw Egwses or. Daßfelbe Bild, 
wenn auch nicht in Bezug zu den Groten, hat Als - 
ciphron I, 10 Jr aungavias 1 roxnj vous olaxas 
innergervov. Am Schluß bed Briefe $. 21 hätte 
Berglers arıyuova für axuuova Aufnahme finden 
ſollen. 


II, 2. Hier hat unſere Handſchrift (155) 
nit xogixös, fonder »werxzüs. Statt mit Vals 
denaer Trıs Ö£ov zu leſen, glaubt Ref. an eine tie- 
fer gehende Gorruption dieſer Stelle, worauf eben 
die Weberlieferung Tris d2 aloxuveodaı xwpvadg 
führt; und da Meineke das Perfect arrekvom in 
ben Tert gefegt hat, wird es um ſo eher angehen, 
ihm ein entſprechendes zuzugeſellen: Iric öon aloxv- 
uns dlıyagmxas xal anekvoa xt. 


II, 6. Artepitbymod wird wohl $. 2 ges 
fhrieben haben j mer yao dei alrei, wie ed bie 
Ratur der Sache mit fi bringt. Im folgenden 
Brief 9 6 möchten wir dAgpsros mit dialagpaıs 
vertaufchen. . 


IH, 11. Die Frau des Dryantides hieß. viele 
leicht Xıoviov, da Xıovn ein häufiger Weibername 
XXXVIII. 54 








435 | 
il. Zu $. 3 iſt die Anmerlung: mild Ev va 
sanum esse non potest, dudäceı vais B (d. h. 
cod. Vindob. b) Aida &v rais Ven. Fort. Er- 


amilos el vel üpwldos ei. Hesych. dpuloregor, 
Eret zA&ov Loitovses. Indeß möchte die Lesart je: 


ner beften Handfchrift eher auf dimAAäcdes leiten, 


was dann von diavojj abhienge., Für die Conſtruc⸗ 
tion vergleiche man, wenn es befien noch bedarf, 
, 11, 1, II, 70, 2. 


I, 12, 2. Der Ziegenhirt Pratinas hat durch 
fein Floötenſpiel die Heerde bezaubert, fie verläßt 
ihre Weide und laufcht feinen Zönen: ölaı Tod w£- 
Aovs dy&vovro‘ Eya d8 Ev uloaıs Tais Novais Eps- 
povumv zov rcaida ws Kaldıornns. Wagner und 
Seiler hielten Reiskes Ev uEooıs vois ’Höwvois für 


eine treffende Werbeflerung, obgleich die Edonen gar 


nicht hieher gehören, und nahmen ed in den Xert 
auf, M. febt Zr ueoaıs vais vonais an bie Stelle. 
Sol das die Ziegenheerde bedeuten, oder bie Wiefe, 
auf welcher Pr. fi hören läßt? Beides würde 
dem fchon Erzäblten keine neue Wendung geben, 
und die Aehnlichkeit mit Orpheus wäre fo nicht ges 
nugfam motiviert. Das Publicum des thracifchen 
Gängerd waren alle mögliden Xhiere, und bier 
müffen die Ziegen instar omnium fein; diefe Auf: 
faſſung ergiebt fi, wenn wir &v usaoıs Tois xvo- 
Saroıs fhreiben. In ähnliher Allgemeinheit braucht 
Ariflophanes Lys. 476 dad. Wort. 


11, 13, 2. Die Note ante uemmorwv errore 
typographi excidit vöv hat fi aus III, 40 hieher 
verirrt, und zu 1, 18 ifl von eodem suasore 
bemerkt, was unter II, 19 flchen follte. 


III, 22, 3 dürfte vexoo» als überflüffiger und 
flörender Zufa zu flreihen und mit einem bloßen 
xal zu vertaufchen fein. 


ill, 24. Von einem Sclaven, der die Biegen 
ſeines Herin theild aufgezehrt, theild verhandelt hat, 
erzählt letzterer: zul Ev v) yacılo Ts xgar- 
nalns &preinlaraı, xai ca honda j vpvdeia da- 


sraväraı. Kann man aber xgaızaan au von übers . 


großem Fleifhgenuß brauhen? Und was find ra 
Roına? Doc der Ertrag feines Werfaufs, der aber 
damit nicht verflänblich bezeichnet wird. Deutlicher 


wäre xgewgaylas-für jenes, und. dx vis wii 
für Diefes, indem der Artifel vor verdesz wegfiele, 
An 6. 2 ift der ganze Satz alyas dd — olxovrar, 
nit bloß das von M. verbädtigte ai nroöregor, 
ſchwerlich äct. Dasſelbe möchte Ref. IH, 51 von 
ben Worten evußov (od) regıxudevros, und III, 
62 fin. von der Erplication - dxewosg yap Avrga' 
apa Tüv pougav Ent Tj] Yansıj) Trpatronevos 
aIpovs Ts vuumgias Yipieı behaupten ; kann ſich 
auch von der Zweckmäßigkeit der Anrede wit Au- 
Miorege rovyovos neben naxagıe vis yAazıns in- 
II, 29, 2 nicht überzeugen. Zu Anfang biefed 
Briefed begleitet M. die Worte yrioraum ce — 
dnhoixöv eivas avdownov xal auroxenua Töv ano 
Ts dygoızias aygpoıxov mit ber Note: aygoıxov 
Seilerus inclusit; fortasse recte, quamquam pro- 
verbialiter dictum videri potest 6 ano dyooızias 
üygowxos. Kleganter Berglerus ‘merum de rure 
rusticum. Ehe indeß diefe Eleganz dur analoge 
Fälle beflätigt wird, wird die Stelle für corrupt 
gelten müſſen, vielleicht verfchrieben aus arroxe. ' 


roömrov vis Ayo. mit Weglaſſung natürli von 


&y_EoLxoV. 


II, 37. Angenommen, baß Hermaphrobitus 
einen Eultus in Alopeke neben der Aphrodite hatte, 
Tönnte die Schwierigkeit bier mit einer ganz Meinen 
Aenderung vod 44. flatt zB AA. gehoben werden. 
Für dvaufvovo«a \. 2 würde . nacxeıw uellovon 
jedes Falls richtiger fein, wenn nicht jenes Verbum 
feibft eine folche Bedeutung haben kann, was aber 
nicht wahrſcheinlich ift. 


II, 53 iſt && zo» dwonuerow unpaffend, denn _ 
der Bufammenhang verlangt die Bezeichnung des 
auf unrechtmäßige Weife erworbenen Gute. M. 
fragt: An forte 2x ziv Ympaparov seribendum ! 
at exemplum huius vocis 'habeo nullum. Jtaque 
vide an fuerit adıznuarov. Das läge zu weit ab, 
auch wäre ber Plural auffallend, denn ein Dieb: 
ftahl bat mehrere dwpnuara verſchafft. Vielleicht 
genligt es rotoöros einzufcieben. 

II, 55, 10 iſt xexAngonevov (die Vulgata) 
feiner ungeziwungenen Erklärung fähig und xexAr- 
wevov, was Bergler vorſchlug, eine fehr woblfeile 
Conjectur, nicht fo nahe liegend M.'s nerrinpmpse- 





437 


sov, was er mit Eur. Iph. T. 299 belegt. 
Schlußſatz des Briefe eddoxiues dd novos 6 Tv 
sopeiv Anpos fheint einen Win? darüber zu geben, 
was an der fragliden Gtelle urfprünglih fland, 
etwa vo ydp Hana za vv Jvumdiav rrageigev 
oddsis züv eis add To Angew rapsulnupeivor. vgl. 
UI, 48, 2. Da die Philofophen fi fo zum Beſten 
gaben, waren andere komiſche Darftellungen über: 
flüßig geworden. Iſt died der Sinn des Autors, 
fo wird der vorhergehende Sag kaum anderd lauten 
können als Sore uav zuv rrapaclıwv ovdeis Er’ 
iv Aoyos. | 

Die Fragmente, welche aus Par. 3021 (77) 
und dem Florentiner cod. bei Seiler zuerft voll: 
fländig erfchienen find, (bei Wagner if dad leute 
und längſte nur in einigen Burgen Sägen erhalten, 
pauca ex eo frustula e Valckenarii Dorvillii Bern- 
ardi annotationibus petita collegit Wagnerus’ fagt 
S.) halten wir, aufrihtig geftanden, nicht für ächte 
Erzeugniffe der Alciphroniſchen Mufe, wenigſtens find 
fie von feinem Geiſte fehr verlaffen, mögen aber 
als Nachahmungsverſuche gelten, wie ſich manches 
an die Texte auch fpärerer Schriftſteller, z. B. des 
Dio Chwſoſtomus angeſetzt bat. Dad ſechſte Bruch: 
ſtück, welchem nur weniges vom Anfang fehlt, 
könnte allenfalls Ariſtänetus gemacht haben, an 
deſſen Art es überall erinnert. 

Kayſer. 


1. Zur Erklärung des Plinius. Antiken- 
kranz zum dreizehnten Berliner W.in- 


kelmannsfest geweiht von Theodor 
Panofka. Nebst zwölf bildlichen Darstel- 


lungen. Berlin 1853; gedruckt auf Kosten 


der archäologischen Gesellschaft. 22 8. 4. 


mit einer lithographischen Erläuterungstafel, 


2. Die Hadeskappe. Programm des ar- 
chäologisch-numismatischen Instituts in Göt- 
tingen zum Winkelmannstage 1853 


Der - 


- 
— 





von Dr. Karl Friedrich Hermann. Mit 
einer Steindrucktafel, Göttingen, gedruckt 
in der Dieterich’schen Universitäts- Buchdru- 
ckerei (W. Fr. Kästner.) -33 8. 8. nebst 
Erklärung der Bildtafel und der Tafel selbst. 





Schon feit-dem Jahre 1851 liegen uns, mit 
Volumen V, C..Plinii Secundi Naturalis Hi- 
storiae Libri XXXVII. RBecensuit Julius Sil- 
lig *) aud die Kunftbücher diefes Encyclopäpiften 
in diefer größeren Ausgabe, ald die gereiften Früchte 
der feit beinahe dreißig Jahren unermüdeten Auf- 
forderungen und Anftrengungen bed von Thierſch, 
v. San u. A., befonderd aber Zul. Sillig’s ſelbſt, 
als eine hoͤchſt erfreuliche Erfcheinung vor; und wenn 


wir ber beflen der dabei benutzten Handfchriften, de&_ 


codex Bambergensis, gedenken, fo hat auch in die⸗ 


fer Hinſicht Bayern den erften Anſpruch auf dieſen 


der Wiffenfchaft und Kunft gewordenen literarifchen 
Gewinn. Auch iſt Bayern fowohl in Betracht kri⸗ 
tifher Hülfsmittel als der Leiflungen feiner Philo: 
logen und Archäologen, nicht ohne Antheil an dem 
für die Kunftdentmäler des Altertbumd fo wichtigen 
griechiichen Periegeten Paufanias geblieben, deſſen 
Münchner Handichrift (Nr. 404 Augustan.) für bie 
Schubart:Balzifhe Ausgabe theilweife verglichen ift 
(und für beffen fo eben 1853 von Schubart 
alein begonnene Edition ich bei diefer Gelegenheit 


nach einer vor mir liegenden Probe auf die Copiae ' 


Victorianae aufmerffam machen will). — Doc 
darüber, fo wie über eine andere gleichzeitige Schrift 
Panofla’s: „Proben eines archäologiſchen Commen⸗ 
tar’8 zu Paufaniad mit 28 Bildwerken Berlin 
1853 ,* deren Einficht mir noch nicht geftattet ifl, 
wird wohl ein anderer Kritiker zunädft in dieſer 
gelehrten Zeitfchrift Bericht abflatten. Ich ſeibſt muß 


mich vor jeßt auf bie Anzeige der zwei oben ange: 


kündigten Schriften beſchraͤnken. 


1) Hamb. et Gothae 1861; welcher Ausgabe nun 

—aauch noch ein Supplement aus dem Palimpſeſt des 
Plinins, das Hr. v. Bethmann beſchreidt, in bem 
Monatsberichten der Berl. Akad. 1853, ©. 684, 
zu wünſchen ift. 


5 


Der VWerfaffer von Ar. 1, den. wir ſchon frü: 
her in dieſen Blättern felbft ald einen genialen Ar: 
häolagen zu. bezeichnen veranlaßt waren, kündigt 
nach einer Rüge der Gleichgültigkeit der meiflen 
Philologen gegen das bildliche Altertbum, Zweck und 
Inhalt vorliegender Zeftfchrift mit den Worten an (S. 3 
f.): „Wir unternehmen e8, in den folgenden Blättern 
an einigen wichtigen Stellen des Pliniud 
nahzuweifen, welch’ erhebliden Beiftand 
Die Kunſtdenkmälerkenntniß für bie richtige 
Auffaffungsweife der claffifhen Schrift: 
feller anzubieten vermag. — Was aber den 
Anhalt des vorliegenden Programms betrifft, fo 
dürfte die Wahl der darin behandelten Gegenſtände 
ihn als ein zeitgemäßes Opfer zum Andenken bed 
unfterblihen Gründers alter Kunflgefhichte (Win: 
ckelmann's) wohl hinlänglich rechtfertigen. 
I. Gemälde im Tempel der Artemis Al: 
pheionia in Elis. 
1. Zeus in Geburtöwehen ber Athene; von Kle: 
anthes. (Erläuterungdtafel Nr. L) 

2. Die Einnahme von Zliod; von Kleanthes. 
(Erläuterungstafel Nr. 2.) 

3. Artemid zu Greif; von Aregon. (Erläute: 
sungstafel Nr. 3 und 4.) 

Plin. Naturgeseh. XXXV. 2) 3, 5: „Die 
Frage nach den Anfängen ber Malerei iſt ungewiß 
und liegt nicht im Plane unſeres Werkes. Die 
Aegypter behaupten offenbar in eitler Prahlerei, fie 
fei fechötaufend Jahre früher als fie nad) Griechen: 
land übergieng , bei ihnen erfunden worden; bie 


Griechen aber, bie einen, fie fei in Sicyon, die 


andern aber bei den Korinthern erfunden, alle, 
indem ber Schatten des Menfhen durch Li: 
nien umzogen ward; baher iſt fie zuerſt eine folche, 
nachher mit einzelnen Farben auch monochromatos 
einfarbig genannt worden, nachdem die fchwiert: 
gere erfunden war; und eine foldhe befteht noch 
jegt; die Umrißzeihnung hat der Aegnpter Phi: 
locles ober der Korinther Kleanthes erfunden.“ 


3) Niht XXX., wie hier und im Verfolg einigemal 
gedruckt worden, nämlich Vol. V. p. 206. Sillig. 
ed. maior. 





‘ 440 

„Ueber die Arbeiten dieſes Kleanthes, welchen 
Athenagoras (Legat. pro Christian. 14. pag. 59. 
ed. Dechair) ebenfalld zu den erfien Erfindern 
der Graphik zähle, giebt und Strabo VII,.p. 
343 (p. 528. ed. Almel.) werthuolle Auskunft: 
„Im Tempel der Artemis Alpheionia find Gemälde 
von Kleanthed und Aregon aus Korinth °), von 
erfterem die Einnahme von Ilios und die Ges 
burt der Athene *), von legterem Artemis, auf 
einem fehr anfehnlihen Greif hoch getragen.“ Be⸗ 
flätigend, und ergänzend ſpricht ſich Über dad zweite 
Gemälde des Kleanthed Athenäus VII. p. 346. 
c. (p. 758. ed. G. Dindf.) folgendermaßen aus: 
„ich kenne auch das im Gebiet von Pifa im Hieron 
ber Artemis Alpheiofa (Alyeiwoas Dindf., der in 
der Note die Variante Alyewons angiebt, aber bie 
beim Strabo 1. c. nicht) aufgeftellte Gemälbe: es 
ift vom Korinthier Kleanthes; in demfelben iſt Po: 
feidon dargeſtellt, dem Beud bei feinen Ge: 
burtswehen einen Thunfiſchherbeibringend, 
wie Demetriod (von Skepſis, Schüler des Krates) 
im achten Buch feines troifchen Diakosmos erzählt.“ 
(Diefer Towıxös duaxoonos hatte dreißig Bücher; 
vgl. Fragg. Historicc. graecc. IV. p. 382. Pa: 
Nofka bemerft mit Recht, daß jenes Bild bei Gele: 
genheit des Gemäldes „Zerflörung Trojas“ ohne Zwei: 
fel mit befchrieben worden.) . 
(Fortiegung folgt.) 





3) "Ey di 1@ ıng Alyeiorias leo, yauyad Kizur- 

Jovs ze za Aonyortos, ardgmw Kogivdiov wur. 
4) Toolus Eiwoıs xul AInvas yoval. Die, leptere 

Uederfchrift führt auch ein beim Philoftratus te» 

fchriebenes großes Gemälde, f. Imagg. II. 27. p. 
430 ed. L. Kayser; vergl. jegt Symbolik 111. ©. 
427 f.; 523 f. dritte Ausg. und zur Archäologie 
I. ©. 151 f., und dafelbft die weiteren Nachwei⸗ 
fungen. Hätte Hr. Panoffa diefe meine Schriften 
nachgelefen, fo würde ihm nicht begegnet fein, mas 
feinem gelehrten Amtsgenoſſen Ed. Gerhard früher 
begegnete, daß er auf der folgenden Seite (6) eine 
von ınir feloft 1848 berichtigte falfche Deutung noch 
einmal erwähnt hätte (f. dieſe gelehrte Anzeigen 
1862, Nr. 40. ©. 327. 1. 2). 





Gelehrte 


Nro. 55. 


1. Zur Erklärung des Plinius. 
2. Die Hadeskappe. 





(Fortſetzung.) 


„In einer mehrfach bereits publicirten archäi⸗ 
ſchen Amphora des Karlsruher Muſeum (Erläute⸗ 
rungstafel Nr. I.) glaube ich eine Copie dieſes merk⸗ 
würdigen Gemälde des Kleanthed zu entdecken. 
Daß auf derfelben Zeus mit Athene, nicht mit Dio: 
nyſos, hochſchwanger entgegentritt, hätte nit in 
Frage geftellt werden follen, da legter Handlung nicht 


allein der vom Gewand verbdedte Schenkel, fondern, 


weit mehr noch der Eileithyien. nah dem Haupt bed 
Zeus gerichtete Händebewegung entgegenfteht. Nächſt 
den beiden Geburtsgättinnen vertritt links Hermes 
in dieſer Scene des Hephaiftos Stelle, ſchon durch 
fein Verhältniß zu Maja dazu berechtigt ; feine zug 
Abwehr von Neid und fonfligem Böfen den Fasci⸗ 
nus (Paoxavos) reprobucierende rechte Hand fleht 
zur Gebärde der Händeausbreitung der Eileithyien 
im Verhältniß negativer und pofitiver Hülfe. Daß 
übrigens die Vaſe wegen ihre& befchränkten Umfangs 
nicht das vollfländige Gemälde des Kleanthed wies 
dergeben konnte, erhellt .einerfeits aus dem Vergleich 
derfelben mit zahlreichen andern gleichen Gegenftans 
des in alterthümlichem Styl, welde flatt unfrer 
Bierzahl von Gottheiten, gewöhnlih eine Fünf 
oder Siebenzahl derfelben und vor Augen füh⸗ 
ren , anderfeit aber aus. dem Mangel jened von 
Athenäus näher befchriebenen Pofeidon. Wer den 
von mir als Reſtaurationsverſuch auf der rechten 


herausgegeben von Mitgliedern, ‘ 
der & bayer. Akademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen 


8, Mat. 


1854. 


Seite des Gemäldes binzugefügten Pofeldon mit 
Thunfiſch und Dreizad im Verhältniß zu den übris 
gen Figuren betrachtet, wirb einräumen müſſen, baß 
durch ihm die gefanimte Compofition an finnigem, 
biöher vermißten Parallelismus wefentlich gewinnt.“ 


Wir geben nicht bloß dieſem Anfpruch des Vers 
faffers unfere volle Zuſtimmung, fondern find aud, 
indem wir auf der Erläuterungstafel den zwei Grup: 
pen Nr. 1 (bie Seburtöwehen bed Zeus) und Ar. 2 
(dev Tod des Priamos) unfere Blicke zuwenden, eine 
ungemein anſprechende Symmetrie anzuerfennen fo zu 
fagen gendthigt. Ia wir finden auch bie weitere An⸗ 
nahme unfers Archäologen, daß in jenem Tempel ber 
Artemis Alpheiofa in Elis die zwei erften Bemälbe 
des Kleanthed die beiden langen Wände bed Ges 
bäudes fhmüdten, hingegen das Bild des Aregon 
(Artemis zu Greif, alfo nur eine einzige Figur) die 
ſchmale Hinterwand zwifchen jenen beiden, ber Thüre 
gegenüber, fehr glüdli und der inneren Ideenver⸗ 
bindung in den breien Malereien volllommen ent: 
fprechend; aber nun verbietet und‘. bie hier vorge: 
fchriebene Kürze, den Entwidelungen bes Verfaſſers 
zu folgen, wie er den Zeus Aexsarns (den Nieder⸗ 
kömmler, wie Panofka überſetzt; ſ. Pausan. VIII. 
12. 6. Vol. II. p. 123 ed. Schub. et Walz) 
mit dem ocewdüv Kulızıwös in Verbindung bringt; 
wie er den Namen der Stadt Kulıxos von xUm, 
fhwanger fein, ableitet; wie bem mit der Athene 
fchwangeren Zeus ber Bruder Pofeidon als hülfrei⸗ 
her Beiftand erfcheint; wie jener Gott als Winter 


"die Athene hervorbringt, daß in diefem Mythus und 


feinen bildlihen Darftelungen die Geburt bed Früh⸗ 
XXXVII. 55 


. 


443 


lings verfinnlicht iſt; wie einerfeits auf der Karls⸗ 
ruher Vaſe der Widderkopf fo wie auf beren Re⸗ 


"flauration der Thunfiſch in Pofeidon® Hand als 


Beichen ber wieder. eröffneten Fiſcherei und Schiff: 
fahrt (auh auf Erzmünzen diefer Seeſtadt) Sym: 
bole ded Frühlings; wie aufedem anderen Bilde 
bed Kleanthed, Troja's Zerfiörung, „Pyrrhos“ (ber 
Feurige), indem er ben greifen Priamod ermordet, 
bie Idee bed von jugendliher Sonne herbei: 
geführten Winterendes treffend ausbrüdt.“ °) 


Die Erörterung Über dad britte Tempelbild in 
Elis eröffnet der Werfafler (&. 8) mit den Wor⸗ 
ten: „Inſofern Strabo einen fehr flattlichen Greif 





6) Mit diefer Deutung des Atteibuts eines Seegot⸗ 
tes, des Thunfifches, und einer Kriegsſcene 
fordert mich der Derfaffer auf, an eine Erzählung 
des Herodot zu erinnern (I. 62), die ich nach der 
Veberfeßnug Zr. Lauge's in den Schlußworten Bier 
mittheilen will. Pififtentus kommt auf feinen zwei⸗ 
ten Zuge gegen Athen von Marathon bis zu dem 
Tempel dee Pallanifhen Athenda, und lagert 
ſich mit den Seinen den Atheneen gegenüber: „Und 
daſelbſt trat den Peiſiſtratos an durch göttliche 
Schickung Amfilytos von Acharnä, ein Seher; der 
trat ihn an, und fagte ihm im Segemaaß dieſen 
Spruch: 
Ausgeſpannt iſt jetzo das Netz und der Hamen 
geworfen, 
Und bald ſtroͤmen hinein Thunfifche bei nächt: 
lichen Mondglanz. 
Alſo fprach er in feiner Gottbegeifterung, und Peis 
ſiſtratos verfland des Spruches Sinn nnd fagte, 
er nähme ihn an und führte fein Heer vorwärts.“ 
Dachte Pififtratus dabei bloß an das Schickſal des im 
Nepe gefangenen Fiſches oder auch an deffen Na⸗ 


men Iusvog und an Suyog (impetus, bellum)? — 


So fragte ich nicht, dachte vielmehr an Sardi ve- 
nalen, und- begnügte mich, den Spruch jenes Gra⸗ 
fen anzuführen: „Züri iſt von meinen Herrfchaften, 
wie ein Fiſch vom Garn umgeben.“ (©. meine 
Note zur Stelle ed. Baehr et Cr. I. p. 155). 


"Apres dvapegoneın 


- Worten nachträglich fpreche, nämlid über: 


444 


als Kröger dieſer ſonſt nicht befchriebenen Artemis 
Ent yguniös oyödoa eudoxi- 
pov) angiebt, möüflen wir diefem Xhier eine befon: 
dere Aufmerkſamkeit zuwenden, und auf bem Gebiete 
antiter Kunft nad Bildwerken und umfehen, wo 
Gottheiten auf bemfelben reitend und begegnen“, und 
bringt und eine Bilderreihe zur Anfhauung , ber 
wir natürlich wieberum in ihrem Detail nicht folgen 
fönnen. Wir heben nur Folgendes aus: erftens die 
Erinnerung an den Greifen ald Beifiger von Ne: 
mefiß und Dife, deren Rab vorzugöweife unter 
feiner Obhut fleht, und eine Greifgetragene Arte 
mis, infofern fie den Begriff der Nemefis in ſich 
aufnimmt, nicht bloß mit Rüdfiht auf das Bild 
des Untergangs Troja's ald Zeugniß ihrer un: 
befiegbaren Allmacht, ſondern zugleich an das Bild 


‚der Geburt der Athene, deren Helm als der 


VBerfechterin des Rechts nicht felten Greifen ſchmũ⸗ 
cken; zweitens die Bemerkung, daß wir für die Vor⸗ 
ſtellung dieſer Artemis nicht ſowohl im Kreiſe jung⸗ 
fraͤulicher Jagdgöttinnen ein Vorbild zu ſuchen ha⸗ 
ben, ſondern unter den verſchleierten Bildern, die 
ben Begriff matronaler Naturgottheiten aus⸗ 
brüden, einen angemeflenen Typus zu wählen. Drit- 
tens bie Ergänzung, daß dem Verfaſſer die Schrift 
von Chriſtian Walz: de Nemesi Graeco- 
rum, Tubingae 1852, 4. mit 2 Bilbertafeln, vor: 
treffliche Dienfte hätte leiften Pönnen; worüber ich 
mich jett auf meinen Bericht in biefen gelchrten 
Anzeigen, 1852, Nr. 40 und 11 berufen kann, 
jedoch nicht verfäumen will, bei bdiefer Gelegenheit 
viertend mich, auch ſelbſt zu ergänzen, indem ich 
über eine Denkfchrift vom Jahr 1848 mit einigen 
Raoul- 
Rochette Memoire sur un vase peint inedit de 
Fabrique Corinthienne (in ben Monuments de l’In- 
stitut Archeol. Tome IV. mit PI. XL.); wo bie 
colorirte Bilddarfiellung einer verfchleierten Srau 
zwifchen einem Greif und einem Pferde erfcheint, 
wovon ber franzöfifche Archäolog (p. 30) die Deu: 
tung giebt: es fei bie Nacht zwifchen dem Greif, 
dem Symbol des Tags und dem Roß, dem ber 
Nacht und des Todes, fo daß der Lauf bed menſch⸗ 
lihen Lebens in feinen zwei Gegenfägen dargeſtellt 
fei. Dabei wirb jedoch bei diefen als korinthiſch 


. 








445 


bezeichneten Vaſenbildern des Korinthierd Aregon 
feine Erwähnung gethan. — Endlich fünftens, wenn 
Panofka (S. 10) ein Gemmenbild ber Artemid bes 
Aregon für entſprechend erflärt, To laſſen wir daß 
bahin geftellt fein; wenn er aber mit Anführung 
bes Paufaniad VI. 22. 5. von einer Artemis Al- 
pheionia ſpricht, fo heißt e8 borten: 


diefe Artemis in Eli gefchrieben (f. jetzt p. 477. 
9. ed. rec. Schubarti). Diefe etwas ausführlichere 
Beiprehung des erften Artikels über die Tempelge⸗ 


mälde von Kleanthes und Aregon trägt wieder dazu 


bei, des genialen Panofka's Geift und Art genügend 
zu charafterifieren, beides von ihrer vortheilhaften 
Seite, die fih in hellen Blicken und glüdlichen Aus: 
deutungen Fund giebt, als von der Kehrfeite, wel: 
he in zu ausfchweifender Hindeutung auf elemen: 
tarifche Dinge fich bewegt, der Manier Forchhammers 
gleich, deſſen Schriften auch häufig angeführt wer: 
ben, und zu häufig mit nicht immer ungezwungenen 
Etymologien fpielet. 


Ueber den zweiten und dritten Artilel muß 


ich mich nun beflo Fürzer faflen. 


D. Bandgemälde im Juno-Tempel zu 
| Lanupium. 


4 u. 5. Atalante und Helena. (Erläuterungt 
tafel Nr. 5 und 6.) 


Plin. Naturgesch. XXXV. (nicht XXX.) 3 
6 (p. 207 ed. maj. Sillig.) „Denn es war (bon 
auch in Italien die Malerei eine vollendete. Es 
eriftieren wenigftend noch heutzutage Malereien älter 
als Rom, zu Ardea in heiligen Gebäuden, benen 
ich wenigftend Feine gleichzufegende Penne, die eine 
fo lange Beit des Daches beraubt fich wie friſch 
erhalten haben, auf ähnliche Weife zu Lanupium, 
wo Atalante und Helena nah bei einander 
nadt gemalt find, beide von vorzüglicher Ge— 
ftalt, aber die eine als Jungfrau, nidht ein 
mal durch den Einflurz des Tempels erfchüts 
tert; Gajus der Fürft (nämlich Galigula) bat von 





Algpeıalas' 
“Meremdos, aber auch niht Alpeaias, wie Pape - 


448 


Wolluſt entzündet fie fortzunehmen ver 
fuht, wenn ed nur die Befhaffenheit des 
Anwurfs geflattet hätte“ (si tectori, i. e. 
tectorii, wie Harduin giebt; über andere große Ab⸗ 
weichungen f. man Sillig). Denn in biefem gans 
zen Artikel kann ih mi darauf nicht einlaffen, 
den Verfaſſer in feinen meiftens glüdlichen Beweis: 
führungen zu folgen, und muß mich begnügen, zu—⸗ 
vorderſt einige kritiſche Berichtigungen ungenauer 
Gitate, deren in diefer Schrift mehrere fih finden, 
nachzuweiſen, etliche philologifche Bemerkungen ein- 
zufhalten, und am Schluß das Hauptergebniß die 
fer ganzen fchönen Paralleie von Schrifts und Kunfl: 
Werken mit den eignen Worten unfers Archäologen 
ben Leſern mitzutheilen. 


Demgemäß muß Seite 13 oben, wo von 
ben Babe der Helena im Hafen von Korinth die 
Rede ift, Paus. II, 2, 3. corrigirt werben, nämlich 
p: 107. supr. ed. Schub. rec. Sodann gebührt 
dad Verdienſt der Nachweiſung der verſchiedenen 
Helena:Quellen in altgriehifchen Ländern dem Herrn 
Roulez (ad Ptolem. Hephaest. V. p. 27. und p. 
107. ed. Lips. Aquisgr. et Brux.) — aber frei- 
Th dad weit. größere, der Ausdeutung aus Kunfts 
dentmälern, muß dem Herin Panofla. verbleiben. 
— Schon auf derfelben und der folgenden Seite 
tönnen wir mit unferm geiflreichen Kunftforfcher auf 
das fruchtbare Endergebniß übergehen. „Werfen 
wir, fagt er bafelbft, einen lebten Blick auf bie 
beiden Wandgemälbe, fo überrafht uns eben fo fehr 
die Symmetrie ihrer Kunflformen ald der Gegen: 
faß ihrer Ideen. Hinfichtlich dieſes letzteren bieten 
wir fchließlih denen, welchen die von und früher 
(im Programm Atalanta und Atlas, Jahr 1851 
&. 9, 10) hervorgehobene kosmifche Beziehung der 
Atalante und Helena auf Morgen: und Abend: 
licht weniger einleuchten mochte, zum Erſatz fol: 
gende Stelle des Athenäus [XIV, 618 d. 6)] zu 


6) Vielmehr KV. p. 687, C. p. 1531. ed. Dindf., 
mo es heißt: Zopoxins d’ 0 nomeng 2v Koioes 
zo doduars, wo auf dieſe treffliche Verbeſſerung 
von Tyrwhitt, ftatt des handſchriftlichen Konad, 


⸗ 





447 
etbifcher Erläuterung an: „Der Dichter Sophokles 


führt in feinem Drama „das Urtheil“ Aphrodite ald - 


Göttin der Luft (down) herbei, die ſich mit wohlrie: 
chendem Del einfalbt und in den Spiegel fieht, Athene 
dagegen, da fie die Klugheit, den Verſtand und außer: 
dem noch die Tüchtigkeit (Aoermw) vorftelt, ſich des 
Deld bedienend zu gumnaftifhen Uebungen.“ Eine 
folhe Hdovn Wol luſt vergegenwärtigt meines Erach⸗ 
tens eine faft nadt auf ihrem Peplos, der nur den 
Yinten Arm und das Bein verbedt, fnieende Frau, 
die ſich aufmerkſam in dem Spiegel befhaut (Er: 
läuterungdtafel Nr. 7). Die auffallende Achnlichkeit 
diefer Vorſtellung mit unferm Helenabild beftimmte 
"mid, fie in dieſen Cyclus mit aufzunehmen ; fie 
kann durchaus nicht befremden, ſobald wir erwägen, 
daß Helena zu Hebone in eben fo naher Geiſtes⸗ 
verwandtfehaft wie Atalanta zu Arete ſteht.“ 


HI Gemälde des Nikomachos. 


6. Victoria oder Eos, von Plancud auf das 
Capitol geweiht. (Erläuterungstafel Nr. 8.) 


7. Raub ber Proferpina im Tempel der Minerva 
ebenbafelbft. Erläuterungdtafel Nr. 12.) 


8. Bachantinnen von Satyrn mit Leidenfchaft 
‚erfaßt. 


Die dritte Stelle des Plinius, welch. der Vers 
faffer zum. Gegenfland feiner Unterfuchungen madıt, 
fteht in demfelben Buch XXXV. 10. 36 (p. 248 


ed. maj.). 


„Diefen (dem Apelled, Zeurid und Protogened) 
muß au Nikomachus, des XAriftaeus Sohn und 
Schüler (kurz vor Apelled) zugerechnet werben; er 
malte den Raub der Proferpina, weldes Bild 
auf Holz auf dem Gapitol im Tempel der Minerva 
über der Capelle ber Juventas war; und auf dem: 


f 
aufmerkfan zu machen war; f. Sophoclis Fragg. 
p- 628. Vol. II. ed. Burnei. Lond. p. 206 und 
dorten die Nachweiſungen auf Luciani Dearum Judi- 
cium p. 252. ed. Wezst. und auf Ez."Spanh. ad 
Callimach. Lavacr. Pallad. v. 15. 


U 


448 


felben Capitol Vietoria ein Biergefpann in 
bie Luft fortreißend (Victoria gpadrigam 
in sublime rapiens), ein Gemälde, dad ber Feld⸗ 
here Plancus geweiht hatte“ u. f. w., benn «3 fol: 
gen noch andere Angaben von Gemälden beöfelben 
Meifters, und die Notiz: „Und es gab feinen 
andern, der in diefer Kunft fehneller war;“ 
worauf fodann zum Beleg eine charakteriftifche Exs 
zählung folgt. 


Hierauf hebt Panofla das von Pliniud ange: 
führte Gemälbe bes Nikomachos hervor; erflärt nah 
einem Siiberbenar ber Gens Plautia mit dem Schrift: 
und Bildwerf: „L. Plautius, mit Maöfe von 
vorn. Rv. Plancus Aurora, den vier Sonnen: 
roffen voranfchwebend“* im Widerfpruh gegen an- 
dere Auddeutungen, die. Aurora oder Victoria auf 
ber Vorberfeite ber Münze, und das Haupt der Me⸗ 
bufa oder dad Gorgoneum auf der Rüdfeite aus ber 
Vorftelung in dem Gemälde des Nikomachus, wel: 
ches ald von Plancud auf das Gapitolium geweiht 
von Plinius Pürzlich befchrieben wird. 


Mit welchem Aufwand von Scharfiinn, Com: 
binationdgabe, Belefenheit und Denkmälerkunde die 
Ausbeutung dieſes Gemäldes fo wie bed anbern 
(der Raub der Proferpina) von unferm Ars 
häologen nun durchgeführt worden, darüber muß 
ih mir ungern verfagen in's Einzelne einzugeben, 
und mich begnügen, gegen den Schluß bin noch 
einige Sätze näher zu bezeichnen. 


(Schluß folgt.) 











Gelehrte Anzeigen | 


München. 
Nro. 56. 


berausgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfhaften. 


10. Mai. 
1854, 








1. Zur Erklärung des Plinius. 
2. Die Hadeskappe. 





Schluß.) 

So heißt es (S. 18 ff.): „Aus den ange: 
führten Bildwerfen und ihrer Erläuterung ziehen 
wir den Schluß, daß der Gegenfag zwifhen Sieg 
und Untergang, gleichbedeutend mit dem von 
Morgen und Abend, der antiken Kunft gar häufig 
einen von neuern Künfllern und Archäologen nicht 
genug in Anfchlag gebrachten geiftreihen Vorwurf 
(Gegenſtand) darbot. Denfelben Ideengegenſatz fpre: 
chen nicht minder Mar und finnig bie beiden Ge: 
mälde des Nikomachos auf dem Gapitol au. Denn 
wenn bad Gorgoneion als Sinnbild des Todes kei—⸗ 
ned Beweiſes bedarf, 7) fo wirb man und zuges 
ſtehen, dem Raub der blumenlefendben Kora 
durch das finftere Vorgeſpann des Pluton 
liege derfelbe Sinn bed Todes zu Grunde. Sein 
Dias über der Kapelle ber Juventas wird denen 
nicht willkürlich gewählt erfcheinen, welche fich dar: 
an erinnern, daß Juventas ber römifhe Name für 
Hebe-Dia ift, und die von dem Sonnenadler Zeuß 
aus ihrem nächtlichen und winterlihen Schlummer 


7) Vergl. jebt Raoul-Rochette, Notice sur les, fou- 
illes de Eapoue, und daſelbſt dad Basrelief in ei⸗ 
nem Grabe von Capua, worauf Perfeus der Mi: 
nerva dad Haupt der Medufa darbringt; f. pl. 
-J. mit der Erflärung; IN. p. 35. Paris 1853. Ich 
werde unten bei dem Bericht über unfer Nr. 2. zu 
S. 13 darauf zurückkommen. 


erwachende, von der Erde emporgetragene Tags 
(Dies) und Frühlingsgöttin bezeichnet, alfo der 
Idee nach mit der Eos des Nikomachos zufammens 
fat.“ 

Wie wir und aber Died Bild zu denken ha⸗ 
ben, welches ald Seitenſtück ebenfalls eines Runds 
bilded componirt fein mußte, und nicht figurenreicher 
ald dad der Eos, nur Pluto mit Proferpina im 
Arm auf einem Viergeſpann enthalten durfte, dar⸗ 
über vermag ein unebirte8 Erzmebaillon von Kyzi⸗ 
fo8 mit bdemfelben Gegenſtand gefhmüdt (aus der 
berzogl. Gothaer Sammlung; f. die Zafel Nr. 12) 


eine befriedigende Auskunft zu geben. — Diefe Auf⸗ 


fhlüffe geben am Ende bdiefer Zeflfchrift dem Ver⸗ 
fafler zur Anerfennung zweier erft feit Windelmann 
eingetretener höchft folgereicher Entdedungen Anlaß. 
Die eine, die wir hauptfächlic dem Duc be Luynes 
und dem Hrn. Raoul:Rochette verdanken, daß di e⸗ 
felben vorzüglihen Kunftwerfe auf Gem⸗ 
men und Münzen ald Schöpfungen ein und. 
dedfelben Stempelfhneiderd und entgegen 
treten. Die andere Entdedung befteht in dem vors 
züglich von älteren, befonderd aber neuern Numis⸗ 
matifern, namentlich Eaveboni, Millingen und Stres 
ber gegebenen Nachweis von Eopien berühmter 
Statuen und Gruppen in ben Typenwanti- 
fer Münzen. — „Daß aber drittens, fchließt 


darauf der Werfafler mit den Worten, auch Nach⸗ 


bildungen berühmter Gemälde auf Münzen 

und Gemmen fi entdeden Iaffen, fland weniger 

zu erwarten, ergiebt fi) aber dennoch unleugbar 

als Reſultat der vorliegenden Forſchung und em⸗ 

pfiehlt ſich als neue, für die Kunſtgeſchichte frucht⸗ 
AXXVII 56 


4 


451 


| bare Xhatfache allen Wiſſenſchaftsgenoſſen zu ge⸗ 
wiſſenhafter Prüfung und glücklicher Nutzanwen⸗ 
dung.“ 


2. Die Hadeskappe von K. Fr. Hermann. 


Wenn ber Verfaſſer in ben großen Kreis 
feiner literarifchen Leiftungen die eigentlihe Mytho: 
logie nicht hineingegogen bat, fo habe ich daraus 
weder auf Abneigung gegen biefed Bach ber Alter: 
tbumswiflenfchaften, noh auf Mangel an Beruf 
dazu bei ihm ſchließen wollen oder koͤnnen, obgleich 
ih immer erwartet habe, daß fein mpythologifches 
Berfahren hauptſächlich ein bialektifched. fein, d. h. 
mehr im Kreife des Verſtandes ald der Einbildungs⸗ 
kraft fih bewegen werde; womit jeboch keineswegs 
gefagt werdet fol, baß er verfaumen werde, aus 
dem Gebiete der Kunſtdenkmäler, worauf er fi 
fhon bisher durch andere Schriften einheimifch ges 
zeigt, anfchaulidhe Belege für feine Mythologumen 
beizubringen. Die Richtung, welche in der Regel 
unferd Verfaſſers Erörterungen nehmen, iſt die der 
Abwehr alles Ausländifchen von den Gränzen ber 
griechifchen Göttermythen und Heroen: Sagen, alfo 
im Ganzen die des ſel. K. O. Müller; und wenn 8. 
Fr. Hermann, als Nachfolger auf deffen Lehrftuhl, 
dieſes Syſtem noch jest verfiht, fo Lönnte man 
diefes Verfahren bei einem Andern als eine Pierät 
gegen den Worgänger erftären wollen, bei ihm je: 
doch, meinem vormaligen Zuhörer und fortwährend 
treuen Freunde, beruhet es auf längft gehegter eis 
gener Ueberzeugung, und wenn ed überhaupt würdig 
ift, feine Sache mit ehrlihen Waffen bis aufs 
Aeußerſte zu vertheibigen, fo gehört gegenwärtig ein 
befonberer Muth dazu, das Weberfluthen orientali: 
fer Elemente Über bie helleniſchen Gränzen in ges 
wiſſen Schranken zu halten. 


Nachdem ich mit diefen wenigen Bügen ben 
Geiſt diefer gehaltvollen Zeftfchrift hinlänglich glaube 
angebeutet zu haben, trage ich fein Bedenken, ba 
Urtheil vorauszufhiden, daß fie in ber Wahl bed 
Gegenſtandes ſowohl als meiſtens auch in der Aus: 


458 


führung des großen Kunſtheros, deſſen Andenken fie 
gewidmet, würdig ifl. Die Wahl könnte nicht 
glüdlicher fein: die Aufgabe hat keinen zu großen 
Umfang und dabei doch eine reiche Manigfaltigkeit 
an Intalt; — von oberafiatifcher Lichtlehre an bis 
zu der Tarnkappe im Liebe ber Nibelungen. Die 
Ausführung aber ift fo gelehrt und zeugt von fo 
umfaffender Befanntfchaft mit den Schriftfiellern und 
Kunftdentmälern, daß man ben Forfchungen des 
Verfaflers in’d Einzelne nicht folgen kann. — Und 
fo will denn auch ich unmittelbar auf den Kern 
bes Bücleind und einige Sätze losſteuern, worin 
unfere Wege auseinandergehen; fobann aus Schrift 
und Bild einige Belege für meine. Antithefen bei- 
beingen. Schon kurz nah dem Eingang (S. 4) 
wird über Perfeus, feine Attribute, Xhaten und 
Schidfale in griechiſcher Sage der Audfpruch ges 
than: „— aber welche dieſer Seiten man in’s 
Auge fafle, fo bietet Beine berfelben einen Grund 
dar, fie von Außen ber auf griechifchen Boden ver: 
pflanzt zu denken.“ Ueber des Perfeus Flügel- 
Helm erflärt fi der Verfaffer (S. 9) in folgenden 
Worten: „Dazu fümmt, daß gerade mit dem außd: 
ländifchen Charakter, den bie fpätere Mythologie 
und ein Theil der heutigen Symbolik Perfeus bei: 
legen will, diefe Kopfbebedung und Helmzier nichts 
gemein hat. Perfeus, erzählt Herodot (VI. 54, 
vergl. VII. 150 und 61) den Perfen nah, wear 
ein Aflyrier und wurde dann Grieche, Perfeus, fagt 
Creuzer, ift ein alter Sonnenfohn aus dem hohen 
Alten, wie Dſchemſchid der Sonnenheld, ber Jah⸗ 
reöfürft, der mit goldenem Schwerte bie Erde fpal- 
tet und befruchtet (Symbol. IV. &. 246); ib will 
nicht fragen, ob und welche Wahrheit in biefen 
Auffaffungen liegt, wohl aber ob bie griechifche 
Kunft, die Perfeud ald einen ihrer Heroen auf: 
faßte, . gleichwohl jenen Urfprung durch dieſe Kopf: 
bededung habe ausbrüden wollen ober können, und 
glaube nicht bloß um der Incongruenz der lesteren 
mit feinem übrigen Coſtume, fondern auch um ihrer 
ſelbſt willen, folche Abficht entichieden leugnen zu 
müflen. Der ihr zu Grund liegende Typus if, 
wie gefagt, die phrygifche Müge; daß dieſe aber 
Tiara geheißen, gefchweige denn „an bie uralte per= 
ſiſche Königstracht und Prieftertracht erinnert habe, 





die unter bem Namen Kyrbafia einen folchen vors 
wärts fich neigenden Auffa hatte, nah und nad 
aber nun in biefen abgeflumpften Wulft ausartete,* 
ift eine Behauptung Böttigers (FM. Schriften II. &. 
262; Kunftmythol. J. S. 422, u. Zoega Abhandf. 
S. 153), die weder durch die perfifchen noch burch 
die neuentbedten affyrifhen Denkmäler beftätigt wirb 
und am wenigften. dazu gebraucht werden Tann, 
das Vorkommen jened Typus bei Perfeus durch 
eine afiyrifche oder perfifche Abflammung bdeöfelben 
zu motivieren“ u. ſ. w.; benn in bie weiteren Er⸗ 
Örterungen, bie nun mit großer Umfländlichleit über 
bie verfchiebenen SKopfbebedungen des Perfeus ge 
führt werben, können wir unferm Verfaſſer unmög- 
lich folgen. Eines aber will ich feflhalten, was ich 
fhon oben zu Panofla’s Schrift S. 18 berührte: 
In einem antiken Grabmal von Capua ift an der 
BVorderfeite zu Häupten des Leichnamd ein Basre⸗ 
lief befefligt, worauf des ganz unbehelmte und nadte, 


x 


aber mit Flügelfhuhen verfehene Perfeus ber be⸗ 


helmten volftändig befleideten Palad - Athene das 
Haupt der Medufa übergiebt; wogegen fie ihm ib- 
ren Schild zum Anblid darbietet. Beide Perfonen 
find ganz und gar in rein griechifhem Styl und 
Coftume gehalten, aber an der Wand der Hinter: 
feite erfcheint in ganz archäifchen Charakter in ber 
Mitte blätterartiger Windungen (Schnörfel) mit ei: 
nem Aufſatz von Palmetten, ganz fremd dem grie⸗ 
chiſchen Kopfpuge, bad Haupt einer Frau, welcher 
Dalmetten : Auffab mit feinem Beiwerk ſich bei den 
neueften Ausgrabungen zu Nimrud — Nineveh in 
einer elfenbeinernen Zhronverzierung ganz übereinftim: 
mend wiedergefunden hat, und worin man mit Recht 
dad Haupt der über Leben und Tod waltenden 
afiatifhen Naturgöttin erfannt hat. 8) — 





8) S. Raoul -Rochette, Notice sur les fouilles de 
Capoue, Paris 1853 p. 34 sqq. p. 72 sqg. mit 
der Abbildung der Gräber auf der angehängten 
Kupfertafel Nr. 1 und Nr. 2 und mit den p. 73 
Nr. 1, 2, 3 in den Teht eingedruckten Frauenhäup⸗ 
teen und PBerzierungen. Aehnliche finden fich in 
Gräbern vom alten Cäre. — Die folgende Auf: 
faffung von mir felbft ift belegt durch Symbolik I. 
©. 236 ff. 288 f. N. ©. 619 f. I. ©. 288 f. 
und IV. ©. 242 ff. 


454 


Ich aber trage Fein Bedenken auszufprechen: Diefer 
Perfeus, wenn gleich unbelleidet und ohne Flügel: _ 
beim und völlig im griechifch = fhöner Geſtalt und 
Eoftumierung auftretend, ift dennoch der Affyrier, 
ift dennoch Mithrad, der vermittelnde Lichtgott, der 
gerechte Todtſchläger des Todes, deſſen Schreckens⸗ 
haupt er fo eben der Lichtgöttin Palas:Athene dar: 
gebracht; und fo erfcheint er bier, ihr huldigend, 
über dem Haupte bed Leichnamd, als beflügelter 
Herold des Leben. 


— 


Aus der Unterſuchung über die Hadeskappe 


ſelbſt kann ich mir zum Schluß nicht verſagen, fol⸗ 


gende ſchöne Andeutung mit des Verfaſſers eignen 
Worten hervorzuheben (S. 20 f.). „Was aber die 
antike Kunſt beſtimmen konnte, eine Kopfbedeckung, 
die ihr von der Poeſie als Hadeskappe überliefert 
worden war, gerade in die Form einer barbariſchen 
Konigsmütze zu kleiden, iſt leicht einzuſehen, wenn 
man nur bie ältere griechiſche Vorſtellung von der 
Eriftenz nah dem Tode im Sinne des Alterthums 
auffaßt, und damit die Vorſtellungen combiniert, 
bie ſich für jene Zeiten mit dem Begriffe des Exils 
und bed Aufenthaltd im Audlande überhaupt ver: 
banden. Das Eril galt ber Todesſtrafe gleich; aus 
feiner bürgerlichen Rechtöfphäre heraudgerifien glaubte 
ſich der Grieche des befferen Theiles feiner felbft 
beraubt (vergl. Hermanns Staatsalterth. $. 9 Note 
27); — was lag da näher, ald umgekehrt auch 
den Tod ald ewige Verbannung aufzufaffen (ae- 
ternum exilium bei Horat. Od. II. 3. 28. vergl. 
gotteddienftl. Altertb. 9. 40 Note 27), und den 
Buftand nah dem Tode, wo der Menfh nur noch 
fein eigener Schatten zu bleiben ſchien, mit ber 


rechtloſen Stellung unter einem barbarifchen Defpo: 


ten zu vergleihen?“ U. ſ. w. — Gewiß eine fcharf: 
finnige Weife, barbarifhe Königsmügen in Vaſen⸗ 
bildern aus griechifch: patriotifchen - Neigungen und 
Vorftelungen zu erklären. — Wie nun aber, wenn 
man fagen wollte, der melifhe Dichter Lafod von 
Hermione benannte in einem Zeflgefang an Demeter 
die Gottheit feiner Waterfladt, den Hades, KAvgevos. 
(Symbolik IV. & 228 und 239 und die Verſe 
felbft jet in Lyrici Poetae Graecc. p. 863 ed. 
Th. Bergk), „weil er Alle zu ſich ruft,“ wie man 





455 

erflärte. Gerade fo hatten aber die Ebräer Scheol, 
ba8 perfonificirte Todtenreich, den Orcus 
(Psalm. 49. 15. Hiob. 27. 8) in ihrer Sprade 
fo genannt, „weil er alle zu fih rufet“ —? Deßs 
wegen fällt mir aber nicht ein, ben Klymenos bes 
Laſos vom Scheol des Hiob und des Pfalmiften 
herzuleiten, ober fo zu fagen orientalifieren zu wols 
Ien, wo fo allgemein menfchliche Anſchauungen und 
Gefühle vorliegen. 


Es folgt am Schluß eine Steindructafel 
und gegenüber (S. 34): Erklärung der Bild— 
tafel 

Nr. 1. Kopf des Perſeus von der Vaſe Coghill 

bei Millingen 28. 


Nr. 2. Derſelbe bei Inghirami. Pitt. di vasi 
366. 

Nr. 3. Derfelbe bei Jahn, Verh. d. Leipz. Ge⸗ 
ſellſch. 1847. 


Nr. 4. Derſelbe bei Curtius, Herakles der Sa⸗ 
tyr. Berlin 1852. 

Nr. 5. Kopf des Zantalod auf der Unterwelts⸗ 
vafe von Ganofa (in der Münchner Pinakothek) 
bei Milin T. 3 (im Bilderheft zur Symbo- 
lik Bd. 1. 2ter Ausg.; bei Guigniaut pl. 
CXLIX. Nr. 555. bei K. DO. Müller u. %.) 

Nr. 6. Kopf des Hades im Bullet. arch. Na- 
polet. 1853. T. 6. 

Nr. 7. Kopf des Priamos aus ben Monum. 
dell’ Institut. archeol. V. 11. 

Nr. 8. Hadeskappe bei Raoul-Rochette Monum. 
d’Antig. fig. 72 a. 

Nr. 9. Münze von Sinope bei Eckhel Num. 


anecd. AL. 6 (vgl. die zum Theil bebeut: 


famern Münzen von Seriphos mit dem Per: 
feushelm, a) mit dem Blitz, b) mit dem X: 
Iertopf, bei Cadalvene Med. gr. pl: 22 et 
. 2% vgl. Guigniaut Nro. CLVII bis; 613 
"b. und anders bei Werlhof, S. 63 f.; Guig- 
niaut Nr. CLXH. 613 c. und auf einer 
Nolaner Wafe bei Gerhard, Wafenbilber Taf. 
LXXXIX. 3 und 4). 
Briedrih Creuzer. 


436 


Les inscriptions des Ach&menides, concues 
dans lidiome des anciens Perses éditées et 
commentdes par J. Oppert. Paris 1851. 


Zweiter Artikel. 
Im erften Artifel haben wir Herrn Opperts 


Erklärung des altperfifchen Textes der großen In⸗ 
ſchrift von Behiſtun ausführlich) beſprochen. Cs 


bleiben noch die kleineren Inſchriften zu betrachten 
übrig, die zu Murghäb, Persepolis, Elvend, Nakbsi- 
Rustam und fonft gefunden worden find. Aud 
diefe find dreifpradhig, wie jene zu Behiſtun, bier 
aber find die Ueberfegungen bereitd befannt gemacht, 
wir haben alfo ein Hülfsmittel zur Erflärung mehr, 
denn dieſe Ueberfegungen haben bereits Dienfte ge: 
teiftet und werden Fünftigbin noch "wichtiger werden 
als bisher. 


Auch in den Hleineren Infchriften hat Hr. D. 
manche Berbeflerung gemacht. So berichtigt er (T. 
XVII. p. 566) die bisherige Auffaffung der Worte 
hya siyätim adä martiyahyä d. bh. il a donne ä 
lPhomme sa superiorite (O. 5. 6. und fonft). 
Schon Rawlinfon hatte p. 286 feiner Analyfe be: 
merkt, daß nach den Infchriften ber zweiten Gattung 
zu fchließen, in diefer Werbindung ber Genitiv mar- 
tiyahyä flatt eines Dativs ftehe. — Ibid. p. 579 
erhalten wir die richtige Deutung des Worted niba 
(H. 8 und fonfl) auf Grund des iranifchen Wort: 
vorrathed. Gewiß mit Recht zieht Hr. D. Huzv. 
PVI neup. nek und nekö hieher, nur muß man 


diefe Formen nicht unmittelbar auf niba, fondern 


eine gunirte Form nacbaka zurüdführen. — Ibid. 
p. 981 verbefiert Hr. ©. Rawl. Leſung bartuv (II. 
14) richtig in baratuw. » 


(Fortſetzung folgt.) 





Gelehrte 
München, 
Nro. 57. 


Les inscriptions des Ach&menides, congues 
dans l’idiome des anciens Perses éditées et 
commentees par J. Oppert. 





(Sortfegung) _ 

Das fehwierige Wort thadaya (NR. 58.) iſt 
gleichfalls von Hrn. D. richtig erflärt worden, was 
ich früher (zur Interpr. des Vendidad p. 26) über 
biefe Wort gefagt babe, läßt fich fehr wohl damit 
vereinigen. Der T. XIX. p. 183 ff. gemadte 
Vorſchlag, dad von Rawl. durch naqa wiedergege- 
bene Wort narthaha zu leſen, iſt zwar ſehr ſcharf⸗ 
finnig, läßt mich aber noch zweifelhaft. — Als Vers 
befferungen an Hrn. O.'s Texte heben wir hervor: 
T. XIX. p. 152 (= NR. 7) ift wohl framäta- 


ram unb nicht framätäram zu lefen, man vergl. 


darüber Rawl. p. 291 feiner Analyfe. — ibid. p. 
152 (= NR. 13) ift Hakhämanisiya nad) pıghra 
beizufügen. — ibid. p. 154 (= NR. 30) ift Ma- 
chiyä flatt des fehlerhaften Mädaiya -zu Iefen, wie 
Rawl. in feiner note on the Persian inscriptions at 
‘Behistun p. XXI bereitö bemerkt bat, auch hier dient 
die Infchrift zweiter Gattung zur Beflätigung biefer 
Correctur. Die Bemerkungen über diefed Wort bei 
Hm. O. p. 164 ff. fallen demnadh weg. — ibid. 
p- 165 muß Rawl. Ergänzung didiy flatt des von Hrn. 
D. in den Text gefeßten dipim beibehalten werben. — 
ib. p. 181 (= A, 20) Iefe man khaäyathiyahyä fl. 
kshäyathiya.. — ibid. p. 182 (= C. 6) Iefe 
man narthaha narthahänam flatt narthahanam. — 
ibid. p. 198 (= L.) Iefe man narthahahyä ftatt 


- 


beransgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Afademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen. 


18. Mai. | 
1854, 


narthahyä (cf. C. 9). — In der Ueberfegung find 
einige Werbefferungen von Holtzmann nachzutragen, 
die aber Hrn. DO. unbelannt geblieben find. I, 19 
ff. (cf. T. XIX. p. 141) ſtehen die Worte: yadiy 
awathä maniyähy hachä aniyand mä tarcam imam 
Pärcam käram pädiy, was Hr. DO, folgendermaßen 
überfegt: Quand tu r&gnes de cette maniere, je 
ne crains rien d’un ennemi. Protege cet état 
de Perse. Hier bat: H. (Heibelb. Jahrb. 1849 
p. 811 ff.) gewiß dad Richtige getroffen, wenn er 
überfegt: Wenn du fo denffl, „vor feinem Feinde 
möchte ich zittern,“ fo pflege das perfifche Heer. 
Maniyähy kommt von der auch im Avefla vorkom⸗ 
menden Burzel man (denken, glauben), awathä bes 


"zieht ſich nicht auf da8 vorhergehende, fondern auf 


dad folgende, bie Worte hacha aniyand mä tarcam 
find directe Rebe, die ohnehin oft genug in den 
Keilinfchriften vorfommt. Auf die fo fchwierige 
Stelle NR. 30— 47 iſt Hr. D. gar nit näher 
eingegangen , weil er fie für ziemlich hoffnungslos 
hält, nichts defto weniger hat H. a. a. D. mehrere 
fehr beachtenswerthe Werbefferungen gegeben, auf die 
wir ber Kürze wegen verweifen. — In ber Erfiäs 
rung des Einzelnen bemerken wir Zolgendes: Hm. . 
O.'s Verſuch (cf. T. XVIII. p. 576. XIX. 149) . 
den iraniſchen Namen für Perſepolis zu finden, kon⸗ 
nen wir nicht beitreten. Diefer fol nach ihm Pär- 
catachara oder Pärgatakhra gelautet haben, daraus 
ſoll das moberne Istakhr verftümmelt fein. Ich 
habe bereit früher hierorts angemerkt, baß Istakhr 
dad ctakhra bed Aveſta fei, Perfepolis finder in 
dem Ausdrude Erän-schehr fein vollommenes Ana⸗ 
logon. Bei diefer Gelegenheit hat aber Hr O. bie 
xXXXVI. 57 - 


D 
. . 
J 
459 ' 
= 


beiden iranifhen Wurzeln tak und tanj ridtig ges 


ſchieden. Bu der erften, bie auch in ben Bedas 
„gehen“ bedeutet (vgl. auch paritakmya Rgv. XXXI. 
6), gehört das häufig vorkommende tach, neuperf. 
täkbten laufen,. auch das p. 161 erwähnte dere- 
, zitaka, ſchnell laufend (Vendidad XXL. 8) hätte 

hieher gezogen werden follen. Zu tanj gehört tan- 


jista und neup. tang, enge. — T. XIX. p. 197. 


Statt äthafgina leſe ic) äthafigaina, fehe alfo darin 
ein Abdjectivum des Stoffes, denn bie Endung aina 
wird doch wohl wie aena im Aveſta, in im Neus 
perfifchen, einen Stoff ausdrüden, Rawl. Weberfegung 
„feinen“ gewinnt dadurch an Wahrfcheinlichkeit. 
Eine gefonderte Betrachtung erfordert endlich 
auch noch die Infchrift ded Artarerres Deus. Mit 
Recht macht Hr. D. auf ihre Wichtigkeit aufmerk⸗ 
ſam; fie ift von hoher Bedeutung für die Gefchichte, 
denn in dem kurzen Gefchlechtöregifter faßt fie die 
Regententafel der achämenidifgen Zürften kurz zu⸗ 
fammen und beftätigt dadurch die Nachrichten ber 
Griechen über dad perfifche Reich. In fprachlicher 
Hinſicht ift diefe Infchrift, welche ungefähr aus dem 
Jahre 350 v. Chr. Geb. flammt, ein merkwürdiger 
Beleg des Werfalles ber altperfifchen Sprache. Hr. 
O. bat T. XIX. pag. 205 bie einzelnen ſprach⸗ 
lichen Eigenthümlichkeiten dieſer kurzen Infchrift 
aufgezaͤhlt, es ſind ihrer nicht weniger als drei 
und zwanzig. Dieſe Inſchrift kommt an mehre⸗ 
ren Stellen vor, mit denſelben Eigenthümlichkei⸗ 
ten, ſo daß dieſelben nicht der Unachtſamkeit 
zugeſchrieben werben können. Dieſe Eigenthüm⸗ 
lichkeiten finden aber auch im Aveſta verwandte Er⸗ 
ſcheinungen. Die acc. bumäm, säyatäm erinnern 
an bie dort. vorkommenden acc. auf anm von Wör⸗ 
teen auf u, va, 3. 3. thrishanm Vendidad Fg. 
V. 78, VL. 69, VII. 149, XVIL 7. acc. von 
thrishva, chathrushaanm ibid. VI. 69, XVI. 7, 
von chathrusva, gätanm XV. 117, von gätu, dä- 
daranm IX. 30, von dädaru. Wer ſich die Mühe 
geben will, die obigen Stellen in meinem Varian⸗ 
tenverzeichniffe zum Vendidad nachzufchlagen, ber 
wird finden, daß dieſe Ledarten gut beglaubigt und 
fehe beachtungswerth find. — Mäm Artakhsathrä 
khsäyathiya erinnert an bie Appofitionen bes Aveſta, 
bie in den Nominativ gefegt find, z. B. Yacna 





cap. 9. haömd....rädhemcha bakhahaiti mdshu. 
jaidhyamnöd. Vendidad Fg. III. 84. friydi. ctaret6 
gätus. cayamnd und viele Ähnliche, ober wie hu- 
rayäo vä madhus vä. ibid. XIV. 72. — Mäm 
koͤnnte vielleicht für den Nominativ flehen wie das 
perfifhe m&m cf. meine Parfigr. $. 51; | 


Unfere erfle Aufgabe iſt erfüllt, wir baben 
Hrn. O's. Erflärung befprochen und beigefügt, was 
wir zur Verbeflerung des Textes und Berichtigung 
ber Ueberfegung bemerken zu können glaubten. Fra⸗ 
gen wir nun, in weldhem Verhältniſſe der Dialect 
der Keilinfchriften zu feinen Schwefterdialecten, benen 
des Adeſta ſtehe, fo verlohnt es fich wohl der Mühe, 
bei dieſer bochwichtigen Frage etwas zu verweilen. 
Bei ben großen Werluften, welche bie ältere perfi- 
ſche Literatur erlitten bat, ift es hoch anzufchlagen, 
daß wir aus den beiden woichtigften Perioden ber 
perfifchen Entwidlung- unverderbte Dentmale befigen, 
deren Abfaffung wir faſt bis aufs Jahr beflimmen 
tönnen. Die Infchriften und Münzen ber alten 
perfifchen Könige müflen für den iranifchen Philolo= 
gen bie feflen Puncte bilden, um welche er die anz 
beren Dentmale gruppieren Bann. Diefe Monumente 
find für den ganzen Sprachſtamm rückſichtlich der 
Ateröbeflimmung ein weit fiherer Maaßſtab als ir: 
gend eine Seitenvermanbdte. Das Sanskrit und Lit: 
thauiſche find Schwefterfprachen, aber welche weite 
Kluft trennt ihre Denkmale! 


Laſſen bat es zuerft verfucdht (Zeitschrift f. d. 
Kunde des Morgenl. VI. p. 529 ff.) dad Ver⸗ 
safe des Altperfifchen zu ben Übrigen Schwefter: 
fprachen zu beflimmen, feitbem ift die bringliche 
Frage ausführlich nicht mehr erörtert worden. In 
Europa, zumal. in Deutfchland ift bis jest die An: 
fiht ziemlich allgemein, das Aveſta ſei — ſowohl 
der Sprache wie dem Ideenkreiſe nah — mit den 
Vedas aufs innigfle verbunden. Dies nöthigt Die 
Abfaffung bed Aveſta in eine fehr frühe Zeit zu 
fegen, vor bie Zeit ded Darius. Rawlinſon dagegen 
bat die entgegengefeßte Anficht geltend gemacht. Be⸗ 
reitd im Jahre 1840 (cf. J. Wilson: the Parsi 
religion p. 403) fagt ee: I can now safely as- 
sert that the Persian language of the ages of 
Cyrus and Darius is unquestionably the parent 





481 


of that tongue which we call the Zend. In 
feiner Arbeit über die Keilinfcheiften bat er diefelbe 
Meinung vwieberholt ausgefprochen ef. p. 8. 9, p. 
51 Rot. und fon. I am obliged to say, fagt 
er in der zuletzt angeführten Stelle, that M. Bur- 
noufs arguments have altogether failed to con- 
vince me, that the Zend was immediately cog- 
nate with the Vedic Sanskrit, or indeed, that 
it was ever a spoken tongue. Auf biefe Aeuße⸗ 
zung bed gefeierten Mannes bat meines Wiſſens 
in Deutfchland noch Niemand Rüdfiht genommen, 
Ganz in ähnlicher Art fpricht fih nun auch Hr. O. 
aus: T. XVII. p. 280. Bei Gelegenheit der Er: 
Märung bed Worte haraiva meint er, die Korm 
haröyim fti une de ces corruptions &dnormes qui 
se trouvent par centaines dans la langue du Zen- 
davesta. Estropiee, fo fährt er fort, et alteree 
continuellement pendant des siecles par des 
pretres ignorants qui n’avaient pas la moindre 
connaissance de lidiome sacr& dans _lequel ils 
murmuraient leurs prieres, cette langue nous est 
parvenue dans un tel etat de defiguration, que 
les peuples qui la parlaient jadis ne la recon- 
naitraient plus aux lambeaux qui nous en sont 
transmis. Hr. O. legt dann noch weiter feine An: 
ficht über den Dialect des Aveſta dar, welche dahin 
geht, daß uns biefer Dialect nicht in feiner ur: 
fprüngliden Schrift erhalten, fondern fpäter umge⸗ 
fchrieben und fein Lautſyſtem durch unwiffende Prie- 
ſter verdorben worden ſei. Wir werden unten wie 
Der auf feine Anficht zurüdtommen, jebt fragt «8 
fih um zwei Dinge: 1) I das Aveſta älter ala 
Die Keilinfchriften oder ift das Umgekehrte der Kal? 
2) Sind die Verderbniſſe der Sprache bed Aveſta 
eine Folge der Unwiffenheit der Ueberlieferer, oder 
eine organifche Entwidlung? Um dieſe Fragen zu 
entfcheiden wird es nöthig fein, den Dialect ber 
Keilinfchriften einer: und bes Avefla andrerfeits ge: 
nauer mit einander zu vergleichen als bisher ge: 


fcheben ift. 


Es muß zuerſt anerfannt werden, baß bie 
Sprache der Keilinfchriften und bie Sprache. bed 


Aveſta verfähiedene Dialecte find. Died beweist vor 


Allem der Wortfhag. Mebrere ganz gemöhnlicdhe 


—e UN N 


ſowohl ben Keilinfchriften als dem mittleren unb 
neueren Perfifchen bekannte Wörter find im Aveſta 
durch andre erfeßt, ober finden fich in andrer Be⸗ 
deutung. So .heißt in ben Keilinfhriften kaufa 
Berg, im Huzvaͤreſch pr parfi und neup. köh, 
im Aveſta (Vend. Farg. XXI 10) wird kadfe 
für den Höder eines Kameld gebraucht, bas ge: 


- wöhnlihe Wort für Berg ift gairi, welches dad 


Huzvärefh und Parfi auch noch kennen, aber felt: 
ner gebrauchen, auch im Afghanifchen und andern 
Dialecten hat fi dad Wort erhalten. Gauba heißt 
in ben Keilinfchrifien „Iprechen,“ man bat darin 
längft Huzo. md, parſi und neup. göftan er⸗ 


kannt, das Aveſta gebraucht uj, mru, vach, aber 
bie Wurzel gauba vermag wenigftend ich nicht zu 
belegen. Für Erde ift in den Keilinfchriften bumi 
das gewöhnliche Wort, im Aveſta kann ich dieſes 
Wort nur im zweiten Theile des Yacna belegen, 
die Übrigen Theile fo wie die neueren Dialecte ges 
brauchen das Wort felten. Die Wurzel rag bebeu: 
tet in den Keilinfchriften, im Huzvareſch, Parfi und 


Neuperſiſchen „kommen,“ aber im Aveſta kann ich 


fie nicht belegen. Tauma ift in den Keilinſchriften 

weiblichen, im Aveſta färhlichen Geſchlechtes. Der 

Infinitiv geht, wie Hr. Oc gezeigt hat, in den. 
Keilinfchriften auf tanaiy aus, dies ift der Locativ 

eine Suffired tana, im Aveſta auf tee, der Dativ: 

endung eined Suffires ti. Eine Form wie biya 

wird man im Avefta vergeblich ſuchen, aber Parf 

bet ift zu vergleichen. Diefe Xhatfachen werben 

binreihen, um bie-.Verfchiebenheit beider Dialecte 

feftzuftellen. 

Menden wir und nunmehr zu ben einzelnen 
Lauten und zunächſt zu den Gonfonanten. Was 1) 
die Öutturalen betrifft, fo entfpricht k der Keilin- 
fhriften dem k bed Aveſta: kaufa und Kaöfa, kas- 
chiy und kacchit, varkäna und vehrkäna, felttter 
entfpriht kh wie amäkbam = ahmäkem. Weber: 
haupt zeigt fih kh felten vor einem Vocale, ein 
Beifpiel ift Hakhämanis, im XAvefla (wo biefelbe 
Regel gilt) ift hakha Freund vorhanden. Das alt: 
perfifche afpirirte kh zeigt fi unter gleihen Be⸗ 
dingungen wie kh im Aveſta cf. khsathram und 
khshathram, chakhriyä und chäkhraren, bäkhtris 


- ® 





468 


und bakhdhi. Das altp. g entfpricht häufig genug 
dem g, 3 B. agarbäya und gerew, gaitha und 
gaetha, gausa und gaosha, häufig aber auch dem 
gh 3. B. tigra und tighra, baga und bagha, Gu- 
guda und Gughdha.'— 2) Palatale. Dieſe ent: 
fprechen in beiden Dialecten einander volllommen, 
hachä und hacha, chischiy und chis, chit, cha- 


khriyä und chäkhraren. J zeigt ſich in zwei ver: 
ſchiedenen Geftalten, in einer vor a wie jadiyämiy 
und jaidhyemi, in ber andern vor i, 3. B. jiwä, 
jiwähy mit jivya, baß biefer legte Buchſtabe ein 
Palatal wie Rawlinfon will, und nicht ein Sibilant 
fei, wie Hr. O. vermuthet, ‚zeigt der Wechfel in 
adurujiya unb daraujana. Kor u find die Pala- 
talen noch nicht gefunden worden und Rawlinſon 
hat (p. 96) bezweifelt, ob fie überhaupt vorkommen. 
Sch fehe dazu Feinen Grund, da ſich im Aveſta 
chü, chvat, junta, jvat findet. — 3) Dele, Hier 
ft e — t: brätä und brata, atarga und tere- 
centi, bacta und bacta, karta und kereta u. ſ. 
w. Schliegendes t wird in den Keilinfchriften be: 
kanntlich ‚nicht gefchrieben, im Aveſta aber in dh 
verwanbelt, benn daß das fchließende t ein dh fei, 
erhellt daraus, daß ed in ben legtgenannten Buch: 
flaben übergeht, wenn ein Vocal zutritt, cf. tbisto 


und adhbisto, kat und kadha, yat und yadhödit 


und viele andre. Die harte Aspirata tritt wieder 
unter denfelben Bedingungen auf wie im Aveſta: 
awatha und avatha, gaitha und gaetha, thuwäm 
und thwanm, doc leidet in den Keilinfchriften das 
Borlommen dieſes Buchſtaben eine Beſchränkung 
durch die Gruppe, die thr ausdrückt, cf. puthra 
und puthra, khsathra und khsathra u. f. w. Das 
gegen drüdt d der Snfchriften fowohl d als dh 
bad Avefla aus: dahyu und daqyu, daraga und 
daregha, hadis und hadhis, awadä und avadha, 
yadıy und yeidhi, idä und idha. Urber den Wech⸗ 
fel des d mit z cf. unten. — 4) Labiale. Bier 
entfpriht p dem p: upactäm und upactanm, pu- 
thra und puthra, paräbara und para barenti, napä 
und napät, und f dem f, 5. B. kaufa und kaofa, 


-frabara und frabereta und viele andre. Altperſiſch 
b entfpricht fowohl dem b ald w bed Avefla, denn 


464 


daß der letztere Buchſtabe die Aspirate von b if, 
bezweifle ich nicht im geringflen, wenn es auch wahr 
ft, daß w häufig mit v wechfelt, und bie Ausfpras 
he von w und v nicht fehr verfchieben geweſen fein 
kann. Dan vgl. braätä und brata, bäkhtris unb 
bäkhdhi, abara und barat, dann agarbäyatä zu 


gerew, abiy zu aiwi. 5) Die Halboocale entfprechen 
fi der Reihe nah a)y = y: Dahyunam — dagyu- 
nahm, awäctäyam == avagtaya, duvitiya — bi- 
tya, aniya — anya. Zuweilen entfpriht € im 
Avefla cf. wayam und vadm. b) r = r: parıwa 
— paöurva, harıwa — haurva, abara = barat 


u.fef.c)w= v wayan = vadm, dähyäwa = 
dag’hävö, awadä = avadha, vitha und vie. Bu: 
weilen hat fi) v im Avefta vocalifiert, cf. awam und 
adm. d) 1 fehlt bekanntlich beiden Dialecten gänz⸗ 
lich, vielleicht ft ed durch d erfeßt in dipis, wozu 


ich defter, diwer in den neuern Dialecten fielen 


und auf fir. lip zurüdführen mödte. Hr. D. ver: 
gleicht fir. dip. — 6) Bifchlaute: dem g der Keil: 
inſchriften entfpricht auch c im Avefla: Cuguda — 
Cugdha, awäctäyam = avastaya, bacta = bacta, 
dacta = zacta. S ift =. cf. Vistäcpa = Vic- 
täcpa, mathista und mazista, patis und paitis. 
Häufig entfpriht auch sh dem s ber Keilinfchriften, 
cf. gausa und gaosha. Für z haben wir nur et 
nen Laut, dad zh bed Aveſta ift noch nit da, 
Beifpiele bie verglichen werben könnten, fehlen bie 
jest. 7) Naſale. Die Keilinfchrift kennt deren zwei 
n Mid m, dad Avefla brei n, A und m, A wirb 
vor Conſonanten gefchrieben, in biefem Falle Taffen 
die Keilinfchriften n ganz weg, Hr. D. hat biefen 
wahrfcheinlich bloß graphifchen Mangel dadurch er: 
gänzt, daß er auch in dem Keilinfchriften dieſes feh⸗ 
lende n durch A ausbrüdt. 


(Fortſetzung folgt.) 








Gelehrte 
München. 
Nro. 58. 


Les inscripfions des Ach&menides, congues“ 


dans l’idiome des anciens Perses editees et 
. commentees par J. Oppert. 





(Zortfegung.) 

Es bleiben und nur 8) no h und uwa zu 
betrachten übrig, Der Laut des h muß ein fehr 
fchwacher gewefen fein, im Anlaute entfpriht h dem 
h des Aveſta, 5. B. hada, hachä, hadis, haruwa 
und hadha, hacha, hadhis, haurva im Aveſta. Im 
Snlaute entipriht dem h im Aveſta Eh, z. 2. 
näha und naog hana, aha und ag’bat, athaha und 


caghat. Häufig aber wirb h gar nicht gefchrieben, 


wo es im Avefla fteht, z. B. amiy = ahmi, amd- 
kham und ahmäkemg thätiy*) — gag’haiti. Sehr 
haufig if befonders Ser Wegfall am Anfange der 
MWörter, wo bie verwandten Sprachen und Dialecte 
su und hu fegen, 3. B. umartiya, uwacpa etc. 
Daß dieſe Auslaffung des anlautenden h bloß gra= 
phifch fer, zeigen die neueren Dialecte, die nicht 
bloß die Aspiration erhalten, fondern noch verhärtet 
haben (cf. meine Parfigrammatit $. 15, c) Anm. 
und Hm. O's. Bemerkung T. XVII p. 277). 
Auch im Abveſta giebt ed Anzeichen, daß der Laut 
h ein fehr fchwacher fei. Schon Burnouf hat die 
Bemerkung gemacht, daß ber Diphthong €, während 
er vor ber Partilel cha gewoͤhnlich in ae gebehnt 





) Zufammengegogen aus thahatiy cf. O. T. XVII. 
p- 265. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der &, bayer. Afademie der Wiffenfchaften 


Anzeigen. 


15. Mai, 
1854. 


wird, in der Genitivendbung ahe bleibt, man fagt 
ahecha nit ahadcha. Dies erflärt ſich meines 
Erachtens aus dem ſchwachen Laute des h, ahe 
lautete faft wie a6, daher war bie Dehnung unzus 
laͤßig. Wie u dem hu bed Aveſta, fo entfpricht 
uwa flatt huwa dem hv des XAvefla, dem sv ber 
verwandten Sprachen, im %orfta hat fih hv nur 
theilweife erhalten, cf. hvars, hvafım, hväzätd, ges 
woͤhnlich fleht dafür das Beichen, welches wir durch 
q wiedergeben, daß aber dieſes Beichen eine Gruppe 
fei, hat I. Müller (Journal as. Avril 1839 pag. 
302) gezeigt und zugleich nachgewiefen, daß bis im 
die erſte Beit des Islam herein noch beutlich bie 
beiden Elemente: die A8piration und der u Lauf 
gehört wurden. Daßfelbe zeigen die griechifchen 
Wörter, denn fie geben Uwärazmis, gäirizanm mit 
Xogaowoı oder Xwpaoııoı, Harauwatis, haragaiti 
dur) Agaxwoıa, Patisuwaris durch Hareıcyogeis, 
Uwakhsathra durch Kvakepıs, qäthra durch Zoa- 
gas. Da nun auch bie verwandten Sprachen winen 
Doppellaut zeigen, fo barf man annehmen, daß dieß 
auch in den älteren perfifchen Sprachen der Kal ge: 
weſen und die Ausſprache des neuperfichen L erſt 
ſpätere Entartung ſei. Dieſe neuperſiſche Ausſprache 
des 5 als ein Laut läßt ſich Übrigens ſchon bei 
Niſami belegen (cf. Vullers. inst. ling. pers. $. 
30 Not. und meine Chrest. persica p. 94). 


Aus obiger Unterfuchung des Eonfonantenfyftems 
ſtellt fi heraus, daß beide Dialecte zwar auf einer 
Stufe fliehen, daß aber die Keilinfchriften der weichen 
Aspiraten gh, dh, bh und aller Wahrfcheinlichfeit nach 
auch zh entbehren, welche fi aber im Avefta finden. 

AXXVII 58 


+. 


467 


Ebenſo ift den Keilinfchriften sh unbelannt, dem 
Aveſta gehört aber diefer Buchſtabe an und man 
darf nicht mit Rawlinfon fchließen, daß berfelbe der 
Sprache nicht angehöre, weil ihn einzelne Hand: 
ſchriften nicht zeigen. Noch ift zu bemerfen, daß 
fih dieſes sh oder 3 ber Keilinfchriften im Aveſta 
bisweilen in h geſchwächt bat. - Wir wenden und 
nunmehr zu den Bocalen. 


Man bat längſt wohl eingefehen, baß bie 
Keilfchrift weſentlich auf femitifhen Grundlagen 
beruhe, namentlih, baß bie drei Wocale die drei 
femitifchen matres lectionis repräfentiren. Sm Allge- 
meinen brüdt von dieſen matres lectionis, beſonders 
a nur den langen Laut aus, während kurzes a dem 
Confonanten inhärirt, ü und 1 find im Inlaute fel: 
ten, im Auslaute Regel, fie werden durh iy, uw 
gegeben. Daß man jedoh aus ihnen nicht ganz 
fiber auf die Quantität fchließen darf, möge dad Fol: 
gende zeigen: I. A. 1) &, dem Gonfonanten inhäri- 
rend entfpricht bem a und & bed Avefla: khsathram 
und khsathrem, adam und azem, mazda und maz- 
da, dahyus und dagyus, karta und kereta. 2) ä 
entfpricht a) dem Furzen a des Avefla im In- und 
Auslaute: azem und adam, amiy und ahmi, amä- 
khbem und ahmäkem, manä und mana, idä und 
idha, hachä und hacha u. f. w. b) ä entfpricht 
als langer Vocal den drei Bocalen d, an und äo 
im Aveſta: napa und napät, bäkhtris und bäkh- 


dhi, brätä und bräta, mäm und manm, näma und 
nanma, upactäm und upactahm, näbam und näo- 
g’hana, ob äha dem ag'hat ober dog’ha bed Avefta 


‚entfpricht, wage ich nicht zu beflimmen. Von biefer 
Megel finden fih Ausnahmen. Die Genitive der 
Monatönamen auf a endigen auf hya, nit auf 
hyä wie die Übrigen Wörter, der Grund ift, wie 
‘Hr. ©. T. XVII p. 382 richtig angegeben hat, 
weil fie gewiffermaßen als componiert mit dem bats 
auffolgenden mähyä angefehen werben. Schwankend 
ft die Schreibart Auramazdäh& und Auramazdäha 
in den Infchriften von Perfepolis. Statt Ariya- 
rämna, wie bie große Infchrift von Behiſtun zeigt, 
(Col. I. 8. 2 1. 5) ſteht in den kleineren Inſchrif⸗ 
ten bafelbft (A, 7) Ariyäramna. . Man fchreibt bald 


© näis. 


utämaiy, indem man die Dehnung des Endlautes 
beibehält trog der angehängten Enklitika, bald aber 
auch utamaiy (cf. 5. B. D, 15; E, 18 aber A, 
29). Eine ähnliche scriptio defectiva fehe ih NR. 
7. 8. in framätaram flatt framätäram, ein Schreibs 
fehler iſt fchmwerlich anzunehmen, wie ſchon Rawl. 
zur Stelle bemerft hat. Wielleiht darf man auch 
in awäctäya eine, ähnliche ser. plena annehmen und 
auch adänä mit der Wurzel zan, wiflen, im Aveſta 
zufammenftellen. Ebenſo ſchwankt a und dä in ber 
GSenitivendung auf ais 3. 3. Chispais nnd Chis- 
IE I. Der Bocal i entfpricht dem i und € 
des Aveſta: bakhtris und bäkhdhi, hadis und ha- 
dhis, Vistäcpa und Vistäcpa, tigra und tighra, 
Hiädus und heädu. Lange i habe ich nur ficher 
im Auslaute gefunden, 3. 3. rädiy, bad pron. 
demonstr. das gewöhnlich iyam gelefen wird, läßt fich 
auch im leſen, boch ift Died nicht durchaus noth: 
wendig; für niyastäya (K. 21, 23) wäre ih ver: 
fucht nistäaya zu lefen, weil s flatt c nicht zu er⸗ 
Mären ift, wenn nicht ein i vorhergeht. Wenn ein 
fchließendes iy in bie Mitte des Wortes zu fteben 
tommt, fo Tann y wegfallen, z. B. duraiäpiy NR. 
yadipadiy NR. 38. IH U entpricht dem u und Ad, 
3 B. up& und upa, puthra und puthra, dahyus 
und daqyus, dagegen duraiy und düre (cf. Vend. 
Farg. VII. 271. XIX. 15), ffr. düra, bumi und 
bümi, ffr. bhümi, in legteren Zälen wirb u defectiv 
gefchrieben fein. Als cine sc@plena in ber Mitte des 
Wortes betrachte ich tuwm -= tüm im Avefla, ge 
woͤhnlich tuwam gelefen, es läßt fich aber nicht ab⸗ 
fehben, warum in tuwam das w Feine adpirirende 
Kraft haben foll wie im cc. thuwäm. Hrn. O's. 
Verſuch, die Verfchiebenheit der Formen tuwam und 
thuwäm durch den Accent zu erflären, kann id 
nicht beiftimmen. Nach dbemfelben Principe erklären 
fi paruwnäm neben parunäm (cf. NR. 6. 7), 
parıw neben paru. Im Xudlaute wie danautuw, 
pätuw ift die Dehnung das gewöhnliche. IV Ai. 
Diefer Diphthong entfpricht den Lauten &, ae, öi 
im Avefla, maiy-= me, saiy — she in ben Lo—⸗ 
cativen der Wörter auf a u. f. w., aita — aetat, 
gaitha — gaetha, dem haraiwa der Keilinfchriften 
würde haraeva im Aveſta entfpredhen; naiy = noit, 
ais in Chispais etc. ift mit ber Endung dis in 








möäzdayacndis etc. zu vergleihen. Ein Wechſel 
zwifchen ad und di tritt Aveſta ziemlich häufig ein, aus 
vidaeva wird der Acc. vidöyüm gebildet, aus bem 
eben erwähnten haracva ber Acc. haröyüm; id) 
kann nicht einfehen, warum Hr. D. in ber lehtges 
nannten Form eine Verderbung fehen will, es ift 
dic vielmehr eine ganz regelrechte Entwidlung. V 
Au entfpriht dem a6, Ö des Aveſta: kaufa = 
kaöfa, gausa und gaosha, huwa = hö oder 
beffer hau: Wenn ber fchließende Diphtbong in bie 
Mitte zu fliehen kommt, fo kann bad w wegfallen, 
daher hausaiy H, 3, was man nidt mit Hm. 
O. für einen Fehler halten darf. 


Bir überbliden nunmehr ben Kreid des alt⸗ 
perfifchen Lautfoflemes und fragen, welcher ber bei- 
ben verglichenen Dialecte der ältere und urfprüng- 
liche fei? Die Vocale können meiner Ueberzeugung 
nach gar nicht in die Vergleichung gezogen werben. 
Ich gebe gerne zu, daß in ber großen Mehrzahl 
der Infchriften das Lautfpflem im Ganzen treu über: 
liefert fei und daß man zur Beit ded Darius und 
Xerxes fo fprach, wie wir leſen. Ob dies aber auch 


noch zur Zeit bed Artarerres Ochus der Tal war, - 


ob nicht mancher der Raute, die wir a und i lefen, 
in e und o verbunfelt war, wird Niemand mit 
Beflimmtheit zu fagen vermögen. Noch weniger 
bürfte das Vocalſyſtem des Aveſta für Diefe Frage 
von Werth fein, dieſes ift meiner Anficht nach fehr 
fpät und batirt erſt aus ber Zeit, in welcher ber 
Zert in die Schriftart umgefchrieben wurde, in der 
er und vorliegt. Es bleiben und alfo die Conſo—⸗ 
nanten übrig und bier haben wir gefeben, daß ſich 
die einzelnen Conſonanten im Ganzen ziemlich re: 
gelmäßig entfprechen, die Entwidlung der weicheren 
Spirand aber nicht ald ein ficheres Merkmal bed 
fpäteren Alters zu betrachten ſei. Indeſſen deuten 
doch einzelne fichere Erfcheinungen, wenn wir fie 
in ihrem gefchichtlichen Verlaufe verfolgen, dad fpä- 
tere Alter des Aoeflatertes an. Es find dies. die Kol: 
genden: 1) Wir haben eben gefehen, daß dem tlı 
dee Keilinfchriften gemeiniglih th im Avefla ent: 
ſpricht. In mehreren Zällen entfpricht aber dem th 
im Aveſta au q z. 3. thätiy, thaha = cagfhaiti, 
cag’hat ; vith = vie; zu mathista fielen wir 


⸗ 


wWrya, 


macd, maqyéhi, mazista im Superlatig iſt offenbar 
eine weitere Ermweichung eingetreten. Betrachten wir 
dieſe Exrfcheinung in ihrem Verlaufe, fo finden wir, 
baß fih unter den Warianten des Aveſta ſchon € — 
th findet, 3. 3. pathanaydo und pacanayäo Vend. 
Fg. XIX. 15, jathäi und jatäi ib. 60, cwarsta- 
nahm und thwarstananm ibid. 78, jathaiti und 
jagaiti ibid. 98. Daß diefer Wechfel nicht ein zu⸗ 
fälliger, fondern in der nahen VBerwandtfchaft ber 
Laute begründeter fei, zeigt dad Huzvaͤreſch, wo th 
gerabezu in g übergeht, cf. tbri, ci, neup. ci; 
thwäsha, cpihr neup. cpihir; döithra, doier u. a. 
m. Wir dürfen alfo wohl diefe Erſcheinung fo an⸗ 
feben, daB g = th im Xvefla ein Fortfchreiten der 
Sprache, eine Verſchmelzung zweier Laute fei. 2) 
Eine ähnlihe Bemerkung trifft dad s. Wir haben 
oben die drei harten Bifchlaute g, s und sh ange⸗ 
nommen unb Rawlinfond Annahme abgemwiefen, ald 
fei der letzte Buchſtabe überflüſſig. Es ift bekannt, 
daß der Vocal in manchen Fällen auf den nadfol: 
genden Sibilanten: einwirkt, man fchreibt im Altpers 
ſiſchen dacta aber mathista, aistata, ebenfo im 
Aveſta zacta aber mazista, nazdista histaiti. ns 
deß zeigen ſich im Aveſta ſchon gewöhnlich Varian⸗ 
ten wie irigta, vahicta etc., und das Huzvaͤreſch 
zeigt diefelbe Neigung zur Umwandlung bed s in 
c und fchreibt riet, nazdigt, ebenfo dad Parfi und 
Neup., cf. aistatä, histaiti mit egtäden (cf. Vul- 
lers inst. I. p. 48). Bir treffen auch bier wieber 
den Anfang einer ben fpäteren Sprachen eigenen 
Lautentwicklung. 3) Betrachten wir die Conſonan⸗ 
tengruppen: dem bakhtris der Keilinfchriften ent: 
fpriht bakhdhi im Aveſta, eine offenbar verſtüm⸗ 
melte Form, r ift ganz abgefallen, die tenuis ift 
in die weiche Adpirate übergegangen, An analogen 
Beifpielen im Aveſta fehlt es nit. CA. aökhta 
und aökhdha, apäkhtarat im Plur. apäkhdhraeibyo 


ober apäkhdharaeibyo: vakhs Ace, väkshem, Plur. 
väghzhibyo mit doppelter Erweihung, naptärem 
und nafedhrö, äfs und aiwyö, cufranm und cu- 
khraöcyd und khraozhdista, macyd und 
mazista, dushni und duzhni, und viele andere. 
Zunahme der Aspiration bemerft man noch in den 
neueren Dialecten, 3. 3. giriften zu gerepta, kur⸗ 
diſch rozh zu neup. roz, afgh. nazhd für neup. 





e 


467 


Ebenfo ift den Keilinfchriften sh unbelannt, dem 


Avcfta gehört aber dieſer Buchſtabe an und man 
darf nicht mit Rawlinfon fchließen, daß berfelbe ber 
Sprache nicht angehöre, weil ihn einzelne Hand⸗ 
fohriften nicht zeigen. Noch iſt zu bemerken, baß 
fi dieſes sh oder 8 der Keilinfchriften im Aveſta 
bisweilen in h gefhwäcdt hat. - Wir wenden uns 
nunmehr zu den Vocalen. 


Man bat längſt wohl eingefeben, daß die 
Keilfchrift weſentlich auf femitifhen Grundlagen 
berube, namentlih, daß die drei Wocale bie drei 
femitifchen matres lectionis repräfentiren. Im Allge: 
meinen brüdt von biefen matres lectionis, beſonders 
a nur ben langen Laut aus, während kurzes a dem 
Gonfonanten inhärirt, d und i find im Inlaute fel: 
ten, im Auslaute Regel, fie werben duch iy, uw 
gegeben. Daß man jedoch aus ihnen nicht ganz 
fiher auf die Quantität [ließen darf, möge dad Fol⸗ 
gende zeigen: I. A. 1) A, dem Confonanten inhäri- 
send entfpricht dem a und E des Avefla: khsathram 
und khsathrem, adam und azem, mazda und maz- 
da, dahyus und dagyus, karta und kereta. 2) & 
entfpricht a) dem Furzen a bed Aveſta im In: und 
Außlaute: azem und adam, amiy und ahmi, amä- 
khem und ahmäkem, manä und mana, idä und 
idha, hachä und hacha u. f. w. b) ä entfpridt 
als Langer Vocal den drei Vocalen ä, an und do 
im Aveſta: napa und napät, bäkhtris und bäkh- 


dhi, brätä und bräta, mäm und manm, näma und 
nahma, upactäm und upactanm, näham und näo- 


g'hana, ob äha dem ag’hat oder Aog'ha bed Aveſta 


entfpricht, wage ich nicht zu beflimmen. Bon diefer 
Megel finden ſich Ausnahmen. Die Genitive der 
Monatönamen auf a endigen auf hya, nicht auf 
hyä wie die Übrigen Wörter, der Grund ift, wie 
"Hr. ©. T. XVII. p. 382 richtig angegeben hat, 
weil fie gewiffermaßen als componiert mit dem bar: 
auffolgenden mähya angefehen werden. Schwankend 
ift die Schreibart Auramazdähä und Auramazdaha 
in den Infchriften von Perfepolis. Statt Ariyä- 
rämna, wie die große Infchrift von Behiſtun zeigt, 
(Col. L. 8. 2 1. 5) flebt in den kleineren Inſchrif⸗ 
ten bafelbfi (A, 7) Ariyäramna. . Man fchreibt balb 


utämaiy , indem man bie Dehnung bed Enblautes 
beibehält trog ber angehängten Enklitika, bald aber 
auch utamaiy (cf. z. B. D, 15; E, 18 aber A, 
29). Eine ähnliche scriptio defectiva fehe ih NR. 
7. 8. in framätaram flatt framätäram, ein Schreibs 
fehler iſt fchwerlih anzunehmen, wie fhon Rawl. 
zur Stelle bemerkt bat. Wielleiht darf man auch 
in awäctäya eine, ähnliche ser. plena annehmen und 
auch adäna mit der Wurzel zan, wiſſen, im Avefta 
zufammenftellen. Ebenſo ſchwankt a und ä in der 
Genitivendung auf ais 3. B. Chispais nnb Chis- 
päis. III Der Vocal i entfpricht dem i und € 
bed Avefla: bäkbtris und bakhdhi, hadis und ha- 
dhis, Vistäcpa und Vistäcpa, tigra und tighra, 
Hiädus und heüdu. Langes i habe ich nur ficher 
im Audlaute gefunden, 3. 3. rädiy, dad pron. 
demonstr. da8 gewöhnlich iyam gelefen wird, läßt fi 
auh im leſen, doch ift dies nicht durchaus noth: 
wendig; für niyastäya (K. 21, 23) wäre ih ver: 
ſucht nistäya zu leſen, weil = flatt eg nicht zu er⸗ 
Mären iſt, wenn nicht ein i vorhergeht. Wenn ein 
fchließendes iy in die Mitte des Wortes zu ſtehen 
kommt, fo kann y wegfallen, 5. B. duraiäpiy NR. 
yadipadiy NR. 38. II U entpridht dem u und d, 
3 3. upa und upa, puthra und puthra, dahyus 
und dagyus, dagegen duraiy und düre (cf. Vend. 
Farg. VII. 271. XIX. 15), ffr. düra, bumi und 
bümi, ffr. bhümi, in legteren Fällen wird u befectiv 
gefchrieben fein. Als cine sc®@plena in ber Mitte des 
Wortes betrachte ich, tuwm = tüm Im Abveſta, ge 
woͤhnlich tuwam gelefen, es läßt ſich aber nicht ab: 
fehben, warum in tuwam das w. feine adpirirenbe 
Kraft haben foll wie im Acc. thuwam. Hrn. O's. 
Verſuch, die Berfchiebenheit der Formen tuwam und 
thuwäm durch den Accent zu erflären, kann id 
nicht beiftimmen. Nach bemfelben Principe erklären 
ſich paruwnäm neben parunäm (cf. NR. 6. 7), 
paruw neben paru. Im Auslaute wie danautuw, 
pituw iſt die Dehnung das gewöhnlide. IV Ai. 
Diefer Diphthong entfpriht den Lauten é, ae, Öi 
im Aveſta, maiy-= me, saiy = she in ben £o- 
cativen der Wörter auf a u. f. w., aita — aetat, 
gaitha —= gaetha, dem haraiwa der Keilinfchriften 
würde haraeva im Aveſta entfpredhen; naiy == noit, 
ais in Chispais etc. iſt mit ber Endung dis in 


mäzdayacndis etc. zu vergleihen. Ein Wechſel 
zwiſchen ae und di tritt Aveſta ziemlich häufig ein, aus 
vidaeva wird der Acc. vidöyim gebildet, aus dem 
eben erwähnten haracva ber Acc. haröyüm; id 
kann nicht sinfehen, warum Hr. O. in ber letztge⸗ 
nannten Form eine Verderbung fehen will, es iſt 
Died vielmehr eine ganz regelrechte Entwidlung. V 
Au entfpriht dem a6, 6 bed Aveſta: kaufa = 
kaöfa, gausa und gaosha, huwa = hö oder 
beffer hau; Wenn der fchließende Diphthong in bie 
Mitte zu ſtehen kommt, fo Tann dad w wegfallen, 
daher hausaiy H, 3, was man nit mit Hrn. 
D. für einen Fehler halten darf. 


Wir liberbliden nunmehr den Kreis bed alt- 
perfifchen Lautfpflemed und fragen, welcher der bei- 
den verglichenen Dialecte der ältere und urſprüng⸗ 
liche fei? Die Wocale können meiner Weberzeugung 
nach gar nicht in bie Bergleihung gezogen werben. 
Ich gebe gerne zu, daß in ber großen Mehrzahl 
der Infchriften das Lautfoflem im Ganzen treu über: 
Viefert fei und daß man zur Beit ded Darius und 
Xerxes fo fprach, wie wir lefen. Ob dies aber auch 


noch zur Beit bed Artarerres Ochus der Fall war,- 


ob nicht mancher ber Laute, die wir a und i lefen, 
in e und o verbunfelt war, wird Niemand mit 
Beflimmtheit zu fagen vermögen. Noch weniger 
dürfte dad Vocalſyſtem des Aveſta für dieſe Srage 
von Werth fein, diefes ift meiner Anficht nach fehr 
fpät und batirt erfi aus der Zeit, in welcher ber 
Zert in die Schriftart umgefchrieben wurde, in ber 
er und vorliegt. Es bleiben und alfo die Conſo⸗ 
nanten übrig und hier haben wir gefeben, daß fich 
die einzelnen ‚Confonanten im Ganzen ziemlich re: 
gelmäßig entfprechen, die Entwidlung der weicheren 
Spirans aber nicht als ein ficheres Merkmal bed 
foäteren Alters zu betrachten fei. Indeſſen beuten 
doch einzelne fichere Erfcheinungen, wenn wir fie 
in ihrem gefchichtlichen Verlaufe verfolgen, das ſpä⸗ 
tere Alter des Aveflatertes an. Es find dies. die Fol: 
genden: 1) Wir haben eben geſehen ‚, daß dem th 
ber Keilinfchriften gemeiniglih th im Avefla ent: 
ſpricht. In mehreren Fällen entipricht aber dem th 
im Avefla au g z. 3. thätiy, thahba = caghaiti, 
sag’hat ; vith — vig; zu mathista flellen wir 


macd, macychi, mazista im Superlatig ift offenbar 


eine weitere Ermweichung eingetreten. Betrachten wir 
diefe Exfcheinung in ihrem Verlaufe, fo finden wir, 
baß ſich unter den Varianten des Aveſta ſchon c = 
th findet, 3. 3. pathanaydo und pacanayäo Vend. 
Fg. XIX. 15, jathäi und jacäi ib. 60, cwarsta- 
nahm und thwarstananm ibid. 78, jathaiti und 
jagaiti ibid. 98. Daß diefer Wechſel nicht ein zus 
fälliger, fondern in ber nahen Verwandtfchaft der 
Laute begrünbeter fei, zeigt dad Huzvaͤreſch, wo th 
geradezu in cg übergeht, cf. thri, ci, neup. ci; 
thwäsha, cpihr neup. gpihir; döithra, doier u. a. 
m. Wir dürfen alfo wohl diefe Erfcheinung fo an⸗ 
feben, daB , = th im Avefla ein Zortfchreiten der 
Sprache, eine Verſchmelzung zweier Laute fei. 2) 
Eine ähnlihe Bemerkung trifft das s. Wir haben 
oben die drei harten Bifchlaute c, s und sh ange: 
nommen und Rawlinfond Annahme abgemiefen, ald 
fei der letzte Buchſtabe überflüſſig. Es ift bekannt, 
DaB ber Vocal in manchen Fällen auf den nadifol: 
genden Sibilanten: einwirkt, man fchreibt im Altpers 
ſiſchen dacta aber mathista, aistata, ebenfo im 
Avefla zacta aber mazista, nazdista histaiti. In⸗ 
de zeigen fich im Aveſta ſchon gewöhnlich Varian⸗ 
ten wie iricta, vahicta etc., und das Huzvaͤreſch 
zeigt diefelbe Neigung zur Umwandlung des s in 
c und ſchreibt rict, nazdigt, ebenfo das Parfi und 
Neup., cf. aistatä, histaiti mit egtäden (cf. Vul- 
lers inst. I. p. 48). Bir treffen auch bier wieder 
den Anfang einer ‚den fpäteren Sprachen eigenen 
Lautentwicklung. 3) Betrachten wir die Confonan- 
tengruppen: dem bakhtris der Keilinfchriften ent⸗ 
fpriht bakhdhi im Aveſta, eine offenbar verſtüm⸗ 
melte Form, r ift ganz abgefallen, die tenuis ift 
in die weiche Aspirate übergegangen. An analogen 
Beifpielen im Aveſta fehlt es nicht. 
und aökhdha, apäkhtarat im Plur. apäkhdhraeibyo 


ober apäkhdharaeibyo: vakhs Ace. väkshem, Plur. 
väghzhibyo mit doppelter Erweichung, naptärem 
und nafedhrö, äfs und aiwyd, cufranm und cu- 


.wrya, khraöcyd und khraozhdista, macyö und 


mazista, dushni und duzhni, und viele andere. 
Zunahme der Aöpiration bemerft man noch in den 
neueren Dialecten, 3. 3. giriften zu gerepta, fur: 
difh rozh zu neup. roz, afgh. nazhıd für neup. 





Cf. aökhta 


ar 


nazd. Analogien für diefe Aepirationen und Er⸗ 
weichungen innerhalb der Keilinſchriften weiß ich 
feine anzugeben. 4) Als eine Art von Aspiration 
darf man wohl ben Zal betrachten, wenn dem 
fanskritifhen Palatalen j oder h im Avefta nicht 
wieder j, fondern z entfpriht. Für dieſes z iſt in den 
weftlichen Dialecten älterer und neuerer Beit großen- 
theild d eingetreten, cf. ffr. jush zu daustä, neup. 
doct — zusta zaöshd, fr. druh, adurujiya neup. 
darogh — drujaiti drukhs draogo, ffr. aham = adam 
azem 2yo, ih, ffr. hasta dacgta neup. dact = zacta yeıp 
u. lat. gestare, fr. hridaya (in ben Keilinſchr. nicht 
vorhanden) neup. dil = zaredhaya.xapdie, 'cor, da- 
raydö neup. daryà * 
‚fir. deha, dih, samdih. Seltner ifl z aud d ent- 
ſtanden, fir. yadi, altp. yadiy, im Avefla yeidhi 
und yezi; gauda = güza, ffr. guh, wozu Bopp 
gr. zum vergleicht. 5) Iſt das Abfallen von 
Gonfonanten zu beachten. Im Altperfilchen wirb 
ein ſchließendes h, t, n nicht gefährieben, Doch wur: 
den biefe Confonannten wohl gehört; wären fie ganz: 
Yich verfchwunden gewefen, fo würben die Enboocale 
gedehnt worden fein, da dies nicht der Kal ift, fo 
darf man ficher annehmen, daß fie für dad Bewußt: 
fein des Schreibenden noch vorhanden waren. Ebenſo 
iſt es gewiß nur graphiſch, daß n vor Conſonanten 
nicht geſchrieben wird, im Hebräifchen ift befanntlich 
ganz dasſelbe der Kal, wenn man ſich das erft 
fpät eingefegte Berbopplungszeichen hinwegdenkt. Bei: 
läufig bemerke ich hier, daß ich zu den Woͤrtern, 
wo dieſes fi zu ergänzen iſt, auch acafibära zähle, 
welches Wort bisher agbära gelefen wird. Gewöhn: 
lich bleibt < vor m und n (acmänam, vacna), nicht 
aber vor den weichen Gonfonanten g, j, d, folglich 
auch nicht vor b, man müßte azbara ermarten. 
Aber auch zugegeben, daß die Gruppe cb erlaubt wäre, 
erregt Bedenken, daß nach der gewöhnlichen Erklärung 
des Wortes (Meiter) fir. acvab . . fi ac in b 
verwandelt haben mäßte. Diefe Schwierigkeiten find 
fo groß, daß Hr. O. (T. XVII p. 535) erklärt, 
die Erklaͤrung dieſes Wortes fei keineswegs als ges 
fihert zu betrachten. Ich fchlage nun vor açanbara 
zu leſen, agan wäre das flärfere Thema des im 
Aveſta vorfommenben Worted acna, Schleuder (ebenfo 
wechfeln khshapan und khshafna im Aveſta). Sollte 


zarayo; didä neup. diz, daeza- 


"| 

ber Begriff Schleuberer, operdonnens zu enge ers 
feinen, fo Tann man acan in ber weiteren Be 
deutung „Geſchoß“ faſſen. Einen wirklichen Abfall 
muß man in vigam = viopam annehmen, vielleicht 
auch in ahatiy, wenn man asyati ald Grundform 
anfegen darf. Im Aveſta ift die Abwerfung der 
Laute y, v weiter fortgefchritten, beſonders h, sh, 
z fcheinen fie nicht nach fi) zu lieben, z. B. Wa- 
hyazdäto gegen vagho (Comp.), dahyäwa unb da- 
g’hävo , irishantahım und irishyeiti, z&md flatt 
zyömö , chathrushananm flatt chathrushvananım, 
frag’har&nti, nizbayag’ha find ebenfo zu erflären. 
An wenigen Fällen bleibt y nach b, dann verhättet 
fih aber h in q, welder Buchſtabe in ſolchen Wör⸗ 
tern bloßem h (nicht hv) entſpricht, cf. daqyus, 
nemagyämahy , gyät (für hyät cf, hyäre). D ift 


abgefallen in bityö, während es fi in ädhbitim 
erhalten hat (altp.- duvitiya), r in bäkhdhi = 
bäkhtris. Analog iſt im Aveſta nad) kasha flatt 
karsha (in nacukasha) mesha, amesha, mashyd, 
die wohl ſämmtlich zu meresh gehören. In den 
neueren tranifchen Sprachen bat ſich befanntlich diefe 


Abſchleifung noch fortgefegt, cf. parshti und poscht, 


keresh und kasiden, ziehen. Hieher gehört endlich 
auch das Herabfinfen der Gruppe khsh in sh, wel: 
che in den neueren Sprachen fehr gewöhnlih, im 
Altp. unbelegt, im Aveſta aber im Beginne ift, cf. 
shöithra, shayana, shiti neben khshöithna, ashi 
Auge neben aiwyakhs, tash flatt takhs u. a. m. 
Nah) allem biefen wird wohl der Schluß erlaubt 
ſcheinen, daß auch das Conſonantenſyſtem de3 Aveſta 
nicht mehr ganz auf derſelben Stufe ſtehe wie das 
der Keilinſchriften. 


ESchluß folgt.) 











Gelehrte 
München. 
Nro. 59. 


herausgegeben von Mitgliedern 
der k. bayer. Akademie der Wiffenfchaften. 


Anzeigen. 
17. Mai. 
1854, 





Les inscriptions des Achemenides „ congu 
dans lidiome des anciens Perses Editdes et 
commentees par J. Oppert. 


EGSchluß.) 

Es würde uns zu weit führen, wollten wir 
auch das Flexionsſyſtem der beiden altiraniſchen Dia⸗ 
lecte in derſelben Weiſe mit einander vergleichen. 
Die nothwendigſten Belege für die Formenlehre hat 
Hr. O. ſchon früher zuſammengeſtellt WEautſyſtem 
p. 24 — 39), für die Sprache des Aveſta findet 
man das Noͤthige in Bopp's vergleichender Gram⸗ 
matik. 


Ref. hat ſich beſtrebt, Alles nur irgend Zwei⸗ 
felhafte abzuweiſen, was für ein ſpäteres Alter des 
Aveſta ſpricht, und doch ſprechen, wie ihm bebünft, 
mehrere Gründe dafür, daß die Sprache des Aveſta 


ſpäter organiſch fortentwickelt, nicht bloß durch die 


Abſchreiber verſchlechtert ſei. Zwei Dinge ſind aber 
bis jetzt beim Aveſta nicht geſchieden worden, die 
dem Raume und der Zeit nach auseinanderfallen: 
Abfaſſung und Redaction. Dem Raume nach 
fallen beide Factoren auseinander, denn die Abfaſ⸗ 


fung weist uns nach Oſt⸗, die Redaction aber durch⸗ 


aus nach Weftperfien, der Beit nach fallen fie aus⸗ 
einander, denn bie fchriftlihe Abfaflung des Aveſta 
fällt Aach der ganz unverbächtigen Tradition der 
Parſen erft nach Alerander, alfo fpät, die Abfaffung 
tann älter fein entweder der Form oder dem In⸗ 
halte nad. Es läßt fi bei der fo fpäten Schlies 
Bung bed Kanon von vorneherein vermuthen, Daß 


fowohl dad von Alter8 ber Gehelligte als auch das 
Zeitgemäße vereinigt wurben, daß alfo Schriften 
verſchiedenen Alters beifammen flehen, welche erft 
durch Kritik gefondert werben müflen. Die Ber: 
gleihung der Vedas mit dem Aveſta hat fchon viel 
Licht Über dieſes zulegt genannte Buch verbreitet 
und wird e8 auch in Zukunft thun, befonders was 
grammatifche Dinge betrifft, vergeffe man nur nicht, 
daß aud Die iranifchen Sprachen ein reiches fo gut 


als ganz unausgebeutetes Material befißen, bad bes 


fonder8 für das Lerifon unentbehrlich if. Gründ⸗ 
lichkeit wirb in jeder Beziehung noth thun, befon- 
ders aber überhebe fich Beine der Hülfswiffenfchaften, 
bie einzig heilfame zu fein, bei einem fo dunklen 
Werke müflen alle Hülfsmittel benugt werden. Nur 
fo wird «8 gelingen, eine iranifche Philologie zu 
erbauen, deren Gründung ber jebigen Beit ald eine 
zu Löfende Aufgabe gegeben ift. 

Fr. Spiegel. 


- Grundzüge der Phyfiologie des Nervenſyſtems 


von Dr. C. Eckhard. (Gießen 1854.) gr. 8, 
169 ©. | 


[U 2 
[2 


Baft ein Decennium ift vorüber, feit bie Lite⸗ 
ratur mit einer umfaflenden Bearbgtung der Ner- 
venphpfiologie bereichert wurde. Es geſchah dies in 
bem werthuollen Artikel Volkmanns in R. Wagners 
Handwoͤrterbuch. Diefer Arbeit waren bie Epoche 


XXXVIII. 59 





475 - 


machenden Unterfuhungen Bidder's und Volkmann's, 
fowie Koͤlliker's vorangegangen, Iſt auch in biefer 
Beziehung unfer Geſichtskreis feit der Zeit noch mehr 
erweitert worben, fo durfte doch dazumal fchon eine 
Bereinigung des zerſtreuten, und kritiſche Bearbei⸗ 
tung des maſſenhaft angehäuften Materiales verſucht 
werden. War damals der Wendepunct unſerer gan⸗ 
zen Anſchauung in den anatomiſchen Entdeckungen 
gelegen, ſo finden wir ihn jetzt in den phyſikaliſchen 
Forſchungen, welchen Du Bois-Reymond's Genie 
und Ausdauer die mit den jetzigen Mitteln erreich⸗ 
bare Vollendung gegeben hat. 


Es dürfte deßhalb nicht unwillkommen ſein, 
hier auf Dr. Eckhardt's Schrift inſofern hinzuweiſen, 
als ſich daraus erſehen läßt, wie ſich von jenem ſo 

ganz neuen Standpunct aus unſre Anſichten über 
die geſammte Nervenphyſiologie geftaltet haben. 
Die ganze Schrift zerfällt in drei Hauptab⸗ 
ſchnitte, deren erſter die wichtigſten Lehren der gal- 
vaniſchen Stroͤme als Fundament für das Verſtaͤnd⸗ 
niß der in den Nerven entdeckten enthält, ſo wie 
eine Einſicht in die paſſendſten Mechoden der elek⸗ 
triſchen Reizung gewährt. Der zweite enthält die 
Nervenphyſik, d. h. das, was wir bis jetzt phyſi⸗ 
kaliſch von dem Zuſtand ihrer Ruhe und Erregung 
kennen gelernt haben; der dritte die ſpecielle Nerven⸗ 
phyſiologie. Der und zugemeſſene Raum möge ei: 
ner kurzen Prüfung ber legteren gewidmet fein. 


Diefe wird in drei Xheilen betrachtet, nämlich . 
-  B Darftellung der Erfcheinungen bed Thierkörpers, 


welche ganz oder zum Theil von bem Nervenſyſtem 
abhängen. 2) Unterſuchung ber dabei in den Ner⸗ 
ven flattfindenden Vorgänge. 3) Phnfiologie der 
Centralorgane und ihrer Nerven im Einzelnen. 

Zu 1). Vom Nervenfoftem als abhängig wird 
das ganze pfochifche Leben „in allen feinen verfchie: 
benen Aeußerungen“ betrachtet. Der Verfaſſer hält 
dies als über allem Zweifel erhaben, obwohl keines⸗ 
wegs dieſe Frage ſchon bereinigt iſt, daß man zu 
einem ſolchen Ausſpruch vollkommen berechtigt wäre;. 
wie man z. B. in diefen Blättern aus meiner Kri⸗ 
tik der Pflügerifhen Schrift entnehmen kann. 


Zweitens if vom Nervenfoftem abhängig ein ' 


großer Theil von Bemwegungsphänomenen, näylid) 





476 


an ben Muskeln, in welchen jede Nervenerregung eine 
gegenfeitige Annäherung der Moleküle zur Kolge hat. 
An biefem Ort wird die Frage ventiliert, ob bie 
Muskeln fih auch für fih ohne Wermittlung der 
Nerven verfürzen. könnten? Ale Beweiſe, welde 
biefür beigebracht worden find, werben von dem 
Verf. verworfen, weil man .nicht beweifen Tönne, 
daß bie feinfte Nervenverbreitung in den Muskeln 
bei den Erperimenten, welche die Nerven lähmen, 
wirfiih und vollſtändig paralyfiert feien. Der Verf. 
ift aber auch nicht im Stand das Gegentheil zu 
beweifen, fo baß die Grundlage für die Widerlegung 
jmes Beweiſes zum mindeften eben fo hupothetifch 
ift, wie für den Beweis felbfl. - 


Ausbleiben der Entwidlung von Muskeln, de: 
ren Nerv nicht zur Entwidlung gelommen war, und 
eine gewiſſe Methode der eleftrifchen Reizung, wels 
he den Nerv biß zu feinen feinflen Verzweigungen 
bin zu paralyfieren vermöge, worauf fodann ber 
Muskel unerregbar wird (wovon weiter unten), wer: 
den von dem Verf. als die Muskeliritabilität wi: 
berlegend betrachtet. 


Ferner wird die Srage erhoben, ob der Nerv 
nicht auch im Stande fein Eönne wie eine Verkür— 
zung, fo auch eine Verlängerung oder Erfchlaf: 
fung herbeizuführen? Die auf ben Vagus bezüg- 


lichen, von Weber entdedten Thatfachen (Herbeiführen 


des Stillſtandes des Herzens); fo wie Kölliters Wer: 
mutbung einer derartigen Wirkung auf die Muskel: 
zellen des Penis bei ber Erection werben als von 
complicierten Urſachen abhängig nicht ald directe 
Beweife anerkannt, wie diefes auch wohl noch nicht 
mit Recht gefcheben kann. Die ganze Frage hat 
jevoch nur dann einen Sinn, wenn man von ber 
Boraudfegung ausgeht, daß bei der Nervenwirkung 
als muöfelverfürzender Impuls ohne Weiteres 
die Attraction der feſten Theile der Muskelfaſer ver: 
größert wird. Diefe, wie ich glaube, allgemein 
gültige Annahme bebürfte jedoch noch eines firin: 
genten Beweiſes. Daß compliciertere Proceſſe da: 
zwifchen liegen, ergiebt ſich aus der von Weber 
entdedten Thatſache, daß bis zu einem gewifien 
Grad belaftete Muskeln fih unter dem Einfluß eines 
Reizes, der ihre Nerven trifft, verlängern. 8 





477, 


ift alfo ausgemacht, daß bie Nervenerregung unter 
Umftänden eine Musfelverlängerung herbeiführen 
könne. Ich hoffe an einem andern Ort die Be⸗ 
weife beizubringen, daß bie Weränderungen ber Di- 
menfionen an den Primitivfafern ber Muskeln Fol: 
gewirkungen ber durch bie Nerven in ber Muskel: 
fläffigkeit erzeugten chemifhen Veränderungen und 
damit unmittelbar verbundener Quellungsverfchieben: 
heiten der Kafern find. 


Drittend machen ſich große Reihen von Er: 
nährungsvorgangen ald abhängig von dem Nerven: 
fuftem bemerflih, wobei vorläufig ihr directer und 
indirecter. Einfluß noch zweifelhaft bleibt. Viertens 
wird der Einfluß des Nervenfpflemd auf die Abfons 
derung befprodhen und folgende Möglichkeiten des⸗ 
felben heroorgehoben. Sein Einfluß bezieht fi) auf 
Veränderung bed fogenannten Gefäßtonud, oder auf 
Weränderung der die Diffufionen beflimmenden Drü⸗ 
fenmembranen,, oder auf die Ausführungdgänge, fo 
daß bie Entleerung des Secretes welentlid davon 
abhängt, oder endblid auf eine directe hemifche Ein: 
wirkung auf. die weſentlichen Beftandtheile ber Drü⸗ 
fenelemente. Die lestere Annahme wird durch bad 
befannte Experiment Ludwigs an den Speicheldrüfen 
für bewiefen gehalten, während ber fich auf die Ent: 
leerung beziehbende Nerveneinfluß durch des Verf. 
Erperimente an den Hautdrüſen der Kröten erhärtet 
wird. 


Der Alte $. handelt von dem Innervations⸗ 
vorgang. 

Darunter werben diejenigen Vorgänge begriffen, 
welche im Nero mit Ausſchluß des ihm zugehörigen 
Gentralorganed vor fi gehen, wenn bad Organ, 
in welches er dringt, in Xhätigkeit geräth.“ Die 
Aufgabe iſt: die Natur dieſer Vorgänge zu ergrün: 
den und zwar unter Buhülfenahme der Erfcheinun: 
gen, welche babei an ben mit dem Nero zufammen: 
hängenden DOrgantheilen beobachtet werden. AI 
wichtigfted Unterfuchungsobject dient das Froſchprä⸗ 
parat: nerv. ischiaticus mit bem daran hängenden 
musculus gastroonemius. Dabei wirb unterfudt: 
1) Bedingungen und Geſetze, in Folge welcher das 
Präparat bei Application von Reizen zudt. 2) Ab⸗ 
- hängigfeit feiner Thätigkeit von anderweitigen Um: 


478° 


fländen und die durch dieſe erzeugte Modification 
jener. 3) Die Möglichkeit aus biefen Thatſachen 
und den Gefegen der Nervenphufit eine Xheorie 
der Zudung erregendben Nervenaction zu entwerfen. 


a) Erfcheinungen und Gefege der Reizung. 1) 
Elektriſche Reizung. Hiefür verdanken wir dad Sun» 
Damentalgefeg du Bois :» Neymond, welches lautet: 
„Richt der abfolute Werth der Strombichte iſt das 
die Zuckung bedingende Moment, fondern die Größe 
ihrer Schwankung innerhalb zweier, auf einander 
folgender fehr Peiner Zeittheilhen, und im Allge- 
meinen ift die Zudung um fo ftärfer, je größer bie 
Schwankung des Stromed in ber Zeiteinheit iſt.“ 
Beginnende Elektrolyfe der Nervenſubſtanz durch fehr 
ſtarke conflante Ketten ift die Urfache ber fcheinbaren 
Ausnahmen von biefem Gefe im ben Fällen, in 
welchen die Kette durch den Nerv continuierlich ge: 
fchloffen bleibt. 

Die Stärke der Zudung wächst mit Vergrö⸗ 
Berung der Schwankungen unverhältnigmäßig raſch 
und erreiht bald ein nicht mehr fih fleigerndes 
Marimum. Außerdem ift fie abhängig von der 
Stromrihtung. Bei dem abfleigenden Strom (bie 
pofitive Elektrode näher dem Rückenmark als die 
negative) ift die Schließungszudung flärker, bei dem 
auffteigenden die Deffnungszudung. Unter gewiſſen 
noch nicht näher eruirten Umftänden findet eine Um⸗ 
kehr dieſes Geſetzes „Ritter'ſche Anomalien“ ſtatt. 
Vergrößerung der erregten Nervenftöde verſtärkt ce- 
teris paribus bie Zudung. Am ungünftigften wirft 
die gegen die Längsachfe des Nero fenkrechte Rich: 
tung des eleftrifhen Stromes. 

Nun werden bie Betrachtungen „der unipolaren 
Anductiondzudung“ und ber „fecundären Zudung“ 
vom Nerven aus eingefchaltet. 


Die unipolare Inductiondzudung hat ben Grund 
ihrer Möglichkeit in dem oben erörterten Geſetz, daß 
zur elektriſchen Vertheilung _ in einem fecunbären 
Drahtkreis der primäre nicht geſchloſſen zu ſein 
braucht. Die Zuckung am Praͤparat entſteht alſo, 
wenn man den Nerv auf ein Ende des ſecundären 
Kreiſes auflegt und in dem ˖ primären irgend welche 


Schwankung ber Stromſtärke erzeugt, während man 


das Präparat ableitend berührt. Abſolut nothwen⸗ 





49 


dig iſt dabei aber eine volfländige Iſolierung bes 
Präparates fowohl als ber ganzen Vorrichtung. 


Die Zuckung entfleht und zwar flärker bei ab: 
leitender Berührung des Muskels als bei ableitender 
Berührung bed zweiten Endes des Inbuctiondkreifes. 
Ste tritt au auf, wenn die Enden bed durch⸗ 
ſchnittnen Nerven einander vollfiändig berühren. Die 
Erklärung dieſer auffallenden Phänomene ift in der 
Anhäufung freier Elektricität an den Enden des 
offenen Inductiondkreifes gegeben, welcher bier gleich 
‘einer offenen Säule wirkt. Sehr wenig hievon ver: 
ſchieden find bie Erfcheinungen, wenn man ben 
Nerv auf einen die beiden metallifhen Enden bed 
Inductionskreiſes verbindenden feuchten Leiter (En: 
ben) auflegt, deſſen Richtung bie des Nero kreuzt. 


Bei Unterbindung des Nervus tritt dann noch 
Zudung auf, wenn man den Nero näher dem einen 
oder anderen Ende des metallifchen Theiled des Bo⸗ 
gend auf den naflen Faden auflegt, und bad Prä-: 
parat oder den Inductionskreis ableitend berührt, 
weit auch bei unvolfommen gefchloßner Kette noch 
freie Elektricität mit hoher, Spannung angefammelt 
iſt. Hieraus folgt die praktiſche Hegel, bei fei- 
nen Verfuhen an den Nerven für vollfommene 
Ifolation des Präparates und ber Vorrichtungen zu 
ſorgen. 


Die „ſecundäre Zuckung vom Nerven aus“ 
wird im Gegenfag zu ber fecundbären vom tetani- 
firten Muskel aus durch ben Eleftrotonus in ber 
Nervenfubftanz bewirkt, vom anderen dagegen durch 
deſſen Stromſchwankung bei feinen tetanifhen Bu: 
ckungen. Herbeigeführt wird dieſe Budung, wenn 
ein tetanifirted Nervenſtück längs dem Nerv bes 
Srofchpräparated, oder im Bogen an ben letzteren 
fo angelegt wird, daß ein Punct der Oberfläche 
jened einen Punct der Oberfläche diefes, und, zu: 
gleich der Querfchnitt jened einen anderen Punct 
der Oberfläche dieſes berührt. Die erſtere Anorb- 
nung ift in der Natur durch die Jurtapofition der 


Primitivfafern in einem Nero gegeben. Es entflcht - 


alfo bei eleftrifcher Reizung der Faſern aa, wel: 
he die Muskeln AA verforgen, außer in dieſen, 
auch in den von ben daneben liegenden Faſern bb 
werforgten Muskeln BB eine Budung ,‚ welche „bie 





1) 
. 


parabore“ genannt wird, weil fie die Theorie ber 
ifolierten Nervenleitung für elektsifche Reize wenig: 
fiend ungültig macht. Es erflärt ſich diefe auffal- 
Iende Erfheinung aus dem fecundär elektrotoniſchen 
Zuſtand eines Nervenſtückes, welches mit einem zwei⸗ 
ten von einem galvaniſchen Strom primär durchzo⸗ 
genen in Contact gebracht wird, wobei das erſtere 
ſelbſt den Schließungsbogen für die in dem erregten 
Nervenſtück entwickelten Ströme abgiebt, und wobei 
in dem anliegenden Nerv diefe Ströme in ber der 
Richtung des primär erregenden Stromes entgegen: 
geſetzten circulieren. 


Die thermiſche Reizung hängt in ihren 
Solgen von den XZemperaturgraben bes beftillierten 
Waſſers -ab, in weldem man den Nerv verweilen 
läßt. Zwiſchen 30 und 54° R. treten keine Bu: 
ungen auf; bagegen nimmt nach einem beflimmten 
Geſetz nämlih von 30 bis 359 fehr rafh, dann 
weniger raſch bis 40° und von da ab bis gegen 
549 mehr flätig die Lebensfähigkeit (Reizbarkeit) 
in dem Wafler ab, und von dem Punct an, wo 
diefelbe nur noch die Fürzefle Zeit beftchen kann, 
fangen bie Zudungen an aufzutreten, ald Folge 


„der momentanen Berflörung der Nervenftructur.“ 


Die hemifche Reizung. Der KBerfaffer iſt 
ber Anficht, daß troß ber verfchiedbenen Natur der 
chemiſchen Reize in allen Fällen, in welden Zudung 
entſteht, dieſe Folge einer momentanen Berflörung 
der Nervenfubftang ſei. Er theilt die Agentien ein 
in folche, welche ohne Zuckung zu erregen den Nero 
allmählich tödten: fette Dele, Löfungen vieler Me: 
tallſalze rc., zweitens in foldhe, welche nur einzelne 
kurze Budungen bei rafchem Abfterben der Nerven 
hervorrufen: (anorganifhe Säuren, fire Alkalien, 


Alkohol,) endlich ſolche, welche oft bid zu 4 Stunde 


anhaltende Vibrationen in den Muskeln erzeugen. 


(Fortſetzung folgt.) 


Gelehrte 


München. 
Xro. 60. 





herausgegeben von Mitgliedern 


Anzeigen 


19, Mai, 


der 8, bayer. Akademie der Wiſſenſchaften. 1854, 








Grundzüge der Phyſiologie v Nervenſyſtene 
von Dr. Edhard. 





(Bortfegung.) 

Der Effect hängt wefentlih von der Concen⸗ 
tration der Löfungen ab. Wird dem Nerv raſch 
fein Waſſer entzogen (durch Einbetten in trodnes 
Zuderpulver ıc.), fo entfteht bei Entziehung dieſes 
Elemente, wie wahrſcheinlich jedes anderen dem 
Nero eigenthüümlichen, Zudung. 


Der qualitative und quantitative Werth der 
Effecte, welche dieſe verfchiebenen Reize hervorbrin- 
gen, hängt außerdem noch von befondern Umfländen 
ab, 1) von inneren ( Ernährungs:) Verhältniſſen, 
2) von ber Zemperatur, mit beren Verminderung 
die Hortpflanzungsgefchwindigkeit der Nervenerregung 
abnimmt. Locale Erkältung ded Nerv vermindert 
nicht die Hubhöhe des Muskels, wohl aber die Ge⸗ 
ſchwindigkeit, mit welcher fi feine Contraction im 
Verlauf der Zeit entwidelt. 


Am merkwürdigſten find die Folgen des Durch⸗ 
leitend eined conflanten galvanifhen Stromes wäh: 
rend der Application der Reize. Die von dem Verf. 
aufgefundenen Thatfachen find folgende. Bei Rei: 
zung einer beflimmten nicht zu verändernden Ner: 
venftelle durch einen conftanten Strom mehrerer Ele: 
mente bleiben alle oberhalb biefer Stelle auf ben 
Nerv applicierten, fonft Budung verurfachenden Reize 
wirkungslos, fo lange jener conflante „hemmende 
Strom“ andauet. Reizung einer dem Muskel näher 
gelegenen Nervenſtelle verlangt eine größere Stärke 


bes hemmenden Stromes. Application eines che⸗ 


chiſchen Meized oberhalb der hemmenden Kette bleibt 
bei deren abfteigender Richtung leichter erfolglos, 
Application eines galvanifchen an derfelben Stelle 
oder auch unterhalb bei auffteigender Richtung des 
hbemmenden Stromes ; während bei ber lesteren Ans 
ordnung für den chemifchen Reiz dann der aufftei- 
gende Strom ebenfalls günfliger wirft. 


Wird ein conflanter Strom vor Application 
der Reize durch ben Nerv geleitet, fo erhält man 
eine Modification der Erregbarkeit, z. B. nach läns 
gerer Reizung mit einem flarfen auffteigenden Strom, 
mit Hülfe deſſen fich die oben erwähnte Ritter’fche 
Anomalie wiltürlih hervorrufen läßt. 

Im letzten Abfchnitt diefed Theiles ſtellt fich 
der Verf. die Aufgabe, eine Worftelung von ber 
Rervenerregung und deren Fortpflanzung zu geben. 
Betrachtungen über die Schnelligkeit und die Rich: 
tung, in welder fich dieſer Vorgang fortpflanzt, 
werden voraudgefhidt. 


Der 12 $. handelt von ber Phyfi jologie der 
Centralorgane und ihrer einzelnen Nerven. Die 


Centralorgane werden von dem Verf. als Ausgangs⸗ 


puncte willkuͤrlicher, veflectorifcher und automatiſcher 
Bewegungen characteriſiert, ohne daß ihre anatomi⸗ 
ſchen Verhaltniſſe näher -berüdfichtigt werben. Die: 
fe8 Verfahren zu definieren findet eine große Be: 
rechtigung darin, daß noch immer unbekannt ift, in 
welchen functionellen Beziehungen Faſern und Ner: 
venzellen (Ganglienkugeln) zu einander fleben, fo 
daß es wohl wahr if, wenn man fagt: es treten 


jene angegebenen ¶batigkeite augerungen des Nerven⸗ 


XXXVIII. 


8 


ſyſtems nur in dem Bezirk hervor, in welchem ir: 
gendwo gleichzeitig Nerv und Ganglientugel ange: 
troffen wird, ohne daß man jedoch aus diefem gleiche 
zeitigen Auftreten berfelben bie Entſtehungsform je: 
ner Thaͤtigkeiten ableiten könnte. 


- Bei Betrachtung bed: Gehirns und feiner Ner: 
ven befpricht ber Verf. zuerfi die automatifchen Er- 
regungen bed erfteren. Solcher felbft erregenden 
Stellen im Gehirn find folgende experimentell ges 
nauer Localifierbar: 1) die von Flourens genauer 
beftimmte ffir. die Athembewegung. Sie gebt oben 
(oder vorn) über das foramen coecum, hinten über 
die Verbindungdftelle der hinteren Pyramiden weg, 
und liegt hauptfählih (mit einer Linie Ausdeh⸗ 
nung) in der Spite ber grauen Maffe des calamus 
scriptorius. Die zweite nicht fo genau localifierte, 
auch im verlängerten Mark befindlihe, iſt die für 
bie Schludbewegungen, welche wenigftens in ber 
Speiferöhre rein automatifh auftreten. Die dritte 
von Bernard entdedte liegt mehr nach vorn ald die 
erfte der genannten, fleht in beflimmten Beziehun⸗ 
gen zu dem Gang des Stoffwandeld, da fie bad 
Auftreten von Zuder im Harn verhindert. 


Der Unterfuchung über bie reflectorifchen Er: 
feheinungen des Gehirns ſchickt der Werfafler allge: 
meine Betrachtungen über die Reflerbewegungen vor: 
aus, beren Inhalt ich bier um fo eher übergehen 
darf, als er aus dem in meinem Bericht über die 
Pflüger'ſche Schrift Gefagten den Leſern diefer Blät- 
ter als befannt voraudgefeßt werben darf. 


Pſychiſche Thätigkeiten des Hirns, fo weit fie 
experimentell zu verfolgen find, find Empfindung 
und Willen (willfürliche Bewegung). 


In Beziehung auf die Empfinbungserfcheinun- 
gen heben wir hier nur Giniges heraus: 1) Es iſt 
bis jetzt noch nicht ermittelt, ob eine ſpecifiſche Ener⸗ 
gie der Sinneönerven befleht, und woburd fie ver- 
mittelt wird. 2) Es hat fich gezeigt, daß inner: 
halb einer gegebenen Zeit nur eine ganz beftinnmte 
Anzahl einzelner Empfindungen möglich iſt, abhän- 
gig von der Dauer und Intenfität bed Einzelein: 
druckes. 3) Gegenüber den elektriſchen Reizen zeigt 
baut⸗ Geſchmads⸗ und Sehnern ein von ben mo: 





464 


toriſchen Nerven verſchiedenes Verhalten, indem binfe 
(wahrſcheinlich alle fenfiblen Nerven) nicht bleß jede 
binlänglich große Schwankung ber Strombichte, ſon⸗ 
bern auch bie fich gleich bleibende abfolute Höhe 
berfelben beantworten. 4) Ob das Muskelgefühl 
von eigenen in den Muskeln verbreiteten fenfiblen, 
oder von den motorifchen Nerven felbft vermittelt 
werbe, bleibt unausgemacht. 


Bei der Gleichartigkeit der Ergebniffe elektro: 
dynamifcher Unterfuchungen an ben fenfiblen und 
motoriſchen Nerven muß wegen ber Differenz ber 
Empfindungsqualität, je nah Ort der Application 
bed Reizes und Natur der Erreger angenommen 
werben, „baß auch je ber Charakter der im Nerven 
entfiehenden Bewegung ein verfchiebener ift, deſſen 
Befonderbeit aufzufaflen bis jest feinem phyſikali⸗ 
fhen Inſtrument möglid war.“ Hierin liegt ber 
Werth der eleftrifchen Wirkungen im Nerv, wie 
mir .fcheint, am fprechendften bargethban. Was wir 
in Beziehung auf fein Verhalten gegen die Mag: 
netnadel kennen gelernt haben, ift eine große Be⸗ 
reicherung unferer SKenntniffe über einen Xheil feiner 
wichtigften phufitalifchen Eigenfchaften, aber nur be: 
ſchränkte Einſeitigkeit Eönnte fich ſchmeicheln, biemit 
ſchon bie vollkommene Erkenntniß von dem Wefen 
der Vorgänge in ben Nerven bei ihrer Thätigkeit 
erforfcht zu haben. 


Die zweite Eigenthümlichkeit des Hirns iſt Die 
willfürlihe Erregung, Über deren Mechanismus zur 
Erzeugung des erften Impulfes nichts bekannt ifl. 
In Beziehung. auf die äußere Erfcheinung des Be: 


wegungsvorganzes läßt ſich aus ber Entbedung 


der ſecundären Budung vom Muskel aus bewei⸗ 
fen, baß bei ber Fünftlihen Erregung nicht eine 
fletige , ſondern discontinuierlihde Bufammenziehung 
und wahrfcheinlich auch eine derartige Nerventhätigs 
keit flatt finde. Berner find die durch Pünflliche 
Nervenerregung und durch ‚natürliche (von Seite ber 
Centralorgane 3. B. nach Strychnin = Vergiftung) 
tdentifh. Die Menge der gleichzeitig erregbaren 
Primitivfafern bat zwei extreme Gränzen, fo baß 
nie eine einzige und nie eine gewifle Summe zu: 
gleich innerviert werden kann. — Die willfürliche 














153 


Erregung ber motorifchen Nerven ift abhängig ven 
Sinnesthätigkeit und Urtheil wie von den wechſeln⸗ 
den Zuflänten des Hirns felbfl. 


Zulegt werden die nach Dirnverlegungen vor: 
tommenden Drebbewegungen befprocdhen, und beren 
Beobachtung ald noch nicht reif für eine Erklärung 
erachtet. 


Bon ben Betrachtungen über die Phnfiologie 
der einzelnen Hirnnerven heben wir nur Einzelned 
hervor. Das Intereffantefte ift die WBewegungshem- 
mung, welche durch intenflve Reize ber Vagi erzielt 
werden Tann. Sie maht fi geltenb fowohl in 
Beziehung auf bie Herzthätigkeit ald in Beziehung 
auf die Refpiration. 


Durchſchneidung der beiden Vagi ruft namlich 
momentan eine Belchleunigung bed Herzſchlages hers 
bei; ihre gleichzeitige Reizung durch Inductions⸗ 


firöme verlangfamt bdenfelben, ober bringt ihn ganz 


zum Stillſtand; dad Herz verharrt dabei in der 
Diaftole. Reizung ber mit dem Gentrum noch zu: 
fammenhängenden Schnittenden ber Vagi durch eis 
nen gelinden Strom befchleunigt, durch einen fehr 
ſtarken fifliert die Athembewegung unter bauernder 
Eontraction der Exſpirationsmuskeln. Von allen 


Theorien wird, wie auch mir ſcheint, mit vollftem 


Mecht der beigepflichtet, daß die hemmende Wirkung 
der Nerven, welche man bier beobachtet, nicht direct 
die Muskeln trifft, fondern bie Gentralorgane, von 
denen aus automatifch die rhythmifche Bewegung 
unterhalten wird. Im einen Kal alfo die in Dem 
Herzen befindlichen Sanglien, im anderen bie Por: 
tion der medulla oblongata, von welder aus nad 
obigem die Athembewegung reguliert wird. 


Der Mitwirkung ber Vagus-&hätigkeit bei ber 
Verdauung im Magen wird nur ein mittelbarer 
Werth beigelegt. 


Bei Unterfuhung des Rückenmarkes und feiner 
Nerven wird zuvörderſt die Frage nach dem Faſer⸗ 
verlauf im Rückenmark ald noch nicht gelöst ange 
ſehen, indem ſich fowohl gegen bie Beweiſe für ben 
continuierlihen Faſerverlauf als für das von Bolt: 
mann vermuthete intermebiäre Faſerſyſtem gemichtige 





Gründe aufzählen laſſen, nur ſcheinen die phyſiolo⸗ 
gifchen Erperimente, ohne jedoch vofle Beweiskraft 
zu haben, mehr für die Bolkmann'ſche Annahme als 
die eined continuierlihen Faferverlaufes zu ſprechen. 


In Beziehung auf den Bell'ſchen Lehrſatz von 
den motorifchen und fenfiblen Wurzeln wirb bie das 
gegen erhobene Einwendung, auf der Thatfache fu: 
ßend, daß bei flarker elektrifcher Reizung der peri- 
pherifchen Schnittenden hinterer Wurzeln Bewegung 
entftehen kann, befeitigt durch bie hiebei auftretende 
parabore Zudung, welche wegen ber Surtapofition 
fenfibler und motorifher Faſern unterhalb der gereiz: 
ten Stelle leicht zu Stande kommen kann. 


Für die Function der Rüdenmarksabtheilungen 
wird allein das als feftfiehend angefehen, daß die 
hintere Hälfte fenfibel, die vordere motorifch wirkt, 
und daß jede Bafer vor ihrem centralen Ende irs 
gendwo einmal die Medianebene des Marked übers 
fchreitet. 


Das Rückenmark enthält automatifche Erregungss 
fielen, bewiefen durch die rhythmiſchen Bewegungen 
ber Lymphherzen ber Amphibien. Hingegen habe 
ih nur bie in meinem legten Bericht hervorgehobene 
Einmwendung zu machen, indem id nach Zerftörung 


d. h. Entfernung bed ganzen Rüdenmarkes die Her: 


zen mit unverändertem Rhythmus und Mo: 
dus fortpulfieren fah. Das Rüdenmark ift ferner 
der Sig reflectorifcher ‚Xhätigfeit, deren Ausbreitung 
in hohem Grad von dem Maaß feiner Erregbarkeit 
abhängig iſt; zugleich fliehen gewifle Hautflellen zu 
gewiflen Muskelgruppen in einer näheren reflectori⸗ 
fhen Beziehung als zu anderen; auch gefchieht bie 
Uebertragung der Erregung viel leichter auf die mo: 
torifchen Faſern der gleichen ald ber entgegengefeg« 
ten Seite. Won ben Hautverzweigungen auß laſſen 
fi viel Leichter und in ausgebehnterem Maaß Be: 
flerbewegungen bervoreufen, ald von ihren Stäm⸗ 
men und fenfiblen Wurzeln. As Grund . hievon 
wirb vermuthet, bad je nachdem bie Reize hier ober 
dort appliciert werben, Erregungen verſchiede⸗ 
ner Art hervorgerufen werben, deren jebe einer an: 
beren Gentralftele entfprähe. Wer in dem elektri⸗ 
fhen Verhalten ber Nerven bei Reizen das ganze 


Naͤthſel der Innervation geldst glaubt, wärbe biefer 
Hypotheſe nicht beipflichten können. (R) Bon den 
fenfiblen Rüdenmarkswurzeln aus Fünnen auch in 
den von den Kopfnerven verforgten Muskeln reflec- 
torifche Zuckungen erzeugt werden. Ebenſo kann fid 
dieſe Wirkung auf die vom Sympathicus verforgten 
Theile und umgekehrt von biefen auf willfürlich bes 
wegbare Muskeln ausdehnen. Die Brage nad dem 
Berlauf der einzelnen Primitivfafern in Muskeln 
und Hautftelen bis zu ihren centralen Enden hin 
ift noch als unerledigt zu betrachten. 


Die Ganglien und ber Spmpathicus. In Bes 
ziehung auf feine Abhängigkeit oder. Unabhängigkeit 
vom Gerebrofpinalfpftem in anatomifher Rüdficht 
berührt der Verf. nur bie obfchwebende Streitfrage 
und gebt fogleih zu ber phyſiologiſchen Trage nad) 
den Nervenerfcheinungen im Gebiet des Sympathi⸗ 
cus (im Sinn der gröberen Anatomie genommen) 
und den in ihm als Gentralorgane anzuerkennenden 
Theilen über. In dieſem ganzen Nervencompler 
zeigt fich eine Gemeingefühls:Empfindungen vermit: 
teinde Thätigkeit, welche jedoch nur unter beſonde⸗ 
zen Verhältniffen auftritt, und abhängig gedacht 
wird von ben in feinem Verlauf fpärlich eingeftreu: 
ten Rüdenmarköfafern. 


Am Sympathicus kommen felbfterregende Stel: 
fen vor, deren Sitz in den Ganglien zu ſuchen ift. 
Diefe vermitteln automatifche Bewegungen vor als 
lem im Herzen, welches blutleer und aus dem Kür: 
per - heraudgefchnitten noch fortpulfiert , ferner des 
Darmkanales. Die lebte. Form dieſer Bewegungen 
fcheint aus einem Zuſammenwirken verfchiebener 
Ganglienmaffen bervorzugehen. Diefe Eentralmafien 
des Sympathicus find für Ernährung und Abſon⸗ 
Verung von größter Wichtigkeit. - Armann hat die 
Abhängigkeit der Ernährung der Ertremitäten, bie 
Serretion der Galle und des Urind von ber Inte: 
grität der Spinalganglien erperimentell dargethan, 
wodurch zugleih der anatomifhe Fund beftätigt 
wird, daß die Ganglienzelen ber Spinalganglien je 
eine den Nervenfafern zum Urfprung bienen, welche 
theils mit dem Stamm bed betreffenden Rüden: 
marfönerven in die Gewebe der Extremitäten, theild 





e 


im ramus communicans in dad Eingeweidefuftem drin: 
gen. Enblich erweist fih der Sympathicus aud 
als veflectorifch thätig. 


Zum Entfcheid der Frage, „welche einzelne 
Theile werben von dem einzelnen Theilen des Sym⸗ 
pathicus behetrſcht 2% Tiefen folgende Thatſachen 
fpärliche Beiträge: Xetanifieren des Halstheiles bes 
Sympathicus erzeugt Erweiterung der Pupille; feine 
Durchſchneidung verändert bie Ernährungsverhältniffe 
am Hald und Kopf. Andere Refultate von dieſer 
Stelle aus genommen find noch zweifelgaft. Reizung 
der pars thoracica foll Bruflaorta, Hohlvenen, 
ductus thoracicus, außerdem die dünnen Gebärme 
contrabieren machen, Reizung ber nervi splanchnici 
den Sallengang. Die des plexus solaris und me- 
saraicus ‚fon die dünnen Gebärme, die der pars 
lumbaris und sacralis Dünndarm, Blinddarm, 
Grimm- und Maftdarm, Harnleiter, Samenleiter, 
Urinblafe und falopifche Röhren und den Üteruß 
zur Contraction beſtimmen. 


Die ganze Schrift: trägt das Gepräge gewiſſen⸗ 


hafter Wahrheitsliebe, und iſt beſonders wegen der 


Klarheit, mit welcher der phyſikaliſche Theil bear⸗ 
beitet iſt, allen denen zu empfehlen, welche aus 
Mangel an Vorkenntniß mit einer gewiſſen Scheu, 
felbft mit einem Vorurtheil gegen bie Unterfuhungs: 
methode auf biefed ganz neue Gebiet der Forſchung 
bliden. - 


(Schluß folgt.) 


‘ 








Gelehrte 


München. 
Nro. 61. 


Derandgegeben von Mitgliedern 
der & bayer, Afademie der Wiffenfhaften. 


Anzeigen. 


22. Mai. 
® 





Grundzuͤge der Phyſtologie des Nervenſyſtems 
von Dr. &. Eckhard. \ 





Schluß. 

Am Schluß möge dem Leſer rein moͤglichſt ge⸗ 
Yrängter Ueberblick bed gegenwärtigen Stanbed ber 
Nervonphyſik, des wichtigften Theile des Schrift, 
die Unterfuchung der phyſikaliſchen Eigenfchaften ber 
außer allem Bufammenhang mit, bem Körper befind- 
lichen Nerven, nicht unmwilllommen (fein. 


Ueber die chemiſchen Berhältniffe Der Nerven⸗ 
fubftang gebt der Berf. fehr fehnell hinweg, und 
bat dazu ein Recht, in fo ferne‘ die Chemie bis 
jet noch nicht im Stande war, bie Beziehungen 
der Nernenfubflanz; zur Nervenfunction in eine paf- 
fonde Relation zu bringen. Hat fih der Verf. auch 
die Aufgabe geſtellt, einzig und allein dad feſtſtehend 
Vhatſaãchliche mitzutheilen, fo bürften meiner fubisc- 
tiven Ueberzeugung nad in einer beſonders zu Lehr⸗ 
zwecken beſtimmten Schrift die Anregungen nicht 
fehlen, welche zu weitesen Ueberlegungen führend 
davor bewahren, in den elektriſchen Erfcheinungen 
an der Nervenfubllanz ihre Function und Eigen: 
fhümlichkeit ſchon volffändig erſchoͤpft zu glauben. 
Selbſt aber in Hinficht auf jene allein durfte die 
große Berinderlichkeit der Mar